Aber ich konnte nicht schlafen. Eine Zeitlang blieb ich liegen und sah

in die Finsternis, in diese dicke Massenfinsternis, die keinen Boden

hatte, die ich nicht begreifen konnte. Meine Gedanken konnten sie nicht

erfassen. Sie schien mir über alle Maßen dunkel und ich fühlte mich

durch ihre Nähe bedrückt. Ich schloß die Augen, begann halblaut zu

singen und warf mich auf die Pritsche, um mich zu zerstreuen; aber ohne

Erfolg. Die Dunkelheit hatte mein Denken ergriffen und ließ mich keinen

Augenblick in Frieden. Wie, wenn ich selbst in Dunkelheit aufgelöst und

eins mit ihr würde? Ich richte mich im Bett auf und schlage mit den

Armen um mich.

Mein nervöser Zustand hatte sich verschlimmert und ich versuchte,

mich aus allen Kräften zu wehren, aber es half nichts. Da saß ich,

eine Beute der seltsamsten Phantasien, mich selbst beschwichtigend,

Wiegenlieder summend und schwitzend vor der Anstrengung, mich zur Ruhe

zu bringen. Ich starrte in die Dunkelheit hinaus, ich hatte niemals

in meinem Leben eine solche Finsternis gesehen. Es war kein Zweifel

darüber, daß ich mich hier einer eigenen Art von Finsternis gegenüber

befand, einem desperaten Element, auf das niemand vorher geachtet

hatte. Die lächerlichsten Gedanken beschäftigten mich und jedes Ding

erschreckte mich. Ein kleines Loch in der Wand bei meinem Bett nahm

mich sehr in Anspruch. Ein Loch von einem Nagel, das ich in der Wand

finde, ein Zeichen in der Mauer. Ich fühle es an, blase hinein und

versuche seine Tiefe zu erraten. Das war nicht irgendein unschuldiges

Loch, durchaus nicht; es war ein ganz tückisches und geheimnisvolles

Loch, vor dem ich mich hüten mußte. Und von dem Gedanken an dieses Loch

besessen, ganz außer mir vor Neugierde und Furcht, mußte ich zuletzt

vom Bett aufstehen und nach meinem halben Federmesser suchen, um die

Tiefe zu messen und mich zu vergewissern, daß es nicht ganz in die

Nebenzelle hinüberführte.

Ich legte mich zurück, um Schlaf zu finden, in Wirklichkeit aber nur,

um wiederum mit der Dunkelheit zu kämpfen. Der Regen draußen hatte

aufgehört, und ich vernahm keinen Laut. Eine Zeitlang fuhr ich fort,

nach Fußtritten auf der Straße zu lauschen, und ich gönnte mir keinen

Frieden, bevor ich nicht einen Fußgänger vorbeigehen gehört hatte, den

Schritten nach zu urteilen ein Schutzmann. Plötzlich knipse ich mehrere

Male mit dem Finger und lache. Zum Teufel auch! Ha! -- Ich bildete mir

ein, ein neues Wort gefunden zu haben. Ich richte mich im Bett auf und

sage: Das gibt es in der Sprache noch nicht, ich habe es erfunden,

~Kuboaa~. Es hat Buchstaben wie ein Wort, beim süßesten Gott, Mensch,

du hast ein Wort erfunden.... ~Kuboaa~.... von großer grammatikalischer

Bedeutung.

Das Wort stand in der Dunkelheit ganz deutlich vor mir.

Mit offenen Augen sitze ich da, erstaunt über meinen Fund und lache

vor Freude. Dann beginne ich zu flüstern; man konnte mich belauschen,

und ich gedachte meine Erfindung geheimzuhalten. Ich war in den frohen

Wahnwitz des Hungers verfallen, war leer und schmerzfrei und meine

Gedanken waren ohne Zügel. Und still erwäge ich alles bei mir selbst.

Mit den seltsamsten Gedankensprüngen suche ich die Bedeutung meines

neuen Wortes zu erforschen. Es brauchte weder Gott noch Tivoli zu

heißen, und wer hatte gesagt, daß es Tierschau bedeuten solle? Heftig

ballte ich die Hand und wiederholte noch einmal: Wer hat behauptet, daß

es Tierschau bedeuten soll? Wenn ich es recht bedachte, war es nicht

einmal notwendig, daß es Anhängeschloß oder Sonnenaufgang bedeutete.

Für ein solches Wort wie dieses war es nicht schwierig, einen Sinn zu

finden. Ich wollte warten und mir Zeit lassen. Inzwischen konnte ich

darüber schlafen.

Ich liege auf der Pritsche und lache leise, sage aber nichts, vermeide

jede Entscheidung. Es vergehen einige Minuten, ich werde nervös, das

neue Wort plagt mich ohne Unterlaß, kehrt stets zurück, bemächtigt

sich zuletzt aller meiner Gedanken und macht mich ernst. Ich hatte

mir wohl eine Meinung dafür gebildet, was es nicht bedeuten sollte,

aber keine Bestimmung darüber gefaßt, was es bedeuten sollte. Das ist

eine Nebenfrage! sage ich laut vor mich hin, packe mich am Arm und

wiederhole, es sei eine Nebenfrage. Das Wort war Gott sei Lob gefunden,

und das war die Hauptsache. Aber es plagt mich endlos und hindert mich

daran, einzuschlafen; nichts war mir gut genug für dieses seltene Wort.

Endlich erhebe ich mich wieder im Bett, greife mir mit beiden Händen

an den Kopf und sage: Nein, gerade das ist ja unmöglich, Auswanderung

oder Tabakfabrik darf es nicht bedeuten! Hätte es so etwas bedeuten

können, würde ich mich längst dafür entschieden und die Folgen auf

mich genommen haben. Nein, eigentlich war das Wort geeignet, etwas

_Seelisches_ zu bedeuten, ein Gefühl, einen Zustand -- ob ich das nicht

begreifen könne? Und ich besinne mich auf etwas Seelisches. Da ist es

mir, als spräche jemand, mische sich in meine Auseinandersetzungen,

und ich antworte zornig: Wie bitte? Nein, solch einen Idioten gibt es

doch nicht wieder! Strickgarn? Fahr zur Hölle! Warum sollte ich dazu

verpflichtet sein, es Strickgarn heißen zu lassen, wenn ich gerade

dagegen etwas hatte, daß es Strickgarn bedeutete? Ich selbst hatte das

Wort erfunden und war deshalb in meinem guten Recht, es bedeuten zu

lassen, was ich nur wollte. Soviel ich wußte, hatte ich noch nichts

darüber geäußert....

Aber mein Gehirn kam immer mehr in Verwirrung. Zuletzt sprang ich aus

dem Bett, um die Wasserleitung zu suchen. Ich war nicht durstig, doch

mein Kopf fieberte, und ich fühlte einen instinktmäßigen Drang nach

Wasser. Als ich getrunken hatte, legte ich mich wieder nieder und

versuchte mit Gewalt und Macht, nun zu schlafen. Ich schloß die Augen

und zwang mich, ruhig zu sein. So lag ich mehrere Minuten ohne eine

Bewegung, kam in Schweiß und fühlte das Blut heftig durch die Adern

stoßen. Nein, das war doch zu köstlich, daß er in dieser Tüte nach Geld

suchen konnte! Er hustete auch nur einmal. Ob er wohl noch da unten

umhergeht? Auf meiner Bank sitzt?.... Das blaue Perlmutter.... Die

Schiffe....

Ich öffnete die Augen. Wie sollte ich sie auch geschlossen halten, wenn

ich nicht schlafen konnte! Und die gleiche Finsternis brütete um mich,

die gleiche unergründliche schwarze Ewigkeit, an der meine Gedanken

aufsteilten und die sie nicht fassen konnten. Womit war sie doch zu

vergleichen? Ich machte die verzweifeltsten Anstrengungen, ein Wort zu

finden, das schwarz genug wäre, diese Finsternis zu bezeichnen. Ein

Wort, so grausam schwarz, daß es meinen Mund schwärzen mußte, wenn ich

es aussprach. Herrgott, wie dunkel war es doch! Und wieder beginne ich

an den Hafen zu denken, an die Schiffe, diese schwarzen Ungeheuer, die

dort lagen und auf mich warteten. Sie wollten mich an sich saugen und

mich festhalten und über Land und Meere mit mir segeln, durch dunkle

Reiche, die noch kein Mensch erschaut hat. Ich fühle mich an Bord, vom

Wasser angezogen, in den Wolken schwebend, sinkend, sinkend.... Ich

stoße einen heiseren Angstschrei aus und klammere mich fest ans Bett;

ich hatte eine gefährliche Reise gemacht, war wie ein Bündel durch die

Luft herabgesaust. Wie erlöst ich mir nicht vorkam, als ich mit der

Hand gegen die harte Pritsche schlug! So ist es, wenn man stirbt, sagte

ich zu mir, nun mußt du sterben! Und ich lag eine kleine Weile da und

dachte darüber nach, daß ich nun sterben sollte. Da richte ich mich

im Bett auf und frage streng: Wer sagte, daß ich sterben soll? Habe

ich das Wort erfunden? Dann ist es auch mein gutes Recht, selbst zu

bestimmen, was es bedeuten soll....

Ich hörte, daß ich phantasierte, hörte es noch, während ich sprach.

Mein Wahnsinn war ein Delirium der Schwäche und der Erschöpfung,

aber ich war nicht bewußtlos. Und der Gedanke, daß ich wahnsinnig

geworden sei, fuhr mir mit einem Schlag durch das Gehirn. Von Schrecken

ergriffen, fahre ich aus dem Bett. Ich taumle zur Türe hin, die ich zu

öffnen versuche, werfe mich ein paarmal dagegen, um sie zu sprengen,

stoße meinen Kopf gegen die Wand, jammere laut, beiße mich in die

Finger, weine und fluche....

Alles war ruhig; meine eigene Stimme nur wurde von den Mauern

zurückgeworfen. Außerstande, länger in der Zelle umherzutoben, war ich

zu Boden gefallen. Da erspähe ich hoch oben, mitten vor meinen Augen,

ein graues Viereck in der Wand, einen Schimmer von Weiß, eine Ahnung

-- es war das Tageslicht. Oh, wie köstlich atmete ich auf! Ich warf

mich flach auf den Boden und weinte vor Freude über diesen gesegneten

Schimmer des Lichts, schluchzte vor Dankbarkeit, küßte in die Luft

gegen das Fenster hin und betrug mich wie ein Verrückter. Und auch in

diesem Augenblick war ich mir bewußt, was ich tat. Aller Mißmut war mit

einem Mal fort, alle Verzweiflung und aller Schmerz hatten aufgehört,

ich hatte in diesem Augenblick keinen unerfüllten Wunsch, so weit meine

Gedanken reichten. Ich setzte mich aufrecht auf den Boden, faltete die

Hände und wartete geduldig auf den Anbruch des Tages.

Welch eine Nacht war dies gewesen! Daß man den Lärm nicht gehört

hatte! dachte ich verwundert. Aber ich war ja auch in der reservierten

Abteilung, hoch über allen Gefangenen. Ein obdachloser Staatsrat, wenn

ich so sagen durfte. Beständig in der besten Stimmung, die Augen der

immer helleren und helleren Scheibe in der Mauer zugewandt, belustigte

ich mich damit, den Staatsrat zu agieren, nannte mich von Tangen

und gab meiner Rede Departementsstil. Meine Phantasien hatten nicht

aufgehört, nur war ich nun viel weniger nervös. Wenn ich doch nur nicht

die bedauerliche Gedankenlosigkeit gehabt hätte, meine Brieftasche

daheim zu lassen! Ob ich nicht die Ehre haben dürfe, den Herrn

Staatsrat ins Bett zu bringen? Und mit äußerstem Ernst, mit vielen

Zeremonien ging ich zur Pritsche hin und legte mich nieder.

Nun war es so hell geworden, daß ich den Umriß der Zelle einigermaßen

erkennen konnte, und bald darauf konnte ich den schweren Handgriff an

der Türe sehen. Dies zerstreute mich. Die einförmige Dunkelheit, so

aufreizend dicht, daß sie mich daran hinderte, mich selbst zu sehen,

war gebrochen; mein Blut wurde ruhiger und bald fühlte ich, wie meine

Augen sich schlossen.

* * * * *

Durch ein paar Schläge an meiner Türe wurde ich geweckt. In aller Hast

sprang ich auf und zog mich eiligst an; meine Kleider waren noch von

gestern abend durchnäßt.

Ihr müßt Euch unten beim Jourhabenden melden, sagte der Schutzmann.

So sind also wieder Formalitäten zu überstehen! dachte ich erschrocken.

Ich kam unten in einen großen Raum, in dem dreißig oder vierzig

Menschen saßen, alle obdachlos. Und einer nach dem anderen wurden

sie aus dem Protokoll aufgerufen, einer nach dem anderen bekamen sie

eine Karte auf ein Essen. Der Jourhabende sagte in einem fort zu dem

Schutzmann an seiner Seite:

Bekam er eine Karte? Ja, vergessen Sie nicht, ihnen die Karten zu

geben. Sie sehen aus, als könnten sie eine Mahlzeit brauchen.

Und ich stand da und sah diese Karten an und wünschte mir eine.

Andreas Tangen, Journalist!

Ich trat vor und verbeugte mich.

Aber Bester, wie sind denn Sie hierhergekommen?

Ich erklärte den ganzen Zusammenhang, gab die gleiche Geschichte wie

gestern wieder zum besten, log mit offenen Augen und ohne zu zwinkern,

log mit Aufrichtigkeit! Leider ein wenig zu lang aus gewesen, in einem

Café, den Torschlüssel verloren....

Ja, sagte er und lächelte, so geht es! Haben Sie denn gut geschlafen?

Wie ein Staatsrat! antwortete ich. Wie ein Staatsrat!

Das freut mich, sagte er und erhob sich. Guten Morgen!

Und ich ging.

Eine Karte, eine Karte auch für mich! Seit drei langen Tagen und

Nächten habe ich nichts gegessen! Ein Brot! Aber niemand bot mir

eine Karte an, und ich wagte nicht, eine zu verlangen. Das hätte

augenblicklich Mißtrauen erregt. Man hätte angefangen, in meine

privaten Verhältnisse zu stieren und herausgefunden, wer ich wirklich

war; man würde mich wegen falscher Angaben verhaften. -- Erhobenen

Hauptes mit der Haltung eines Millionärs, die Hände in meine

Rockaufschläge gesteckt, schritt ich aus dem Rathaus.

Die Sonne schien bereits warm, es war zehn Uhr, und der Verkehr auf

dem Youngsplatz war in vollem Gange. Wohin sollte ich gehen? Ich klopfe

auf die Tasche und fühle nach meinem Manuskript; um elf Uhr wollte

ich versuchen, den Redakteur zu treffen. Ich stehe eine Weile auf

der Balustrade und beobachte das Leben unter mir; unterdessen fingen

meine Kleider zu dampfen an. Der Hunger fand sich wieder ein, nagte in

der Brust, ruckte, gab mir kleine feine Stiche, die mich schmerzten.

Hatte ich wirklich keinen einzigen Freund, keinen Bekannten, an den

ich mich wenden konnte? Ich versuche in meinem Gedächtnis einen Mann

zu finden, der mir zehn Öre leihen könnte und finde ihn nicht. Es war

ein herrlicher Tag. Viel Sonne und viel Licht war um mich; der Himmel

strömte wie ein zartes Meer über den Bergen hin....

Ohne es zu wissen, war ich auf dem Weg nach Hause.

Mich hungerte stark und ich fand auf der Straße einen Holzspan, auf dem

ich kauen konnte. Das half. Daß ich daran nicht früher gedacht hatte!

Das Tor war offen, der Stallknecht wünschte mir wie gewöhnlich guten

Morgen.

Feines Wetter! sagte er.

Ja, antwortete ich. Das war alles, was ich zu sagen wußte. Konnte ich

ihn wohl bitten, mir eine Krone zu leihen? Er tat es gewiß gerne, wenn

es ihm möglich war. Ich hatte außerdem ein Mal einen Brief für ihn

geschrieben.

Er stand da und schluckte an etwas, das er sagen wollte.

Feines Wetter, ja. Hm. Ich soll heute meine Wirtin bezahlen. Sie

könnten wohl nicht so freundlich sein und mir fünf Kronen leihen, wie?

Nur für einige Tage. Sie haben mir schon früher einen Gefallen getan.

Nein, das kann ich wirklich nicht, Jens Olai, antwortete ich. Nicht

jetzt. Vielleicht später, heute nachmittag vielleicht. Und ich

schwankte die Treppe zu meinem Zimmer hinauf.

Hier warf ich mich auf mein Bett und lachte. Welches Schweineglück, daß

er mir zuvorgekommen war! Meine Ehre war gerettet. Fünf Kronen -- Gott

bewahre dich, Mensch! Du hättest mich ebenso gerne um fünf Aktien der

Dampfküche oder um einen Herrenhof in Aker bitten können.

Und der Gedanke an diese fünf Kronen machte mich immer lauter und

lauter lachen. War ich nicht ein Teufelskerl, was? Fünf Kronen! Ja,

dazu war ich der rechte Mann! Meine Lustigkeit stieg, und ich gab mich

ihr hin: Pfui Teufel, was ist das hier für ein Geruch nach Speisen!

Richtiger, frischer Karbonadengeruch vom Mittag her, pfui! Und ich

stoße das Fenster auf, um den abscheulichen Geruch hinauszulassen.

Kellner, ein halbes Beefsteak! Zum Tisch gewandt, diesem gebrechlichen

Tisch, den ich mit den Knieen stützen mußte, wenn ich schrieb,

verbeugte ich mich tief und fragte: Befehlen Sie vielleicht ein Glas

Wein? Nicht? Mein Name ist Tangen, Staatsrat Tangen. Leider bin ich

ein wenig zu lang aus gewesen.... Der Torschlüssel .... Und zügellos

laufen meine Gedanken wieder auf allen Wegen davon. Ich war mir ständig

bewußt, daß ich unzusammenhängend redete und ich sagte kein Wort, ohne

daß ich es hörte und verstand. Ich sagte zu mir selbst: Nun redest du

wieder unzusammenhängend! Und ich konnte doch nichts dagegen machen.

Es war, als läge ich wach und spräche im Schlaf. Mein Kopf war leicht,

ohne Schmerz und ohne einen Druck, und mein Gemüt war ohne Wolken. Ich

segelte dahin und leistete keinen Widerstand.

Herein! Ja, nur herein! Wie Sie sehen, alles von Rubin. Ylajali,

Ylajali! Der rote, schwellende Seidendivan! Wie heftig sie atmet! Küß

mich, Geliebte, mehr, mehr. Deine Arme sind wie Bernstein, dein Mund

flammt.... Kellner, ich habe ein Beefsteak bestellt....

Die Sonne schien durch mein Fenster herein, und unten hörte ich die

Pferde Hafer kauen. Ich saß da und sog an meinem Holzspan, aufgeräumt,

froh wie ein Kind. Ständig hatte ich nach dem Manuskript gefühlt; ohne

daß ich auch nur ein einziges Mal daran dachte, sagte mir der Instinkt,

daß es da war, mein Blut erinnerte mich daran. Und ich zog es hervor.

Es war naß geworden, ich breitete es aus und legte es in die Sonne.

Darauf begann ich in meinem Zimmer auf und ab zu wandern. Wie

bedrückend alles aussah! Rings auf dem Boden kleine abgeschnittene

Streifen von Blechplatten. Aber kein Stuhl zum Sitzen, nicht einmal

ein Nagel in den nackten Wänden. Alles war in „Onkels Keller” gebracht

und war verzehrt worden. Ein paar Bogen Papier auf dem Tisch, dick

mit Staub bedeckt, war all mein Besitz. Die alte grüne Decke auf dem

Bett hatte mir Hans Pauli vor einigen Monaten geliehen.... Hans Pauli!

Ich knipse mit den Fingern. Hans Pauli Pettersen muß mir helfen! Und

ich besinne mich auf seine Adresse. Wie konnte ich auch Hans Pauli

vergessen! Er wird sicher sehr gekränkt sein, weil ich mich nicht

gleich an ihn gewandt hatte. Rasch setze ich meinen Hut auf, raffe das

Manuskript zusammen und eile die Treppe hinunter.

Hör Jens Olai, rief ich in den Stall, ich glaube ganz bestimmt, daß ich

dir heute nachmittag helfen kann!

Beim Rathaus angekommen, sehe ich, daß es elf Uhr vorbei ist, und ich

beschließe, sofort in die Redaktion zu gehen. Vor der Bureautüre blieb

ich stehen, um zu untersuchen, ob meine Papiere auch der Reihe nach

lägen; ich glättete sie sorgfältig, steckte sie wieder in die Tasche

und klopfte an. Mein Herz pochte hörbar, als ich eintrat.

Die Schere ist wie gewöhnlich da. Ich frage furchtsam nach dem

Redakteur. Keine Antwort. Der Mann sitzt mit seiner langen Schere da

und bohrt kleine Nachrichten aus den Provinzzeitungen heraus.

Ich wiederhole meine Frage und trete weiter vor.

Der Redakteur ist noch nicht gekommen, sagte die Schere endlich, ohne

aufzusehen.

Und wann er käme?

Kann es nicht sagen, kann es durchaus nicht sagen, Sie.

Wie lange ist das Bureau offen?

Hierauf bekam ich keine Antwort mehr und mußte gehen. Die Schere hatte

während des Ganzen nicht einen Blick auf mich geworfen. Er hatte meine

Stimme gehört und mich daran wiedererkannt. So schlecht bist du hier

angesehen, dachte ich, man findet es nicht einmal der Mühe wert, dir

zu antworten. Ob dies wohl eine Weisung des Redakteurs war? Ich hatte

ihn allerdings auch, seit mein berühmtes Feuilleton für zehn Kronen

angenommen worden war, mit Arbeiten überschwemmt, hatte beinahe jeden

Tag seine Türe mit unbrauchbaren Sachen eingerannt, die er hatte

durchlesen und mir zurückgeben müssen. Er wollte dem vielleicht ein

Ende machen, seine Verhaltungsmaßregeln treffen.... Ich begab mich auf

den Weg nach Homansby hinaus.

Hans Pauli Pettersen war ein Bauernstudent in der Mansarde eines

vierstöckigen Hauses, also war Hans Pauli Pettersen ein armer Mann.

Aber hatte er eine Krone, so würde er sie nicht schonen. Ich würde sie

so gewiß bekommen, als hätte ich sie schon in der Hand. Und ich ging

weiter und freute mich auf diese Krone und fühlte mich ihrer sicher.

Als ich an die Haustüre kam, war sie verschlossen, und ich mußte läuten.

Ich wünsche mit dem Studenten Pettersen zu sprechen, sagte ich und

wollte hinein; -- ich weiß sein Zimmer.

Student Pettersen? wiederholt das Mädchen. Der in der Dachstube gewohnt

habe? Er sei ausgezogen. Ja, wohin, wüßte sie nicht, aber er hatte

gebeten, seine Briefe zu Hermansen in der Toldbodstraße zu senden, und

das Mädchen nannte die Nummer.

Voll Hoffnung und Glauben gehe ich die ganze Toldbodstraße hinunter,

um Hans Paulis Adresse zu erfragen. Dies war mein letzter Ausweg, und

ich mußte ihn ausnützen. Unterwegs kam ich an einem Neubau vorüber,

vor dem einige Zimmerleute standen und hobelten. Ich nahm zwei saubere

Späne aus dem Haufen, steckte den einen in den Mund und den anderen für

später in die Tasche. Und ich setzte meinen Weg fort. Ich stöhnte vor

Hunger. In einem Bäckerladen hatte ich ein wunderbar großes Zehnörebrot

im Fenster gesehen, das größte Brot, das man für diesen Preis bekommen

konnte....

Ich komme, um nach der Adresse des Studenten Pettersen zu fragen.

Bernt Ankersstraße Nummer 10, Dachwohnung. -- Ob ich hinausgehen

wolle? So, dann wäre ich vielleicht so freundlich, ein paar Briefe

mitzunehmen.

Wieder ging ich in die Stadt hinauf, den gleichen Weg, den ich

gekommen war, ging wieder an den Zimmerleuten vorbei, die nun mit

ihren Blechtöpfen zwischen den Knieen dasaßen und ihre gute, warme

Mahlzeit aus der Dampfküche aßen, an dem Bäckerladen vorbei, in dem

das Brot noch an seinem Platz lag, und erreichte endlich, halb tot vor

Erschöpfung, die Bernt Ankersstraße. Die Türe ist offen, und ich begebe

mich die vielen schweren Treppen zum Speicher hinauf. Ich hole die

Briefe aus der Tasche, um Hans Pauli gleich beim Eintreten mit einem

Schlag in gute Laune zu versetzen. Er würde mir diesen kleinen Gefallen

gewiß nicht abschlagen, wenn ich ihm meine Lage erklärte, sicher nicht,

Hans Pauli hatte ein so weites Herz, das hatte ich schon immer von ihm

gesagt....

An der Türe fand ich seine Karte: „H. P. Pettersen, ÷stud. theol.÷ --

heimgereist.”

Ich setzte mich auf der Stelle nieder, setzte mich auf den blanken

Boden, dumpfmüde, zerschlagen vor Erschöpfung. Ich wiederhole ein paar

Mal mechanisch: Heimgereist! Heimgereist! Dann schweige ich ganz still.

Keine Träne war in meinen Augen, ich hatte keinen Gedanken und keine

Empfindung. Mit aufgerissenen Augen saß ich da und starrte ohne mir

etwas vorzunehmen auf die Briefe. Es vergingen zehn Minuten, vielleicht

auch zwanzig oder mehr, ich saß immer auf dem gleichen Fleck und rührte

keinen Finger. Diese dumpfe Betäubung war beinahe wie ein Schlummer.

Dann höre ich jemand die Treppe heraufkommen, ich stehe auf und sage:

Für den Studenten Pettersen -- ich habe zwei Briefe für ihn.

Er ist heimgereist, antwortet die Frau. Aber er kommt nach den Ferien

zurück. Die Briefe kann ja ich an mich nehmen, wenn Sie wollen.

Ja danke, das wäre sehr gut, sagte ich, dann erhält er sie, wenn er

zurückkommt. Es könnten wichtige Dinge darin sein. Guten Morgen.

Als ich hinausgekommen war, blieb ich stehen und sagte laut, mitten auf

der Straße, indem ich die Hände ballte: Eines will ich dir sagen, mein

lieber Herr und Gott: du bist ein -- na kurz und gut! Und ich nicke

wütend mit zusammengebissenen Zähnen zu den Wolken hinauf: Du bist, der

Teufel hol' mich, ein --

Dann ging ich einige Schritte und blieb wieder stehen. Indem ich

plötzlich die Haltung wechsle, falte ich die Hände, lege meinen Kopf

schief und frage mit süßer frommklingender Stimme: Hast du dich auch an

ihn gewandt, mein Kind?

Das klang nicht richtig.

Mit großem I, sage ich, mit einem I wie ein Dom! Noch ein Mal: Hast du

Ihn denn auch angerufen, mein Kind? Und ich senke den Kopf und mache

meine Stimme traurig und antworte: Nein.

Das klang auch nicht richtig.

Du kannst doch nicht heucheln, du Narr! Ja, mußt du sagen, ja ich habe

meinen Gott und Vater angerufen! Und du mußt die jämmerlichste Melodie,

die du je gehört hast, zu deinen Worten finden. Also, noch ein Mal! Ja,

das war schon besser. Aber du mußt seufzen, seufzen wie ein krankes

Pferd. So!

Da gehe ich und unterrichte mich selbst, stampfe ungeduldig auf

die Straße, wenn es mir nicht gelingen will und schelte mich einen

Holzklotz, während die erstaunten Vorübergehenden sich nach mir

umwenden und mich betrachten.

Hunger(#60728) · 第 5 / 15 段