Ich kaute ununterbrochen auf meinem Hobelspan und schwankte, so schnell

ich konnte, durch die Straßen. Bevor ich es selbst wußte, war ich

ganz unten am Bahnhofsplatz. Die Uhr an der Erlöserkirche zeigte halb

zwei. Ich stand eine Weile still und überlegte. Ein matter Schweiß

trat mir auf die Stirne und sickerte mir in die Augen. Komm ein wenig

mit zum Hafen! sagte ich zu mir. Das heißt, wenn du Zeit hast? Und ich

verbeugte mich vor mir selbst und ging zum Eisenbahnkai hinunter. Die

Schiffe lagen draußen, die See wiegte sich im Sonnenschein. Überall war

geschäftige Bewegung, waren heulende Dampfpfeifen, Träger mit Kisten

auf den Schultern, muntere Aufgesänge klangen von den Prahmen herüber.

Eine Kuchenfrau sitzt in meiner Nähe und beugt sich mit ihrer braunen

Nase über ihre Waren; der kleine Tisch vor ihr ist sündhaft voll von

Leckereien, und ich wende mich mit Unwillen ab. Sie erfüllt den ganzen

Kai mit ihrem Speisengeruch! Pfui! Auf mit den Fenstern! Ich wende mich

an einen Herrn, der mir zur Seite sitzt, und stelle ihm eindringlich

diesen Mißstand vor, Kuchenfrauen hier und Kuchenfrauen dort.... Nicht?

Ja, aber er müsse doch wohl einräumen, daß.... Doch der gute Mann ahnte

Unrat und ließ mich nicht ein Mal zu Ende sprechen, er erhob sich und

ging. Auch ich erhob mich und ging ihm nach, fest entschlossen, diesen

Mann von seinem Irrtum zu überzeugen.

Sogar aus Rücksicht für die sanitären Verhältnisse, sagte ich und

klopfte ihm auf die Schulter....

Entschuldigen Sie, ich bin fremd hier und weiß nichts von den sanitären

Verhältnissen, sagte er und starrte mich voll Entsetzen an.

Na, das veränderte die Sache, wenn er fremd war.... Ob ich ihm nicht

irgendeinen Dienst erweisen könnte? Ihn umherführen? Denn es würde mir

ein Vergnügen sein, und es sollte ihn ja nichts kosten....

Aber der Mann wollte mich absolut loswerden und kreuzte schnell über

die Straße zum anderen Gehsteig hinüber.

Ich ging wieder zu meiner Bank zurück und setzte mich. Ich war sehr

unruhig, und der große Leierkasten, der ein wenig weiter weg zu spielen

begonnen hatte, machte es noch schlimmer. Eine feste, metallische

Musik, ein Brocken von Weber, zu dem ein kleines Mädchen eine traurige

Weise singt. Das Flötenartige, Leidensvolle des Leierkastens rieselt

mir durchs Blut, meine Nerven fangen zu zittern an, als gäben sie

Widerhall, und einen Augenblick später sinke ich auf die Bank zurück,

winsele und summe mit. Worauf verfallen unsere Empfindungen nicht, wenn

man hungert! Ich fühle mich in diese Töne aufgenommen, aufgelöst in

Töne, ich ströme aus, und ich merke ganz deutlich, wie ich ströme, hoch

über den Bergen schwebend, in lichte Zonen hineintanzend....

Einen Ör! sagt das kleine Leierkastenmädchen und streckt seinen

Blechteller vor. Nur einen Ör!

Ja, antwortete ich unbewußt und sprang auf und durchsuchte meine

Taschen. Aber das Kind glaubt, daß ich es nur zum besten halten

will und entfernt sich sofort, ohne ein Wort zu sagen. Diese stumme

Duldsamkeit war zuviel für mich; hätte es mich ausgescholten, wäre

es mir lieber gewesen. Der Schmerz ergriff mich, und ich rief sie

zurück. Ich habe keinen Ör, sagte ich, aber ich werde an dich denken,

vielleicht morgen. Wie heißt du? Ja, das ist ein schöner Name, ich

werde ihn nicht vergessen. Also morgen....

Aber ich fühlte gut, daß sie mir nicht glaubte, obwohl sie kein Wort

sagte, und ich weinte vor Verzweiflung darüber, daß diese kleine

Straßendirne mir nicht glauben wollte. Noch ein Mal rief ich sie

zurück, riß schnell meinen Rock auf und wollte ihr meine Weste geben.

Ich will dich schadlos halten, sagte ich, wart einen Augenblick....

Und ich hatte keine Weste.

Wie konnte ich auch nach ihr suchen! Es waren Wochen vergangen, seit

sie in meinem Besitz gewesen. Was fiel mir auch ein? Das erstaunte

Mädchen wartete nicht länger, sondern zog sich eilig zurück. Und ich

mußte es gehen lassen. Leute scharten sich um mich und lachten laut,

ein Polizeibeamter drängt sich bis zu mir durch und will wissen, was

los ist.

Nichts, antwortete ich, gar nichts! Ich wollte nur dem kleinen Mädchen

dort meine Weste geben.... für seinen Vater.... Deswegen brauchen Sie

nicht dazustehen und zu lachen. Ich könnte ja nach Hause gehen und eine

andere anziehen.

Keinen Unfug auf der Straße! sagt der Schutzmann. Soo, Marsch! Und er

pufft mich vorwärts. Sind das Ihre Papiere? ruft er mir nach.

Ja, Tod und Teufel, mein Zeitungsartikel, viele wichtige Schriften! Wie

konnte ich auch so unvorsichtig sein....

Ich packe mein Manuskript zusammen, vergewissere mich, daß es in

Ordnung liegt und gehe, ohne einen Augenblick anzuhalten oder mich

umzusehen, zur Redaktion hinauf. An der Erlöserkirche war es nun vier

Uhr.

Das Bureau ist geschlossen. Ich schleiche über die Treppe hinunter,

ängstlich wie ein Dieb, und bleibe ratlos vor dem Tore draußen

stehen. Was soll ich tun? Ich lehne mich an die Mauer, starre auf die

Steine hinab und denke nach. Eine Stecknadel liegt da und schimmert

vor meinen Füßen, und ich beuge mich nieder und hebe sie auf. Wenn

ich nun die Knöpfe von meinem Rock abtrennte, was würde ich für sie

bekommen? Vielleicht wäre es zwecklos. Knöpfe waren eben Knöpfe; aber

ich drehte und untersuchte sie nach allen Seiten und fand, daß sie so

gut wie neu seien. Es war doch eine glückliche Idee, ich konnte sie mit

meinem halben Federmesser abschneiden und sie zum Keller bringen. Die

Hoffnung, ich könne diese fünf Knöpfe verkaufen, belebte mich sofort,

ich sagte: Sieh, sieh, es macht sich! Meine Freude nahm überhand, und

ich fing gleich an, die Knöpfe einen nach dem anderen abzutrennen.

Dabei hielt ich folgendes stumme Gespräch:

Ja, sehen Sie, man ist ein bißchen arm geworden, eine augenblickliche

Verlegenheit.... Abgenützt, sagen Sie? Sie dürfen sich nicht falsch

ausdrücken. Den möchte ich sehen, der seine Knöpfe weniger abnützt als

ich. Ich gehe immer mit offenem Rock, sage ich Ihnen; es ist bei mir

zur Gewohnheit geworden, eine Eigenheit .... Nein, nein, wenn Sie nicht

_wollen_, dann. Aber ich möchte meine zehn Öre dafür haben. Mindestens

.... Nein, Herrgott, wer hat denn _behauptet_, daß Sie müssen? Halten

Sie Ihren Mund und lassen Sie mich in Frieden.... Ja ja, meinetwegen

_holen_ Sie die Polizei. Ich werde hier warten, während Sie den

Schutzmann holen. Und ich werde Ihnen nichts stehlen.... Na, guten Tag,

guten Tag! Mein Name ist also Tangen, ich bin ein wenig zu lang aus

gewesen....

Da kommt jemand die Treppe herunter. Augenblicklich bin ich wieder in

der Wirklichkeit, ich erkenne die Schere und stecke die Knöpfe eiligst

in die Tasche. Er will vorbei, beantwortet nicht einmal meinen Gruß,

hat es plötzlich so eifrig mit seinen Fingernägeln. Ich stelle ihn und

frage nach dem Redakteur.

Ist nicht da, Sie.

Sie lügen! sagte ich. Und mit einer Frechheit, die mich selbst

erstaunte, fuhr ich fort: Ich muß mit ihm sprechen; es ist eine

notwendige Sache. Ich kann ihm etwas vom Stiftsgaard mitteilen.

Ja, können Sie es denn nicht mir sagen?

Ihnen? sagte ich und maß die Schere mit den Augen.

Dies half. Sofort ging er mit mir wieder hinauf und öffnete die Türe.

Nun saß mir das Herz im Halse. Ich biß die Zähne heftig zusammen,

um mir Mut zu machen, klopfte an und trat in das Privatkontor des

Redakteurs.

Guten Tag! Sind Sie es? sagte er freundlich. Setzen Sie sich bitte.

Hätte er mir augenblicklich die Türe gewiesen, wäre es mir lieber

gewesen; ich fühlte die Tränen und sagte:

Ich bitte um Entschuldigung....

Setzen Sie sich, wiederholte er.

Und ich setzte mich und erklärte, daß ich wieder einen Artikel habe

und daß es mir sehr am Herzen läge, ihn in seinem Blatt erscheinen zu

lassen. Ich hätte mir solche Mühe damit gegeben, er habe mich soviel

Anstrengung gekostet.

Ich werde ihn lesen, sagte er und nahm ihn. Anstrengung kostet Sie

gewiß alles, was Sie schreiben! aber Sie sind eben zu heftig. Wenn

Sie nur ein wenig besonnener wären! Zuviel Fieber. Ich werde ihn aber

lesen. Und er wandte sich wieder zum Tisch.

Da saß ich. Wagte ich, um eine Krone zu bitten? Ihm zu erklären,

weshalb alles Fieber war? Dann würde er mir sicher helfen; es war nicht

das erste Mal.

Ich stand auf. Hm! Aber als ich das letzte Mal bei ihm gewesen

war, hatte er über Geldknappheit geklagt, sogar den Kassenboten

ausgeschickt, um Geld für mich zusammenzuscharren. Das würde nun

vielleicht wieder der Fall sein. Nein, das sollte nicht geschehen. Sah

ich denn gar nicht, daß er beschäftigt war?

War es sonst noch etwas? fragte er.

Nein, sagte ich und machte meine Stimme fest. Wann darf ich wieder

vorsprechen?

Ach, wenn Sie einmal vorbeikommen, antwortete er, in ein paar Tagen

oder so.

Ich konnte meine Bitte nicht über die Lippen bringen. Die

Freundlichkeit dieses Mannes schien ohne Grenzen, und ich wollte sie zu

achten wissen. Lieber zu Tode hungern. Und ich ging.

Nicht einmal, als ich draußen stand und wieder einen Hungeranfall

fühlte, bereute ich es, das Bureau verlassen zu haben, ohne um diese

Krone zu bitten. Ich nahm den anderen Hobelspan aus der Tasche und

steckte ihn in den Mund. Das half wieder. Warum hatte ich das nicht

früher getan? Du müßtest dich schämen! sagte ich laut; konnte es dir

wirklich einfallen, diesen Mann um eine Krone zu bitten und ihn wieder

in Verlegenheit zu bringen? Und ich wurde richtig grob gegen mich

selbst, wegen der Unverschämtheit, die mir da eingefallen war. Das ist

bei Gott das Schofelste, das ich je gehört habe! sagte ich; zu einem

Mann zu rennen und ihm beinahe die Augen auszukratzen, nur weil du eine

Krone brauchst, du elender Hund! So, Marsch! Schneller! Schneller, du

Lümmel! Ich will dich lehren!

Ich begann zu laufen, um mich zu bestrafen, legte springend eine Straße

nach der anderen zurück, trieb mich mit verbissenen Zurufen vorwärts

und schrie mir innerlich stumm und wütend zu, wenn ich anhalten wollte.

Auf diese Weise war ich weit hinauf in den Pilestraede gekommen. Als

ich endlich stillstand, beinahe losheulend vor Zorn, weil ich nicht

länger laufen konnte, bebte ich am ganzen Körper, und ich warf mich auf

eine Treppe hin. Nein, halt! sagte ich. Und um mich richtig zu quälen,

stand ich wieder auf und zwang mich stehenzubleiben, und lachte über

mich selbst und ergötzte mich an meiner eigenen Verkommenheit. Endlich,

nach Verlauf mehrerer Minuten, gab ich mir durch ein Nicken Erlaubnis,

mich zu setzen; aber auch da wählte ich mir noch den unbequemsten Platz

auf der Treppe.

Herrgott, war es prachtvoll, sich auszuruhen! Ich trocknete den

Schweiß von meinem Gesicht und trank große frische Atemzüge. Wie war

ich gelaufen! Aber ich bereute es nicht, es war wohlverdient. Warum

hatte ich auch eine Krone verlangen wollen? Nun sah ich die Folgen!

Und ich fing an, mir sanft zuzusprechen, Ermahnungen zu geben, wie es

eine Mutter hätte tun können. Ich wurde immer rührseliger, müde und

kraftlos begann ich zu weinen. Ein stilles und innerliches Weinen, ein

inwendiges Schluchzen ohne eine Träne.

Eine Viertelstunde oder länger saß ich an der gleichen Stelle. Leute

kamen und gingen und niemand belästigte mich. Kleine Kinder spielten

ringsum da und dort, ein Vogel sang in einem Baum auf der anderen Seite

der Straße.

Ein Schutzmann kam auf mich zu und sagte:

Warum sitzen Sie hier?

Warum ich hier sitze? fragte ich. Weil es mich freut.

Ich habe Euch in der letzten halben Stunde hier beobachtet, sagte er.

Ihr habt eine halbe Stunde hier gesessen?

So ungefähr, antwortete ich. Sonst noch etwas? Ich erhob mich zornig

und ging.

Am Marktplatz angekommen, blieb ich stehen und sah die Straße hinunter.

Weil es mich freut! War das nun auch eine Antwort? Vor Müdigkeit,

solltest du gesagt haben, und du solltest deine Stimme weinerlich

gemacht haben -- du bist ein Vieh, du lernst niemals zu heucheln! --

Vor Erschöpfung! Und du solltest geseufzt haben wie ein Pferd.

Als ich zur Brandwache kam, blieb ich wieder stehen, von einem neuen

Einfall ergriffen. Ich knipste mit den Fingern, schlug ein lautes

Gelächter auf, das die Vorübergehenden erstaunte, und sagte: Nein,

nun mußt du wirklich zum Pfarrer Levison hinausgehen. Das mußt du

wahrhaftig tun. Doch, nur um es zu versuchen. Was hast du dabei zu

versäumen? Es ist ja auch solch herrliches Wetter.

Ich ging in Paschas Buchladen, fand im Adreßbuch Pastor Levisons

Wohnung und begab mich hinaus. Nun gilt es! sagte ich, mache nun keine

Streiche! Gewissen, sagst du? Keinen Unsinn; du bist zu arm, um ein

Gewissen zu haben. Du bist hungrig, das bist du, kommst mit einem

wichtigen Anliegen, dem ersten, dringendsten. Aber du mußt den Kopf

auf die Schulter legen und deinen Worten Melodie verleihen. Das willst

du nicht? Dann gehe ich nicht einen Schritt weiter mit dir, das weißt

du sehr gut. Ferner: du bist in einem Zustand der Anfechtung, kämpfst

in der Nacht mit den Mächten der Finsternis, mit großen lautlosen

Ungeheuern, daß es ein Grauen ist, hungerst und durstest nach Wein und

Milch und bekommst nichts. So weit ist es mit dir gekommen. Nun stehst

du da und hast keinen Tropfen Öl mehr auf deiner Lampe. Aber du glaubst

an die Gnade, Gott sei Lob, du hast den Glauben noch nicht verloren!

Und dann mußt du die Hände zusammenschlagen und aussehen wie ein reiner

Satan vor lauter Glauben an die Gnade. Was den Mammon betrifft, so

hassest du den Mammon in allen seinen Gestalten, eine andere Sache ist

es mit dem Psalmenbuch, eine Erinnerung für ein paar Kronen.... An der

Türe des Pfarrers hielt ich an und las: „Sprechstunde von 12 bis 4”.

Jetzt keinen Unsinn! sagte ich; nun machen wir Ernst damit! So,

hinunter mit dem Kopf, noch ein wenig.... und ich läutete an der

Privatwohnung.

Kann ich den Herrn Pastor sprechen? sagte ich zum Mädchen; aber es war

mir unmöglich Gottes Namen einzuflechten.

Er ist ausgegangen, antwortete sie.

Ausgegangen! Ausgegangen! Das zerstörte meinen ganzen Plan, verrückte

vollständig alles, was ich zu sagen mir ausgedacht hatte. Welchen

Nutzen hatte ich nun von diesem langen Weg? Jetzt stand ich wieder da.

War es etwas Besonderes? fragte das Mädchen.

Durchaus nicht! antwortete ich, nein gar nicht! Es war nur so ein

gesegnetes Wetter des Herrn, und da wollte ich gerne herauskommen und

den Herrn Pastor begrüßen.

Da stand ich und da stand sie. Mit Absicht streckte ich die Brust

heraus, um sie auf die Stecknadel, die meinen Rock zusammenhielt,

aufmerksam zu machen; ich bat sie mit den Augen, zu sehen, wozu ich

gekommen war; aber die arme Haut verstand nichts.

Ein gesegnetes Wetter des Herrn, ja. Ob auch die gnädige Frau nicht zu

Hause sei?

Doch, aber sie habe Gicht, liege ohne sich rühren zu können auf dem

Sofa....

Ob ich vielleicht eine Nachricht oder sonst etwas hinterlassen wolle?

Nein durchaus nicht. Ich mache öfters solche Spaziergänge, um ein

bißchen Bewegung zu haben. Das sei so gut nach dem Mittagessen.

Ich begab mich auf den Rückweg. Was konnte es nützen, noch länger zu

schwätzen? Außerdem fühlte ich Schwindel; fast wäre ich allen Ernstes

zusammengebrochen. Sprechstunde von 12 bis 4; ich hatte um eine Stunde

zu spät angeklopft. Die Stunde der Gnade war vorbei.

Am Stortorv setzte ich mich auf eine der Bänke bei der Kirche.

Herrgott, wie schwarz es nunmehr für mich aussah! Ich weinte nicht, ich

war zu müde. Bis zum Äußersten gepeinigt saß ich da, ohne mir irgend

etwas vorzunehmen, saß unbeweglich und hungerte. Die Brust war gewiß

entzündet, es brannte so merkwürdig arg da drinnen. Auch das Spänekauen

wollte nichts mehr nützen; meine Kiefer waren der fruchtlosen Arbeit

müde, und ich ließ sie rasten. Ich ergab mich. Obendrein hatte ein

Stück brauner Apfelsinenschale, das ich auf der Straße gefunden und

sofort zu benagen angefangen hatte, mir Würgen verursacht. Ich war

krank; die Pulsadern meiner Handgelenke schwollen blau an.

Was hatte ich auch eigentlich erhofft? Den ganzen Tag war ich um einer

Krone willen herumgelaufen, die mich doch nur einige Stunden länger am

Leben hätte erhalten können. War es im Grund nicht gleichgültig, ob

das Unumgängliche einen Tag früher oder später geschah? Hätte ich mich

wie ein ordentlicher Mensch betragen, so wäre ich längst heimgegangen,

hätte mich zur Ruhe gelegt, mich ergeben. Meine Gedanken waren in

diesem Augenblick klar. Nun sollte ich sterben; es war die Zeit des

Herbstes und alles war in Winterschlaf gefallen. Ich hatte jedes Mittel

versucht, jede Hilfsquelle, die ich wußte, ausgenützt. Sentimental

spielte ich mit diesem Gedanken und jedes Mal, wenn ich wieder auf eine

mögliche Rettung hoffte, flüsterte ich abweisend: Du Narr, du hast ja

schon angefangen zu sterben! Ich sollte ein paar Briefe schreiben,

alles fertig haben, mich bereit machen. Ich wollte mich sorgfältig

waschen und mein Bett schön ordnen; meinen Kopf wollte ich auf die paar

Bogen weißen Schreibpapiers legen, das sauberste Ding, das ich noch

besaß, und die grüne Decke könnte ich....

Die grüne Decke! Mit einem Mal wurde ich hell wach, das Blut stieg mir

zum Kopf, und ich bekam starkes Herzklopfen. Ich erhebe mich von der

Bank und beginne zu gehen, das Leben rührt sich überall in mir von

neuem, und ich wiederhole immer wieder die losgerissenen Worte: die

grüne Decke! Die grüne Decke! Ich gehe schneller und schneller, als

gelte es etwas einzuholen, und stehe nach kurzer Zeit wieder daheim in

meiner Spenglerwerkstatt.

Ohne einen Augenblick anzuhalten oder in meinem Entschluß zu wanken,

gehe ich zum Bett hin und rolle Hans Paulis Decke zusammen. Es müßte

doch seltsam zugehen, wenn mich mein guter Einfall nicht retten könnte!

Über die dummen Bedenken, die in mir wach wurden, war ich unendlich

erhaben; ich gab ihnen allen den Laufpaß. Ich war kein Heiliger, kein

Tugendbold, noch hatte ich meinen Verstand....

Und ich nahm die Decke unter den Arm und ging in die Stenersstraße

Nummer 5.

Ich klopfte an und trat zum ersten Mal in den großen fremden Saal; die

Klingel an der Türe schlug eine ganze Menge desperater Schläge über

meinem Kopf an. Ein Mann kommt von einem Nebenzimmer herein, kauend,

den Mund voll Essen, und stellt sich vor den Ladentisch.

Ach leihen Sie mir eine halbe Krone auf meine Brille? sagte ich; ich

werde sie in ein paar Tagen wieder einlösen, ganz bestimmt.

Was? Nein, das ist doch eine Stahlbrille?

Ja.

Nein, das kann ich nicht.

Ach nein, das können Sie ja wohl nicht. Es war auch nur so gesagt.

Nein, ich habe eine Decke dabei, für die ich eigentlich keinen Gebrauch

mehr habe, und es fiel mir ein, daß Sie mir diese am Ende abnehmen

könnten.

Ich habe leider ein ganzes Lager von Bettzeug, erwiderte er. Und als

ich sie aufgerollt hatte, warf er einen einzigen Blick darauf und rief:

Nein, entschuldigen Sie, dafür habe ich wirklich keine Verwendung!

Ich wollte Ihnen die schlechteste Seite zuerst zeigen, sagte ich; auf

der anderen Seite ist sie viel besser.

Ja, ja, das hilft nichts, ich will sie nicht haben. Sie werden nirgends

zehn Öre dafür bekommen.

Nein, es ist klar, sie ist nichts wert, aber ich dachte, daß sie

vielleicht mit irgendwelchen anderen alten Decken zusammen auf die

Auktion kommen könnte.

Ja, nein, es nützt nichts.

Fünfundzwanzig Öre? sagte ich.

Nein, ich will sie überhaupt nicht haben, Mensch, ich will sie nicht

einmal im Haus haben.

Da nahm ich die Decke wieder unter den Arm und ging heim.

Ich tat vor mir selbst, als sei nichts geschehen, breitete die Decke

wieder über das Bett, strich sie schön glatt, wie ich es zu tun pflegte

und versuchte jede Spur meiner letzten Handlung auszulöschen. Ich

konnte unmöglich bei vollem Verstand gewesen sein in dem Augenblick,

als ich den Entschluß faßte, diesen Spitzbubenstreich zu begehen; je

mehr ich darüber nachdachte, desto unmöglicher kam es mir vor. Es mußte

ein Anfall von Schwäche gewesen sein, oder irgend eine Schlappheit

meines Inneren, die mich überrumpelt hatte. Ich war ja auch nicht

endgültig in diese Falle gegangen. Ich hatte geahnt, daß es anfing,

schief mit mir zu gehen, und ich hatte es ausdrücklich zuerst mit der

Brille versucht. Und ich freute mich sehr, daß ich nicht Gelegenheit

gefunden hatte, diese Sünde zu begehen, die die letzten Stunden meines

Lebens besteckt haben würde.

Und wieder wanderte ich in die Stadt hinein.

Ich ließ mich abermals auf einer Bank bei der Erlöserkirche nieder,

schlummerte, den Kopf auf der Brust, erschlafft nach der letzten

Erregung, krank und verkommen vor Hunger. Und die Zeit ging.

Ich wollte auch diese Stunde draußen sitzen bleiben; es war hier etwas

heller als drinnen im Haus. Außerdem kam es mir so vor, als arbeite es

in meiner Brust nicht ganz so heftig, wenn ich in der freien Luft war;

ich kam ja auch zeitig genug heim.

Und ich kämpfte mit dem Schlaf und dachte und litt unsäglich. Ich

hatte einen kleinen Stein gefunden, den ich abputzte und in den Mund

steckte, um etwas auf der Zunge zu haben; sonst rührte ich mich

nicht und bewegte nicht einmal die Augen. Menschen kamen und gingen,

Wagengerassel, Pferdegetrampel und Stimmen erfüllten die Luft.

Aber ich könnte es doch mit den Knöpfen versuchen? Es nützte natürlich

nichts, und außerdem war ich ziemlich krank. Doch wenn ich es recht

überlegte, mußte ich auf dem Heimweg sowieso die Richtung zum „Onkel”

-- meinem eigentlichen „Onkel” -- einschlagen.

Endlich erhob ich mich und schleppte mich langsam und taumelnd

durch die Straßen. Ich fühlte einen brennenden Schmerz über meinen

Augenbrauen, ein Fieber war im Anzug, und ich beeilte mich soviel ich

konnte. Abermals kam ich an dem Bäckerladen vorbei, in dem das Brot

lag. So, nun bleiben wir hier nicht stehen, sagte ich mit gemachter

Bestimmtheit. Aber wenn ich nun hineinginge und um einen Bissen Brot

_bäte_? Das war ein Gedankenblitz, ein Funken. Pfui! flüsterte ich und

schüttelte den Kopf. Und ich ging weiter, voll Spott über mich selbst.

Ich wußte doch gut, daß es nichts nützte, mit Bitten in diesen Laden zu

kommen.

Im Repslagergang stand ein Paar in einem Tor und flüsterte; ein wenig

weiter steckte ein Mädchen den Kopf aus dem Fenster. Ich ging ganz

ruhig und bedachtsam, sah aus, als grüble ich über alles mögliche --

und das Mädchen kam auf die Straße.

Wie steht's mit dir, Alter? Wie? Bist du krank? Nein, Gott steh mir

bei, welch ein Gesicht! Und das Mädchen zog sich eiligst zurück.

Plötzlich blieb ich stehen. Was war mit meinem Gesicht los? Hatte ich

wirklich zu sterben begonnen? Ich fühlte mit der Hand über die Wangen:

mager, natürlich war ich mager; die Wangen waren wie zwei Schalen mit

dem Boden nach innen. Herrgott! Und ich schlich mich weiter.

Aber ich blieb wiederum stehen. Ich mußte ganz unbegreiflich mager

sein. Und die Augen waren auf dem Weg in den Kopf hinein. Wie sah

ich eigentlich aus? Es war ja nun auch, um zum Teufel zu fahren,

daß man sich bei lebendigem Leib schon nur durch Hunger entstellen

lassen mußte. Ich fühlte noch einmal die Raserei in mir, ihr letztes

Aufflackern, ein Muskelzucken. Gott bewahr mich, welch ein Gesicht,

was? Hier ging ich mit einem Kopf, der im Lande nicht seinesgleichen

fand, mit einem Paar Fäusten, die, Gott steh mir bei, einen Dienstmann

zu Mehl und Staub zermalmen konnten und hungerte bis zur Entstellung

mitten in der Stadt Kristiania! War das eine Art und Weise? Ich hatte

mich wie ein Roß abgeschunden, Tag und Nacht, hatte mir die Augen aus

dem Schädel studiert und mir den Verstand aus dem Gehirn gehungert

-- was, zum Teufel, hatte ich nun davon? Sogar die Straßendirnen

baten Gott, sie von diesem Anblick zu befreien. Aber nun soll

Schluß sein -- verstehst du! -- _Schluß_ soll es sein, hol mich der

Satan!.... Mit ständig wachsender Wut, mit unter dem Gefühl meiner

Mattheit knirschenden Zähnen, unter Weinen und Fluchen fuhr ich fort,

loszupoltern, ohne der Leute zu achten, die an mir vorbeigingen. Ich

fing wieder an, mich selbst zu martern, rannte mit Absicht meine Stirne

gegen die Laternenpfähle, grub die Nägel tief in meine Handflächen,

zerbiß im Wahnsinn meine Zunge, wenn sie nicht deutlich sprach, und ich

lachte jedesmal rasend, wenn es weh tat.

Ja, aber was soll ich tun? antwortete ich mir zuletzt selbst. Und ich

stampfe mehrere Male auf den Boden und wiederhole: Was soll ich tun? --

Ein Herr geht gerade vorbei und bemerkt lächelnd:

Gehen Sie hin und lassen Sie sich einsperren.

Ich sah ihm nach. Es war einer unserer bekannten Frauenärzte, der

„Herzog” genannt. Nicht einmal er verstand sich auf meinen Zustand,

ein Mann, den ich kannte, dessen Hand ich gedrückt hatte. Ich wurde

still. Einsperren? Ja, ich war verrückt; er hatte recht. Ich fühlte den

Wahnsinn in meinem Blut, fühlte sein Jagen durch das Gehirn. So sollte

es also mit mir enden! Ja ja! Und wieder begann ich meinen langsamen

traurigen Gang. Da also sollte ich landen!

Mit einem Mal stand ich wieder still. Aber nicht einsperren! sage ich;

nur das nicht! Und ich war beinahe heiser vor Angst. Ich bat, flehte

ins Blaue hinein: nur nicht eingesperrt werden! Dann würde ich wieder

aufs Rathaus kommen, in eine dunkle Zelle eingeschlossen werden, in der

es nicht einen Funken Licht gab. Nur das nicht! Es gab ja noch andere

Auswege, die mir offen standen. Und ich wollte sie versuchen; ich

wollte fleißiger sein, mir gut Zeit dazu nehmen und unverdrossen von

Haus zu Haus umhergehen. Da war nun zum Beispiel der Musikalienhändler

Cisler, bei ihm war ich noch gar nicht gewesen. Es gab schon noch

Rat.... So ging ich und sprach, bis ich wieder vor Rührung weinen

mußte. Nur nicht eingesperrt werden!

Hunger(#60728) · 第 6 / 15 段