ich mich am besten verkriechen könnte, werde so stark von dieser Frage
in Anspruch genommen, daß ich mitten in der Straße stillstehe. Ich
vergesse, wo ich bin, stehe da wie ein einzelnes Seezeichen mitten im
Meer, während die Wasser rings strömen und lärmen. Ein Zeitungsjunge
reicht mir den „Wiking”: Der ist lustig! -- da! Ich sehe auf und fahre
zusammen -- ich bin wieder vor dem Laden von Semb.
Schnell mache ich kehrt, verdecke das Paket mit meinem Körper und eile
die Kirchenstraße hinunter, flau und ängstlich davor, daß man mich
von den Fenstern aus gesehen haben könnte. Ich passiere Ingebret und
das Theater, drehe bei der Loge ab und gehe zum Fjord und zur Festung
hinunter. Wieder setze ich mich auf eine Bank und fange von neuem an zu
spekulieren.
Wie in aller Welt sollte ich heute nacht ein Obdach finden? Gab es
denn kein Loch, in das ich schlüpfen und in dem ich mich verstecken
konnte, bis es Morgen wurde? Mein Stolz verbot mir, in mein Zimmer
zurückzukehren; es konnte mir niemals einfallen, von meinen Worten
abzugehen, ich wies diesen Gedanken mit Ingrimm zurück und lächelte
im stillen überlegen über den kleinen roten Schaukelstuhl. Durch
Ideenassoziationen befand ich mich plötzlich in einem großen
zweifenstrigen Zimmer auf Haegdehaugen, in dem ich einmal gewohnt
hatte; ich sah ein Brett auf dem Tisch, beladen mit einer Menge
von Butterbroten, sie wechselten das Aussehen, sie wurden zu einem
Beefsteak, einem verführerischen Beefsteak, einer schneeweißen
Serviette, Brot in Masse, Silberbesteck. Und die Türe ging auf: meine
Hausfrau kam und bot mir noch einmal Tee an....
Gesichte und Träume! Ich sagte mir: bekäme ich jetzt Essen, würde mein
Kopf wieder verstört werden, ich würde das gleiche Fieber im Gehirn
wieder bekommen und viele wahnsinnige Einfälle, mit denen ich kämpfen
müßte. Ich vertrug kein Essen, ich war nicht so eingerichtet; es war
dies eine Sonderbarkeit an mir, eine Eigenheit.
Vielleicht fand sich Rat für ein Obdach, wenn es auf den Abend zuging.
Es hatte keine Eile; im schlimmsten Fall konnte ich im Wald draußen
einen Platz suchen, ich hatte die ganze Umgebung der Stadt zur
Verfügung, und es gab noch keine Kältegrade.
Die See wiegte sich da draußen in schwerer Ruhe, Schiffe und plumpe,
breitnasige Prahme wühlten Furchen auf in ihrer bleiartigen Fläche,
sprengten Streifen nach rechts und links aus und glitten weiter,
während der Rauch sich wie Daunenbetten aus den Schornsteinen wälzte
und der Kolbenschlag der Maschinen matt durch die feuchtkalte Luft
drang. Es war keine Sonne und kein Wind, die Bäume hinter mir standen
naß, und die Bank, auf der ich saß, war kalt und feucht. Die Zeit ging;
ich wurde schlaftrunken, wurde müde und fror ein wenig über den Rücken
hinab; eine Weile später fühlte ich, daß meine Augen zufallen wollten.
Und ich ließ sie fallen....
Als ich erwachte, war es dunkel um mich herum, ich sprang betäubt
und fröstelnd auf, ergriff mein Paket und begann zu gehen. Ich ging
schneller und schneller, um warm zu werden, schlug mit den Armen,
strich an den Beinen hinunter, die ich beinahe nicht mehr fühlte und
kam zur Brandwache hinauf. Es war neun Uhr; ich hatte mehrere Stunden
geschlafen.
Was jedoch sollte ich mit mir anfangen? Irgendwo mußte ich doch sein.
Ich stehe da und glotze an der Brandwache empor und denke darüber nach,
ob es nicht glücken könnte, in einen der Gänge zu gelangen, -- einen
Augenblick abzupassen, da die Patrouille den Rücken wendet. Ich gehe
die Treppe hinauf und will mich ins Gespräch mit dem Mann einlassen,
er hebt sofort seine Axt zur Ehrenbezeugung und wartet darauf, was ich
sagen werde. Diese erhobene Axt, die mir die Schneide zuwendet, fährt
mir wie ein kalter Hieb durch die Nerven, ich werde angesichts dieses
bewaffneten Mannes stumm vor Schrecken und ziehe mich unwillkürlich
zurück. Ich sage nichts, gleite nur mehr und mehr von ihm weg; um
den Schein zu wahren, fahre ich mir mit der Hand über die Stirne, als
hätte ich das eine oder andere vergessen, und schleiche dann fort. Als
ich mich wieder auf dem Gehsteig befand, fühlte ich mich so erlöst,
als sei ich eben einer großen Gefahr entronnen. Und ich beeilte mich
wegzukommen.
Kalt und hungrig und immer verstörter trieb ich die Karl Johanstraße
hinauf; ich begann ganz laut zu fluchen und kümmerte mich nicht darum,
daß jemand es hören könnte. Unten beim Storting, gleich beim ersten
Löwen, erinnere ich mich plötzlich durch eine neue Ideenassoziation
eines Malers, den ich kannte, eines jungen Menschen, den ich einmal vor
einer Ohrfeige im Tivoli gerettet hatte, und bei dem ich später einmal
zu Besuch gewesen war. Ich knipse mit den Fingern und begebe mich in
die Tordenskjoldstraße hinunter, finde eine Türe, an der C. Zacharias
Bartel auf einer Karte steht, und klopfe an.
Er kam selbst heraus; er roch nach Bier und Tabak, daß es ein Graus war.
Guten Abend! sagte ich.
Guten Abend! Sind Sie es? Nein, warum zum Teufel, kommen Sie so spät?
Es nimmt sich bei Lampenlicht gar nicht gut aus. Ich habe seit dem
letztenmal einen Heuschober dazu gesetzt und ein paar Veränderungen
vorgenommen. Sie müssen es bei Tag sehen, jetzt hat es keinen Sinn.
Lassen Sie es mich trotzdem jetzt sehen! sagte ich; übrigens wußte ich
nicht, von welchem Bild er da sprach.
Ganz ausgeschlossen! antwortete er. Es würde alles gelb! Und dann ist
auch noch etwas anderes im Weg -- er kam flüsternd näher -- ich habe
heute abend ein kleines Mädchen bei mir, so daß es sich rein nicht
machen läßt.
Ja, wenn es sich so verhält, dann kann ja keine Rede davon sein.
Ich zog mich zurück, sagte Gute Nacht und ging.
Es blieb mir wohl kein anderer Ausweg, als irgendwohin in den Wald zu
gehen. Wenn nur der Erdboden nicht so feucht gewesen wäre! Ich klopfte
auf meine Decke und machte mich immer vertrauter mit dem Gedanken,
im Freien schlafen zu müssen. So lange hatte ich mich damit geplagt,
eine Unterkunft in der Stadt zu finden, daß ich des Ganzen müde und
überdrüssig geworden war; es schien mir ein Behagen und ein Genuß, zur
Ruhe zu kommen, mich dem Schicksal überlassen zu dürfen und in den
Straßen dahin zu schlendern, ohne einen Gedanken im Kopf. Ich ging
zur Universitätsuhr und sah, daß es zehn Uhr vorbei war; von dort aus
nahm ich den Weg in die Stadt hinauf. Irgendwo auf Haegdehaugen stand
ich vor einem Lebensmittelladen still, in dessen Fenster verschiedene
Eßwaren aufgestellt waren. Eine Katze lag dort und schlief neben einem
Franzbrot, gleich dahinter stand ein Topf Schmalz und mehrere Gläser
Grütze. Ich stand da und sah eine Weile auf diese Eßwaren, da ich aber
kein Geld besaß, wandte ich mich ab und setzte den Marsch fort. Ich
ging sehr langsam, kam an Majorstuen vorbei, ging weiter, immer weiter,
ging Stunde auf Stunde und kam endlich in den Bogstadwald hinaus.
Hier bog ich vom Weg ab und setzte mich nieder, um auszuruhen. Dann sah
ich mich nach einem passenden Platz um, scharrte ein wenig Heidekraut
und Wacholder zusammen und bereitete mir auf einer kleinen Anhöhe,
wo es einigermaßen trocken war, ein Lager, öffnete mein Paket und
nahm die Decke heraus. Ich war müde und verquält von dem langen Weg
und legte mich gleich schlafen. Ich warf und wandte mich lange hin
und her, bis ich endlich die richtige Lage gefunden hatte; mein Ohr
schmerzte ein bißchen, war von dem Schlag des Mannes auf dem Heuwagen
ein wenig aufgeschwollen, und ich konnte nicht darauf liegen. Meine
Schuhe zog ich aus und legte sie unter den Kopf und auf sie das große
Einwickelpapier.
Und die Dunkelheit brütete rund um mich, alles war still, alles. Aber
in der Höhe oben sauste der ewige Sang, die Luft, das ferne, tonlose
Summen, das niemals schweigt. Ich lauschte so lange auf dieses endlose
kranke Sausen, daß es mich zu verwirren begann; es waren sicherlich
Symphonien von den rollenden Welten über mir, Sterne, die einen Gesang
intonierten....
Das ist doch auch zum Teufel! sagte ich und lachte laut, um mir Mut zu
machen; es sind die Nachteulen in Kanaan.
Und ich stand auf und legte mich wieder hin, zog die Schuhe an und
trieb in der Dunkelheit umher und legte mich von neuem nieder, kämpfte
und stritt mit Zorn und Furcht bis zum Morgendämmern, bis ich endlich
in Schlaf fiel.
* * * * *
Als ich die Augen aufschlug, war es heller Tag, und ich hatte das
Gefühl, daß es bereits auf den Mittag zuginge. Ich zog die Schuhe an,
packte die Decke wieder ein und begab mich zur Stadt zurück. Auch
heute war keine Sonne zu sehen, und ich fror wie ein Hund; meine Beine
waren tot, und das Wasser trat mir in die Augen, als ertrügen sie das
Tageslicht nicht.
Es war drei Uhr. Der Hunger begann einigermaßen schlimm zu werden,
ich war matt und ging dahin und erbrach mich hie und da verstohlen.
Ich schwenkte ab, zur Dampfküche hinunter, las die Tafel und zuckte
aufsehenerregend mit den Schultern, als ob Pökelfleisch und Speck kein
Essen für mich seien; von dort kam ich zum Bahnhofsplatz.
Ein sonderbarer Schwindel fuhr mir mit einem Mal durch den Kopf; ich
ging weiter und wollte nicht darauf achten, es wurde aber schlimmer und
schlimmer, und ich mußte mich zuletzt auf eine Treppe setzen. In meinem
ganzen Gemüt ging eine Veränderung vor sich, als gleite etwas in meinem
Inneren zur Seite oder als reiße ein Vorhang, ein Gewebe, in meinem
Gehirn entzwei. Ich holte ein paarmal Atem und blieb erstaunt sitzen.
Ich war nicht bewußtlos, ich fühlte deutlich, wie es in meinem Ohr von
gestern her ein wenig tobte, und als ein Bekannter vorbeikam, erkannte
ich ihn sofort, stand auf und grüßte.
Was war dies für eine neue qualvolle Empfindung, die nun zu den anderen
hinzukam? War es eine Folge davon, daß ich auf dem bloßen Erdboden
geschlafen hatte? Oder kam es daher, daß ich noch kein Frühstück
bekommen hatte? Im ganzen genommen war es ja auch ein Unsinn, in dieser
Weise zu leben; ich begriff, bei Christi heiligem Leiden, nicht, womit
ich mir diese ausgesuchten Verfolgungen verdient hatte! Und es fiel mir
plötzlich ein, daß ich ebensogut gleich zum Spitzbuben werden und mit
der Bettdecke in den Keller des „Onkels” gehen könne. Ich konnte sie
für eine Krone versetzen und drei richtige Mahlzeiten dafür bekommen,
konnte mich über Wasser halten, bis sich etwas anderes fände; Hans
Pauli würde ich etwas vorschwindeln. Ich war schon auf dem Weg nach dem
Keller, hielt aber vor dem Eingang an, schüttelte zweifelnd den Kopf
und kehrte um.
Mit jedem Schritt, mit dem ich mich entfernte, wurde ich froher und
froher darüber, in dieser schweren Versuchung gesiegt zu haben. Das
Bewußtsein, daß ich ehrlich war, stieg mir zu Kopfe, erfüllte mich mit
dem herrlichen Gefühl, ein Charakter zu sein, ein weißer Leuchtturm in
einem trüben Menschenmeer, auf dem Wracke umherschwammen. Eines andern
Eigentum um einer Mahlzeit willen verpfänden, fressen und saufen, sich
selbst zur Schande, sich ins eigene Gesicht Spitzbube nennen und die
Augen vor sich selbst niederschlagen müssen -- niemals! Niemals! Es war
nicht im Ernst meine Absicht gewesen, es war mir beinahe nicht einmal
eingefallen; lose, jagende Gedankensplitter brauchte man wirklich nicht
zu verantworten, besonders wenn man ein grausames Kopfweh hatte und
sich beinahe zu Tode schleppte an einer Bettdecke, die einem anderen
gehörte.
Es würde sich ganz sicher doch noch ein Ausweg finden, wenn es an der
Zeit war! Da war nun der Kaufmann in Grönlandsleret -- hatte ich ihn
jede Stunde des Tages überlaufen, seit ich ihm das Gesuch gesandt
hatte? spät und früh bei ihm angeläutet, und war ich abgewiesen
worden? Ich hatte ihn so gut wie gar nicht belästigt. Es brauchte
ja kein vollkommen vergeblicher Versuch zu sein, ich hatte dieses
Mal vielleicht das Glück auf meiner Seite; das Glück machte oft so
merkwürdig verschlungene Wege. Und ich begab mich nach Grönlandsleret
hinaus.
Die letzte Erschütterung, die mir durch den Kopf gegangen war, hatte
mich ein wenig matt gemacht, und ich ging äußerst langsam und dachte
an das, was ich dem Kaufmann sagen wollte.... Er war vielleicht eine
gute Seele; wenn ihn die Laune ankam, gab er mir möglicherweise eine
Krone Vorschuß auf die Arbeit, ohne daß ich ihn darum bat. Solche Leute
konnten ab und zu ganz vortreffliche Einfälle haben.
Ich schlich mich in ein Tor und schwärzte meine Hosenkniee mit
Speichel, um ein wenig ordentlich auszusehen, legte meine Decke hinter
eine Kiste in einem dunklen Winkel, überquerte die Straße und trat in
den kleinen Laden ein.
Ein Mann steht da und klebt aus alten Zeitungen Tüten.
Ich möchte gerne Herrn Christie sprechen, sagte ich.
Der bin ich, antwortete der Mann.
Nun! Mein Name sei soundso, ich sei so frei gewesen, ihm ein Gesuch zu
schicken, ich wüßte nicht, ob es mir etwas genützt habe.
Er wiederholte meinen Namen ein paar Mal und begann zu lachen. Nun
passen Sie auf! sagte er und zog meinen Brief aus seiner Brusttasche.
Wollen Sie so freundlich sein und sehen, wie Sie mit Zahlen umgehen,
mein Herr. Sie haben Ihren Brief mit der Jahreszahl 1848 datiert. Und
der Mann lachte aus vollem Hals.
Ja, das sei ja ein wenig arg, sagte ich kleinlaut, eine
Gedankenlosigkeit, eine Zerstreutheit, ich räume das ein.
Sehen Sie, ich muß einen Mann haben, der sich überhaupt nicht mit
Zahlen irrt, sagte er. Ich bedaure es; Ihre Handschrift ist so
deutlich, mir gefiel Ihr Brief auch sonst, aber....
Ich wartete eine Weile; das konnte unmöglich das letzte Wort des Mannes
sein. Er machte sich wieder mit seinen Tüten zu schaffen.
Ja, das sei unangenehm, sagte ich dann, richtig scheußlich unangenehm
sei es; aber es sollte sich natürlich nicht mehr wiederholen, und
dieser kleine Irrtum könne mich doch nicht ganz unbrauchbar machen,
überhaupt Bücher zu führen?
Nein, das sage ich ja nicht, erwiderte er; aber es fiel doch immerhin
so stark für mich ins Gewicht, daß ich mich gleich zu einem anderen
entschlossen habe.
Die Stelle ist also besetzt? fragte ich.
Ja.
Na, Herrgott, so ist ja wohl nichts mehr dabei zu machen!
Nein. Ich bedaure es, aber....
Leben Sie wohl! sagte ich.
Nun stieg der Zorn in mir auf, glühend und brutal. Ich holte mein
Paket im Torweg, biß die Zähne zusammen und rannte auf dem Gehsteig
friedliche Leute an und bat nicht um Entschuldigung. Als ein Herr
stehen blieb und mich wegen meines Betragens ein wenig scharf
zurechtwies, wandte ich mich um und schrie ihm ein einzelnes, sinnloses
Wort ins Ohr, ballte die Hände dicht unter seiner Nase und ging weiter,
von einer blinden Raserei verhärtet, die ich nicht zu zügeln vermochte.
Er rief nach einem Schutzmann und ich wünschte mir nichts lieber, als
einen Schutzmann einen Augenblick zwischen die Hände zu bekommen. Ich
verlangsamte mit Absicht meinen Gang, um ihm Gelegenheit zu geben, mich
einzuholen; aber er kam nicht. Lag nun auch noch irgendein Sinn darin,
daß absolut alle innigsten und eifrigsten Versuche eines Menschen
mißglücken mußten? Weshalb hatte ich nur 1848 geschrieben? Was scherte
mich diese verdammte Jahreszahl? Nun ging ich hier und hungerte, daß
meine Gedärme wie Würmer in mir zusammenkrochen. Und es stand nirgends
geschrieben, daß ich auch nur ein wenig zu essen bekommen sollte, ehe
der Tag zu Ende ginge. Und je länger es dauerte, desto mehr wurde ich
geistig und körperlich ausgehöhlt; ich ließ mich mit jedem Tag zu
weniger und weniger ehrenhaften Handlungen herab. Ich log mich durch,
ohne mich zu schämen, prellte arme Leute um die Miete, kämpfte sogar
mit dem nichtswürdigen Gedanken, mich an anderer Leute Bettdecken
zu vergreifen, alles ohne Reue, ohne schlechtes Gewissen. Verfaulte
Flecken kamen in mein Inneres, schwarze Schwämme, die sich immer mehr
ausbreiteten. Und droben im Himmel saß Gott und hatte ein wachsames
Auge auf mich und sah voraus, daß mein Untergang nach allen Regeln der
Kunst vor sich gehen würde, stetig und langsam, ohne Verstoß gegen das
Zeitmaß. Aber im Abgrund der Hölle gingen die argen Teufel umher und
verschnauften sich vor Ungeduld, weil es so lange dauerte, bis ich eine
Kapitalsünde beging, eine unverzeihliche Sünde, für die mich Gott in
seiner Gerechtigkeit hinabstoßen mußte....
Ich beschleunigte meinen Gang, trieb es zu tollerer und tollerer
Fahrt, machte plötzlich linksum und kam erregt und zornig in ein
helles, geschmücktes Tor. Ich blieb nicht stehen, hielt mich nicht
eine Sekunde auf; aber die ganze, eigentümliche Ausstattung des Tores
drang augenblicklich in mein Bewußtsein ein, jede Unwichtigkeit an den
Türen, den Dekorationen, am Pflaster, stand klar vor meinem inneren
Blick, während ich die Treppen hinaufsprang. Im ersten Stock läutete
ich heftig. Warum mußte ich gerade im ersten Stock anhalten? Und warum
gerade nach diesem Glockenzug greifen, der am weitesten von der Treppe
entfernt war?
Eine junge Dame in grauem Kleid mit schwarzen Verzierungen öffnete die
Tür; sie sah mich eine kleine Weile erstaunt an, darauf schüttelte sie
den Kopf und sagte:
Nein, heute haben wir nichts. Und sie machte Miene, die Türe zu
schließen.
Warum war ich auch gerade auf dieses Menschenkind gestoßen? Sie hielt
mich ohne weiteres für einen Bettler, und ich wurde mit einem Mal kalt
und ruhig. Ich nahm den Hut ab und machte eine ehrerbietige Verbeugung,
als hätte ich ihre Worte nicht gehört, und sagte äußerst höflich:
Ich bitte es zu entschuldigen, Fräulein, daß ich so stark geläutet
habe, ich kannte die Glocke nicht. Hier soll ein kranker Herr wohnen,
der nach einen Mann ausgeschrieben hat, um sich im Rollstuhl fahren zu
lassen?
Sie stand eine Weile und schmeckte an dieser lügenhaften Erfindung und
schien in ihrer Meinung über meine Person im Zweifel zu sein.
Nein, sagte sie zuletzt, nein, hier wohnt kein kranker Herr.
Nicht? Ein älterer Herr, zwei Stunden Fahrzeit am Tag, vierzig Öre für
die Stunde?
Nein.
Dann bitte ich nochmals um Entschuldigung, sagte ich; es ist
vielleicht im Erdgeschoß. Ich wollte nur einen Mann empfehlen, den
ich zufällig kenne, und für den ich mich interessiere. Mein Name ist
Wedel-Jarlsberg. -- Und ich verbeugte mich wieder und trat zurück. Die
junge Dame wurde flammend rot, in ihrer Verlegenheit konnte sie sich
nicht vom Fleck rühren, sondern stand und starrte mir nach, als ich die
Treppe hinunterging.
Meine Ruhe war zurückgekehrt, und mein Kopf war klar. Die Worte der
Dame, daß sie heute nichts für mich hätte, waren wie ein kalter Strahl
gewesen. Soweit war es gekommen, daß jedermann in seinen Gedanken auf
mich deuten und zu sich sagen konnte: Dort geht ein Bettler, einer
von jenen, die ihre Nahrung bei den Leuten durch die Wohnungstüren
hinausgereicht bekommen!
In der Möllerstraße blieb ich vor einer Wirtschaft stehen und
schnupperte nach dem frischen Duft von Fleisch, das drinnen gebraten
wurde; ich hatte die Hand schon auf der Türklinke und wollte, ohne
dort etwas zu tun zu haben, hineingehen, bedachte mich aber noch
rechtzeitig und ging fort. Als ich zum Stortorv kam und nach einem
Platz zum Ausruhen suchte, waren alle Bänke besetzt und ich ging
vergebens rund um die ganze Kirche herum und spähte nach einem stillen
Ort, wo ich mich niederlassen konnte. Natürlich! sagte ich finster zu
mir, natürlich, natürlich! Und ich begann wieder zu gehen. Ich machte
einen Abstecher zum Brunnen an der Basarecke hinunter und trank einen
Schluck Wasser, ging von neuem, schleppte mich Fuß für Fuß vorwärts,
nahm mir Zeit zu langen Pausen vor jedem Schaufenster, blieb stehen
und folgte mit den Augen jedem Wagen, der vorbei kam. Ich fühlte eine
leuchtende Hitze in meinem Kopf und es klopfte seltsam an meinen
Schläfen. Das Wasser, das ich getrunken, bekam mir höchst schlecht, und
ich erbrach mich da und dort in der Straße. So kam ich bis ganz hinauf
zum Christusfriedhof. Ich setzte mich, mit den Ellbogen auf den Knieen
und den Kopf in den Händen; in dieser zusammengezogenen Stellung war
mir wohl, und ich fühlte das schwache Nagen in der Brust nicht mehr.
Ein Steinmetz lag neben mir auf dem Bauch über einer großen
Granitplatte und haute eine Inschrift ein; er hatte eine blaue Brille
auf und erinnerte mich mit einem Mal an einen Bekannten von mir, den
ich beinahe vergessen hatte, einen Mann, der in einer Bank beschäftigt
war, und den ich vor längerer Zeit im Oplandske-Café getroffen hatte.
Könnte ich nur aller Scham den Kopf abbeißen und mich an ihn wenden!
Ihm geradeheraus die Wahrheit sagen; sagen, daß es mir gegenwärtig
ziemlich schlecht ging und es mir sehr schwer wurde, mich am Leben zu
erhalten! Ich könnte ihm mein Barbierabonnement geben .... Tod und
Teufel, mein Barbierbuch! Karten für annähernd eine Krone! Und ich
fasse nervös nach diesem kostbaren Schatz. Als ich es nicht schnell
genug finde, springe ich auf, suche in Angstschweiß gebadet danach,
finde es endlich auf dem Grund der Brusttasche zusammen mit anderen
Papieren, reinen und beschriebenen, ohne Wert. Ich zähle diese sechs
Karten viele Male von vorn und von hinten; ich hatte sie nicht durchaus
notwendig, es konnte ja eine Laune von mir sein, ein Einfall, daß ich
mich nicht mehr rasieren lassen wollte. Mir wäre mit einer halben Krone
geholfen, einer weißen halben Krone aus Silber von Kongsberg! Die
Bank wurde um sechs Uhr geschlossen, ich konnte meinen Mann außerhalb
Oplandske gegen sieben, acht Uhr abpassen.
Ich saß da und freute mich eine lange Weile an diesem Gedanken. Die
Zeit ging, es blies tüchtig in den Kastanien um mich her, und der
Tag neigte sich. War es nun nicht doch ein wenig beschämend, mit
sechs Rasierkarten zu einem jungen Herrn zu kommen, der in einer Bank
angestellt war? Er hatte vielleicht zwei dickvolle Barbierbücher in der
Tasche, viel schönere und reinere Karten als meine eigenen, niemand
konnte dies wissen. Und ich suchte in allen meinen Taschen nach anderen
Dingen, die ich noch mit drein geben könnte, fand aber nichts. Wenn ich
ihm nur meinen Schlips anbieten könnte! Ich konnte ihn gut entbehren,
falls ich den Rock fest zuknöpfte, was ich ohnehin tun mußte, da ich
keine Weste mehr hatte. Ich löste den Schlips, eine große Deckschleife,
die meine halbe Brust versteckte, putzte ihn sorgfältig ab und packte
ihn in ein Stück weißes Schreibpapier mit dem Barbierbuch zusammen ein.
Dann verließ ich den Friedhof und ging hinunter zum Oplandske.
Am Rathaus war es sieben Uhr. Ich bewegte mich in der Nähe des Cafés,
pendelte am Eisengitter entlang auf und nieder und hielt scharfen
Ausguck auf alle, die durch die Türe kamen und gingen. Endlich, gegen
acht Uhr, sah ich den jungen Mann frisch und elegant die Straße
heraufkommen und auf die Türe des Cafés zuschwenken. Mein Herz
flatterte wie ein kleiner Vogel in meiner Brust, als ich ihn zu Gesicht
bekam, und ich stürzte blindlings auf ihn zu, ohne zu grüßen.
Eine halbe Krone, alter Freund! sagte ich und stellte mich frech; hier
-- hier haben Sie Valuta. -- Und ich steckte ihm das Päckchen in die
Hand.
Hab' ich nicht! sagte er, nein, weiß Gott, ob ich sie habe! -- Er
stülpte seinen Geldbeutel vor meinen Augen um. -- Ich war gestern abend
aus und bin blank; Sie dürfen es mir glauben, ich habe nichts.
Nein, nein, mein Lieber, das ist wohl so! antwortete ich und glaubte
seinen Worten. Er hatte ja keinen Grund, wegen einer solchen
Kleinigkeit zu lügen; es kam mir auch so vor, als seien seine blauen
Augen beinahe feucht geworden, da er seine Taschen untersuchte und
nichts fand. Ich zog mich zurück. Entschuldigen Sie nur! sagte ich, ich
war nur in einer kleinen Verlegenheit.
Ich war bereits ein Stück weit die Straße hinuntergekommen, als er mir
wegen des Päckchens nachrief.
Behalten Sie es, behalten Sie es! antwortete ich; es sei Ihnen wohl
vergönnt. Es sind nur ein paar Kleinigkeiten, eine Bagatelle --
ungefähr alles, was ich auf Erden besitze. -- Und ich wurde über meine
eigenen Worte gerührt, die in dem dämmernden Abend so trostlos klangen,
und ich fing zu weinen an.
Der Wind frischte auf, die Wolken jagten rasend am Himmel dahin, und
es ward kühler und kühler, je mehr es dunkelte. Ich ging und weinte
die ganze Straße hinab, fühlte immer mehr Mitleid mit mir selbst und
wiederholte viele Male ein paar Worte, einen Ausruf, der abermals die
Tränen hervortrieb, wenn sie aufhören wollten: Herr, mein Gott, wie
schlecht es mir geht! Herr, mein Gott, wie schlecht es mir geht!