und immer mehr zusammenzusinken schien. Ich weiß nicht, woher ich
den Eindruck bekam, aber es schien mir, als hätte ich niemals einen
unehrlicheren und lasterhafteren Rücken gesehen als diesen, und ich
bereute nicht, daß ich diesen Menschen ausgescholten hatte, bevor er
mich verließ....
Der Tag ging zur Neige, die Sonne sank, in den Bäumen ringsumher fing
es an ein wenig zu sausen, und die Kindermädchen, die ein Stück weiter
weg in Gruppen bei der Balancierstange saßen, begannen ihre Wagen
heimzurollen. Ich war ruhig und wohlgemut. Die Erregung, in der ich
eben gewesen war, legte sich nach und nach, ich fiel zusammen, wurde
schlaff und begann mich schläfrig zu fühlen. Die große Menge Brotes,
die ich gegessen hatte, war mir auch nicht mehr besonders lästig. In
bester Stimmung lehnte ich mich auf der Bank zurück, schloß die Augen
und wurde immer schlaftrunkener, ich schlummerte und war nahe daran,
in festen Schlaf zu fallen, als ein Parkwächter seine Hand auf meine
Schulter legte und sagte:
Sie dürfen hier herinnen nicht schlafen.
Nein, sagte ich und erhob mich sogleich. Und mit einem Schlag stand
meine traurige Lage mir wieder klar und deutlich vor den Augen. Ich
mußte etwas tun, irgend etwas ausfindig machen! Stellungen zu suchen
hatte mir nichts genützt; die Empfehlungen, die ich vorzeigte, waren
alt geworden und schrieben sich von allzu unbekannten Personen her,
um kräftig zu wirken; außerdem hatten die ständigen Absagen während
des ganzen Sommers mich verzagt gemacht. Na -- unter allen Umständen
war meine Miete fällig, und ich mußte einen Ausweg dafür finden. Dann
konnte das übrige einstweilen auf sich beruhen.
Ganz unwillkürlich hatte ich wieder Bleistift und Papier in die Hände
genommen und saß und schrieb mechanisch die Jahreszahl 1848 in alle
Ecken. Wenn jetzt nur ein einziger brausender Gedanke mich gewaltig
erfassen und mir die Worte in den Mund legen wollte! Es war dies doch
früher geschehen; es war wirklich geschehen, daß solche Stunden über
mich gekommen waren, in denen ich ohne Anstrengung ein langes Stück
schreiben und es glänzend durchführen konnte.
Ich sitze hier auf der Bank und schreibe dutzende Male 1848, schreibe
diese Zahl kreuz und quer in allen möglichen Formen und warte darauf,
daß mir eine brauchbare Idee einfalle. Ein Schwarm loser Gedanken
schwirrt in meinem Kopf umher, und die Stimmung des sinkenden Tages
macht mich mißmutig und sentimental. Der Herbst ist gekommen und hat
schon angefangen, alles in Erstarrung zu legen, Fliegen und kleine
Insekten haben den ersten Stoß bekommen, und in den Bäumen und unten
auf der Erde hört man den Laut des kämpfenden Lebens, raschelnd,
sausend, unruhig arbeitend, um nicht zu vergehen. Alles Gewürm
rührt sich noch einmal, streckt seine gelben Köpfe aus dem Moos,
hebt seine Beine, tastet sich mit langen Fäden vor und sinkt dann
plötzlich zusammen, fällt um und wendet den Bauch in die Luft. Jedes
Gewächs hat sein eigenes Gepräge bekommen, einen feinen, hinatmenden
Hauch der ersten Kälte; die Halme starren bleich zur Sonne auf, und
das abfallende Laub zischelt über die Erde mit einem Laut wie von
wandernden Seidenraupen. Es ist die Zeit des Herbstes, es ist mitten
im Karneval der Vergänglichkeit; das Rot der Rosen ist krank, ein
hektischer wunderbarer Schein liegt über der blutroten Farbe.
Ich fühlte mich selbst wie ein kriechendes Tier im Untergang, von der
Zerstörung ergriffen, mitten in dieser schlafbereiten Allwelt. Ich
erhob mich von Schrecken besessen und tat ein paar gewaltsame Schritte
über den Weg. Nein! rief ich und ballte meine beiden Hände, dies muß
ein Ende haben! Und ich setzte mich wieder, nahm wieder den Bleistift
in die Hand und wollte Ernst mit einem Artikel machen. Es konnte gar
nichts nützen, sich nachzugeben, wenn man mit einer unbezahlten Miete
vor Augen dastand.
Langsam begannen meine Gedanken sich zu sammeln. Ich paßte auf und
schrieb sacht und wohlüberlegt ein paar Seiten als eine Einleitung zu
irgend etwas; das konnte ein Anfang zu allem möglichen sein, zu einer
Reiseschilderung, einem politischen Artikel, je nachdem ich es selbst
für gut hielt. Es war ein ganz vortrefflicher Anfang zu allem möglichen.
Dann fing ich an, nach einer bestimmten Frage zu suchen, die ich
behandeln könnte, einen Mann, ein Ding, irgend etwas, worüber ich mich
werfen konnte, aber ich vermochte nichts zu entdecken. Während dieser
fruchtlosen Anstrengungen kam von neuem Unordnung in meine Gedanken,
ich fühlte, wie mein Gehirn förmlich versagte, mein Kopf leer und
leerer wurde, -- er saß leicht und ohne Inhalt auf meinen Schultern.
Ich empfand diese klaffende Leere in meinem Kopf mit dem ganzen Körper,
erschien mir selbst von oben bis unten ausgehöhlt.
Herr, mein Gott und Vater! rief ich vor Schmerz, und ich wiederholte
diesen Ruf in einem Zug mehrere Male, ohne etwas hinzuzufügen.
Der Wind raschelte im Laub, es zogen sich Wolken zusammen. Ich saß
noch eine Weile und starrte verloren auf meine Papiere, legte sie dann
zusammen und steckte sie langsam in die Tasche. Es wurde kühl, und ich
hatte keine Weste mehr; ich knöpfte den Rock bis zum Hals hinauf zu und
steckte die Hände in die Tasche. Dann stand ich auf und ging.
Wenn es mir nur dieses eine Mal geglückt wäre, dieses eine Mal!
Wiederholt hatte mich bereits meine Hauswirtin mit den Augen nach der
Bezahlung gefragt, und ich hatte mich niederducken und mich mit einem
verlegenen Gruß an ihr vorbeischleichen müssen. Ich konnte das nicht
wieder tun; wenn ich das nächste Mal diesen Augen begegnete, würde ich
mein Zimmer aufsagen und ehrlich Rechenschaft ablegen; es konnte auf
die Dauer doch nicht in dieser Weise weitergehen.
Als ich zum Ausgang des Parkes kam, sah ich den alten Zwerg wieder,
den ich mit meiner Raserei in die Flucht gejagt hatte. Das mystische
Zeitungspaket lag weit aufgeschlagen neben ihm, voll von Eßwaren
verschiedener Art, von denen er abbiß. Plötzlich wollte ich gerade auf
ihn zugehen und ihn für mein Betragen um Vergebung bitten, aber seine
Art zu essen stieß mich zurück; die alten Finger, die wie zehn runzlige
Krallen aussahen, umfaßten ekelhaft die fetten Butterbrote, ich fühlte
Würgen und ging an ihm vorbei, ohne ihn anzureden. Er erkannte mich
nicht, seine Augen starrten mich an, trocken wie Horn, und sein Gesicht
verzog keine Miene.
Und ich setzte meinen Weg fort.
Nach Gewohnheit blieb ich vor jeder ausgehängten Zeitung, an der ich
vorbeikam, stehen, um die Bekanntmachungen von ledigen Stellen zu
studieren, und ich war so glücklich, eine zu finden, die ich übernehmen
konnte: Ein Kaufmann im Grönlandsler suchte einen Mann, der ihm
jeden Abend für ein paar Stunden die Bücher führen könnte; Lohn nach
Übereinkunft. Ich notierte mir die Adresse des Mannes und betete im
stillen zu Gott um diesen Platz; ich wollte für die Arbeit weniger
verlangen als irgendein anderer, fünfzig Öre waren reichlich, oder
vielleicht vierzig Öre; ganz gleich, wie es sich eben gab.
Als ich heimkam, lag auf meinem Tisch ein Zettel von meiner Hauswirtin,
worauf sie mich bat, meine Miete im voraus zu bezahlen oder
auszuziehen, sobald ich könnte. Ich möge das nicht ärgerlich aufnehmen,
es sei einzig und allein ein notwendiges Verlangen. Freundschaftlichst
Madam Gundersen.
Ich schrieb ein Gesuch an den Kaufmann Christie im Grönlandsler Nummer
31, legte es in einen Umschlag und brachte es hinunter zum Briefkasten
an der Ecke. Dann ging ich wieder in mein Zimmer hinauf, setzte mich in
den Schaukelstuhl und begann nachzudenken, während das Dunkel dichter
und dichter wurde. Nun fing es an schwierig zu werden, sich über Wasser
zu halten.
* * * * *
Gegen Morgen erwachte ich sehr früh. Es war noch ziemlich dunkel, als
ich die Augen aufschlug, und erst lange danach hörte ich die Uhr in der
Wohnung unter mir fünfmal anschlagen. Ich wollte wieder einschlafen,
aber es gelang mir nicht mehr, ich wurde immer munterer und lag wach
und dachte an tausend Dinge.
Plötzlich fallen mir ein oder zwei gute Sätze ein, zu einer Skizze,
einem Feuilleton, feine sprachliche Glückstreffer, wie ich noch nie
ihresgleichen gefunden hatte. Ich liege da und wiederhole diese Worte
vor mich hin und finde, daß sie ausgezeichnet sind. Bald fügen sich
mehr hinzu, ich werde mit einem Mal vollkommen wach und stehe auf und
greife nach Papier und Bleistift, die auf dem Tisch hinter meinem
Bett liegen. Es war, als sei eine Ader in mir aufgesprungen, ein Wort
folgt dem anderen, die Worte ordnen sich im Zusammenhang, bilden sich
zu Situationen; Szene häuft sich auf Szene, Handlungen und Repliken
quellen in meinem Gehirn auf, und ein wundervolles Behagen erfaßt mich.
Ich schreibe wie ein Besessener und fülle eine Seite nach der anderen,
ohne einen Augenblick Pause. Gedanken kommen so plötzlich über mich und
strömen weiterhin so reichlich, daß ich eine Menge Nebensächlichkeiten
verliere, weil ich sie nicht schnell genug niederschreiben kann, obwohl
ich aus allen Kräften arbeite. Immer noch dringt es auf mich ein, ich
bin von meinem Stoff erfüllt, und jedes Wort, das ich schreibe, wird
mir in den Mund gelegt.
Es dauert, dauert so gesegnet lange, ehe dieser seltsame Augenblick
aufhört; ich habe fünfzehn, zwanzig beschriebene Seiten vor mir auf den
Knieen liegen, als ich endlich anhalte und den Bleistift weglege. War
da nun wirklich irgendein Wert in diesen Papieren, so war ich gerettet!
Ich springe aus dem Bett und kleide mich an. Es wird immer heller, ich
kann die Bekanntmachung des Leuchtfeuerdirektors unten an der Türe
halbwegs unterscheiden, und beim Fenster ist es bereits so hell, daß
ich zur Not zum Schreiben sehen könnte. Und ich mache mich sogleich
daran, meine Papiere reinzuschreiben.
Ein seltsam dichter Dampf von Licht und Farben schlägt aus diesen
Phantasien empor. Überrascht bäume ich vor einem guten Einfall nach
dem anderen zurück und sage zu mir selbst, daß dies das beste sei,
was ich jemals gelesen hätte. Ich werde trunken vor Zufriedenheit,
die Freude bläht mich auf, und ich fühle mich großartig gehoben; ich
wäge meine Schrift in der Hand und taxiere sie auf der Stelle auf
fünf Kronen, nach losem Schätzen. Es würde keinem Menschen einfallen,
bei fünf Kronen zu feilschen, im Gegenteil müßte zugestanden werden,
es wäre ein Raubkauf, dies für fünf Kronen zu erwerben, sofern es auf
die Beschaffenheit des Inhaltes ankam. Ich hatte nicht im Sinn, eine
so eigentümliche Arbeit umsonst herzugeben; soviel ich wußte, fand man
Romane dieser Art nicht auf der Straße. Und ich entschloß mich zu zehn
Kronen.
Es wurde heller und heller im Zimmer, ich warf einen Blick an der Türe
hinunter, und konnte ohne besondere Mühe die feinen, skelettartigen
Buchstaben von Jungfer Andersens Leichenwäsche, rechts im Torweg,
lesen; es war nun auch eine gute Weile vergangen, seit es sieben Uhr
geschlagen hatte.
Ich erhob mich und stellte mich mitten ins Zimmer. Wenn ich alles wohl
überlegte, kam Madam Gundersens Kündigung ziemlich gelegen. Dies war
eigentlich kein Zimmer für mich; hier waren recht simple grüne Vorhänge
an den Fenstern, -- und sonderlich viele Nägel für die Garderobe waren
auch nicht an den Wänden. Der arme Schaukelstuhl dort in der Ecke war
im Grund nur ein Witz von einem Schaukelstuhl, über den man sich leicht
zu Tode lachen konnte. Er war viel zu niedrig für einen erwachsenen
Mann, außerdem war er so eng, daß man sozusagen den Stiefelknecht
brauchte, um wieder herauszukommen. Kurz gesagt, das Zimmer war nicht
dazu eingerichtet, sich darin mit geistigen Dingen zu beschäftigen, und
ich hatte nicht vor, es länger zu behalten. Auf gar keinen Fall wollte
ich es behalten! Ich hatte allzulange geschwiegen und geduldet und es
in diesem Schuppen ausgehalten.
Aufgeblasen von Hoffnung und Zufriedenheit, ständig in Anspruch
genommen von meiner merkwürdigen Skizze, die ich jeden Augenblick aus
der Tasche zog, darin zu lesen, wollte ich sogleich Ernst damit machen
und den Umzug in Gang bringen. Ich nahm mein Bündel hervor, ein rotes
Taschentuch, das ein paar reine Kragen und etwas zusammengeknülltes
Zeitungspapier, in dem ich mein Brot heimgetragen, enthielt, rollte
meine Bettdecke zusammen und steckte meinen Vorrat an weißem
Schreibpapier zu mir. Darauf untersuchte ich der Sicherheit halber
alle Winkel, um mich zu vergewissern, daß ich nichts hinterlassen
hatte, und als ich nichts fand, ging ich zum Fenster und sah hinaus.
Der Morgen war dunkel und naß; es war niemand bei der abgebrannten
Schmiede draußen, und das Waschseil, das sich unten im Hof von Wand zu
Wand spannte, war von der Nässe gestrafft. Ich kannte alles zusammen
von früher, trat deshalb vom Fenster weg, nahm die Decke unter den
Arm, verbeugte mich vor der Bekanntmachung des Leuchtfeuerdirektors,
verbeugte mich vor Jungfer Andersens Leichenwäsche und öffnete die Türe.
Mit einem Mal kam mir meine Wirtin in den Sinn, -- sie mußte doch von
meinem Auszug unterrichtet werden, damit sie sehen konnte, daß sie es
mit einem ordentlichen Menschen zu tun gehabt hatte. Ich wollte ihr
auch für die paar Tage, die ich das Zimmer über die Zeit hinaus benützt
hatte, schriftlich danken. Die Gewißheit, nun für längere Zeit gerettet
zu sein, drang so stark auf mich ein, daß ich meiner Hausfrau sogar
fünf Kronen versprach, wenn ich nächster Tage vorbeikäme; ich wollte
ihr bis zum Übermaß zeigen, was für einen honetten Menschen sie unter
dem Dach gehabt hatte.
Den Zettel hinterließ ich auf dem Tisch.
Abermals hielt ich an der Türe an und kehrte um. Dieses strahlende
Gefühl, nun obenauf zu sein, entzückte mich und machte mich dankbar
gegen Gott und die ganze Welt, und ich kniete beim Bett nieder und
dankte Gott mit lauter Stimme für seine große Güte gegen mich an diesem
Morgen. Ich wußte es, oh, ich wußte es, daß der Rausch von Inspiration,
den ich eben durchlebt und niedergeschrieben hatte, eines wunderbaren
Himmels Tat an meinem Geiste war, eine Antwort auf meinen Notruf von
gestern. Das ist Gott! Das ist Gott! rief ich mir zu, und ich weinte
vor Begeisterung über meine eigenen Worte; dann und wann mußte ich
innehalten und einen Augenblick horchen, ob jemand auf der Treppe
sei. Endlich erhob ich mich und ging; ich glitt lautlos alle diese
Stockwerke hinunter und erreichte ungesehen das Tor.
Die Straßen waren blank vom Regen, der in den Morgenstunden gefallen
war, der Himmel hing rauh und tief über der Stadt, und es war nirgends
ein Sonnenstrahl zu sehen. Wie spät mochte es sein? Ich ging wie
gewöhnlich in der Richtung des Rathauses und sah, daß es halb neun Uhr
war. Ich hatte also noch ein paar Stunden vor mir; es nützte nichts,
vor zehn Uhr, vielleicht elf Uhr, in die Redaktion zu kommen, ich mußte
mich einstweilen herumtreiben und inzwischen spekulieren, wie ich zu
einem kleinen Frühstück gelangen konnte. Ich hatte übrigens keine Angst
davor, an diesem Tag hungrig ins Bett zu gehen; diese Zeiten waren Gott
sei Lob vorüber! Das war ein zurückgelegtes Stadium, ein böser Traum;
von nun an ging es aufwärts!
Indessen wurde mir die grüne Bettdecke beschwerlich; ich konnte
mich auch wirklich nicht mit einem solchen Bündel vor allen Leuten
sehen lassen. Was würde man von mir glauben! Und ich ging weiter und
überlegte, wo ich sie bis auf weiteres aufbewahrt bekommen konnte.
Da fiel mir ein, ich könne damit zu Semb gehen und sie in Papier
einschlagen lassen; dies würde gleich besser aussehen, und es wäre
keine Schande mehr, sie zu tragen. Ich trat in den Laden und trug mein
Verlangen einem der Gehilfen vor.
Er sah zuerst die Decke an, dann mich; es schien mir, daß er im stillen
ein wenig geringschätzig die Schultern zuckte, als er das Paket
entgegennahm. Das verletzte mich.
Tod und Teufel, seien Sie ein bißchen vorsichtig! rief ich. Es sind
zwei teure Glasvasen darin; das Paket soll nach Smyrna.
Das half, das half großartig. Der Mann bat mit jeder Bewegung, die er
machte, um Verzeihung dafür, daß er nicht sofort wichtige Dinge in der
Decke geahnt hatte. Als er mit dem Einpacken fertig war, dankte ich
ihm für die Hilfe wie ein Mann, der schon früher kostbare Sachen nach
Smyrna gesandt hatte; er öffnete mir sogar die Türe, als ich ging.
Ich wanderte unter den Menschen auf dem Stortorv umher und hielt mich
am liebsten in der Nähe der Weiber auf, die Topfpflanzen zu verkaufen
hatten. Die schweren, roten Rosen, die blutig und rot im feuchten
Morgen glommen, machten mich begehrlich, führten mich in Versuchung,
sündhaft rasch eine mitgehen zu lassen, und ich fragte nach dem Preis,
nur um ihnen so nah wie möglich kommen zu können. Würde mir Geld
übrigbleiben, wollte ich sie kaufen, gehe es, wie es wolle; ich konnte
es ja reichlich da und dort an meiner Lebensweise einsparen, um wieder
ins Gleichgewicht zu kommen.
Es wurde zehn Uhr und ich ging zur Redaktion hinauf. Ein Mann, die
Schere genannt, durchwühlt einen Stoß alter Zeitungen, der Redakteur
ist noch nicht gekommen. Auf Aufforderung liefere ich mein großes
Manuskript ab, lasse den Mann ahnen, daß es von mehr als gewöhnlicher
Bedeutung sei, und lege ihm inständig ans Herz, es dem Redakteur
persönlich zu geben, wenn er käme. Ich wolle mir dann später am Tag
selbst den Bescheid holen.
Gut! sagte die Schere und fing wieder mit den Zeitungen an.
Ich fand, daß er es etwas zu ruhig nahm, sagte aber nichts, nickte ihm
nur gleichgültig mit dem Kopf ein wenig zu und ging.
Nun hatte ich Zeit. Wenn es nur aufklaren wollte! Es war ein rein
elendes Wetter, ohne Wind und ohne Frische; die Damen benützten der
Sicherheit halber Regenschirme, und die Wollmützen der Herren sahen
komisch und traurig aus. Ich machte abermals einen Schlag zum Markt
hinüber und sah mir Gemüse und Rosen an. Da fühle ich eine Hand auf
meiner Schulter und wende mich um, die „Jungfer” wünscht mir guten
Morgen.
Guten Morgen? antworte ich fragend, um gleich sein Vorhaben zu
erfahren. Ich hielt nicht viel von der „Jungfer”.
Er sieht neugierig auf das große, nagelneue Paket unter meinem Arm und
fragt:
Was haben Sie da drin?
Ich bin bei Semb gewesen und habe Stoff zu einem Anzug gekauft,
entgegne ich in gleichgültigem Ton; es paßte mir nicht mehr, weiterhin
so schäbig herumzugehen, man kann doch auch zu geizig gegen sein
Äußeres sein.
Er sieht mich an und stutzt.
Wie geht es übrigens? fragt er langsam.
Ja über Erwarten.
Haben Sie nun etwas zu tun?
Etwas zu tun? antworte ich und bin sehr erstaunt; ich bin doch
Buchhalter bei der Großhändlerfirma Christie, ja.
Ach so! sagt er und weicht ein wenig zurück. Du lieber Gott, wie
sehr ich Ihnen das gönne! Wenn man Ihnen nur jetzt das Geld, das Sie
verdienen, nicht abbettelt! Guten Morgen.
Kurz darauf dreht er sich um und kommt zurück; er deutet mit dem Stock
auf mein Paket und sagt:
Ich würde Ihnen meinen Schneider empfehlen. Sie bekommen keinen
feineren Schneider als Isaksen. Sagen Sie nur, daß ich Sie sende.
Was steckte er da seine Nase in meine Sachen? Ging es ihn etwas an,
welchen Schneider ich nahm? Ich wurde zornig; der Anblick dieses
leeren, geputzten Menschen machte mich erbittert, und ich erinnerte ihn
ziemlich brutal an zehn Kronen, die er von mir geliehen hatte. Noch
ehe er antworten konnte, bereute ich jedoch, ihn gemahnt zu haben,
ich wurde flau, und ich sah ihm nicht in die Augen; als im gleichen
Augenblick eine Dame vorbeikam, trat ich schnell zurück, um sie vorüber
zu lassen, und benützte die Gelegenheit, meiner Wege zu gehen.
Was sollte ich nun anfangen, während ich wartete? Ein Café konnte ich
mit leeren Taschen nicht besuchen, und ich wußte keinen Bekannten,
zu dem ich um diese Tageszeit hätte gehen können. Instinktmäßig
schlenderte ich die Stadt hinauf, vertrieb einen Teil der Zeit auf dem
Weg zwischen dem Markte und Graensen, las „Aftenposten”, die soeben an
die Tafel gehängt worden war, machte einen Schwung zur Karl Johanstraße
hinunter, kehrte dann um und ging geradeaus zum Erlöserfriedhof, wo ich
einen ruhigen Platz auf dem Hügel neben der Kapelle fand.
Ich saß dort in aller Stille und döste in der nassen Luft, dachte,
schlief halb und halb und fror. Und die Zeit ging. War es nun auch
gewiß, daß das Feuilleton ein kleines Meisterstück inspirierter Kunst
war? Gott weiß, ob es nicht da und dort seine Fehler hatte! Wenn ich
alles wohl überlegte, brauchte es nicht einmal angenommen zu werden,
nein, nicht einmal angenommen, ganz einfach! Es war vielleicht ziemlich
mittelmäßig, vielleicht geradezu schlecht; welche Sicherheit hatte ich
dafür, daß es nicht schon jetzt in diesem Augenblick im Papierkorb
lag.... Meine Zufriedenheit war erschüttert, ich sprang auf und stürmte
aus dem Kirchhof hinaus.
Unten in der Akerstraße guckte ich in ein Ladenfenster und sah, daß
es erst wenig über zwölf Uhr war. Das machte mich noch verzweifelter.
Ich hatte so sicher gehofft, es sei weit über Mittag, und vor vier
Uhr hatte es keinen Sinn, nach dem Redakteur zu fragen. Das Schicksal
meines Feuilletons erfüllte mich mit dunklen Ahnungen; je mehr ich
daran dachte, desto unwahrscheinlicher kam es mir vor, daß ich so
plötzlich etwas Brauchbares geschrieben haben könnte, beinahe im
Schlaf, das Gehirn voller Fieber und Freude. Natürlich hatte ich mich
selbst betrogen und war den ganzen Morgen über froh gewesen, um nichts
und wieder nichts. Natürlich! .... Ich bewegte mich in raschem Gang den
Ullevaalsweg hinauf, vorbei an St. Hanshaugen, kam auf offene Felder,
in die engen, seltsamen Gassen bei Sagene, über Bauplätze und Äcker und
befand mich zuletzt auf einer Landstraße, deren Ende ich nicht absehen
konnte.
Hier blieb ich stehen und beschloß umzukehren. Ich war von dem Marsch
warm geworden und ging langsam und sehr niedergedrückt zurück. Ich
begegnete zwei Heuwagen, -- die Fuhrleute lagen flach oben auf der Last
und sangen, beide barhäuptig, beide mit runden, sorglosen Gesichtern.
Ich ging weiter und dachte bei mir selbst, daß sie mich anreden würden,
mir die eine oder andere Bemerkung zuwerfen oder mir einen Streich
spielen würden, und als ich ihnen nahe genug gekommen war, rief der
eine mich an und fragte, was ich unter dem Arm trage.
Eine Bettdecke, antwortete ich.
Wieviel Uhr ist es? fragte er.
Ich weiß es nicht genau, ungefähr drei Uhr, glaube ich.
Da lachten die zwei und zogen vorbei. Im selben Augenblick fühlte
ich den Hieb einer Peitsche an meinem einen Ohr. Mein Hut wurde
heruntergerissen. Die jungen Menschen konnten mich nicht vorbeilassen,
ohne mir einen Schabernack anzutun. Ich griff mir wütend ans Ohr,
klaubte den Hut vom Straßengraben auf und setzte meinen Weg fort. Unten
bei St. Hanshaugen begegnete ich einem Mann, der mir sagte, daß es vier
Uhr vorbei sei.
Vier Uhr vorbei! Es war schon vier Uhr vorbei! Ich schritt aus, der
Stadt und der Redaktion zu. Der Redakteur war vielleicht schon lange
dagewesen und war wieder fortgegangen. Ich ging und sprang, stolperte,
stieß gegen Wagen, ließ alle Spaziergänger hinter mir, nahm es mit den
Pferden auf, mühte mich ab wie ein Verrückter, um noch rechtzeitig
hinzukommen. Ich wand mich beim Tor hinein, nahm die Treppe mit vier
Sätzen und klopfte an.
Niemand antwortet.
Er ist fort! Er ist fort! denke ich. Ich versuche die Türe zu öffnen,
sie ist nicht verschlossen, ich klopfe noch einmal an und trete ein.
Der Redakteur sitzt an seinem Tisch, mit dem Gesicht gegen das Fenster
und die Feder in der Hand, bereit zu schreiben. Als er meinen atemlosen
Gruß hört, dreht er sich halb um, sieht mich kurz an, schüttelt den
Kopf und sagt:
Ja, ich habe noch keine Zeit gehabt, Ihre Skizze zu lesen.
Vor Freude darüber, daß er sie dann auf jeden Fall noch nicht abgelehnt
hat, antworte ich:
Nein, mein Lieber, das verstehe ich gut. Es eilt ja auch nicht so. In
ein paar Tagen vielleicht. Oder....?
Ja, ich will sehen. Im übrigen habe ich ja Ihre Adresse.
Und ich vergaß, ihn darüber aufzuklären, daß ich keine Adresse mehr
hatte.
Die Audienz ist vorbei, ich trete, mich verbeugend, zurück und gehe.
Die Hoffnung glüht wieder in mir auf, noch war nichts verloren, im
Gegenteil, ich konnte noch alles gewinnen. Und mein Gehirn begann von
einem großen Rat im Himmel zu fabeln, von dem eben beschlossen worden
war, daß ich gewinnen solle, ganze zehn Kronen gewinnen, für ein
Feuilleton....