ohne Grund eingefallen, und er wohnte so weit weg; aber ich wollte ihn
dennoch aufsuchen, wollte langsam gehen und dazwischen ausruhen. Ich
kannte den Laden, ich war oft dort gewesen, hatte in guten Tagen dort
ein paar Noten gekauft. Durfte ich ihn um eine halbe Krone bitten? Das
würde ihn vielleicht genieren; ich mußte um eine ganze bitten.
Ich kam in den Laden und fragte nach dem Chef; man führte mich in sein
Bureau. Da saß der Mann, hübsch, modisch gekleidet, und sah Papiere
durch.
Ich stammelte eine Entschuldigung und brachte mein Anliegen vor. Von
dem Drang gezwungen, mich an ihn zu wenden.... Es sollte nicht sehr
lange dauern, bis ich es zurückbezahlen würde.... Wenn ich das Honorar
für meinen Zeitungsartikel bekäme.... Er würde mir eine so große
Wohltat erweisen.
Noch während ich sprach, wandte er sich wieder zum Pult und setzte
seine Arbeit fort. Als ich fertig war, sah er schräg zu mir herüber,
schüttelte seinen hübschen Kopf und sagte: Nein! Nur Nein. Keine
Erklärung. Kein Wort.
Meine Kniee bebten heftig und ich stützte mich gegen die kleine
polierte Schranke. Ich mußte es noch einmal versuchen. Warum
sollte mir gerade sein Name eingefallen sein, als ich weit unten im
„Vaterland” gestanden? Es riß ein paarmal in meiner linken Seite, und
ich begann zu schwitzen. Hm. Ich sei wirklich höchst heruntergekommen,
sagte ich, leider ziemlich krank; es würden sicher nicht mehr als ein
paar Tage vergehen, bis ich es zurückzahlen könne. Ob er nicht so
freundlich sein wolle?
Lieber Mann, warum kommen Sie ausgerechnet zu mir? sagte er. Sie sind
mir ein vollständiges X, von der Straße hereingelaufen. Gehen Sie zu
der Zeitung, bei der man Sie kennt.
Aber nur für heute abend! sagte ich. Die Redaktion ist schon
geschlossen und ich bin jetzt sehr hungrig.
Er schüttelte andauernd den Kopf, schüttelte ihn sogar immer noch, als
ich schon die Klinke erfaßt hatte.
Leben Sie wohl! sagte ich.
Dies war kein höherer Fingerzeig gewesen, dachte ich und lächelte
bitter; so hoch könnte ich auch zeigen, wenn es darauf ankäme. Ich
schleppte mich durch ein Viertel nach dem anderen, hie und da rastete
ich auf einer Treppe. Wenn ich nur nicht eingesperrt wurde! Das
Entsetzen vor der Zelle verfolgte mich die ganze Zeit, ließ mich nicht
in Frieden; so oft ich einen Schutzmann auf meinem Weg sah, huschte ich
in eine Seitenstraße, um die Begegnung zu vermeiden. Jetzt zählen wir
hundert Schritte, sagte ich, und dann versuchen wir wieder unser Glück!
Einmal wird doch wohl Rat werden ....
Es war ein kleiner Weißwarenladen, ein Geschäft, das ich nie vorher
betreten hatte. Ein einzelner Mann hinter dem Ladentisch, im
Hintergrund das Kontor mit dem Porzellanschild an der Türe, beladene
Regale und Borde in langer Reihe. Ich wartete, bis der letzte Kunde,
eine junge Dame mit Lachgrübchen, den Laden verlassen hatte. Wie
glücklich sie aussah! Ich, mit meiner Stecknadel im Rock, versuchte
nicht, Eindruck auf sie zu machen, sondern wandte mich ab.
Wünschen Sie etwas? fragte der Gehilfe.
Ist der Chef da? sagte ich.
Er ist auf einer Gebirgstour in Jotunheimen, antwortete er. War es
etwas Besonderes?
Nur ein paar Öre zum Essen, sagte ich und versuchte zu lächeln; ich bin
hungrig und habe nicht einen Ör.
Dann sind Sie ebenso reich wie ich, sagte er und fing an, Garnpakete zu
ordnen.
Ach, weisen Sie mich nicht fort -- nicht jetzt! sagte ich, auf einmal
kalt über den ganzen Körper hinab. Ich bin wirklich beinahe tot vor
Hunger. Seit vielen Tagen habe ich nichts mehr gegessen.
Im tiefsten Ernst, ohne etwas zu sagen, begann er seine Taschen
umzudrehen, eine nach der anderen. Ob ich seinen Worten nicht glauben
wolle?
Nur fünf Öre, sagte ich. Dann werden Sie in ein paar Tagen zehn wieder
bekommen.
Lieber Mann, wollen Sie denn, daß ich sie aus der Kasse stehle? fragte
er ungeduldig.
Ja, sagte ich, ja, nehmen Sie fünf Öre aus der Kasse.
Könnte mir einfallen! Und er fügte hinzu: Und lassen Sie es sich nur
gleich gesagt sein: jetzt ist's genug.
Ich schob mich hinaus, krank vor Hunger und heiß vor Scham. Nein, nun
sollte es ein Ende haben! Es war wirklich zu weit mit mir gekommen.
Ich hatte mich so viele Jahre oben gehalten, war in so harten Stunden
aufrecht gestanden, und nun war ich mit einem Mal bis zur brutalen
Bettelei herabgesunken. Dieser eine Tag hatte mein ganzes Denken
verroht, mein Gemüt mit Schamlosigkeit beschmutzt. Ich hatte mich
nicht entblödet, mich vor den kleinsten Krämern zu demütigen und mich
vor sie hinzustellen und zu weinen. Und was hatte es genützt? War ich
nicht vielleicht immer noch ohne einen Bissen Brot, den ich in den Mund
stecken könnte? Ich hatte nur erreicht, daß es mich vor mir selbst
ekelte. Ja ja, nun mußte es ein Ende haben! Gleich würde man das Tor
daheim schließen, ich mußte mich beeilen, wenn ich nicht heute nacht
wieder auf dem Rathaus schlafen wollte....
Dies gab mir Kräfte; im Rathaus wollte ich nicht übernachten. Mit
vorgebeugtem Körper, die Hand an die linken Rippen gestemmt, um die
Stiche ein wenig abzuschwächen, tappte ich vorwärts, hielt die Augen
aufs Pflaster geheftet, um nicht etwaige Bekannte zum Grüßen zu
zwingen, und hastete zur Brandwache. Gott sei Dank, es war erst sieben
Uhr an der Erlöserkirche, ich hatte noch drei Stunden, bis das Tor
geschlossen wurde. Wie hatte ich mich geängstigt.
So war also kein Ding unversucht geblieben, ich hatte alles getan, was
ich konnte. Daß es wirklich einen ganzen Tag lang nicht ein einziges
Mal glücken wollte! dachte ich. Wenn ich das jemand erzählte, so würde
es keiner glauben, und wenn ich es niederschriebe, würde man sagen, daß
es erfunden sei. An keiner einzigen Stelle! Ja ja, es gab keinen Rat
mehr; vor allem nicht mehr rührselig sein. Pfui, das war ekelhaft, ich
versichere dir, daß es mich vor dir ekelt! Wenn alle Hoffnung verloren
war, so war es aus. Konnte ich mir übrigens im Stall nicht eine Hand
voll Hafer stehlen? Ein Lichtstrahl, ein Streifen -- ich wußte, daß der
Stall verschlossen war.
Ich ertrug es mit Ruhe und kroch in langsamem Schneckengang heimzu.
Ich fühlte Durst, erfreulicherweise zum ersten Mal am ganzen Tag, und
sah mich nach einer Stelle um, wo ich trinken konnte. Ich war schon
zu weit von den Basaren entfernt, und in ein Privathaus wollte ich
nicht gehen; ich konnte vielleicht auch warten, bis ich heimkam; das
würde eine Viertelstunde dauern. Es war auch gar nicht gesagt, daß
ich einen Schluck Wasser bei mir behalten konnte; mein Magen vertrug
überhaupt nichts mehr, ich fühlte sogar von dem Speichel, den ich
hinunterschluckte, ein Würgen.
Aber die Knöpfe! Mit den Knöpfen hatte ich es noch gar nicht versucht!
Da stand ich sofort still und begann zu lächeln. Vielleicht gab es
doch noch Hilfe! Ich war nicht ganz verurteilt! Zehn Öre würde ich
ganz bestimmt dafür bekommen, morgen bekam ich dann sonst irgendwo
zehn dazu, und am Donnerstag könnte ich vielleicht das Geld für meinen
Zeitungsartikel erhalten. Ich würde es schon noch erleben, es machte
sich! Daß ich wirklich die Knöpfe vergessen konnte! Ich holte sie aus
der Tasche und betrachtete sie, während ich wiederum weiter ging; meine
Augen wurden dunkel vor Freude, ich sah die Straße nicht mehr vor mir.
Wie genau ich den großen Keller kannte, meine Zuflucht an den dunklen
Abenden, mein blutsaugender Freund! Meine Besitztümer waren eins
nach dem anderen da unten verschwunden, meine Kleinigkeiten von
daheim, mein letztes Buch. An den Auktionstagen ging ich gerne hin,
um zuzusehen, und ich freute mich, wenn meine Bücher in gute Hände
zu kommen schienen. Der Schauspieler Magelsen hatte meine Uhr, und
darauf war ich beinahe stolz; einen Jahreskalender, in dem mein erster
kleiner poetischer Versuch stand, hatte ein Bekannter gekauft, und mein
Überrock landete bei einem Photographen zum Ausleihen im Atelier. Also
daran war weiter nichts auszusetzen.
Ich hielt meine Knöpfe in der Hand bereit und trat ein. Der „Onkel”
sitzt an seinem Pult und schreibt.
Ich habe keine Eile, sage ich, ängstlich, ihn zu stören und ungeduldig
zu machen. Meine Stimme klang so seltsam hohl, ich kannte sie beinahe
nicht wieder, und mein Herz schlug wie ein Hammer.
Er kam mir wie immer lächelnd entgegen, legte seine Hände flach auf den
Ladentisch und sah mir ins Gesicht ohne etwas zu sagen.
Ja, ich hätte etwas dabei und wollte ihn nur fragen, ob er keine
Verwendung dafür habe.... etwas, das mir daheim nur im Weg lag, ich
versichere, nur zur Plage, einige Knöpfe.
Na, was ist es denn, was ist es denn mit den Knöpfen? Und er senkt
seine Augen ganz auf meine Hand hinunter.
Ob er mir nicht einige Öre dafür geben könne? Soviel ihm selbst gut
dünke.... Ganz nach seinem eigenen Ermessen....
Für die Knöpfe? Und „Onkel” starrt mich verwundert an. Für _diese_
Knöpfe?
Nur zu einer Zigarre oder dergleichen. Ich ging eben vorbei und da
wollte ich hereinschauen.
Da lachte der alte Pfandleiher und drehte sich zu seinem Pult zurück
ohne ein Wort zu sagen. Nun stand ich wieder da. Ich hatte eigentlich
nicht viel erhofft, und trotzdem hatte ich es für möglich gehalten, daß
mir geholfen würde. Dieses Lachen war mein Todesurteil. Nun konnte
wohl auch ein Versuch mit der Brille nichts mehr nützen?
Ich würde natürlich meine Brille mit dreingeben, das ist
selbstverständlich, sagte ich und nahm sie ab. Nur zehn Öre, oder wenn
er wolle, fünf Öre.
Sie wissen doch, daß ich Ihnen auf Ihre Brille nichts leihen kann,
sagte „Onkel”; ich habe Ihnen das schon früher gesagt.
Aber ich brauche eine Briefmarke, erwiderte ich dumpf; ich könne nicht
einmal die Briefe abschicken, die ich schreiben müsse. Eine Briefmarke
für fünf oder zehn Öre, ganz wie Sie es selbst für gut finden.
Nun machen Sie um Gotteswillen, daß Sie fortkommen! antwortete er mit
einer abwehrenden Handbewegung.
Ja ja, dann muß ich es wohl sein lassen, sagte ich zu mir selbst.
Mechanisch setzte ich die Brille wieder auf, nahm die Knöpfe in die
Hand und ging. Ich sagte Gute Nacht und schloß die Türe wie gewöhnlich
hinter mir. Hieran war also nichts mehr zu ändern! Draußen vor dem
Treppenschacht blieb ich stehen und sah die Knöpfe noch einmal an. Daß
er sie durchaus nicht haben wollte! sagte ich; es sind doch fast neue
Knöpfe. Das kann ich nicht verstehen!
Während ich in diese Betrachtungen vertieft dastand, kam ein Mann
vorbei und ging in den Keller hinunter. Er hatte mir in der Eile einen
kleinen Stoß versetzt, wir baten beide um Entschuldigung, und ich
drehte mich um und sah ihm nach.
Nein bist du es? sagte er plötzlich unten auf der Treppe. Er kam
herauf, und ich erkannte ihn. Gott behüte dich, wie siehst du aus!
sagte er. Was hast du da unten getan?
Ach -- Geschäfte. Du willst hinunter, wie ich sehe?
Ja. Was hast denn du hingebracht?
Meine Knie bebten, ich stützte mich an die Wand und streckte meine Hand
mit den Knöpfen aus.
Was, zum Teufel? rief er. Nein, das geht aber doch zu weit!
Gute Nacht! sagte ich und wollte gehen; ich fühlte das Weinen in der
Brust.
Nein, warte einen Augenblick! sagte er.
Worauf sollte ich warten? Er war doch selbst auf dem Weg zum „Onkel”,
brachte vielleicht seinen Verlobungsring hin, hatte mehrere Tage
gehungert, war seiner Wirtin Geld schuldig.
Ja, antwortete ich, wenn du bald....
Natürlich, sagte er und ergriff mich beim Arm; aber ich will dir sagen,
ich trau dir nicht, du bist ein Idiot; es ist am besten, du gehst mit
hinunter.
Ich begriff, was er wollte, verspürte plötzlich wieder ein Gefühl von
Ehre aufsteigen und antwortete:
Kann nicht! Ich habe versprochen, um halb acht Uhr in der Bernt
Ankersstraße zu sein, und....
Halb acht, ganz richtig, ja! Aber jetzt ist es acht Uhr. Hier habe
ich die Uhr in der Hand, die da hinunter soll. So, hinein mit dir, du
hungriger Sünder! Ich bekomme mindestens fünf Kronen für dich.
Und er puffte mich hinein.
Dritter Abschnitt
Eine Woche verging in Herrlichkeit und Freuden.
Ich war auch dieses Mal über das Schlimmste hinweggekommen, hatte
jeden Tag zu essen gehabt, mein Mut stieg, und ich schob ein Eisen
nach dem anderen ins Feuer. Ich hatte drei oder vier Abhandlungen in
der Arbeit, die mein armseliges Gehirn um jeden Funken beraubten, um
jeden Gedanken, der darin entstand, und ich fand, daß es besser ging
als je vorher. Der letzte Artikel, für den ich so viel Lauferei gehabt
und auf den ich so viel Hoffnung gesetzt hatte, war mir bereits vom
Redakteur zurückgesandt worden, und ich hatte ihn sofort vernichtet --
zornig, beleidigt, ohne ihn nochmals durchzulesen. In Zukunft wollte
ich es bei einer anderen Zeitung versuchen, um mir mehrere Auswege
zu eröffnen. Im schlimmsten Fall, wenn auch dies nichts half, hatte
ich noch die Schiffe als Zuflucht. Die „Nonne” lag segelklar unten am
Kai, gegen Arbeit nahm sie mich vielleicht mit nach Archangel, oder wo
es eben hingehen sollte. Es fehlte mir also nicht an Aussichten nach
verschiedenen Seiten hin.
Die letzte Krise hatte mir böse mitgespielt. Ich verlor das Haar in
großen Mengen, das Kopfweh war auch sehr lästig, besonders am Morgen,
und die Nervosität wollte sich nicht geben. Tagsüber saß ich da und
schrieb und hatte die Hände in Tücher eingebunden, nur weil ich meinen
eigenen Atem auf ihnen nicht ertragen konnte. Wenn Jens Olai die
Stalltüre unter mir hart zuschlug, oder ein Hund in den Hinterhof kam
und zu bellen anfing, drangen mir kalte Stiche durch Mark und Bein und
trafen mich überall. Ich war ziemlich heruntergekommen.
Tag für Tag mühte ich mich mit meiner Arbeit, gönnte mir kaum die Muße,
mein Essen zu schlucken, und setzte mich schon wieder zum Schreiben
hin. In dieser Zeit waren sowohl das Bett wie mein kleiner wackeliger
Tisch mit Notizen und beschriebenen Blättern, an denen ich abwechselnd
arbeitete, überschwemmt. Ich fügte neue Dinge hinzu, die mir im Laufe
des Tages einfielen, strich durch, frischte die toten Punkte da und
dort mit einem farbigen Wort auf, schleifte mich mit der größten Mühe
von Satz zu Satz weiter. Eines Nachmittags endlich war einer meiner
Artikel fertig und ich steckte ihn glücklich und froh in die Tasche
und begab mich hinauf zum „Kommandeur”. Es war hohe Zeit, daß ich
trachtete, wieder ein wenig Geld zu bekommen, ich hatte nicht mehr
viele Öre übrig.
Und der „Kommandeur” bat mich, einen Augenblick Platz zu nehmen, er
würde sofort.... Und er schrieb weiter.
Ich sah mich in dem kleinen Bureau um: Büsten, Lithographien,
Ausschnitte, ein unmäßiger Papierkorb, der aussah, als könne er einen
Mann mit Haut und Haar verschlingen. Mir wurde traurig zumute beim
Anblick dieses ungeheuren Rachens, dieses Drachenmaules, das immer
offen stand, immer bereit, neue abgelehnte Arbeiten -- neue zerbrochene
Hoffnungen aufzunehmen.
Welches Datum haben wir? sagt plötzlich der „Kommandeur” am Tisch dort.
Den 28., antworte ich, froh darüber, daß ich ihm zu Diensten sein
konnte.
Den 28. Und er schreibt immer noch. Endlich legt er ein paar Briefe in
die Umschläge, wirft einige Papiere in den Korb und legt die Feder weg.
Dann schwingt er sich auf dem Stuhl herum und sieht mich an. Als er
merkt, daß ich noch an der Türe stehe, gibt er mir einen halb ernsten,
halb scherzhaften Wink mit der Hand und deutet auf einen Stuhl.
Ich wende mich von ihm ab, damit er nicht sehen soll, daß ich keine
Weste anhabe, wenn ich den Rock öffne, und hole das Manuskript aus der
Tasche.
Es ist nur eine kleine Charakteristik Correggios, sage ich, aber sie
ist wohl leider nicht so geschrieben, daß....
Er nimmt mir die Papiere aus der Hand und beginnt in ihnen zu blättern.
Er wendet mir sein Gesicht zu.
So sah er also in der Nähe aus, dieser Mann, dessen Namen ich schon
in meiner frühesten Jugend gehört hatte, und dessen Zeitung alle
diese Jahre her den größten Einfluß auf mich gehabt hatte. Sein Haar
ist gelockt und die schönen braunen Augen sind ein wenig unruhig; er
hat die Gewohnheit, ab und zu die Luft durch die Nase zu stoßen. Ein
schottischer Pfarrer hätte nicht milder aussehen können, als dieser
gefährliche Skribent, dessen Worte dort, wo sie hinfielen, stets
blutige Striemen schlugen. Ein eigentümliches Gefühl der Furcht und
der Bewunderung erfaßt mich diesem Menschen gegenüber, ich bin nahe
daran, Tränen in die Augen zu bekommen, und ich rücke unwillkürlich
einen Schritt vor, um ihm zu sagen, wie innig ich ihn verehre für all
das, was er mich gelehrt hatte, und um ihn zu bitten, mir kein Leid
zuzufügen. Ich sei nur ein armseliger Stümper, dem es schon schlimm
genug gehe.
Er sah auf und legte das Manuskript langsam zusammen, während er dasaß
und nachdachte. Um ihm eine abschlägige Antwort zu erleichtern, strecke
ich die Hand ein wenig vor und sage:
Ach nein, natürlich ist es nicht brauchbar? Und ich lächle, um den
Eindruck zu machen, daß ich es leicht nehme.
Wir können nur ganz populäre Sachen verwenden, antwortet er. Sie
wissen, welche Art von Publikum wir haben. Aber könnten Sie es nicht
wieder mitnehmen und ein wenig vereinfachen? Oder sich etwas anderes
ausdenken, was die Leute besser verstehen?
Seine Rücksichtnahme setzt mich in Erstaunen. Ich begreife, daß mein
Artikel abgelehnt ist, und doch könnte ich keine schönere Zurückweisung
bekommen haben. Um ihn nicht länger aufzuhalten, antworte ich:
Doch ja, das kann ich wohl.
Ich gehe zur Türe. Hm. Er möge entschuldigen, daß ich ihn damit in
Anspruch genommen habe.... Ich verbeuge mich und fasse nach dem
Türgriff.
Wenn Sie etwas brauchen, sagt er, können Sie lieber einen kleinen
Vorschuß bekommen. Sie können ja dafür schreiben.
Nun hatte er ja gesehen, daß ich zum Schreiben nicht taugte, -- sein
Angebot demütigte mich deshalb ein wenig. Ich antwortete:
Nein, danke, ich reiche noch eine Zeitlang aus. Ich danke übrigens
vielmals. Leben Sie wohl!
Leben Sie wohl! antwortet der „Kommandeur” und wendet sich gleichzeitig
seinem Schreibtisch zu.
Er hatte mich doch unverdient wohlwollend behandelt und ich war ihm
dankbar dafür; ich wollte das auch zu würdigen wissen. Ich nahm mir
vor, nicht wieder zu ihm zu gehen, bevor ich ihm nicht eine Arbeit
bringen konnte, mit der ich selbst ganz zufrieden war, und die den
„Kommandeur” ein wenig in Erstaunen setzen sollte und ihn veranlassen
konnte, mir ohne einen Augenblick der Überlegung zehn Kronen anweisen
zu lassen. Und ich ging wieder heim und machte mich von neuem an meine
Schreiberei.
An den folgenden Abenden, gegen acht Uhr, wenn das Gas schon angezündet
war, geschah mir regelmäßig folgendes:
So oft ich aus dem Torweg herauskomme, um mich nach des Tages Mühe und
Beschwer auf einen kleinen Spaziergang durch die Straßen zu begeben,
steht immer eine schwarzgekleidete Dame an dem Laternenpfahl gleich
vor dem Tor und wendet mir das Gesicht zu, folgt mir mit den Augen,
wenn ich an ihr vorbeikomme. Ich beobachte, daß sie beständig dasselbe
Kleid anhat, den gleichen dichten Schleier, der ihr Gesicht verbirgt
und über ihre Brust herunterfällt, und daß sie einen kleinen Schirm mit
einem Elfenbeinring am Griff in der Hand trägt.
Drei Abende nacheinander hatte ich sie nun schon hier gesehen, immer an
derselben Stelle. Sowie ich an ihr vorbeigekommen bin, dreht sie sich
langsam um und geht die Straße hinunter, von mir fort.
Mein nervöses Gehirn streckte seine Fühlhörner aus, und mir kam sofort
der unsinnige Gedanke, daß ihre Besuche mir galten. Ich war zuletzt
fast im Begriff, sie anzusprechen, sie zu fragen, ob sie jemand suche,
ob sie irgendeine Hilfe brauche, ob ich sie heimbegleiten, sie,
so schlecht gekleidet, wie ich leider sei, in den dunklen Straßen
beschützen solle. Aber ich hatte eine unbestimmte Furcht davor, daß
es vielleicht Geld kosten könnte, ein Glas Wein, eine Wagenfahrt, und
ich hatte gar kein Geld mehr; meine trostlos leeren Taschen wirkten
allzu niederschlagend auf mich. Ich hatte nicht einmal den Mut, sie
ein wenig forschend anzusehen, wenn ich vorbeiging. Der Hunger hauste
schon wieder bei mir, seit dem vorhergegangenen Abend hatte ich nichts
gegessen; -- das war allerdings noch keine lange Zeit, ich hatte es
oft mehrere Tage lang aushalten können, aber ich ließ bedenklich nach,
ich konnte gar nicht mehr so gut hungern wie früher, ein einziger Tag
konnte mich betäuben, und ich litt an häufigem Erbrechen, sobald ich
Wasser trank. Dazu kam, daß ich in den Nächten dalag und fror, in
allen Kleidern, wie ich tagsüber ging und stand, und vor Kälte blau
wurde. Daß mich jeden Abend Frostschauer durcheisten und ich im Schlaf
erstarrte. Die alte Decke konnte die Zugluft nicht abhalten, ich
erwachte am Morgen davon, daß mir die Nase durch die scharfe Reifluft,
die von außen zu mir hereindrang, zugeschwollen war.
Ich gehe durch die Straßen und denke darüber nach, wie ich es anstellen
könnte, mich aufrecht zu halten, bis ich meinen nächsten Artikel fertig
hätte. Wenn ich nur eine Kerze besäße, würde ich versuchen, bis in die
Nacht hinein loszulegen. Es würde ein paar Stunden dauern, falls ich
nur erst richtig in Schwung käme; morgen könnte ich mich dann wieder
an den „Kommandeur” wenden.
Ohne weiteres gehe ich ins Oplandske und suche meinen jungen Bekannten
von der Bank, um mir zehn Öre für eine Kerze zu verschaffen. Man ließ
mich ungehindert durch alle Zimmer gehen. Ich kam an einem Dutzend
Tische vorbei, an denen plaudernde Gäste saßen und aßen und tranken,
ich drang bis zum Ende des Cafés vor, bis in das Rote Zimmer, ohne
meinen Mann zu finden. Flau und ärgerlich verzog ich mich wieder auf
die Straße und ging in der Richtung zum Schlosse weiter.
War es nun nicht auch um zum Teufel zu fahren, daß meine Widerstände
kein Ende nehmen wollten! Mit langen wütenden Schritten, den Rockkragen
brutal in den Nacken heraufgeschlagen und die Hände in den Hosentaschen
geballt, ging ich und schimpfte während des ganzen Weges auf meinen
unglücklichen Stern. Seit sieben, acht Monaten nicht eine einzige
wirklich sorgenfreie Stunde, keine einzige kurze Woche das nötigste
Essen, -- nun zwang die Not mich abermals auf die Knie. Bei alledem war
ich tätig gewesen und mitten in allem Elend ehrlich geblieben, ehrlich,
hehe, bis zum alleräußersten! Gott bewahre mich, wie närrisch war ich
gewesen! Und ich erzählte mir selbst, wie ich sogar ein schlechtes
Gewissen gehabt hatte, weil ich einmal Hans Paulis Decke versetzen
wollte. Ich lachte höhnisch über meine zarte Rechtschaffenheit, spuckte
verächtlich auf die Straße und fand kein Wort, das stark genug war,
mich wegen meiner eigenen Dummheit zum Narren zu halten. Das sollte
nur jetzt sein! Fände ich in diesem Augenblick den Sparpfennig eines
Schulmädchens auf der Straße, den einzigen Ör einer armen Witwe, ich
würde ihn aufheben und ihn in die Tasche stecken, ihn mit bestem
Gewissen stehlen und danach die ganze Nacht wie ein Stein schlafen.
Nicht umsonst hatte ich für nichts und wieder nichts so unsäglich viel
gelitten, meine Geduld war zu Ende, ich war zu allem bereit, was es
auch sein mochte.
Ich ging drei, vier Mal ums Schloß, faßte darauf den Entschluß,
heimzugehen, machte noch einen kleinen Abstecher in den Park und nahm
endlich den Weg durch die Karl Johanstraße zurück.
Es war ungefähr elf Uhr. Die Straße war ziemlich dunkel und überall
wanderten Menschen umher, stille Paare und lärmende Scharen. Die große
Stunde war da, die Paarungszeit, in der geheime Dinge geschehen und die
frohen Abenteuer beginnen. Raschelnde Mädchenröcke, das eine und andere
kurze sinnliche Lachen, wogende Brüste, heftige, keuchende Atemzüge;
weit unten beim Grand ruft eine Stimme: Emma! Die ganze Straße war ein
Sumpf, aus dem heiße Dämpfe aufstiegen.