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Eberhard König
Von Hollas Rocken
Märchen
[Illustration]
E. Matthes, Verlagsbuchhandlung Leipzig und Hartenstein-Sachsen
Inhalt
Vom Schneiderlein mit den drei Hunden 1
Das Pferdeei 12
Die Ausreißer 16
Das Unglaubliche 30
Wie der starke Hans sein Glück fand 34
Der Hasenhirt 58
Das Märchen von der schönen Schwanenjungfer 79
Der Geiger und seine drei Gesellen 95
Mausfallenwenzel 132
[Illustration]
Vom Schneiderlein mit den drei Hunden
Ein armes Schneiderlein hatte zu Hause nichts zu verlieren und ging
auf Reisen. Da lief ihm mitten im Walde ein großer Hund in den Weg,
bot ihm die Zeit und fragte es, ob's ihn nicht mitnehmen wolle. »Ei,
warum nicht, so du mir dienstbar und zu Willen sein willst; lauf du nur
in Gottes Namen hinter mir drein!« Über eine kurze Wegstrecke kam ein
zweiter Hund, trug ihm seine Dienste an und ward des ersten Kamerad,
und -- es mochte halt ein närrischer Tag sein, -- eh' noch der Abend
sank, waren's ihrer drei; ob sich gleich unser Schneiderlein den Kopf
kraute und die alte Mütze von einem Ohr aufs andere schob, wenn er's
bedachte, wie er wohl drei Hunde ernähren möchte, da er sich selber nur
mit Ach und Krach durch die leidige Welt schlug. Aber der Hund sah ihn
mit so guten Augen wie ein bittend Mägdlein an, und das Schneiderlein
hatt' ein zu gutes Herz und, das Beste, was ein armer Teufel haben
mag, auch ein leichtes, sorgloses Herz, und dachte sich: »Gott wird
uns vieren schon weiterhelfen; wer weiß, wofür es gut ist.« Nun, des
sollt' er gleich gewahr werden. Es war dunkel worden, Beine und Magen
des Schneiderleins waren ~einer~ Meinung: es sei Feierabendzeit
und recht die Stunde, einen guten Imbiß zu tun. Da war auch schon der
Wald zu Ende, ein fettes Dorf lag einladend vor ihnen, und gleich an
der Wegecke hinter der Brücke winkte ein stattlich Wirtshaus. Da ward
dem Schneider weh ums Herz; denn es gedachte seines mehr als mageren
Beutelchens und der gedeihlichen Sachen, die man da drin für gute
Batzen haben könnte. Kaum hatt' er's gedacht, sprach der erste Hund:
»Kopf hoch, Herrlein, wenn's weiter nichts ist! Geh du nur forsch
hinein, bestelle Abendbrot für vier Mann, das Bezahlen laß unsere Sorge
sein.« Des Schneiderleins leichtsinnig Herz war ein gläubig Herz; so
schwang er die Elle wie ein Streiter des Herrn ums Haupt, trat wie
ein großmögender, dickbäuchiger Holländer und Kaufherr mit großen
Prächten ein, schlug auf den Tisch: »Heda, Wirtschaft!« Der Wirt kam
mit untertänigem Krummbuckel herbeigeeilt, denn so herrisches Gebaren
roch nach Dukaten, zog aber den ganz ergebenen Rücken wieder grade,
da er Felleisen, Schere und Elle gewahrte; doch der Gast trug eine so
ohnegleichen zahlungsfähige Miene zur Schau, tat so verwöhnt: »Hat
er was Gescheites, Herr Wirt? Nun, wir wollen's versuchen. Man lernt
fürlieb nehmen unterwegs; aber beeil er sich; und einen guten Trunk,
vom Besten, verstanden?« So spricht nur ein gespickter Geldsack, dachte
der Wirt, und indes der Gast sich's im weichsten Lehnstuhl behaglich
machte und die Beine erschreckend lang unter den Tisch streckte,
trug der Wirt geschäftig auf, was das Haus vermochte: Gesottenes und
Gebratenes, Wein und schäumendes Bier. -- »Für vier Personen befehlen
der gnädige Herr?« fragte lächelnd der Gastwirt. »Ich sehe aber Euer
Gnaden allein ...« -- »Schwatz er kein Langes und Breites, und tu er,
wie ich befohlen!« herrschte ihn der Schneider an; denn schlimm läuft's
doch ab, dacht' er, da will ich mir vorher doch eine Güte tun und den
großen Herrn spielen. Große Herren aber, so viel wußte er doch schon
von der Welt, sind grob. Der Wirt gehorchte erschrocken, die Wirtin
aber stund dick und breit hinterm Schenktisch und wartete mit großen,
runden Augen, wie das Ding wohl laufen würde; denn der Schneider sah
nicht aus wie einer, der für viere aß. Kaum aber, daß aufgetragen war,
brachen die drei Hunde herein, sprangen jeder auf einen Stuhl und aßen
und tranken mit vielem Anstand, daß die Wirtin ob solchem verständigen
Getier mit »Jemine!« und »Was man doch alles erlebt!« kein Ende fand,
der Wirt aber sich scheu an dem Gaste vorbeidrückte, den er für einen
Hexenmeister hielt. Denn er war, muß man wissen, ein arger Schelm und
Betrüger, und darum lebte er in beständiger Angst, einen zu treffen,
der noch schlauer und durchtriebener wäre denn er und sein dickes
Weib. Die klugen Hunde kannten ihn wohl, und nach dem Essen sprach der
erste zu seinem Herrn: »Nimm du jetzt den Weg zwischen die Beine, laß
all dein Gepäck hier liegen, ich steh dafür ein; die Zeche bringen
wir indes in Ordnung«. -- »Ich bin euch verbunden, meine Freunde,«
sprach das Schneiderlein, »mir soll's recht sein« -- stund auf und
reckte sich, fing ein freundlich Geplauder mit der Wirtin an, immer
mit der Miene eines Gönners und Weltmanns: »Ein ansehnlich Dörflein,
Frau Wirtin«. -- »Ei ja, es muß angehn, gnädiger Herr.« -- Dann fragte
er nach den Erträgnissen des Bodens, ob kein Haus hier zu verkaufen;
die Gegend dünke ihn lieblich und die Luft gesund. So, so? Am andern
Ende, wo der Wald angrenze? Der Wald? Vortrefflich, das sei ganz so
sein Gusto! Schöne Buchen, gelt? -- Ja, aber das Grundstück werde kaum
groß genug sein, fürchte er; er wolle Pfirsiche ziehen und eine ganz
edle Kartoffel. -- »Ei der tausend!« staunte die Wirtin. -- »Ja, eine
Kartoffel, die hier im Lande ganz unbekannt, als Spalierobst, muß sie
verstehn.« -- »Nicht möglich!« -- Indes er könne ja zur Verdauung
mal das Dorf hinaufgehen und sich Haus und Hof beschauen, auch die
Nachbarschaft, denn er sei gar heikel. Daß sie ihm nur gut auf sein
Gepäck acht habe! »Versteht sich, gnädigster Herr!« -- »Also bis
nachher, Frau Wirtin!« -- »Wünsche, wohl gespeist zu haben, gnädiger
Herr.« Damit ging er. So wie die Stube einen Augenblick leer war, faßte
jeder der drei Hunde ein Stück von dem Gepäck, und weg waren sie. Der
Wirt und seine dicke Frau warten heute noch, daß der gnädige Herr von
seinem Verdauungsspaziergang zurückkehre, sind aber beide nicht in sich
gegangen, darum, daß ein anderer mal der Schlauere gewesen.
Die Hunde aber führten ihren Herrn noch am selben Abend zu einem Schloß
im Walde. Da schaute ihn der erste groß an und wedelte freundlich:
»Hast du Wagelust, Herrlein?« -- »Mehr denn Geld.« -- »So binde uns
an einen Strick und führ uns in das Schloß und verkauf uns den Riesen
da drinnen!« -- »Hm, Riesen, sagst du?« meinte das Schneiderlein und
kraute sich hinter den Ohren. »Mit derlei großen Herren soll unbequem
verkehren sein.« -- »Sei keine Bangbüchs, Herrlein; dies eine Mal halt
die Ohren steif, dann bist du ein gemachter Mann. Guck, hier hast du
was, was du bei keinem Krämer erhökern kannst. Hiemit getrau ich mich,
mitten durch die Hölle zu marschieren.« Damit gab ihm der eine Hund
ein Salbentöpfchen: »Bestreichst du damit einen Stuhl, so bleibt jeder
kleben, der sich darauf setzt.« Der zweite gab ihm ein Haselstöcklein:
»Wen du damit vor den Kopf triffst, der tut keinen Pieps mehr!«
Der dritte gab ihm ein Hörnlein: »Bist du in Not, so blase uns
herbei!« Die drei wunderlichen Kleinode hatten sie unter einem großen
Wachholderbusch aus dem Boden gescharrt. Es waren eben aus der Maßen
kluge Hunde. »Ja, wenn dem so ist, meine Herren,« sagte der Schneider
zu den Hunden, »so will ich's in Gottes Namen wagen.« Zur Probe setzte
er das Hörnlein an den Mund. Ach, sein bißchen Atem war so dünn wie
ein Zwirnsfaden, aber das klang, als bliese ein stämmiger Erzengel die
himmlische Posaune, daß der Schneider darob vor sich selber Hochachtung
bekam.
Mutig trat er, die Hunde am Seil, ins Riesenschloß, stieg eine breite
Marmortreppe hinan -- das heißt: er stieg nicht, er klomm und turnte
mit Händen und Füßen die gewaltigen Stufen, die für ganz andere
Beine berechnet waren, mühsam hinauf, kam keuchend und schwitzend
vor eine Saaltür, an der die Klinke so hoch saß, daß er sich wie ein
kleines Kind mit seinem ganzen Leibesgewicht daran hängen mußte;
womit nun freilich nicht viel gesagt ist, denn wenn er sich gleich
heut Abend plumpsatt gegessen hatte, es reichte doch nicht! Da hörte
er von drinnen eine Stimme, vor deren Dröhnen ihm das Haar zu Berge
stund: »Krabbelt da eine Ratte an der Saaltür?« Gleichzeitig flog
die Tür nach innen auf, und unser Freund, noch mit einem Arm an der
Klinke hangend, wurde in schönem Bogen in den Saal hineingeschwenkt.
Brüllendes Gelächter der Riesen, die an einer langen Tafel zechten,
begrüßte seinen seltsamen Eingang: »Ein lebendiger Hampelmann, Bravo!«
und sie klatschten, daß von der Lufterschütterung der Schneider Leibweh
bekam. Mit ihm waren die Hunde hineingeschlüpft. »Mut,« flüsterte
der eine, »es steht gut, sie sind betrunken und lachen«. Da zog der
Schneider, der seine Füße wieder gefunden hatte, gar zierlich den Hut,
machte einen possierlichen Kratzfuß, und ob die Herren Riesen nicht
drei schöne Hunde kaufen täten. Sie beschauten sie rechts und links.
»Gut, Freund,« sprach der Längste, der ein rechtes fuchsbartiges
Galgenvogelgesicht hatte, »wir wollen sie behalten. Wir sperren sie
gleich in den Zwinger unten. Warte du derweil hier, bis wir wieder
kommen und dir dein Geld bezahlen.« Dabei kniff er das linke Auge ein
und puffte seinen Nachbar in die Seite; der kniff auch das Auge ein und
gab den Puff an den dritten und so fort. Daß die wüsten Kerle nichts
Gutes mit ihrem Gaste im Sinne hatten, das zu merken, brauchte es
nicht der schweren Menge Witzes, die unser Schneider besaß. Wiehernd
polterten sie hinaus. »Pfeift der Wind aus dem Loche?« dachte der
Kleine. »Hoho, wir sind auch noch da!« kletterte mühsam auf alle Stühle
und schmierte sie säuberlich mit seiner Salbe ein. Alsbald tobten die
ungeschlachten Kumpane wieder herein und schnoben ihn an: »Du hast uns
betrogen, du spinnbeiniger Gauner! Dafür sollst du, so mager du bist,
gefressen werden!« »Wenn die Herren meinen,« sprach der Schneider,
und dabei bebte ihm nicht einmal die Stimme. »Warum nicht? Was liegt
an mir? Aber, meine Herren, Ordnung ist's halbe Leben: hübsch nach
Urteil und Recht, so gehört sich das. Wenn die werten Herren Platz
nehmen wollen. Ich stelle mich dort drüben auf und will versuchen,
mich kunstgerecht zu verteidigen.« Die Riesen lachten: »Macht ihr
Menschengeziefer das so? Gut, lassen wir uns den Spaß mal gefallen.«
Und sie nahmen erwartungsvoll und aufgeräumt Platz an der Tafel. Der
Schneider nahm einen Schemel, setzte sich ihnen gegenüber, stopfte sich
einen Pfeifenstummel und qualmte sie an. »So wird's gemacht, damit
ihr's lernt!« und er paffte und paffte. »Nun, wird's bald?« knurrten
die Riesen. »Ei, ich bin schon fertig, ihr Herren, und somit verurteile
ich euch allzumal zum Tode.« Da lachten die Unholde über den
spaßhaften kleinen Kerl, daß der Kalk von den Wänden fiel. Schließlich
dauerte ihnen die Sache zu lange, sie wollten aufstehen und das
Schneiderlein fassen. Ja, prost die Mahlzeit, da kleben sie alle fest
und verstrickten sich, wie sie dagegen ankämpften, wie in unsichtbaren
Netzen immer fester, bis keiner ein Glied mehr rühren konnte. Da schlug
der Schneider in guter Ruh, während er qualmend und schmauchend die
lange Reihe abwandelte, mit seiner Haselgerte einen nach dem andern vor
den Kopf. Da waren sie alle maustot. »So, nun wollen wir uns ein wenig
verschnaufen,« sagte Schneiderlein -- sollt ihm aber nicht vergunnt
sein: schwere Tritte tappten draußen, und herein trat ein Riese, gegen
den die anderen -- Schneiderleins waren. Das war der Riesenkönig, der
heimkam von der Jagd. Er riß die Augen auf und sperrte das Maul auf
wie ein Scheunentor, da er die Toten sah. »Wer tat das?« donnerte
er. »Ich, halten zu Gnaden,« piepte das Schneiderlein. Der Riese
schaute ihn lange sprachlos an. Endlich packte er ihn bei den Beinen:
»Zum Fressen bist du zu kümmerlich, will dich als Spatzenschreck im
Garten aufhängen.« Schon hatte er das Männlein, das sich in seinen
Eisenfingern wand, auf einen himmelhohen Ast gesetzt und drehte gerade
die Schlinge, da erwischte dies in Todesnöten das Hörnlein und blies,
blies, blies, als sollte es platzen. Da fielen die drei Hunde, ihrer
Ketten ledig, nunmehr zu riesenhaften Ungeheuern gereckt, über den
Riesenkönig her und zerrissen ihn. Vor freudigem Schreck plumpte der
Schneider vom Baume, fiel aber weich, da er ein windliches Figürchen
war; rappelte sich auf und fiel den Hunden einem nach dem andern um den
Hals. »Jetzt ist das Schloß,« sprach der erste, »von den tückischen,
zaubermächtigen Riesen befreit. Nun brauchst du uns dreien nur noch
die Köpfe abzuschlagen!« -- »Lieber sterbe ich!« schrie der Schneider.
»So zerreißen wir dich wie den Riesen, wenn du uns jetzt zu gutem Ende
nicht gehorsamen willst. Da liegt des Riesen Jagdmesser -- eins --
zwei« -- »Drei!« stöhnte der Schneider, mit abgewandtem Gesicht das
lange, schwere Messer mit beiden Ärmchen hebend, und schlug zu -- und
noch einmal -- und noch einmal. Dann war alles still.
Totenblaß, bebenden Herzens drehte er sich langsam wieder um und sah
-- nichts. Da hört' er mit herzinnigem Lachen seinen Namen hinter sich
rufen: potzblitz, stund da ein stattlicher König nebst zwo bildhübschen
Prinzessinnen! »Hab die Ehre,« stotterte unser Held und verneigte
sich. »Hab Dank, wackrer Gesell,« lachte der König und streckte ihm
die Hand hin -- »du hast uns erlöst, wir waren --« -- »Doch nicht die
drei Hunde? halten zu Gnaden: die Herren Hunde!« -- »So ist's, mein
Freund, und des zum Dank gebührt dir eine meiner Töchter als Gattin.«
-- »Wenn's denn nicht anders sein soll, so bin ich so frei,« sagte
der Schneider und ergriff die Hand der Älteren, und sie gingen zum
Schlosse. Drinnen aber, da der Riesenzauber gelöst war, wimmelte es von
edlen Herren und Damen, die alle den Schneider als Erlöser begrüßten.
Der Wald rings umher war eine prächtige Stadt geworden mit vielen
Giebeln, Zinnen, Türmen und Kirchen, alle Vögel und alles Waldgetier
fleißige, fröhliche Menschen. Am folgenden Tage gab's eine Hochzeit --
eine Hochzeit! Ja, wer da hätt' mittun dürfen!
[Illustration]
Das Pferdeei
Es war einmal ein Bauer, der hieß Bartel; der ging zu Markte in die
Stadt. Wie er so in der Stadt herumschlendert, sieht er da einen
Händler sitzen, der hatte ein pfiffiges Gesicht und guckte so schief
und schabernäckisch und hatte dazu seinen alten Filzdeckel so schief
auf dem rechten Ohr, daß Bartel wie gebannt stehen blieb und den
braunen Wetterkerl anstarrte. »Grüß dich Gott, Nachbar,« schnarrte der
Gesell und zeigte lachend die weißen Zähne unter dem pechschwarzen
Bärtchen: »eine Prise gefällig?« und streckte ihm mit der braunen Hand
eine Horndose hin. Bartel, der am liebsten weitergegangen wäre -- er
wußte nicht, warum --, langte zu -- er wußte wieder nicht, warum --,
nieste und schneuzte sich umständlich und grinste dann, um was zu
sagen: »Was hast du feil, guter Freund?« -- »Hier, sieh selbst,« sprach
der Händler und schlug von einem Korbe eine Decke zurück. Drin lagen
zwei goldgelbe Kürbisse. »Bruder, was sind das für Dinger?« -- »Was
wird's sein? Das siehst du ja, Pferdeeier halt!« -- »Pferde ... was?«
-- »Ei, nun ja, ich glaub, du hast noch keine Pferdeeier gesehn.« --
»Ei, nicht doch, Bruder, freilich doch, gewiß, natürlich! Pferdeeier,
was sonst?« Sie schwiegen. Der Braune guckte wie gelangweilt gen
Himmel. Der Bauer druckste: »Sag mal -- hm, Bruder, die sind wohl sehr
teuer, he, die Pferdeeier?« -- »Je nun,« sagte der Fremde gleichgültig,
»das Landesübliche. Freilich das größte da mit den grünen Streifen,
das kann ich bei den teuren Zeiten nicht unter zehn Talern lassen;
gibt aber einen prächtigen Fuchs.« -- »Hm, so, so, zehn Taler,« sagte
Hans. Denn ob's ihn gleich wenig bedeuchte für einen Fuchs, wollte er
doch den Gewitzten spielen und wog den Kopf leise hin und her. »Zehn
Taler unter Brüdern, keinen Heller darunter!« rief der andere. »Topp!«
rief Bartel, lieh sich das Geld und erstund das Pferdeei. Nun -- er
kraute sich hinter den Ohren -- wollte er freilich auch genau wissen,
wie so ein Ding ausgebrütet würde. Sagte ihm der andere, das müsse er
fein selber tun, und vier Wochen dauere es um und um; während der Zeit
dürfte er aber beileibe niemalen davon aufstehen, oder müsse er es ja
ab und an, so möge er's doch ja nur recht warm zudecken, daß es sich
nimmer abkühle. »Laß dich, guter Freund, die ganze Zeit von deiner Frau
füttern, hörst du, und gut und reichlich, damit du eine recht hitzige
Brut habest.«
Bartel, der sich sorglich jedes Wort eingeprägt hatte, kam in heller
Freude heim zu seiner Frau: »Denk dir, Alte, was ein Glück! und nur um
zehn lumpige Taler! Ich habe aber auch nicht schlecht gehandelt, glaub
du mir das; den Kerl hab ich tüchtig geprellt!« Und nun konnt er's gar
nicht erwarten, bis sein Nest hergerichtet war. Das Weib legte ihm ein
paar Bund Stroh in dem Stall zurecht; in die Mitte in eine Vertiefung
ward behutsam das kostbare Ei gesenkt; dann setzte sich Bartel drauf
und nistelte sich ein, und dann packte die Frau ihm noch eine Last
Stroh um den Leib, daß er kaum mit den Achseln heraussah, auf daß er
eine recht hitzige Brut hätte. Dann ward er von der Frau brav gefüttert
und gefreckst. Ob's ihm alleweil behaglich war, weiß ich nicht, doch
die Zeit ward tapfer ausgehalten; die vierte Woche ging zu Ende, da
sprang er auf, lahm im Kreuz und rostig in allen Gelenken, horchte an
dem Ei, klopfte dran, doch der Fuchs wollte sich nicht rühren. »Hü!«
sagte Bartel. Das Kutschpferd rührte sich nicht. Da konnte er seine
Ungeduld nicht länger zügeln, nahm das Ei, ging hinters Haus damit, wo
ein großer Stein lag, gegen den warf er's. Da der Kürbis innen schon
ganz verfault war, so flogen die Stücke weit umher, und eins fiel in
ein dichtes Brombeergesträuch, dahinter just ein Fuchs lag und schlief.
Hui! sprang Meister Reineke auf und fegte davon. Da glaubte Bartel, es
sei sein rotes Fohlen, und rief immer: »Hiß! hiß!« und meinte: »Wenn's
müde wird, wird's wohl zurückkommen.« Es kam aber nicht. O, wie hat die
Frau ihren Bartel ausgescholten, daß er so ein ungeduldiger, kindischer
Fant, und er werde halt nie gescheit, und wenn er hundert Jahre alt
würde. Da nahm sich Bartel vor, wenn er wieder ein Pferdeei bebrüte,
solle ihm das gewiß nicht widerfahren. Ob er's nochmal versucht, und ob
er mehr Glück dabei gehabt, weiß ich nicht zu sagen.
[Illustration]
Die Ausreißer
Achtzehn Soldaten, ein Feldwebel, ein Sergeant, ein Korporal, ein
Tambur und vierzehn Gemeine, waren mitsammen auf einer einsamen Wacht.
Es war eine mondhelle Nacht im Lenz, und die Welt lag so weit, so weit;
und alle Straßen, die sich im silbernen Dufte verloren, sahen aus wie
Straßen nach dem Glück; und da gab unter den Braven, die auf einer
Bank vor dem Wachthäuschen saßen und ihre Pfeifen in die laue Nacht
rauchten, ein Wort das andere, wie doch der Dienst so hart sei, das
Traktement so schlecht, der Obrist so grob, der General so stolz, die
Welt so schön, das Leben so kurz und die Nacht so lau, und auf einmal
beschloß die ganze Wachmannschaft: wir reißen aus! Nur der Feldwebel,
der ein alter Soldat war, zwei Feldzüge mitgemacht hatte und außerdem
auch den dicksten Knebelbart in der Kompanie besaß, der mocht' nicht
mittun, wollt' aber den anderen nicht im Wege sein. Auf seinen Wunsch
banden sie ihm Hände und Füße, auf daß er nicht in Verantwortung und
Strafe käme, legten ihn unter die Pritsche, und dann zogen alle,
singend: »Wer weiß, wo in der Ferne das Glück mir noch blüht!« mit Sack
und Pack in die liebliche Nacht hinaus. Sie waren kaum hundert Schritt
von hinnen, kam der Korporal, der seine schöne dicke Ulmer Pfeife auf
dem Tisch liegen lassen, spornstreichs zurückgetrabt; unterdessen hatte
sich aber unser Feldwebel unter der Pritsche das Ding noch einmal in
Ruhe überlegt; wie der Dienst so hart, das Traktement so schlecht, der
Obrist so grob, der General so stolz, die Welt so schön, das Leben
so kurz, die Nacht so warm, und wie er doch schließlich trotz seinem
dicken Knebelbart immer noch in den besten Jahren und jung genug, sein
Glück wie die andern Kumpane noch einmal in der Welt zu versuchen; und
wie der Korporal wieder hereintrat, sprach er: »Weißt du was, Kamerad,
bind mich los; unter der Pritsche ist's nicht kurzweilig zu liegen;
ich gehe mit,« schloß die Wachtstube ab, steckte den Schlüssel ein und
desertierte mit.
Eine Weile war's ganz vergnüglich, so frank und frei in den Lenz hinaus
zu wandern; aber es kam die Zeit, da tauchten vor ihren inneren Augen
die duftenden Fleischkessel der Kaserne auf; denn das bißchen Geld
war bald hin, zumal da sie die erste Zeit täglich ein paarmal ihre
Freiheit feiern mußten, und zu dergleichen gehört ein Schoppen vom
Besten, das versteht sich, denn die Freiheit ist ein hohes Gut. Nun
aber war Schmalhans Küchenmeister. So kamen sie mit enggeschnallten
Leibriemen vor eine einsame Waldschenke. Dreist und gottesfürchtig
marschierten sie hinein, der Feldwebel klapperte mit dem Schlüssel
und ein paar Gamaschenknöpfen im Hosensack, zupfte seinen Knebelbart,
rollte die Augen und sakramenterte wie einer, der's bezahlen kann. Da
fuhren dann willig Teller, Schüsseln und Kannen hurtiglich auf. Wie's
hernach ans Bezahlen ging, griff der Feldwebel mit großartiger Geberde
in den Hosensack als wie: Was kommt mir's auf etliche Kronentaler an!
Rief der Sergeant: »Herr Feldwebel, ich bitte gehorsamst! an mir ist
das Bezahlen!« und fuhr seinerseits in die Tasche. Stund der Feldwebel
mit höflicher Verbeugung auf und ging hinaus. »Herr Sergeant!« rief da
der Korporal, »das geht nicht an, auf Ehre, es geht nicht an! Wollt
ihr denn immer die Zeche bezahlen?« »Gut, wenn ihr meint, Korporal,«
sprach Sergeant und ging hinaus. »Nein, wo denkt ihr hin, Korporal,«
rief der Tambur laut, »soll ich mich immer füttern lassen?« Da schritt
der Korporal würdig hinaus. »An mir ist die Reihe!« schrie der erste
Gemeine dem Tambur zu, also daß der aufstund und ging; dann wollt'
sich aber der zweite vom ersten nicht lumpen lassen, der dritte vom
zweiten nicht, und so bis zum Letzten und Jüngsten, der ein krummer
Rekrut war. Der sprang hinaus, er müsse erst die andern noch mal
hereinrufen, damit man genau nachrechnen könne, was nun eigentlich
verzehrt sei -- fort war er und lief den Siebenzehn nach.
[Illustration]
Der Wirt wollt' bersten vor Ärger, sich so geprellt zu sehn, riß aber
schleunigst das Fenster auf und schrie hinterdrein: »Was lauft ihr so?
Hahaha! Ihr seid allerliebste Spaßvögel! Was hab' ich doch gelacht!
Kommt zurück, ihr Prachtkerlchen, darauf trinken wir noch eins, hahaha!
Ihr sollt auch jeder eine Zehrung mit auf den Weg haben!«
Als sie treuherzig wiederkamen, reichte er wirklich jedem einen halben
Gulden und wies sie gar menschenfreundlich ihres Weges: sie sollten nur
die Straße zur Rechten einschlagen, dann links das zweite Pfädchen,
wieder links den ersten schmalen Steig, so kämen sie an einen Berg
mit einer offenen Tür, da sollten sie nur ihren Einzug halten, und
ihr Glück wäre gemacht. Ob das den Soldaten einleuchtete! Mit tausend
Danksagungen zogen sie ab; der Wirt rieb sich die Hände: »Hehe! Euer
seh ich keinen wieder!«
Im Berge drinnen war's so taghell wie draußen, und eine ebene, glatte
Heerstraße führte behaglich weiter hinein bis vor eine aufgezogene
Zugbrücke, die klapp! herunterfiel, daß sie mit Sang und Klang
darüberschritten; ebenso eine zweite und eine dritte; da stunden sie
vor einem wunderherrlichen Schlosse. »Nun sollen die Herrschaften
hier aber sehen, mit wem sie's zu tun haben,« dachte der Feldwebel
und zwirbelte seinen Schnauzbart und Knebelbart auf. -- »Rangiert
euch!« kommandierte er, daß es von den Schloßmauern widerhallte. Da
traten sie alle in Reih und Glied, die Unteroffiziere auf die Flügel.
»Geschwindschritt -- marsch, marsch!« Der Tambur schlug, und trapp,
trapp stürmten sie zum Schloßtor hinein und hatten solchermaßen gar
tapfer und unerschrocken das Schloß erobert.
War freilich kein hart Stück Arbeit gewesen, denn ringsum war nichts
Lebendiges zu sehen und zu hören. Dafür fanden sie aber einen großen
Pfeilersaal, darin war für achtzehn Mann gedeckt und aufgetragen. Neben
dem Saal waren achtzehn der lieblichsten Schlafkämmerlein, ein seiden
Bett in jedem; all dies behagte ihnen nicht übel, und sie setzten sich
stracks zu Tische, auf daß nichts kalt werde, speisten und zechten wie
die Fürsten bis in die tiefe Nacht, krochen dann mit schweren Köpfen
in ihr seidenen Betten und schliefen wie die Grafen; war ihrer keiner,
den das seidene Bettzeug nur ein Viertelstündchen gestört hätte; ein
Soldat gewöhnt sich eben rasch an alles. Des anderen Morgens wachte
der Feldwebel zuerst auf und wollt' sich anziehn, den Tambur zu wecken,
daß er Reveille schlage; denn Ordnung muß sein. Doch wo hatte der
Teufel seine Montur? Die gleiche Schreckensfrage taten zur Stunde auch
die siebzehn anderen, und so trafen sie alle zusammen mit verdutzten
Gesichtern, barbeinig und jeglicher in sein Bett-Tuch gehüllt. Wie
groß war aber ihr freudiges Staunen, da sie im Saal zwei mächtige
Kisten fanden, in der einen achtzehn neue, blitzfeine Monturen in allen
Chargen, als kämen sie eben vom Schneider, und fehlte kein Knopf und
keine Tresse. Die andere Kiste barg Säbel, Gewehre, Patronentaschen
und eine funkelnagelneue Trommel. Das war ein Spaß für die achtzehn
Ausreißer! Aber nun, oho! da sie wieder das Ansehen von ordentlichen
Soldaten hatten, geziemte es sich auch, daß sie in Ordnung ihren Dienst
taten! Der Feldwebel setzte ein strenges Dienstgesicht auf, strich
seinen Bart grimmig und begann zu wettern und zu sakramentern wie in
der Garnison daheim, führte einen Teil der Mannschaft in die Wachtstube
am Schloßtor, teilte sie in Nummern ab, und nun gab's kein Federlesen;
sie mußten vorschriftsmäßig Schildwache stehen, sich ablösen, melden,
die Beine strecken, ganz, wie sichs unter braven Soldaten gehört. Ja,
für nichts und wieder nichts trägt man keine feine Montur!
So vergingen die Wochen in geregeltem Dienste. Da hielt mit prasselnden
Hufen und Hallo eines schönen Tages eine sechsspännige Kutsche vorm
Schloßtor, daß der Posten vor Schreck und Ehrfurcht: Raus! rief, und
während die Wachtmannschaft präsentierte, der Tambur den Wirbel schlug,
öffnete ein Diener in goldbeschlagenem Rock den Wagenschlag und half
einer wunderschlanken, feinen Dame heraus. Sie ließ sich den Feldwebel
rufen, der just die Posten besichtigte, und nahm seinen Arm. »Ich bin,
lieber Freund,« sprach sie mit einer Stimme wie ein Meislein, »eine
verwunschene Prinzessin ...« -- »Hab ich mir gleich gedacht, Hoheit,«
schnarrte der Feldwebel und zog den Schnauzbart lang und spitz. »Du
aber sollst mich erlösen und mein Bräutigam sein.« -- »Wie Hoheit
befehlen.« -- »Merk auf, Feldwebel! Von morgen an wird jeden Tag
eine andere Prinzessin kommen, die erste zum Sergeanten, die zweite
zum Korporal und so fort, bis jeder von euch die Seine gesehen und
gesprochen hat.« Und so geschah's auch. Die zweite Prinzeß kam andern
Tages, der Sergeant führte sie am Arme, täglich schrie der Posten:
Raus! präsentierte die Wache, und eine war immer hübscher als die
andere. Abends auf dem Saale gab's dann beim Trunk Zank und Streit,
wessen Prinzessin die schönste sei.
Der jüngste Rekrut aber, der überhaupt nicht gut tat und schon einmal
drei Tage Arrest bekommen hatte, weil er frecherweise gemeint hatte, es
sei doch närrisch, daß sie sich hier noch mit dem Dienst herumplagten,
und es danke ihnen kein Hund, spielte ihnen einen bösen Streich. Er
mocht' wohl übel zum Soldaten passen, denn -- er fürchtete sich vor
den Frauenzimmern. »Wenn mich nun ~auch~ eine beim Arme nimmt und
mit mir so umeinander schwänzelt und mich so anäugelt und mich gar zum
Bräutigam haben will! Kinder, was red ich dann? Was tu ich dann? Ich
häng mich auf, ich lauf davon!« Und am Tage, da die Reihe an ihm war,
war er wieder desertiert.
Bekam ihm diesmal übel genug: an der ersten Zugbrücke stund der Teufel
und fragte: »Wo hinaus?« -- »Aus dem Berg hinaus!« Da faßte ihn der
Teufel und drehte ihm das Genick ab. So fand ihn eine Patrouille, die
der Feldwebel hinter dem Vermißten hergesandt hatte, und siehe, er
hatte seine alte Montur wieder an.
Das stimmte gar manchen der frohen Kumpane recht nachdenklich. Was
aber das Ärgerlichste war: noch am selben Tage fuhr die Prinzessin
des Feldwebels vor, stöhnte und jammerte, nun sei alles verdorben,
sie seien ihrer achtzehn, die Soldaten nunmehr nur noch siebenzehn!
Damit sei's mit ihrer, der Prinzessinnen Erlösung vorbei, und jene, die
siebenzehn, seien allzumal des Todes. Sprach's und fuhr ab. Dem Tambur
blieb vor Schreck der Wirbel im Handgelenk stecken, der Feldwebel
starrte mit zwei ungleichen Bartspitzen hinter dem davonrollenden
Wagen her, er hatte vor Gram vergessen, die eine Seite aufzudrehn.
Sie stunden alle wie die betrübten Lohgerber da. Endlich sprach der
Korporal: »Kopf hoch, Kameraden! zum Sterben ist noch immer Zeit! Ich
zieh mit zwei Mann auf Werbung und schaff uns den fehlenden Achtzehnten
zur Stelle, oder ich will kein verfluchter Kerl sein.«
So geschah's. An der Brücke stund wieder der Teufel: »Wo hinaus?« --
»Auf Werbung!« -- »Passiert!« rief der Teufel. Ungehindert fanden sie
den Weg zurück bis zu jener Waldschenke, wo sie dereinst den Wirt
geprellt hatten. Sie saßen mit ihm zu Tisch, der in den sauberen,
blitzblanken Soldaten die zerlumpten Kerle, die er damals in Tod
und Verderben geschickt hatte, nicht wiedererkannte. Sie aber taten
gar nicht dergleichen, als seien sie alte Bekannte. Schob sich ein
Handwerksbursch bescheiden zur Tür herein, setzte sich still abseits,
ließ sich ein Stück trockenen Brots geben und einen Trunk Wassers dazu.
Die drei stießen sich an und riefen freundlich dem armen Schlucker
zu, ob er ihnen nicht die Ehre geben wolle und mithalten, was dem
hungrigen Kerlchen ein gefunden Fressen war. Er hielt sich wacker
an Braten und Wein, ward guter Dinge und packte allerhand Schnurren
aus; wie denn Schwänke und kurzweilige Gedanken nur auf sattem Boden
wachsten. Da schlug ihm der Korporal auf die Schulter: »Bursch, du
solltest fein unser Kamerad sein, hast Herz und Maul am rechten
Fleck! Schlag ein!« Das gefiel dem Burschen übel, und ihrer ledig
zu werden, sprach er im Spott: »Ja, warum nicht, so sie ihm hundert
Gulden Handgeld böten!« Das hatte er freilich nicht erwartet, daß der
Korporal, der sich aus der Schatzkammer des verwunschenen Schlosses den
ganzen Tornister mit Geld gefüllt hatte, ihm auf der Stelle zweihundert
Dukaten aufzählen würde! Da gab's kein Widerstehen, und Nummer achtzehn
war gewonnen! Der Teufel ließ die vier passieren, und im Schloß gab's
ein fröhlich Bechern bis in die späte Nacht.
Zum Wirt aber sprach die Wirtin: »Mann, du bleibst doch ein Esel bis
an dein selig End! Hast du den Korporal und die zwei Kerle nicht
wiedererkannt? Sie haben dich geprellt, daß du dich schämen mußt, in
die Sonne zu gucken, und zum Lohn hast du sie glücklich und reich
gemacht. -- Hast du das viele Geld nicht gesehen, mit dem sie um sich
warfen wie mit Kienäpfeln und Bucheneckern? Wo haben sie's denn her,
he? Daher, wo du sie hingeschickt hast, aus dem Teufelsberg! Jetzt habe
ich's aber satt, jetzt will ich auch mal eine Dame sein und seidne
Haubenbänder tragen und nicht mehr Gläser spülen und Kupferpfennige
zusammenkratzen! Hätte ich nur einen gescheiteren Mann, was könnte ich
alles vorstellen in der Welt! Aber das sag ich dir, auf der Stelle
packst du den Sack da auf und kommst mir nicht mehr heim, er sei denn
voll Dukaten und Silbertalern!«
Da gab's keine Widerrede, der Wirt trabte mit seinem Sacke ab und stieß
bald an der Brücke auf unsern alten Bekannten: »Wo hinaus mit deinem
Sack?« -- »Geld holen für mein Weib!« Schnapp hatte der ihn am Kittel
und drehte ihm das Genick ab. Er hatte lange auf ihn gelauert. Die
Wirtin aber, die schon ihr Sonntags- und Kirchenkleid angelegt hatte,
konnt's nicht aushalten vor Erwartung: »Er kann's wohl allein nicht
erschleppen; ich will ihm lieber entgegenlaufen und ihm helfen.« --
»Wo hinaus, liebe Frau?« sprach der Wächter an der Brücke. »Zu meinem
Manne, wenn's ihn was angeht!« -- »Da kann sie hinkommen!« sprach der
Böse, griff sie bei den Haaren, drehte ihr den Kragen um und warf sie
hinab zu ihrem Manne.
Unsern Achtzehn aber ging's besser. Da die Zahl nun voll war, begannen
die Besuche der Prinzessinnen wieder, und da der neue Rekrut nicht so
blöde war, kamen sie glücklich die Reihe durch. Jetzt erschienen alle
achtzehn Damen auf einmal, und die Älteste sprach: »Heute nacht müßt
ihr das Werk der Erlösung zu Ende führen. Bis es Reveille schlägt,
sitzt jeder mit der Seinen in seinem Kämmerlein und hält ihr Garn
zum Aufwickeln. Keiner darf sprechen, keiner zärtlich sein, kein
Faden sich verfitzen, kein Knäul herunterfallen, und vor allem darf
keiner einschlafen, bis es Reveille schlägt.« Gesagt, getan. Steif
saßen die achtzehn Soldaten und hielten Garnsträhne, bis sie ihre
Arme nicht mehr fühlten; sie gähnten, Soldaten wie Prinzessinnen,
zwar wie die Hofhunde, daß es zum Erbarmen war; doch immer wieder
ermunterte sie ein Blick aus schönen Augen. Die Prinzessinnen
wickelten tapfer, und die Knäule wurden dick wie Kürbisse, und
jedesmal, wenn eine Schöne um den Bart ihres Schatzes ein Zucken
sah, als wollt ihm ein: Himmeldonnerwetter! entwischen, dann machte
sie leise: Pscht! So kam der Morgen heran. Da hätt' zuguterletzt der
Tambur beinahe alles verdorben mit einem unwillkürlichen Angstfluch;
denn brühheiß fiel's ihm ein: »Wer soll denn in drei Teufels Namen
Reveille schlagen, wenn ich hier Garn halten muß!« Doch als er eben
losbrechen wollte: Himmelherrgottsakerment! da begann's auf einmal
draußen ohne ihn Reveille zu schlagen! Aber was für eine Reveille! Als
wenn hunderttausend Tamburs im Schloßhof stünden und schlügen! Die
Fensterscheiben platzten und der frische Morgenwind wehte herein. Da
war die Erlösung vollbracht. Der Feldwebel mit der Seinen bezog das
Schloß, die anderen fuhren jede mit ihrem Schatz in ihr Königreich. Die
Brücke hatte der Teufel jetzt freigegeben. Der hatte jetzt anderwärts
alle Hände voll zu tun und keine Zeit und Lust mehr, dort Schildwacht
zu stehen.
[Illustration]
Das Unglaubliche
Es war ein Edelmann, der behauptete bei jeder Gelegenheit, in grader
Linie von keiner geringeren Ältermutter denn der Jungfrau Maria
abzustammen: hatt' sich auch derowegen eine Schilderei malen lassen
und in seiner Ahnenhalle aufgehängt: drauf war seiner Vorfahren einer
abgemalt vor der heiligen Jungfrau kniend; der aber gingen auf einem
fein geschwungenen Spruchbändlein die Worte vom Munde: »Stehen Sie auf,
Herr Vetter!« Antwortet der Ritter, wie zu lesen stund: »Ich tue meine
Schuldigkeit, Frau Muhme.« Er war wohl ein ganzer Narr und wunderte
sich täglich, daß er noch vom Regen naß ward wie andere Menschen, und
daß jemalen der Wind es wagen durft', ihm sein Hütlein vom Haupt zu
entführen, als wär er nicht mehr denn Hinz und Kunz. Er fuhr mit vier
Gäulen, anders tat er's nicht, und saß dann bocksteif im Wagen, sah
über Dorf und Gärten und die Menschen hin, die ihn bescheidentlich
grüßten, als wär's seinen Augen Schaden oder Schande, so sie wen
streiften, der ehrlich von seiner Hände Arbeit lebte.
Das ärgerte einen Bauern, der seinen Hof neben dem Edelhof hatte. Es
war ein reicher Hof, und der Bauer trug einen dicken Bauch stattlich
vor sich her und um den Bauch eine wohlgespickte Geldkatze und wußte
die Unterlippe vorzuschieben wie Carolus Quintus. Im Stall hatte er
sechs glatte, rundleibige Rösser stehen. Und als es ihm zu dumm war
mit des Edelmanns Hoffart, spannte er seine Sechse an seinen größten
Heuwagen und fuhr prasselnd und ratternd hinter der Edelmannskarosse
drein, zwei Knechte vorn, vier hinten, er stattlich in der Mitte.
Das erstemal tat der Edelmann, als bemerke er den Unfug nicht; das
zweitemal ward er blaß vor Wut und schoß einen Blick wie einen
Wetterstrahl auf den übermütigen Nachbarn; das drittemal hielt er sich
nicht, sprang auf und schrie dem dickköpfigen Bauern eine Drohung zu,
die -- keiner verstund, denn sowie der edle Herr den Mund auftat,
knallten die sechs Knechte mit den langen Peitschen und brüllen und
jauchzten, daß die sechs Gäule wild wurden; der Heuwagen ratterte und
krachte; es war ein Höllenlärm, als käme die wilde Jagd. Der Edelmann
mußte sich daheim gleich zu Bett legen und den Arzt rufen, der ihm zur
Ader ließ. Am Tage drauf fuhr er zur Stadt vor den Richter, der Bauer
mit seinen sechs Gäulen lustig hinterdrein. Der Richter setzte seine
Brille auf, schlug siebenzehn Bücher der Rechtsgelehrtheit auf: der
Fall war außermaßen schwierig, seinesgleichen nirgend zu finden. Der
edle Herr tobte was von »dummer Bauernschädel« und gebarte sich auch
vor Gericht, als gehöre ihm die Welt und etliche Dörfer darüber. Da
kniff der Richter, der ein Spaßvogel war und wenig Freude fand an dem
hochadligen Narren, ein Auge ein und sprach: »Meine Herren, hier hilft
nur Salomo« -- und klappte alle seine Gelehrsamkeit zu: »Wer von euch
zweien eine Lüge erfindet, so groß, daß der andere sie nicht glauben
kann, der darf mit seinen Pferden ausfahren; der andere muß zu Hause
bleiben.«
Da rieb der Edle sich die weißen Hände: Wo kann wohl ein Bauernschädel
so pfiffig sein wie er? Seine Ahnen waren zumal feine Köpfe. Er zog aus
seiner Jagdtasche einen Rest Brotes und log solchergestalt: »Gestern
haben meine Tagelöhner bis neun Uhr abends gedroschen, das habe ich
säen lassen, um elf war's reif, um zwei gemahlen und hier ist das Brot
davon.« -- »Das glaube ich gern, edler Herr,« sprach der Bauer, »denn
seht, ich habe gestern abend Eicheln gesät, die hatten heute früh schon
gekeimt; da hab ich mir aus dem Eichenholz eine Leiter bauen lassen,
die legte ich an den Himmel und stieg fein hinauf. Der Erste, dem ich
da begegnete, denkt, gnädiger Herr, das waren Seine Gnaden, euer Herr
Großvater, der saß als Sauhirt hinter der Türe.« -- »Das lügt er in
seinen Hals!« schrie der Edelmann zornig. Der Richter aber sprach: »Der
Bauer darf mit seinen Sechsen fahren, wie er mag. Ihr aber bleibt zu
Haus.«
[Illustration]
Wie der starke Hans sein Glück fand
Jetzt erzähle ich euch eine Geschichte vom Hans -- ihr wißt: dem
furchtbar starken Hans mit der Mühlstein-Halskrause, der damals seine
starken Fäuste dem Meister Müller verdungen hat um drei Ohrfeigen, von
denen der Müller die dritte nie überlebt hätte; nun, seine wunderlichen
Abenteuer kennt ihr ja alle. Er tat also beim Müller nicht gut, tat
später beim Schäfer nicht gut, tat schließlich bei keiner Hantierung
gut; war wohl, der ungeschlachte Gesell, zu was ganz Absonderlichem
auf die Welt gekommen. »Gott sei gepriesen!« seufzte jeder seiner
Herren hinter ihm drein, wenn er an der letzten Weghecke noch einmal
zum Abschied über die Schulter schaute, sein Bündel schwenkte und
mit hellem Juhu! seinen alten Hut in die Lüfte warf: »Adjes auch,
Meisterchen! und -- auf Wiedersehn, Meisterchen!« -- »Gott bewahr uns
in Gnaden vorm Wiedersehn!« murmelte der und schlug ein Kreuz. Keiner
mochte ihn mehr haben, den Hans, er war gar zu sehr außer aller Art,
und daß er für zwanzig starke Kerle schaffte, mocht' noch angehn, wenn
er nur nicht für vierzig gegessen hätt'! -- »Nun, ist auch recht,«
lachte der Hans, »bin eh des Fronens müd! Heidi, ich fahr in die Welt!«
Er hatte was vom Glasberge läuten hören und dem Königreich hinter dem
Glasberge. Da wollt er hin, Abenteuer zu suchen und ein rechter Kerl zu
sein.
Da gab's nun für unsern starken Hans manche Meile zu traben, manchen
Berg zu erklimmen; und vom allerhöchsten, den er erstiegen, warf er
seine großen Stiefel, die er auf harten Wegen fein durchgewetzt hatte,
also daß er von unten auf den blanken Sohlen lief, durchs Oberleder
aber Sonne, Mond und Sterne schienen, in einem gewaltigen Bogen mit
freudigem Juchzer weit über die Spitzen der Tannen hinweg in das
brausende Gebirgswasser hinein, von dem ihm gesagt war: »Dem folg nur
nach, das rennt bis ins Land der Abenteuer.« So stieg er barfuß fürbaß.
Seine Füße waren stark und hart, und brannten ihm die Sohlen, so watete
er mal ins kalte Rauschewasser hinein, freute sich der herzhaften
Erfrischung am heißen Wandertage, lachte eins über die närrischen
Forellen, und rüstig ging's weiter.
Aber es wollt' kein Abenteuer verquer kommen, und der Glasberg? o
weh, wo mocht der gelegen sein? Düsterer wurden die Wälder um ihn
und totenstill, als hätt' sie noch nie eines Menschen Fuß betreten,
nur aus weiter, weiter Ferne hörte man den Specht hämmern. Wilder
und tobender ward neben ihm das Wasser und sank immer tiefer unter
seinen Blick, indes die Felsufer immer höher und schroffer wuchsen
und enger zusammenrückten. Da auf einmal jauchzte er auf: »Gib acht,
Hans, jetzt kommt's! Jetzo erleben wir was!« An der Stelle, wo sich
jetzt die Wildwasser in einem runden, tiefen Felskessel stauten, wo sie
unheimlich aus grausiger Tiefe heraufmurrten, kochten, wirbelten und
brodelten, da schwang sich ein keckes steinernes Brücklein von Ufer zu
Ufer. Munter schritt unser Wandersmann darüber, stund natürlich erst
droben ein Weilchen und schaute mit Behagen in den Abgrund unter sich,
das üppige Buschwerk, das aus dem zerrissenen Felsgewänd sproßte, und
ganz drunten in den brodelnden Kessel; dann pfiff er sich eins und ging
hurtig einen schmalen Fußsteig hinan, immer höher hinauf ins Gebirge.
Ein Segen, daß er vom letzten Brotherrn noch einen ganzen Schinken und
etliche Würste und Laibe Brots mit sich führte -- denn der schmale
Steig wollt' kein Ende nehmen, und arg schmorte die Mittagshitze den
Duft aus den Tannen. -- »Irgendwohin muß ich hier kommen,« tröstete
sich Hans und wischte sich die heiße Stirne, »denn wozu wär sonst der
Weg da?« Und da hatte er nicht so unrecht: plötzlich lichtete sich das
Tannicht, dicht vor ihm lag ein hochgetürmtes, altersgraues Schloß.
Hans schaute sich um -- keine Menschenseele weit und breit. Ein
steinerner Wappenlöwe war vom Portal heruntergestürzt und lag, blühende
Ginstersträucher zwischen den Pranken, im üppigen Grase. Auf ihm
saß regunglos ein zierlich Eidechslein und sonnte sich. Hans legte
die Hände an den Mund: »Juhu!« Meint ihr, auch nur ein Hund hätt'
angeschlagen?
Er stieg die morschen, verwitterten Stufen hinan, aus deren Rissen und
Fugen Gras und blaue Glockenblumen wuchsen, schlug mit dem schweren
Klopfer ans Tor -- das schollerte, dröhnte dumpf und leer durch das
schlafende Schloß, verhallte wieder, und wieder war's still. Nur im
Vogelbeerstrauch am grauen Gemäuer wippte ein Blaumeislein und pfiff
sein feines, kurzes Verschen, als lache es den großen gefoppten Buben
aus. »Nun wird mir's zu dumm!« sprach Hans. Krach-bums, die Splitter
flogen! Da hatte er mit leisem Druck das Tor eingetreten und stund nun
staunend in einer langen, langen, kühlen, schattigen Halle. Da roch's
so modrig wie in Kellergewölben oft, und von seinen nackten Füßen her,
denen die brüchigen Steinfliesen nicht so wohl taten wie die Kühle des
Bergwassers, stieg's ihm frostig ans Herz.
Er wanderte ratlos durch die hochgewölbten Gänge, denen hie und da ein
hohes Fenster nur spärliches, gedämpftes Licht durch bunte Scheiben,
alte, seltsame, farbige Schildereien, verlieh. Siebenmal ging's um
die Ecke und immer dasselbe Bild: endlose gewölbte Gänge, zahllose
geschlossene Türen zur Rechten und zur Linken, die in Gott weiß welche
Gemächer führen mochten; er eilte an allen vorüber, als zög's ihn
vorwärts, einem unbekannten Ziele zu, denn er wußte es gewiß: Jetzt
kommt's! Schließlich packte ihn doch die Ungeduld: »Jetzt bin ich's
satt, die langweiligen, dunklen Gänge abzutraben!« Er rüttelte am
Schloß der nächsten Tür -- da stutzte er: »Hans!« rief es ganz deutlich
aus weiter Ferne! »Hallo! Ich bin hier erwartet! Wer da?« und er eilte
dem Rufe nach, einer großen Pforte zu, die den Hallengang, in dem er
sich just befand, abschloß.
Leicht flog sie auf; er stund auf einem lauschigen, schönen Schloßhof.
Rings stiegen in feierlicher Pracht die alten Mauern auf, halb mit
wildwucherndem Efeu zugedeckt, steinerne Ritter trugen zierliche
Erker und Balkone, wappentragende Löwen und Greife hüteten die Türen,
zahllose Fenster starrten wie mit leeren, toten Augenhöhlen auf den
gepflasterten Hof hernieder, in dessen Stille und Weltabgeschiedenheit
auch der heiße Mittagssonnenschein eingeschlafen zu sein schien. Und
inmitten plätscherte schläfrig ein Brünnlein. Hansen tat die warme
Sonne gar wohl nach den kühlen, dämmrigen Hallen; es schauerte ihn
leicht, da ihr Strahl sein Wams durchdrang; dann mußte er gähnen,
einmal, zweimal, dreimal, o, so tief, die Beine wurden ihm müde und
schlaff; es zog ihn zum Brunnen, dort von dem rieselnden Strahl zu
trinken und sich dann an dem grünbemoosten Steinrand niederzulassen,
dem verschlafenen Geriesel zu lauschen, bis ihm die Augen zufielen.
Wer weiß, wie ihm das bekommen wäre! Am Ende wäre er nie wieder
aufgewacht und wäre ein stummes, lebloses Stück dieser stummen,
leblosen Einsamkeit geworden. Ich weiß es nicht und will nichts
behaupten, was ich nicht weiß; aber mich dünkt, ein Glück war's
für ihn, daß es nicht dazu kam, denn es rief schon wieder: »Hans!«
Deutlich hatte er jetzt vernommen, wo der Ruf herkam. Er eilte durch
einen runden Torbogen, der von dichtem Efeugerank halb verhängt war.
Da sah er drüben ein langgestrecktes Gebäude, offenbar den Marstall
des Schlosses. Deutlich klang's herüber wie das Stampfen von Rossen
und das Klirren von Pferdeketten. »Gottlob! endlich lebendige
Gottesgeschöpfe!« dachte Hans -- »Hans!« klang's da deutlich aus dem
Stalle her! Er stieß die Tür auf. Zwitschernd schoß ihm eine Schwalbe
dicht übers Haar hin ins Freie.
In der Dämmerung des Stalles unterschied er stattliche Reihen
wohlgepflegter Rosse, wie er sie schöner noch nie geschaut.
Kettenrasselnd drehten sich die feinen Köpfe dem Gaste zu, und die
klugen, schönen Augen der edlen Tiere schauten ihn groß und freundlich
an. Hansen ward ganz wunderlich weich und warm; das Herz ging ihm auf
von einer Liebe und Zärtlichkeit, wie er sie noch nie gefühlt. Er trat
in den nächsten Stand, schlang seinen Arm um den feinen, glatten Hals
eines Zelters und lehnte seine Wange an die weichen Nüstern. Da ward
ihm gar weh und wunderlich, dem großen, starken Bengel, als sehnt' er
sich -- weiß Gott wonach, und trüg' eine Schmerzenslast von Liebe im
Herzen und müßt' daran sterben, könnt' er keinem davon abgeben. Was war
das nur?
Da rief's wieder und ganz nah diesmal! »Hans!« Drüben von jenem
Schimmel kam's her, dem mit den rosigen Nüstern. Er trat hinzu:
»Schimmel, sprachst du das? Seit wann ist mir das Mode?« Doch das
Scherzen wollt ihm nicht gelingen, so wundersam war ihm zu Sinn. --
»Was hättest du gern, lieb Rößlein?«
»Hans, nun mußt du mich satteln und schirren,
Laß dich nicht Liebes noch Leides beirren,
Laß nicht Liebes noch Leides dich halten,
Dein' Stunde schlug, dein Schicksal will walten.«
»Hm,« meinte Hans, »wenn ich nur nicht zu dumm bin für dergleichen!
Halten? Hoho! Halten soll mich keiner, und beirren am Ende auch nicht.
Nun, es kommt auf den Versuch an. Aber merkst du was, liebe Seele?
Jetzt kommt's! Wir erleben was, wie man's beim Meister Müller und beim
Schäfer nicht alle Tage erlebt! Hurra! --« Da hing ein Sattel, da hing
ein Zaumzeug, und hast du nicht gesehen! saß Hans, barfuß wie er war,
auf dem beredsamen Schimmel, und heidi, auf flog die Stalltür, fort
ging's! »Schimmel, wohin? Zwar mir ist alles recht: ~Woandershin~,
gelt Schimmelchen?« Hui, da flog ihm der alte Hut vom Kopfe. »Halt
Schimmel, mein Hut! --« »Dummrian!« schnob der Schimmel.