Ich ging ans Fenster und setzte mich nieder. Dieser Anblick hatte

unbarmherzig alle meine Gedanken in Unordnung gebracht und meine reiche

Stimmung ganz verschüttet. Nun, was ging es mich an? Wenn sich der Mann

selbst darein fand, ja sogar sein großes Vergnügen daran hatte, so war

für mich kein Grund vorhanden, es mir nahe gehen zu lassen. Und was den

Greis betraf, so war der Greis eben ein Greis. Er sah es vielleicht

nicht einmal; vielleicht saß er da und schlief. Gott weiß, ob er nicht

sogar tot war. Es würde mich nicht wundern, wenn er dasäße und tot

wäre, und ich machte mir kein Gewissen daraus.

Wieder nahm ich meine Papiere hervor und wollte alle nicht hierher

gehörenden Gedanken zurückdrängen. Ich war mitten in einem Satz der

Rede des Richters stehengeblieben: So befiehlt mir denn Gott und das

Gesetz, so befiehlt mir denn der Rat der weisen Männer, befiehlt mir

mein eigenes Gewissen.... Ich sah zum Fenster hinaus, um nachzudenken,

was ihm sein eigenes Gewissen befehlen sollte. Aus dem Zimmer drang

schwacher Lärm. Nun, das ging mich nichts an, gar nichts. Der Greis war

außerdem tot, starb morgen vielleicht gegen vier Uhr. Es war mir also

herzlich gleichgültig, was der Lärm bedeutete; warum zum Teufel saß ich

da und machte mir darüber Gedanken? Ruhig jetzt!

So befiehlt mir denn mein eigenes Gewissen....

Aber alles hatte sich gegen mich verschworen. Der Mann stand durchaus

nicht ganz ruhig an seinem Schlüsselloch, hie und da hörte ich sein

unterdrücktes Lachen und sah, wie er sich schüttelte; auch auf der

Straße ging manches vor, das mich zerstreute. Ein kleiner Junge saß

auf dem anderen Gehsteig in der Sonne und bastelte für sich allein; er

war ganz ahnungslos, knüpfte nur einige Papierstreifen zusammen und

machte niemand Verdruß. Plötzlich springt er auf und flucht. Er geht

nach rückwärts auf die Straße hinaus und erblickt einen Mann, einen

erwachsenen Mann mit rotem Bart, der sich aus einem offenen Fenster im

ersten Stock herauslehnt -- und ihm auf den Kopf gespuckt hatte. Der

Kleine heulte vor Zorn und fluchte ohnmächtig zum Fenster hinauf, und

der Mann lachte ihm ins Gesicht; so vergingen vielleicht fünf Minuten.

Ich wandte mich ab, um das Weinen des Knaben nicht zu sehen.

So befiehlt mir denn mein eigenes Gewissen, daß....

Es war mir unmöglich, weiter zu kommen. Zuletzt begann es vor mir zu

flimmern; ich fand, daß alles, was ich bereits geschrieben hatte,

unbrauchbar, ja daß das Ganze ein fürchterlicher Unsinn war. Man konnte

gar nicht vom Gewissen im Mittelalter sprechen, das Gewissen wurde

erst von dem Tanzlehrer Shakespeare erfunden, folglich war meine ganze

Rede unrichtig. Stand dann also gar nichts Gutes in diesen Blättern?

Ich durchlief sie rasch von neuem und löste sofort meine Zweifel; ich

fand großartige Stellen, ganz lange Stücke von großer Merkwürdigkeit.

Und nochmals jagte der berauschende Drang durch meine Brust, wieder

anzupacken und das Drama zu Ende zu bringen.

Ich erhob mich und ging zur Türe ohne auf die wütenden Zeichen des

Wirtes zu achten. Bestimmt und festen Sinnes ging ich aus dem Vorraum,

stieg die Treppe zum ersten Stock hinauf und trat in mein altes Zimmer.

Der Steuermann war ja nicht da, und was also hinderte mich, einen

Augenblick hier zu sitzen? Ich würde nichts von seinen Sachen berühren,

ich würde nicht einmal seinen Tisch benutzen, sondern mich auf einem

Stuhl an der Türe niederlassen und damit zufrieden sein. Heftig falte

ich die Papiere auf meinen Knien auseinander.

Jetzt ging es einige Minuten lang ganz ausgezeichnet. Replik auf

Replik entstand vollkommen fertig in meinem Kopf, und ich schrieb

ununterbrochen. Eine Seite nach der anderen füllt sich. Ich setze

über Stock und Stein, winsle leise vor Entzücken über meine gute

Stimmung und weiß beinahe nichts von mir selbst. Der einzige Laut, den

ich in diesen Minuten höre, ist mein eigenes frohes Gewinsel. Auch

eine besonders glückliche Idee mit einer Kirchenglocke, die an einem

bestimmten Punkt im Drama mit ihrem Geläut einfallen sollte, kam mir

in den Kopf. Alles ging überwältigend.

Da höre ich Schritte auf der Treppe. Ich bebe und bin beinahe außer

mir, sitze sozusagen auf dem Sprung, scheu, wachsam, voller Angst vor

allem und vom Hunger erregt; ich lausche nervös, halte den Bleistift

still in der Hand und lausche, ich kann kein Wort mehr schreiben. Die

Türe geht auf; das Paar aus der Stube unten tritt ein.

Noch bevor ich Zeit finde, um Entschuldigung zu bitten, ruft die Wirtin

wie aus allen Wolken gefallen: Nein, Gott tröste und helfe uns, nun

sitzt er doch wieder hier!

Entschuldigen Sie! sagte ich und wollte mehr sagen, kam aber nicht

weiter.

Die Wirtin öffnete die Türe weit und schrie:

Wenn Sie sich jetzt nicht fortscheren, dann hole ich, Gott verdamm

mich, die Polizei.

Ich erhob mich.

Ich wollte Ihnen nur Lebewohl sagen, murmelte ich, und deshalb mußte

ich auf Sie warten. Ich habe nichts berührt, ich saß hier auf dem

Stuhl....

Ja, das macht ja nichts, sagte der Steuermann. Was zum Teufel schadet

das? Lassen Sie doch den Mann!

Als ich die Treppe hinuntergekommen war, wurde ich mit einem Mal

rasend gegen dieses dicke aufgeschwollene Weib, das mir auf den Fersen

folgte, um mich so rasch wie möglich fortzubringen, und ich stand einen

Augenblick still, den Mund voll der wüstesten Schimpfnamen, bereit, sie

ihr entgegenzuschleudern. Aber ich bedachte mich zur rechten Zeit und

schwieg, schwieg aus Dankbarkeit gegen den fremden Mann, der hinter ihr

ging und es hören konnte. Die Wirtin folgte mir beständig und schalt

unaufhörlich, während mein Zorn gleichzeitig mit jedem Schritt, den ich

machte, zunahm.

Wir kamen in den Hof hinunter, ich ging ganz langsam, noch überlegend,

ob ich mich mit der Wirtin abgeben sollte. In diesem Augenblick war ich

von Wut ganz verstört, und ich dachte an das schlimmste Blutvergießen,

an einen Stoß, der sie auf der Stelle tot hinwerfen würde, einen Tritt

vor den Bauch. Ein Dienstmann geht an mir vorbei ins Tor, er grüßt,

und ich antworte nicht. Er wendet sich an die Madam hinter mir und ich

höre, daß er nach mir fragt; aber ich drehe mich nicht um.

Ein paar Schritte außerhalb des Tores holt mich der Dienstmann

ein, grüßt wieder und hält mich an. Er gibt mir einen Brief.

Heftig und unwillig reiße ich ihn auf, aus dem Umschlag fällt ein

Zehnkronenschein, aber kein Brief, nicht ein Wort.

Ich sehe den Mann an und frage:

Was sind das für Narrenstreiche? Von wem ist der Brief?

Ja, das weiß ich nicht, antwortet er, eine Dame hat ihn mir gegeben.

Ich stand still. Der Dienstmann ging. Da stecke ich den Schein wieder

in den Umschlag, knülle das Ganze fest zusammen, kehre um und gehe

zur Wirtin, die mir vom Tor aus immer noch nachschaut, und werfe

ihr den Schein ins Gesicht. Ich sagte nichts, äußerte keine Silbe,

ich beobachtete nur, ehe ich ging, daß sie das verknüllte Papier

untersuchte....

He, das konnte man ein Auftreten nennen! Nichts sagen, das Pack nicht

anreden, sondern einen großen Geldschein ganz ruhig zusammenknüllen und

ihn seinen Verfolgern vor die Füße werfen. Das konnte man ein würdiges

Auftreten nennen! So mußte man sie behandeln, diese Tiere!....

An die Ecke der Tomtestraße und des Bahnhofsplatzes gekommen, begann

die Straße plötzlich sich vor meinen Augen rund herum zu drehen,

es sauste leer in meinem Kopf, und ich fiel an eine Hauswand. Ich

konnte einfach nicht mehr weitergehen, konnte mich nicht einmal aus

meiner schiefen Stellung aufrichten; ich blieb so stehen, wie ich

an die Wand gefallen war und fühlte, daß ich die Besinnung verlor.

Mein wahnsinniger Zorn wurde durch diesen Anfall der Erschöpfung

nur vermehrt, und ich hob den Fuß und stampfte auf das Pflaster.

Ich versuchte noch alles mögliche, um zu Kräften zu kommen, biß die

Zähne zusammen, runzelte die Stirn, rollte verzweifelt die Augen, und

schließlich begann es zu helfen. Meine Gedanken wurden klar, ich

verstand, daß ich im Begriff war, mich aufzulösen. Ich hielt die Hände

vor und stieß mich von der Mauer ab; die Straße tanzte immer noch um

mich. Vor Wut begann ich zu schluchzen, und ich stritt aus innerster

Seele mit meiner Schwäche, hielt tapfer stand, um nicht umzufallen;

ich wollte nicht zusammensinken, ich wollte stehend sterben. Ein

Lastkarren rollte langsam vorbei, und ich sehe, daß Kartoffeln auf

dem Karren liegen, aber aus Wut, aus Halsstarrigkeit, behaupte ich,

daß es durchaus nicht Kartoffeln seien, sondern Kohlköpfe, und ich

schwor grausam darauf, daß es Kohlköpfe wären. Ich hörte gut, was ich

sagte, und bewußt beschwor ich immer wieder diese Lüge, nur um die

angenehme Befriedigung zu haben, daß ich einen groben Meineid begehe.

Ich berauschte mich an dieser beispiellosen Sünde, ich streckte meine

drei Finger in die Luft und schwor mit zitternden Lippen im Namen des

Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes, daß es Kohlköpfe seien.

Die Zeit verging. Ich ließ mich auf eine Stufe niederfallen und

trocknete mir den Schweiß von Hals und Stirn, sog die Luft ein und

zwang mich, ruhig zu sein. Die Sonne glitt nieder, es ging auf den

Abend zu. Wieder begann ich über meine Lage nachzugrübeln; der Hunger

wurde schamlos, und in einigen Stunden würde es wiederum Nacht sein.

Es galt Rat zu schaffen, solange noch Zeit war. Meine Gedanken fingen

wieder an, um das Logishaus zu kreisen, aus dem ich vertrieben worden

war; ich wollte durchaus nicht dahin zurückkehren, konnte aber

trotzdem nicht unterlassen, immer wieder daran zu denken. Eigentlich

war die Frau in ihrem guten Recht gewesen, als sie mich hinauswarf.

Wie konnte ich erwarten, bei jemand wohnen zu dürfen, wenn ich nicht

dafür bezahlte? Sie hatte mir obendrein hie und da Essen gegeben; sogar

gestern, als ich sie gereizt hatte, hatte sie mir zwei Butterbrote

angeboten, sie mir aus Gutmütigkeit angeboten, denn sie wußte, daß

ich sie brauchte. Ich hatte mich also über nichts zu beklagen, und

während ich auf der Treppe saß, begann ich sie im stillen wegen meines

Betragens um Vergebung zu bitten und zu betteln. Bitterlich bereute

ich besonders, daß ich mich ihr zuletzt undankbar gezeigt und ihr den

Geldschein ins Gesicht geworfen hatte....

Zehn Kronen! Ich stieß einen Pfiff aus. Woher kam der Brief, den

der Bote gebracht hatte? Erst in diesem Augenblick dachte ich klar

darüber nach und ahnte sofort, wie das Ganze zusammenhing. Krank vor

Schmerz und Scham, flüsterte ich mehrere Male Ylajali mit heiserer

Stimme und schüttelte den Kopf. Hatte ich mich nicht erst noch gestern

entschlossen, stolz an ihr vorbeizugehen, wenn ich sie träfe, und ihr

die größte Gleichgültigkeit zu zeigen? Und statt dessen hatte ich nur

ihr Mitleid erregt und ihr einen Barmherzigkeitsschilling entlockt.

Nein, nein, nein, meine Erniedrigung nahm kein Ende! Nicht einmal ihr

gegenüber hatte ich eine anständige Stellung behaupten können; ich

sank, sank nach allen Seiten, wohin ich mich wandte, sank in die Knie,

sank unter, tauchte unter in Unehre und kam niemals wieder empor,

niemals! Tiefer ging es nicht mehr! Zehn Kronen als Almosen anzunehmen

ohne sie dem heimlichen Geber zurückschleudern zu können, mit beiden

Händen die Schillinge, wo sie sich mir boten, aufzuraffen und sie zu

behalten, sie als Bezahlung für die Unterkunft zu verwenden, trotz

eigenen innersten Widerwillens ....

Konnte ich diese zehn Kronen nicht auf irgendeine Weise wieder

herbeischaffen? Zur Wirtin zurückzugehen, um den Schein von ihr wieder

ausgehändigt zu bekommen, nützte wohl kaum. Wenn ich nachdachte, mußte

es wohl auch noch eine andere Lösung geben, wenn ich mich nur richtig

anstrengte und nachdachte. Hier war, bei Gott, nicht genug damit getan,

auf gewöhnliche Art zu denken, ich mußte denken, daß es mir durch den

ganzen Körper ging, und einen Ausweg wegen dieser zehn Kronen finden.

Und ich begann aus Leibeskräften nachzudenken.

Es war wohl ungefähr vier Uhr, in ein paar Stunden hätte ich vielleicht

den Theaterchef aufsuchen können, wenn ich nur mein Drama fertiggehabt

hätte. Ich hole mein Manuskript hervor und will mit aller Gewalt die

letzten drei, vier Szenen beenden; ich denke und schwitze und lese

alles vom Anfang an durch, komme aber nicht vorwärts. Keinen Blödsinn,

sage ich, keine Halsstarrigkeit! Und ich schreibe darauf los, schreibe

alles nieder, was mir einfällt, nur um schnell fertig zu werden und

vorwärtszukommen. Ich wollte mir einbilden, daß ich einen neuen großen

Augenblick hatte, ich log mich an, betrog mich offensichtlich und

schrieb in einem Zug, als wenn ich nicht nach den Worten zu suchen

brauchte. Das ist gut! das ist wirklich ein Fund! flüsterte ich

dazwischen; schreib es nur nieder!

Schließlich aber erschienen mir meine letzten Repliken bedenklich;

sie stachen so stark gegen die Repliken in den ersten Szenen ab.

Außerdem war durchaus kein Mittelalter in den Worten des Mönches. Ich

zerbeiße den Bleistift zwischen meinen Zähnen, springe auf, zerreiße

das Manuskript, reiße jedes Blatt entzwei, werfe meinen Hut auf die

Straße und trample darauf. Ich bin verloren! flüstere ich vor mich hin;

meine Damen und Herren, ich bin verloren! Und ich sage nichts als diese

Worte, während ich auf meinem Hut herumtrample.

Ein paar Schritte von mir entfernt steht ein Schutzmann und beobachtet

mich; er steht mitten auf der Straße und sieht nichts anderes als nur

mich. Als ich den Kopf zurückwerfe, treffen sich unsere Augen, er hatte

vielleicht schon längere Zeit dort gestanden und nur mich angesehen.

Ich nehme meinen Hut, setze ihn auf und gehe zu dem Manne hin.

Wissen Sie, wieviel Uhr es ist? frage ich.

Er wartet eine Weile, ehe er seine Uhr hervorzieht, und wendet seine

Augen unterdessen nicht von mir ab.

Gleich vier Uhr, antwortet er.

Ganz richtig! sage ich; gleich vier Uhr, vollkommen richtig! Sie können

Ihre Sache, wie ich höre, und ich werde an Sie denken.

Damit verließ ich ihn. Er war aufs Äußerste über mich erstaunt, stand

da, sah mir mit offenem Mund nach und hielt noch die Uhr in der Hand.

Als ich vor das Royal gekommen war, drehte ich mich um und sah zurück:

er stand noch in der gleichen Stellung da und folgte mir mit den Augen.

Hehe, so mußte man die Tiere behandeln! Mit der ausgesuchtesten

Unverschämtheit! Das imponierte den Tieren, versetzte die Tiere in

Schrecken.... Ich war mit mir überaus zufrieden und begann wieder ein

Bruchstück zu singen. Von Erregung angespannt, ohne noch einen Schmerz

zu fühlen, sogar ohne irgendwelches Unbehagen, ging ich, leicht wie

eine Feder, über den ganzen Markt, kehrte bei den Basaren um und ließ

mich auf einer Bank vor der Erlöserkirche nieder.

War es denn nicht auch ziemlich gleichgültig, ob ich die zehn Kronen

zurücksandte oder nicht! Hatte ich sie erhalten, so waren sie mein,

und dort, woher sie kamen, war gewiß keine Not. Ich mußte sie doch

annehmen, wenn sie mir ausdrücklich gesandt wurden; ich konnte sie doch

nicht dem Dienstmann lassen. Ebensowenig ging es an, einen ganz anderen

Zehnkronenschein als den, den ich bekommen hatte, zurückzusenden. Daran

war also nichts mehr zu ändern.

Ich versuchte, das Getriebe rings auf dem Markt vor mir zu beobachten

und meine Gedanken mit gleichgültigen Dingen zu beschäftigen; aber es

glückte mir nicht, ich befaßte mich beständig mit den zehn Kronen.

Zuletzt ballte ich die Hände und wurde zornig. Es müßte sie verletzen,

sagte ich, wenn ich das Geld zurücksenden würde; warum sollte ich es

dann tun? Ich wollte mich stets für zu gut zu allem möglichen halten,

hochmütig den Kopf schütteln und ‚nein, danke’ sagen. Nun sah ich

selbst, wohin das führte; jetzt stand ich wieder auf der Straße. Selbst

wenn ich die beste Gelegenheit dazu hatte, behielt ich nicht mein gutes

warmes Logis, ich wurde stolz, sprang beim ersten Wort auf und warf den

Kopf in den Nacken, bezahlte zehn Kronen nach rechts und nach links und

lief auf und davon.... Ich ging scharf ins Gericht mit mir, weil ich

mein Obdach verlassen und mich wieder in Verlegenheit gebracht hatte.

Im übrigen spuckte ich auf das Ganze! Ich hatte nicht um die zehn

Kronen gebeten, und ich hatte sie kaum zwischen den Händen gehalten,

sondern sie sofort weggegeben, sie an wildfremde Menschen, die ich

nie wiedersehen würde, ausbezahlt. So war ich, bezahlte bis auf den

letzten Heller, wenn es galt. Kannte ich Ylajali richtig, dann bereute

sie nicht, daß sie mir das Geld gesandt hatte, was saß ich dann da

und zankte mit mir herum? Es war geradezu das mindeste, was sie tun

konnte, mir ab und zu zehn Kronen zu senden. Das arme Mädchen war doch

in mich verliebt, he, vielleicht sogar sterblich in mich verliebt....

Und bei diesem Gedanken blähte ich mich richtig auf. Kein Zweifel, sie

war in mich verliebt, das arme Mädchen!....

Es wurde fünf Uhr. Ich fiel nach meiner langen und nervösen Erregung

wieder zusammen und begann von neuem das leere Sausen in meinem Kopf

zu fühlen. Ich blickte geradeaus, starrte in die Luft und sah zur

Elefantenapotheke hinüber. Der Hunger wütete in mir, und ich litt sehr.

Während ich so dasitze und in die Luft sehe, wird vor meinem starren

Blick nach und nach eine Gestalt deutlich, die ich zum Schluß ganz klar

sehe und wiedererkenne: die Kuchenfrau bei der Elefantenapotheke.

Ich zucke zusammen, richte mich auf der Bank auf und fange an

nachzudenken. Ja, es hatte seine Richtigkeit, es war die gleiche Frau

vor dem gleichen Tisch, am gleichen Fleck! Ich pfeife ein paarmal vor

mich hin und knipse mit den Fingern, erhebe mich und gehe auf die

Apotheke zu. Keinen Nonsens! Ich scherte mich den Teufel darum, ob es

das Geld des Burschen war oder gute norwegische Krämerpfennige aus

Silber von Kongsberg! Ich wollte nicht lächerlich sein, man konnte über

allzuvielem Hochmut sterben....

Ich gehe zu der Ecke, fasse die Frau ins Auge und stelle mich vor ihr

auf. Ich lächle, nicke wie ein Bekannter und richte meine Worte so ein,

als sei es selbstverständlich, daß ich noch einmal zurückkomme.

Guten Tag! sage ich. Sie kennen mich vielleicht nicht wieder?

Nein, antwortet sie langsam und sieht mich an.

Ich lächle noch mehr, als sei es nur ein köstlicher Scherz von ihr, daß

sie mich nicht kenne und fahre fort:

Erinnern Sie sich nicht, daß ich Ihnen einmal einige Kronen gab? Ich

sagte damals nichts, soweit ich mich entsinne, das tat ich nicht, das

ist nicht meine Art. Wenn man es mit ehrlichen Leuten zu tun hat, ist

es unnötig, etwas zu verabreden und sozusagen wegen jeder Kleinigkeit

einen Kontrakt abzuschließen. Hehe. Ja, ich war es, der Ihnen

seinerzeit das Geld gab.

Nein, wirklich, waren Sie es! Ja, nun kenne ich Sie auch ganz gut

wieder, und wenn ich nachdenke....

Ich wollte verhindern, daß sie sich für das Geld bedankte und sagte

deshalb schnell, während ich bereits mit den Augen auf dem Tisch nach

Eßwaren suchte:

Ja, jetzt komme ich, die Kuchen zu holen.

Dies versteht sie nicht.

Die Kuchen, wiederhole ich, jetzt komme ich, sie zu holen. Auf jeden

Fall einen Teil davon, die erste Rate. Ich brauche heute nicht alles.

Kommen Sie, um sie zu holen? fragt sie.

Ja, freilich komme ich, sie zu holen, ja! antworte ich und lache laut,

als müsse es ihr sofort einleuchten, daß ich kam, um sie zu holen. Ich

nehme auch einen Kuchen vom Tisch, eine Art Franzbrot, und beginne zu

essen.

Als die Frau dies sieht, erhebt sie sich in ihrem Kellerloch, macht

unwillkürlich eine Bewegung, wie um ihre Waren zu schützen und läßt

mich verstehen, sie habe nicht erwartet, daß ich zurückkommen würde, um

sie zu berauben.

Nicht? sage ich. Nein, wirklich nicht? Sie war doch eine köstliche

Frau! Hatte sie jemals erlebt, daß ihr jemand eine Menge Kronen in

Verwahrung gegeben, ohne daß der Betreffende sie zurückverlangt habe?

Na, sehen Sie! Glaubte sie vielleicht, daß es gestohlenes Geld gewesen

sei, weil ich es ihr so hingeschleudert hatte? Nun, das glaubte sie

doch wohl nicht! das war auch gut so, wirklich gut! Es war, wenn ich so

sagen durfte, freundlich von ihr, daß sie mich doch für einen ehrlichen

Mann hielt. Haha! Ja, sie sei wirklich köstlich!

Aber weshalb ich ihr denn das Geld gegeben habe? Die Frau wurde

erbittert und schrie laut.

Ich erklärte ihr, warum ich ihr das Geld gegeben hatte, erklärte es

gedämpft und nachdrücklich: Es sei meine Gewohnheit, so zu handeln,

denn ich halte alle Menschen für so gut. Jedes Mal, wenn mir jemand

einen Kontrakt anbot, einen Schein, schüttelte ich den Kopf und sagte

‚Nein, danke’. Gott sei mein Zeuge, das tat ich.

Aber die Frau verstand es noch immer nicht.

Ich griff zu anderen Mitteln, sprach scharf und verbat mir jeglichen

Unsinn. War es ihr denn noch niemals vorgekommen, daß ein anderer

auf diese Weise im Vorschuß bezahlt hatte? fragte ich. Ich meinte

natürlich Leute, die das Geld dazu hatten, zum Beispiel einer der

Konsuln? Niemals? Ja, ich könnte aber doch nicht dafür büßen, daß ihr

dies eine fremde Umgangsart sei. Es wäre im Ausland so der Brauch. Sie

sei vielleicht niemals außerhalb der Grenzen des Landes gewesen? Nein.

Sehen Sie! Dann könnte sie in dieser Sache gar nicht mitreden.... Und

ich griff nach mehreren Kuchen auf dem Tisch.

Sie knurrte zornig, weigerte sich hartnäckig, etwas auszuliefern, wand

mir sogar ein Stück Kuchen aus der Hand und legte es auf seinen Platz

zurück. Ich wurde wütend, schlug auf den Tisch und drohte mit der

Polizei. Ich wolle gnädig gegen sie sein, sagte ich; wenn ich alles

nähme, was mein sei, so würde ich ihr ganzes Geschäft ruinieren, denn

es sei eine furchtbare Menge Geldes gewesen, die ich ihr seinerzeit

gegeben hätte. Soviel würde ich aber nicht nehmen, ich wolle in

Wirklichkeit nur die halbe Valuta haben. Und ich würde obendrein nicht

mehr wiederkommen. Davor möge Gott mich bewahren, da sie eine solche

Person sei.

Endlich legte sie einige Kuchen für einen unverschämten Preis hin,

vier, fünf Stücke, die sie so hoch einschätzte, wie es ihr überhaupt

möglich war, und hieß mich, sie zu nehmen und meines Weges zu gehen.

Ich stritt mich immer noch mit ihr herum, behauptete, daß sie mich

um mindestens eine Krone prelle und mich außerdem mit ihren blutigen

Preisen aussauge. Wissen Sie, daß auf solche Spitzbubenstreiche Strafe

steht? sagte ich. Gott bewahre Sie, Sie könnten auf Lebenszeit ins

Zuchthaus kommen, Sie altes Wrack! -- Sie warf mir noch einen Kuchen

hin und bat mich beinahe zähneknirschend, zu gehen.

Und ich verließ sie.

He, ein unzuverlässigeres Kuchenweib hatte ich noch nie gesehen!

Während ich über den Markt ging und meine Kuchen verschlang, sprach

ich die ganze Zeit laut über diese Frau und ihre Unverschämtheit,

wiederholte mir selbst, was wir beide einander gesagt hatten und fand,

daß ich ihr weit überlegen gewesen war. Vor aller Augen verschlang ich

meine Kuchen und sprach dabei vor mich hin.

Und die Kuchen verschwanden einer nach dem anderen; es verschlug

nichts, wieviel ich auch zu mir nahm, ich war hungrig bis auf

den Grund. Herrgott auch, daß es nichts verschlagen wollte! Ich

war so gierig, daß ich mich sogar beinahe an dem letzten Kuchen

vergriffen hätte, den ich von Anfang an für den Kleinen unten in der

Vognmandsstraße aufzusparen gedacht hatte, für den Knaben, dem der

rotbärtige Mann auf den Kopf gespuckt hatte. Ich mußte beständig an ihn

denken, konnte seine Miene nicht vergessen, da er aufsprang und weinte

und fluchte. Er hatte sich gegen mein Fenster gewendet, als der Mann

auf ihn herunterspuckte, und er hatte gleichsam sehen wollen, ob auch

ich darüber lachen würde. Gott weiß, ob ich ihn jetzt traf, wenn ich da

hinunterkam! Ich strengte mich sehr an, um rasch in die Vognmandsstraße

zu gelangen, kam an der Stelle vorbei, an der ich mein Drama zerrissen

hatte, und wo noch einige Papierfetzen lagen, umging den Schutzmann,

den ich vor kurzem durch mein Betragen in Erstaunen gesetzt hatte, und

stand zuletzt an der Treppe, auf der der Junge gesessen hatte.

Er war nicht da. Die Straße war beinahe leer. Die Dunkelheit nahm zu,

und ich konnte den Knaben nicht gewahren; er war wohl schon ins Haus

gegangen. Vorsichtig legte ich den Kuchen hin, lehnte ihn gegen die

Türe, klopfte hart an und lief sofort weiter. Er findet ihn schon!

sagte ich zu mir; findet ihn gleich, wenn er herauskommt! Und meine

Augen wurden naß vor blöder Freude darüber, daß der Kleine den Kuchen

finden würde.

Ich kam wieder zum Eisenbahnkai.

Hunger(#60728) · 第 14 / 15 段