Ich warf den Kopf zurück, wandte mich von der „Jungfer” ab und sah die

Straße hinunter. Mein Blick fiel auf ein rotes Kleid, das sich uns

näherte, es war eine Frau an der Seite eines Mannes. Hätte ich nun

nicht gerade dieses Gespräch mit der „Jungfer” geführt, wäre ich nicht

von seinem groben Verdacht gekränkt worden, und hätte ich nicht eben

den Kopf zurückgeworfen und mich beleidigt abgewandt, dann wäre dieses

rote Kleid vielleicht an mir vorbeigegangen, ohne daß ich es bemerkt

hätte. Und was ging es mich im Grunde an? Was ging es mich an, selbst

wenn es das Kleid der Hofdame Nagel gewesen wäre?

Die „Jungfer” sprach weiter und versuchte den Irrtum wieder

gutzumachen; ich hörte ihm gar nicht zu, sondern starrte die ganze Zeit

auf dieses rote Kleid, das sich uns die Straße herauf näherte. Und mir

lief eine Erregung durch die Brust, ein gleitender, feiner Stich; ich

flüsterte in Gedanken, flüsterte ohne den Mund zu bewegen:

Ylajali!

Jetzt wandte sich auch die „Jungfer” um, entdeckte die beiden, die

Dame und den Herrn, grüßte sie mit den Augen. Ich grüßte nicht, oder

vielleicht grüßte ich doch. Das rote Kleid glitt die Karl Johanstraße

hinauf und verschwand.

Wer ging mit ihr? fragte die „Jungfer”.

Der „Herzog”, sahen Sie es nicht? Genannt der „Herzog”. Kannten Sie die

Dame?

Ja, so ungefähr. Kannten Sie sie nicht?

Nein, antwortete ich.

Mir schien, Sie grüßten so tief?

Tat ich das?

He, vielleicht nicht? sagte die „Jungfer”. Das ist doch sonderbar! Sie

sah die ganze Zeit auch nur Sie an.

Woher kennen Sie die Dame? fragte ich.

Er kannte sie eigentlich nicht. Das Ganze schrieb sich von einem Abend

im Herbst her. Es war spät, sie waren drei muntere Burschen gewesen,

kamen eben vom Grand, trafen dieses Menschenkind allein in der Nähe von

Cammermeyer und hatten sie angesprochen. Zuerst hatte sie abweisend

geantwortet; aber der eine dieser lustigen Kerle, ein Mann, der weder

Feuer noch Wasser scheute, hatte sie direkt ins Gesicht gefragt,

ob er sie heimbegleiten dürfe. Er würde ihr bei Gott kein Haar auf

ihrem Haupte krümmen, wie geschrieben steht, sie nur bis zur Türe

begleiten, um sich davon zu überzeugen, daß sie sicher heimkäme, er

hätte sonst die ganze Nacht keine Ruhe. Er sprach unaufhörlich, während

sie weitergingen, brachte ein Ding nach dem anderen vor, nannte sich

Waldemar Atterdag und gab sich für einen Photographen aus. Schließlich

hatte sie über diesen lustigen Burschen, der sich durch ihre Kälte

nicht hatte verblüffen lassen, lachen müssen, und es endete damit, daß

er sie begleitete.

Nun ja, was war dann weiter? fragte ich und hielt den Atem an.

Was weiter? Ach, kommen Sie nicht damit! Sie ist eine Dame.

Einen Augenblick schwiegen wir beide, sowohl die „Jungfer” wie ich.

Nein, Teufel, war das der „Herzog”? Sieht er so aus? sagte er darauf

gedankenvoll. Aber wenn sie mit diesem Mann zusammen ist, dann möchte

ich nicht für sie einstehen.

Ich schwieg immer noch. Ja, natürlich würde der „Herzog” mit ihr

abziehen! Schön und gut! Was ging mich das an? Ich wünschte ihr

mitsamt ihren Reizen alles Gute, alles Gute wünschte ich ihr! Und ich

versuchte, mich selbst zu trösten, indem ich das Schlechteste von ihr

dachte, mir gleichsam eine Freude daraus machte, sie richtig in den

Schmutz zu ziehen. Es ärgerte mich nur, daß ich vor diesem Paar den Hut

abgenommen hatte, falls ich es wirklich getan hatte. Warum sollte ich

vor solchen Menschen den Hut abnehmen? Ich riß mich nicht mehr um sie,

durchaus nicht; sie war auch nicht mehr im geringsten schön, sie hatte

verloren, pfui Teufel, wie sie verblüht war! Es konnte ja gerne sein,

daß sie bloß mich angesehen hatte; das wunderte mich nicht, vielleicht

begann die Reue in ihr lebendig zu werden. Aber deshalb brauchte ich

ihr nicht zu Füßen zu fallen und wie ein Narr zu grüßen, besonders

wenn sie in der letzten Zeit so bedenklich gewelkt war. Der „Herzog”

konnte sie gerne behalten, wohl bekomm's! Es könnte der Tag kommen, da

es mir einfiele, stolz an ihr vorbeizugehen, ohne nach jener Seite zu

sehen, auf der sie sich befand. Es konnte geschehen, daß ich mir dies

erlaubte, selbst wenn sie mich steif ansah und obendrein ein blutrotes

Kleid trug. Das konnte sehr wohl geschehen! Hehe, würde das ein Triumph

werden! Wenn ich mich recht kannte, so war ich imstande, mein Drama im

Laufe der Nacht fertig zu bekommen und innerhalb acht Tagen würde ich

dann das Fräulein in die Knie gezwungen haben. Mitsamt ihren Reizen,

hehe, mitsamt allen ihren Reizen....

Leben Sie wohl! sagte ich kurz.

Doch die „Jungfer” hielt mich zurück. Er fragte:

Aber was treiben Sie nun den Tag über?

Treiben? Ich schreibe natürlich. Was sollte ich sonst treiben? Davon

lebe ich ja. Augenblicklich arbeite ich an einem großen Drama, „Das

Zeichen des Kreuzes”, Thema aus dem Mittelalter.

Tod und Teufel! sagte die „Jungfer” aufrichtig. Ja, wenn Ihnen das

gelingt, dann....

Darüber mache ich mir keine großen Sorgen! antwortete ich. Ich denke,

in ungefähr acht Tagen werden Sie von mir hören.

Damit ging ich.

Als ich nach Hause kam, wandte ich mich sofort an meine Wirtin und bat

um eine Lampe. Es war mir sehr um diese Lampe zu tun: ich wollte heute

nacht nicht zu Bett gehen, mein Drama tobte in meinem Kopf, und ich

hoffte ganz bestimmt bis zum Morgen ein gutes Stück weiter schreiben

zu können. Sehr demütig brachte ich mein Anliegen bei der Madam vor,

da ich bemerkte, daß sie eine unzufriedene Grimasse machte, weil ich

wieder in die Stube kam. Ich hätte also ein außergewöhnliches Drama

beinahe fertig, sagte ich; mir fehlten nur ein paar Szenen, und ich

wettete, daß es an irgendeinem Theater aufgeführt werden würde, noch

bevor ich es selbst wüßte. Wenn sie mir nun diesen großen Dienst

erweisen wollte, dann....

Aber die Madam hatte keine Lampe. Sie dachte nach, konnte sich aber

gar nicht entsinnen, daß sie irgendwo eine Lampe hätte. Wenn ich bis

nach zwölf Uhr warten würde, dann könnte ich vielleicht die Küchenlampe

haben. Warum ich mir keine Kerze kaufe?

Ich schwieg. Ich hatte keine zehn Öre für eine Kerze, und das wußte sie

wohl. Natürlich mußte ich wieder stranden! Jetzt saß das Mädchen bei

uns hier unten, sie saß einfach in der Stube und war gar nicht in der

Küche; die Lampe da droben war also nicht einmal angezündet. Und ich

stand da und dachte darüber nach, erwiderte aber nichts mehr.

Plötzlich sagt das Mädchen zu mir:

Mir schien, Sie wären vor kurzem aus dem Schloß gekommen? Waren Sie

dort zum Mittagessen? Und sie lachte laut über diesen Scherz.

Ich setzte mich nieder, zog meine Papiere hervor und wollte versuchen,

einstweilen hier, wo ich saß, etwas zu arbeiten. Ich hielt die Papiere

auf meinen Knien und starrte unablässig auf den Boden, um durch nichts

zerstreut zu werden; aber es nützte mir nichts, nützte nichts, ich

kam nicht vom Fleck. Die beiden kleinen Mädchen der Wirtin kamen

herein und spielten lärmend mit einer Katze, einer seltsam kranken

Katze, die beinahe keine Haare mehr hatte. Wenn sie ihr in die Augen

bliesen, floß Wasser heraus und über die Nase herunter. Der Wirt und

ein paar andere Personen saßen am Tisch und spielten Hundertundeins.

Die Frau allein war fleißig wie immer und nähte. Sie sah sehr wohl, daß

ich mitten in diesem Durcheinander nicht schreiben konnte, aber sie

kümmerte sich nicht mehr um mich; als mich das Dienstmädchen fragte,

ob ich beim Mittagessen gewesen wäre, lächelte sie sogar. Das ganze

Haus war feindlich gegen mich geworden; es war, als hätte es nur der

Schmach bedurft, mein Zimmer einem anderen abtreten zu müssen, um ganz

wie ein Unbefugter behandelt zu werden. Sogar dieses Dienstmädchen,

eine kleine braunäugige Straßendirne, mit Stirnhaaren und vollkommen

flacher Brust, hielt mich am Abend, wenn ich meine Butterbrote bekam,

zum Narren. Sie fragte fortwährend, wo ich mein Mittagessen einzunehmen

pflegte, da sie mich noch niemals ins Grand habe gehen sehen. Es war

klar, daß sie um meinen elenden Zustand wußte, und sie machte sich ein

Vergnügen daraus, mir das zu zeigen.

Dies alles fällt mir plötzlich ein und ich bin nicht imstande, eine

einzige Replik zu meinem Drama zu finden. Ich versuche es immer wieder

vergebens; es beginnt sonderbar in meinem Kopf zu summen und zuletzt

ergebe ich mich darein. Ich stecke die Papiere in die Tasche und blicke

auf. Das Mädchen sitzt gerade vor mir, und ich sehe es an, sehe diesen

schmalen Rücken und ein Paar niedrige Schultern, die noch nicht einmal

ganz ausgewachsen waren. Wozu griff sie mich an? Und wenn ich aus dem

Schloß gekommen wäre, was dann? Würde ihr das etwas schaden? In den

letzten Tagen hatte sie mich frech ausgelacht, wenn ich ungeschickt

war, auf der Treppe stolperte oder mir an einem Nagel ein Loch in

meinen Rock riß. Erst gestern hatte sie mein Konzept aufgehoben, das

ich im Vorzimmer weggeworfen hatte, diese abgetanen Bruchstücke meines

Dramas gestohlen und sie in der Stube vorgelesen, hatte in Anwesenheit

aller ihren Unfug damit getrieben, nur um sich über mich lustig zu

machen. Niemals hatte ich sie gekränkt, und ich konnte mich nicht

erinnern, daß ich sie je um einen Dienst gebeten hatte. Im Gegenteil,

am Abend machte ich mir mein Bett selbst auf dem Stubenboden zurecht,

um ihr keine Schererei damit zu bereiten. Sie verspottete mich auch,

weil mir die Haare ausgingen. Am Morgen schwammen im Waschwasser die

Haare, und darüber machte sie sich lustig. Meine Schuhe waren jetzt

ziemlich schlecht geworden, besonders der eine, der vom Brotwagen

überfahren worden war, und sie trieb auch damit ihren Spaß. Gott segne

Sie und Ihre Schuhe! sagte sie; sehen Sie sie an, sie sind so groß wie

eine Hundehütte! Und sie hatte recht, meine Schuhe waren ausgetreten;

aber ich konnte mir doch gerade in diesem Augenblick keine neuen

anschaffen.

Während ich an dies alles denke und mich über die offensichtliche

Bosheit der Magd wundere, hatten die kleinen Mädchen begonnen, den

Greis im Bett dort zu necken: sie hüpften beide um ihn herum und waren

mit dieser Arbeit ganz beschäftigt. Jedes von ihnen hatte sich einen

Strohhalm gesucht und stach ihm damit in die Ohren. Eine Weile sah ich

das mit an und mischte mich nicht hinein. Der Alte rührte keinen Finger

zu seiner Verteidigung; er sah nur mit wütenden Blicken auf seine

Plagegeister, so oft sie nach ihm stachen, und schüttelte den Kopf, um

sich zu befreien, wenn ihm die Halme bereits im Ohr staken.

Bei diesem Anblick wurde ich immer erregter und konnte meine Augen

nicht davon losbringen. Der Vater sah von den Karten auf und lachte

über die Kleinen; er machte auch seine Mitspieler auf den Vorgang

aufmerksam. Warum rührte er sich nicht, der Alte? Warum schleuderte

er die Kinder nicht mit den Armen weg? Ich machte einen Schritt und

näherte mich dem Bett.

Lassen Sie doch! Lassen Sie doch! Er ist lahm, rief der Wirt. Und aus

Furcht, nun bei Anbruch der Nacht vor die Türe gewiesen zu werden,

einfach ängstlich, das Mißfallen des Mannes zu erregen, falls ich in

diesen Auftritt eingriffe, trat ich stillschweigend an meinen alten

Platz zurück und verhielt mich ruhig. Warum sollte ich mein Logis und

meine Butterbrote dadurch aufs Spiel setzen, daß ich meine Nase in

die Angelegenheiten der Familie steckte? Keine Dummheiten wegen eines

halbtoten Greises! Und ich stand da und fühlte mich so herrlich hart

wie ein Stein.

Die kleinen Dirnen hörten mit ihren Plagereien nicht auf. Es ärgerte

sie, daß der Greis den Kopf nicht stillhalten wollte und sie stachen

nun auch nach seinen Augen und Nasenlöchern. Mit haßerfülltem Blick

starrte er sie an, er sagte nichts und konnte die Arme nicht rühren.

Plötzlich hob er seinen Oberkörper auf und spuckte dem einen der

kleinen Mädchen ins Gesicht; er hob sich noch einmal empor und spuckte

auch nach dem anderen, traf es aber nicht. Ich sah, wie der Wirt die

Karten hinwarf und zum Bett sprang. Er war rot im Gesicht und rief:

Was, du spuckst den Kindern in die Augen, du altes Schwein!

Aber Herrgott, sie ließen ihm ja keinen Frieden! rief ich außer mir.

Aber ich hatte dabei die ganze Zeit Angst, hinausgeworfen zu werden

und rief durchaus nicht besonders laut, ich bebte nur vor Erregung am

ganzen Leibe.

Der Wirt wandte sich nach mir um.

Nein, hört den an! Was, zum Teufel, kümmert Sie das? Halten Sie nur

die Schnauze, ja, Sie, und tun Sie, was ich sage; das wird für Sie das

beste sein.

Aber nun ertönt auch die Stimme von Madam und das ganze Haus war von

Scheltworten erfüllt.

Ich denke, Gott helfe mir, ihr seid alle miteinander verrückt und

besessen! schrie sie. Wenn ihr hier drinnen bleiben wollt, dann müßt

ihr alle beide ruhig sein, sage ich euch! He, nicht genug damit,

daß man dem Gesindel Kost und Logis gibt, nein, auch noch Radau und

Teufelszeug und Jüngsten Tag muß man hier im Zimmer haben. Aber das

soll jetzt aufhören, denke ich! Scht! Haltet eure Mäuler, Kinder, und

putzt euch die Nasen, sonst besorg ich's! Solche Leute habe ich doch

auch noch nicht gesehen! Kommen von der Straße herein, ohne einen Ör

für Lausesalbe und fangen an, mitten in der Nacht Lärm zu schlagen und

den Leuten des Hauses Krach zu machen. Davon will ich nichts wissen,

versteht Ihr mich, und Ihr könnt euch alle miteinander packen, die Ihr

nicht hergehört. In meiner eigenen Wohnung will ich Frieden haben, daß

Ihr's wißt!

Ich sagte nichts, machte den Mund gar nicht auf, sondern setzte mich

wieder an die Türe und hörte dem Lärm zu. Alle schrien mit, sogar die

Kinder und das Dienstmädchen wollten erklären, wie der ganze Streit

angefangen hatte. Wenn ich mich nur stumm verhielte, so würde es wohl

noch einmal vorübergehen; es würde ganz gewiß nicht zum Äußersten

kommen, wenn ich nur kein Wort sagte. Und was könnte ich auch zu sagen

haben? War es vielleicht nicht Winter draußen und ging es nicht noch

außerdem auf die Nacht zu? War das die Zeit, auf den Tisch zu schlagen

und aufzubegehren? Nur keine Narrenstreiche! Und ich saß still und

verließ das Haus nicht, obwohl ich beinahe hinausgewiesen worden war.

Verstockt starrte ich an die Wand, an der Christus in Öldruck hing, und

schwieg hartnäckig auf alle Ausfälle der Wirtin.

Ja, wenn Sie mich loswerden wollen, Madam, dann soll, was mich

betrifft, nichts im Wege sein, sagte der eine der Kartenspieler.

Er erhob sich. Auch der andere Kartenspieler stand auf.

Nein, dich meinte ich nicht. Und auch dich nicht, antwortete die Wirtin

den beiden. Ich werde schon sagen, wen ich meine, wenn es darauf

ankommt. Wenn es darauf ankommt. Denke ich! Es wird sich zeigen, wer es

ist....

Sie sprach abgerissen, versetzte mir diese Hiebe mit kleinen

Zwischenräumen und zog sie richtig in die Länge, um es mir deutlicher

zu machen, daß sie mich meinte. Ruhe! sagte ich zu mir selbst.

Nur Ruhe! Sie hat mich noch nicht aufgefordert zu gehen, nicht

ausdrücklich, nicht mit offenen Worten. Nur keinen Hochmut auf meiner

Seite, keinen Stolz zur Unzeit! Die Ohren steif!.... Es war doch ein

eigentümlich grünes Haar, das der Christus auf dem Öldruck da hatte.

Es war grünem Gras gar nicht so unähnlich, oder mit ausgesuchter

Genauigkeit ausgedrückt: dickem Wiesengras. He, eine durchaus richtige

Bemerkung meinerseits, ganz dickem Wiesengras.... Eine Reihe flüchtiger

Ideenverbindungen lief mir in diesem Augenblick durch den Kopf: Von

dem grünen Gras bis zu der Stelle in der Schrift: daß jedes Leben

wie Gras sei, das angezündet würde, -- von dort zum Jüngsten Tag, da

alles verbrennen werde, dann mit einem kleinen Abstecher zum Erdbeben

in Lissabon, worauf mir irgend etwas wie ein spanischer Spucknapf

aus Messing und ein Federhalter aus Ebenholz vorschwebte, den ich

bei Ylajali gesehen hatte. Ach ja, alles war vergänglich! Ganz wie

Gras, das angezündet wurde! Es lief auf vier Bretter hinaus und auf

Leichenwäsche -- bei Jungfer Andersen, rechts im Torweg....

Und dies alles wurde in meinem Kopf umhergeworfen, in diesem

verzweifelten Augenblick, als meine Wirtin im Begriff war, mich vor die

Tür zu jagen.

Er hört nicht! rief sie. Ich sage, Sie sollen das Haus verlassen, nun

wissen Sie es! Ich glaube, Gott verdamm mich, der Mann ist verrückt!

Nun machen Sie aber, daß Sie fortkommen, und zwar auf der Stelle!

Ich sah zur Türe, nicht um zu gehen, durchaus nicht um zu gehen; ein

frecher Gedanke fiel mir ein: Wäre ein Schlüssel in der Türe gewesen,

dann hätte ich ihn umgedreht, hätte mich mit den anderen zusammen

eingesperrt, um nicht gehen zu müssen. Ich hatte ein ganz hysterisches

Grauen davor, wieder auf der Straße zu stehen. Aber es war kein

Schlüssel in der Türe, und ich stand auf; es gab keine Hoffnung mehr.

Da mischt sich plötzlich die Stimme meines Wirtes in die der Frau.

Erstaunt bleibe ich stehen. Der gleiche Mann, der mich eben noch

bedroht hatte, nimmt, merkwürdig genug, meine Partei. Er sagt:

Du darfst die Leute doch nicht in die Nacht hinausjagen, das weißt du.

Darauf steht Strafe.

Ich war nicht sicher, ob Strafe darauf stand, ich glaubte es nicht,

aber vielleicht war es so; die Frau besann sich bald, wurde ruhig und

sprach mich nicht mehr an. Sie legte mir sogar zum Abendessen zwei

Butterbrote hin, aber ich nahm sie nicht an, aus reiner Dankbarkeit

gegen den Mann nahm ich sie nicht an, indem ich vorgab, in der Stadt

gegessen zu haben.

Als ich mich endlich in das Vorzimmer begab, und zu Bett gehen wollte,

kam mir die Madam nach, blieb auf der Schwelle stehen und sagte laut,

während ihr großer, schwangerer Bauch mir entgegenstrotzte:

Dies aber ist die letzte Nacht, die Sie hier schlafen, daß Sie es

wissen.

Ja, ja! antwortete ich.

Morgen würde sich schon Rat für ein Obdach finden, wenn ich mich

richtig danach umtat. Irgendein Unterschlupf mußte sich doch finden.

Vorläufig freute ich mich darüber, daß ich nicht heute nacht

fortzugehen brauchte.

* * * * *

Ich schlief bis gegen fünf, sechs Uhr morgens. Als ich erwachte, war

es noch nicht hell, ich stand aber trotzdem sofort auf; -- ich hatte

wegen der Kälte in allen Kleidern geschlafen und brauchte nichts weiter

anzuziehen. Nachdem ich ein wenig Wasser getrunken und in aller Stille

die Türe geöffnet hatte, ging ich schnell hinaus, da ich fürchtete,

meine Wirtin noch einmal zu treffen.

Der einzige lebende Mensch, den ich in den Straßen sah, war irgendein

Schutzmann, der in der Nacht Dienst gehabt hatte; bald darauf begannen

auch ein paar Männer die Gaslaternen auszulöschen. Ich trieb mich

ohne Ziel herum, kam in die Kirchstraße und nahm den Weg zur Festung

hinunter. Kalt und noch schläfrig, in den Knien und im Rücken müde von

dem langen Weg, und sehr hungrig, setzte ich mich auf eine Bank und

duselte lange Zeit. Drei Wochen lang hatte ich ausschließlich von den

Butterbroten gelebt, die mir meine Wirtin morgens und abends gegeben

hatte; und nun waren genau vierundzwanzig Stunden seit meiner letzten

Mahlzeit vergangen, es fing wieder schlimm in mir zu nagen an, und ich

mußte möglichst bald einen Ausweg finden. Mit diesen Gedanken schlief

ich auf der Bank wieder ein....

In meiner Nähe wurde gesprochen und ich erwachte dadurch. Als ich mich

ein wenig aufgerappelt hatte, sah ich, daß es heller Tag und alles

schon auf den Beinen war. Ich erhob mich und ging fort. Die Sonne

brach über den Höhen hervor, der Himmel war weiß und fein, und in

meiner Freude über den schönen Morgen nach den vielen dunklen Wochen

vergaß ich alle Sorgen und fand, daß es mir schon manches Mal noch

schlimmer ergangen sei. Ich klopfte mir auf die Brust und sang eine

kleine Melodie vor mich hin. Meine Stimme klang so schlecht, klang

so mitgenommen, ich wurde durch sie zu Tränen gerührt. Auch dieser

prachtvolle Tag, der weiße, lichttrunkene Himmel wirkten stark auf mich

ein und ich war nahe daran, laut zu weinen.

Was fehlt Ihnen? fragte ein Mann.

Ich antwortete nicht, eilte nur fort, mein Gesicht vor allen Menschen

verbergend.

Ich kam zu den Hafenspeichern hinunter. Eine große Barke mit russischer

Flagge lag da und löschte Kohlen; auf der Seite las ich ihren Namen,

„Copégoro”. Eine Zeitlang zerstreute es mich, zu beobachten, was an

Bord dieses fremden Schiffes vorging. Es mußte beinahe fertig gelöscht

haben, die Wasserlinie ragte schon neun Fuß hoch heraus, trotz des

Ballastes, den es wohl führte, und wenn die Kohlenträger mit ihren

schweren Stiefeln über das Deck hinstampften, dröhnte es hohl im ganzen

Schiff.

Die Sonne, das Licht, der salzige Hauch vom Meer, das ganze geschäftige

und lustige Treiben richteten mich auf und ließen mein Blut wieder

lebhafter klopfen. Plötzlich fiel mir ein, daß ich vielleicht ein paar

Szenen meines Dramas fertigstellen könnte, während ich hier saß. Und

ich zog die Blätter aus der Tasche.

Ich versuchte die Replik eines Mönches zu formen, eine Replik, die von

Kraft und Intoleranz strotzen sollte; aber es glückte mir nicht. Ich

übersprang den Mönch und wollte eine Rede ausarbeiten, die Rede des

Richters an die Tempelschänderin, und ich schrieb eine halbe Seite

dieser Rede, dann hielt ich an. Es wollte nicht der richtige Geist über

meine Worte kommen. Die Geschäftigkeit um mich her, die Aufgesänge, der

Lärm der Gangspille und das ununterbrochene Rasseln der Eisenketten

paßten so gar nicht in die Luft des dumpfen, moderigen Mittelalters,

die wie ein Nebel über meinem Drama liegen sollte. Ich packte die

Papiere zusammen und stand auf.

Aber trotzdem war ich herrlich ins Gleiten gekommen und fühlte klar,

daß ich etwas ausrichten würde, wenn jetzt alles gut ginge. Wenn ich

nur einen Platz wüßte, an dem ich mich aufhalten könnte! Ich dachte

nach, blieb mitten auf der Straße stehen und dachte nach, wußte aber

keinen einzigen stillen Ort in der ganzen Stadt, wohin ich mich für

eine Weile hätte zurückziehen können. Es blieb kein anderer Ausweg,

ich mußte in das Logishaus „Vaterland” zurück. Ich krümmte mich bei

diesem Gedanken und sagte mir die ganze Zeit, daß das nicht anginge,

aber ich glitt doch vorwärts und näherte mich beständig dem verbotenen

Ort. Gewiß war es jämmerlich, das gab ich mir selbst zu, ja es war

schmählich, richtig schmählich; aber da half nichts. Ich war nicht

im geringsten hochmütig, ich durfte ruhig sagen, daß ich einer der am

wenigsten hochmütigen Menschen war, die es heutzutage gab. Und ich ging.

An der Türe blieb ich stehen und überlegte noch einmal. Doch, gehe

es wie es wolle, ich mußte es wagen! Um welche Bagatelle drehte es

sich doch eigentlich? Erstens sollte es ja nur einige Stunden dauern,

zweitens mochte Gott verhüten, daß ich später jemals wieder meine

Zuflucht zu diesem Hause nahm. Ich ging in den Hof. Noch während ich

über diese holperigen Steine im Hofplatz schritt, war ich wieder

unentschlossen und hätte beinahe an der Türe kehrt gemacht. Ich biß

die Zähne zusammen. Nein, nur keinen falschen Stolz! Schlimmstenfalls

konnte ich mich damit entschuldigen, daß ich gekommen war, um Lebewohl

zu sagen, um ordentlich Abschied zu nehmen und eine Verabredung wegen

meiner kleinen Schuld zu treffen. Ich öffnete die Türe zum Vorzimmer.

Drinnen blieb ich wie angenagelt stehen. Gleich vor mir, nur im Abstand

von zwei Schritten, war der Wirt selbst, ohne Hut und ohne Rock, und

schaute durch das Schlüsselloch in das Zimmer der Familie. Er bedeutete

mir mit einer stummen Bewegung der Hand, mich still zu verhalten, und

schaute wieder durch das Schlüsselloch. Er stand da und lachte.

Kommen Sie her! sagte er flüsternd.

Ich näherte mich auf den Zehen.

Sehen Sie nur! sagte er und lachte mit einem leisen und heftigen

Lachen. Schauen Sie hinein! Hihi! da liegen sie! Sehen Sie den Alten

an! Können Sie den Alten sehen?

Im Bett, gerade unter dem Christus in Öldruck, und mir gegenüber,

sah ich zwei Gestalten, die Wirtin und den fremden Steuermann; ihre

Beine schimmerten weiß gegen das dunkle Federbett. Und im Bette an der

anderen Wand saß ihr Vater, der lahme Greis, und sah über seine Hände

gebeugt zu, wie gewöhnlich zusammengekrochen, ohne sich rühren zu

können....

Ich drehte mich zu meinem Wirt um. Es kostete ihn die größte Mühe,

nicht laut loszulachen. Er hielt sich die Nase zu.

Sahen Sie den Alten? flüsterte er. Mein Gott, sahen Sie den Alten? Da

sitzt er und sieht zu! Und wieder neigte er sich zum Schlüsselloch

herunter.

Hunger(#60728) · 第 13 / 15 段