Ich sitze auf der Bank und denke über all dieses nach und bin ziemlich

traurig. Es ekelte mich vor mir selbst; sogar meine Hände kommen

mir widerlich vor. Dieser schlappe, schamlose Ausdruck auf meinem

Handrücken peinigt mich, macht mir Unbehagen; ich fühle mich durch

den Anblick meiner mageren Finger roh in Mitleidenschaft gezogen, ich

hasse meinen ganzen schlottrigen Körper und schaudere bei dem Gedanken,

ihn zu tragen, ihn um mich zu fühlen. Herrgott, wenn es doch nur ein

Ende nehmen wollte! Ich würde so herzlich gerne sterben. Vollständig

bezwungen, besudelt und in meinem eigenen Bewußtsein erniedrigt, stehe

ich mechanisch auf und gehe heimwärts. Unterwegs kam ich an einem Tor

vorbei, an dem folgendes zu lesen stand: „Leichenwäsche bei Jungfer

Andersen, rechts im Torweg”. -- Alte Erinnerungen! sagte ich und dachte

an mein früheres Zimmer auf Hammersborg, den kleinen Schaukelstuhl, die

Zeitungen unten bei der Türe, die Anzeigen des Leuchtfeuerdirektors und

an Bäcker Fabian Olsens frischgebackenes Brot. O ja, damals hatte ich

es doch viel besser gehabt als jetzt; in einer einzigen Nacht hatte

ich ein Feuilleton für zehn Kronen geschrieben, nun konnte ich nichts

mehr schreiben, konnte durchaus nichts mehr schreiben, mein Kopf wurde

sofort leer, sobald ich es versuchte. Ja, ich wollte nun ein Ende

haben! Und ich ging und ging.

Mit jedem Schritt, mit dem ich dem Kramladen näher kam, hatte ich halb

unbewußt das Gefühl, ich gehe einer Gefahr entgegen; aber ich hielt

an meinem Vorsatz fest, ich wollte mich ausliefern. Ruhig steige ich

die Treppe hinauf, begegne in der Türe einem kleinen Mädchen, das eine

Tasse in der Hand trägt, schlüpfe an ihr vorbei und schließe die Türe.

Der Gehilfe und ich stehen uns wieder gegenüber, allein.

Na, sagt er, das ist ein schreckliches Wetter.

Wozu diesen Umweg? Warum stellte er mich nicht sofort? Ich wurde wütend

und sagte:

Ich bin nicht hierher gekommen, um über das Wetter zu sprechen.

Diese Heftigkeit verblüfft ihn, sein kleiner Krämergeist versagt; es

war ihm gar nicht eingefallen, daß ich ihn um fünf Kronen geprellt

hatte.

Wissen Sie denn nicht, daß ich Sie betrogen habe? sage ich ungeduldig,

und ich schnaufe heftig, bebe, bin bereit, Gewalt anzuwenden, falls er

nicht sofort zur Sache käme.

Aber der arme Kerl ahnt nichts.

Ach, du lieber Himmel! unter welch dummen Menschen mußte man doch

leben! Ich schelte ihn aus, erkläre ihm Punkt für Punkt, wie das

Ganze zugegangen war, zeige ihm, wo ich stand und wo er stand, als

die Tat geschah, wo das Geld gelegen hatte, wie ich es in meine Hand

eingesammelt und die Hand darum zusammengeschlossen hatte, -- und er

versteht alles, unternimmt aber trotzdem nichts gegen mich. Er wendet

sich hierin und dorthin, horcht nach Fußtritten im Nebenzimmer, macht

mir Zeichen, um mich zu leiserem Sprechen zu bewegen und sagt zum

Schluß:

Das war recht schäbig von Ihnen!

Nein, warten Sie! rief ich in meinem Drang, ihm zu widersprechen und

ihn aufzureizen. Es sei nicht so gemein und niedrig gewesen, wie er

es sich in seinem elenden Krämerhirn vorstelle. Ich hätte das Geld

natürlich nicht behalten, das wäre mir niemals eingefallen; ich für

meinen Teil wollte keinen Nutzen daraus ziehen. Dies sei meiner

grundehrlichen Natur zuwider....

Was taten Sie dann damit?

Ich hätte es einer alten, armen Frau gegeben, jeden Ör, daß er es nur

wisse; solch ein Mensch sei ich, ich vergäße die Armen nicht ganz....

Er denkt eine kleine Weile darüber nach, wird offenbar unsicher,

wieweit ich ein ehrlicher Mann sei oder nicht. Endlich sagt er:

Hätten Sie das Geld nicht besser zurückgeben müssen?

Nein, hören Sie, antworte ich frech. Ich wollte Ihnen keine

Unannehmlichkeiten bereiten, ich wollte Sie schonen. Aber das ist der

Dank, den man für seinen Edelmut hat. Nun stehe ich hier und erkläre

Ihnen das Ganze und Sie schämen sich nicht wie ein Hund, machen auch

nicht die geringsten Anstalten, den Streit mit mir auszugleichen. Ich

wasche meine Hände in Unschuld. Im übrigen soll Sie der Teufel holen.

Leben Sie wohl!

Ich schlug die Türe hart hinter mir zu.

Aber als ich in mein Zimmer kam, in dieses betrübliche Loch, durchnäßt

vom weichen Schnee, die Knie bebend von des Tages Wanderungen, verlor

ich augenblicklich meine Hochnäsigkeit und fiel wiederum zusammen. Ich

bereute meinen Überfall auf den armen Ladengehilfen, weinte, griff

mir an die Kehle, um mich für meinen erbärmlichen Streich zu strafen,

und tobte umher. Er war natürlich in der tödlichsten Angst um seine

Stellung gewesen und hatte nicht gewagt, wegen dieser fünf Kronen, die

das Geschäft verloren hatte, viel Aufhebens zu machen. Und ich hatte

seine Furcht ausgenützt, hatte ihn mit lauter Rede gepeinigt, ihn mit

jedem Wort, das ich ausrief, aufgespießt. Und der Kaufmann selbst

hatte vielleicht im Zimmer nebenan gesessen und wäre bei einem Haar

herausgekommen, um zu sehen, was vorging. Nein, es war doch unfaßbar,

welche Niederträchtigkeiten ich begehen konnte!

Na, aber weshalb war ich nicht verhaftet worden? So wäre es zu einem

Abschluß gekommen. Ich hatte doch die Hände schon förmlich nach den

Fesseln ausgestreckt. Ich hätte gar keinen Widerstand geleistet, hätte

im Gegenteil dazugeholfen. Herr des Himmels und der Erden, einen Tag

meines Lebens für eine glückliche Sekunde! Mein ganzes Leben für ein

Linsengericht! Erhöre mich nur dieses eine Mal!....

Ich legte mich in den nassen Kleidern nieder; ich hatte den unklaren

Gedanken, daß ich vielleicht in der Nacht sterben würde, und verwandte

meine letzte Kraft darauf, mein Bett ein wenig zu ordnen, damit es am

Morgen einigermaßen ordentlich um mich herum aussehe. Ich faltete die

Hände und wählte meine Lage.

Dann erinnerte ich mich mit einem Mal Ylajalis. Daß ich sie den ganzen

Abend über so vollständig vergessen hatte! Und das Licht dringt wieder

ganz schwach in mein Gemüt, -- ein kleiner Sonnenstrahl, der mich

so wohltuend wärmt. Und es kommt noch mehr Sonne, ein mildes, feines

Seidenlicht, das mich betäubend herrlich streift. Und die Sonne

wird stärker und stärker, brennt scharf auf meinen Schläfen, kocht

schwer und glühend in meinem ausgezehrten Gehirn. Und zuletzt flammt

ein wahnwitziger Strahlenhaufen vor meinen Augen. Himmel und Erde

entzündet, Menschen und Tiere aus Feuer, Berge aus Feuer, Teufel aus

Feuer, ein Abgrund, eine Wüste, eine Welt in Brand, ein rauchender

jüngster Tag.

Und ich sah und hörte nichts mehr....

* * * * *

Ich erwachte am nächsten Tag in Schweiß gebadet, feucht am ganzen

Körper; das Fieber hatte mich gewaltig erfaßt. Im ersten Augenblick war

ich mir nicht klar darüber, was gestern mit mir vorgegangen war, ich

sah mich mit Erstaunen um, fühlte mein Wesen vollständig vertauscht,

kannte mich gar nicht wieder. Ich tastete Arme und Beine ab, fiel in

Erstaunen darüber, daß das Fenster in dieser und nicht in der gerade

entgegengesetzten Wand war und hörte das Stampfen der Pferde unten im

Hof, als käme es von oben. Mir war ziemlich übel.

Das Haar lag mir naß und kalt um die Stirne; ich stützte mich auf den

Ellbogen und sah aufs Kopfkissen nieder: auch hier lag nasses Haar in

kleinen Büscheln. Meine Füße waren im Lauf der Nacht in den Schuhen

angeschwollen; aber sie schmerzten nicht, ich konnte nur die Zehen

nicht gut bewegen.

Als es gegen das Ende des Nachmittages ging und bereits ein wenig zu

dämmern begonnen hatte, stand ich vom Bett auf und machte mir im Zimmer

zu schaffen. Ich tat kleine vorsichtige Schritte, versuchte mich im

Gleichgewicht zu halten und schonte meine Füße soviel als möglich. Ich

litt nicht sehr und weinte nicht; ich war eigentlich nicht traurig, war

im Gegenteil unendlich zufrieden; es kam mir nicht in den Sinn, daß

irgend etwas anders sein könnte, als es war.

Dann ging ich aus.

Das einzige, was mich ein wenig störte, war trotz meines Ekels vor

Essen der Hunger. Ich begann wieder einen schandbaren Appetit zu

fühlen, eine innere gefräßige Eßlust, die ständig schlimmer wurde.

Unbarmherzig nagte es in meiner Brust, vollführte eine schweigende,

seltsame Arbeit da drinnen. Es war wie ein Dutzend winzig kleiner,

feiner Tiere, die den Kopf auf die eine Seite legten und ein bißchen

nagten, darauf den Kopf auf die andere Seite legten und ein bißchen

nagten, einen Augenblick vollkommen still lagen, wieder anfingen,

sich ohne Lärm und ohne Hast einbohrten und überall leere Strecken

hinterließen....

Ich war nicht krank, nur matt, ich begann zu schwitzen. Ich wollte

zum Stortorv gehen, um dort ein wenig auszuruhen; aber der Weg war

lang und beschwerlich; endlich war ich beinahe dort, ich stand an der

Ecke vom Marktplatz und der Torvstraße. Der Schweiß rann mir in die

Augen, benetzte meine Brille und machte mich blind, und ich war soeben

stehengeblieben, um mich ein wenig abzutrocknen. Ich merkte nicht,

wo ich stand, dachte nicht darüber nach; der Lärm um mich her war

fürchterlich.

Plötzlich ertönt ein Ruf, ein kalter, scharfer Warnungsruf. Ich höre

diesen Ruf, höre ihn sehr gut und rücke nervös zur Seite, mache einen

Schritt, so schnell meine schlechten Beine sich bewegen können. Ein

Ungeheuer von einem Brotwagen fährt dicht an mir vorbei und streift

meinen Rock mit dem Rad; wäre ich etwas flinker gewesen, wäre ich ganz

frei ausgegangen. Ich hätte vielleicht etwas flinker sein können, ein

ganz klein wenig flinker, wenn ich mich angestrengt hätte; nun war

nichts mehr zu machen, mein einer Fuß tat mir weh, ein paar Zehen

waren zerquetscht worden. Ich fühlte, wie sie sich im Schuh gleichsam

zusammenkrümmten.

Der Wagenführer hält die Pferde mit aller Kraft an; er dreht sich auf

dem Wagen um und fragt entsetzt, wie es gehe. Nun, es hätte schlimmer

ausfallen können.... es sei wohl nicht so gefährlich.... ich glaube

nicht, daß etwas gebrochen sei.... Oh, bitte sehr....

Ich ging, so schnell ich konnte, zu einer Bank; diese vielen Menschen,

die um mich her stehenblieben und mich anglotzten, störten mich.

Eigentlich war es kein Todesstoß, es war verhältnismäßig gut gegangen,

wenn das Unglück schon einmal geschehen mußte. Das Ärgste war, daß mein

Schuh zerquetscht, die Sohle von der Kappe abgerissen worden war. Ich

hob den Fuß und sah Blut in der Öffnung. Na, es war von keiner Seite

mit Absicht geschehen, es war nicht die Absicht des Mannes gewesen,

mir noch Schlimmeres zuzufügen; er hatte sehr erschrocken ausgesehen.

Wenn ich ihn vielleicht um ein kleines Brot vom Wagen gebeten hätte, so

hätte ich es bekommen. Er hätte es mir gewiß mit Freuden gegeben. Möge

Gott es ihm vergelten.

Ich hungerte schwer und wußte nicht, wie ich meinen schamlosen Appetit

loswerden sollte. Ich wand mich auf der Bank hin und her und bog die

Brust bis auf meine Knie hinunter. Als es dunkel wurde, schlich ich zum

Rathaus.

Gott weiß, wie ich dahin kam -- ich setzte mich auf die Kante der

Balustrade. Ich riß die eine Tasche aus meinem Rock heraus und fing

an, darauf zu kauen, übrigens ohne irgendwelche Absicht, mit finsterer

Miene, die Augen starr geradeaus gerichtet, ohne etwas zu sehen.

Ich hörte einige kleine Kinder um mich herum spielen und vernahm

es instinktmäßig, wenn ein Spaziergänger an mir vorbeiging: sonst

beachtete ich nichts.

Da fällt mir plötzlich ein, in einen der Basare unter mir zu gehen und

ein Stück rohes Fleisch zu holen. Ich stehe auf und gehe quer über die

Balustrade, bis zum anderen Ende des Basardaches und steige hinab. Als

ich beinahe bis zur Fleischbank hinuntergekommen war, rief ich in die

Treppenöffnung hinauf und drohte zurück, als spräche ich zu einem Hund

da oben, und wandte mich frech an den ersten Metzger, den ich traf.

Ach, seien Sie so gut und geben Sie mir einen Knochen für meinen Hund!

sagte ich. Nur einen Knochen. Es braucht nichts daran zu sein; er soll

nur etwas im Maul zu tragen haben.

Ich erhielt einen Knochen, einen prächtigen kleinen Knochen, an dem

noch etwas Fleisch war, und steckte ihn unter den Rock. Ich dankte dem

Mann so herzlich, daß er mich erstaunt ansah.

Nichts zu danken, erwiderte er.

Doch, sagen Sie das nicht, murmelte ich, es ist sehr freundlich von

Ihnen.

Und ich ging hinauf. Das Herz schlug stark in mir.

Ich schlich mich so tief als möglich in den Schmiedgang und blieb vor

einem verfallenen Tor in einem Hinterhof stehen. Von keiner Seite war

ein Licht zu sehen, es war wundervoll dunkel rings um mich; ich begann

an dem Knochen zu nagen.

Er schmeckte nach nichts; ein erstickender Geruch von altem Blut stieg

von ihm auf, und ich mußte mich sofort erbrechen. Ich versuchte es

wieder. Wenn ich es nur bei mir behalten könnte, würde es wohl seine

Wirkung tun; es galt, den Magen zu beruhigen. Ich erbrach mich wieder.

Ich wurde zornig, biß heftig in das Fleisch, zerrte ein Stückchen ab

und würgte es mit Gewalt hinunter. Und es nützte doch nichts; sobald

die kleinen Fleischbrocken im Magen warm geworden waren, kamen sie

wieder herauf. Wahnsinnig ballte ich die Hände, war vor Hilflosigkeit

dem Weinen nahe und nagte wie ein Besessener; ich weinte, daß der

Knochen naß und schmutzig wurde von den Tränen, erbrach mich, fluchte

und nagte wieder, weinte, als wollte mir das Herz brechen, und übergab

mich abermals. Ich wünschte mit lauter Stimme alle Mächte der Welt zur

Hölle.

Stille. Kein Mensch um mich her, kein Licht, kein Lärm. Ich bin in

der gewaltsamsten Gemütserregung, atme schwer und laut und weine

zähneknirschend, so oft ich diese kleinen Bissen Fleisches, die mich

vielleicht ein wenig hätten sättigen können, von mir geben muß. Als

gar nichts hilft, so sehr ich auch alles versuche, schleudere ich voll

ohnmächtigen Hasses den Knochen gegen das Tor, hingerissen von Wut,

rufe und drohe heftig gegen den Himmel hinauf, schreie Gottes Namen

heiser und verbissen hinaus und krümme meine Finger wie Klauen.... Ich

sage dir, du heiliger Baal des Himmels, du lebst nicht, aber wenn du

lebtest, würde ich dir so fluchen, daß dein Himmel vom Feuer der Hölle

erbeben würde. Ich sage dir, ich habe dir meine Dienste angeboten,

und du hast sie abgewiesen, du hast mich verstoßen, und ich wende dir

für ewig den Rücken, weil du die Stunde der Gnade nicht erkanntest.

Ich sage dir, ich weiß, daß ich sterben muß, und ich spotte deiner

trotzdem, mit dem Tod vor Augen, du himmlischer Apis. Du hast Gewalt

gegen mich angewandt, und du weißt nicht, daß ich mich niemals dem

Unglück beuge. Mußtest du das nicht wissen? Hast du mein Herz im Schlaf

gebildet? Ich sage dir, mein ganzes Leben und jeder Blutstropfen in

mir freut sich darüber, dich zu verhöhnen und deine Gnade zu bespeien.

Von dieser Stunde an will ich allen deinen Werken und deinem ganzen

Wesen entsagen, ich will meine Gedanken verfluchen, wenn sie wieder an

dich denken sollten, und meine Lippen ausreißen, wenn sie deinen Namen

wieder nennen. Ich sage dir, wenn du wirklich bist, das letzte Wort

im Leben und im Tode, ich sage dir Lebwohl. Und dann schweige ich und

wende dir den Rücken und gehe meines Weges....

Stille.

Ich bebe vor Erregung und Erschöpfung, stehe noch auf demselben Fleck,

immer noch Flüche und Schimpfworte flüsternd, noch schlucksend nach

dem heftigen Weinen, gebrochen und schlapp nach diesem wahnsinnigen

Zornesausbruch. Ach, es war nur Büchersprache und Literatur, was ich

hier angebracht hatte, mitten in meinem Elend sogar, es war Geschwätz.

Ich stehe vielleicht eine halbe Stunde da und schluchze und flüstere

und halte mich am Tor fest. Dann höre ich Stimmen, ein Gespräch

zwischen zwei Männern, die durch den Schmiedgang hereinkommen. Ich

taumle von der Türe weg, schleppe mich an den Häusern entlang und

komme wieder auf die hellen Straßen hinaus. Während ich die Youngshöhe

hinunterschleiche, fängt mein Gehirn plötzlich in einer höchst

seltsamen Richtung zu arbeiten an. Es fällt mir ein, daß die elenden

Baracken unten an der Seite des Marktplatzes, die Läden und die alten

Buden mit gebrauchten Kleidern doch eine Verunstaltung der Gegend

seien. Sie schändeten das Aussehen des ganzen Platzes, befleckten die

Stadt, pfui, nieder mit dem Gerümpel! Und in Gedanken überschlug ich,

was es kosten würde, das Geographische Institut hierher zu stellen,

dieses schöne Gebäude, das mir immer so gut gefallen hatte, so oft

ich daran vorbeigekommen war. Ein derartiger Transport würde sich

vielleicht nicht unter siebzig bis zweiundsiebzigtausend Kronen machen

lassen, -- eine schöne Summe, das mußte man zugeben, ein ganz schönes

Taschengeld, hehe, so für den Anfang. Und ich nickte mit schwerem Kopf

und gab zu, daß es ein ganz schönes Taschengeld sei, so für den Anfang.

Ich zitterte immer noch über den ganzen Körper und schluchzte hie und

da tief auf nach dem Weinen.

Ich hatte das Gefühl, als sei nicht mehr viel Leben in mir, als

pfiffe ich im Grunde auf dem letzten Loch. Dies war mir auch ziemlich

gleichgültig, es beschäftigte mich nicht im geringsten; ich ging im

Gegenteil durch die Stadt zum Hafen hinunter, immer weiter und weiter

weg von meinem Zimmer. Ich hätte mich ebensogut zum Sterben platt auf

die Straße hingelegt. Die Qualen machten mich immer gefühlloser; in

meinem verwundeten Fuß klopfte es heftig, ich hatte sogar den Eindruck,

daß der Schmerz sich über den ganzen Körper verbreitete, aber nicht

einmal das tat besonders weh. Ich hatte schlimmere Dinge ausgestanden.

So kam ich zum Eisenbahnkai. Es war kein Verkehr dort, kein Lärm, nur

hie und da war ein Mensch zu sehen, ein Schauermann oder ein Seemann,

der mit den Händen in den Taschen sich herumtrieb. Ich bemerkte einen

hinkenden Mann, der starr mich anschielte, während wir aneinander

vorbeigingen. Instinktmäßig stellte ich ihn, griff an den Hut und

fragte, ob die „Nonne” abgesegelt sei. Und nachher konnte ich es nicht

lassen, ein einziges Mal dicht vor seinen Augen mit den Fingern zu

knipsen und zu sagen: Tod und Teufel, die „Nonne” ja! Die „Nonne”,

die ich ganz vergessen hatte! Der Gedanke an sie hatte wohl trotzdem

unbewußt in meinem Inneren geschlummert, ich hatte ihn mit mir

herumgetragen, ohne es selbst zu wissen.

Ja, bewahre, die „Nonne” sei abgesegelt.

Er könne mir wohl nicht sagen, wohin?

Der Mann denkt nach, steht auf dem langen Bein und hält das kurze in

die Luft; das kurze baumelt ein wenig.

Nein, sagt er. Wissen Sie, was sie hier gelastet hat?

Nein, antwortete ich.

Aber nun hatte ich die „Nonne” bereits vergessen, und ich fragte den

Mann, wie weit es wohl bis Holmestrand sein könne, in guten alten,

geographischen Meilen gerechnet.

Bis Holmestrand? Ich nehme an....

Oder bis Veblungsnes?

Was ich sagen wollte, ich nehme an, daß bis Holmestrand ....

Ach, hören Sie, weil es mir gerade einfällt, unterbrach ich ihn wieder,

Sie würden wohl nicht so freundlich sein, mir einen kleinen Bissen

Tabak zu geben, nur ein ganz klein wenig.

Ich erhielt den Tabak, dankte dem Mann sehr herzlich und ging fort. Ich

machte keinen Gebrauch von dem Tabak, ich steckte ihn sofort in die

Tasche. Der Mann behielt mich immer noch im Auge, ich hatte vielleicht

sein Mißtrauen auf irgendeine Weise erregt; wo ich ging und stand,

fühlte ich diesen mißtrauischen Blick auf mir und wollte mich nicht von

diesem Menschen verfolgen lassen. Ich kehre um und trete an ihn heran

und sage:

Nadler.

Nur dieses Wort: Nadler. Nicht mehr. Ich sehe ihn sehr starr an,

während ich das sage, ich fühlte, daß ich ihn fürchterlich anstarrte;

es war als ob ich ihn aus einer anderen Welt anschaute. Und ich bleibe

eine kleine Weile stehen, als ich dieses Wort gesagt habe. Dann

schleiche ich wieder zum Bahnhofsplatz zurück. Der Mann gab keinen Laut

von sich. Er behielt mich nur im Auge.

Nadler? Ich stand plötzlich still. Ja, hatte ich nicht schon sofort das

Gefühl gehabt: ich hätte den Krüppel schon früher einmal getroffen.

Oben in Graensen, an einem lichten Morgen; ich hatte meine Weste

versetzt. Es schien mir eine Ewigkeit vergangen zu sein seit diesem Tag.

Während ich dastehe und darüber nachdenke -- ich stütze mich gegen

eine Hauswand an der Ecke des Marktplatzes an der Hafenstraße -- fahre

ich plötzlich zusammen und versuche wegzuschleichen. Da mir dies nicht

gelingt, starre ich verstockt geradeaus und beiße aller Scham den Kopf

ab, es war nichts mehr zu machen, -- ich stehe Antlitz in Antlitz mit

dem „Kommandeur”.

Ich werde rücksichtslos frech, trete sogar einen Schritt von der

Wand weg, um ihn auf mich aufmerksam zu machen. Ich tue das nicht,

um Mitleid zu erwecken, sondern um mich selbst zu verhöhnen, mich an

den Pranger zu stellen; ich hätte mich auf der Straße wälzen und den

Kommandeur bitten mögen, über mich hinwegzugehen, mir ins Gesicht zu

treten. Ich sagte nicht einmal Guten Abend.

Der „Kommandeur” ahnte vielleicht, daß bei mir irgend etwas nicht

richtig war, er verlangsamte seinen Schritt ein wenig, und ich sage, um

ihn zum Stehen zu bringen:

Ich hätte Ihnen schon etwas gebracht, aber es ist noch nichts Rechtes

geworden.

Ja? antwortet er fragend. Haben Sie es noch nicht fertig?

Nein, ich habe es noch nicht fertigbekommen.

Aber bei der Freundlichkeit des „Kommandeurs” stehen meine Augen

plötzlich voll Wasser, und ich räuspere mich und huste erbittert, um

mich stark zu machen. Der „Kommandeur” stößt einmal die Luft durch die

Nase; er sieht mich an.

Haben Sie mittlerweile etwas zum Leben? sagt er.

Nein, antworte ich, das habe ich auch nicht. Ich habe heute noch nicht

gegessen, aber....

Gott bewahre Sie, es geht doch unmöglich an, daß Sie hier herumlaufen

und verhungern, Mensch! sagt er. Und er greift sofort in die Tasche.

Jetzt erwacht das Schamgefühl in mir, ich schwanke wieder zu der

Mauer und halte mich fest, stehe da und sehe zu, wie der „Kommandeur”

in seinem Geldbeutel wühlt; aber ich sage nichts. Und er reicht mir

einen Zehnkronenschein. Er macht keinerlei Umstände damit, er gibt mir

einfach zehn Kronen. Gleichzeitig wiederholt er: es gehe doch unmöglich

an, daß ich verhungere.

Ich stammelte eine Einwendung und nahm den Schein nicht sogleich: Es

sei schändlich von mir, dies.... es sei auch zuviel....

Beeilen Sie sich nun! sagt er und sieht auf seine Uhr. Ich habe auf

den Zug gewartet; aber nun höre ich ihn kommen.

Ich nahm das Geld, ich war lahm vor Freude und sagte kein Wort mehr,

ich dankte nicht einmal.

Sie brauchen sich deswegen nicht zu genieren, sagt der „Kommandeur”

schließlich noch; Sie können ja dafür schreiben, das weiß ich.

Dann ging er.

Als er einige Schritte weit gekommen war, erinnerte ich mich mit einem

Mal, daß ich dem „Kommandeur” für diese Hilfe nicht gedankt hatte.

Ich versuchte ihn einzuholen, konnte aber nicht schnell genug vom

Fleck kommen, meine Beine versagten, und immer wieder fiel ich schier

zu Boden. Er entfernte sich mehr und mehr. Ich gab den Versuch auf,

dachte daran, ihm nachzurufen, wagte es aber nicht, und als ich endlich

trotzdem Mut gefaßt hatte und einmal, zweimal rief, war er bereits zu

weit weg, meine Stimme war zu schwach geworden.

Ich blieb zurück, sah ihm nach und weinte ganz leise. Dergleichen habe

ich nie erlebt! sagte ich zu mir; er gab mir zehn Kronen! Ich kehrte um

und stellte mich dorthin, wo er gestanden hatte, und machte alle seine

Bewegungen nach. Und ich hielt den Geldschein an meine nassen Augen,

besah ihn von beiden Seiten und begann zu fluchen -- ins Blaue hinein

zu fluchen, daß es seine Richtigkeit mit dem habe, was ich in der Hand

hielt, -- es waren zehn Kronen.

Eine Weile danach -- vielleicht sehr lange danach, denn es war überall

schon ganz still geworden -- stand ich merkwürdigerweise vor dem

Haus in der Tomtestraße Nummer 11. Und hier hatte ich einen Kutscher

betrogen, der mich einmal gefahren hatte, und hier war ich einmal quer

durch das Haus gegangen, ohne von jemand gesehen zu werden. Als ich

einen Augenblick dagestanden und mich gesammelt und gewundert hatte,

ging ich zum zweiten Mal durch das Tor, gerade hinein in „Kost und

Logis für Reisende”. Hier bat ich um Obdach und bekam sofort ein Bett.

* * * * *

Dienstag.

Sonnenschein und Stille, ein wunderbarer, heller Tag. Der Schnee war

weg; allerorten Leben und Lust und frohe Gesichter, Lächeln und Lachen.

Von den Springbrunnen stiegen die Wasserstrahlen im Bogen auf, golden

von der Sonne, blau von dem blauen Himmel....

Gegen Mittag trat ich aus meinem Logis in der Tomtestraße, in dem ich

immer noch wohnte und es mir für die zehn Kronen des „Kommandeurs” gut

gehen ließ, und begab mich in die Stadt. Ich war in der fröhlichsten

Stimmung und trieb mich den ganzen Nachmittag in den lebhaftesten

Straßen umher und sah den Menschen zu. Noch bevor es sieben Uhr abends

wurde, machte ich einen Spaziergang zum St. Olafsplatz und lugte

heimlich zu den Fenstern in Nummer 2 hinauf. In einer Stunde sollte

ich sie sehen! Ich ging die ganze Zeit in einer leichten, köstlichen

Angst umher. Was würde geschehen? Was sollte ich anfangen, wenn sie

die Treppe herunterkam? Guten Abend, Fräulein? Oder nur lächeln? Ich

entschloß mich, es beim Lächeln zu lassen. Natürlich würde ich sie tief

grüßen.

Hunger(#60728) · 第 10 / 15 段