Ich schlich weg, ein wenig beschämt, weil ich so früh daran war,

wanderte eine Weile in der Karl Johanstraße auf und ab und behielt

die Universitätsuhr im Auge. Als es acht Uhr wurde, ging ich die

Universitätsstraße wieder hinauf. Unterwegs fiel es mir ein, daß ich

vielleicht ein paar Minuten zu spät kommen könnte, und ich holte aus,

so gut ich vermochte. Mein Fuß schmerzte sehr, aber sonst fehlte mir

nichts.

Ich nahm meinen Platz beim Springbrunnen ein und verschnaufte. Ich

stand ziemlich lange da und sah nach den Fenstern in Nummer 2 hinauf;

aber sie kam nicht. Na, ich würde schon warten, ich hatte keine Eile;

sie war vielleicht noch verhindert. Und ich wartete weiterhin. Ich

hatte das Ganze doch wohl nicht geträumt, die erste Begegnung mit ihr

in der Einbildung erlebt, in jener Nacht, in der ich im Fieber lag?

Ratlos begann ich nachzudenken und fühlte mich meiner Sache gar nicht

sicher.

Hm! sagte es hinter mir.

Ich hörte dieses Räuspern, ich hörte auch leichte Schritte in meiner

Nähe; aber ich drehte mich nicht um, starrte nur auf die große Treppe

vor mir.

Guten Abend! sagt es dann.

Ich vergesse zu lächeln, greife nicht einmal sofort zum Hut, ich bin so

erstaunt, sie von dieser Seite kommen zu sehen.

Haben Sie lange gewartet? sagt sie, und sie atmet etwas rasch nach dem

Lauf.

Nein, gar nicht, ich kam vor kurzem, antwortete ich. Und außerdem, was

hätte es geschadet, wenn ich lange gewartet hätte? Ich dachte übrigens,

Sie würden von einer anderen Seite kommen?

Ich habe Mama zu Bekannten begleitet, Mama ist heute abend nicht zu

Hause.

Ach so! sagte ich.

Wir waren ins Gehen gekommen. An der Straßenecke steht ein Schutzmann

und sieht uns an.

Aber wohin gehen wir eigentlich? sagt sie und bleibt stehen.

Wohin Sie wollen, nur wohin Sie wollen.

Uff ja, aber es ist sehr langweilig, das selbst zu bestimmen.

Pause.

Dann sage ich, nur um etwas zu sagen:

Ihre Fenster sind dunkel, sehe ich.

Ja, freilich! antwortet sie lebhaft. Das Mädchen hat auch frei. So daß

ich ganz allein zu Hause bin.

Wir stehen beide da und sehen zu den Fenstern in Nummer 2 hinauf, als

ob keines von uns sie früher schon gesehen hätte.

Können wir nicht zu Ihnen hinaufgehen? frage ich. Ich werde die ganze

Zeit bei der Türe sitzen bleiben, wenn Sie das wollen....

Aber nun bebte ich vor Erregung und bereute sehr, so frech gewesen

zu sein. Wenn sie nun gekränkt war und von mir fortging? Wenn ich

sie nun nie mehr sehen durfte? Ach, welch elenden Anzug ich anhatte.

Verzweifelt wartete ich auf die Antwort.

Sie brauchen durchaus nicht an der Türe zu sitzen, sagt sie.

Wir gingen hinauf.

Auf dem Gang, wo es dunkel war, nahm sie meine Hand und führte mich.

Ich brauchte durchaus nicht so still zu sein, sagte sie, ich könnte

ruhig sprechen. Und wir kamen hinein. Während sie Licht machte -- sie

zündete keine Lampe an, sondern eine Kerze -- während sie diese Kerze

anzündete, sagte sie mit einem kleinen Lachen: Aber nun dürfen Sie mich

nicht ansehen. Uff, ich schäme mich! Aber ich werde es nie wieder tun!

Was werden Sie nie wieder tun?

Ich werde nie... uff nein, Gott behüte mich.... ich werde Sie nie

wieder küssen.

Werden Sie das nicht? sagte ich, und wir lachten beide. Ich streckte

die Arme nach ihr aus, sie glitt zur Seite, schlüpfte weg, zur anderen

Seite des Tisches hinüber. Wir sahen einander eine Weile an, das Licht

stand zwischen uns.

Dann löste sie den Schleier und nahm den Hut ab; währenddessen hingen

ihre funkelnden Augen an mir und wachten auf meine Bewegungen, damit

ich sie nicht fassen könnte. Ich machte wieder einen Ausfall, stolperte

über den Teppich und fiel; mein verletzter Fuß wollte mich nicht mehr

tragen. Ich erhob mich äußerst verlegen.

Gott, wie Sie rot geworden sind! sagte sie. Es war aber auch gräßlich

ungeschickt.

Ja, das war es.

Und wir begannen wieder herumzuspringen.

Mir scheint, Sie hinken?

Ich hinke vielleicht ein wenig, aber nur wenig.

Kürzlich hatten Sie einen verletzten Finger, jetzt haben Sie einen

verletzten Fuß; Sie haben viele Plagen.

Ich wurde vor einigen Tagen ein wenig überfahren.

Überfahren? Wieder betrunken? Nein, Gott bewahre mich, wie Sie leben,

junger Mann! Sie drohte mit dem Zeigefinger und stellte sich ernst.

Setzen wir uns also! sagte sie. Nein, nicht dort an die Türe; Sie sind

zu zurückhaltend, hierher, Sie dort und ich hier, so, ja.... Uff, es

ist schrecklich langweilig mit zurückhaltenden Menschen! Da muß man

alles selbst tun und sagen, hat nirgends eine Hilfe. Nun könnten Sie

zum Beispiel gerne Ihre Hand auf meinen Stuhlrücken legen, Sie hätten

das wohl von selbst herausfinden können, das hätten Sie. Und wenn

ich so etwas sage, dann machen Sie ein Paar Augen, als glaubten Sie

es nicht recht. Ja, das ist wirklich wahr, ich habe es mehrere Male

gesehen, jetzt machen Sie es wieder so. Aber Sie dürfen mir nur ja

nicht weismachen wollen, daß Sie so bescheiden sind, wenn Sie sich nur

getrauen. Sie waren damals ziemlich frech, als Sie betrunken waren und

mir bis nach Hause folgten und mich mit Ihren geistreichen Anreden

plagten: Sie verlieren Ihr Buch, Fräulein, Sie verlieren ganz bestimmt

Ihr Buch, Fräulein! Hahaha! Pfui, das war wirklich schlecht von Ihnen!

Ganz verloren saß ich da und sah sie an. Mein Herz schlug laut, das

Blut rann mir warm durch die Adern. Welch ein wundervoller Genuß,

wieder in einer menschlichen Wohnung zu sitzen und eine Uhr ticken zu

hören, und anstatt mit mir selbst mit einem jungen, lebendigen Mädchen

zu reden!

Weshalb reden Sie nichts?

Nein, wie süß Sie sind! sagte ich. Ich sitze hier und bin ganz benommen

von Ihnen, hier in diesem Augenblick innerlich benommen. Dagegen ist

nichts zu machen. Sie sind das seltsamste Geschöpf, das.... Manchmal

strahlen Ihre Augen so, ich habe nie solche Augen gesehen, sie sehen

wie Blumen aus. Was? Nein, nein, vielleicht auch nicht wie Blumen,

sondern.... Ich bin ganz verliebt in Sie, da hilft gar nichts. Wie

heißen Sie? Nun müssen Sie mir aber wirklich sagen, wie Sie heißen....

Nein, wie heißen Sie? Gott, nun hätte ich es beinahe wieder vergessen!

Ich dachte gestern die ganze Zeit daran, daß ich Sie danach fragen

wollte. Ja, das heißt, nicht den ganzen gestrigen Tag, ich dachte

durchaus nicht den ganzen Tag an Sie.

Wissen Sie, wie ich Sie genannt habe? Ich habe Sie Ylajali genannt. Wie

gefällt Ihnen das? Solch ein gleitender Laut....

Ylajali?

Ja.

Ist das eine fremde Sprache?

Hm. Nein, das nicht.

Ja, es klingt nicht häßlich.

Nach langen Verhandlungen sagten wir einander unsere Namen. Sie setzte

sich mir dicht zur Seite auf das Sofa und schob den Stuhl mit dem Fuß

fort. Und wir fingen wieder an zu plaudern.

Sie haben sich heute abend auch rasiert, sagte sie. Im ganzen sehen Sie

um einiges besser aus als letzthin, aber nur ein ganz klein bißchen

übrigens; bilden Sie sich nur ja nicht ein.... Nein, neulich sahen Sie

wirklich schäbig aus. Und obendrein hatten Sie noch einen scheußlichen

Lappen um den Finger. Und in diesem Zustand wollten Sie absolut mit mir

irgendwohin gehen und Wein trinken. Nein, danke!

Also um meines miserablen Aussehens willen wollten Sie damals nicht

mitkommen? sagte ich.

Nein, antwortete sie und sah nieder. Nein, bei Gott, es war nicht

deswegen. Ich dachte nicht einmal daran.

Hören Sie, sagte ich, Sie sitzen hier gewiß in dem Glauben, daß ich

genau so leben und mich kleiden könne, wie ich möchte? Aber das kann

ich eben nicht, ich bin sehr, sehr arm.

Sie sah mich an.

Sind Sie das? fragte sie.

Ja, das bin ich.

Pause.

Du lieber Gott, das bin ich ja auch, sagte sie mit einer unbefangenen

Bewegung des Kopfes.

Jedes ihrer Worte berauschte mich, traf mich wie Weintropfen ins Herz,

obwohl sie gewißlich ein höchst durchschnittliches Kristianiamädchen

war, mit Jargon und kleinen Keckheiten und Geschwätz. Die Gewohnheit,

ihren Kopf ein wenig auf die Seite zu legen und zuzuhorchen, wenn ich

etwas sagte, entzückte mich. Und ich fühlte ihren Atem dicht an meinem

Gesicht.

Wissen Sie, sagte ich, daß.... Aber nun dürfen Sie nicht böse

werden.... Als ich gestern abend zu Bett ging, legte ich den Arm für

Sie zurecht.... so .... als ob Sie darin lägen. Und so schlief ich ein.

Ach nein? Das war schön! Pause. Aber so etwas konnten Sie auch nur auf

Abstand tun; denn sonst....

Glauben Sie nicht, daß ich es auch sonst tun könnte?

Nein, das glaube ich nicht.

Doch, von mir können Sie alles erwarten, sagte ich und warf mich in die

Brust. Und ich legte den Arm um ihren Leib.

Kann ich das? erwiderte sie nur.

Es ärgerte und kränkte mich, daß sie mich für so sittsam hielt; ich

richtete mich auf, faßte mir ein Herz und ergriff ihre Hand. Aber

sie zog sie ganz leise weg und rückte von mir ab. Dies nahm mir

wieder den Mut, ich schämte mich und sah zum Fenster. Ich war doch zu

jämmerlich, wie ich so dasaß, ich brauchte nicht zu versuchen, mir

etwas einzubilden. Hätte ich sie damals getroffen, als ich noch wie

ein Mensch aussah, in meinen Wohlstandstagen, da ich noch ein wenig

Überfluß hatte, so wäre es etwas anderes gewesen. Und ich fühlte mich

sehr niedergeschlagen.

Da können Sie sehen! sagte sie, nun können Sie es wieder sehen;

man kann Sie schon mit einem kleinen Stirnrunzeln schrecken. Sie

kleinkriegen, indem man von Ihnen abrückt.... Sie lachte schelmisch,

mit ganz geschlossenen Augen, als wenn auch sie es nicht ertrüge,

angesehen zu werden.

Nein, du großer Gott! platzte ich heraus. Jetzt sollen Sie aber

sehen! Und ich schlang die Arme heftig um ihre Schultern. War das

Mädchen von Sinnen? Hielt sie mich für gänzlich unerfahren? He! ich

wollte doch zum.... Es sollte mir keiner nachsagen, daß ich in diesem

Fall zurückstünde. Es war doch ein Satansmädchen. Wenn es nur darauf

loszugehen galt, dann....

Als wenn ich zu gar nichts in der Welt taugte!

Sie saß ganz ruhig und hatte ihre Augen immer noch geschlossen; keines

von uns sprach. Ich drückte sie fest an mich, preßte ihren Körper an

meine Brust und sagte kein Wort. Ich hörte unseren Herzschlag, sowohl

ihren wie meinen, es klang wie Pferdegetrappel.

Ich küßte sie.

Ich wußte nichts mehr von mir, sagte einigen Unsinn, über den sie

lachte, flüsterte Kosenamen gegen ihren Mund, streichelte ihr die

Wange, küßte sie viele Male. Ich öffnete einen oder zwei Knöpfe ihres

Leibchens und sah ihre Brüste darunter, weiße, runde Brüste, die wie

zwei süße Wunder unter dem Hemd schimmerten.

Darf ich sehen! sage ich, und ich versuche mehrere Knöpfe zu öffnen,

versuche die Öffnung größer zu machen; doch meine Erregung ist zu

stark, ich komme mit den untersten Knöpfen, wo sich das Leibchen

fester anstrammt, nicht zurecht. Darf ich nur ein wenig sehen .... ein

wenig....

Sie schlingt den Arm um meinen Hals, ganz langsam, zärtlich; ihr Atem

haucht mir aus den roten, zitternden Nasenlöchern ins Gesicht; sie

beginnt selbst mit der anderen Hand die Knöpfe zu öffnen, einen nach

dem anderen. Sie lacht verlegen, lacht kurz und sieht mehrere Male zu

mir auf, prüfend, ob ich wohl bemerke, daß sie furchtsam ist. Sie löst

die Bänder, hakt das Korsett auf, ist entzückt und ängstlich. Und mit

meinen groben Händen nestle ich an diesen Knöpfen und Bändern....

Sie streicht mir mit ihrer linken Hand über die Schulter, um die

Aufmerksamkeit von dem, was sie tut, abzulenken und sagt:

Was hier für eine Menge loser Haare liegt!

Ja, antworte ich und will mit meinem Mund zu ihrer Brust eindringen. In

diesem Augenblick liegt sie mit ganz offenen Kleidern da. Plötzlich ist

es, als besänne sie sich, als fände sie, daß sie zu weit gegangen sei;

sie bedeckt sich wieder und richtet sich ein wenig auf. Und um ihre

Verlegenheit über die offenen Kleider zu verbergen, spricht sie wieder

von den vielen ausgefallenen Haaren auf meiner Schulter.

Wie kommt es, daß Ihnen das Haar so ausgeht?

Weiß ich nicht.

Sie trinken natürlich zuviel, und vielleicht.... Pfui, ich will das

nicht sagen! Sie sollten sich schämen! Nein, das hätte ich nicht

von Ihnen geglaubt! Daß Sie so jung schon die Haare verlieren!....

Nun müssen Sie mir aber, bitte schön, erzählen, wie Sie eigentlich

leben. Ich bin sicher, daß es fürchterlich ist! Aber nur die Wahrheit,

verstehen Sie, keine Ausflüchte! Ich werde es Ihnen übrigens schon

ansehen, wenn Sie etwas verheimlichen wollen. So, nun erzählen Sie!

Ach wie müde ich geworden war! Wie gerne wäre ich lieber stillgesessen

und hätte sie angesehen, als mich hier aufzuspielen und mich mit allen

diesen Versuchen zu quälen. Ich taugte zu nichts, ich war ein Fetzen

geworden.

Fangen Sie an! sagte sie.

Ich ergriff die Gelegenheit und erzählte alles, und ich erzählte nur

die Wahrheit. Ich machte nichts schlimmer als es war, es war nicht

meine Absicht, ihr Mitleid zu erregen; ich sagte auch, daß ich mir

eines Abends fünf Kronen angeeignet hatte.

Sie saß mit offenem Mund da und lauschte, bleich, erschrocken, die

blanken Augen ganz verstört. Ich wollte es wieder gutmachen, den

traurigen Eindruck, den ich erregt hatte, wieder zerstreuen, und

strammte mich deshalb auf:

Es ist ja nun überstanden; jetzt ist ja keine Rede mehr davon, jetzt

bin ich geborgen....

Aber sie war sehr verzagt. Gott bewahre mich! sagte sie nur und

schwieg. Sie wiederholte dies mit kurzen Pausen mehrmals und schwieg

immer wieder dazwischen. Gott bewahre mich!

Ich begann zu scherzen, griff ihr in die Seite, um sie zu kitzeln,

hob sie an meine Brust herauf; sie hatte ihr Kleid wieder zugeknöpft

und das ärgerte mich. Warum knöpfte sie das Kleid wieder zu? War ich

jetzt in ihren Augen weniger wert, als wenn ich durch ein unbesonnenes

Leben selbst verschuldet hätte, daß mir das Haar ausfiel? Hätte sie

mich lieber gehabt, wenn ich mich als einen ausschweifenden Menschen

hingestellt hätte?.... Keinen Unsinn. Es galt nur darauf loszugehen!

Und wenn es nur galt, drauf loszugehen, dann war ich der Mann dazu. --

Ich mußte es aufs neue versuchen.

Ich legte sie hin, legte sie einfach aufs Sofa hin. Sie wehrte sich,

übrigens ganz wenig, und sah mir erstaunt zu.

Nein.... was wollen Sie? sagte sie.

Was ich will?!

Nein.... nein aber....?

Doch, doch....

_Nein_, hören Sie! rief sie. Und sie fügte diese verletzenden Worte

hinzu: Ich glaube beinahe, Sie sind wahnsinnig.

Unwillkürlich hielt ich inne und sagte:

Das meinen Sie doch nicht wirklich!

Doch, Sie sehen so eigentümlich aus! Und an dem Vormittag, an dem Sie

mich verfolgten --. Sie waren also damals nicht betrunken?

Nein. Damals war ich auch nicht hungrig, ich hatte eben gegessen.

Um so schlimmer.

Möchten Sie lieber, daß ich betrunken gewesen wäre?

Ja.... Huh, ich fürchte mich vor Ihnen! Herrgott, so lassen Sie mich

doch los!

Ich überlegte. Nein, ich konnte nicht loslassen, ich würde zuviel

verlieren. Kein so verfluchtes Gewäsch in später Abendstunde auf einem

Sofa. He, mit solchen Ausflüchten in einem solchen Augenblick zu

kommen! Als wenn ich nicht wüßte, daß das Ganze nur Schamhaftigkeit

war! Da müßte ich schön grün sein! So, still jetzt! Keinen Unsinn!

Sie wehrte sich eigentümlich heftig, allzu stark, um sich nur aus

Schamhaftigkeit zu wehren. Ich stieß wie aus Versehen die Kerze um, so

daß sie erlosch, sie leistete verzweifelten Widerstand, wimmerte sogar

einmal leise.

Nein, nicht das, nicht das! wenn Sie wollen, dürfen Sie mich lieber auf

die Brust küssen. Lieber, Guter!

Ich hielt sofort an. Ihre Worte klangen so erschrocken, so hilflos, ich

wurde zu tiefst getroffen. Sie glaubte, mir einen Ersatz zu bieten,

indem sie mir erlaubte, ihre Brust zu küssen! Wie schön war das, wie

schön und einfältig! Ich hätte vor ihr auf die Knie niederfallen mögen.

Aber liebes Kind! sagte ich ganz verwirrt, ich verstehe nicht.... ich

begreife wirklich nicht, was dies für ein Spiel ist....

Sie erhob sich und zündete mit bebenden Händen das Licht wieder an;

ich lehnte mich auf dem Sofa zurück und tat nichts. Was würde nun

geschehen? Mir war im Grunde sehr übel zumute.

Ihr Blick ging zur Wand, auf die Uhr, und sie fuhr zusammen.

Uff, jetzt kommt das Mädchen bald! sagte sie. Das war das erste, was

sie sagte.

Ich verstand diese Andeutung und erhob mich. Sie griff nach dem Mantel,

wie um ihn anzuziehen, bedachte sich aber, ließ ihn liegen und ging zum

Kamin. Sie war bleich und wurde immer unruhiger. Damit es doch nicht so

aussehen sollte, als weise sie mir die Türe, sagte ich:

War Ihr Vater Militär? Und gleichzeitig machte ich mich zum Gehen

bereit.

Ja, er war Militär; woher ich das wisse?

Ich wisse es nicht, es sei mir nur so eingefallen.

Das sei merkwürdig!

Ach ja. Ich habe an manchen Orten solche Ahnungen. Hehe, das gehöre

auch mit zu meinem Wahnsinn ....

Sie sah schnell auf, erwiderte aber nichts. Ich fühlte, daß ich sie mit

meiner Anwesenheit peinigte und wollte kurzen Prozeß machen. Ich ging

zur Türe. Würde sie mich jetzt nicht mehr küssen? Mir nicht einmal die

Hand reichen? Ich stand da und wartete.

Wollen Sie jetzt gehen? fragte sie und blieb noch beim Kamin stehen.

Ich antwortete nicht. Ich war gedemütigt und verwirrt und sah sie

an, ohne etwas zu sagen. Nein, was hatte ich zerstört! Es schien sie

nicht zu berühren, daß ich zum Gehen bereit war, sie war mit einem Mal

vollkommen verloren für mich, und ich suchte nach etwas, um es ihr zum

Abschied zu sagen, ein schweres, tiefes Wort, das sie treffen und ihr

vielleicht ein wenig imponieren könnte. Und meinem festen Entschluß

vollkommen entgegen, verwundet, anstatt stolz und kalt, unruhig,

beleidigt, fing ich geradezu von Unwesentlichem zu sprechen an; das

treffende Wort kam nicht, ich betrug mich äußerst gedankenlos. Wieder

wurde es Suada und Büchersprache.

Warum sage sie nicht einfach klar und deutlich, daß ich meines Weges

gehen solle, fragte ich. Ja, ja, warum nicht? Es lohne sich nicht,

sich zu genieren. Anstatt mich an das Mädchen zu erinnern, das bald

heimkommen würde, hätte sie einfach folgendes sagen können: Jetzt

müssen Sie verschwinden, denn jetzt muß ich meine Mutter abholen und

ich will nicht Ihre Begleitung auf der Straße haben. So, das hätte sie

nicht gedacht? O doch, das hätte sie wohl gedacht, ich habe es sofort

verstanden. Es brauche so wenig, um mich auf die Spur zu bringen;

schon die Art und Weise, wie sie nach dem Mantel gegriffen und ihn

wieder liegen gelassen habe, habe mich sogleich überzeugt. Wie gesagt,

ich hätte Ahnungen. Und es sei im Grunde wohl nicht soviel Wahnsinn

darin....

Aber Gott im Himmel, verzeihen Sie mir nun dieses Wort! Es entfuhr mir!

rief sie. Aber sie blieb immer noch stehen und kam nicht zu mir her.

Ich war unerschütterlich und sprach weiter. Ich stand da und schwätzte,

mit dem peinlichen Gefühl, daß ich sie langweilte, daß nicht ein

einziges meiner Worte traf, und trotzdem hörte ich nicht auf: Im Grunde

könne man ja ein ziemlich zartes Gemüt haben, auch wenn man nicht

verrückt sei, meinte ich; es gäbe Naturen, die sich von Bagatellen

nährten und an einem harten Wort stürben. Und ich ließ verstehen,

daß ich eine solche Natur wäre. Die Sache sei die, daß meine Armut

gewisse Eigenschaften in einem Grad geschärft habe, daß es mir geradezu

Unannehmlichkeiten bereite, -- ja, geradezu Unannehmlichkeiten, leider.

Aber es habe auch seine Vorteile, es helfe mir in gewissen Situationen.

Der arme Intelligente sei ein viel feinerer Beobachter als der reiche

Intelligente. Der arme sieht um sich, bei jedem Schritt, den er tut,

lauscht mißtrauisch auf jedes Wort, das er von den Menschen hört; jeder

Schritt stellt somit seinen Gedanken und Gefühlen eine Aufgabe, eine

Arbeit. Er ist hellhörig und feinfühlig, er ist ein erfahrener Mann,

seine Seele hat Brandwunden ....

Und ich sprach recht lange von diesen Brandwunden, die meine Seele

hatte. Aber je länger ich sprach, desto unruhiger wurde sie; zuletzt

sagte sie in der Verzweiflung ein paarmal Gott im Himmel! und rang

die Hände. Ich sah wohl, daß ich sie plagte, und ich wollte sie nicht

plagen, aber ich tat es trotzdem. Endlich meinte ich, ihr in groben

Zügen das Notwendigste gesagt zu haben, ihr verzweifelter Blick ergriff

mich und ich rief:

Jetzt gehe ich! jetzt gehe ich! Sehen Sie nicht, daß ich die Hand

schon auf der Klinke habe? Leben Sie wohl! Leben Sie wohl! sage ich.

Sie dürften mir schon antworten, wenn ich zweimal Lebewohl sage und

fix und fertig zum Fortgehen dastehe. Ich bitte Sie nicht einmal,

Sie wieder treffen zu dürfen, denn das würde Sie quälen; aber sagen

Sie mir: Warum ließen Sie mich nicht in Frieden? Was habe ich Ihnen

getan? Ich stand Ihnen nicht im Wege; nicht wahr? Warum wenden Sie

sich plötzlich von mir ab, als ob Sie mich gar nicht mehr kennten? Nun

haben Sie mich so gänzlich beraubt, mich noch elender gemacht, als ich

jemals war. Herrgott, aber ich bin ja doch nicht wahnsinnig. Sie wissen

sehr gut, wenn Sie sich nur besinnen, daß mir jetzt gar nichts fehlt.

Kommen Sie doch und geben Sie mir die Hand! Oder erlauben Sie mir zu

Ihnen hinzukommen! Wollen Sie das? Ich werde Ihnen nichts Schlimmes

tun, ich will nur einen Augenblick vor Ihnen niederknien, auf dem Boden

vor Ihnen niederknien, nur einen Augenblick; darf ich? Nein, nein, dann

werde ich es nicht tun, ich sehe, daß Sie Angst haben, ich werde es

nicht, _werde_ es nicht tun, hören Sie. Herrgott, warum erschrecken Sie

so? Ich stehe doch still, ich rühre mich nicht. Ich hätte eine Minute

lang auf dem Teppich gekniet, genau hier, auf diesem roten Fleck gleich

bei Ihren Füßen. Aber Sie erschraken, ich konnte es sofort an Ihren

Augen sehen, daß Sie erschraken, deshalb stand ich still. Ich machte

keinen Schritt, als ich Sie darum bat; nicht wahr? Ich stand ebenso

unbeweglich wie jetzt, da ich Ihnen die Stelle zeige, wo ich mich vor

Ihnen niedergekniet haben würde, dort auf die rote Rose im Teppich. Ich

zeige nicht einmal mit dem Finger hin, ich zeige durchaus nicht hin,

ich lasse es sein, um Sie nicht zu erschrecken, ich nicke nur und sehe

hin, so! Und Sie verstehen sehr wohl, welche Rose ich meine, aber Sie

wollen es mir nicht erlauben, dort zu knien; Sie haben Angst vor mir

und trauen sich nicht, mir nahe zu kommen. Ich begreife nicht, daß Sie

es übers Herz bringen können, mich verrückt zu nennen. Nicht wahr, Sie

glauben das auch nicht mehr? Das war im Sommer einmal, vor langer Zeit,

da war ich verrückt; ich arbeitete zu schwer und vergaß rechtzeitig

zum Mittagessen zu gehen, wenn ich viel zu denken hatte. Das geschah

Tag für Tag; ich hätte daran denken sollen, aber ich vergaß es immer

wieder. Bei Gott im Himmel, das ist wahr! Gott möge mich nicht mehr

lebendig von der Stelle kommen lassen, wenn ich lüge! Da können Sie es

sehen, Sie tun mir Unrecht. Ich tat es nicht aus Not; ich habe Kredit,

großen Kredit, bei Ingebret und Gravesen. Ich hatte oft auch viel Geld

in der Tasche und kaufte trotzdem nichts zu essen, weil ich es vergaß.

Hören Sie! Sie sagen nichts, Sie antworten nicht, Sie rühren sich nicht

vom Kamin weg, Sie stehen bloß da und warten darauf, daß ich gehen

soll....

Sie kam rasch auf mich zu und streckte ihre Hand aus. Voll Mißtrauen

sah ich sie an. Tat sie das auch leichten Herzens? Oder tat sie es nur,

um mich los zu werden? Sie legte ihren Arm um meinen Hals, sie hatte

Tränen in den Augen. Ich stand nur da und sah sie an. Sie reichte mir

ihren Mund; ich konnte ihr nicht glauben, ganz bestimmt brachte sie ein

Opfer, es war nur ein Mittel, um der Sache ein Ende zu machen.

Sie sagte etwas, es klang wie: Ich habe Sie trotzdem lieb! Sie sagte

es sehr leise und undeutlich, vielleicht hörte ich nicht richtig,

sie sagte vielleicht nicht gerade diese Worte; aber sie warf sich

mir heftig an die Brust, hielt beide Arme eine Weile um meinen Hals

geschlungen, hob sich sogar auf die Zehen, um gut heraufzureichen und

blieb so stehen.

Ich fürchtete, daß sie sich zu dieser Zärtlichkeit zwang, ich sagte nur:

Wie schön Sie jetzt sind!

Mehr sagte ich nicht. Ich trat zurück, stieß die Türe auf und ging

rückwärts hinaus. Und sie blieb drinnen stehen.

Vierter Abschnitt

Der Winter war gekommen, ein rauher und nasser Winter, beinahe ohne

Schnee, eine neblige und dunkle, ewige Nacht, ohne einen einzigen

frischen Windstoß während der ganzen Woche. In den Straßen brannte

das Gas fast den ganzen Tag, und die Menschen stießen trotzdem im

Nebel aneinander. Alle Töne, der Klang der Kirchenglocken, die Schellen

der Droschkenpferde, die Stimmen der Menschen, der Hufschlag, alles

zusammen klang in dieser dicken Luft dumpf und begraben. Woche auf

Woche verging und das Wetter war und blieb das gleiche.

Und ich hielt mich beständig unten in Vaterland auf.

Hunger(#60728) · 第 11 / 15 段