»Hast recht, laß fliegen! Doch sag nun: wohin?« --

»Sei standhaft! Gewinnst dir 'ne Königin!« --

»Potztausend, das wär! doch ich reite

Ohn Hut und Stiefel zur Freite!« --

»Will Junker Hans auf dem Glasberg turnieren,

Darf ihn nicht Liebes noch Leides beirren!«

[Illustration]

So so, auf dem Glasberg! Nun wußte ja Hans, wohin es ging. Das war

ja sein Herzenswunsch gewesen, nach dem Glasberg zu kommen! Hei, wie

lachte da sein Herz! Er nahm sich auch ernstiglich vor: nichts, aber

auch gar nichts sollt' ihn beirren, nicht Liebes noch Leides! Jetzt

fiel der Schimmel in langsamen Trab, und nun, da dem Reiter nicht mehr

die ganze Welt im Fluge vorbeisauste, ward er auch gewahr, wes Art der

Gaul sei, der ihn trug.

Ach, du lieber Herrgott, erbarm dich! Wo hatte er nur im Stall

vorhin seine Augen gehabt? Das war ja eine Schindmähre, ramsnasig,

mit schwerem, hangendem Kopfe, schnappenden Lippen, zwischen denen

eine halbe Elle lang ein Zipfel Zunge herausbaumelte, als wollte er

abfallen; und recht, als wollt' der Gaul ihn ärgern, trottete er jetzt

knickbeinig, ganz, ganz langsam durch ein belebtes Dorf.

Die Uhr an der Dorfkirche, die gerade schlug, blieb vor Schreck mit

einem Knacks stehen, da die ritterliche Gestalt mit dem zerschlissenen

Hemde, dem struppigen Schopf, den nackten Beinen auf der Jammermähre

auftauchte. Das gab auch ein Hallo bei jung und alt, Mensch und Vieh!

Vom Dorfweiher die Gänse kamen schnatternd und schimpfend auf ihn

zugerauscht; der Gänserich zischte ihn wütend an: die Hunde, große und

kleine, kläfften hinterdrein; die Dorfkinder rannten schreiend und

lachend dem Reitersmann nach, der Schmied trat mit seinen Gesellen

vor die Schmiede, den Hammer noch in der Hand, und sie bogen sich vor

Lachen, daß die steifen Schurzfelle krachten, und, was unseren Helden

am meisten wurmte: die hübschen jungen Dorfmädchen lachten ihn aus.

Wütend setzte er die nackten Fersen dem Gaul in die Flanken. Der aber

schüttelte gemütlich die Ohren und ließ den Zungenzipfel baumeln und

hatte es gar nicht eilig. Blaß und rot ward Hans vor Zorn -- da klang's

ihm im Herzen: »Laß dich nicht Liebes noch Leides beirren!« und hui!

waren Dorf und Weiher, Strohdächer, Gänse, Hunde, Schmiedegesellen

und Mädchen verschwunden! Das Roß brauste dahin, daß Hansen die Sinne

schwanden.

Auf einmal rief's: »Hans, hab acht!« Vor ihm lag in lichter Sonne ein

gleißender, schimmernder Berg, wie ein erstarrter Riesenwasserfall. --

»Der Glasberg!« jauchzte Hans. Da schüttelte sich das Rößlein unter

ihm und bäumte sich, und da war's wie eines Hünenfürsten edelstes und

stärkstes Schlachtroß. Hansen aber klirrte blauer Stahl um die Brust,

die sich in wonnigen Atemzügen dehnte, flogen grüne Samtschabracken

über die erzgeschienten Schenkel; kühl um die Schläfen schmiegte

sich ihm der Stahlrand eines gewaltigen Helmes, auf dem zwei hohe

Habichtschwingen rauschten, und ein breites Schwert hüpfte an seiner

Hüfte. Und nun führen Roß und Reiter wie in einem blaublitzenden

Ungewitter empor -- wohin? Tausend Männerstimmen jubelten ihm plötzlich

zu, und schnaubend und stampfend stund der gewappnete Schimmel mit ihm

oben auf dem Glasberge in den Schranken eines glänzenden Turniers.

Ringsum stattliche Reiter auf herrlichen Streitrossen, buntgestickte

Wappendecken, wehende Fähnlein, wappenbunte Schilde, blitzende

Drommeten und Klarinen. Drüben auf teppichbehängter Rampe unter einem

purpurnen Baldachin ein Gedränge fürstlicher Männer und schöner Frauen.

Und alles winkte, grüßte, rief, jauchzte und trompetete ihm zu, der

ganz benommen stund von all der Pracht und Herrlichkeit. Er war ja

ein schlimmer Hans Taps, der arme Müller- und Schäferknecht, und der

feinen höfischen Sitten gar unkund. Das mocht' wohl der kluge Schimmel

wissen, denn er beugte zierlich ein Knie vor dem Thronsitz und den

hohen Herrschaften droben, und einmal dann nach rechts und einmal nach

links, und da mußte der arme dumme Hans halt mittun, er mocht' wollen

oder nicht; und siehe da, jubelnder Beifall lohnte dem höflichen Gaste,

daß er sogleich stolz den Kopf hochwarf als wie: was bin ich doch für'n

Kerl! Ei ja, Hoffart lernt sich gar schnell.

Da klangen Fanfaren, Herolde führten sein Roß am Zügel in die Bahn,

eine Lanze ward ihm gereicht, und nun ging's an ein Rennen und Streiten

und Stechen. Hans paßte scharf auf, wie's die andern machten, denn er

war der Letzte an der Reihe. Da aber trat die ganze Ritterschaft dem

fremden Kämpen entgegen, und sie alle, alle sanken vor seiner Kraft

in den Staub. Da lachte Hans vor sich hin, und es klang ihm seines

Schäfers Wort im Ohr: »Hans, du Schlagetot, du taugst keinem Menschen

was! Häng dich auf! Aber es muß ein starker Ast sein, den du dir

aussuchst!« Das hätte der Schäfer nur sehen sollen, wie hier gewaltiger

Jubel um seinen unnützen Knecht erbrauste, der König sich freudig erhub

und alles mit ihm --. Das Roß aber stieg plötzlich hoch. »Schimmel,

bist du des Teufels? Die Prinzessin winkt mir! Sie ist so schön!

Schimmel, Satansvieh! Nur ein Wort, lieber, süßer Schimmel, nur einen

Blick!«

-- Durch dunkle Wälder, über rauschende Bäche, durch wogende Kornfelder

ging's dahin wie die wilde Jagd, und eh sich's Hans versah, stund er

daheim im Stalle, nahm mit zitterndem Herzen und zitternden Händen dem

Schimmel, der jetzt die Wundergabe der Sprache verloren zu haben schien

und nur ein gewöhnliches Pferd war, Sattel und Zaumzeug ab, warf sich

dann, nachdem er ein Weilchen kopfschüttelnd vor sich hingestarrt,

mit fiebernden Schläfen auf ein Strohlager nebenan in der Kammer

des Roßknechtes, wo ihn bald, ehe sich noch ein buntes Träumen von

blitzenden Rittergestalten, Kampf und Sieg und von der holdseligsten

der Frauen angesponnen, ein tiefer, tiefer Schlaf einhüllte.

Als er am nächsten Morgen spät erwachte, wußte er lange nicht, wo

er sei. Da leuchteten ihm die Augen aller der Rosse so traulich,

als sprächen sie: »Guten Morgen, Hans! Glück auf, Hans!« Da er aber

an seiner Leibeslänge hinabsah, erschrak er heftig des greulichen

Zerganges, so sein eh schon kümmerlich Gewand gestern erlitten: die

Hose ganz zerschlissen, zerwetzt und zerfranset, das linke Knie

leuchtete gar durch einen breiten Riß, sein Wams kurz und klein und

aus allen Nähten, also daß er's wütig vom Leibe riß. Doch eh er des

Wunderns ein Ende fand, huben die Seltsamkeiten von gestern wieder an.

Nur war's heute eine braune Stute, die ihn beim Namen rief und mit ihm

von hinnen brauste. Das Spießrutenlaufen in der Dorfstraße war heute

noch quälender denn gestern; die Gänseherde schien sich verdoppelt

zu haben, die Zahl der wütenden Köter gleichermaßen, das Lachen,

Schreien und Johlen der Männer, Frauen und Kinder auch; und was das

Tollste, das Dorf deuchte ihn heute noch eins so lang. Dann gings wie

gestern her: die Stute schüttelte sich kräftiglich, ward ein gewaltig

Schlachtroß mit noch köstlicherer Deckenzier, des Reiters Harnisch

und Wehrgeschmeid aber war eitel gleißend Silber. Wieder war er da

oben Sieger, der Jubel groß, die Prinzessin ohnmaßen lieblich. Doch

da der König sich erhub und sein minnig Kind mit ihm, tausend Hände

ihn grüßten, und alle Fähnlein sich unter hallenden Fanfaren vor ihm

neigten -- »Stute, bist du des Teufels?« Er mochte wollen oder nicht,

wieder ging's davon ohne Valet, und ehe er sich's versah, lag er mit

dröhnendem Schädel auf dem Roßknechtlager, wo sich schwerer Schlaf auf

ihn warf.

Am dritten Tag war's ein hochbeiniger Rapphengst, der ihn entführte.

Ach, heute war's gar ein halbnackter Strolch, der kaum noch dürftig

in Hemd und Hose hing und auf einem wahren Grauen- und Spukbild von

humpelnder Schindmähre durch das vergnügte Dorf sich schleppte. Hier

schien sich wirklich heut die ganze Bauernschaft der Gegend zu seinem

Empfang zusammengerottet zu haben; ja, er wurde mit Spannung erwartet.

Die Gänseherde war schier unabsehbar, das Schnattern und Zischen, dazu

das Heulen und Bellen der unheimlich angewachsenen Dorfkläffer gar zum

Verrücktwerden. Die ganze Welt schien ein Gelächter und Hohngeschrei;

die Bäume schüttelten sich vor Lachen, die Kühe aus den Ställen

brüllten Hohn, Hohn meckerten die Ziegen am Wegrain, und auf einem

Scheunendach schlug der Storch mit den Flügeln, nickte wie närrisch

und klapperte vor Vergnügen wie ein Toller. Und die Mädchen! Hansen

liefen vor Harm und Scham die Tränen über die Backen. -- Was war denn

das? Da trat ein Dorfmägdlein ganz dicht an ihn heran und patschte dem

lahmen Rappen lachend auf das magere Hinterteil: die war so schön!

Wär nicht das grobe Bauernhemd um ihre Brust gewesen und ihre Stirn

und drallen Arme von der Erntesonne so braun und die Grannen in ihrem

gelben Haar -- er hätte geschworen, es sei die Prinzessin droben vom

Glasberg! Doch nein, so ungezogen lachen konnte die wohl nicht, war's

gleich ein köstlich Ding, wie das Dirnlein im Lachen die leuchtenden

Zähne zeigte! Und die Dorfstraße nahm gar kein Ende heute, und der

Spott ward immer giftiger, schließlich flogen ihm gar Futterrüben und

Steine um die Ohren! Da hieß es wohl: festbleiben und sich kein Liebes

noch Leides beirren lassen! Aber schließlich überstund er's. Am Fuße

des schimmernden Glasberges schüttelte sich der Rapp, und ein Ritter in

goldener Rüstung stob in einer blitzenden Gewitterwolke über das blanke

Berggewände in die Schranken des Turniers.

Als aber heute die Drommeten seinen Sieg und des Rennens Ende kündeten,

da schlug das Eingangstor zum Turnierplatz -- so hatte es der König

angeordnet -- krachend zu. Der König selbst eilte dem Sieger vom

Tore her entgegen. Da nahm der Rappe einen Anlauf, und hast du nicht

gesehen, setzte er samt seinem goldschimmernden Reiter über das

Torgitter hinweg. Der König hatte im Zorn sein Schwert gezogen: »Warte,

Trotzkopf! wenigstens zeichnen will ich dich!« und schlug nach dem

Entweichenden. Er traf ihn ins Bein. Unser Hans aber hatte so festes

Fleisch, daß die Schwertspitze abbrach und haften blieb. »Ho, nun

bist du mir sicher!« lachte der König, da er sein stumpfes Schwert

betrachtete.

Des Königs Töchterlein aber saß im innersten ihrer Gemächer, mied

Speis und Trank, träumte und weinte. Da ließ der König vom gläsernen

Berge durch Boten, die er in alle vier Winde sandte, kund tun und zu

wissen: Der Ritter, in des Schenkel Seiner Majestät Schwertspitze

haftet, empfängt dero königliches Kind zur Hausfrau. Dem König hatte

nämlich ein Wahrtraum, von Gott gesandt, Wunder verheißen von dem

unwiderstehlichen Sieger, als werde von ihm alles Heil seinem Reiche

und seinem königlichen Hause kommen. Nun war aber jeder, der das Herz

am rechten Fleck hatte, über die Maßen verliebt in das holdselige

Königskind, das ebenso gütig und bescheidenen Gemütes war, wie es

nach Geburt, Rang, Reichtum und Schönheit das Haupt hätte hochtragen

dürfen, und viele brachen die Spitze von ihren Schwertern und trieben

sie sich ins Bein und ließen sich so zum Könige tragen. Doch alle

mußten mit Schanden heimfahren, keine der Schwertspitzen paßte an das

Königsschwert.

Was war inzwischen aus Hansen geworden? Erst hatt' er seiner Wunde

nicht acht, vermeint, es sei wohl ein Mückenstich oder Holzsplitterchen

oder Dorn, irgendwo beim Reiten mitgenommen. Doch bald eiterte

die Wunde, und Hansens Strohlager ward zum Siechbett. Das waren

freilich böse Tage, da durft' er fein stöhnen und sich all seine

Sünden bedenken, bis daß er sich seines Lebens gar verziehen und

ergeben gedachte: »Nun ist's aus! Schade, es fing so prächtig an!

und hundertmal schade um das süße Prinzeßlein! Säh sie mich nur

einmal noch vorm Sterben an!« Am traurigsten deucht ihn, daß er grad

Hungers sterben mußt. Denn war er gleich Herr im Schlosse, wo keine

Menschenseele atmete, und konnt' sich also auch wohl sein lassen an

all dem Guten in Küche und Keller, so war ihm doch am wohlsten in

seinem Stalle auf dem Strohlager, und er pfiff auf die Prunkgemächer

im Schloß und die schwellenden Polster in Seide und Brokat. Da lag er

denn, stündlich eines neuen Wunders gewärtig. Doch es geschah keins.

Auch keins der Rosse tat mehr den Mund auf und plauderte mit ihm. Er

blieb einsam mit seinem Schmerz, seinem bittern Ärger, daß ihm alles

Glück vor der Nase verschwunden, seinen sehnsüchtigen Gedanken an

das Königskind und -- seinem Hunger. Denn wie seine Wunde schlimmer

und qualvoller ward, konnt' er nicht mehr auf, konnt' er sich nicht

mehr zur Küche schleppen; er kaute Haferkörner vor Verzweiflung, fiel

täglich mehr vom Fleische und sah sein Ende nah.

Er wußte nicht, daß eben sein Weh und seine Not ihm der Anfang von

allem Erdenglück sein sollte. Er lag mit offenen Augen des Nachts im

Fieber und starrte durch das staub- und spinnwebtrübe enge Fensterchen

seiner Roßknechtkammer in den Mond und, wie er halb schon mit seiner

Seele außer dem Leibe war, erlebte er viel feine und zarte und fromme

Gedanken, wie sie dem derben Schlagetot niemals noch in Herz und Sinn

den Weg gefunden. Denn der Tod saß an seinem Bett und tat ihm manch

edles Wissen kund und erzählte ihm, wie die Welt so schön und des

Menschen Herz so arm und so reich, so eng und so weit, und sang ihm

eine Schlummerweise von der Liebe Gottes. Da war's, als ginge geheime

Zwiesprach durch die Stände der Rosse, von Krippe zu Krippe, die Ketten

klirrten, und wenn der arme Todkranke hätte aufstehen und hinausschauen

können, so konnt' er den Schimmel wie ein fliegendes Silberwölklein

durch die Mondnacht jagen und entschwinden sehen. Dann war's still im

warmen Stalle, kaum daß noch eine Kette rasselte und ein Huf dumpf

den Boden stampfte; nur die kurzen Atemstöße des Fiebernden waren

vernehmbar.

Des Königs Leibarzt hatte schweren Dienst jetzt. Der Prinzessin

wurden die Wangen bleich, und alle besten Ritter des Reichs hatten

wunde Beine, da gab's viel zu tun. Er hatte in einem gelehrten Buche

noch studiert bis gegen Mitternacht. Nun ergriff er die Lampe, um zu

Bett zu gehen? Da schlug's draußen gewaltig ans Tor. Er öffnete das

Fenster und schaute hinaus und rief: »Wer begehrt so spät noch mein?«

-- »Des Königs Eidam!« rief's draußen. War aber kein Mensch zu sehen,

ein schlanker Schimmel stund drunten, gesattelt und gezäumt, und warf

nickend den Kopf auf. Der Arzt setzte sich die Brille auf -- es blieb

ein Schimmel. »Alle guten Geister loben den Herrn« -- »Amen,« sprach

der Schimmel. Da erleuchtete Gott des Arztes Sinn, und er erkannte das

Roß, auf dem der fremde, stahlgewappnete Ritter zum erstenmal turniert

hatte. »Das ist ein wunderlich Ding,« sagte er und trat hinaus. Da

beugte das edle Tier ein Knie, und nun erkannte er es für gewiß und

verstund seine einladende Geberde. Er eilte zurück, versah sich mit

allem Gerät seiner Kunst, Verbandzeug und heilsamen Essenzen, warf

einen Mantel um und setzte sich in den Sattel. -- »Halt' dich fein

fest, hochgelehrter Herr --« und heidi! ging's davon, daß der arme

Doktor die Augen schloß und seine Seele Gott befahl.

Da tauchte ein Schloß auf, das der Arzt, der nun schon an fünfzig Jahre

dort wohnte, nie gesehen, noch auch nur nennen hören, und eh' er sich's

versah, stund er am Schmerzenslager eines zerlumpten, halbnackten

jungen Burschen, der fiebernd mit dem Tode rang. »Hier ist's hohe

Zeit!« sagte der Doktor, der die Züge des wunderstarken Ritters in dem

Antlitz des armen Teufels erkannt hatte. Da stund schon der Schimmel

da und trug in den Zähnen einen Eimer klaren, kühlen Wassers, eben

am Brunnen draußen geschöpft. »Ei Dank, mein freundlicher Famulus!

Schau, du verstehst's!« lachte der Meister, und nun ging's an ein

liebevoll Pflegen und Heilen. Au, das tat aber weh, wie der Arzt die

Schwertspitze aus dem entzündeten Bein herausholte, und als er sie

betrachtete, da war der letzte Zweifel geschwunden: Des Königs Krone

war darauf zu sehen!

Hm, dachte der Arzt, so wär der Kerl ohne Strümpfe und Schuhe des

Königs Tochtermann? und er ließ sich von Hans seines Lebens Mär

erzählen -- vom Müller, vom Schäfer, dem verschollenen, menschenleeren

Schlosse, den drei hilfreichen, wunderbaren Rossen, und dachte hin und

dachte her: Sagst du dem Bruder Habenichts, daß er nach des Königs

Wort und Wille sein Tochtermann? Sagst du's dem König, daß du ihn

hier aufgefunden? Und sein Sinn neigte sich allgemach dem treulosen

Vorsatz zu, dem Jüngling sein Geschick, dem König seine Entdeckung

zu verheimlichen, auf daß nicht Königskind und Reich einem unedlen

Fremdling anheimfielen. Immer fester ward sein Entschluß, alles für

sich zu behalten, und so gedacht' er, da er an dem Kranken seine

Pflicht getan, heimzureisen.

Ja, aber wie? Er wußt' nicht, wo er war, ob seine Heimat nach Osten,

Westen, Süden oder Norden von hier aus gelegen. Das Schloß war ihm

unbekannt, rundum die Wälder so endlos wie stumm, und -- ~der

Schimmel wollte nicht~, im Guten und im Bösen nicht, er duldete

keinen Sattel, schlug um sich und biß! Der Arzt raufte sich die Haare

und den Bart, jammerte um seine Kranken daheim und hätt' sich schier

verschnappt: hatten doch alle die gleiche Wunde wie Hans; jammerte um

die Prinzessin und hätt' sich schier wieder verschnappt: bleichten ihre

Wangen doch um den fremden Rittersmann; jammerte über des Königs Zorn.

Hans legte beim Schimmel, beim Rappen, bei der braunen Stute ein Wort

für seinen Arzt und Retter ein -- umsonst.

Schließlich ward der Arzt gar kleinlaut und verzagt, verzweifelte ganz,

jemals die Heimat wieder zu sehen. Indes Hans mit dem Jagdgerät, das

er im Schlosse entdeckt, lustig zum Weidwerk zog, saß er trübsinnig

im Stall auf der Futterkiste, und nun war's an ihm, über seine Sünden

nachzudenken. Und das war sein Glück. Denn wie's ihm so recht klar

wurde, welche Treulosigkeit er plane, und wie er vermessen den Willen

Gottes, der sichtlich den guten Hans seine besonderen Wege führte,

hemmen und hindern wolle, und wie er dann aufsprang, mit der Faust auf

die Haferkiste schlug und bei sich sprach: »Nein! der Wahrheit die

Ehre!« da gab's ein Stampfen und Klirren im Stall, Schimmel, Rapp und

Braune eilten aus ihren Ständen, und freudig legte der Doktor, der

dankbar die Antwort Gottes auf seine gerechten Gedanken erkannte, dem

Schimmel den Sattel auf, und heidi! ging's davon, Rapp und Stute jagten

ledig hinterdrein.

Groß war Hansens Staunen, als er den Meister und die drei Rosse

vermißte. Er war inzwischen in Einsamkeit, in Leibes- und Herzensnot

ein still nachdenksamer, frommer Gesell geworden und dachte nicht

mehr: »Nur zu! mir ist schon alles recht!« sondern fein demütig: »Wie

Gott will.« Und so geschah's. Als tags darauf die Welt in weißem

Morgenlichte lag und Hans mit Bogen und Speer in den Wald trat, wie

ein Riese der Vorwelt anzuschauen, im selbstgefertigten Fellwams mit

bloßen Armen und nackten Füßen, aber schön und stark von Gliedern,

da trabten drei Rosse daher, hellwiehernd ein Schimmel voran, drauf

mit fliegenden Locken und glühenden Wangen das königliche Kind, der

König auf dem Rappen, der Meister Arzt auf der braunen Stute, und

sie staunten alle drei, wie urköniglich, ein Liebling Gottes, schön

und prächtig an Haupt und jungen Gliedern, der schlanke Weidmann

daherschritt, und der König rief: »Unser Ritter! Glückauf, junger Held!

Wer als König geboren ward, den kleidet der Kittel des Müllerknechtes,

der Rock des Schäfers und das Lumpengewand der Not königlich wie

Hermelin und Purpur!« Der Jüngling erglühte in tiefer Scham und sank

demütig in die Knie. Der König aber hub ihn an seine Brust -- küßte ihn

und sprach: »Du bist der Rechte; ich nehme dich aus Gottes Hand. Du

aber, mein Kind, nimm ihn aus meiner Vaterhand.« Und Hans legte bebend

seine Hand in des lieblichen Mädchens Rechte, zu küssen wagte er sie

nicht. Bald war die Hochzeit. Das Schloß mit all seinen Schätzen blieb

des jungen Paares eigen. Die Rosse aber waren spurlos verschwunden.

Es hieß, es seien keine rechten Rosse gewesen. Wer will das sagen?

Der Arzt wußte was zu fabeln aus einer alten Chronik, die er in einem

Turmgemach daheim gefunden, von blutigen Fehden, die einst zwischen

dem Schloß der Ahnen seines Königs und jenem entbrannt und alles

Leben in dem alten, grauen Schlosse vernichtet, uralter Schuld, die

erst zu sühnen wäre, wenn ein reiner Jüngling das alte Schloß wieder

aufgefunden und zu eigen genommen und ein reines Mägdlein aus dem

Schlosse des Glasbergkönigs gefreit hätte. -- Wer weiß, was an der

Geschichte wahr ist. Genug, Hans lebte mit seiner Gattin herrlich und

in Freuden, und als der alte König die Augen schloß, war er seinem

Lande nicht nur ein siegreicher und starker Schirmer, sondern auch ein

gerechter und frommer Herr.

[Illustration]

Der Hasenhirt

Der König von Portugal meinte, wenn seine schöne Tochter nicht bald

unter die Haube käme, so würde sie sauer und holzig, und möcht' sie

keiner mehr. -- »Desto besser!« rief stolz das hübsche Kind. »Kann denn

unsereins, wenn's nur leidlich grad gewachsen ist und kein garstig

Gesicht hat, nie leben, wie's ihm gefällt? Was frag ich nach den

Mannsleuten! Will mein eigen sein und bleiben! Wenn sie doch wüßten,

wie dumm ich all ihr Getu finde. Hat denn das unnütze Volk auf der

Gotteswelt weiter nichts zu tun, als vor unsereinem Männchen zu machen?

Ich kann bald kein Wesen mit Hosen an den Beinen und Haaren im Gesicht

mehr sehen.«

Das war freilich sehr kräftiglich gesprochen, und der gute König

hätt's endlich einsehen müssen: bei der ist nichts zu hoffen! Aber er

konnt' und konnte sich nun mal nicht darein finden, daß er nie und

nimmer ein Strampelchen von Enkelkind auf seinen Knien sollt' reiten

lassen; ach, und wer sollte gar dereinst sein Reich erben? »Das ist

meine geringste Sorge,« sprach die Prinzeß und rauschte hinaus. Der

König erseufzte und ließ den Kopf auf die Brust hangen, daß ihm schier

die Krone heruntergerutscht wär. Da kam sein stolzes Töchterlein, der

soeben ihre neunmalschlaue Amme spottweis einen Rat gegeben, wieder

herein und sprach lachend: »Ich will dir was sagen, Väterchen! Wer mir

einen goldenen Apfel bringt, den nehme ich, sonst keinen; heißt das,

er darf nicht beim Goldschmied gewachsen sein, vom Baume brechen muß

ihn der Glückliche!« Da seufzte der König noch tiefer auf, daß sie aus

einer ernsten Sache einen so schnöden Spaß mache. Der alte Kanzler aber

wiegte das Haupt und meinte, bei Gott sei kein Ding unmöglich, und noch

sei nicht aller Tage Abend.

Der Prinzessin mutwillig Wort war kund worden im Lande, und all die

lüsternen Freier ließen ebenso wie der König ihre Köpfe hangen. Du

lieber Gott, wo sollte in aller Weltweite ein Baum mit goldenen Äpfeln

wachsen? Nur ein General war da, ein schnurriger Kauz, von dem hieß

es, er sei fest und gefeit und könne mehr denn Brot essen; der hatte

neuerlich ein verdächtig Wesen mit einem Manne nicht eben feinen

Geschreis, den sie einen Magister der vermaledeiten Künste schalten,

und trug jetzt täglich ein immer fröhlicher Gesicht zur Schau,

gleichwie einer, der einen Schatz wo liegen weiß, sah auch täglich

jünger aus; und wenn er allein war, so rieb er sich die Hände, tanzte

auf einem Beine, warf sich in seinem Spiegel Kußhändchen zu und färbte

sich das schon grauende Haupt- und Barthaar pechrabenschwarz -- und

eines schönen Tages war er verschwunden, wußt' keine Seele, wohin.

[Illustration]

Von Hollas Rocken · 第 2 / 7 段