hielt mich eine Zeitlang in der Torvstraße auf, saß auf den Stufen,
schlüpfte in die Torwege, wenn jemand vorbeikam, stand da und starrte
gedankenlos in die erleuchteten Krämerläden, in denen die Leute mit
Waren und Geld umherhuschten; zuletzt fand ich einen geschützten Platz
hinter einem Bretterstapel zwischen der Kirche und den Basaren.
Nein, ich konnte heute abend nicht mehr bis zum Wald kommen, gehe es,
wie es wolle, ich hatte keine Kräfte dazu, und der Weg war so endlos
lang. Ich wollte die Nacht herumbringen, so gut es ging, und bleiben,
wo ich war; wurde es zu kalt, konnte ich ein wenig um die Kirche gehen,
ich hatte nicht vor, mehr Umstände damit zu machen. Und ich lehnte mich
zurück und schlief so halb und halb ein.
Der Lärm um mich her nahm ab, die Läden wurden geschlossen, die
Schritte der Fußgänger klangen seltener und seltener, und nach und nach
wurden alle Fenster dunkel....
Ich schlug die Augen auf und wurde eine Gestalt vor mir gewahr;
die blanken Knöpfe, die mir entgegenleuchteten, ließen mich einen
Schutzmann ahnen; das Gesicht des Mannes konnte ich nicht sehen.
Guten Abend! sagte er.
Guten Abend! antwortete ich und erschrak. Verlegen erhob ich mich. Er
stand eine Weile unbeweglich da.
Wo wohnen Sie? fragte er.
Ich nannte aus alter Gewohnheit und ohne darüber nachzudenken meine
alte Adresse, die kleine Dachstube, die ich verlassen hatte.
Er blieb noch eine Zeitlang stehen.
Habe ich etwas Unrechtes getan? fragte ich ängstlich.
Nein, weit entfernt! antwortete er. Aber Sie sollten jetzt wohl
heimgehen, es ist zu kalt, hier zu liegen.
Ja, es ist kühl, das fühle ich.
Und ich sagte gute Nacht und nahm instinktmäßig den Weg hinaus zu
meinem alten Zimmer. Wenn ich nur vorsichtig vorginge, könnte ich gewiß
hinaufkommen, ohne gehört zu werden; es waren alles in allem acht
Treppen, und nur die zwei obersten knackten unter den Tritten.
Unten am Tor nahm ich die Schuhe ab und ging dann hinauf. Es war
überall still. Im ersten Stock hörte ich das langsame Ticktack einer
Uhr und ein Kind, das ein wenig weinte; dann hörte ich nichts mehr. Ich
fand meine Türe, lüpfte sie ein wenig in den Angeln und öffnete sie
ohne Schlüssel, wie ich es gewohnt war, ging ins Zimmer und zog die
Türe lautlos wieder zu.
Alles war noch so, wie ich es verlassen hatte, die Vorhänge vor den
Fenstern waren zur Seite geschlagen und das Bett stand leer. Auf dem
Tisch konnte ich ein Papier erkennen, es war vielleicht mein Billett
an die Wirtin; sie war also nicht einmal hier oben gewesen, seit ich
meiner Wege gegangen. Ich tastete mit der Hand über den weißen Fleck
und fühlte zu meiner Verwunderung, daß es ein Brief war. Ein Brief? Ich
nehme ihn mit ans Fenster, studiere, so gut es sich in der Dunkelheit
machen läßt, diese schlecht geschriebenen Buchstaben und finde endlich
meinen eigenen Namen heraus. Aha! dachte ich, Antwort von der Wirtin,
ein Verbot mein Zimmer wieder zu betreten, falls ich wieder hierher
zurückflüchten sollte!
Und langsam, ganz langsam gehe ich wieder aus dem Zimmer heraus, trage
die Schuhe in der einen Hand, den Brief in der anderen und die Decke
unterm Arm. Ich mache mich leicht und beiße bei den knarrenden Stufen
die Zähne zusammen, komme glücklich und wohlbehalten über alle diese
Treppen hinunter und stehe wieder unten im Tor.
Ich ziehe die Schuhe wieder an, lasse mir gut Zeit mit den Riemen,
sitze sogar einen Augenblick still, nachdem ich fertig bin; starre
gedankenlos vor mich hin und halte den Brief in der Hand.
Dann erhebe ich mich und gehe.
Ein blassender Gaslaternenschein blinkt dort in der Straße, ich gehe
bis unter die Laterne, lehne mein Paket gegen den Kandelaber und öffne
den Brief, alles äußerst langsam.
Wie ein Strom von Licht durchfährt es meine Brust, und ich höre, daß
ich einen kleinen Ruf ausstoße, einen sinnlosen Ruf der Freude: Der
Brief war vom Redakteur. Mein Feuilleton war angenommen, war sogleich
in die Setzerei gegangen! „Einige kleine Änderungen .... ein paar
Schreibfehler verbessert.... talentvoll gemacht .... wird morgen
gedruckt.... zehn Kronen.”
Ich lachte und weinte, setzte in Sprüngen die Straße hinunter, hielt an
und schlug mir aufs Knie, fluchte um nichts und wieder nichts hoch und
teuer ins Blaue hinein. Und die Zeit verging.
Die ganze Nacht, bis zum hellen Morgen, johlte ich in den Straßen
umher, dumm vor Freude und wiederholte unaufhörlich: Talentvoll
gemacht, also ein kleines Meisterwerk, ein Geniestreich. Und zehn
Kronen!
Zweiter Abschnitt
Ein paar Wochen später befand ich mich eines Abends draußen.
Ich war wieder in einem der Friedhöfe gewesen und hatte an einem
Artikel für irgendeine Zeitung geschrieben. Während ich damit
beschäftigt war, wurde es zehn Uhr, die Dunkelheit fiel ein und die
Pforte sollte geschlossen werden. Ich war hungrig, sehr hungrig; die
zehn Kronen waren leider nur allzubald verbraucht; nun waren es zwei,
beinahe drei Tage und Nächte her, seit ich etwas gegessen hatte, und
ich fühlte mich matt, ein wenig angegriffen vom Schreiben mit dem
Bleistift. Ich hatte ein halbes Federmesser und einen Schlüsselbund in
der Tasche, aber nicht einen Ör.
Als die Friedhofpforte geschlossen wurde, hätte ich ja geradeaus
heimgehen sollen; aber aus einer instinktmäßigen Scheu vor
meinem Zimmer, wo alles dunkel und leer war -- einer verlassenen
Klempnerwerkstatt, in der mich einstweilen aufzuhalten ich endlich
Erlaubnis bekommen hatte -- schwankte ich weiter, trieb aufs Geratewohl
am Rathaus vorbei, bis hinunter zum Hafen und auf eine Bank auf dem
Eisenbahnkai zu, wo ich mich hinsetzte.
Es fiel mir in diesem Augenblick kein trauriger Gedanke ein, ich
vergaß meine Not und fühlte mich beruhigt bei dem Anblick des Hafens,
der friedlich und schön im Halbdunkel dalag. Aus alter Gewohnheit
wollte ich mich daran erfreuen, das Stück durchzulesen, das ich eben
geschrieben hatte, und das meinem leidenden Gehirn als das beste
vorkam, was ich je gemacht hatte. Ich zog mein Manuskript aus der
Tasche, hielt es dicht vor die Augen, um besser zu sehen und durchlief
eine Seite nach der anderen. Zuletzt wurde ich müde und steckte das
Papier wieder in die Tasche. Alles war still; die See lag wie blaues
Perlmutter da, und kleine Vögel flogen stumm an mir vorbei von Ort zu
Ort. Ein Schutzmann patrouilliert etwas weiter weg, sonst ist kein
Mensch zu sehen, und der ganze Hafen liegt schweigend da.
Ich zähle wieder mein Geld: ein halbes Federmesser, ein Schlüsselbund,
aber nicht ein Ör. Plötzlich greife ich in meine Tasche und ziehe die
Papiere wieder hervor. Es war ein mechanischer Akt, ein unbewußtes
Nervenzucken. Ich suche mir ein weißes unbeschriebenes Blatt aus und
-- Gott weiß, woher ich die Idee bekam -- ich machte eine Tüte, schloß
sie sorgfältig, so daß sie wie voll aussah, und warf sie weit über das
Pflaster weg; sie wurde vom Wind noch etwas weiter fortgeführt, dann
blieb sie liegen.
Nun hatte der Hunger begonnen mich anzugreifen. Ich saß da und sah
nach dieser weißen Tüte, die gleichsam von blanken Silbermünzen
angeschwollen war, und hetzte mich selbst dazu auf, zu glauben, daß sie
wirklich etwas enthalte. Ganz aufrecht saß ich da und verleitete mich
dazu, die Summe zu erraten -- wenn ich richtig riet, war sie mein! Ich
stellte mir die kleinen, niedlichen Zehnörestücke zu unterst vor und
die fetten, gerippten Kronen obendrauf -- eine ganze Tüte voll Münzen!
Ich saß da und sah sie mit aufgesperrten Augen an und führte mich
selbst in Versuchung, hinzugehen und sie zu stehlen.
Dann höre ich den Schutzmann husten -- und wie konnte ich darauf
verfallen, genau das Gleiche zu tun? Ich erhebe mich von der Bank
und huste, und ich wiederhole dies dreimal, damit er es hören soll.
Wie würde er sich auf die Tüte stürzen, wenn er käme! Ich freute
mich über diesen Streich und rieb mir entzückt die Hände und fluchte
großmächtig vor mich hin. Der sollte ein langes Gesicht machen, der
Hund! In den heißesten Pfuhl der Hölle sollte er versinken über diesen
Spitzbubenstreich! Ich war vor Hunger trunken geworden, mein Hunger
hatte mich berauscht.
Ein paar Minuten später kommt der Schutzmann daher, mit seinen
Eisenabsätzen auf dem Pflaster klappernd und nach allen Seiten spähend.
Er läßt sich gut Zeit, er hat die ganze Nacht vor sich; er sieht die
Tüte nicht -- nicht bevor er ganz nahe bei ihr ist. Da bleibt er stehen
und betrachtet sie. Es sieht so weiß und wertvoll aus, was dort liegt,
vielleicht eine kleine Summe, was? eine kleine Summe Silbergeldes?....
Und er hebt sie auf. Hm! das ist leicht, das ist sehr leicht.
Vielleicht eine kostbare Feder, ein Hutschmuck.... Und er öffnet sie
behutsam mit seinen großen Händen und schaut hinein. Ich lachte, lachte
und schlug mir auf das Knie, lachte wie ein Rasender. Und nicht ein
Laut kam mir aus der Kehle, mein Lachen war stumm und hektisch, hatte
die Inbrunst des Weinens....
Dann klappert es wieder auf dem Pflaster und der Schutzmann macht eine
Schwenkung zum Kai hinüber. Ich saß mit Tränen in den Augen da und rang
nach Atem, ganz außer mir vor fiebriger Lustigkeit. Ich begann laut zu
sprechen, erzählte mir selbst von der Tüte, ahmte die Bewegungen des
armen Schutzmannes nach, schaute in meine hohle Hand und wiederholte
wieder und wieder vor mich hin: Er hustete, als er sie wegwarf! Diesen
Worten fügte ich neue hinzu, gab ihnen aufreizende Zusätze, stellte den
ganzen Satz um und spitzte ihn zu: Er hustete einmal -- khöhö!
Ich erschöpfte mich in Variationen über diese Worte, und es dauerte
weit in den Abend hinein, bevor meine Lustigkeit aufhörte. Dann
überkam mich eine schläfrige Ruhe, eine behagliche Mattheit, der
ich keinen Widerstand entgegensetzte. Die Dunkelheit war ein wenig
dicker geworden, eine kleine Prise furchte das Perlmutter der See. Die
Schiffe, deren Masten sich gegen den Himmel abhoben, sahen mit ihren
schwarzen Rümpfen wie lautlose Ungeheuer aus, die die Borsten sträubten
und dalagen und auf mich warteten. Ich verspürte keinen Schmerz, mein
Hunger hatte ihn abgestumpft; statt dessen fühlte ich mich angenehm
leer, unberührt von allem um mich her und froh darüber, von keinem
gesehen zu werden. Ich legte die Beine auf die Bank und lehnte mich
zurück, auf diese Weise konnte ich am besten das ganze Wohlsein der
Abgesondertheit fühlen. Keine Wolke war in meinem Gemüt, kein Gefühl
des Unbehagens, keine unerfüllte Lust oder Begierde, so weit meine
Gedanken reichten. Ich lag mit offenen Augen, in einem Zustand der
Abwesenheit meiner selbst, ich fühlte mich herrlich entfernt.
Immer noch gab es keinen Laut, der mich störte; die milde Dunkelheit
hatte die Allwelt vor meinen Augen verborgen und mich hier in eitel
Ruhe begraben -- nur das öde Rauschen der Stille schweigt mir monoton
in die Ohren. Und die dunklen Ungeheuer da draußen würden mich an sich
saugen, wenn die Nacht kommt, und sie würden mich weit über das Meer
tragen und in fremde Länder, in denen keine Menschen wohnen. Und sie
werden mich zum Schloß der Prinzessin Ylajali bringen, wo mich eine
ungeahnte Herrlichkeit erwartet, die größer ist als die irgendeines
Menschen. Und sie selbst wird in einem strahlenden Saal sitzen, in dem
alles aus Amethyst ist, auf einem Thron von gelben Rosen und wird mir
die Hand entgegenstrecken, wenn ich hereinkomme, mich begrüßen und
Willkommen rufen, wenn ich mich nähere und niederkniee: Willkommen,
Ritter, bei mir und in meinem Land! Ich habe dich seit zwanzig
Sommern erwartet und in allen hellen Nächten dich gerufen, und wenn
du traurig warst, habe ich hier geweint, und wenn du schliefst, habe
ich dir herrliche Träume eingeatmet.... Und die Schöne nimmt meine
Hand und folgt mir, leitet mich durch lange Gänge, in denen große
Menschenscharen Hurra rufen, durch helle Gärten, in denen dreihundert
junge Mädchen spielen und lachen, in einen anderen Saal hinein, in dem
alles aus leuchtendem Smaragd besteht. Die Sonne flutet herein, durch
Galerien und Gänge schreiten singende Chöre, Ströme von Duft schlagen
mir entgegen. Ich halte ihre Hand in meiner, und ich fühle die wilde
Köstlichkeit der Verzauberung in mein Blut dringen; ich lege meinen Arm
um sie, und sie flüstert: Nicht hier, folge mir weiter! Und wir treten
in den roten Saal, in dem alles Rubin und eine schwellende Herrlichkeit
ist, in die ich versinke. Da fühle ich ihren Arm um mich, sie atmet
in mein Antlitz, flüstert: Willkommen, Geliebter! Küß mich! Mehr....
mehr....
Ich sehe von meiner Bank aus Sterne vor den Augen und meine Gedanken
streichen in einen Orkan von Licht hinein....
Ich war in Schlaf gefallen und wurde vom Schutzmann geweckt. Da saß
ich, unbarmherzig zum Leben und zum Elend zurückgerufen. Mein erstes
Gefühl war ein stupides Erstaunen darüber, mich selbst draußen unter
offnem Himmel zu finden, aber bald wurde dieses von einem bitteren
Mißmut abgelöst, und ich war nahe daran zu weinen, vor Trauer darüber,
noch am Leben zu sein. Es hatte geregnet, während ich schlief. Meine
Kleider waren ganz durchnäßt, und ich fühlte die rauhe Kälte in meinen
Gliedern. Die Dunkelheit war noch dichter geworden, zur Not konnte ich
die Gesichtszüge des Schutzmannes vor mir erkennen.
Soo, sagte er, stehen Sie nun auf!
Ich erhob mich sofort; hätte er mir befohlen, mich wieder hin zu
legen, hätte ich auch gehorcht. Ich war sehr niedergestimmt und ganz
ohne Kraft, dazu kam, daß ich den Hunger fast augenblicklich wieder zu
fühlen begann.
Warten Sie doch ein wenig, Dummkopf! rief der Schutzmann mir nach, Sie
gehen ja ohne Ihren Hut fort. Soo, gehen Sie jetzt!
Mir schien es auch so, als ob ich gleichsam -- gleichsam etwas
vergessen hatte, stammelte ich abwesend. Danke, gute Nacht.
Und ich schwankte weiter.
Wer nun ein wenig Brot hätte! Ein solch herrliches kleines Roggenbrot,
von dem man herunterbeißen konnte, während man durch die Straßen
ging. Und ich ging weiter und stellte mir eben diese besondere Sorte
Roggenbrot vor, von der jetzt so herrlich zu essen gewesen wäre. Ich
hungerte bitterlich, wünschte mich tot und fort, wurde sentimental
und weinte. Mein Elend wollte kein Ende nehmen! Dann blieb ich mit
einem Mal auf der Straße stehen, stampfte auf das Pflaster und fluchte
laut. Was hatte er mich doch geheißen? Dummkopf? Ich werde es diesem
Schutzmann zeigen, was das sagen will, mich einen Dummkopf zu heißen!
Damit kehrte ich um und lief zurück. Ich flammte vor Zorn heiß auf.
Unten in der Straße stolperte ich und fiel, aber ich beachtete es
nicht, sprang wieder auf und lief. Beim Bahnhofsplatz war ich jedoch so
müde geworden, daß ich mich nicht dazu imstande fühlte, bis hinunter
zum Hafen zu gehen; auch hatte mein Zorn während des Laufes abgenommen.
Endlich hielt ich an und holte Atem. War es schließlich nicht ganz
gleichgültig, was solch ein Schutzmann gesagt hatte? -- Ja, aber alles
ließ ich mir doch nicht gefallen! -- Freilich! unterbrach ich mich
selbst, schließlich verstand er es eben nicht besser! -- Und diese
Entschuldigung fand ich zufriedenstellend; ich wiederholte für mich
selbst, daß er es eben nicht besser verstand. Damit kehrte ich wieder
um.
Mein Gott, worauf du auch verfallen kannst! dachte ich zornig; wie
ein Verrückter in solchen regennassen Straßen bei dunkler Nacht
herumzulaufen! -- Der Hunger nagte unerträglich und ließ mich nicht
zur Ruhe kommen. Wieder und wieder schluckte ich Speichel, um mich
auf diese Weise zu sättigen, und es schien, als wolle dies helfen.
Es war nun viele Wochen allzu schmal mit dem Essen für mich gewesen,
bevor es soweit gekommen war, und meine Kräfte hatten in letzter Zeit
bedeutend abgenommen. War ich so glücklich gewesen, ein Fünfkronenstück
durch das eine oder andere Manöver aufzutreiben, wollte dieses Geld
nie so lange reichen, daß ich wieder ganz hergestellt war, ehe eine
neue Hungerzeit über mich hereinbrach. Am schlimmsten war es meinem
Rücken und meinen Schultern ergangen; das leise Bohren in der Brust
konnte ich ja für einen Augenblick bekämpfen, wenn ich hart hustete,
oder wenn ich ordentlich vornübergebeugt ging; aber für den Rücken
und die Schultern wußte ich keinen Rat. Woher kam es nur, daß es gar
nicht heller für mich werden wollte? War ich nicht ebenso berechtigt zu
leben, wie irgendwelch anderer, wie der Antiquarbuchhändler Pascha und
der Dampfschiffexpediteur Hennechen? Hatte ich nicht etwa Schultern wie
ein Riese und zwei starke Arme zur Arbeit, und hatte ich nicht sogar
einen Holzhackerplatz in der Möllerstraße gesucht, um mein tägliches
Brot zu verdienen? War ich träge? Hatte ich mich nicht um Stellen
bemüht und Vorlesungen gehört und Zeitungsartikel geschrieben und Nacht
und Tag wie ein Verrückter studiert und gearbeitet? Und hatte ich nicht
wie ein Geizhals gelebt, von Brot und Milch, wenn ich viel hatte, Brot,
wenn ich wenig hatte, und gehungert, wenn ich nichts hatte? Wohnte ich
im Hotel, hatte ich eine Flucht von Zimmern im ersten Stock? Auf einem
Speicher wohnte ich, in einer Klempnerwerkstatt, aus der Gott und alle
Welt im letzten Winter geflüchtet war, weil es hineinschneite. Ich
konnte mich auf das Ganze durchaus nicht mehr verstehen.
Über all dieses dachte ich im Weitergehen nach, und es war kein Funken
von Bosheit oder Mißgunst oder Bitterkeit in meinen Gedanken.
Bei einem Farbenladen blieb ich stehen und sah durch das Fenster
hinein; ich versuchte die Aufschriften auf einigen hermetischen
Büchsen zu lesen, aber es war dunkel. Ärgerlich auf mich selbst wegen
dieses neuen Einfalles und heftig und zornig darüber, daß ich nicht
herausfinden konnte, was diese Dosen enthielten, klopfte ich ein
Mal ans Fenster und ging weiter. Oben in der Straße sah ich einen
Polizisten, ich beschleunigte meinen Gang, ging dicht bis zu ihm hin
und sagte ohne den geringsten Anlaß:
Es ist zehn Uhr.
Nein es ist zwei Uhr, antwortete er erstaunt.
Nein, es ist zehn, sagte ich. Es ist zehn Uhr. Und stöhnend vor Zorn
trat ich noch ein paar Schritte vor, ballte meine Hand und sagte: Hören
Sie, daß Sie es wissen -- es ist zehn Uhr.
Er stand da und überlegte eine Weile, betrachtete meine Person, starrte
mich verblüfft an. Endlich sagte er ganz still:
Auf jeden Fall ist es an der Zeit, daß Ihr heim geht. Wollt Ihr, daß
ich Euch begleite?
Durch diese Freundlichkeit wurde ich entwaffnet; ich fühlte, daß mir
Tränen in die Augen traten, und ich beeilte mich zu antworten:
Nein, danke! Ich bin nur ein wenig zu lang aus gewesen, in einem Café.
Ich danke Ihnen vielmals.
Er legte die Hand an den Helm, als ich ging. Seine Freundlichkeit hatte
mich überwältigt, und ich weinte, weil ich keine fünf Kronen besaß,
die ich ihm hätte geben können. Ich blieb stehen und sah ihm nach,
während er langsam seinen Weg wandelte, schlug mich vor die Stirn und
weinte heftiger, je weiter er sich entfernte. Ich schalt mich wegen
meiner Armut aus, gab mir Schimpfnamen, erfand verletzende Benennungen,
herrlich rohe Entdeckungen von Scheltworten, mit denen ich mich selbst
überschüttete. Das setzte ich fort, bis ich beinahe ganz zu Hause war.
Als ich an das Tor kam, entdeckte ich, daß ich meine Schlüssel verloren
hatte.
Ja natürlich! sagte ich bitter zu mir selbst, warum sollte ich denn
meine Schlüssel nicht verlieren? Hier wohne ich in einem Haus, in dem
unten ein Stall ist und oben eine Klempnerwerkstatt; das Tor ist in
der Nacht verschlossen und niemand, niemand kann es aufschließen --
warum sollte ich nicht auch noch meine Schlüssel verlieren? Ich war naß
wie ein Hund, ein bißchen hungrig, ein ganz klein wenig hungrig, und
ein wenig lächerlich müde in den Knieen -- warum sollte ich sie auch
nicht verlieren? Warum war denn nicht gleich das ganze Haus nach Aker
verzogen, wenn ich kam und hinein wollte?.... Und ich lachte in mich
hinein, verstockt vor Hunger und Verkommenheit.
Ich hörte die Pferde drinnen im Stall stampfen und konnte meine Fenster
oben sehen; aber das Tor konnte ich nicht öffnen und konnte nicht
hineinschlüpfen. Müde und verbittert beschloß ich daher, zum Hafen
zurückzugehen und nach meinen Schlüsseln zu suchen.
Es hatte wieder angefangen zu regnen, und ich fühlte bereits das Wasser
auf meine Schultern durchdringen. Am Rathaus kam mir mit einem Mal ein
guter Gedanke: ich wollte die Polizei ersuchen, mir das Tor zu öffnen.
Ich wandte mich sofort an einen Schutzmann und bat ihn inständig,
mitzukommen und mir aufzuschließen, wenn er könne.
Hja, wenn er könne, ja! Aber er könne nicht. Er habe keinen Schlüssel.
Die Schlüssel der Polizei seien nicht hier, die seien in der
Detektivabteilung.
Was ich da tun solle?
Hja, ich solle in ein Hotel gehen und dort schlafen.
Aber ich könne wirklich nicht gut ins Hotel gehen; ich hätte kein Geld.
Ich sei aus gewesen, in einem Café, er verstünde doch wohl....
Wir standen eine kleine Weile auf der Treppe des Rathauses. Er
überlegte und bedachte sich und betrachtete mich. Der Regen strömte
draußen nieder.
Dann müssen Sie zum Wachthabenden hineingehen und sich als obdachlos
melden, sagte er.
Als obdachlos? Daran hatte ich nicht gedacht. Ja, Tod und Teufel, das
war eine gute Idee! Und ich dankte dem Schutzmann auf der Stelle für
diesen vorzüglichen Rat. Ob ich ganz einfach hineingehen könne und
sagen, daß ich obdachlos sei?
Ganz einfach!....
Namen? fragte der Wachthabende.
Tangen -- Andreas Tangen.
Ich weiß nicht, warum ich log. Meine Gedanken flatterten aufgelöst
umher und gaben mir mehr Einfälle, als ich verwenden konnte; ich erfand
diesen ferne liegenden Namen im Nu und schleuderte ihn ohne jede
Berechnung heraus. Ich log ohne Notwendigkeit.
Beruf?
Dies hieß mir den Stuhl vor die Türe setzen. Hm. Ich dachte zuerst,
mich zum Spengler zu machen, wagte es aber nicht; ich hatte mir einen
Namen gegeben, den nicht jeder Spengler hat, außerdem trug ich eine
Brille auf der Nase. Da fiel es mir ein, dummdreist zu sein, ich trat
einen Schritt vor und sagte fest und feierlich:
Journalist.
Der Wachthabende gab sich einen Ruck, ehe er schrieb, und großartig,
wie ein obdachloser Staatsrat, stand ich vor der Schranke. Ich erregte
kein Mißtrauen; der Wachthabende konnte es wohl verstehen, daß ich mit
meiner Antwort gezögert hatte. Wie sah dies auch aus, ein Journalist
auf dem Rathaus, ohne Dach über dem Kopf!
Bei welchem Blatt, Herr Tangen?
Beim „Morgenblatt”, sagte ich. Leider bin ich heute abend ein wenig zu
lang aus gewesen....
Ja, davon wollen wir nicht sprechen! unterbrach er mich, und er
fügte mit einem Lächeln hinzu: Wenn die Jugend bummelt, dann....
Wir verstehen. Zu einem Schutzmann gewendet sagte er, indem er sich
erhob und sich höflich vor mir verbeugte: Führen Sie den Herrn in die
reservierte Abteilung hinauf. Gute Nacht.
Ich fühlte es bei meiner eigenen Dreistigkeit kalt über den Rücken
hinunterlaufen, und um mir Mut zu machen, ballte ich im Gehen die Hände.
Das Gas brennt zehn Minuten lang, sagte der Schutzmann noch in der Türe.
Und dann wird es ausgelöscht?
Dann wird es ausgelöscht.
Ich setzte mich auf das Bett und hörte, wie der Schlüssel umgedreht
wurde. Die helle Zelle sah freundlich aus; mir war gut und wohl zumute,
heimisch, und ich lauschte dem Regen draußen mit Wohlbehagen. Ich
konnte mir nichts Besseres wünschen, als solch eine behagliche Zelle!
Meine Zufriedenheit stieg. Auf dem Bett sitzend, den Hut in der Hand
und die Augen auf die Gasflamme an der Wand geheftet, fing ich an,
über die Augenblicke meines ersten Zusammentreffens mit der Polizei
nachzudenken. Dies war das erste Mal gewesen, und wie hatte ich sie
genarrt! Journalist Tangen, wie bitte? Und dann das „Morgenblatt”! Wie
hatte ich den Mann gerade ins Herz getroffen mit dem „Morgenblatt”.
Darüber sprechen wir nicht, was? In Gala bis zwei Uhr im Stiftsgaard
gesessen, den Torschlüssel vergessen und eine Brieftasche mit einigen
Tausend daheim! Führen Sie den Herrn in die reservierte Abteilung
hinauf....
Da verlöscht plötzlich das Gas, ganz wunderbar plötzlich, ohne
abzunehmen, ohne einzuschrumpfen. Ich sitze in einer tiefen Finsternis,
kann meine Hand nicht sehen, nicht die weißen Wände rund um mich,
nichts. Was war da anderes zu tun, als zu Bett zu gehen? Und ich
kleidete mich aus.