+------------------------------------------------------------------+
| Anmerkungen zur Transkription |
| |
| Gesperrter Text ist als _gesperrt_ dargestellt, Kursivschrift |
| als ~kursiv~, und Antiquaschrift als ÷Antiqua÷. |
| Eine Liste der Änderungen befindet sich am Ende des Buchs. |
+------------------------------------------------------------------+
Knut Hamsun / Hunger
[Illustration]
Ein Verzeichnis
der Werke Knut Hamsuns
findet sich am Schluß
des Bandes
Knut Hamsun
Hunger
Roman
Albert Langen / Georg Müller / München
Neue berechtigte Übersetzung von J. Sandmeier
_54. bis 58. Tausend
Copyright 1921 by Albert Langen, München
Printed in Germany_
Erster Abschnitt
Es war in jener Zeit, als ich in Kristiania umherging und hungerte, in
dieser seltsamen Stadt, die keiner verläßt, ehe er von ihr gezeichnet
worden ist.........
Ich lag wach in meiner Dachstube und hörte eine Uhr unter mir sechs Mal
schlagen; es war schon ziemlich hell und die Menschen fingen an, die
Treppen auf und nieder zu steigen. Unten bei der Türe, wo mein Zimmer
mit alten Nummern des „Morgenblattes” tapeziert war, konnte ich ganz
deutlich eine Bekanntmachung des Leuchtfeuerdirektors sehen, und ein
wenig links davon eine fette, geschwollene Anzeige von frischgebackenem
Brot des Bäckers Fabian Olsen.
Sowie ich die Augen aufschlug, begann ich aus alter Gewohnheit
nachzudenken, ob ich heute etwas hätte, worauf ich mich freuen könnte.
In der letzten Zeit war es mir ziemlich schlecht ergangen; eins nach
dem anderen meiner Besitztümer hatte ich zum „Onkel” bringen müssen,
ich war nervös und unduldsam geworden; ein paar Mal mußte ich auch
wegen Schwindels einen Tag lang im Bett bleiben. Hie und da, wenn das
Glück mir günstig war, hatte ich fünf Kronen für ein Feuilleton von
irgendeinem Blatt ergattern können.
Es tagte mehr und mehr, und ich begann, die Anzeigen unten bei der
Türe zu lesen; ich konnte sogar die mageren grinsenden Buchstaben
„Leichenwäsche bei Jungfer Andersen, rechts im Torweg” unterscheiden.
Dies beschäftigte mich eine lange Weile, ich hörte die Uhr unter mir
acht schlagen, bevor ich aufstand und mich anzog.
Ich öffnete das Fenster und sah hinaus. Von meinem Platz aus sah ich
eine Wäscheleine und ein freies Feld; weit draußen lag noch der Schutt
einer abgebrannten Schmiede, den einige Arbeiter forträumten. Ich legte
mich mit den Ellbogen ins Fenster und starrte in die Luft hinaus. Es
wurde ganz gewiß ein heller Tag. Der Herbst war gekommen, die feine,
kühle Jahreszeit, in der alles die Farbe wechselt und vergeht. Der
Lärm in den Straßen hatte schon begonnen und lockte mich ins Freie:
dieses leere Zimmer, dessen Boden bei jedem Schritt, den ich darüber
hinging, auf und nieder schwankte, war wie ein feuchter, unheimlicher
Sarg; kein ordentliches Schloß an der Türe und kein Ofen im Raum. Ich
pflegte in der Nacht auf meinen Strümpfen zu liegen, um sie bis zum
Morgen ein wenig trocken zu bekommen. Das einzige Erfreuliche, was ich
hier hatte, war ein kleiner roter Schaukelstuhl, in dem ich an den
Abenden saß und döste und an allerhand Dinge dachte. Wenn der Wind
stark blies, und die Türen unten offen standen, tönte vielfältiges
seltsames Pfeifen durch den Boden herauf und durch die Wände herein,
und das „Morgenblatt” unten bei der Türe bekam Risse so lang wie eine
Hand.
Ich erhob mich und suchte in einem Bündel in der Ecke beim Bett, ob
noch etwas zum Frühstück darin wäre, fand aber nichts und kehrte wieder
zum Fenster zurück.
Gott weiß, dachte ich, ob es mir jemals etwas nützen wird, nach
einer Beschäftigung zu suchen! Diese vielen Absagen, diese halben
Versprechungen, glatte Nein, genährte und getäuschte Hoffnungen,
neue Versuche, die jedesmal in nichts verliefen, hatten meinen Mut
erdrosselt. Zuletzt hatte ich einen Platz als Kassenbote gesucht,
war aber zu spät gekommen; und außerdem konnte ich nicht die fünfzig
Kronen Sicherheit schaffen. Es gab immer das eine oder andere
Hindernis. Ich hatte mich auch bei der Feuerwehr gemeldet. Wir standen
ein halbes Hundert Mann in der Vorhalle und streckten die Brust
heraus, um den Eindruck von Kraft und großer Kühnheit zu erwecken.
Ein Bevollmächtigter ging umher und besah diese Bewerber, befühlte
ihre Arme und stellte ihnen diese oder jene Frage, und an mir ging
er vorbei, schüttelte nur den Kopf und sagte, daß ich wegen meiner
Brille untauglich sei. Ich kam wieder, ohne Brille, ich stand mit
gerunzelten Brauen da und machte meine Augen so scharf wie Messer, und
der Mann ging wiederum an mir vorbei, und er lächelte, -- er hatte
mich wohl wiedererkannt. Das Schlimmste von allem war, daß meine
Kleider anfingen, schlecht zu werden, und ich mich nirgends mehr als
anständiger Mensch vorstellen konnte.
Wie gleichförmig und regelmäßig war es die ganze Zeit mit mir abwärts
gegangen! Ich stand zuletzt so sonderbar entblößt von allem möglichen
da, ich hatte nicht einmal mehr einen Kamm -- hatte kein Buch mehr,
um darin zu lesen, wenn mir traurig zumute wurde. Den ganzen Sommer
über war ich auf die Kirchhöfe hinaus gegangen oder hinauf in den
Schloßpark, wo ich mich dann hinsetzte und Artikel für die Zeitungen
verfaßte, Spalte auf Spalte, über die verschiedensten Dinge, seltsame
Erfindungen, Launen, Einfälle meines unruhigen Gehirns; in der
Verzweiflung hatte ich oft die entferntesten Themen gewählt, die
mich die Anstrengung langer Stunden kosteten, und die dann niemals
angenommen wurden. Wenn ein Stück fertig war, nahm ich ein neues
in Angriff, und ich ließ mich selten von dem Nein des Redakteurs
niederschlagen; ich sagte ständig zu mir selbst, daß es doch einmal
glücken müsse. Und wirklich, zuweilen, wenn ich das Glück auf meiner
Seite hatte, und das Ganze mir gut geriet, konnte ich fünf Kronen für
die Arbeit eines Nachmittags bekommen.
Ich trat wieder vom Fenster weg, ging zu dem Stuhl, auf dem das
Waschwasser stand, und sprengte ein bißchen Wasser auf meine blanken
Hosenkniee, um sie zu schwärzen und sie ein wenig neuer aussehen zu
machen. Als ich das getan hatte, steckte ich wie gewöhnlich Papier
und Bleistift in die Tasche und ging aus. Um nicht die Aufmerksamkeit
meiner Wirtin zu erwecken, glitt ich sehr leise die Treppe hinunter. Es
waren schon ein paar Tage vergangen, seit meine Miete fällig gewesen,
und ich besaß nun nichts mehr, sie zu zahlen.
Es war neun Uhr. Wagengerassel und Stimmen erfüllten die Luft, ein
ungeheurer Morgenchor, vermischt mit den Schritten der Fußgänger und
dem Knallen der Kutscherpeitschen. Dieses lärmende Treiben überall
belebte mich sofort, und ich begann mich mehr und mehr zufrieden zu
fühlen. Nichts lag meinen Gedanken ferner als nur ein Morgengang in
frischer Luft. Was ging die Luft meine Lungen an? Ich war stark wie
ein Riese und konnte einen Wagen mit meiner Schulter aufhalten. Eine
feine, seltsame Stimmung, das Gefühl der hellen Gleichgültigkeit,
hatte sich meiner bemächtigt. Ich beobachtete die Menschen, die mir
begegneten und an denen ich vorbeiging, las die Plakate an den Wänden,
empfing den Eindruck eines Blickes, der aus einer vorbeifahrenden
Trambahn auf mich fiel, ließ jede Bagatelle in mich eindringen,
alle die kleinen Zufälligkeiten, die meinen Weg kreuzten und wieder
verschwanden....
Wenn man nur ein wenig zu essen bei sich hätte, an einem so hellen
Tag! Der Eindruck des frohen Morgens überwältigte mich, ich wurde
unbändig zufrieden und fing an, ohne einen bestimmten Grund vor Freude
zu summen.... Bei einem Metzgerladen stand eine Frau mit einem Korb am
Arm und spekulierte auf Würste zu Mittag; als ich an ihr vorüberging,
sah sie mich an. Sie hatte nur einen Zahn, und der saß ganz vorne.
Nervös und leicht empfänglich, wie ich in den letzten Tagen geworden
war, machte das Gesicht der Frau sofort einen widerlichen Eindruck auf
mich; der lange, gelbe Zahn sah aus wie ein kleiner Finger, der aus dem
Kiefer ragte, und ihr Blick war noch voll von Wurst, als sie sich zu
mir drehte. Ich verlor mit einem Mal den Appetit und fühlte Würgen. Als
ich zu den Basaren kam, ging ich zum Brunnen hin und trank ein wenig
Wasser; ich sah empor -- auf der Turmuhr der Erlöserkirche war es zehn
Uhr.
Ich ging weiter durch die Straßen, trieb mich umher, ohne mich um
irgend etwas zu bekümmern, blieb grundlos an einer Ecke stehen, bog ab
und ging in eine Seitenstraße, ohne dort etwas zu tun zu haben. Ich
ließ es darauf ankommen, ließ mich durch den frohen Morgen treiben,
wiegte mich sorgenfrei vor und zurück unter anderen glücklichen
Menschen; die Luft war leer und hell, und mein Gemüt war ohne einen
Schatten.
Zehn Minuten lang hatte ich nun beständig einen alten hinkenden Mann
vor mir gehabt. Er trug ein Bündel in der Hand und ging mit seinem
ganzen Körper, arbeitete mit aller Macht, um schnell vorwärts zu
kommen. Ich hörte, wie er vor Anstrengung schnaufte, und es fiel mir
ein, daß ich ihm sein Bündel tragen könnte. Oben in der Graensenstraße
begegnete ich Hans Pauli, der grüßte und vorbeihastete. Weshalb hatte
er solche Eile? Ich hatte durchaus nicht im Sinn, ihn um eine Krone
zu bitten, ich wollte ihm auch in der allernächsten Zeit die Decke
zurücksenden, die ich vor einigen Wochen von ihm geliehen hatte. Sobald
ich ein wenig obenauf gekommen wäre, wollte ich keinem Menschen mehr
eine Decke schuldig sein; vielleicht begann ich schon heute einen
Artikel über die Verbrechen der Zukunft oder über die Freiheit des
Willens, irgend etwas, etwas Lesenswertes, wofür ich mindestens zehn
Kronen bekommen würde.... Und bei dem Gedanken an diesen Artikel fühlte
ich mich mit einem Mal von dem Drang durchströmt, sofort anzufangen und
aus meinem vollen Gehirn zu schöpfen; ich wollte mir einen passenden
Platz im Schloßpark suchen und nicht ruhen, bevor ich den Artikel
fertig hätte.
Aber der alte Krüppel vor mir auf der Straße machte immer noch die
gleichen zappelnden Bewegungen. Es begann zuletzt mich zu ärgern, die
ganze Zeit diesen gebrechlichen Menschen vor mir zu haben. Es schien,
als würde seine Reise nie ein Ende nehmen; vielleicht hatte er sich
zu eben dem gleichen Ort entschlossen wie ich, und ich sollte ihn den
ganzen Weg vor meinen Augen haben. In meiner Erregung schien es mir,
als zögere er bei jeder Querstraße einen Augenblick und warte gleichsam
darauf, welche Richtung ich nehmen würde, worauf er das Bündel wieder
hoch in die Luft schwang und mit äußerster Macht weiterging, um einen
Vorsprung zu bekommen. Ich gehe und sehe auf dieses verquälte Wesen und
werde immer mehr mit Erbitterung erfüllt; ich fühlte, wie es nach und
nach meine helle Stimmung zerstörte und den reinen, schönen Morgen mit
einem Mal mit sich in Häßlichkeit hinunterzog. Er sah wie ein großes
humpelndes Insekt aus, das sich mit Gewalt und Macht zu einem Platz
in der Welt durchschlagen und den Gehsteig für sich allein behalten
wollte. Auf der Höhe angekommen, wollte ich mich nicht mehr länger
dareinfinden. Ich wandte mich einem Schaufenster zu und blieb stehen,
um ihm Gelegenheit zu geben, fortzukommen. Als ich nach Verlauf
einiger Minuten wieder zu gehen anfing, war der Mann wieder vor mir,
auch er war wie angenagelt stillgestanden. Ich machte, ohne mich zu
bedenken, drei, vier rasende Schritte vorwärts, holte ihn ein und
schlug ihn auf die Schulter.
Er hielt mit einem Mal an. Wir starrten beide einander ins Gesicht.
Einen kleinen Schilling für Milch! sagte er endlich und legte den Kopf
auf die Seite.
So, nun war ich schön hereingefallen! Ich suchte in den Taschen und
sagte:
Für Milch, ja. Hm. Es sieht schlecht aus mit Geld in diesen Zeiten, und
ich weiß nicht, wie bedürftig Sie sind.
Ich habe seit gestern in Drammen nichts gegessen, sagte der Mann; ich
besitze nicht einen Ör und habe noch keine Arbeit bekommen.
Sind Sie Handwerker?
Ja, ich bin Nadler.
Was?
Nadler. Übrigens kann ich auch Schuhe machen.
Das ändert die Sache, sagte ich. Warten Sie hier ein paar Minuten, so
werde ich etwas Geld für Sie holen, einige Öre.
In größter Eile ging ich den Pilestraede hinunter, wo ich einen
Pfandleiher im ersten Stock wußte; ich war im übrigen nie vorher bei
ihm gewesen. Als ich ins Tor hineingekommen war, zog ich eiligst meine
Weste aus, rollte sie zusammen und steckte sie unter den Arm; darauf
ging ich die Treppe hinauf und klopfte an die Bude. Ich verbeugte mich
und warf die Weste auf den Ladentisch.
Anderthalb Kronen, sagte der Mann.
Ja ja, danke, antwortete ich. Verhielte es sich nicht so, daß sie mir
zu knapp wird, würde ich mich nicht von ihr trennen.
Ich bekam das Geld und den Schein und begab mich zurück. Es war das im
Grund ein ausgezeichneter Einfall, das mit der Weste; ich würde sogar
Geld zu einem reichlichen Frühstück übrig behalten und bis zum Abend
könnte dann meine Abhandlung über die Verbrechen der Zukunft fertig
sein. Ich begann auf der Stelle das Dasein freundlicher zu finden, und
eilte zu dem Mann zurück, um ihn los zu werden.
Hier bitte! sagte ich zu ihm. Es freut mich, daß Sie sich zuerst an
mich gewandt haben.
Der Mann nahm das Geld und begann mich mit den Augen zu mustern. Was
stand er da und starrte? Ich hatte den Eindruck, daß er besonders meine
Hosenkniee untersuchte, und ich wurde dieser Unverschämtheit müde.
Glaubte der Schlingel, ich sei wirklich so arm, wie ich aussah? Hatte
ich nicht schon sozusagen damit begonnen, an einem Artikel für zehn
Kronen zu schreiben? Überhaupt fürchtete ich nicht für die Zukunft, ich
hatte viele Eisen im Feuer. Was ging es da einen wildfremden Menschen
an, ob ich an einem so hellen Tag ein Trinkgeld fortgab? Der Blick
des Mannes ärgerte mich, und ich beschloß, ihm eine Zurechtweisung zu
geben, bevor ich ihn verließ. Ich zuckte mit den Schultern und sagte:
Mein guter Mann, Sie haben die häßliche Gewohnheit, einem auf die Kniee
zu glotzen, wenn man Ihnen eine Krone gibt.
Er legte den Kopf ganz gegen die Mauer zurück und sperrte den Mund auf.
Hinter seiner Bettlerstirne arbeitete es, er dachte ganz gewiß, daß ich
ihn auf die eine oder andere Weise narren wolle, und er reichte mir das
Geld zurück.
Ich stampfte auf das Pflaster und fluchte, er müsse es behalten.
Bildete er sich ein, daß ich alle die Beschwerlichkeiten für nichts
gehabt haben wollte? Alles in allem genommen schuldete ich ihm
vielleicht diese Krone, ich wäre so beschaffen, daß ich mich einer
alten Schuld erinnerte, er stünde vor einem rechtschaffenen Menschen,
ehrlich bis in die Fingerspitzen. Kurz gesagt, das Geld wäre sein....
Oh, nichts dafür zu danken, es war mir eine Freude. Lebwohl.
Ich ging. Endlich hatte ich diesen gichtbrüchigen Plagegeist aus dem
Weg geschafft und konnte ungestört sein. Ich ging wieder durch den
Pilestraede hinunter und hielt vor einem Lebensmittelladen an. Das
Fenster war voll von Eßwaren, und ich beschloß hineinzugehen und mir
etwas mit auf den Weg zu nehmen.
Ein Stück Käse und ein Franzbrot! sagte ich und schmiß meine halbe
Krone auf den Ladentisch.
Käse und Brot für alles zusammen? fragte die Frau ironisch, ohne mich
anzusehen.
Für die ganzen fünfzig Öre, ja, antwortete ich unbeirrt.
Ich erhielt meine Sachen, sagte äußerst höflich guten Morgen zu der
alten, fetten Frau und begab mich spornstreichs über den Schloßberg
hinauf in den Park. Ich fand eine Bank für mich allein und begann
gierig von meinem Vorrat abzubeißen. Das tat mir gut; es war lange
her, seit ich eine so reichliche Mahlzeit genossen hatte, und ich
fühlte nach und nach die gleiche satte Ruhe in mir, wie man sie nach
langem Weinen empfindet. Mein Mut wuchs stark; es war mir nicht mehr
genug, einen Artikel über etwas so Einfaches und Selbstverständliches
wie die Verbrechen der Zukunft zu schreiben, die außerdem jeder
beliebige selbst erraten, ja sich aus der Geschichte herauslesen
konnte. Ich fühlte mich zu größeren Anstrengungen imstande, ich war
in der Stimmung, Schwierigkeiten zu überwinden, und ich entschloß
mich zu einer Abhandlung in drei Abschnitten über die philosophische
Erkenntnis. Natürlich würde ich Gelegenheit finden, einige von Kants
Sophismen jämmerlich zu zerknicken.... Als ich meine Schreibsachen
herauszog und die Arbeit beginnen wollte, entdeckte ich, daß ich
meinen Bleistift nicht mehr bei mir hatte, ich hatte ihn in der
Pfandleiherbude vergessen, der Bleistift steckte in der Westentasche.
Herrgott, wie doch alles verkehrt ging! Ich fluchte ein paar Mal, erhob
mich von der Bank und trieb in den Wegen auf und ab. Es war überall
sehr still; weit weg, beim Lusthaus der Königin, rollten ein paar
Kindermädchen ihre Wagen umher, sonst war nirgends ein Mensch zu sehen.
Ich war in meinem Innern sehr verbittert und ging wie ein Rasender
vor meiner Bank auf und ab. Wie merkwürdig verkehrt ging es doch in
jeder Beziehung! Ein Artikel in drei Abschnitten sollte an dem simplen
Umstand scheitern, daß ich nicht ein Stück eines Zehnörebleistiftes in
der Tasche hatte! Wenn ich nun wieder in den Pilestraede ginge und mir
meinen Bleistift ausliefern ließe? Es würde trotzdem noch Zeit bleiben,
ein gutes Teil fertig zu bekommen, bis die Spaziergänger anfingen den
Park zu füllen. Es gab auch so vieles, was von dieser Abhandlung über
die philosophische Erkenntnis abhing, vielleicht das Glück vieler
Menschen, niemand konnte das wissen. Ich sagte zu mir selbst, sie könne
vielleicht eine große Hilfe für manchen jungen Menschen werden. Wenn
ich es recht bedachte, wollte ich mich nicht an Kant vergreifen; ich
konnte das ja umgehen, ich brauchte nur eine unmerkliche Schwenkung zu
machen, wenn ich an die Frage von Zeit und Raum käme; aber für Renan
wollte ich nicht einstehen, für den alten Landpfarrer Renan.... Unter
allen Umständen galt es, einen Artikel von so und so vielen Spalten
herzustellen; die unbezahlte Miete, der lange Blick der Wirtin am
Morgen, wenn ich sie auf der Treppe traf, peinigten mich den ganzen Tag
und tauchten sogar in meinen frohen Stunden auf, wenn ich sonst keinen
dunklen Gedanken hatte. Diesem mußte ich ein Ende machen. Ich ging
schnell aus dem Park, um meinen Bleistift beim Pfandleiher zu holen.
Als ich den Schloßhügel hinunterkam, holte ich zwei Damen ein, an
denen ich vorbeiging. Indem ich sie überholte, streifte ich den Ärmel
der einen, ich sah auf, sie hatte ein volles, ein wenig bleiches
Gesicht. Mit einem Mal erglüht sie und wird merkwürdig schön, ich
weiß nicht weshalb, vielleicht wegen eines Wortes, das sie von einem
Vorübergehenden hört, vielleicht nur wegen eines stillen Gedankens bei
sich selbst. Oder sollte es sein, weil ich ihren Arm berührt hatte?
Ihre hohe Brust wogt einige Male heftig, und sie preßt die Hand hart um
den Schirmstock. Was war ihr?
Ich blieb stehen und ließ sie wieder vorausgehen, ich konnte im
Augenblick nicht weitergehen, das Ganze kam mir so sonderbar vor. Ich
war in einer reizbaren Laune, ärgerlich auf mich selbst wegen des
Vorfalls mit dem Bleistift und in hohem Maß erregt von all dem Essen,
das ich mit leerem Magen genossen hatte. Auf einmal nehmen meine
Gedanken durch eine launenhafte Vorstellung eine merkwürdige Richtung,
ich fühle mich von einer seltsamen Lust ergriffen, dieser Dame Angst
zu machen, ihr zu folgen und sie auf irgendeine Weise zu ärgern. Ich
hole sie wieder ein und gehe an ihr vorbei, wende mich plötzlich um und
begegne ihr, Antlitz in Antlitz, um sie zu beobachten. Ich stehe und
sehe ihr in die Augen und erfinde auf der Stelle einen Namen, den ich
niemals gehört hatte, einen Namen mit einem gleitenden, nervösen Laut:
Ylajali. Als sie mir nah genug gekommen war, richte ich mich auf und
sage eindringlich:
Sie verlieren Ihr Buch, Fräulein.
Ich konnte vernehmen, wie mein Herz hörbar schlug, als ich das sagte.
Mein Buch? fragt sie ihre Begleiterin. Und sie geht weiter.
Meine Bosheit nahm zu und ich folgte ihnen. Ich war mir in diesem
Augenblick voll bewußt, daß ich verrückte Streiche beging, ohne daß
ich dagegen etwas hätte tun können; mein verwirrter Zustand ging mit
mir durch und gab mir die wahnsinnigsten Einflüsterungen, denen ich
der Reihe nach gehorchte. Wie sehr ich mir auch vorsagte, daß ich
mich idiotisch benehme, machte ich doch die dümmsten Grimassen hinter
dem Rücken der Dame und hustete einige Male rasend, während ich an
ihr vorbeiging. Auf diese Weise ganz langsam vorwärtsgehend, immer um
einige Schritte im Vorsprung, fühlte ich ihre Augen in meinem Rücken,
und ich duckte mich unwillkürlich nieder vor Scham darüber, sie
belästigt zu haben. Nach und nach hatte ich die seltsame Wahrnehmung,
weit fort zu sein, an anderen Orten, ich hatte halb unbestimmt das
Gefühl, daß gar nicht ich es sei, der hier auf den Steinfliesen ging
und sich niederduckte.
Einige Minuten später ist die Dame zu Paschas Buchladen gekommen.
Ich war bereits beim ersten Fenster stehen geblieben, und als sie
vorbeigeht, trete ich vor und wiederhole:
Sie verlieren Ihr Buch, Fräulein.
Nein, welches Buch? sagt sie ängstlich. Begreifst du, von welchem Buch
er spricht?
Und sie bleibt stehen. Ich ergötze mich grausam an ihrer Verwirrung,
diese Ratlosigkeit in ihren Augen berückt mich. Ihr Denken kann meine
kleine desperate Anrede nicht fassen; sie hat durchaus kein Buch dabei,
nicht ein einziges Blatt eines Buches, und trotzdem sucht sie in ihren
Taschen, sieht sich wiederholt in die Hände, wendet den Kopf und
untersucht die Straße hinter sich, strengt ihr kleines, empfindliches
Gehirn auf das äußerste an, um herauszufinden, von welchem Buch ich
spreche. Ihr Gesicht wechselt die Farbe, hat bald den einen, bald den
andern Ausdruck, und sie atmet hörbar; selbst die Knöpfe an ihrem Kleid
scheinen mich wie eine Reihe erschreckter Augen anzustarren.
Ach laß' ihn doch, sagt ihre Begleiterin und zieht sie am Arm; er ist
ja betrunken; siehst du denn nicht, daß der Mann betrunken ist!
So fremd ich mir in diesem Augenblick auch selbst war, so vollständig
eine Beute unsichtbarer Einflüsse, ging doch um mich herum nichts
vor sich, ohne daß ich es bemerkte. Ein großer brauner Hund sprang
quer über die Straße, gegen die Anlagen zu und hinunter nach Tivoli;
er hatte ein schmales Halsband aus Neusilber um. Weiter oben in der
Straße wurde im ersten Stock ein Fenster geöffnet, und ein Mädchen mit
aufgestülpten Ärmeln lehnte sich heraus und begann die Scheiben auf der
Außenseite zu putzen. Nichts entging meiner Aufmerksamkeit, ich war
klar und geistesgegenwärtig, alle Dinge strömten mit einer leuchtenden
Deutlichkeit auf mich ein, als verbreitete sich plötzlich ein starkes
Licht um mich her. Die Damen vor mir hatten beide blaue Vogelflügel auf
dem Hut und schottische Seidenbänder um den Hals. Es schien mir, daß es
Schwestern seien.
Sie bogen ab und hielten bei Cislers Musikalienhandlung an und sprachen
zusammen. Auch ich blieb stehen. Darauf kamen sie zurück, nahmen den
gleichen Weg, den sie gekommen waren, gingen wieder an mir vorbei,
schwenkten um die Ecke bei der Universitätsstraße und gingen direkt
hinauf zum Sankt Olafsplatz. Ich war ihnen die ganze Zeit so dicht auf
den Fersen, wie ich nur wagte. Einmal wandten sie sich um und sandten
mir einen halb erschreckten, halb neugierigen Blick zu, und ich sah in
ihren Mienen keinen Unwillen und keine gerunzelten Brauen. Diese Geduld
mit meinen Belästigungen machte mich sehr beschämt, und ich schlug
die Augen nieder. Ich wollte ihnen nicht länger zum Verdruß sein, ich
wollte aus reiner Dankbarkeit ihnen nur mit den Augen folgen, sie nicht
aus dem Gesicht verlieren, ganz, bis sie irgendwo hineingehen und
verschwinden würden.
Vor Nummer 2, einem großen dreistöckigen Haus, wandten sie sich noch
einmal um, dann traten sie ein. Ich lehnte mich an einen Laternenpfahl
beim Springbrunnen und lauschte ihren Schritten auf der Treppe nach;
sie erstarben im ersten Stock. Ich trete vom Licht weg und sehe am
Haus hinauf. Da geschieht etwas Sonderbares, die Vorhänge bewegen sich
hoch oben, einen Augenblick später wird ein Fenster geöffnet, ein Kopf
schaut heraus, und zwei seltsam blickende Augen ruhen auf mir. Ylajali!
sagte ich halblaut und fühlte, daß ich rot wurde. Warum rief sie nicht
um Hilfe? Warum stieß sie nicht an einen der Blumentöpfe, so daß er mir
auf den Kopf fiel, oder schickte jemand herunter, um mich wegzujagen?
Wir stehen da und sehen einander in die Augen, ohne uns zu rühren; das
dauert eine Minute. Gedanken schießen zwischen dem Fenster und der
Straße hin und her, und kein Wort wird gesagt. Sie wendet sich um, es
gibt mir einen Ruck, einen zarten Stoß durch den Sinn; ich sehe eine
Schulter, die sich dreht, einen Rücken, der ins Zimmer verschwindet.
Dieses langsame Weggehen vom Fenster, die Betonung in dieser Bewegung
mit der Schulter, war wie ein Nicken zu mir; mein Blut vernahm diesen
feinen Gruß, und ich fühlte mich im selben Augenblick wunderbar froh.
Dann kehrte ich um und ging die Straße hinunter.
Ich wagte nicht zurückzusehen und wußte nicht, ob sie abermals ans
Fenster gekommen war; ich wurde immer unruhiger und nervöser, je mehr
ich diese Frage überlegte. Vermutlich stand sie in diesem Augenblick am
Fenster und verfolgte genau meine Bewegungen, und sich so von hinten
beobachtet zu wissen, war in keiner Weise auszuhalten. Ich straffte
mich auf, so gut ich konnte und ging weiter; es begann in meinen Beinen
zu zucken, mein Gang wurde unsicher, weil ich ihn mit Absicht schön
machen wollte. Um ruhig und gleichgültig zu scheinen, schlenkerte ich
sinnlos mit den Armen, spuckte auf die Straße und streckte die Nase in
die Luft; aber nichts half. Ich fühlte ständig die verfolgenden Augen
in meinem Nacken, es lief mir kalt durch den Körper. Endlich rettete
ich mich in eine Seitenstraße, von wo ich den Weg zum Pilestraede
hinunter nahm, um meinen Bleistift zu holen.
Es machte mir keine Mühe, ihn zurückzuerhalten. Der Mann brachte mir
die Weste selbst und bat mich, gleich alle Taschen zu untersuchen; ich
fand auch ein paar Pfandscheine, die ich zu mir steckte, und dankte dem
freundlichen Mann für sein Entgegenkommen. Er nahm mich mehr und mehr
für sich ein, es war mir im selben Augenblick sehr darum zu tun, diesem
Menschen einen besonders guten Eindruck von mir zu geben. Ich wandte
mich zur Türe und kehrte wieder zum Ladentisch zurück, als hätte ich
etwas vergessen; ich glaubte ihm eine Erklärung schuldig zu sein, eine
Auskunft, und ich begann zu summen, um ihn aufmerksam zu machen. Dann
nahm ich den Bleistift in die Hand und hielt ihn in die Luft.
Es könne mir nicht einfallen, sagte ich, weite Wege wegen irgendeines
beliebigen Bleistiftes zu gehen; mit diesem hier aber sei es eine
andere Sache, eine eigene Sache. So gering er auch aussah, hatte dieser
Bleistiftstumpf mich schlechthin zu dem gemacht, was ich in der Welt
war, hatte mich sozusagen auf meinem Platz im Leben gestellt....
Mehr sagte ich nicht. Der Mann kam ganz nahe zum Ladentisch her.
Soso? meinte er und sah mich neugierig an.
Mit diesem Bleistift, fuhr ich kaltblütig fort, habe ich meine
Abhandlung in drei Bänden über die philosophische Erkenntnis
geschrieben. Ob er nicht davon reden gehört habe?
Und dem Mann schien es wirklich, daß er den Namen, den Titel gehört
habe.
Ja, sagte ich, das sei von mir, das! Da dürfe es ihn schließlich nicht
wundern, wenn ich dieses kleine Ende von einem Bleistift zurückhaben
wolle. Es habe allzu großen Wert für mich, es sei mir beinahe wie ein
kleiner Mensch. Übrigens sei ich ihm für sein Wohlwollen aufrichtig
dankbar, und ich wolle mich seiner dafür erinnern -- doch, doch, ich
wolle mich wirklich dafür seiner erinnern; ein Mann ein Wort, so sei
ich, und er verdiene es. Lebwohl.
Ich ging mit einer Haltung zur Türe, als könnte ich ihn in einer hohen
Stellung unterbringen. Der freundliche Pfandleiher verbeugte sich
zweimal vor mir, als ich mich entfernte, und ich wandte mich noch
einmal um und sagte Lebwohl.
Auf der Treppe begegnete ich einer Frau, die eine Reisetasche in
der Hand trug. Sie drückte sich ängstlich zur Seite, um mir Platz
zu machen, weil ich mich so aufblies, und ich griff unwillkürlich
in die Tasche, wollte ihr etwas geben; als ich nichts fand, wurde
ich herabgestimmt, und ich ging mit gesenktem Kopf an ihr vorbei.
Kurz darauf hörte ich, daß auch sie an die Bude klopfte; es war ein
Drahtgitter an der Tür, ich erkannte sogleich den klirrenden Laut
wieder, den es von sich gab, wenn eines Menschen Knöchel es berührte.
Die Sonne stand im Süden, es war ungefähr zwölf Uhr. Die Stadt fing
an auf die Beine zu kommen, die Promenadezeit näherte sich, und
grüßendes und lachendes Volk wogte in der Karl Johanstraße auf und
nieder. Ich drückte die Ellbogen an die Seite, machte mich klein und
schlüpfte unbemerkt an einigen Bekannten vorbei, die eine Ecke bei der
Universität in Beschlag genommen hatten, um die Vorübergehenden zu
betrachten. Ich wanderte den Schloßberg hinauf und fiel in Gedanken.
Diese Menschen -- leicht und lustig wiegten sie ihre hellen Köpfe
und schwangen sich durch das Leben wie durch einen Ballsaal! In
keinem einzigen Auge war Sorge, keine Bürde auf irgendeiner Schulter,
vielleicht nicht ein einziger trüber Gedanke, nicht eine einzige
kleine heimliche Pein in einem dieser fröhlichen Gemüter. Und ich ging
hier dicht neben diesen Menschen, jung und vor kurzem erschlossen,
und ich hatte schon vergessen, wie das Glück aussah. Ich liebkoste
diesen Gedanken bei mir selbst und fand, daß mir ein grausames Unrecht
geschehen war. Warum waren die letzten Monate so merkwürdig hart gegen
mich gewesen? Ich kannte meinen hellen Sinn nicht wieder. An allen
Ecken und Enden litt ich an den sonderbarsten Plagen. Ich konnte
mich nicht einmal allein auf irgendeine Bank setzen oder meinen Fuß
irgendwohin bewegen, ohne von kleinen, bedeutungslosen Zufälligkeiten
überfallen zu werden, von jämmerlichen Bagatellen, die sich in meine
Vorstellungen eindrängten und meine Kräfte in alle Winde zerstreuten.
Ein Hund, der an mir vorbeistrich, eine gelbe Rose im Knopfloch eines
Herrn, konnten meine Gedanken in Schwingungen versetzen und mich für
längere Zeit beschäftigen. Was fehlte mir? Hatte der Finger des Herrn
auf mich gedeutet? Aber warum gerade auf mich? Warum nicht ebensogut
auf einen Mann in Südamerika, wenn es schon so sein mußte? Überlegte
ich die Sache recht, wurde es mir immer unbegreiflicher, daß gerade ich
zum Probierstein für die Laune der Gnade Gottes ausersehen sein sollte.
Es war dies eine höchst eigentümliche Art vorzugehen, eine ganze Welt
zu überspringen, um mich zu erreichen; der Antiquarbuchhändler Pascha
und der Dampfschiffexpediteur Hennechen waren doch auch noch da.
Ich ging weiter und prüfte diese Sache und wurde nicht fertig mit ihr;
ich fand die gewichtigsten Einwände gegen diese Willkür des Herrn,
mich die Schuld aller entgelten zu lassen. Sogar nachdem ich eine Bank
gefunden und mich niedergesetzt hatte, fuhr diese Frage fort, mich zu
beschäftigen und mich zu hindern, an andere Dinge zu denken. Seit dem
Tag im Mai, da meine Widerwärtigkeiten begonnen hatten, konnte ich
ganz deutlich eine allmählich zunehmende Schwäche bemerken, ich war
gleichsam zu matt geworden, um mich dahin zu steuern und zu leiten,
wohin ich wollte. Ein Schwarm von kleinen schädlichen Tieren hatte
sich in mein Inneres gedrängt und mich ausgehöhlt. Wie, wenn nun Gott
geradezu im Sinn hätte, mich ganz zu zerstören? Ich stand auf und trieb
vor meiner Bank hin und her.
Mein ganzes Wesen befand sich in diesem Augenblick im höchsten Grad
der Pein; ich hatte sogar in den Armen Schmerzen und konnte es kaum
ertragen, sie auf gewöhnliche Art zu halten. Auch von meiner letzten
schweren Mahlzeit her fühlte ich ein starkes Unbehagen, ich war
übersättigt und erregt und spazierte auf und ab, ohne aufzusehen; die
Menschen, die um mich her waren, kamen und glitten an mir vorbei wie
Schatten. Schließlich wurde meine Bank von ein paar Herren besetzt, die
ihre Zigarren anzündeten und laut schwätzten. Ich geriet in Zorn und
wollte sie anreden, kehrte aber um und ging ganz hinüber zur anderen
Seite des Parkes, wo ich eine andere Bank fand. Ich setzte mich.
Der Gedanke an Gott begann mich wieder in Anspruch zu nehmen. Ich
fand es höchst unverantwortlich von ihm, mir jedesmal in den Weg zu
treten, wenn ich einen Posten suchte, und alles zu zerstören, obwohl
es doch nur die Nahrung des Tages war, um die ich bat. Ich hatte es
ganz deutlich bemerkt, immer wenn ich längere Zeit hungerte, war es
gleichsam, als rinne mein Gehirn langsam aus dem Kopf, und als würde
er leer. Das Haupt wurde leicht und abwesend, ich fühlte seine Schwere
nicht mehr auf meinen Schultern, und ich hatte das Gefühl, daß meine
Augen allzuweit geöffnet glotzten, wenn ich jemand ansah.
Ich saß da auf der Bank und dachte über all dieses nach und wurde
immer bitterer gegen Gott wegen seiner andauernden Quälereien. Wenn er
glaubte, mich näher an sich zu ziehen und mich besser zu machen, indem
er mich peinigte und mir Widerstand auf Widerstand in den Weg legte,
griff er ein wenig fehl, das konnte ich ihm versichern. Und ich sah zum
Himmel auf, weinend fast vor Trotz, und sagte ihm das im stillen ein
für allemal.
Bruchstücke meines Kinderglaubens kamen mir ins Gedächtnis, der Tonfall
der Bibel sang in meinen Ohren, ich sprach leise mit mir selbst und
legte den Kopf spöttisch auf die Seite. Weshalb bekümmerte ich mich
darum, was ich fressen sollte, was ich saufen sollte, und in was ich
diesen elenden Madensack, meinen irdischen Leib genannt, kleiden
sollte? Hatte nicht mein himmlischer Vater für mich gesorgt wie für
die Sperlinge unter dem Himmel und mir die Gnade erwiesen, auf seinen
geringen Diener zu deuten? Gott hatte seinen Finger in mein Nervennetz
gesteckt und behutsam, ganz obenhin, ein wenig Unordnung in die Drähte
gebracht. Und Gott hatte seinen Finger zurückgezogen und siehe, es
waren Fäden, feine Wurzelfäden von den Fasern meiner Nerven an dem
Finger. Und es blieb ein offenes Loch von seinem Finger zurück, der
Gottes Finger war, und Wunden blieben in meinem Gehirn von den Wegen
seines Fingers. Aber als Gott mich mit dem Finger seiner Hand berührt
hatte, entließ er mich und berührte mich nicht mehr und ließ mir nichts
Böses widerfahren. Vielmehr durfte ich in Frieden gehen und durfte mit
dem offenen Loch gehen. Und nichts Böses widerfährt mir von Gott, der
der Herr ist, in alle Ewigkeit....
Stöße von Musik wurden vom Wind aus dem Studentenhain zu mir
heraufgetragen, es war also zwei Uhr vorbei. Ich zog meine Papiere
hervor und versuchte etwas zu schreiben, gleichzeitig fiel mein
Barbierabonnement aus der Tasche. Ich öffnete es und zählte die
Blätter, es waren noch sechs Karten übrig. Gott sei Dank! sagte ich
unwillkürlich; ich konnte mich noch einige Wochen rasieren lassen und
anständig aussehen! Und gleich kam ich in eine bessere Gemütsstimmung
durch dieses kleine Eigentum, das ich noch besaß; ich glättete die
Karten sorgfältig und verwahrte das Buch in der Tasche.
Aber schreiben konnte ich nicht. Nach ein paar Linien wollte mir nichts
mehr einfallen; meine Gedanken waren anderswo, ich konnte mich zu
keiner bestimmten Anstrengung aufraffen. Alle Dinge wirkten auf mich
ein und zerstreuten mich, alles, was ich sah, gab mir neue Eindrücke.
Fliegen und kleine Mücken setzten sich auf dem Papier fest und störten
mich; ich blies sie an, um sie weg zu bringen, blies fester und fester,
aber ohne Erfolg. Die kleinen Biester legen sich nach hinten, machen
sich schwer und kämpfen dagegen an, so daß ihre dünnen Beine sich
ausbauchen. Sie sind durchaus nicht vom Fleck zu bringen. Sie finden
immer etwas, um sich daran festzuhaken, stemmen die Fersen gegen ein
Komma oder eine Unebenheit im Papier und stehen unverrückbar still, bis
sie selbst es für gut finden, ihren Weg zu gehen.
Eine Zeitlang fuhren diese kleinen Untiere fort, mich zu beschäftigen,
ich legte die Beine übers Kreuz und ließ mir gute Weile, sie
zu beobachten. Mit einem Mal schmetterten ein oder zwei hohe
Klarinettentöne aus den Anlagen zu mir herauf und gaben meinen
Gedanken einen neuen Anstoß. Mißmutig darüber, daß ich meinen Artikel
nicht zustande bringen konnte, steckte ich die Papiere wieder in die
Tasche und lehnte mich auf der Bank zurück. In diesem Augenblick ist
mein Kopf so klar, daß ich die feinsten Gedanken denken kann, ohne
zu ermüden. Während ich in dieser Stellung liege und meine Blicke
über Brust und Beine hinuntergleiten lasse, bemerke ich die zuckende
Bewegung, die mein Fuß bei jedem Pulsschlag macht. Ich richte mich
halb auf und sehe auf meine Füße nieder, und ich durchlebe in dieser
Zeitspanne eine phantastische und fremde Stimmung, die ich niemals
früher gefühlt hatte. Es gab mir einen feinen und wunderbaren Ruck
durch die Nerven, wie wenn Schauer von Licht sie durchzuckten. Als
ich die Blicke auf meinen Schuhen weilen ließ, war es, als hätte ich
einen guten Bekannten getroffen oder einen losgerissenen Teil meiner
selbst zurückerhalten; ein Gefühl des Wiedererkennens durchzittert
meine Sinne, die Tränen kommen mir in die Augen, und ich empfinde
meine Schuhe wie einen leise sausenden Ton, der auf mich eindringt.
Schwachheit! sagte ich hart zu mir selbst, ich ballte die Hände und
sagte: Schwachheit. Ich nannte mich selbst einen Narren wegen dieser
lächerlichen Gefühle, hielt mich mit vollem Bewußtsein zum besten;
ich sprach sehr streng und verständig und kniff die Augen heftig
zusammen, um die Tränen zurückzudrängen. Als ob ich nie zuvor meine
Schuhe gesehen hätte, beschäftige ich mich jetzt damit, ihr Aussehen
zu studieren, ihre Mimik, wenn ich den Fuß bewege, ihre Form und die
abgenützten Oberteile, und ich entdecke, daß die Falten und weißen
Nähte ihnen Ausdruck verleihen, ihnen Physiognomie geben. Es war etwas
von meinem eigenen Wesen in diese Schuhe übergegangen, sie wirkten auf
mich wie ein Hauch gegen mein Ich, ein atmender Teil meiner selbst....
Ich saß da und fabelte mit diesen Wahrnehmungen eine lange Weile,
vielleicht eine ganze Stunde. Ein kleiner alter Mann kam und nahm das
andere Ende meiner Bank ein; während er sich setzte, schnaufte er ein
über das andere Mal schwer und sagte:
Ja ja ja ja ja ja ja ja ja ja, so ist's!
Sowie ich seine Stimme hörte, war es mir, als fege ein Wind durch
meinen Kopf, ich ließ die Schuhe Schuhe sein, und es kam mir bereits so
vor, als ob die verwirrte Gemütsstimmung, die ich eben erlebt hatte,
sich aus einer längst entschwundenen Zeit herschriebe, vielleicht
ein Jahr oder zwei zurückläge und sachte im Begriff sei, aus meiner
Erinnerung ausgewischt zu werden. Ich setzte mich zurecht, um den Alten
anzusehen.
Was ging er mich an, dieser kleine Mann? Nichts, nicht das geringste!
Nur, daß er eine Zeitung in der Hand hielt, eine alte Nummer mit dem
Anzeigenteil nach außen, in der irgend etwas eingepackt zu sein schien.
Ich wurde neugierig und konnte meine Augen nicht von der Zeitung
losbringen; ich bekam die wahnsinnige Idee, dies könne eine besonders
merkwürdige Zeitung sein, einzig dastehend in ihrer Art; meine Neugier
stieg, und ich begann auf der Bank hin und her zu rutschen. Es konnten
Dokumente sein, gefährliche Akten, aus einem Archiv gestohlen. Und es
schwebte mir etwas von einem heimlichen Traktat vor, einer Verschwörung.
Der Mann saß still und dachte. Weshalb trug er auch seine Zeitung nicht
wie jeder andere Mensch eine Zeitung trägt, mit dem Titel nach außen?
Was war das für eine Hinterlistigkeit? Er sah nicht so aus, als wolle
er sein Paket aus der Hand lassen, nicht um alles in der Welt, er wagte
vielleicht nicht einmal es seiner eigenen Tasche anzuvertrauen. Ich
hätte mein Leben verwetten mögen, daß da etwas dahintersteckte.
Ich sah in die Luft. Gerade dies, daß es so unmöglich war, in diese
mystische Sache einzudringen, machte mich vor Neugierde ganz verstört.
Ich kramte in meinen Taschen nach irgend etwas, das ich dem Mann hätte
geben können, um ins Gespräch mit ihm zu kommen und erwischte mein
Barbierabonnement, steckte es aber wieder ein. Plötzlich kam es mir
in den Sinn, äußerst frech zu sein, ich schlug mir auf meine leere
Brusttasche und sagte:
Darf ich Ihnen eine Zigarette anbieten?
Danke, der Mann rauchte nicht, er hatte damit aufhören müssen, um seine
Augen zu schonen, er war beinahe blind. Übrigens vielen Dank!
Ob es lange her sei, daß seine Augen Schaden gelitten hatten? Dann
könne er vielleicht auch nicht lesen? Nicht einmal Zeitungen?
Nicht einmal Zeitungen, leider!
Der Mann sah mich an. Die kranken Augen hatten beide ein dünnes
Häutchen, das ihnen ein glasartiges Aussehen gab, sein Blick wurde weiß
und machte einen widerlichen Eindruck.
Sie sind fremd hier? sagte er.
Ja. -- Ob er nicht einmal den Titel der Zeitung lesen könne, die er in
der Hand halte?
Kaum. -- Übrigens hätte er sofort gehört, daß ich fremd sei; es sei
etwas in meinem Tonfall, das ihm das sage. Dazu brauche es wenig, er
höre so gut; in der Nacht, wenn alle schliefen, könne er die Menschen
im Nebenzimmer atmen hören.... Was ich sagen wollte, wo wohnen Sie?
Mit einem Mal stand eine Lüge fertig in meinem Kopf. Ich log
unfreiwillig, ohne Vorsatz und ohne Hintergedanken, ich antwortete:
Auf dem Sankt Olafsplatz, Nummer 2.
Wirklich? Der Mann kannte jeden Pflasterstein auf dem Sankt Olafsplatz.
Dort sei ein Springbrunnen, seien einige Laternenpfähle, ein paar
Bäume, er erinnerte sich des Ganzen.... Welche Nummer haben Sie?
Ich wollte ein Ende machen und erhob mich, von meiner fixen Idee mit
der Zeitung zum Äußersten getrieben. Das Geheimnis sollte aufgeklärt
werden, koste es, was es wolle.
Wenn Sie diese Zeitung nicht lesen können, warum ....
Nummer 2, sagten Sie doch? fuhr der Mann fort, ohne meine Unruhe zu
beachten. Ich kannte seinerzeit alle Menschen in Nummer 2. Wie heißt
Ihr Hausherr?
Um ihn los zu werden, erfand ich in Eile einen Namen, bildete diesen
Namen im Augenblick und schleuderte ihn heraus, um meinem Plagegeist
Einhalt zu tun.
Happolati, sagte ich.
Happolati ja, nickte der Mann, und er verlor nicht eine Silbe dieses
schwierigen Namens.
Ich sah ihn erstaunt an; er saß sehr ernsthaft da und hatte eine
nachdenkliche Miene. Kaum hatte ich diesen dummen Namen, der mir gerade
eingefallen war, ausgesprochen, als der Mann sich schon damit zurecht
fand und tat, als habe er ihn schon früher gehört. Mittlerweile legte
er sein Paket auf die Bank, und ich fühlte meine ganze Neugierde durch
die Nerven zittern. Ich bemerkte, daß ein paar Fettflecken auf der
Zeitung waren.
Ist er nicht Seemann, Ihr Hausherr? fragte er, und es war keine Spur
von Ironie in seiner Stimme. Ich glaube mich zu erinnern, daß er
Seemann war?
Seemann? Verzeihung, Sie meinen wahrscheinlich den Bruder; hier handelt
es sich nämlich um den I. A. Happolati, Agent.
Ich glaubte, das würde der Sache ein Ende machen; aber er ging willig
auf alles ein.
Es soll ein tüchtiger Mann sein, habe ich gehört? sagte er tastend.
Oh, ein verschlagener Kerl, antwortete ich, ein tüchtiger
Geschäftsmann, Agent für alles mögliche, Preiselbeeren nach China,
Federn und Daunen aus Rußland, Häute, Holzmasse, Schreibtinte....
Hehe, zum Teufel! unterbrach mich der Greis in hohem Grad ermuntert.
Dies begann interessant zu werden. Die Situation ging mit mir durch,
und eine Lüge nach der anderen entstand in meinem Kopf. Ich setzte mich
wieder, vergaß die Zeitung, die merkwürdigen Dokumente, wurde eifrig
und fiel dem anderen in die Rede. Die Leichtgläubigkeit des kleinen
Zwerges machte mich dummdreist, ich wollte ihn rücksichtslos anlügen,
ihn grandios aus dem Feld schlagen.
Ob er von dem elektrischen Psalmenbuch gehört habe, das Happolati
erfunden hatte?
Was, elek....?
Mit elektrischen Buchstaben, die im Dunkeln leuchteten! Ein ganz
großartiges Unternehmen. Millionen Kronen in Bewegung, Gießereien
und Druckereien in Arbeit, Scharen von festbesoldeten Mechanikern
beschäftigt, ich hätte etwas von siebenhundert Mann gehört.
Ja, ich sag's ja! meinte der Greis leise. Mehr sagte er nicht; er
glaubte jedes Wort, das ich erzählte, und fiel trotzdem nicht in
Erstaunen. Das enttäuschte mich ein wenig, ich hatte erwartet, ihn
durch meine Einfälle ratlos zu machen.
Ich erfand noch ein paar desperate Lügen, trieb es bis zum Hasard,
flüsterte davon, daß Happolati neun Jahre Minister in Persien gewesen
sei. -- Sie haben vielleicht keine Ahnung, was es sagen will, Minister
in Persien zu sein? fragte ich. Das sei mehr als König hier, oder
ungefähr soviel wie Sultan, wenn er wisse, was das sei. Aber Happolati
habe alles bewältigt und sich niemals festgerannt. Und ich erzählte von
Ylajali, seiner Tochter, einer Fee, einer Prinzessin, die dreihundert
Sklavinnen hatte und auf einem Lager von gelben Rosen lag; sie sei das
schönste Wesen, das ich je gesehen hätte. Gott straf mich, wenn ich in
meinem Leben jemals einen ähnlichen Anblick erlebt hätte.
So, war sie so schön? äußerte der Alte mit einer abwesenden Miene und
sah auf den Boden.
Schön? Sie war herrlich, sie war sündhaft süß! Augen wie Rohseide, Arme
aus Bernstein. Ein einziger Blick nur von ihr sei verführerisch wie ein
Kuß, und wenn sie mich rief, jagte ihre Stimme wie ein Strahl Weines
bis an mein Herz. Weshalb sollte sie nicht so herrlich sein? Hielt er
sie etwa für einen Kassenboten oder für einen Mann von der Feuerwehr?
Sie war einfach eine Herrlichkeit des Himmels, könne ich ihm sagen, ein
Märchen.
Jaja! sagte der Mann ein wenig verdutzt.
Seine Ruhe langweilte mich. Ich war von meiner eigenen Stimme erregt
worden und sprach in vollem Ernst. Die gestohlenen Archivsachen, der
Traktat mit dieser oder jener fremden Macht waren nicht mehr in meinen
Gedanken. Das kleine flache Paket lag zwischen uns auf der Bank, und
ich hatte nicht mehr die geringste Lust, es zu untersuchen und zu
sehen, was es enthielt. Ich war ganz von meinen eigenen Gedanken in
Anspruch genommen, seltsame Gesichte trieben an meinen Augen vorbei,
das Blut stieg mir zu Kopf, und ich lachte aus vollem Halse.
In diesem Augenblick schien der Mann gehen zu wollen. Er tastete an
sich herum und fragte, um nicht schroff abzubrechen:
Er soll schwere Besitzungen haben, dieser Happolati?
Wie konnte dieser blinde, widerwärtige Greis es wagen, mit einem Namen,
den ich erdichtet hatte, umzugehen, als sei es ein gewöhnlicher Name
und stünde auf jedem Krämerschild der Stadt? Er stolperte über keinen
Buchstaben und vergaß keine Silbe; dieser Name hatte sich in seinem
Gehirn festgebissen und im selben Augenblick Wurzeln geschlagen. Ich
wurde ärgerlich, eine innere Verbitterung begann in mir gegen diesen
Menschen zu entstehen, den nichts in Verlegenheit bringen konnte und
nichts mißtrauisch machte.
Davon weiß ich nichts, erwiderte ich störrisch; ich weiß durchaus
nichts davon. Lassen Sie es sich nun übrigens ein für allemal sagen,
daß er Johan Arendt Happolati heißt, nach seinen eigenen Vorbuchstaben
zu urteilen.
Johan Arendt Happolati, wiederholte der Mann, erstaunt über meine
Heftigkeit. Dann schwieg er.
Sie sollten seine Frau sehen, sagte ich rasend; einen dickeren
Menschen.... Ja, Sie glauben vielleicht gar nicht, daß sie so besonders
dick ist?
Doch, das glaube er wohl -- ein solcher Mann --
Der Greis antwortete auf jeden meiner Ausfälle sanftmütig und still
und suchte nach Worten, als sei er besorgt, sich zu vergehen und mich
zornig zu machen.
Zum Satan, Mensch, glauben Sie etwa, daß ich hier dasitze und Ihnen die
Ohren vollüge? rief ich außer mir. Sie glauben vielleicht nicht einmal,
daß es einen Mann namens Happolati gibt? Niemals noch habe ich soviel
Trotz und Bosheit bei einem alten Mann gesehen! Was zum Teufel ist mit
Ihnen los? Sie haben vielleicht obendrein bei sich gedacht, ich sei ein
äußerst armer Kerl, der hier in seinem besten Staat sitzt und überhaupt
kein Etui voll Zigaretten in der Tasche hat? Eine solche Behandlung,
wie Sie mir bieten, bin ich nicht gewöhnt, das will ich Ihnen sagen,
und ich dulde sie, bei Gott, weder von Ihnen noch von irgendeinem
anderen, das dürfen Sie glauben!
Der Mann hatte sich erhoben. Mit offenem Mund stand er da, stumm, und
hörte meinen Ausbruch an, bis ich zu Ende war, dann ergriff er schnell
sein Paket auf der Bank und ging, lief beinahe über den Weg mit seinen
kleinen Greisenschritten.