Leidenschaft, die in jeder Bewegung der Vorübergehenden zittert, sogar
das dunkle Licht der Gaslaternen, die stille, schwangere Nacht, alles
zusammen beginnt mich anzupacken, diese Luft, die erfüllt ist von
Flüstern, Umarmungen, bebenden Geständnissen, halb ausgesprochenen
Worten, kleinen Seufzern. Einige Katzen lieben sich mit hohen Schreien
im Tor von Blomquist. Und ich hatte keine zwei Kronen! Es war ein
Jammer, ein Elend ohnegleichen, so verarmt zu sein! Welche Demütigung,
welche Entehrung! Und wieder fällt mir das letzte Scherflein der armen
Witwe ein, das ich gestohlen hätte, die Mütze oder das Taschentuch
eines Schulknaben, eines Bettlers Brotsack, die ich ohne Umstände zum
Lumpensammler gebracht und den Erlös dann verpraßt hätte. Um mich zu
trösten und mich schadlos zu halten, fing ich an, an diesen frohen
Menschen, die an mir vorbeiglitten, alle möglichen Fehler aufzusuchen,
ich zuckte zornig mit den Schultern und sah sie geringschätzig an, wie
sie, Paar auf Paar, an mir vorbeizogen. Diese genügsamen, Süßigkeiten
naschenden Studenten, die glaubten, europäisch ausschweifend zu sein,
wenn sie einem Nähmädchen auf die Brust patschten! Diese Stutzer,
Bankleute, Großhändler, Boulevardlöwen! Nicht einmal die Seemannsfrauen
und dicken Weiber vom Kutorv, die für ein Seidel Bier im ersten
besten Torweg umfielen, verschmähten sie! Welche Sirenen! Der Platz
an ihrer Seite war noch warm von der vergangenen Nacht, die sie mit
einem Feuerwehrmann oder mit einem Stallknecht verbracht hatten,
der Thron war immer frei, gleich weit geöffnet, bitte sehr, steigen
Sie hinauf!.... Ich spuckte weit über das Pflaster, ohne mich darum
zu kümmern, ob ich jemand treffen könnte, war wütend, erfüllt von
Verachtung für diese Menschen, die sich aneinander rieben und sich vor
meinen Augen paarten. Ich erhob den Kopf und fühlte mich erhaben und
gesegnet, weil ich auf reinen Wegen wandeln durfte.
Am Stortingsplatz traf ich ein Mädchen, das mich starr ansah, als ich
an ihre Seite kam.
Guten Abend! sagte ich.
Guten Abend! Sie blieb stehen.
Hm. Ob sie so spät noch spazieren gehe? War es denn nicht ein wenig
gefährlich für eine junge Dame, um diese Tageszeit auf Karl Johan zu
gehen! Nicht? Ja, aber wurde sie denn niemals angesprochen, belästigt,
ich meine, gerade herausgesagt, gebeten mit nach Hause zu kommen?
Sie starrte mich verwundert an, forschte in meinem Gesicht, was ich
wohl damit meinen könnte. Dann schob sie plötzlich die Hand unter
meinen Arm und sagte:
Also gehen wir!
Ich ging mit. Als wir einige Schritte an den Droschken vorbei waren,
hielt ich an, machte meinen Arm frei und sagte:
Höre, mein Kind, ich besitze nicht einen Ör. Und ich schickte mich an,
meines Weges zu gehen.
Im ersten Augenblick wollte sie mir nicht glauben; aber nachdem sie
alle meine Taschen durchsucht und nichts gefunden hatte, wurde sie
ärgerlich, schüttelte den Kopf und nannte mich einen Stockfisch.
Gute Nacht! sagte ich.
Warten Sie ein wenig! rief sie. Ist das eine Goldbrille, die Sie tragen?
Nein.
Dann scheren Sie sich zum Teufel!
Und ich ging.
Gleich darauf kam sie mir nachgelaufen und rief mich wieder.
Sie können trotzdem mitkommen, sagte sie. Ich fühlte mich von diesem
Angebot einer armen Straßendirne gedemütigt und sagte Nein. Es sei
außerdem spät in der Nacht, und ich hätte noch eine Verabredung; sie
könne sich auch solche Opfer nicht erlauben.
Doch, jetzt _will_ ich Sie mit mir haben.
Aber ich gehe auf diese Art nicht mit.
Sie wollen natürlich zu einer anderen, sagte sie.
Nein, antwortete ich.
Ach, ich hatte nicht mehr das richtige Zeug in mir. Mädchen waren für
mich beinahe wie Männer geworden, die Not hatte mich ausgedörrt. Ich
hatte das Gefühl, daß ich mich dieser aparten Dirne gegenüber in einer
jämmerlichen Lage befand und beschloß, den Schein zu retten.
Wie heißen Sie? fragte ich. Marie? Na! Hören Sie nun zu, Marie! Und
ich erklärte ihr mein Betragen. Das Mädchen wurde immer erstaunter.
Ob sie also geglaubt habe, daß auch ich einer von denen sei, die an
den Abenden auf die Straßen gingen und kleine Mädels kaperten? Ob
sie wirklich etwas so Schlechtes von mir geglaubt habe? Hatte ich
vielleicht zu Beginn etwas Unartiges zu ihr gesagt? Betrug man sich so
wie ich, wenn man etwas Böses vor hatte? Kurz und gut, ich habe sie
angesprochen und sei ein paar Schritte mit ihr gegangen, um zu sehen,
wie weit sie es treiben würde. Übrigens sei mein Name der und der,
Pastor so und so. Gute Nacht! Gehe hin und sündige nicht mehr.
Damit ging ich.
Entzückt über meinen guten Einfall rieb ich mir die Hände und sprach
laut mit mir selbst. Welche Freude war es doch, umherzugehen und
gute Werke zu tun! Vielleicht hatte ich diesem gefallenen Geschöpf
einen Anstoß zur Besserung für das ganze Leben gegeben! Und sie würde
das anerkennen, wenn sie sich darauf besänne, sich sogar in ihrer
Todesstunde, das Herz voll Dank, meiner erinnern. Oh, es lohnte sich
trotzdem, ehrlich zu sein, ehrlich und rechtschaffen! Meine Laune war
strahlend, ich fühlte mich frisch und mutig zu allem, was es auch
sein mochte. Wenn ich nur ein Licht hätte, dann könnte ich vielleicht
meinen Artikel fertig schreiben! Ich ging und schlenkerte mit meinem
neuen Torschlüssel, summte, pfiff und sann darüber nach, wie ich mir
Kredit verschaffen konnte. Es blieb nichts anderes übrig, ich mußte
meine Schreibsachen herunterholen, auf die Straße heraus, unter die
Gaslaterne. Und ich öffnete das Tor und ging hinauf, um meine Papiere
zu holen.
Als ich wieder herunterkam, schloß ich das Tor von außen zu und
stellte mich in den Lichtschein. Es war überall still, ich hörte nur
den schweren, klirrenden Schritt eines Schutzmannes unten in einer
Querstraße, und weit weg, in der Richtung von St. Hanshaugen, einen
bellenden Hund. Nichts störte mich, ich zog den Rockkragen über die
Ohren und begann aus allen Kräften zu denken. Es würde mir großartig
weiterhelfen, wenn ich so glücklich wäre, den Schluß dieser kleinen
Abhandlung zustande zu bringen. Ich befand mich eben an einem etwas
schwierigen Punkt, es sollte ein ganz unmerklicher Übergang zu etwas
Neuem kommen, darauf ein gedämpftes, gleitendes Finale, ein langes
Knurren, das zuletzt in einer Klimax enden sollte, so steil, so
aufwühlend, wie ein Schuß oder wie der Krach eines berstenden Felsens.
Punktum.
Aber die Worte wollten mir nicht einfallen. Ich las das ganze Stück
von Anfang an durch, las jeden Satz laut, konnte aber meine Gedanken
durchaus nicht zu dieser berstenden Klimax sammeln. Während ich dastand
und daran arbeitete, kam obendrein der Schutzmann, stellte sich ein
Stück weit von mir entfernt mitten in der Straße auf und verdarb meine
ganze Stimmung. Was ging es nun ihn an, daß ich in diesem Augenblick
dastand und an einer ausgezeichneten Klimax zu einem Artikel für den
„Kommandeur” arbeitete? Herrgott, es war rein unmöglich, mich über
Wasser zu halten, was ich auch versuchte! Ich stand eine ganze Stunde
da, der Schutzmann ging seines Weges und die Kälte wurde zu groß,
um ruhig stehen zu bleiben. Mutlos und verzagt über diesen neuen
vergeblichen Versuch öffnete ich endlich wieder das Tor und ging in
mein Zimmer hinauf.
Es war kalt da oben, und ich konnte in dieser dicken Finsternis kaum
mein Fenster sehen. Ich tastete mich zum Bett vor, zog die Schuhe aus
und wärmte meine Füße zwischen den Händen. Dann legte ich mich nieder
-- so wie ich es seit langer Zeit zu tun pflegte, ganz einfach wie ich
ging und stand, in allen Kleidern.
* * * * *
Sobald es am nächsten Morgen hell wurde, setzte ich mich im Bett auf
und nahm meinen Artikel wieder in Angriff. In dieser Stellung saß ich
bis zum Mittag und hatte dann ungefähr zehn, zwanzig Zeilen zustande
gebracht. Und ich war noch nicht zum Finale gekommen.
Ich stand auf, zog die Schuhe an und begann im Zimmer auf und ab zu
gehen, um warm zu werden. Auf den Fensterscheiben lag Eis; ich sah
hinaus, es schneite, unten im Hinterhof lag eine dicke Schicht Schnee
auf dem Pflaster und auf dem Pumpbrunnen.
Ich kramte im Zimmer umher, ging willenlos auf und ab, kratzte mit den
Nägeln an der Wand, legte meine Stirne vorsichtig an die Türe, klopfte
mit dem Zeigefinger auf den Boden und horchte aufmerksam, alles ohne
irgendeinen Sinn, sondern still und nachdenklich, als hätte ich eine
wichtige Sache vor. Und dabei sagte ich ein über das andere Mal laut,
so daß ich es selbst hörte: Aber, du guter Gott, das ist doch Wahnsinn!
Und so trieb ich es ununterbrochen weiter. Nach Verlauf langer Zeit,
vielleicht einiger Stunden, nahm ich mich fest zusammen, biß mich in
die Lippe und straffte mich auf, so gut ich konnte. Es mußte ein Ende
haben! Ich suchte einen Splitter, um darauf zu kauen, und setzte mich
entschlossen wieder zum Schreiben hin.
Ein paar kurze Sätze kamen mit großer Mühe zustande, ein Dutzend
ärmlicher Worte, die ich mir mit Gewalt abrang, um nur überhaupt
vorwärts zu kommen. Dann hielt ich an, mein Kopf war leer, ich konnte
nicht mehr. Und da ich durchaus nicht mehr weiterkommen konnte, starrte
ich mit weit offenen Augen auf diese letzten Worte, diesen unbeendeten
Bogen, gaffte diese seltsamen zitternden Buchstaben an, die mich vom
Papier aus wie kleine stachelige Figuren anstarrten, und zuletzt
begriff ich das Ganze nicht mehr, ich dachte an nichts.
Die Zeit verging. Ich hörte den Verkehr auf der Straße, den Lärm von
Wagen und Pferden. Jens Olais Stimme stieg aus dem Stall zu mir herauf,
wenn er mit den Pferden schwätzte. Ich war ganz schläfrig, saß da und
schmatzte ein wenig mit dem Mund, tat aber sonst gar nichts. Meine
Brust war in einer traurigen Verfassung. Es begann zu dämmern, ich fiel
immer mehr zusammen, wurde müde und legte mich auf das Bett zurück.
Um meine Hände ein wenig zu wärmen, strich ich mit den Fingern durch
das Haar vor und zurück, kreuz und quer; es gingen kleine Zotteln mit,
losgelöste Büschel, die sich zwischen die Finger legten und auf das
Kopfkissen fielen. Ich dachte nichts dabei, es war, als ginge es mich
nichts an, ich hatte auch noch genug Haare. Ich versuchte wieder, mich
aus dieser seltsamen Betäubung aufzurütteln, die mir wie ein Nebel
durch alle Glieder glitt, setzte mich aufrecht, schlug mir mit der
flachen Hand auf die Knie, hustete, so fest es meine Brust zuließ --
und fiel wiederum zurück. Nichts half. Ich starb mit offenen Augen
hilflos dahin, geradeaus auf die Decke starrend. Zuletzt steckte ich
den Zeigefinger in den Mund und sog daran. In meinem Gehirn begann sich
etwas zu rühren, ein Gedanke, der sich da drinnen hervorarbeitete, ein
ganz toller Einfall: Wenn ich nun zubiß? Und ohne mich einen Augenblick
zu bedenken, kniff ich die Augen zu und schlug die Zähne zusammen.
Ich sprang auf. Endlich war ich wach geworden. Es sickerte ein wenig
Blut aus dem Finger, und ich schleckte es immer wieder ab. Es tat nicht
weh, die Wunde war auch nicht der Rede wert. Aber ich war mit einem
Mal zu mir selbst gekommen, schüttelte den Kopf, ging zum Fenster und
suchte nach einem Lappen für die Wunde. Während ich dastand und mich
mit ihr beschäftigte, trat mir das Wasser in die Augen, ich weinte
leise vor mich hin. Dieser magere, zerbissene Finger sah so traurig
aus. Gott im Himmel, wie weit war es nun mit mir gekommen.
Die Dunkelheit wurde dichter. Vielleicht war es nicht unmöglich, daß
ich mein Finale im Laufe des Abends fertig schreiben konnte, wenn
ich nur eine Kerze hatte. Mein Kopf war wieder klar geworden, die
Gedanken kamen und gingen wie gewöhnlich, und ich litt nicht sehr.
Nicht einmal den Hunger fühlte ich so schlimm wie vor einigen Stunden,
ich konnte gut bis zum nächsten Tag aushalten. Vielleicht gelang es
mir, einstweilen eine Kerze auf Kredit zu bekommen, wenn ich in den
Kramladen ging und meine Lage erklärte. Ich war so gut bekannt da
unten; in guten Tagen, als ich noch Geld dazu besaß, hatte ich manches
Brot in diesem Laden gekauft. Ohne Zweifel würde ich auf meinen
ehrlichen Namen eine Kerze bekommen. Und zum ersten Mal seit langer
Zeit raffte ich mich dazu auf, meine Kleider ein wenig zu bürsten und
die losen Haare auf meinem Rockkragen zu entfernen, soweit sich dies in
der Dunkelheit machen ließ. Dann tastete ich mich die Treppe hinunter.
Als ich auf die Straße kam, bedachte ich, ob ich nicht vielleicht
lieber ein Brot verlangen solle. Unentschlossen blieb ich stehen und
grübelte darüber nach. Auf keinen Fall! antwortete ich mir endlich
selbst. Ich war leider nicht in dem Zustand, daß ich nun Nahrung
vertrug; die gleichen Geschichten würden sich wiederholen, mit
Gesichten und Wahrnehmungen und wahnsinnigen Einfällen, mein Artikel
würde niemals fertig werden, und es galt doch, zum „Kommandeur” zu
kommen, bevor er mich wieder vergessen hatte. Auf gar keinen Fall! Und
ich entschloß mich zu einer Kerze. Damit ging ich in den Laden.
Am Ladentisch steht eine Frau und macht Einkäufe; mehrere kleine
Pakete, in verschiedene Sorten Papier gewickelt, liegen in meiner Nähe.
Der Gehilfe, der mich kennt und weiß, was ich gewöhnlich kaufe, verläßt
die Frau und packt ohne weiteres ein Brot in eine Zeitung und legt es
vor mich hin.
Nein -- ich wollte heute abend eigentlich eine Kerze, sage ich. Ich
sage das sehr leise und demütig, um ihn nicht ärgerlich zu machen und
mir nicht die Aussicht auf die Kerze zu verspielen.
Meine Antwort kam ihm unerwartet, es war das erste Mal, daß ich etwas
anderes als Brot von ihm verlangt hatte.
Ja, dann müssen Sie ein wenig warten, sagt er und wendet sich wieder zu
der Frau.
Sie erhält ihre Sachen, bezahlt mit einem Fünfkronenschein, auf den sie
herausbekommt, und geht.
Nun sind der Gehilfe und ich allein.
Er sagt:
Ja, Sie wollen also eine Kerze. Und er reißt ein Paket Kerzen auf und
nimmt eine für mich heraus.
Er sieht mich an und ich sehe ihn an, ich kann meine Bitte nicht über
die Lippen bringen.
Ach, richtig, Sie haben ja bezahlt, sagt er plötzlich. Er sagt
einfach, daß ich bezahlt hatte; ich hörte jedes Wort. Und er beginnt
das Silbergeld aus der Kasse herauszuzählen, Krone um Krone, blankes,
fettes Geld -- er gibt mir auf fünf Kronen heraus, auf die fünf Kronen
der Frau.
Bitte schön! sagt er.
Nun stehe ich da und sehe dieses Geld eine Sekunde lang an. Ich
empfinde, daß irgend etwas nicht in Ordnung ist, ich überlege nicht,
denke an gar nichts, falle nur in Erstaunen über all diesen Reichtum,
der vor meinen Augen daliegt und leuchtet. Und mechanisch streiche ich
das Geld zusammen.
Ich bleibe vor dem Ladentisch stehen, dumm vor Verwunderung,
geschlagen, vernichtet. Mache dann einen Schritt gegen die Türe und
bleibe wieder stehen. Ich richte meinen Blick auf einen bestimmten
Punkt an der Wand. Dort hängt eine kleine Glocke an einem Lederhalsband
und darunter ein Bündel Schnüre. Und ich stehe da und starre diese
Sachen an.
Der Gehilfe glaubt, ich will ein Gespräch anfangen, da ich mir soviel
Zeit lasse und sagt, indem er einige Packpapiere ordnet, die auf dem
Tisch umherliegen:
Es sieht aus, als wollte es nun Winter werden.
Hm. Ja, antworte ich, es sieht aus, als wollte es nun Winter werden.
Es sieht so aus. Und kurz darauf füge ich hinzu: O ja, es ist nicht zu
früh. Aber es sieht wirklich so aus, ja. Es ist übrigens wirklich nicht
zu früh.
Ich hörte selbst mich dieses Gefasel sagen, faßte aber jedes Wort, das
ich sagte, so auf, als käme es von einer anderen Person.
Ja, finden Sie das eigentlich? sagt der Gehilfe.
Ich steckte die Hand mit dem Geld in die Tasche, griff nach der Klinke
und ging; ich hörte, daß ich Gute Nacht wünschte und daß der Gehilfe
antwortete.
Als ich ein paar Schritte von der Treppe weggekommen war, hörte ich,
daß die Ladentüre aufgerissen wurde und der Gehilfe mir nachrief. Ohne
Erstaunen wandte ich mich um, ohne eine Spur von Angst; ich faßte nur
die Münzen in der Hand zusammen und bereitete mich darauf vor, sie
zurückzugeben.
Bitte, Sie haben Ihre Kerze vergessen, sagt der Gehilfe.
Oh danke, antworte ich ruhig. Danke! Danke!
Und ich wandere wiederum die Straße hinunter, die Kerze in der Hand.
Mein erster vernünftiger Gedanke galt dem Geld. Ich ging zu einem
Laternenpfahl und überzählte es von neuem, wog es in der Hand und
lächelte. So war mir also herrlich geholfen -- großartig, wunderbar
geholfen für lange, lange Zeit! Und ich steckte die Hand mit dem Geld
wieder in die Tasche und ging.
Vor einem Speisekeller in der Storstraße blieb ich stehen und überlegte
kalt und ruhig, ob ich mich erdreisten sollte, sogleich eine kleine
Mahlzeit zu genießen. Ich hörte das Klirren von Tellern und Messern,
hörte, wie Fleisch geklopft wurde. Die Versuchung war zu stark, ich
trat ein.
Ein Beefsteak! sage ich.
Ein Beefsteak! rief die Kellnerin durch die Luke. Ich ließ mich an
einem kleinen Tisch nieder, ganz allein für mich, gleich bei der Türe
und wartete. Es war ein wenig dunkel, wo ich saß, ich fühlte mich
gut versteckt und fing an zu denken. Ab und zu sah die Kellnerin mit
neugierigen Augen zu mir her.
Meine erste eigentliche Unehrlichkeit war begangen, mein erster
Diebstahl, gegen den alle meine früheren Streiche nicht zu zählen
waren; mein erster kleiner, großer Fall.... Und wenn auch! Daran war
nichts zu ändern. Übrigens stand es mir frei, es mit dem Krämer wieder
zu ordnen, späterhin, wenn ich besser Gelegenheit dazu hatte. Es
brauchte nicht weiter abwärts mit mir zu gehen; außerdem hatte ich mich
nicht verpflichtet, ehrlicher zu leben als alle anderen Menschen, das
war keine Abmachung....
Glauben Sie, daß das Beefsteak bald fertig ist?
Ja, gleich. Die Kellnerin öffnet die Luke und sieht in die Küche hinein.
Aber wenn nun die Sache eines Tages aufkäme? Wenn der Gehilfe Mißtrauen
faßte, über den Vorgang mit dem Brot nachzudenken begänne, über die
fünf Kronen, auf die die Frau herausbekommen hatte? Es war nicht
unmöglich, daß er eines Tages daraufkommen würde, vielleicht das
nächste Mal, wenn ich hineinging. Na ja, Herrgott!.... Ich zuckte
verstohlen mit den Schultern.
Bitte schön! sagt die Kellnerin freundlich und stellt das Beefsteak auf
den Tisch. Aber wollen Sie nicht lieber in ein anderes Zimmer gehen?
Hier ist es so dunkel.
Nein, danke, lassen Sie mich nur hierbleiben, antworte ich. Ihre
Freundlichkeit macht mich mit einem Mal bewegt, ich bezahle das
Beefsteak sofort, gebe ihr aufs Geratewohl, was ich in der Tasche
zwischen die Finger bekomme, und drücke ihr die Hand zu. Sie lächelt,
und ich sage im Scherz, mit nassen Augen: Für den Rest kaufen Sie sich
ein Haus.... Wohl bekomm's!
Ich begann zu essen, wurde immer gieriger und schluckte große Stücke
hinunter, ohne sie zu kauen. Wie ein Menschenfresser riß ich an dem
Fleisch.
Die Kellnerin kommt wieder zu mir her.
Wollen Sie nichts zu trinken haben? sagt sie. Und sie beugt sich ein
wenig zu mir herab.
Ich sah sie an; sie sprach sehr leise, beinahe schüchtern. Sie schlug
die Augen nieder.
Ich meine ein Glas Bier oder was Sie wollen.... Von mir....
dreingegeben.... wenn Sie mögen....
Nein, vielen Dank! antwortete ich. Nicht jetzt. Ich will ein anderes
Mal wiederkommen.
Sie zog sich zurück und setzte sich hinter den Schenktisch; ich sah nur
ihren Kopf. Ein sonderbares Menschenkind!
Als ich fertig war, ging ich sofort zur Türe. Ich fühlte bereits
Würgen. Die Kellnerin erhob sich. Ich scheute mich, ins Licht zu
treten, fürchtete, dem jungen Mädchen, das mein Elend nicht ahnte, mich
zu sehr zu zeigen und sagte deshalb schnell Gute Nacht, nickte und ging.
Das Essen begann zu wirken, ich litt sehr darunter und konnte es nicht
lange bei mir behalten. Ich ging und entleerte meinen Mund in jedem
dunklen Winkel, an dem ich vorbeikam, kämpfte damit, dieses Würgen, das
mich von neuem aushöhlte, zu unterdrücken, ballte die Hände und machte
mich hart, stampfte auf das Pflaster und würgte wieder wütend hinunter,
was herauf wollte -- vergebens! Schließlich sprang ich in einen Torweg
hinein, vornübergebeugt, blind von dem Wasser, das mir in die Augen
drang, und entleerte mich wieder.
Ich wurde verbittert, ging durch die Straße und weinte, fluchte
den grausamen Mächten, die mich so verfolgten, verwünschte sie für
ihre Niederträchtigkeit in die Verdammung und ewige Qual der Hölle.
Wenig Ritterlichkeit war diesen Mächten eigen, wirklich sehr wenig
Ritterlichkeit, das war nicht zu leugnen!.... Ich ging zu einem Mann
hin, der in ein Schaufenster gaffte, und fragte ihn in größter Eile,
was man seiner Meinung nach einem Menschen geben solle, der lange
Zeit gehungert habe. Es gelte das Leben, sagte ich, er vertrüge kein
Beefsteak.
Ich habe gehört, daß Milch gut sein soll, gekochte Milch, antwortet der
Mann äußerst erstaunt. Für wen fragen Sie übrigens?
Danke! Danke! sage ich. Ja, das ist vielleicht das beste, gekochte
Milch.
Und ich gehe weiter.
Ich ging in das erste beste Café und bestellte gekochte Milch. Ich
bekam die Milch, trank sie, so heiß wie sie war, hinunter, schluckte
gierig jeden Tropfen, bezahlte und ging nach Hause.
Nun geschah etwas Seltsames. Vor meinem Tor, an den Laternenpfahl
gelehnt und mitten in dessen Licht, steht eine Gestalt, die ich schon
von weitem erspähe. -- Es ist wieder die schwarzgekleidete Dame. Die
gleiche schwarzgekleidete Dame wie an den früheren Abenden. Es konnte
kein Irrtum sein, sie war zum viertenmal an die selbe Stelle gekommen.
Sie steht vollkommen unbeweglich.
Ich finde dies so sonderbar, daß ich unwillkürlich meine Schritte
verlangsame; in diesem Augenblick habe ich meine Gedanken ganz in
Ordnung, aber ich bin sehr erregt, meine Nerven sind durch die letzte
Mahlzeit gereizt. Ich gehe wie gewöhnlich dicht an ihr vorbei,
komme beinahe bis zum Tor und bin im Begriff einzutreten. Da bleibe
ich stehen. Mit einem Mal kommt mir ein Einfall. Ohne mir darüber
Rechenschaft zu geben, drehe ich mich um und gehe bis dicht zu der Dame
hin, sehe ihr ins Gesicht und grüße:
Guten Abend, Fräulein!
Guten Abend! antwortet sie.
Entschuldigen Sie, suchen Sie jemand? -- Ich hätte sie schon früher
bemerkt; ob ich ihr in irgendeiner Weise behilflich sein könne? Ich
bitte übrigens vielmals um Entschuldigung.
Ja, sie wüßte nicht recht....
Hinter diesem Tor wohne niemand außer drei, vier Pferden und mir; es
sei dies übrigens ein Stall und eine Spenglerwerkstatt. Sie sei sicher
auf falscher Fährte, wenn sie hier jemand suche.
Da dreht sie das Gesicht weg und sagt:
Ich suche niemand, ich stehe nur hier.
Soso, sie stehe nur hier, stehe hier Abend für Abend nur um einer Laune
willen. Das war ein wenig sonderbar; ich dachte darüber nach und geriet
immer mehr in Verwirrung über diese Dame. Dann beschloß ich, dreist zu
sein. Ich klapperte mit meinen Münzen ein wenig in der Tasche und lud
sie ohne weiteres zu einem Glas Wein ein, irgendwohin.... In Anbetracht
des Winters, der gekommen sei, hehe.... Es brauche nicht lange zu
dauern.... Aber das wolle sie wohl nicht?
O nein, danke, das ginge nicht gut. Nein, das könne sie nicht tun. Aber
wenn ich so freundlich sein und sie ein Stück weit begleiten wollte,
so.... Der Heimweg sei sehr dunkel und es geniere sie, allein durch
die Karl Johanstraße zu gehen, da es so spät geworden sei.
Wir setzten uns in Bewegung; sie ging an meiner rechten Seite. Ein
eigentümliches, schönes Gefühl ergriff mich. Das Bewußtsein, in der
Nähe eines jungen Mädchens zu sein. Ich ging neben ihr hin und sah sie
während des ganzen Weges an. Das Parfüm in ihrem Haar, die Wärme, die
ihr Körper ausströmte, dieser Frauenduft, dieser süße Hauch, so oft sie
mir das Gesicht zuwandte, -- alles strömte auf mich ein, drängte sich
unbändig in alle meine Sinne. Ich konnte ein volles, ein wenig bleiches
Antlitz hinter dem Schleier erspähen und eine hohe Brust, die den
Mantel ausbuchtete. Der Gedanke an all diese verhüllte Herrlichkeit,
die ich hinter dem Mantel und dem Schleier ahnte, verwirrte mich,
machte mich idiotisch glücklich, ohne jeden vernünftigen Grund. Ich
hielt es nicht mehr länger aus, berührte sie mit meiner Hand, fingerte
an ihrer Schulter und lächelte albern. Ich fühlte mein Herz schlagen.
Wie seltsam Sie sind! sagte ich.
Wieso denn?
Ja, zunächst hätte sie einfach die Gewohnheit, Abend für Abend ohne
irgendeine Absicht vor einem Stalltor zu stehen, nur weil es ihr so
einfiele....
Sie könne doch ihre Gründe dafür haben; sie liebe es übrigens, lang in
die Nacht hinein aufzubleiben, das hätte sie schon immer gerne getan.
Ob ich es liebe, vor zwölf Uhr zu Bett zu gehen?
Ich? Wenn es etwas in der Welt gebe, das ich haßte, so war es, mich vor
zwölf Uhr nachts zu Bett zu legen. Hehe.
Hehe, ja sehen Sie! Da machte sie also an den Abenden, an denen sie
nichts zu versäumen hatte, diesen Spaziergang; sie wohne oben am St.
Olafsplatz....
Ylajali! rief ich.
Wie bitte?
Ich sagte nur Ylajali.... Kurz und gut, fahren Sie fort!
Sie wohne oben am St. Olafsplatz, ziemlich einsam, zusammen mit ihrer
Mutter, mit der man nicht sprechen könne, weil sie taub sei. War es da
so sonderbar, daß sie gerne ein wenig ausgehen wollte?