wird's besser wissen, der die Nächte lang mit ihm bei verschlossenen
Türen saß und in alten Scharteken las -- genug, er kam nach kaum drei
Tagereisen durch Berge und Wälder auf eine weite, weltvergessene Heide,
in deren Mitte richtig hoch und herrlich der Wunderbaum stund, mit
hundert güldenen Äpfelein im Sonnenlichte funkelnd. Er trat freudig
hinzu; plumps, da fiel eine der schweren Früchte ins Gras, ihm just vor
die Füße. »Das fängt gut an,« schmunzelte der alte Geck, indem er die
Goldfrucht einsackte, und dacht' der Gelegenheit weidlich wahrzunehmen
und hub ein Schütteln und Rütteln an, daß alle Äste rauschten und
klirrten. Der Baum aber gab nichts mehr her; die Äste saßen auch gar zu
hoch, und am glatten Stamme hinaufzuklimmen, dazu waren des Generals
Beine schon zu steif. Er warf seinen Stock mit dem Elfenbeingriff
wuchtig hinauf ins Geäst. Der Baum behielt den Stock, aber seine Äpfel
auch. Da war kein Rat, er mußt' mit dem einen Goldapfel, den der
eigensinnige Baum gutwillig hergegeben hatte, fürlieb nehmen und seine
Straße heimwärts ziehn.
Er verwand den Ärger und versenkte sich in erbauliche Träume, tat ab
und zu einen Hopser, blieb stehn, legte die Hand aufs Herz, machte
vor einem Wacholderstrauch, der die Prinzessin vorstellen sollte, die
zierlichsten und possierlichsten Kratzfüße und erklärte dem Strauß in
wohlgesetzten, blumigen Worten seine Liebe, also daß die Hasen sich
kugelten, und die Häher lachend durch die Wipfel krächzten: »Der Geck!
Der Geck!«
Da begegnete ihm ein kleines, graues Männlein, das ihm mit der Nase
eben ans Knie reichte, schaute ihn pfiffig an und pochte ihm mit dem
gekrümmten Fingerlein an eine harte und gebauschte Stelle in seinem
Rockbürzel: »Was habt ihr da drin, Freund?« -- »Einen Dreck hab' ich,«
sprach der General unwirsch, ohne das Wichtlein eines Blickes zu
würdigen, und schritt fürbaß. »Ist's ein Dreck, soll's auch ein Dreck
bleiben,« lachte der Kleine, und weg war er, und die Häher lachten
heiser: »Der Geck! Der Geck!«
In der Hauptstadt gab's denn bald ein groß Geschrei: »Wißt ihr schon?
Der General! Er hat einen, er hat einen!« Der König gab ein Bankett,
und der General mußte neben seiner Angebeteten sitzen. Sie gönnte ihm
nicht Blick noch Wort, schaute nur ab und an verzweifelt gen Himmel,
so langweilte und quälte sie sein eitles Geschwätz. »Du wirst mir noch
einmal kirre!« dachte der Freier schmunzelnd, ließ sich eine goldene
Schüssel reichen, schlug an sein Glas, erhub sich und sprach ein Langes
und ein Breites von der Liebe, der kein Preis zu hoch, kein Weg zu
steil; und damit griff er, indem er den Trompetern und Zinkenisten oben
auf der Galerie zunickte, einen Tusch zu blasen, stolz und strahlend in
seine Rocktasche, indes alles gespannt die Hälse reckte und ein Page,
neben ihm kniend, die goldene Schale darreichte. --
Da tönte ein Schrei des Entsetzens. Die Prinzessin und alle Damen
mit ihr fuhren schnell mit den Spitzentüchlein zur Nase, einige
fielen in Ohnmacht, alle Stühle flogen polternd zurück, es gab einen
gewaltigen Lärm und Aufstand, Schimpfen und schadenfrohes Gelächter.
Die Prinzessin verließ mit ihrem Hofstaat den Bankettsaal. Damit war
das Zeichen gegeben, daß alles auseinanderstob. Nun stund unser General
ganz mutterseelenallein im weiten Saale, knickbeinig, mit schlotternden
Knien und bleich wie der Tod und wußt' immer noch nicht, wohin mit
seiner rechten Hand. Da traten Trabanten ein und nahmen ihn gefangen.
Nun saß er bei Wasser und Brot und durft' sich überlegen, wie das alles
so gekommen. Den gütigen König hatte noch niemand so zornig gesehen.
Das ging ihm denn doch über den Spaß!
Nun begab sich's, daß ein gemeiner Soldat, dem das Kommißbrotkauen und
Exerzieren für einen fremden Landesherrn zu dumm geworden, desertierte.
Im Walde setzte er sich behaglich ins Gras, freute sich, ein freier
Mann zu sein, zog Wurst und Brot herfür und ließ sich's schmecken. Trat
unser Grauwichtel zu ihm: »Darf ich mithalten?« -- »Nur zugelangt,
es reicht für zwei!« lachte der Soldat und teilte christlich. Als
das Männlein mit Dankesworten Abschied nahm, lachte er: »Bist du ein
närrisch Kerlchen, so viel Worte um ein Stückchen Wurst!« -- »Noch
mehr denn Worte, guter Gesell,« sprach der Kleine. »Hier hast du einen
goldenen Apfel; dafür kannst du dir eine lebendige Prinzessin kaufen,
und hier dies Pfeifchen ist auch zu was gut. Verwahr' beides wohl, und
Glückauf, lustiger Gesell!«
Verschwunden war das Männlein. »Närrisch!« kopfschüttelte der Soldat,
steckte aber beides in die Tasche, dachte sich, für den Apfel könnt'
er sich wenigstens manche Wurst kaufen, und das Pfeiflein möcht' für
Regentage gut zur Kurzweil sein. Wie spitzte er aber die Ohren, da in
der Hauptstadt die Spatzen von den Dächern die schnurrige Geschichte
vom General und seinem Goldapfel pfiffen! »Jetzt schlägt's Dreizehn,
also ist an der Sache doch was dran? und den Goldapfel hätt' also ich?
O, wenn das meine Mutter erlebt hätt'! Hurra, jetzt frei' ich die
Prinzessin! Was kann da sein!«
Ging frisch und frank ins Schloß, trat vor den König: »Herr König, mit
Verlaub, ich hab' den goldenen Apfel, wofür dero Tochter zu haben sein
soll.« -- »So,« sprach der König, »das hat schon mal einer gesagt!
Zeig' erst mal her, mein Sohn; wir haben da unsre Erfahrungen, hm ...«
und trat ängstlich einen Schritt zurück. »Weiß schon, Majestät! Und
hier ist er.« Der König wollt' ihn in seinem freudigen Staunen mit
Händen fassen, aber -- »Hand weg, Majestät!« sprach der Soldat und
schob ihn in die Tasche zu Wurst und Brot. »Den faßt mir keiner an als
meine Braut!« -- »Du hast's eilig, guter Freund,« sagte der König,
noch ganz benommen von dem Wunder und dem Glanze. Zugleich besah er
sich den abgerissenen Burschen mit seinem schmierigen Brotsack und
befand, er rieche arg nach Tabak, und dachte: »Wie wird das werden?« --
»Freilich hab' ich's eilig, Herr König! Jung gefreit hat nie gereut,
und bei dero Jungfer Tochter soll's auch an der Zeit sein. Also laßt
ein Mahl richten, ich bin zur Stelle, und das schwör' ich euch, es soll
kein stinkend Ende nehmen wie bei euerem sauberen General.«
Damit empfahl er sich und ließ den König in arger Verwirrung zurück.
Doch, was sollt' er tun? Ein Wort ist ein Wort; da half kein
Mundspitzen, es mußt' gepfiffen sein. Das Bankett ward gerichtet,
der Soldat saß neben der Prinzessin, alles rümpfte die Nase über den
schäbigen Freier; der aber merkte nichts von alledem und sah nur seine
Nachbarin an und dacht', wie schön sie sei. Er hatte ja gar nicht
gewußt, daß es dergleichen auf Gottes Erdboden gebe, und sein Herz
ward gar demütig und ernst. Dabei griff er aber immer nach seinem
Brotsack, den er sorglich umbehalten, ob auch das güldne Unterpfand
seines Glückes noch dasei. Dann trank er einmal über das andre Mal
seinen Becher aus; denn erstens hatte er so guten Tropfen noch nie
geschmeckt, und zweitens fühlte er, daß ihm das Herz in die Hosen sank:
eine Prinzessin und ein armer Haderlump wie er! Da sollt' ihm der Mut
wohl klein werden! Sie aber saß bleich wie ein Steinbild neben ihm, um
ihre feinen Brauen zuckte es wie Qual, wenn er zu ihr sprach; deuchte
sie gleich sein schlichtes Wort wahrer und menschlicher, als sie jemals
bei Hofe reden gehört -- er roch gar zu pöbelhaft nach Tabak! Aus
einer Tasche schaute ihm sein Stummelpfeifchen, aus dem Brotsack ein
Wurstzipfel! Sie mußt' sich ein übers andre Mal ihr Riechfläschchen
unter die Nase halten.
Gegen das Ende des Mahles brachte man die goldene Schüssel herbei.
Der Soldat sprang auf, hielt keine lange Rede, sondern rief nur:
»Da habt ihr ihn!« und ließ den blinkenden Apfel aufklingend in die
goldene Schüssel fallen. Da rief alles, des Bringers und seiner
Vagabundenhaftigkeit ganz vergessend: »Wie herrlich, wie köstlich!«
Selbst die Prinzessin klatschte in die Hände. Es war, als ginge ein
Licht, ein unirdisch Leuchten von dem goldenen Wunder aus, das aller
Herzen erhellte und höher stimmte. Da brach der Soldat den Bann des
Entzückens, indem er laut in den Saal rief mit dem Mute, den der
feurige Wein ihm gegeben: »Wohlan, Herr König, ich tat das Meine! Nun
marsch zur Hochzeit, Jungfer Prinzessin!«
Schlug da doch das Prinzeßlein die Hände vors blasse Antlitz und hub
ein Schluchzen an, als soll's ihr die zarte Brust zerbrechen. Alles
war betroffen und erschüttert; denn weinen hatte das stolze Geschöpf
bis heut' noch kein Auge gesehn, und dann schauten aller Blicke
unter gerunzelten Zornesbrauen auf den Soldaten, der in den Stuhl
gesunken war und dasaß, als sei er der ausbündigste Malefikant und die
schwärzeste Seele, die je zur Hölle reif war. Er war blaß, und seine
Lippen zitterten, und er lallte: »Nu -- nu ...« und seine harten Hände
zuckten, der Weinenden über das goldene Seidenhaar zu streichen, ganz
weich und lind, wie man's einem Kinde tut; aber er getraute sich nicht.
Der König fand zuerst das Wort wieder und sprach was von der magdlichen
Scheu seines edlen Kindes, die man ehren müsse, und -- von Zeit lassen,
sich drein zu finden, und einigen Tagen Aufschub.
»In Gottes Namen,« stotterte der Soldat, »in Gottes Namen, Herr König!
Wenn's nicht anders ist, so kann ich mir inzwischen einen neuen Kittel
schneidern lassen.« Da lachten einige Höflinge in ihr Mundtüchlein.
»Gott sei gedankt!« seufzte der König für sich. »Kommt Zeit, kommt
Rat. O dieses Kind, dieses seltsame Kind, was schafft es mir doch
für Not und Grämen!« und er fuhr sich wehmütig mit der Hand über den
königlichen Bauch und befand, er sei vom Fleische gefallen.
Das war dem guten König eine ausgemachte Sache: dieses Eidams mußt'
er los und ledig werden, es geh' wie's wolle. Aber wie? Da gedacht er
des Generals, der noch bei Brot und Wasser saß und sich grämte, daß er
so stinkend geworden; der war in tausend Listen und Ränken gewandt und
Rates nie verlegen; den befahl er der Haft zu entlassen und fragte ihn,
wie er mit gutem Anstande den tabakduftenden Tochtermann sich vom Halse
schaffe. »Das laßt mich nur machen,« sprach der General, der einen
schweren Zorn hatte auf seinen Nachfolger, und eröffnete dem Soldaten
feierlich im Auftrag des Königs und der Prinzessin, die erste Bedingung
sei ja nun erfüllt, somit sei er denn berechtigt, die zweite Aufgabe
zu versuchen; denn das lasse er sich als billig denkender junger Mann
doch nicht in den Sinn kommen, daß man so leichten Kaufs die Hand einer
Königstochter gewinne; er habe ja selbst gesehn, wie schön sie sei --
»oder nicht?« fuhr er den verdutzten Soldaten an. »Freilich ja, das
muß ihr der Neid lassen; nur will mich bedünken, das sei wider die
Abrede, das mit der zweiten Aufgabe; jedennoch -- erwogen, daß die
Prinzessin eben so ausbündig liebreizend und fein ist ...« -- »Genug,«
fiel ihm der General ins Wort, »Ihro Hoheit wünscht, daß du aus dem
Tiergarten hundert Hasen zusammentreibst, sie drei Tage hütest; wo
dir nur einer entwischt, kostet's deinen Kopf. Verstanden?« -- »Mit
Verlaub, gestrenger Herr!« -- wollt' der Soldat einwenden; da drehte
der sich auf dem Absatz herum und ließ ihn stehen, und der unglückliche
Freier gespürte nun, von wannen der Wind wehte. »Das hat man davon, so
man zu hoch hinaus will! Aber daß die Welt so schlecht sei und Treu und
Glauben so rar, hätt' ich doch nimmer geglaubt!«
Er ging traurig in den Wald, setzte sich an den Boden, stemmte das Kinn
auf beide Fäuste und dacht: »Mit dir ist's aus, alter Freund! Schnür'
dein Ränzel für die bessere Welt! Das Lied ist zu Ende, da ich's kaum
zu blasen begonnen!« -- Beim Blasen fiel ihm sein Pfeifel ein, Trübsal
ist ja so gut wie Regenwetter, und er dacht: »Du kommst mir zu paß, was
hilft das Kopfhängen!« und pfiff sich ein Stückel, wundert sich selber,
wie trefflich's ihm vom Schnabel ging.
Aber was war das? Ringsum stieg der Staub auf, trappelte es, rappelte
es, rauschte es, braune Rücken, lange Ohren -- Himmel und Hasen! »O
du herziges Graumännlein im Walde, so war das mit deinem Pfeiflein
gemeint? Hallo! nun kommandier ich ein Hasenregiment! Laß schaun,
was wir bei den Soldaten gelernt haben! In Kompaniekolonne antreten!
Marsch, marsch!« -- Heidi, wuselte und sprang das durcheinander, daß
die Ohren flogen, und im Handumdrehen stund alles in drei Zügen in Reih
und Glied. Da schritt der Soldat die Züge ab und teilte sie hübsch in
Sektionen ein; was aber über hundert zählte, stellte er zehn Schritt
rechts davon auf und kommandierte den Überzähligen: »Wegtreten!«
Husch! stob das davon wie eine braune Wolke. Mit den übrigen hundert
exerzierte er brav, daß ihm vor Lachen die Tränen über die Wangen
liefen. Dann ließ er mit Sektionen vom rechten Flügel abmarschieren,
setzte sich mit seinem Pfeiflein an die Spitze, blies: »Wer will unter
die Soldaten ...« und: »Ach, du lieber Augustin ...« und führte seine
Kompanie in die Stadt.
Der König und die Prinzessin, die staunend den Aufzug sahen, stunden
auf dem Balkon. Da kommandierte er: »Augen rechts!« Der König und
die Prinzessin mußten sich gegenseitig festhalten vor Lachen,
so pudelnärrisch war die Parade. Doch als der Hasenkommandant
vorbeigezogen war und das Pfeiflein verklungen, da trat an Stelle
des Gelächters bitterer Ärger: »Was nun, General, was nun? Dieser
Teufelskerl ist imstande und hält uns drei Tage lang sein Hasenvolk
wohlgezählt beieinander! Wer das eine kann, dem ist auch das andere
Kinderspiel!« -- »Wir sind auch noch da, Majestät,« beruhigte ihn der
General; »da gilt's durch List ihm einzelne Tiere abspenstig machen;
und erwischen wir nur eines von den hundert Häslein, so schlägt man
ihm den Kopf ab und heißt ihn seines Weges gehn wohin er mag.« Er
verkleidete sich als Jäger, fand sich bei dem Hasenmeister ein, und
fragte höflich an, ob ihm nicht eines seiner Tiere feil, die Art
gefalle ihm in die Maßen, er habe in der Stadt den Aufzug gesehn.
»Warum nicht?« sprach der Soldat, der den Schelm von General wohl
erkannt hatte, »nur fürchte ich, der Preis wird euch kaum genehm sein.«
»Oho,« sagte der General und klimperte mit den Dukaten im Hosensack.
»Um Geld ist mir's nicht zu tun, Herr Jäger, aber um fünfzig Prügel
könnt ihr eins meiner Tierchen haben.« -- »Verflucht!« knurrte der
General, doch er hatte es dem König und der Prinzessin, die er sich
noch immer zu gewinnen hoffte, versprochen: »In drei Teufels Namen, so
sei's!« und entblößte den Rücken. Der Soldat spuckte in die Hand, faßte
seinen Stock und -- zeigte, daß er ein handfester Bursche sei. Der
verprügelte General hinkte fluchend ab, wenigstens des sauer verdienten
Häsleins froh, das in einem Korbe, den er mitgenommen, krabbelte. Kaum
aber war er hundert Schritt von der Stätte seines Kaufs und seiner
Schande entfernt, ertönte hinter ihm das Pfeiflein; der Deckel des
Korbes sprang auf; hupp, war der Hase auf und davon. Der Soldat hatte
seine lustigen Hundert wieder beisammen, und der General -- ach, wer
kann sagen, wie dem zu Mute war! Er kroch sofort ins Bett, wollte
aber vom Arzt nichts wissen, weil er sich seines verprügelten Buckels
schämte.
Darüber war ein ganzer Tag verloren, und die Prinzessin sandte in ihrer
Angst ihre Kammerjungfer, daß sie dem Soldaten einen Hasen abschwatze.
Ei, was konnt' die schön tun und schmeicheln! Aber der Soldat ließ sich
auf keine Zärtlichkeiten ein und verlangte denselben Preis wie vordem
beim Jäger. Er hat wohl nicht so fest zugehauen, aber Schimpf und
Schande war's doch für das hübsche Kammerkätzchen. Doch dafür hatte sie
ja einen Hasen -- jawohl! da pfiff's; plumps lag sie auf dem Rücken,
und der sauer verdiente Hase fegte davon, daß ihm die Löffel flogen.
Sie hütete sich wohl, zu Hause was zu erzählen, wie's ihr ergangen,
genau so wie der General: »Der niederträchtige Kerl wollte nun einmal
nicht, ich konnt' ihm die besten Worte geben!«
»Ihr seid alle zu nichts zu gebrauchen!« schalt die Prinzessin, der
es jetzt anfing, himmelangst zu werden, und zerrupfte vor Aufregung
ihr Spitzentüchlein! »Ich muß mir selber helfen!« rief sie kurz
entschlossen, und auf den Rat ihrer schlauen Amme, die ihr ja schon
mit ihrem Goldapfeleinfall die ganze Suppe eingebrockt hatte, zog sie
sich als Wildprethändlerin an und ging zu dem Soldaten. Zehn Hirsche
und zwanzig Rehe bot sie ihm für eines seiner seltnen Häslein. »Ach
nein, gute Frau,« sprach der Soldat, »Tauschgeschäfte mach' ich nicht;
aber verdienen könnt' ihr euch eins.« -- »Wie denn?« fragte arglos die
Prinzessin: »Hm, wenn ihr mir ein Viertelstündchen gut sein wollt und
mir mindestens sieben Küsse gebt.« -- »O weh,« dachte die Prinzessin,
»das ist ein schlechtes Geschäft; aber er kennt mich nicht, kein Mensch
erfährt's, und so bin ich seiner auf einmal los. Übrigens ist er so
ein übler Gesell gar nicht bei Tage besehn.« Und sie verdiente sich
ihr Häslein und zog, nachdem sie sich siebenmal das Mäulchen gewischt,
ihres Kaufes froh mit ihrem Henkelkörbchen davon: Gottlob! einmal --
oder vielmehr siebenmal, und nie wieder! -- düdelüt! tat's da hinter
ihr und hupp! neben ihr, und sie kam weinend vor Scham und Verzweiflung
nach Hause zu ihrem Vater: »Der schlechte Mensch wollt' sich auf nichts
einlassen.«
Da tat der gute Vater einen starken Schwur, jetzt wollt' er doch
wahrlich selber mal nach dem Rechten sehn! Das müßt' ja doch mit dem
Teufel zugehn ... Kam verkleidet auf einem Maulesel beim Soldaten
angerückt: »Was kostet ein Hase!« -- »Nicht viel mehr denn nichts,
alter Freund,« lachte der Soldat, der seinen Kunden wohl erkannte;
»wollt' euch nur bequemen, euren Maulesel dreimal unterm Schwanz zu
küssen.« -- Potztausend, das war freilich ein Ansinnen an einen
König! Er ward blaß vor Wut, schimpfte und wetterte; der Soldat
zuckte die Achseln: »Ihr braucht ja nicht! was tobt ihr? Doch ich
kann für meine Hasen fordern, was ich will.« Der König zog sanfte
Saiten auf und versprach goldene Berge. Der Soldat lachte: »Schon
meine Mutter sagte immer, ich sei ein schrecklicher Dickkopf, und
die hat immer recht gehabt.« Sprang der König mit einem Satze vom
Tier: Kreuzmillionendonnerwetter! -- eins -- zwei -- drei! da war das
Unglaubliche geschehn. Gottlob, der freche Kerl kannt' ihn nicht, und
so wußt' außer Gott und dem König selber niemand, was der König getan.
Aber nun den Hasen her! Da hatte er schon einen feisten Burschen an
den Löffeln, stopfte den Zappelnden in den Sack, der dem Reittier am
Sattel hing, und spornstreichs ohne Gruß und Valet trabte er wütend
und fluchend davon. Wie fluchte er aber erst, als der Sack plötzlich
rebellisch ward, Meister Lampe mit Gewalt durchbrach und davonstob,
dahin, woher die lockenden Pfeifentöne drangen!
Nun war alles aus. Abends rückte der Soldat mit seinem vollzähligen
Hundert prahlend vors Schloß, exerzierte und paradierte, schrie »Augen
rechts!«, daß die Scheiben klirrten, und warf selber so übermütig
die Beine, als wollt' er seine Kommißstiefel zu dem König und seiner
Tochter auf den Balkon hinaufschleudern. Es war ein rechter Staat. Nun
war guter Rat teuer, und wieder mußte der pfiffige General herbei. Und
der wußte wahrhaftig wiederum einen Ausweg.
Am dritten Tage ließ der König den Hasenkommandeur entbieten, wies
ihm einen Sack, der war an hundert Ellen lang und breit: »Jetzt, mein
Sohn, kommt deine dritte und letzte Aufgabe. Gib acht, kannst du
auch die lösen, hast du die Braut gewonnen, wo nicht, ist dein Kopf
verwirkt.« -- »Herr König, mit Verlaub!« -- wollte der Soldat gegen
dies offensichtliche Unrecht sich verwahren. »Ruhe!« herrschte ihn
der König an, »es bleibt dabei! Diesen Sack hier sollst du mir mit
Wahrheiten füllen, das ist deine dritte Aufgabe.« -- »Hoho,« dachte der
Soldat, »kommt ihr mir so, komme ich euch so. Jetzt wollen wir sehn,
wer zuletzt lacht!«
»Mit Vergnügen, Herr König! Gebt acht! Ich sollt' euch hundert Hasen
hüten, daß mir nicht einer entspringe. Ist das wahr?« -- »Das ist
wahr,« sprach der König und der ganze Hof. »Marsch, in den Sack, ihr
Hasen!« rief der Soldat, und hupp, hupp, sprang die ganze Gesellschaft
in den Sack hinein, daß alles lachte.
»Hundert Wahrheiten wären drin! Nun hört weiter, die hundertunderste:
Da ich mit meinen Häslein auf der Weide war, kam ein Jägersmann und
wollt' mir eins abkaufen. Mit fünfzig Wohlgezählten auf den Buckel hat
er sich's verdient. Ist das wahr, Herr General?« -- »Gelogen ist'!«
schrie der General. »Knöpft ihm nur das Wams auf! Ihr könnt sie noch
alle fünfzig nachzählen, sie hatten alle ihr volles Gewicht.« -- »Man
tue, wie er gesagt,« sprach der König, da mußte der General wohl
oder übel seinen Rücken zeigen, der in allen Farben des Regenbogens
schimmerte, und wohl oder übel mußte er zu den Hasen in den Sack
hinein.
»Das wär Nummer hundertundeins!« rief der Soldat, dessen Mut jetzt
immer kecker wurde, also daß die Prinzessin erstaunt und gar nicht ohne
Wohlgefallen die schönen, ernsten Augen auf ihn heftete; stund er doch
da unter all den Höflingen wie ein rechter Mann unter lauter Puppen und
Laffen. »Nummer hundertundzwei!« schrie er. »Halt, Jungfer, wo will
sie hin?« Damit erwischte er die Kammerzofe der Prinzessin, die, über
und über rot, soeben aus der Tür schlüpfen wollte. »Nämlich alsbald
kam ein Jüngferlein zu mir auf die Hasenweide und wollt' mich mit
Schmeicheleien und zärtlichem Getu kirren, daß ich ihr eins von meinen
Tierlein verehrte. Sie aber zahlte mir den gleichen Preis wie der Herr
General, und wenn mich nicht alles trügt, so glich sie aufs Haar hier
der Kammerjungfer der Prinzessin. Ist das wahr?« -- »Ja, es ist wahr,«
schluchzte es aus dem Sack heraus.
»Hundertunddrei!« schrie der Soldat. »Eine Wildprethändlerin kam dann
des Weges« -- die Prinzessin war dunkelerglühend aufgestanden. Da hielt
der Soldat mit höflich einladender Geberde den Sack schon auf: »Ist's
gefällig?« und sie schlüpfte schleunigst hinein. »Ist's wahr?« fragte
er, indem er das Ohr tief zum Sack herniederneigte. Leise, ganz leise
antwortete es aus dem Sacke: »Ja, es ist wahr.«
»Hundertundvier!« rief der Unerbittliche und hustete ganz
niederträchtig hinterdrein. Der König aber rückte auf seinem Thron hin
und her, als säße er auf Nadeln. »Zuletzt kam einer,« fuhr der Soldat
fort, »saß auf einem Maulesel, der hat sich ein Häslein ganz kurios
verdienen müssen. Dem gab ich auf ...«
»'s ist gut, mein Sohn,« rief der König, »der Sack ist ganz voll! Mehr
denn hundertunddrei Wahrheiten gehn nicht hinein. Morgen hältst du
Hochzeit; das soll die hundertundfünfte sein.«
Da öffnete der Soldat den Sack und ließ alle Wahrheiten heraus, und am
folgenden Tage gab's Hochzeit. Die Prinzessin aber hat's nie bereut,
das dürft ihr mir glauben, und der König und sein Land auch nicht. Der
arme Teufel war doch ein ganzer Kerl, und das ist das Beste, was einer
sein kann.
[Illustration]
Das Märchen von der schönen Schwanenjungfer
Es war einmal ein Rittersmann, der war der schönste und stattlichste im
Lande und aller feinen Frauen Traum und Sehnen. Er aber fragte ihnen
nicht nach und wollt' auch nicht zu Hofe gehn. Stund ihm wohl dort das
Leben nicht an, dieweil er ein stiller und gar besonderer Mann war,
allein der Einsamkeit, dem Walde und dem mannlichen Waidwerk ergeben.
Wann freilich die Lehnspflicht ihn rief, so war er mit seinen Mannen
treulich zur Stelle, und wo dann sein Helmbusch wehte, da war der Sieg,
wie er denn unmaßen stark von Leib und im Kampf gar kühn und grimmig
und zornigen Geblütes war. Doch wenn dann die Lehnsmannen des Königs in
der Pfalz beim Geläute der klaren Becher den Sieg feierten und unter
allen ehrenkündigen Namen der seine vor allen erklang, dann schritt
sein gutes Roß schon längst wieder den einsamen Pfad seinem heimischen
Bergwalde zu. Mocht er bei den Lehnsmannen allen ins Gelag kommen mit
seiner verwundersamen Art, mochten sie die Köpfe schütteln, ihm war es
gleich. Er saß abends allein am Fenster seines hohen Turmgemachs, das
weit über die Wälder ins Land schaute, sah über die dunklen Spitzen der
Tannen in den verglühenden Abend, bis ihm die Augen tränten, und trank
aus goldenem Becher in edelstem Weine einer hohen Frauen Minne -- und
das war seine liebe Mutter, die er angebetet hatte, und der er immerdar
gedachte wie einer Heiligen.