verbunden, in dem ich trotz meiner Verkommenheit Wohnung gefunden
hatte. Mein Geld war seit langem verbraucht, und doch kam und ging ich
hier immer noch, als hätte ich ein Recht dazu und sei hier daheim. Die
Wirtin hatte noch nichts gesagt; aber trotzdem quälte es mich, daß ich
nicht bezahlen konnte. So verliefen drei Wochen.
Vor vielen Tagen schon hatte ich meine Schreiberei wieder aufgenommen,
aber es wollte mir nicht gelingen, etwas zustande zu bringen, mit dem
ich zufrieden war. Ich hatte gar kein Glück mehr, obwohl ich fleißiger
war als je und es früh und spät versuchte. Was ich auch unternahm, es
nützte nichts, das Glück hatte mich verlassen.
Ich saß in einem Zimmer im ersten Stock, im besten Fremdenzimmer, und
machte diese Versuche. Seit dem ersten Abend, als ich Geld hatte und
für mich bürgen konnte, war ich hier oben ungestört geblieben. Ich
hatte auch die ganze Zeit die Hoffnung, endlich irgendeinen Artikel
zustande zu bringen, so daß ich mein Zimmer bezahlen konnte und was ich
sonst noch schuldig war; deshalb arbeitete ich so fleißig. Ich hatte
insbesondere ein bestimmtes Stück angefangen, von dem ich mir sehr
viel erwartete, eine Allegorie über einen Brand in einem Buchladen,
ein tiefsinniger Gedanke, den ich mit allem Fleiß ausarbeiten und dem
„Kommandeur” zur Abzahlung bringen wollte. Der „Kommandeur” sollte
doch erfahren, daß er dieses Mal wirklich einem Talent geholfen hatte.
Ich hatte keinen Zweifel, daß er das erfahren würde; es galt nur zu
warten, bis der Geist über mich kam. Und warum sollte der Geist nicht
schon im nächsten Augenblick über mich kommen? Es war gar nichts
im Weg; ich bekam von meiner Wirtin jeden Tag ein wenig zu essen,
morgens und abends einige Butterbrote, und meine Nervosität war beinahe
verschwunden. Ich brauchte mir keine Lumpen mehr um die Hände zu
binden, wenn ich schrieb, und ich konnte von meinen Fenstern im ersten
Stock auf die Straße heruntersehen ohne schwindlig zu werden. Es ging
mir in jeder Beziehung viel besser, und es wunderte mich geradezu, daß
ich meine Allegorie noch nicht fertig hatte. Ich verstand nicht, wie
das zusammenhing.
Endlich sollte ich eines Tages eine Ahnung davon bekommen, wie schwach
ich eigentlich geworden war, wie schlaff und untauglich mein Gehirn
arbeitete. An diesem Tag kam nämlich meine Wirtin mit einer Rechnung zu
mir herauf und bat mich, sie durchzusehen. Es müsse etwas falsch sein
an der Rechnung, sagte sie, sie stimme nicht mit ihrem eigenen Buch
überein; aber sie habe den Fehler nicht herausfinden können.
Ich setzte mich hin um zu rechnen; meine Wirtin saß mir gegenüber und
sah mich an. Ich zählte diese zwanzig Posten zusammen, erst einmal
abwärts und fand die Summe richtig, dann einmal aufwärts und kam wieder
zu dem gleichen Resultat. Ich sah die Frau an, sie saß dicht vor mir
und wartete auf meine Worte; zu gleicher Zeit bemerkte ich, daß sie
guter Hoffnung war, es entging dies meiner Aufmerksamkeit nicht, und
ich starrte sie doch keineswegs forschend an.
Die Summe ist richtig, sagte ich.
Nein, sehen Sie nur jede einzelne Zahl an, antwortete sie, es kann
nicht soviel sein; ich bin dessen sicher.
Und ich begann jeden Posten nachzuprüfen: zwei Brote zu fünfundzwanzig,
ein Lampenglas achtzehn, Seife zwanzig, Butter zweiunddreißig....
Es bedurfte keines besonders klugen Kopfes, um diese Zahlenreihe
durchzugehen, diese kleine Krämerrechnung, in der sich keine
Weitläufigkeiten befanden, und ich versuchte redlich den Fehler
herauszufinden, von dem die Frau sprach, fand ihn aber nicht. Als ich
mich ein paar Minuten mit diesen Zahlen herumgetummelt hatte, fühlte
ich leider, daß in meinem Kopf alles zu tanzen begann; ich machte
keinen Unterschied mehr zwischen Soll und Haben, ich mischte das Ganze
zusammen. Endlich stand ich mit einem Mal bei folgendem Posten fest:
drei und fünf Sechzehntel Mark Käse zu sechzehn. Mein Gehirn versagte
vollständig, ich starrte dumm auf den Käse hinunter und kam nicht
vom Fleck. Das ist auch verteufelt schlecht geschrieben! sagte ich
verzweifelt. Da steht, Gott helfe mir, einfach fünf Sechzehntel Käse.
Hehe, hat man schon so etwas gehört! Ja, hier können Sie es selbst
sehen!
Ja, antwortete die Madam wieder, man pflegt es so zu schreiben. Das ist
der Kräuterkäse. Doch, das ist richtig! Fünf Sechzehntel sind also fünf
Lot....
Ja, das verstehe ich schon! unterbrach ich sie, obwohl ich in
Wirklichkeit nichts mehr verstand.
Von neuem versuchte ich mit diesem kleinen Rechenstück fertig zu
werden, das ich vor einigen Monaten in einer Minute gelöst haben würde.
Ich schwitzte stark und dachte aus allen Kräften über diese rätselvolle
Zahl nach und blinzelte nachdenklich mit den Augen, als ob ich ganz
scharf dieser Sache nachgrübelte; aber ich mußte es aufgeben. Diese
fünf Lot Käse gaben mir den Rest; es war, als zerbräche etwas hinter
meiner Stirne.
Um trotzdem den Eindruck zu machen, als arbeitete ich immer noch an
meinen Berechnungen, bewegte ich die Lippen und sprach hie und da eine
Zahl laut aus. Dies alles, während ich über die Reihen herunterglitt,
als käme ich ständig vorwärts und näherte mich dem Abschluß. Die Madam
saß da und wartete. Endlich sagte ich: Ja, ja, ich habe sie jetzt von
Anfang bis zum Ende durchgegangen, und soweit ich sehen kann, ist
wirklich kein Fehler da.
Nicht? antwortete die Frau, wirklich nicht? Aber ich sah genau, daß
sie mir nicht glaubte. Und plötzlich schien in ihre Rede eine Spur
der Geringschätzung gegen mich zu kommen, ein gleichgültiger Ton, den
ich früher nicht von ihr gehört hatte. Sie sagte, ich sei vielleicht
nicht gewöhnt, mit Sechzehnteln zu rechnen; sie sagte auch, daß sie
sich an jemand wenden müsse, der sich darauf verstünde, um die Rechnung
ordentlich durchsehen zu lassen. Sie sagte dies alles durchaus nicht in
beschämender Weise, sondern gedankenvoll und ernsthaft. Als sie an die
Tür gekommen war und gehen wollte, sagte sie noch, ohne mich anzusehen:
Entschuldigen Sie, daß ich Sie aufgehalten habe!
Sie ging.
Kurz darauf öffnete sich die Türe wieder und meine Wirtin kam noch
einmal herein; sie konnte kaum weiter als bis auf den Gang gekommen
sein, ehe sie umgekehrt war.
Es ist wahr! sagte sie. Sie dürfen es mir nicht übelnehmen; aber ich
habe wohl noch etwas zu gute bei Ihnen? Sind es nicht gestern drei
Wochen gewesen, daß Sie einzogen? Ja, ich dächte es. Es ist nicht so
leicht, mit einer so großen Familie durchzukommen, ich kann leider hier
niemand auf Kredit wohnen lassen ....
Ich unterbrach sie. Ich arbeite an einem Artikel, wie ich Ihnen schon
früher erzählt habe, sagte ich, und sobald der fertig ist, werden Sie
Ihr Geld bekommen. Sie können ganz ruhig sein.
Ja, aber der Artikel wird ja niemals fertig?
Glauben Sie? Möglicherweise kommt der Geist morgen oder vielleicht
schon heute nacht über mich; es ist gar nicht ausgeschlossen, daß
er heute nacht einmal über mich kommt, und dann ist mein Artikel in
längstens einer Viertelstunde fertig. Sehen Sie, mit meiner Arbeit ist
es nicht so, wie mit der anderer Leute; ich kann mich nicht hinsetzen
und im Tag eine gewisse Menge fertig bringen, ich muß immer den
Augenblick abwarten. Und keiner kann den Tag und die Stunde sagen, wann
der Geist über ihn kommt; das muß seine Zeit haben.
Meine Wirtin ging. Aber ihr Vertrauen war sicherlich sehr erschüttert.
Sowie ich allein war, sprang ich auf und raufte mir das Haar vor
Verzweiflung. Nein, es gab wirklich keine Rettung mehr für mich,
keine, keine Rettung! Mein Gehirn war bankrott! War ich denn ganz zum
Idioten geworden, daß ich nicht einmal mehr den Wert eines kleinen
Stückchens Kräuterkäse ausrechnen konnte? Aber konnte ich denn meinen
Verstand verloren haben, wenn ich mir selbst solche Fragen stellte?
Hatte ich nicht sogar mitten in meinen Anstrengungen mit der Rechnung
die sonnenklare Beobachtung gemacht, daß meine Wirtin schwanger war?
Ich hatte keine Ursache, dies zu wissen, kein Mensch hatte mir davon
erzählt, es fiel mir auch nicht willkürlich ein, ich sah es mit meinen
eigenen Augen und erfaßte es sogleich, als ich in einem verzweifelten
Augenblick dasaß und mit Sechzehnteln rechnete. Wie sollte ich mir das
erklären?
Ich trat zum Fenster und sah hinaus; mein Fenster ging auf die
Vognmandsstraße. Einige Kinder spielten unten auf dem Pflaster, ärmlich
gekleidete Kinder mitten in der ärmlichen Gasse. Sie warfen einander
eine leere Flasche zu und schrien laut. Ein Möbelwagen rollte langsam
vorbei; es war dies offenbar eine vertriebene Familie, die die Wohnung
außerhalb der Umzugszeit wechselte. Ich dachte mir das augenblicklich.
Auf dem Wagen lagen Bettzeug und Möbel, wurmstichige Betten und
Kommoden, rotgemalte Stühle mit drei Beinen, Matten, altes Eisen,
Blechzeug. Ein kleines Mädchen, ein Kind noch, ein richtig häßliches
kleines Wesen mit einer Tropfnase, saß oben auf der Last und hielt sich
mit seinen armen blauen Händen fest, um nicht herunterzufallen. Es saß
auf einem Bündel abscheulicher, nasser Matratzen, auf denen Kinder
gelegen hatten und sah auf die Kleinen herunter, die die leere Flasche
einander zuwarfen....
Dies alles sah ich, und ich hatte keine Mühe, alles, was vorging, zu
verstehen. Während ich dort am Fenster stand und dies beobachtete,
hörte ich auch das Mädchen meiner Wirtin in der Küche neben meinem
Zimmer singen: ich kannte die Melodie und paßte deshalb auf, ob sie
falsch singen würde. Und ich sagte mir, daß ein Idiot all dieses nicht
hätte beobachten können; ich war Gott sei Dank so vernünftig wie nur
irgend jemand.
Plötzlich sah ich zwei der Kinder unten in der Straße auffahren und
raufen, zwei kleine Buben; den einen kannte ich, er war der Sohn
meiner Wirtin. Um zu hören, was sie einander sagen, öffne ich mein
Fenster, und sofort sammelt sich eine Schar Kinder unter diesem
Fenster an und sieht sehnsuchtsvoll herauf. Worauf warteten sie?
Daß ich ihnen etwas hinunterwerfen würde? Getrocknete Blumen, einen
Knochen, Zigarrenstumpen, irgend etwas, das sie sich in den Mund
stopfen oder mit dem sie sich belustigen könnten? Mit blaugefrorenen
Gesichtern, mit unendlich langen Augen sahen sie zu meinem Fenster
herauf. Unterdessen zanken sich die zwei Feinde immer noch herum.
Worte, wie große, feuchte Ungeheuer, wimmeln aus diesen Kindermündern,
schreckliche Schimpfnamen, Dirnenausdrücke, Matrosenflüche, die sie
vielleicht unten am Hafen gelernt hatten. Und beide sind so davon in
Anspruch genommen, daß sie gar nicht bemerken, wie meine Wirtin zu
ihnen hinausläuft, um zu hören, was los ist.
Ja, erklärt ihr Sohn, er packte mich an der Gurgel; ich bekam lange
keine Luft mehr! Und indem er sich an den kleinen Übeltäter wendet, der
ihn boshaft angrinst, wird er vollkommen rasend und ruft:
Fahr zur Hölle, du chaldäisches Vieh, das du bist! So ein lausiger
Hurenbalg packt einen an der Kehle! Ich werde dich, so wahr Gott....
Und die Mutter, dieses schwangere Weib, die die ganze enge Gasse mit
ihrem Bauch beherrscht, antwortet dem zehnjährigen Kind, während sie es
am Arm ergreift und mit sich ziehen will:
Scht! halt deinen Schnabel! Ich meine gar, du fluchst! Du gebrauchst
ja das Maul, als wenn du jahrelang im Hurenhaus gewesen wärest! Jetzt
hinein mit dir!
Nein, das tue ich nicht!
Doch, das tust du!
Nein, ich tue es nicht!
Ich stehe oben am Fenster und sehe, wie der Zorn der Mutter zunimmt,
diese widerliche Szene erregt mich stark, ich halte es nicht mehr
aus, ich rufe zu dem Buben hinunter, daß er einen Augenblick zu mir
heraufkommen soll. Ich rufe zweimal, nur um sie zu stören, um diesen
Auftritt zu beenden; das zweite Mal rufe ich sehr laut, und die Mutter
wendet sich verblüfft um und sieht zu mir herauf. Und augenblicklich
gewinnt sie die Fassung wieder, sieht mich frech an, richtig überlegen
sieht sie mich an, und zieht sich mit einer vorwurfsvollen Bemerkung
gegen ihren Sohn zurück. Sie spricht laut, so daß ich es hören kann und
sagt zu ihm:
Pfui, schämen solltest du dich, die Leute sehen zu lassen, wie schlimm
du bist!
Mir entging nichts, nicht einmal irgendeine kleine Nebensache von
allem, was ich auf diese Weise beobachtete. Meine Aufmerksamkeit war
äußerst wachsam, ich atmete empfindlich jeden kleinen Umstand ein und
machte mir meine Gedanken über diese Dinge, wie sie der Reihe nach
verliefen. Es konnte also unmöglich mit meinem Verstand etwas nicht in
Ordnung sein. Wie sollte auch jetzt etwas nicht in Ordnung sein?
Höre, weißt du was, sagte ich plötzlich, nun bist du lange genug
herumgegangen und hast dich mit deinem Verstand befaßt und dir in
dieser Hinsicht Kummer gemacht; nun müssen diese Narrenstreiche
aufhören! Ist das ein Zeichen von Verrücktheit: alle Dinge so genau zu
beobachten und aufzufassen, wie du es tust? Du machst mich beinahe über
dich lachen, versichere ich dir, dies entbehrt nicht des Humors, soviel
mir scheint. Kurz und gut, das passiert allen Menschen, daß sie sich
einmal verrennen, und zwar gerade bei der einfachsten Frage. Das hat
nichts zu sagen, das ist nur Zufall. Wie gesagt, ich muß bei einem Haar
über dich lachen. Was diese Krämerrechnung betrifft, diese lumpigen
fünf Sechzehntel Armeleutekäse, so möchte ich ihn beinahe nennen, --
hehe, ein Käse mit Nelken und Pfeffer darin -- was diesen lächerlichen
Käse betrifft, da hätte auch der Klügste dumm davor dastehen können;
schon bloß der Geruch dieses Käses könnte einen aus der Fassung
bringen.... Und ich verhöhnte den Kräuterkäse nach allen Richtungen....
Nein, gebt mir etwas Eßbares! gebt mir meinetwegen fünf Sechzehntel
guter Butter! Das wäre etwas anderes!
Ich lachte hektisch über meine eigenen Witze und fand sie höchst
lustig. Mir fehlte wirklich nichts mehr, ich war ganz in Ordnung.
Meine Munterkeit stieg, je mehr ich im Zimmer umherging und mit mir
sprach; ich lachte laut und fühlte mich überaus froh. Es war auch
wirklich so, als hätte ich nur dieser kurzen fröhlichen Weile, dieses
Augenblickes richtig heller Entzückung ohne Sorgen nach irgendwelcher
Seite hin bedurft, um meinen Kopf in arbeitstüchtige Verfassung zu
bringen. Ich setzte mich an den Tisch und fing an, mich mit meiner
Allegorie zu beschäftigen. Und es ging sehr gut, besser denn seit
langer Zeit. Es ging nicht schnell; aber ich fand, das wenige, das
ich zustande brachte, war ganz ausgezeichnet. Auch arbeitete ich eine
Stunde lang, ohne müde zu werden.
Schließlich bin ich an einem sehr wichtigen Punkt in dieser Allegorie
über einen Brand in einem Buchladen angelangt. Er kam mir so wichtig
vor, daß alles übrige, was ich geschrieben hatte, nicht der Rede wert
war im Vergleich zu diesem Punkt. Ich wollte gerade den Gedanken, daß
es nicht Bücher seien, die verbrannten, sondern Gehirne, menschliche
Gehirne, recht tiefsinnig formen, und ich wollte aus diesen
brennenden Gehirnen eine ganze Bartholomäusnacht gestalten. Da wurde
plötzlich meine Türe mit großer Hast geöffnet, und meine Wirtin kam
hereingesegelt. Sie kam bis mitten ins Zimmer, sie blieb nicht einmal
auf der Schwelle stehen.
Ich stieß einen kleinen heiseren Schrei aus; es war, als hätte ich
einen Schlag bekommen.
Wie? fragte sie. Mir schien, Sie sagten etwas? Wir haben einen
Reisenden bekommen und wir müssen dieses Zimmer für ihn haben. Sie
können heute nacht bei uns unten schlafen; ja, Sie sollen auch dort ein
eigenes Bett bekommen. Und noch bevor sie meine Antwort erhalten hatte,
begann sie ohne weiteres meine Papiere auf dem Tisch zu sammeln und sie
in Unordnung zu bringen.
Meine frohe Stimmung war wie weggeweht, ich wurde zornig und
verzweifelt und stand sofort auf. Ich ließ sie auf dem Tisch
zusammenräumen und sagte nichts; ich sprach kein Wort. Und sie gab mir
alle Papiere in die Hand.
Ich konnte nichts anderes tun, ich mußte das Zimmer verlassen. Auch
dieser kostbare Augenblick war nun verdorben! Schon auf der Treppe
begegnete ich dem neuen Reisenden, einem jungen Mann mit großen blauen
Ankerzeichnungen auf den Handrücken; ein Träger mit einer Schiffskiste
auf der Schulter folgte ihm. Der Fremde war sicher ein Seemann, also
nur ein zufälliger Reisender für eine Nacht; er würde mein Zimmer
kaum längere Zeit in Anspruch nehmen. Ich konnte ja vielleicht
auch morgen, wenn der Mann abgereist war, wieder einen meiner
glücklichen Augenblicke haben; es fehlten mir nur noch fünf Minuten der
Inspiration, dann war mein Werk über den Brand fertig. Ich mußte mich
also in das Schicksal ergeben....
Ich war noch nie in der Wohnung der Familie gewesen, dieser einzigen
Stube, in der sich alle zusammen, Mann, Frau, der Vater der Frau und
vier Kinder, Tag und Nacht aufhielten. Das Mädchen wohnte in der
Küche, in der es auch schlief. Mit großem Widerwillen näherte ich mich
der Türe und klopfte an; niemand antwortete, aber ich hörte drinnen
sprechen.
Der Mann sagte kein Wort als ich eintrat, erwiderte nicht einmal meinen
Gruß; er sah mich nur gleichgültig an, als ob ich ihn nichts anginge.
Er spielte übrigens Karten mit einem Menschen, den ich schon unten am
Hafen gesehen hatte, einem Träger, der auf den Namen „Glasscheibe”
hörte. Ein Säugling plapperte im Bett mit sich selbst, und der
alte Mann, der Vater der Wirtin, saß zusammengekrochen auf einer
Schlafbank und beugte den Kopf auf die Hände herab, als ob ihn Brust
oder Magen schmerzte. Er hatte beinahe weißes Haar und sah in seiner
zusammengekrümmten Stellung wie ein geducktes Tier aus, das dasaß und
die Ohren spitzte.
Ich muß leider für heute nacht um Unterkunft hier bitten, sagte ich zu
dem Mann.
Hat das meine Frau gesagt? fragte er.
Ja. Ein anderer bekam mein Zimmer.
Darauf antwortete der Mann nichts; er befaßte sich wieder mit seinen
Karten.
So saß dieser Mann Tag für Tag und spielte Karten mit jedem, der zu
ihm kam, spielte um nichts, nur um die Zeit zu vertreiben und um etwas
in den Händen zu haben. Sonst tat er nichts, rührte sich nur gerade
soviel, als seine faulen Glieder es zuließen, während die Frau die
Treppen auf und nieder trabte, an allen Ecken und Enden zugegen war und
sich bemühte, Fremde ins Haus zu bekommen. Sie hatte sich auch mit den
Schauerleuten und Trägern in Verbindung gesetzt, denen sie für jeden
Gast, den diese ihr brachten, ein gewisses Honorar bezahlte, und oft
gewährte sie diesen Schauerleuten Unterkunft für die Nacht. Jetzt war
es die „Glasscheibe”, die soeben den neuen Reisenden mitgebracht hatte.
Ein paar der Kinder kamen herein, zwei kleine Mädchen mit mageren,
sommersprossigen Dirnengesichtern; sie hatten wahrhaft elende Kleider
an. Bald darauf trat auch die Wirtin ein. Ich fragte sie, wo sie mich
für die Nacht unterbringen wolle, und sie antwortete kurz, daß ich hier
drinnen zusammen mit den anderen, oder draußen im Vorzimmer auf der
Sofabank liegen könne, ganz wie ich es selbst für gut fände. Sie ging
in der Stube umher, während sie mir dies antwortete, und kramte mit
verschiedenen Dingen, die sie in Ordnung brachte und sah mich nicht
einmal an.
Ich sank bei ihrer Antwort zusammen, blieb bei der Türe stehen und
machte mich klein, tat sogar, als sei ich sehr zufrieden damit, mein
Zimmer für eine Nacht mit einem anderen zu vertauschen: ich setzte mit
Absicht eine freundliche Miene auf, um sie nicht zu reizen und um nicht
womöglich ganz aus dem Haus gejagt zu werden. Ich sagte: Ach ja, es
findet sich schon Rat! und schwieg.
Sie fuhr immer noch in der Stube umher.
Übrigens will ich Ihnen sagen, daß ich nicht reich genug bin, um Leute
auf Kredit in Kost und Logis zu haben. Und das habe ich Ihnen auch
schon früher gesagt.
Ja aber, liebe Frau, es handelt sich ja nur um diese paar Tage, bis
mein Artikel fertig ist, antwortete ich, und dann will ich Ihnen gerne
fünf Kronen obendrein geben, gerne.
Aber offenbar glaubte sie nicht an meinen Artikel, das konnte ich ihr
ansehen. Und ich konnte nicht stolz tun und das Haus bloß um dieser
kleinen Kränkung willen verlassen; ich wußte, was meiner wartete, wenn
ich meines Weges ging.
* * * * *
Einige Tage verstrichen.
Ich war immer noch bei der Familie unten, da es in dem Vorzimmer,
das keinen Ofen hatte, zu kalt war; auch nachts schlief ich auf dem
Boden in der Stube. Der fremde Seemann wohnte noch immer in meinem
Zimmer und es hatte nicht den Anschein, als ob er so bald ausziehen
würde. Zur Mittagszeit kam die Wirtin herein und erzählte, daß er
einen ganzen Monat im voraus bezahlt hatte. Im übrigen sollte er das
Steuermannsexamen machen, bevor er abreiste; deshalb hielte er sich in
der Stadt auf. Ich stand da und hörte dies an und begriff, daß mir das
Zimmer jetzt für immer verloren war.
Ich ging ins Vorzimmer und setzte mich; würde es mir glücken, etwas
schreiben zu können, dann mußte es wohl hier sein, in der Stille.
Meine Allegorie beschäftigte mich nicht mehr. Mir war eine neue Idee
gekommen, ein ganz vortrefflicher Plan: ich wollte einen Einakter
schreiben, „Das Zeichen des Kreuzes”, ein Thema aus dem Mittelalter.
Besonders die Hauptperson hatte ich mir vollkommen ausgedacht, eine
herrliche, fanatische Dirne, die im Tempel gesündigt hatte, nicht aus
Schwachheit und nicht aus Begierde, sondern aus Haß gegen den Himmel,
zu Füßen des Altars, das Altartuch unter ihrem Kopf, nur aus herrlicher
Verachtung für den Himmel.
Je mehr die Zeit verging, desto stärker wurde ich von dieser Gestalt
besessen. Zuletzt stand sie ganz lebendig und genau so, wie ich sie
haben wollte, vor meinem Blick. Ihr Körper sollte fehlerhaft und
abstoßend sein: hoch, sehr mager und etwas dunkel, und bei jedem
Schritt, den sie machte, sollten ihre langen Beine durch die Röcke
schimmern. Sie sollte auch große, abstehende Ohren haben. Kurz
gesagt, sie sollte nicht schön, sondern nur gerade noch erträglich
anzusehen sein. Was mich an ihr interessierte, war ihre wundervolle
Schamlosigkeit, war die maßlose und überlegte Sünde, die sie begangen
hatte. Sie beschäftigte mich wirklich allzu stark: mein Gehirn war
gleichsam ausgebeult von dieser seltsamen Mißgestalt. Und zwei volle
Stunden schrieb ich in einem Zug an meinem Drama.
Als ich eine Anzahl Seiten zustande gebracht hatte, vielleicht zwölf
Seiten, mit großer Mühe oft, bisweilen mit langen Zwischenräumen, in
denen ich umsonst schrieb und meine Bogen zerreißen mußte, war ich
müde geworden, ganz steif vor Kälte und Müdigkeit, und ich stand auf
und ging auf die Straße hinaus. Auch hatte mich in der letzten halben
Stunde das Kindergeschrei im Zimmer der Familie gestört, und ich hätte
auf keinen Fall jetzt noch mehr schreiben können. Ich machte deshalb
einen langen Spaziergang den Drammensweg hinaus und blieb bis zum Abend
fort, ständig darüber nachgrübelnd, wie ich mein Drama fortsetzen
sollte. Ehe ich an diesem Tag nach Hause kam, widerfuhr mir folgendes:
Ich stand vor einem Schuhladen ganz unten in der Karl Johanstraße, fast
beim Bahnhofsplatz. Gott weiß, warum ich gerade vor diesem Schuhladen
stehengeblieben war! Ich sah durch das Fenster, dachte aber im übrigen
gar nicht daran, daß ich eben jetzt Schuhe nötig hätte; meine Gedanken
waren weit fort, in anderen Gegenden der Welt. Hinter meinem Rücken
ging ein Schwarm plaudernder Menschen vorbei, und ich hörte nichts von
dem, was gesagt wurde. Da grüßt eine Stimme laut:
Guten Abend!
Die „Jungfer” grüßte mich.
Guten Abend! antwortete ich abwesend. Ich sah die „Jungfer” eine kurze
Weile an, bevor ich ihn erkannte.
Nun, wie geht es? fragte er.
Ja, sehr gut.... wie gewöhnlich!
Hören Sie, sagen Sie mir, meinte er, Sie sind also noch bei Christie?
Christie?
Mir schien, Sie sagten einmal, daß Sie Buchhalter beim Großhändler
Christie seien?
Ach! Nein, das ist vorbei. Es war ganz unmöglich, mit diesem Mann
zusammen zu arbeiten; das ging ziemlich bald von selbst auseinander.
Wieso das?
Ach, ich schrieb eines Tages etwas Falsches, und da....
Gefälscht?
Gefälscht? Da stand die „Jungfer” und fragte geradezu, ob ich gefälscht
hätte. Er fragte sogar rasch und interessiert. Ich sah ihn an, fühlte
mich tief gekränkt und antwortete nicht.
Ja, ja, Herrgott, das kann dem Besten passieren! meinte er, um mich zu
trösten. Er glaubte immer noch, daß ich gefälscht hatte.
Was kann, ja Herrgott, dem Besten passieren? fragte ich. Fälschen?
Hören Sie, mein lieber Mann, glauben Sie denn wirklich, daß ich eine
solche Niederträchtigkeit begangen haben könnte? Ich?
Aber Lieber, mir schien, Sie sagten ganz deutlich....