Oft hatt' er um diese Stunde, wenn das enge Turmgemach rosigen

Dämmerscheines voll war, an den Knien der hehren Frau gesessen, als

Bube, als wilder Jüngling und als Mann, und immer hatte ihm da ihre

Hand auf seinem Haar so lind getan, und wenn er dem Laut ihres Mundes

gelauscht, so war's ihm, als tränke sich seine Seele an den stillen

Klängen Nahrung und Gedeihen. Wenn er jetzt um die gleiche Stunde hier

oben saß, die Augen schloß und in sein Herz hineinlauschte, dazu das

abendliche Rauschen des Waldes vernahm und den lieblichen Sang der

Drossel, die im letzten Lichtschein hoch auf der Spitze einer Tanne

der Sonne ein innig »Lebewohl und auf Wiedersehn!« sang, dann ward ihm

auch die dunkle Stimme seiner Mutter wieder lebendig, ihr gütiges »Mein

liebes Kind« und alles, alles, was sie an Gutem je zu ihm gesprochen.

Immer war's feiner und seltener Art gewesen, schwer und voll jedes

Wort, gleich als ob's gar nicht wie andre Menschenworte verklingen

dürfte und könnte; und aller Menschen Reden, Trachten und Tun wollt'

ihm neben jenen Worten nichtig und Scheinwerk bedünken, gar keines

Aufmerkens wert. Was Wunder, daß er auch der Frauen und Mägdlein nicht

acht hatte; mußt' er doch jedes Weib seiner Mutter vergleichen, auf

jedes Mägdleins und jeder Fraue Stirn den Ernst suchen, die Stille

und Güte, die ihm von seiner Mutter Stirn geleuchtet. Er fand sie

nirgend. Sie schienen ihm all wie die Kinder; was sie sagten, leicht

wie ein Flaum, den der nächste Windstoß wieder mitnimmt, jedes Wort

ein tändelnd Ungefähr, was auch anders lauten könnte, und wär daran

nichts gewonnen, nichts verloren. Gott hatte unserm ernsten Ritter ein

treues Herz gegeben, doch kein fröhliches Herz, sonst hätt' er sich an

der schlanken Mägdlein lieblicher Art, ihrem Lachen und Singen wohl

freuen mögen wie am Spiel der lieben Sonnenstrahlen durch lichtes

Buchengezweig, dem Blitzen und Plaudern des Waldbachs und dem Gesang

der Waldvögelein. So war er reich in seinem Herzen und arm zugleich,

weise und töricht zumal, fromm und demütig und doch hoffärtigen Sinnes.

Einst streifte er spät durch den Tann, dahinter blinkte im Abendschein

ein Weiher, er brach durch Schilf und Weidicht. In den Wäldern dröhnte

der Schrei eines starken Hirschen: Uoh! ho ho! uooh! daß ihm das Herz

vor geheimer Not im Leibe erzitterte, er auf einen moosübersponnenen

gestürzten Stamm sich niederließ und in trübes Sinnen versank: »Was tu

ich, daß mein Leben ganz sei? Mich dünket, ihm gebricht's am Besten!«

[Illustration]

Da rauschte es im Weiher, er griff zur Armbrust und sprang auf,

dicht vor ihm fiel ein mächtiger weißer Schwan in das Wasser ein,

seinesgleichen hatte der Jäger noch nie gesehn. Er hub die Armbrust,

da rief es: »Schieß nicht, sonst kostet's dein Leben!« Zum andernmal

legte er an, wieder klang der Warnruf, da hub er trotzig die Waffe

zum dritten Male: Ich will doch sehen, wer mir wehren darf! Doch eh'

der Bolz von der Sehne flog, tauchte, wo soeben noch der Schwan die

gewaltigen Schwingen gebreitet, ein jungfräulich Weib halben Leibes

aus dem Wasser und sah ihn in stummem Leiden an. Ihr Leib war weiß

wie die Blütenblätter der Wassermummel, und ihr Antlitz kinderhold

und traurig schön -- und der Ritter mußt' seines Mütterleins denken

und wußt' selber nicht, warum. Sie schauten sich an, sie schwiegen

sich an, und es war doch, als begegneten sich ihre Seelen in geheimer

Zwiesprach, und jede erzählte der andern ihr Leid. Endlich hauchte der

Ritter beklommen: »Wer bist du?« -- »Willst du mich erlösen, Freund?«

sprach ihre weiche, dunkle Stimme, in der ein inniges Beben war wie in

der Stimme seiner verklärten Mutter.

»Sprich, was darf ich tun für dich?« rief er hingerissen und breitete

die Arme aus. »Bete ein Jahr lang jeden Sonntag ein Vaterunser für

mich und sprich nie und nirgend von meiner Schönheit.« Damit war sie

verschwunden.

Der Ritter schaute auf die spielenden und ineinanderlaufenden Kreise

auf der dunkler werdenden Wasserfläche lange Zeit, dann ging er

versonnen heim. Jeden Sonntag aber lag er in der alten Waldkapelle

auf seinen Knien und betete für die Schöne, Unselige aus innigsten

Herzenstiefen ein Vaterunser.

Schon waren wohl der Monde sechs ins Land gegangen, und großer Dinge

war die Welt gewärtig: ein Frühlingssturm des Glaubensmutes wehte schon

längst durch die Christenheit wie die selige Gewißheit: das Himmelreich

ist nahe herbeigekommen. Und nun geschah des Kaisers Aufgebot an alle

deutsche Ritterschaft, im fernen Morgenlande den Ungläubigen das Grab

des Heilandes abzukämpfen und sterbend oder siegend um den Himmel zu

werben. Auch unser Ritter, der ergriffenen Gemütes längst den Stimmen

des frommen Sturmes gelauscht und längst des Rufes gewärtig gewesen,

rüstete die Seinen und gelobte sich dabei im stillen, sein Lieben und

seine heilige Pflicht sollten ihn treulich in die Ferne, in Kampf und

Sturm geleiten.

Am Morgen des Aufbruchs war's, noch stund der Mond erblassend am

lichter werdenden Himmel, indes über den Wäldern im Osten der Tag rosig

aufblühte und tauduftige Kühle aus dem Tann wehte; unser junger Held

ließ sich wappnen, da eilte sein treuster Knappe herein, des Ritters

Helm in Händen: »Herr, so fand ich deinen Helm auf der Waffenkammer;

sieh, welch seltsames Schleiertuch in seiner Zimiere weht.« Der Ritter

griff süß erschreckend nach dem Helme: wie ein silberner Nebel, wie

ein zart Gewebe aus Tau und Mondlicht wallte es in lichten, flüssigen

Fältlein über den Nackenschirm, lebte und atmete und ruhte nicht wie

lebendiges Wasser. Fürwahr, ein seltsames, ein ohnegleichen holdes

Wunder war's. Der Saum des Schleiertuchs aber war feucht und strich

kühl über des Ritters Hand. Da hub sich des Helden Brust in getroster

Wonne, in beseligender Gewißheit, er schloß einen Augenblick die Augen

und sprach leise: »Sei mir gegrüßt!« Zu dem staunenden Edelknecht

aber sprach er, indem er ihm freundlich lächelnd über die gelben

Locken strich: »Schweig, Kind, und frage nicht.« Dann hub er den Helm

feierlich langsam über sein Haupt und setzte ihn andächtigen Auges

auf, wie ein König wohl vor Gottes Altar die Krone in sein Haar sinken

läßt. Wie verjüngt, hohen Hauptes, kühnen Blickes stund er nun, von

dem Silbergespinst umwogt, daß alle seiner edlen Mannheit staunten;

und freudig wie ein Bräutigam, der sein Lieb einzuholen eilt, stürmte

er auf den Burghof, schwang sich in den Sattel seines mächtigen

Friesenhengstes und ergriff Schild und Lanze. Seine Mannen jauchzten,

da sie ihn so herrlich und streitbar sahen, und erhuben singend die

Waffen in den jungen Tag. Und singend zu Gottes Ehr und Preis brachen

die Reisigen auf, die Zugbrücke donnerte unter den Hunderten von Hufen,

der Turmwart blies seinen Abschiedsgruß, dann nahm sie der taufrische

Bergwald auf.

Nun kam eine Zeit bunter Abenteuer zu Land und See, schwerer Kämpfe,

Tage der Not und des Darbens, Tage blutigen Werbens um hehre

Heldenehre, und mancher deutsche Mann verröchelte im syrischen

Wüstensande. Unseres Helden Ruhm aber stund wie ein Stern in täglich

wachsendem Glanze über dem Heere der Gottesstreiter.

Der Stille, Ungesellige war ein freudiger Genoß geworden und aller

Männer Lust, aller Verzagten Trost. Geheimnisvoll blieb er darum doch,

wie er's vordem gewesen durch sein einsames Treiben, so jetzt durch

seine hohe Freudigkeit, die wie eine Gnade des Himmels ihn umstrahlte.

Und ein Geheimnis war's um das Schleiertuch, das ihm vom Helme wehte,

das im Brande der Wüstensonne seine Wangen kühlte, das im Männerstreit

wie eine Silberfahne wehte, unverletzbar für der Ungläubigen Schwerter

und Lanzen. War es ein feiendes Gut, ging von ihm die Kraft aus, die

ihn so sichtlich hub und verklärte?

An Ehren reich kehrte er heim und mußte stets an der Seite seines

Kaisers reiten, der ein herzlich Wohlgefallen an dem schönen und kühnen

Manne fand und ihn gar nimmer missen konnte. Bei Festen und höfischen

Gelagen sah man ihn still und abseits, und wo er's nur vermochte,

seine eigenen Wege gehn; dazu war er frommen Herzens und jedermann ein

erbaulich Beispiel, in jeder Kapelle kniete er zur Andacht nieder und

an jedem Kreuz.

Sie zogen durch die Ostmark, und der Kaiser hatte ihn zu sich entbieten

lassen; sie trabten allein durch einen lichtgrünen Buchenwald. Es war

gegen Abend, da hub der Kaiser an: »Viellieber Ritter, seid ihr der

Minne so gar abhold?« -- »Ich warte meiner Stunde, hoher Herr,« wich

lächelnd der Ritter aus. »Und ich sage euch, Ritter, eure Stunde ist

kommen!« rief der Kaiser lustig. »Hört ein vertraulich Wort: Mein

Schwesterkind duldet herbes Minneleid um euch, lange schon. Laßt mich

ihr Freiwerber sein. Stolzere Minne ward noch keinem Ritter zuteil,

noch größere Ehre. Doch ich kenne euren Wert ...« -- »Genug, mein

Kaiser und Herr,« rief der Ritter und war totenblaß, »es darf nicht

sein! Fragt nicht, warum!« -- »Ritter, was ist das?« und die Zornader

schwoll auf der kaiserlichen Stirn. »Ihr wagt es? Ihr sprecht nein,

schnurschlecht nein! Ich hab mein Wort verpfändet --.« -- »So ist denn

euer Wort verloren, Herr, mich darf's nicht grämen! Bin ich ein Ding,

das man verschenken mag?« -- »Ritter, erwägt, was ihr sprecht, noch

meistr' ich den Zorn. Tragt ihr eine andre Minne im Herzen, -- nun,

sie, für die ich werbe, ist mein eigen Blut, und ihr wisset, sie ist

die schönste von allen Frauen am Hofe.« -- »Mag sein, hoher Herr, mag

sein ...« -- »Wißt ihr ein schöner Weib auf dieser Welt?« brauste der

Kaiser auf. »Ja!« rief der Ritter laut, und der Schleier wogte hoch

um sein glühend Antlitz, daß es ein Grauen war zu schauen. »Ja, und

dreimal ja, Kaiser! Es ist die, die ich meine! Sie ist so schön -- so

schön ..., was wißt ihr Armseligen!«

Da legte sich der Schleier eiskalt über seinen Mund, wie nasser Tang,

und sein Helm ward schwer, und mißfarben und düster hing ihm das

Gespinst schwer ums Angesicht; und sein Hirn ward irr, und ein Schrei

der Not quoll ihm aus der Brust; er wußt' nicht, was er tat, setzte dem

Roß die Sporen ein, und ohn' des Kaisers zu achten, sprengte er von

seiner Seite fort wie ein Rasender, wie ein Gehetzter, in die Wilde, in

die pfadlose Ferne, in den dunkler werdenden Wald.

Da stutzte sein Roß und stund hoch auf; hinter einem Baume löste sich

eine dunkle Gestalt los, sie trug ein leidsam Gewand, und ihr Angesicht

war schön wie die Mondnacht, war wie eines weinenden Engels und

leuchtete fahlen Scheines, und sie sprach in schluchzendem Harme, ihm

aber schrie das Herz, als hörte er die klagen, die ihn gebar, klagen

über ein Herzeleid, das ihr eigen Kind ihr angetan:

Heut nacht, heut nacht, um Mitternacht

War dein Erlösungswerk vollbracht.

Weh dir, weh mir! Gott sei's geklagt,

Daß meine Schönheit du gesagt!

Mein Heil, dein Heil -- vertan, verfehlt!

Nun mußt du mich suchen in der ~finsteren Welt~.

Da nahm der Wind, der durch die Zweige ging, ihrer Stimme leisen,

todtraurigen Klang mit, und ihr Bild erlosch, und der Wald war still

und frostig. Das Roß des Ritters zitterte noch wie Espenlaub, ihm aber

wollt' das Herz brechen: »Nun mußt du mich suchen in der finsteren

Welt« -- sprach er und erschauerte, hub dann die Rechte zum Schwur und

sprach: »So wahr mir Gott helfe in meiner letzten Not!« hängte dem Roß

die Zügel auf den Hals und sprach ihm ins Ohr: »Lauf zu, mein Rößlein,

und führ' mich den rechten Weg.« Da wandte sich das kluge Tier zur

Linken und schlug den Weg gen Niedergang ein.

[Illustration]

Und sie ritten die Nacht hindurch. Und sie ritten Tage und Nächte,

Nächte und Tage, und wollt' des Weges kein Ende werden, immer gen Abend

zu, und schliefen im Holze bei Regen und Wind oder bei einem frommen

Einsiedel, oder einem rußigen Köhler. Und als sie Wochen gereist waren,

da brach das treue Roß erschöpft zusammen, der Ritter zog trauernd sein

gutes Schwert und senkte es ihm in den Hals, ihm das Sterben zu kürzen,

und es schaute ihn mit liebendem Blicke an und verschied.

Er aber zog zu Fuß seines Weges weiter, und immer trauriger ward um

ihn die Welt; und da er's bedachte, ward er dessen gewahr, daß schon

lang der Wind dahinten geblieben und nicht mehr sein Weggenosse war.

Und eines Tages fiel's ihm aufs Herz, wie lang er keine Blume und kein

Gras mehr gesehn, keinen Vogellaut mehr gehört, und wie leidig lange er

keinen Sonnenstrahl mehr geschaut. Die Welt war grau und wüst und öde

worden und alles Leben dahinten geblieben. Nur ein Wasser gurgelte mit

dunkler Welle durch moorigen Grund ihm immer noch zur Seite. Er schritt

durch hohe Fichtensäulen, doch sie waren ganz mit Moos übersponnen, und

ihre Kronen dürr und erstorben und stunden starr und stumm und ohne

Leben. Und das riesengroße Schweigen sank immer erstickender auf seine

Brust, als neidete es ihm das Kommen und Gehen seines warmen Odems, und

wollte auch ihn fesseln und totdrücken, daß er daläge unter all den

grauen Steinungetümen, die wüst zwischen den Fichtensäulen ruhten, ein

leblos, regungslos Ding wie sie.

Er fühlte wohl, daß er mitten im Tode schreite, und legte die Rechte

auf sein Herz, aber siehe, das schlug noch stark und kräftig, rang

es gleich schmerzhaft und gewaltsam in der beklommenen Brust. Und er

gedachte der Mutter und der Geliebten und wußt' ihrer beiden Stimme

und Antlitz schon nimmer zu scheiden und betete brünstig zum Herrn des

Lebens und schritt weiter in die Welt des Todes hinein, die immer

dunkler und dunkler wurde, immer kälter und schweigender, also, daß er

des Lautes seiner Tritte schon erschrak, als könnte der verwegene Klang

die ungeheure Stille aufwecken, und dann? Dann könnte etwas geschehn,

was seine Sinne nicht ertrügen, davon er wahnsinnig werden müsse.

Da erkannte er im dichter werdenden Dunkel die Umrisse eines Hauses an

dem Wasserlauf, dessen gurgelnder Ton auch verstummt war, sowie einen

Steg, und als er näher herzutrat, sah er ein Rad, das sich träge und

langsam drehte, und vor der Tür saß jemand, den er nicht mehr erkennen

mochte. Das Rad aber gab im Drehen keinen Laut, und das bißchen Wasser,

das über die Schaufeln in dünnen Rieselfäden glitt, fiel klanglos

herunter.

Der Ritter faßte den Kreuzgriff seines Schwertes und fragte, vor dem

Laut seiner Stimme erschreckend: »Wer bist du?« Die dunkle Gestalt

aber schwieg und rührte sich nicht. Da wußt' er im Herzen die Antwort:

»Es ist der Müller von der finsteren Welt, und das Mühlenrad zählt die

Minuten der Ewigkeit.« -- »Ich danke euch,« sprach der Ritter zu der

Schattengestalt, gleich als hätte die ihm Bescheid getan -- »und nun

sagt mir auch, wie gelang ich hinein in die finstere Welt?«

Der Dunkle schwieg, der Ritter aber vernahm im Herzen die Antwort:

»Geh über den Steg und bete zu Gott.« Und da ward seine Seele licht

und stark, denn er wußte: Gott ist auch hier, und er sprach wieder:

»Ich dank euch, Freund,« und schritt beherzt über den Brückensteg, der

unter seinen starken Tritten keinen Laut gab. Und alsobald fiel immer

dichteres Dunkel über ihn, und er betete und rang und fühlte, wie Gott

ihn erhöre, denn ob er gleich durch rabenschwarze Finsternis schritt,

so war's ihm, als mahne ihn eine Stimme: »Schreite nur rastlos zu!«

und sein Fuß stieß nirgend an, so wenig er seine Eile hemmte; es war,

als ginge er hinein ins schwarze Nichts; das einzige Etwas, dessen er

noch gewiß war, das war der Boden, darauf er trat, der aber den Ton

seiner Tritte nicht wiedergab. Da wußte er nicht mehr: Schlaf ich oder

wach ich noch? Leb ich, oder bin ich längst gestorben? Ist das noch die

Welt? bin ich das noch? Und er ward mit Entsetzen irre an sich selbst;

er biß sich in die Hand, daß es ihm weh tun sollte, -- er fühlte

nichts mehr! Da packte ihn das Grauen der Vernichtung, und er stund

stille in der ungeheuren Nacht und rief: »Vater unser, der du bist im

Himmel, geheiligt werde dein Name ...« Da war's, als lockerte sich leis

erdämmernd die dichte Finsternis um ihn her; es war ihm, als streiche

eine Hand über sein Haar, und eine wohlvertraute, gütige Stimme sprach

leise: »Mein liebes Kind!« und die gleiche Stimme: »Mein Treuer, mein

Geliebter!« Da stürzten ihm die heißen Tränen aus den Augen, die Sinne

schwanden ihm, und er sank, sank -- wohin? Es bellte ein Hund, er rieb

sich die Augen -- so bellte ja sein Bracke daheim! Um ihn war Schilf

und Weidicht wie damals -- der Himmel erhellte sich. Das Wasser vor ihm

rauschte auf, und mit seligem Singen fuhr Sie daraus empor, als fliege

sie zum Lichte, und war so schön, so schön wie der silberne Morgen. Er

stund, und die Brust wollt' ihm das jubelnde Herz zerhämmern! »Bist

du's denn?« -- »Ich bin's und dein!« -- Da lag sie an seiner Brust,

und er schlug seinen Mantel um ihren weißen Leib. Sie schauerte und

fror, denn das Wasser war ihr fremd geworden. Da trug er sie jauchzend

hinauf, und droben hüllte er ihre feinen Glieder in die köstlichsten

Gewande, die sein Mütterlein getragen, und dann trabten reisige Boten

zu Tal und luden jeden, der es gut meinte, zur Hochzeit auf die Burg.

Oft saßen sie abends im rosig dämmernden Turmgemach und schauten

über die Tannen in den verglühenden Tag. Beider Herzen waren stille

und Glückes satt, sie saßen Hand in Hand. Wie die Holdselige aber

verzaubert worden und aus der sonnigen Welt verbannt um fremde Schuld,

das erzähl ich euch ein andermal.

[Illustration]

Der Geiger und seine drei Gesellen

Ein edler Graf hatte in seinem Schlosse einen jungen gar kunstreichen

Geiger; den hielt er hoch und wert, und oft sprach er zu ihm: »Konrad,

deine Fiedel ist mir doch wahrlich, was manchem borstigen Gesellen

sein sanftes Weib; sie gibt mir gute Gedanken, glättet mir die Stirn,

sänftigt mein zornig Blut, zupft mich am Ohr, kurz, ich weiß nicht,

wie ich ohn' sie leben sollt'; ich mag gar nicht dran denken. Das soll

dir ewig vergolten sein, mein treuer Bursch.« -- Das war freilich

leichter gesagt denn getan, das mit dem »Ewigvergoltensein«. Der

gute Graf hätt' seiner hohen Jahre denken sollen; denn einer schönen

Maiennacht, da der Graf auf seinem Bette lag, da zog von draußen ein

starker, langgezogener Geigenton zum Fenster herein, also sonderlich

und herzbeweglich, daß der Graf lauschend im Bette aufsaß -- ein

einziger zitternder Ton, erst leise wie Windhauch im Fliederbusch,

dann schwellend und schwellend, feierlich und gewaltig, daß die ganze

Nacht erbebte, alle Nachtigallen verstummten, draußen die weißen Blüten

von den Apfelbäumen herniederschneiten, und dem lauschenden Greise

im Kämmerlein das Herz im Leibe erzitterte, es ihm die alten Hände

ineinanderzwang, daß es von seinen Lippen rann: »Vater unser, der du

bist im Himmel!« -- Dann schwoll er ab, der eine, der namenlose Ton,

der aus der ewigen Nacht zu klingen schien, ward lind und linder,

ward gar lieblich und fein, also, daß des alten Grafen Haupt lächelnd

zurücksank ins Kissen, er wohlig und tief atmete, und draußen die

Nachtigall in den verwehenden Klang leise einstimmte, bis sein letztes

leises Tönen und Nachtönen wonniglich eins ward mit dem Weben der

segenvollen Frühlingsnacht.

Der Graf lag mit geschlossenen Augen. Plötzlich fuhr er wie erschrocken

auf und rief: »Konrad! warst du das? Konrad!« -- Eilte der Geiger, der

neben des Grafen Schlafgemach sein Lager hatte, herein: »Rieft ihr,

Herr?« -- »Konrad, bei allem, was dir heilig ist, warst du das eben?«

-- »Was denn, Herr? Ich schlief, da weckte mich euer Ruf.« Da erseufzte

der Graf und sank ins Kissen zurück. »Nichts, guter Konrad. Geh nur

wieder zur Ruh; ich hab wohl geträumt. Doch erst gib mir noch einmal

deine Hand und sei bedankt für alle Treue.« -- »Herr, Herr, wie sprecht

ihr nur?« -- »Geh zu Bett, mein Konrad.«

Der Graf wußte, wer ihm gegeigt, und daß er dieser Fiedel folgen müsse.

Am nächsten Morgen fand ihn der treue Geiger friedsam entschlummert.

Des Grafen Erben aber, die dem einsamen Hagestolz bei seinen Lebzeiten

wenig nachgefragt und seiner Schrullen oft gelacht, waren wilde Herren,

Jäger, Raufer und Zecher, die verwiesen den Geiger des Schlosses.

Da war er brotlos und unbehaust und ergeigte sich vor den Türen und

auf den Kirchweihn und unter den Dorflinden zum Tanz der jungen

Burschen und Bauerndirnen sein bißchen Notdurft, und stund ihm gar oft

das Weinen näher denn das Lachen. Doch dieweil er bescheidenen und

zufriedenen Herzens war, so sprach er zu sich selber: »Alter Freund,

du hast dein gutes Teil vom Leben dahin und hast's reichlicher und

vergnüglicher gehabt denn tausend andre. Des sollst du dankbar sein,

und nicht murren, wenn jetzt die saure Wegstrecke kommt; ist's schon

dumm und ungeschickt, daß die Reihenfolge nicht umgekehrt war.«

Einst war's zur Nacht auf einer Bauernhochzeit. Schwer lagerte der

Dunst des Saales, der übervoll war an erhitzten, lustigen, verliebten,

von Tanz und Wein trunkenen Burschen und Weibern, unter den hangenden

Lampen, die schon ganz trübe blinzelten. Dem armen Geiger war der

Kopf schwer und müde von dem wilden Lärm und der eigenen Fiedel

Didel dumdei, dem Dröhnen und Krachen der gestampften Dielen, dem

Klappern und Klirren der Gläser, dem Jauchzen, Lachen und Schreien der

unermüdlich lustigen Menschen. Er hatte es wieder einmal gründlich

satt. In einer Pause hockte er im Winkel an einem Tische nieder,

stützte den Kopf in die Hand und bedeckte sich die brennenden,

überwachten Augen.

Stieß ihn da wer derb wider den Ellbogen. Er sah auf. Saß ein

schnurriger alter Kerl mit grallen, wasserklaren Vogelaugen neben

ihm und schob ihm ein Glas roten Weines zu: »Trink, Konrad, und sei

vernünftig! Ist alles nicht so arg.« Der Alte war ihm fremd, auch

hatte er ihn unter den Festgästen noch gar nicht bemerkt, und als ein

paar von diesen an ihrem Tische Platz nahmen, nickten sie wohl ihm,

dem Geiger, zu und rückten ihm ihr Glas hin, daß er Bescheid tue, des

alten, lächerlichen Burschen mit der Pelzmütze auf dem linken Ohre und

den wunderlichen, hellen Augen mit den weißen Wimpern schien keiner

wahrzunehmen. Da ward ihm bange, und er rückte unwillkürlich ein wenig

von dem seltsamen Gaste ab. Der bemerkte das und packte seinen Arm,

daß ihm war, als läg er an einen Fels geschmiedet. »Bist ein alter

Esel!« raunte der Wicht -- »Ich sag dir, nimm deine Fiedel untern Rock

und pack dich. 's ist heut eine gar besondere Nacht; da kannst du,

wenn du Glück hast und ein Kerl bist, von ungefähr einen Weg unter

die Füße bekommen, den du sonst all deine Lebtage nimmer findest. Geh

nur frischweg auf gut Glück in den Wald hinein, der vorm Dorfe liegt,

mitten hinein, ohne Weg und Steg, da, wo er am dicksten und finstersten

ist; wirst schon nicht stolpern und anrennen. Ist heut 'ne besondere

Nacht, sag ich dir! Renn du nur stracks drauf zu, bis daß du die Uhr an

der Dorfkirche nicht mehr schlagen hörst und keinen Hund mehr bellen.

Kommst schon wohin, wo dir's frommen wird. Rühr aber beileibe nichts

an, was dir auch in die Augen stechen mag, bis auf einen Korb mit

dreien Ferkelchen, den nimm fein mit. Zu was Ende und wie weiter, das

geb ich deiner Schläue anheim, Geigerlein; wenn du ein Stoffel bist,

ist dir nicht zu helfen.« -- »Aber sagt doch um Himmels willen -- wer

seid ihr, alter Herr?«

»He, Geiger! mit wem schwätzest du denn da? Schläfst wohl schon?« rief

ihn ein junger Bauernbursch an, und alles lachte um ihn. »Der Geiger

ist närrisch worden, er red't mit der leeren Luft!« In Wirklichkeit,

der Stuhl, drauf noch soeben der Alte gehockt, war leer. Ihm war wirr

im Kopfe, als sei er trunken. »Verzeiht, Nachbarn, ich bin wahrlich

schon halb im Schlaf. Will doch mal vor die Tür gehn und einige

Atemzüge reiner Nachtluft tun und mir den kühlen Wind um die Stirn

wehen lassen.« Damit stund er auf und nahm die Fiedel mit. »Das tu du

ja, Geigerlein. Wir haben noch viel zu tanzen heint, und der Teufel

tanzt, wenn der Geiger schläft!«

Da war er schon draußen im Finstern und atmete tief auf; alle Müdigkeit

war wie weggeblasen. Ob das der Wein getan, den der seltsame Kauz ihm

kredenzt? Mochte das tanzwütige Volk sich eins pfeifen, er kam nicht

zurück und freute sich der tiefen, samtenen, sternlosen Finsternis, in

die er wohlig hineinlief wie ein sonnenmüder Mensch am heißen Tage ins

kühle Wasser. War ihm auch gar nicht bange, wie ihn der feuchte Atem

des dichten Waldes umwehte und das Käuzchen lachte und weinte. In die

Finsternis hinein zauberte sein kreisendes Blut, das er an den Schläfen

hämmern fühlte, purpurne und goldige Wunder von Glück und bunten,

beglückenden Abenteuern. Sein Herz war wach und lüstern wie damals,

als er zuerst, ein schlanker, kecker Jüngling, in die Weite gezogen,

die Fiedel auf dem Rücken, und gejauchzt hatte: »Was kostet die Welt!«

An dem Worte des alten Kobolds zu zweifeln, kam ihm nicht ein; ihm

war das Abenteuer just so nach seinem Sinn, dergleichen hatte er sich

längst einmal gewünscht. Da hörte er, schon ganz gedämpft, leise und

fern die Dorfuhr Zwei schlagen. Er sprach: »Noch nicht fern genug,« und

drang weiter in die gestaltlose Finsternis vor, bis es ihn etwa eine

Stunde deuchte; da war kein Laut mehr um ihn, er hatte weder Halb noch

Drei schlagen hören, und das letzte Hundegebell war längst dahinten

geblieben.

Von Hollas Rocken · 第 4 / 7 段