Na ja, was dann? Ich konnte ihrer Stimme anhören, daß sie lächelte.
Ob sie nicht eine Schwester habe?
Doch, eine ältere Schwester -- woher ich das übrigens wüßte? -- aber
die sei nach Hamburg gereist!
Kürzlich?
Ja, vor ungefähr fünf Wochen. Woher ich wisse, daß sie eine Schwester
habe?
Ich weiß es durchaus nicht, ich fragte nur.
Wir schwiegen. Ein Mann, der ein Paar Schuhe unter dem Arm trägt, geht
an uns vorbei, sonst ist die Straße leer, soweit wir sehen können. Beim
Tivoli leuchtet eine lange Reihe von farbigen Lampen. Es schneite nicht
mehr. Der Himmel war klar.
Gott, frieren Sie nicht ohne Überrock? sagt die Dame plötzlich und
sieht mich an.
Sollte ich ihr erzählen, warum ich keinen Überrock hatte? Ihr meine
Lage sofort offenbaren und sie von vorneherein verscheuchen?
Es war doch so herrlich, hier an ihrer Seite zu gehen und sie noch eine
kleine Weile in Unwissenheit zu lassen. Ich log, ich antwortete:
Nein, gar nicht. Und um auf etwas anderes zu kommen, fragte ich: Haben
Sie die Menagerie im Tivoli gesehen?
Nein, antwortete sie. Ist da etwas zu sehen?
Wenn sie nun hingehen wollte? In all das Licht, unter so viele
Menschen! Sie würde verlegen werden, ich würde sie mit meinen
schlechten Kleidern, mit meinem mageren Gesicht, das ich seit zwei
Tagen nicht einmal gewaschen hatte, verjagen, sie würde vielleicht
sogar entdecken, daß ich keine Weste hatte....
O nein, antwortete ich deshalb, es ist dort sicher nichts zu sehen.
Und es fielen mir einige glückliche Wendungen ein, von denen ich
gleich Gebrauch machte, einige dürftige Worte, Reste aus meinem
ausgesaugten Gehirn: Was könnte man wohl von solch einer kleinen
Menagerie erwarten? Überhaupt interessierte es mich nicht, Tiere im
Käfig zu sehen. Diese Tiere wissen, daß man dasteht und sie ansieht;
sie fühlen hundert neugierige Blicke und werden davon beeinflußt. Nein,
da möchte ich schon um Tiere bitten, die nicht wußten, daß man sie
betrachtete, um jene scheuen Wesen, die in ihrer Höhle umherhuschen,
dort mit schläfrigen grünen Augen liegen, an ihren Klauen schlecken und
nachdenken. Nicht wahr?
Damit hätte ich allerdings recht.
Nur das Tier in all seiner eigenen Schrecklichkeit und eigenen Wildheit
könne uns fesseln.
Der lautlose, schleichende Tritt in der Dunkelheit und der Finsternis
der Nacht, in des Waldes Sausen und Unheimlichkeit, die Schreie eines
vorbeifliegenden Vogels, der Wind, der Blutgeruch, das Getöse in der
Luft, kurz, der Geist des Raubtierreiches über dem Raubtier ....
Aber ich fürchtete, daß sie dies ermüde, und das Gefühl meiner großen
Armut ergriff mich von neuem und drückte mich nieder. Wenn ich nur
einigermaßen gut angezogen gewesen wäre, hätte ich sie mit einem Abend
im Tivoli erfreuen können! Ich begriff dieses Menschenkind nicht,
das ein Vergnügen darin finden konnte, sich durch die ganze Karl
Johanstraße von einem halbnackten Bettler begleiten zu lassen. Was,
in Gottes Namen, dachte sie sich wohl? Und weshalb ging ich hier und
stellte mich so an und lächelte blöde um nichts? Hatte ich auch nur
eine vernünftige Ursache, mich von diesem feinen Seidenvogel zu einem
so langen Spaziergang ausnützen zu lassen? Kostete es mich vielleicht
keine Anstrengung? Fühlte ich nicht nur bei dem leisesten Windstoß,
der uns entgegenblies, die Schauer des Todes bis ins Herz hinein? Und
tobte nicht bereits der Wahnsinn in meinem Gehirn, nur weil es mir
seit vielen Monaten an Nahrung fehlte? Sie hinderte mich sogar daran,
heimzugehen und ein wenig Milch auf die Zunge zu bekommen, einen Löffel
Milch, den ich vielleicht bei mir behalten konnte. Weshalb wandte sie
mir nicht den Rücken und ließ mich zum Teufel gehen...?
Ich wurde verzweifelt; meine Hoffnungslosigkeit führte mich zum
Äußersten und ich sagte:
Sie sollten eigentlich nicht mit mir zusammen gehen, Fräulein; ich
beschäme Sie vor allen Leuten schon allein durch meinen Anzug. Ja, das
ist wirklich wahr; ich meine das so.
Sie stutzt. Sie sieht schnell zu mir auf und schweigt. Darauf sagt sie:
Herrgott auch! Mehr sagt sie nicht.
Was meinen Sie damit? fragte ich.
Uff nein, sagen Sie nicht so etwas.... Nun haben wir nicht mehr weit.
Und sie ging ein wenig schneller.
Wir schwenkten in die Universitätsstraße ein und sahen bereits die
Lichter auf dem St. Olafsplatz. Da ging sie wieder langsamer.
Ich möchte nicht indiskret sein, fange ich wieder an, aber wollen Sie
mir nicht Ihren Namen sagen, bevor wir uns trennen? Und wollen Sie
nicht, für einen Augenblick nur, den Schleier abnehmen, damit ich Sie
sehen kann? Ich wäre so dankbar.
Pause. Ich wartete.
Sie haben mich früher schon gesehen, antwortet sie.
Ylajali! sage ich wieder.
Sie haben mich einen halben Tag lang verfolgt, bis nach Hause. Waren
Sie damals betrunken? Wieder hörte ich, daß sie lächelte.
Ja, sagte ich, leider, ich war damals betrunken.
Das war häßlich von Ihnen!
Und zerknirscht gab ich zu, daß das häßlich von mir gewesen sei.
Wir waren zum Springbrunnen gekommen. Wir bleiben stehen und sehen zu
den vielen erleuchteten Fenstern in Nummer 2 empor.
Nun dürfen Sie nicht mehr weiter mitgehen, sagt sie; Dank für heute
abend!
Ich beugte den Kopf, wagte nichts zu sagen. Ich nahm meinen Hut ab und
stand barhäuptig da. Ob sie mir wohl die Hand reichen würde?
Warum bitten Sie mich nicht, ein Stück weit mit Ihnen zurückzugehen?
sagt sie scherzhaft. Aber sie sieht auf ihre Schuhspitzen nieder.
Herrgott, antworte ich, wenn Sie das täten!
Ja, aber nur ein kleines Stück.
Und wir kehrten um.
Ich war äußerst verwirrt, wußte nicht, wie ich gehen oder stehen
sollte; dieses Geschöpf stülpte meinen ganzen Gedankengang um. Ich war
hingerissen, wunderbar froh; mir war, als ginge ich vor Glück herrlich
zugrunde. Sie hatte ausdrücklich mit mir zurückgehen wollen, es war
nicht mein Einfall, es war ihr eigener Wunsch. Ich sehe sie an und
werde immer mutiger, sie muntert mich auf, zieht mich mit jedem Wort
an sich. Für einen Augenblick vergesse ich meine Armut, meinen Unwert,
mein ganzes jämmerliches Dasein, ich fühle das Blut warm durch den
Körper jagen, wie in den alten Tagen, ehe ich zusammengefallen, und ich
beschließe, mich mit einem kleinen Kniff vorzutasten.
Übrigens verfolgte ich damals nicht Sie, sagte ich, sondern Ihre
Schwester.
Meine Schwester? fragt sie höchst erstaunt. Sie bleibt stehen, sieht
mich an, erwartet wirklich eine Antwort. Sie fragte in vollstem Ernst.
Ja, antwortete ich. Hm. Das heißt, also die jüngere der beiden Damen,
die vor mir gingen.
Die Jüngere? Oho! Sie lachte mit einem Mal laut und herzlich wie ein
Kind. Nein, wie schlau Sie sind! Das sagten Sie nun, damit ich den
Schleier abnehmen solle. Ich verstehe. Aber darauf können Sie lange
warten.... zur Strafe.
Wir begannen zu lachen und zu scherzen, sprachen die ganze Zeit und
unaufhörlich, ich wußte nicht, was ich sagte, ich war froh. Sie
erzählte, daß sie mich schon früher einmal gesehen habe, im Theater,
es sei lange her. Es seien drei Kameraden dabei gewesen und ich hätte
mich wie ein Verrückter betragen; ich sei sicher auch damals betrunken
gewesen, leider.
Weshalb sie das glaubte?
Doch, ich hätte so gelacht.
So. O ja, damals lachte ich viel.
Aber jetzt nicht mehr?
O doch, jetzt auch. Es sei so herrlich auf der Welt!
Wir kamen zur Karl Johanstraße. Sie sagte:
Nun gehen wir nicht mehr weiter! Und wir kehrten um und gingen wieder
die Universitätsstraße hinauf. Als wir wieder zum Springbrunnen kamen,
verlangsamte ich meine Schritte ein wenig; ich wußte, daß ich nicht
weiter mitgehen durfte.
Ja, nun müssen Sie also umkehren, sagte sie und blieb stehen.
Ja, das muß ich wohl, antwortete ich.
Gleich darauf aber meinte sie, daß ich gut bis zum Tor mitgehen könne.
Herrgott, es sei doch nichts Schlimmes dabei. Nicht?
Nein, sagte ich.
Aber als wir am Tor standen, drang mein ganzes Elend wieder auf mich
ein. Wie konnte man auch den Mut aufrecht erhalten, wenn man so
zusammengebrochen war? Hier stand ich vor einer jungen Dame, schmutzig,
zerrissen, von Hunger entstellt, ungewaschen, nur halb bekleidet, --
es war um in die Erde zu sinken. Ich machte mich klein, duckte mich
unwillkürlich nieder und sagte:
Darf ich Sie nun nie mehr wiedersehen?
Ich wagte nicht zu hoffen, daß ich die Erlaubnis bekommen würde, sie
wieder zu treffen; ich wünschte beinahe ein scharfes Nein, das mich
straff und gleichgültig hätte machen können.
Doch, sagte sie.
Wann?
Ich weiß nicht.
Pause.
Wollen Sie nicht so lieb sein und den Schleier nur einen einzigen
Augenblick abnehmen, sagte ich, damit ich sehen kann, mit wem ich
gesprochen habe. Nur einen Augenblick. Denn ich muß doch sehen, mit wem
ich gesprochen habe.
Pause.
Sie können mich am Dienstag abend hier draußen treffen, sagt sie.
Wollen Sie das?
Ja, Liebe, wenn ich darf!
Um acht Uhr.
Gut.
Ich strich mit meiner Hand an ihrem Mantel hinunter, bürstete den
Schnee ab, um einen Vorwand zu haben, sie zu berühren; es war mir eine
Wollust, ihr so nahe zu sein.
Und dann dürfen Sie nicht allzu schlecht von mir denken, sagte sie. Sie
lächelte wieder.
Nein....
Plötzlich machte sie eine entschlossene Bewegung und zog den Schleier
in die Stirne hinauf; wir standen da und sahen einander eine Sekunde
lang an. Ylajali! rief ich. Sie streckte sich empor, schlang die Arme
um meinen Hals und küßte mich mitten auf den Mund. Ich fühlte, wie ihre
Brust wogte, sie atmete gewaltsam.
Und augenblicklich entwand sie sich meinen Händen, rief gute Nacht,
atemlos, flüsternd, wandte sich um und lief, ohne mehr zu sagen, die
Treppe hinauf....
Das Tor fiel zu.
* * * * *
Am nächsten Tage schneite es stärker, ein schwerer, mit Regen
vermischter Schnee fiel in großen blauen Flocken, die zu Schmutz
wurden. Das Wetter war rauh und eisig.
Ich war spät aufgewacht, im Kopf seltsam betäubt von den
Gemütsbewegungen des Abends, im Herzen berauscht von der schönen
Begegnung. In meiner Entzückung hatte ich eine Weile wach gelegen und
mir Ylajali an meine Seite gedacht; ich breitete die Arme aus, umarmte
mich selbst und küßte in die Luft. Dann war ich endlich aufgestanden
und hatte wieder eine Tasse Milch zu mir genommen und gleich darauf ein
Beefsteak. Ich war nicht mehr hungrig; nur meine Nerven waren wieder
stark erregt.
Ich begab mich zu den Kleiderbasaren hinunter. Es fiel mir ein, daß ich
vielleicht zu einem billigen Preis eine gebrauchte Weste kaufen könnte,
um etwas unter dem Rock zu haben, gleichviel was. Ich stieg die Treppe
zu den Basaren hinauf und fand eine Weste, die ich zu untersuchen
begann. Während ich damit beschäftigt war, kam ein Bekannter vorbei;
er nickte und rief mich an, ich ließ die Weste hängen und ging zu ihm
hinunter. Er war Techniker und sollte in das Kontor.
Gehen Sie mit ein Glas Bier trinken, sagte er. Aber kommen Sie gleich,
ich habe nur wenig Zeit.... Was war das für eine Dame, mit der Sie
gestern abend spazieren gingen?
Hören Sie, sagte ich, auf seinen bloßen Gedanken eifersüchtig, wenn es
nun meine Braut wäre?
Tod und Teufel! rief er.
Ja, das hat sich gestern abend entschieden.
Ich hatte ihn damit geschlagen, er glaubte mir unbedingt. Ich log ihn
voll, um ihn wieder los zu werden; wir bekamen das Bier, tranken und
gingen.
Guten Morgen!.... Hören Sie, sagte er plötzlich. Ich bin Ihnen noch
einige Kronen schuldig und es ist eine Schande, daß ich sie nicht
längst zurückbezahlt habe, aber nächstens sollen Sie sie bekommen.
Ja, danke, antwortete ich. Doch ich wußte, daß er mir diese Kronen
niemals zurückgeben werde.
Das Bier stieg mir leider gleich zu Kopf, mir wurde sehr heiß. Der
Gedanke an das Abenteuer des Abends überwältigte mich, machte mich
beinahe verstört. Wie, wenn sie sich nun am Dienstag nicht einfände!
Wie, wenn sie nachzudenken begänne und Mißtrauen faßte! .... Mißtrauen
gegen was?.... Meine Gedanken wurden mit einem Schlag lebendig und
begannen mit dem Geld zu spielen. Ich wurde ängstlich, tödlich
erschrocken über mich selbst. Der Diebstahl stürmte mit allen seinen
Kleinigkeiten auf mich ein; ich sah den kleinen Laden, den Tisch,
meine magere Hand, als ich nach dem Geld griff, und ich malte mir das
Verfahren der Polizei aus, wenn sie käme, mich festzunehmen. Eisen um
Hände und Füße, nein, nur um die Hände, vielleicht nur an die eine
Hand; die Schranke, das Protokoll des Wachthabenden, der Laut seiner
kratzenden Feder, sein Blick, sein gefährlicher Blick: Na, Herr Tangen?
Die Zelle, die ewige Finsternis....
Hm. Ich ballte heftig die Hände zusammen, um mir Mut zu machen, ging
schneller und kam zum Stortorv. Hier setzte ich mich.
Keine Kinderstreiche! Wie in aller Welt konnte man beweisen, daß ich
gestohlen hatte? Außerdem wagte der Ladenbursche gar nicht Alarm zu
schlagen, selbst wenn er eines Tages sich erinnern würde, wie das
Ganze zugegangen war; er hatte wohl seinen Platz zu lieb. Keinen Lärm!
keine Szenen, wenn ich bitten darf! Aber dieses Geld in meiner Tasche
beschwerte mich nun trotzdem ein wenig und ließ mich nicht in Frieden.
Ich fing an, mich selbst zu prüfen und fand auf das klarste heraus,
daß ich früher glücklicher gewesen war, damals, als ich in aller
Ehrlichkeit litt. Und Ylajali! Hatte ich nicht auch sie mit meinen
sündigen Händen herabgezogen! Herrgott, Herr mein Gott! Ylajali!
Ich fühlte mich betrunken wie ein Alk, stand plötzlich auf und ging
zu der Kuchenfrau bei der Elefantenapotheke. Noch konnte ich mich von
der Schande befreien, es war noch lange nicht zu spät, ich wollte der
ganzen Welt zeigen, daß ich dazu imstande war! Unterwegs hielt ich das
Geld in Bereitschaft, hielt jeden Ör in der Hand; ich beugte mich zu
dem Tisch der Frau hinunter, als ob ich etwas kaufen wollte und drückte
ihr ohne weiteres die Münzen hastig in die Hand. Ich sagte kein Wort
und ging gleich weg.
Wie wunderbar schmeckte es, wieder ein ehrlicher Mensch zu sein! Meine
leere Tasche beschwerte mich nicht mehr, es war ein Genuß, von neuem
blank und bar zu sein. Wenn ich richtig nachdachte, hatte mir dieses
Geld im Grund viel heimlichen Kummer bereitet, ich hatte wirklich
ein über das andere Mal mit Schaudern daran gedacht; ich war keine
verstockte Seele, meine ehrliche Natur hatte sich gegen diese niedrige
Handlung aufgebäumt, ja. Gott sei Dank, ich hatte mich vor meinem
eigenen Bewußtsein wieder erhoben. Macht mir das nach! sagte ich und
sah über den wimmelnden Markt hin. Macht mir das nur nach! Ich hatte
eine alte, arme Kuchenfrau erfreut, daß es eine Art hatte; sie wußte
weder aus noch ein. Heute abend sollten ihre Kinder nicht hungrig zu
Bett gehen.... Ich geilte mich mit diesen Gedanken auf und fand, daß
ich mich ausgezeichnet betragen hatte. Gott sei Dank, das Geld war ich
nun los.
Betrunken und nervös brach ich auf und ging die Straße entlang. Die
Freude, Ylajali rein und ehrlich entgegengehen und ihr ins Antlitz
sehen zu können, ging in meiner Trunkenheit mit mir durch; ich hatte
keine Schmerzen mehr. Mein Kopf war klar und leer, es war, als sei
es ein Kopf aus eitel Licht, der auf meinen Schultern stand und
leuchtete. Ich bekam Lust, Narrenstreiche zu machen, erstaunliche Dinge
zu begehen, die Stadt auf den Kopf zu stellen und zu lärmen. Durch
die ganze Graensenstraße hinauf führte ich mich wie ein Wahnsinniger
auf. Es sauste leicht in meinen Ohren, und in meinem Gehirn war der
Rausch in vollem Gang. Begeistert vor Dummdreistigkeit, kam es mir in
den Sinn, einem Dienstmann, der übrigens kein Wort gesprochen hatte,
mein Alter anzugeben, ihm die Hand zu drücken, ihm eindringlich ins
Gesicht zu sehen und ihn dann wieder ohne eine Erklärung zu verlassen.
Ich unterschied die Abschattungen in den Stimmen und dem Lachen der
Vorübergehenden, beobachtete einige kleine Vögel, die vor mir auf der
Straße umherhüpften, studierte den Ausdruck der Pflastersteine und fand
allerhand Zeichen und wunderliche Figuren darin. Mittlerweile war ich
bis zum Stortingsplatz hinuntergekommen.
Ich stehe plötzlich still und starre zu den Droschken hin. Die Kutscher
wandern schwätzend umher, die Pferde stehen da und beugen sich vornüber
gegen das häßliche Wetter. Komm! sagte ich und puffte mich selbst mit
dem Ellbogen. Ich ging schnell zum ersten Wagen vor und stieg ein.
Ullevaalsweg Nummer 37! rief ich. Und wir rollten davon.
Unterwegs begann der Kutscher sich umzusehen, sich hinunterzubeugen
und in den Wagen zu gucken, wo ich unter dem Schutzleder saß. War er
mißtrauisch geworden? Ohne Zweifel war ihm meine schäbige Bekleidung
aufgefallen.
Ich will jemand treffen! rief ich ihm zu, um ihm zuvorzukommen, und
erklärte ihm inständig, daß ich diesen Mann absolut treffen müsse.
Wir halten vor Nummer 37, ich springe heraus, eile die Treppen hinauf,
ganz hinauf bis zum dritten Stock, ergreife einen Glockenzug und ziehe
an; die Glocke drinnen tat sechs, sieben schreckliche Schläge.
Ein Mädchen kommt und macht auf; ich bemerke, daß sie Ringe in den
Ohren hat und schwarze Lastingknöpfe an dem grauen Kleid. Sie sieht
mich erschrocken an.
Ich frage nach Kierulf, Joachim Kierulf, wenn ich so sagen dürfe, ein
Wollhändler, kurz gesagt, man könne ihn nicht verwechseln....
Das Mädchen schüttelt den Kopf.
Hier wohnt kein Kierulf, sagt sie.
Sie starrt mich an, ergreift die Türe, bereit, sich zurückzuziehen. Sie
strengte sich nicht an, den Mann ausfindig zu machen; und sie sah dabei
wirklich aus, als kenne sie die Person, nach der ich fragte, wenn sie
nur nachdenken wollte, das faule Geschöpf. Ich wurde zornig, wandte ihr
den Rücken und lief die Treppen wieder hinunter.
Er war nicht da! rief ich dem Kutscher zu.
Nicht da?
Nein. Fahren Sie nach der Tomtestraße Nummer 11.
Ich war in der heftigsten Aufregung und steckte den Kutscher damit an,
er glaubte ganz sicher, daß es das Leben gelte, und fuhr ohne weiteres
davon. Er schlug stark auf das Pferd ein.
Wie heißt der Mann? fragte er und wandte sich auf dem Bock um.
Kierulf, Wollhändler Kierulf.
Und der Kutscher fand auch, daß man sich in dem Mann nicht irren
konnte. Ob er nicht einen hellen Rock zu tragen pflege?
Wie? rief ich, einen hellen Rock? Sind Sie verrückt? Glauben Sie, ich
frage nach einer Teetasse? Dieser helle Rock kam mir sehr ungelegen und
verdarb mir das Bild des Mannes, wie ich es mir gedacht hatte.
Wie sagten Sie, daß er heiße? Kjärulf?
Ja, gewiß, antwortete ich, ist da etwas Seltsames daran? Der Name
schändet niemand.
Hat er nicht rotes Haar?
Nun war es ja gut möglich, daß er rotes Haar hatte, und als der
Kutscher davon sprach, war ich sofort überzeugt, daß er recht habe.
Ich fühlte mich dem armen Kutscher gegenüber dankbar und sagte ihm, er
habe den Mann ganz richtig erfaßt; es verhielte sich wirklich so, wie
er sagte. Es sei eine Seltenheit, einen solchen Mann ohne rotes Haar zu
treffen.
Ich glaube, den habe ich schon ein paarmal gefahren, sagte der
Kutscher. Er hat auch einen Knotenstock.
Dies ließ mir den Mann ganz lebendig werden und ich erwiderte:
Hehe, diesen Mann hat wohl noch niemand ohne seinen Knotenstock in der
Hand gesehen. Dessen können Sie sicher sein, ganz sicher.
Ja, es war klar, daß dies der gleiche Mann war, den er gefahren hatte.
Er erkannte ihn wieder....
Und wir fuhren darauf los, daß die Funken von den Hufen sprühten.
Mitten in diesem aufgeregten Zustand hatte ich keinen einzigen
Augenblick die Geistesgegenwart verloren. Wir kommen an einem
Polizeibeamten vorbei, und ich bemerke, daß er die Nummer 69 hat. Diese
Zahl trifft mich grausam genau, steht mit einemmal wie ein Splitter in
meinem Gehirn. Neunundsechzig, genau neunundsechzig, ich würde es nicht
vergessen!
Ich lehnte mich im Wagen zurück, eine Beute der verrücktesten Einfälle,
kroch unter dem Schutzleder zusammen, damit niemand sehen sollte,
daß ich den Mund bewegte, und plapperte idiotisch vor mich hin. Der
Wahnsinn rast durch mein Gehirn und ich lasse ihn rasen, ich bin mir
vollkommen bewußt, daß ich Einflüssen unterliege, über die ich nicht
Herr bin. Ich beginne zu lachen, stumm und leidenschaftlich, ohne jeden
Grund, immer noch lustig und betrunken von den etlichen Glas Bier, die
ich genossen hatte. Nach und nach nimmt meine Erregung ab, meine Ruhe
kehrt mehr und mehr zurück. Ich fühlte in meinem verwundeten Finger die
Kälte und steckte ihn in den Halsbund, um ihn ein wenig zu wärmen. So
kamen wir in die Tomtestraße. Der Kutscher hält an.
Ich steige ohne Hast aus dem Wagen, gedankenlos, schlapp, schwer
im Kopf. Ich gehe durch das Tor, komme in einen Hinterhof, den ich
überquere, stoße auf eine Türe, die ich öffne, gehe hinein und befinde
mich in einem Gang, einer Art Vorzimmer mit zwei Fenstern. In einem
Winkel stehen zwei Koffer übereinander, und an der Längswand ist eine
alte, unbemalte Sofabank, auf der eine Decke liegt. Im nächsten Zimmer
zur Rechten höre ich Stimmen und Kindergeschrei und über mir im ersten
Stock den Lärm einer Eisenplatte, auf die gehämmert wird. All dies
bemerke ich, sowie ich hereingekommen bin.
Ich gehe ruhig quer durchs Zimmer, zur entgegengesetzten Türe hin,
ohne mich zu beeilen, ohne den Gedanken an Flucht, öffne auch diese
Türe und trete in die Vognmandsstraße hinaus. Ich sehe an dem Haus
hinauf, das ich eben durchquert habe, und lese über der Türe: Kost und
Logis für Reisende.
Es fällt mir nicht ein, wegzuschleichen, mich von dem Kutscher, der
auf mich wartet, fortzustehlen; ich gehe sehr bedächtig auf die
Vognmandsstraße hinaus, ohne Furcht und ohne mir einer schlechten Tat
bewußt zu sein. Kierulf, dieser Wollhändler, der so lange in meinem
Gehirn gespukt hatte, dieser Mensch, den ich tatsächlich am Leben
geglaubt, und den ich notwendig hätte treffen müssen, war mir aus
dem Kopf gekommen, war ausgelöscht, zusammen mit anderen verrückten
Einfällen, die einer nach dem anderen kamen und gingen, er war mir nur
noch wie eine Ahnung, eine Erinnerung im Gedächtnis.
Ich wurde immer nüchterner, je weiter ich wanderte, fühlte mich schwer
und matt und schleppte die Beine nach. Der Schnee fiel immer noch
in großen, nassen Fetzen. Zuletzt kam ich nach Grönland hinaus, bis
zur Kirche, wo ich mich auf eine Bank setzte. Alle Vorübergehenden
betrachteten mich sehr verwundert. Ich fiel in Gedanken.
Du guter Gott, wie schlecht war es um mich bestellt! Ich war meines
ganzen elenden Lebens so herzlich müde, daß ich es nicht mehr der Mühe
wert fand, weiterhin darum zu kämpfen. Das Mißgeschick hatte überhand
genommen, es war zu arg geworden. Ich war so merkwürdig vernichtet,
nur noch ein Schatten dessen, was ich einmal gewesen war. Meine
Schultern waren ganz auf die eine Seite herabgesunken, und es war mir
zur Gewohnheit geworden, mich beim Gehen stark vorzubeugen, um meine
Brust zu schonen, so gut es ging. Ich hatte meinen Körper vor ein paar
Tagen untersucht, eines Mittags in meinem Zimmer oben, und ich war
dagestanden und hatte die ganze Zeit über ihn geweint. Seit vielen
Wochen trug ich das gleiche Hemd, es war steif von altem Schweiß,
und mein Nabel war aufgewetzt; ein wenig blutiges Wasser kam aus der
Wunde, sie schmerzte nicht, aber es war so traurig, mitten auf dem
Bauch diese Wunde zu haben. Ich konnte nichts für diese Wunde tun und
von selbst wollte sie nicht wieder zuheilen; ich wusch sie, trocknete
sie sorgsam ab und zog wieder das gleiche Hemd an. Es war nicht zu
ändern....