Was jedoch der freiländischen Geselligkeit ihren ganz besonderen Reiz

verleiht, ist die geradezu kindliche Fröhlichkeit, die einem aus allen

Gesichtern entgegenstrahlt. Man bewegt sich hier nicht bloß unter lauter

Leuten, denen es wohl ergeht, sondern, was mehr ist, unter Leuten, die

mit absoluter Sicherheit darauf rechnen können, daß es ihnen stets

wohlergehen wird. Dem Kampf ums Dasein sind die Freiländer nicht

entrückt und jedermann ist hier für das größere oder geringere Ausmaß

seines Wohlergehens selber verantwortlich; gänzlich unbekannt aber ist

den Freiländern die häßliche, quälende Sorge um das tägliche Brot, um

die Sicherung der wirtschaftlichen Existenz. Es ist ja möglich, daß die

Genossenschaft, bei welcher man beteiligt ist, schlechte Geschäfte macht

und sich auflösen muß; aber das kann wohl Verluste, niemals aber eine

Gefährdung des weiteren Fortkommens im Gefolge haben, denn

unveräußerlich ist jedes Freiländers Eigen, sein Anrecht an der

Mitbenutzung des unermeßlichen Reichtums seines ganzen Landes. Diese

fröhliche Zuversicht in Verbindung mit dem Bewußtsein, sich, man mag mit

wem immer verkehren, stets unter guten Kameraden zu befinden, deren

Vorteil unser Vorteil, deren Schaden unser Schaden ist, verleiht der

Geselligkeit hier eine Aufrichtigkeit, Herzlichkeit und vornehme

Sicherheit, derengleichen in der bürgerlichen Welt nirgends zu finden

ist und auch gar nicht gefunden werden kann, denn dort kämpfen die

Menschen den Kampf ums Dasein nicht _mit_einander, sondern

_gegen_einander, dort ist der Nächste nicht der Genosse im gemeinsamen

Kampfe gegen die Natur, sondern der Feind, gegen den mit allen Waffen

der List und Gewalt sich zu schützen die Selbsterhaltung fordert.

Bezeichnend ist die freiländische Auffassung über diesen Unterschied in

den geselligen Verhältnissen hier und in der bürgerlichen Welt. »Was

wollen Sie,« so sagte mir letzthin ein Freiländer, mit welchem ich

diesen Gegenstand erörterte, »wir sind nicht besser als die Tiere, ja

sogar als die Raubtiere; wir haben nur aufgehört, uns gegenseitig

aufzufressen, wie das die Angehörigen der humanen bürgerlichen

Gesellschaft thun, und sind zurückgekehrt zur Ethik der Bestien. Sie

werden sagen, daß der Tiger den Ochsen und der Wolf das Lamm frißt; das

thun wir auch -- nur gegenseitig verschonen wir uns. Wir sind also keine

Übermenschen geworden. Die Wahrheit ist, daß wir früher _unter_ den

Bestien standen oder, wenn Ihnen das minder verletzend klingt, die

schlimmsten aller Bestien waren.«

Ist nun schon ganz im allgemeinen das Verhältnis des Menschen zum

Menschen hier ein herzerhebendes, so muß ich das Verhältnis der

Geschlechter geradezu bezaubernd nennen. Die Natur hat jedem gesund

veranlagten Manne ein tief eingewurzeltes mächtiges Wohlgefallen am

Weibe und jedem gesund veranlagten Weibe ein eben solches Wohlgefallen

am Manne als obersten aller Instinkte eingepflanzt; in der bürgerlichen

Gesellschaft aber wird dieser mächtige Instinkt vergiftet. Das Weib ist

dazu verurteilt, im Manne den herrischen Unterdrücker zu sehen, und der

Mann wieder muß im Weibe die rebellische Sklavin fürchten. Die

bürgerliche Jungfrau ist durch die Verhältnisse dazu gedrängt, mit ihren

Reizen den »Versorger« anzulocken, der sie dafür schadlos halten soll,

was die Gesellschaft ihr versagt, und in ihren Mitschwestern sieht sie

Konkurrentinnen bei diesem unschönen Ringen um die zukünftige Existenz.

Offenheit und Würde sind von vornherein ausgeschlossen bei den

Beziehungen zwischen Mann und Weib gerade in jenem ersten Stadium, wo

sie doppelt vonnöten wären, weil es doch gilt, eine Wahl für das ganze

zukünftige Leben zu treffen, bei welcher, sollen nicht beide Teile zu

Schaden kommen, beide sich geben müssen, wie sie sind. Und was das

Ärgste ist: da in der bürgerlichen Welt in den Augen jeder Jungfrau

jeder Mann in erster Reihe als einer der zukünftigen Ernährer und

folglich als ein Objekt der Eroberung, umgekehrt in den Augen jedes

Mannes jede Jungfrau als mögliches Objekt zukünftiger Ernährung und

dementsprechend als auf Eroberung und Überlistung ausgehende

Männerjägerin sich darstellt, so besteht eigentlich zwischen beiden

Geschlechtern ein immerwährender Zustand des Mißtrauens, der Heuchelei

und Vorsicht.

Ganz anders all das in Freiland; hier ist der Mann dem Weibe und das

Weib dem Manne nichts anderes, als wozu sie die Natur füreinander

bestimmt hat; sicher steht das Weib auf seinem eigenen Rechte, es bedarf

des Mannes nicht zum Leben, sondern nur zum Lieben, es wird daher bloß

zu erobern trachten, wo sein Herz selber schon erobert ist oder sich

doch zum mindesten danach sehnt, erobert zu werden. Das weiß der Mann

und kann sich, wo sein Gefallen erregt wird, ohne Mißtrauen dem schönen

Gefühle hingeben. Da er nicht gebraucht wird, so darf er sicher sein,

nicht mißbraucht zu werden. Und da ebenso auch die freiländische

Jungfrau sicher ist, daß derjenige, der sie umwirbt, dabei nicht ihr

Vermögen, ihre Verbindungen, nicht ihre gesellschaftliche Stellung,

sondern ausschließlich ihre Person im Auge hat, so wird sie ebensowenig

dem Manne Mißtrauen entgegenbringen, als sie sein Mißtrauen erregt. Und

vor allem: sie muß nicht um jeden Preis heiraten, sie muß nicht jeden

Mann darauf ansehen, ob nicht etwa er der zukünftige »Versorger« sei.

Sie weiß recht gut, daß unter den Tausenden junger Männer, die ihr

begegnen, nur einer der Erwählte sein kann, und sie wartet daher ruhig,

bis die Stimme ihres Herzens ihr diesen Erwählten bezeichnet. Die

Beziehungen der Geschlechter sind daher zwanglos und rein zugleich,

Jünglinge und Jungfrauen verkehren als gute Kameraden. Insbesondere aber

befleißigen sie sich einer Wahrhaftigkeit und Offenheit, die in gewisser

Beziehung sogar das in Freiland allgemein übliche Maß übersteigt. Nicht

minder naturgemäß und glücklich sind die freiländischen Eheverhältnisse.

Thatsächlich ist die Ehe hier überaus fest und Scheidungen kommen fast

gar nicht vor; rechtlich dagegen beruht das Eheband lediglich auf der

freien Übereinkunft der beiden Gatten. Da man in Freiland überhaupt zu

nichts gezwungen werden kann, was nicht in die Rechtssphäre eines andern

eingreift, und da ein Recht auf die Person des Menschen hierzulande

unter keinen Umständen anerkannt wird, so gilt die Ehe als freier

Vertrag, der zwar nur unter Zustimmung beider Teile geschlossen, aber

durch den Willen auch nur eines Teiles sofort gelöst werden kann. Dies

leidet selbst dann keine Ausnahme, wenn Kinder vorhanden sind, welche in

diesem Falle der Mutter gehören, es sei denn, daß diese selbst einer

andern Anordnung zustimmt. Da es Vermögensrechte der Kinder, zu deren

Schutze doch allein das starre bürgerliche Eherecht geschaffen wurde, in

Freiland entweder gar nicht oder doch nur von untergeordneter Bedeutung

giebt, so versteht sich diese Anerkennung des natürlichen Mutterrechts

eigentlich von selbst. Und ebenso selbstverständlich ist es, daß gerade

diese vollständige Vernichtung allen Ehezwanges eine ganz besondere

Festigkeit der freiländischen Ehe zur thatsächlichen Folge hat. Es

entspricht dies durchaus den Erfahrungen auch der bürgerlichen Welt, wo

die Innigkeit des Ehebundes in umgekehrtem und die Häufigkeit der

Ehescheidungen überall in geradem Verhältnisse steht zu den

Schwierigkeiten, welche der Ehescheidung gesetzlich bereitet werden.

Standesunterschiede kennt die freiländische Gesellschaft nicht.

Insbesondere gilt dies für die jungen Leute, die ihre Erziehung schon im

Lande selbst genossen haben. Knaben und Mädchen erhalten hier allesamt,

die ersteren bis zum zurückgelegten achtzehnten, die zweiten bis zum

zurückgelegten sechzehnten Jahre die nämliche Erziehung, die ungefähr

derjenigen in den besten deutschen Mittelschulen entspricht. Der

Unterricht in den klassischen Sprachen wird nur denjenigen erteilt, die

dies wünschen, im übrigen aber erhält die gesamte freiländische Jugend

eine gründliche Gymnasialbildung. Erst nachdem diese Bildungsstufe

erledigt ist, scheiden sich die Berufe; diejenigen, die sich irgend

einem höheren gelehrten oder künstlerischen Fache widmen, besuchen die

Hochschule oder die Kunstakademie, die andern eine der zahlreichen

Gewerbeschulen, in welchen sie theoretische sowohl als praktische

Anweisung für ihr zukünftiges Geschäft erhalten. Das selbstverständliche

Ergebnis dieser Schulung ist, daß der einfachste Arbeiter nicht bloß den

ganzen Zusammenhang seines Gewerbes, von den mechanischen Handgriffen

angefangen bis zur Kenntnis der Bezugsquellen und Absatzmärkte

vollständig inne hat, sondern auch über ein recht ansehnliches Maß

allgemeiner Bildung verfügt. Diese freiländischen Arbeiter sind keine

gedankenlosen, einseitigen Automaten, deren Interesse über ihre

jeweiligen Handreichungen nicht hinausragen würde; sie sind jederzeit

vollkommen in der Lage, den gesamten gewerblichen Organismus, dem sie

gerade angehören, zu beurteilen, was natürlich dazu beiträgt, die Wahlen

in den Generalversammlungen sachverständig und vernünftig zu gestalten;

sie können außerdem jederzeit eine sich in verwandten Gewerben

darbietende günstige Konjunktur durch Übertritt zu diesen praktisch

ausnutzen, was wieder dazu beiträgt, die Gleichmäßigkeit der Erträge in

allen Produktionszweigen in der denkbar vollkommensten Weise zu

gewährleisten; und sie sind schließlich allesamt Kulturmenschen im

höhern Sinne des Wortes, die teilnehmen können an allen menschlichen

Angelegenheiten, die für öffentliches Leben, Wissenschaft und Kunst

lebhaftes Verständnis und reges Interesse an den Tag legen. Damit soll

natürlich nicht gesagt sein, daß jeder freiländische Arbeiter sich

wirklich um alle höheren menschlichen Angelegenheiten kümmert; es giebt

viele unter ihnen, die für alles, was nicht ihr persönlichestes

Interesse berührt, ebenso gleichgültig sind -- wie zahlreiche Angehörige

der gelehrten Stände; denn die Teilnahme an der allgemeinen Kulturarbeit

der Menschheit hängt eben nicht bloß vom Ausmaße des Wissens, sondern

auch von persönlichen Neigungen und Anlagen ab; wo letztere fehlen,

nützt ersteres nichts. Es soll hier nur gesagt sein, daß in diesem

Punkte der Unterschied des Berufes in Freiland nicht ausschlaggebend

ist.

Ebenso selbstverständlich ist, daß in Freiland jedwede ehrliche Arbeit

von der öffentlichen Meinung gleichgeachtet wird. Ähnliches pflegt zwar

auch die bürgerliche Welt von sich zu behaupten, es ist dies jedoch

nichts anderes, als eine der vielen Lügen, mit denen man sich da draußen

selbst täuscht. Arbeit ist außerhalb Freilands ganz im allgemeinen eine

Schande, und zwar mit Recht; denn der Arbeitende in der bürgerlichen

Welt ist ein höriger Mensch, Werkzeug für die Zwecke anderer, abhängig

von deren gutem Willen, ein Knecht mit einem Worte, und kein Moralgesetz

der Welt wird die Ehre des Knechtes gleichstellen mit der des freien,

unabhängigen Menschen. Naturgemäß giebt es da draußen auch verschiedene

Abstufungen in der Schande der Arbeit; je vollständiger die Ausnutzung,

deren Gegenstand der Arbeitende ist, d. h. je größer die Plage und je

geringer der Lohn, desto vollständiger auch die Verachtung; volle Ehre

aber genießt da draußen bloß derjenige, der gar nichts arbeitet, sondern

andere für sich arbeiten läßt. Hier, wo jeder für sich selber arbeitet,

hier, wo niemand als Mittel zu Zwecken anderer mißbraucht werden kann,

hier kann es auch keinen Unterschied machen, ob der Arbeitende diese

seine selbstherrlichen Zwecke in der einen oder der andern Weise

verfolgt. Es ist dies aber schon aus dem Grunde schlechterdings

unmöglich, weil sich in Freiland eine strenge Scheidelinie der Berufe

gar nicht ziehen läßt. Der einfachste Handarbeiter kann morgen, durch

das Vertrauen seiner Genossen zu leitender Stellung berufen, in die

Reihe der Kopfarbeiter vorrücken. Doch ganz abgesehen davon, findet in

Freiland eine stete Durchdringung von Kopfarbeit und Handarbeit dadurch

statt, daß zahlreiche Kopfarbeiter es vorziehen, in gewissen

Zwischenpausen für längere oder kürzere Zeit irgend eine Handarbeit zu

betreiben. Sie vergeben sich dadurch nicht das Geringste und erzielen

damit eine gesunde und unter Umständen sogar angenehme Unterbrechung

ihrer sitzenden Lebensweise. Ich habe hier kürzlich einen höheren

Beamten der Centralbank kennen gelernt, der sich jährlich zwei Monate

der Landwirtschaft und Gärtnerei widmet; ein Lehrer meiner Bekanntschaft

arbeitet alljährlich durch einige Wochen in irgend einer Fabrik. Ja, so

allgemein ist diese Gepflogenheit in ganz Freiland, daß alle Bureaus und

Ämter sich auf dieselbe einrichten, d. h. gefaßt sein müssen, regelmäßig

einer nicht gerade geringen Zahl der Angestellten Urlaub zum Zwecke

solcher Abwechselung in den Berufsgeschäften zu geben. (Es versteht sich

von selbst, daß während des Urlaubs die Gehalte aufhören.)

All das hat zur Folge, daß man sich hier im geselligen Verkehr um

Berufsunterschiede gar nicht kümmert. Man wählt sich seinen Umgang

ausschließlich nach den persönlichen Eigenschaften der Menschen, und

wenn es auch natürlich ist, daß die mit gleichen geistigen Anlagen,

Neigungen und Interessen Ausgestatteten sich enger aneinander schließen,

so hat das doch mit dem, was man in Europa gesellschaftliche Stellung

nennt, nicht das Geringste zu thun.

Einstweilen stört allerdings der Zuzug neuer, zum Teil noch auf ziemlich

niedriger Stufe der geistigen Entwickelung stehender Einwanderer diese

durchgängige gesellige Gleichheit; aber mit jedem Jahre vermindert sich

stufenweise dieser Unterschied. Die Einwanderer hegen mit verschwindend

geringen Ausnahmen den brennenden Wunsch, sich geistig zu heben, und der

Wohlstand wie die Muße, die ihnen hier ausnahmslos zu teil werden,

ermöglichen es ihnen in überraschend kurzer Zeit, das in den Jahren der

Knechtschaft Versäumte nachzuholen. Zudem erlangt der in Freiland

erzogene Nachwuchs mehr und mehr das Übergewicht über die zugewanderten,

noch nicht vollkommen vom freiländischen Wesen durchtränkten Elemente,

und mit Sicherheit läßt sich darauf zählen, daß, ehe ein Menschenalter

vergeht, die heute schon geltende rechtliche Gleichheit durch eine

ebenso vollständige gesellschaftliche ergänzt werden wird.

Zum Schlusse hier noch einige Worte über die religiösen Verhältnisse

Freilands. Auch diese stehen unter dem Einflusse des Grundsatzes der

absoluten persönlichen Freiheit und Gleichberechtigung. So wenig sich

die Gesamtheit anmaßt, die Arbeit des Einzelnen zu leiten und zu

überwachen, ebensowenig kümmert sie sich um dessen Glauben. Thatsächlich

besitzen alle großen Religionsgenossenschaften Anhänger in Freiland und

zahlreiche derselben haben sich zu religiösen Gemeinden zusammengethan,

die es mit ihrem Gottesdienste halten, wie ihr Gewissen ihnen

vorschreibt. Dagegen, daß die Diener dieser unterschiedlichen Religionen

sich in die politischen oder gesellschaftlichen Verhältnisse der

Gesamtheit mengen, bietet die allgemein verbreitete Bildung und

Aufklärung mehr als ausreichenden Schutz. Im übrigen muß rühmend

anerkannt werden, daß die Priester hier ohne Ausnahme frei sind von

jener Herrschsucht, die in der bürgerlichen Welt das hervorstechende

Merkmal ihrer Kaste ist. Auch sie sind ja Menschen, welche sich der

Geistesströmung nicht zu entziehen vermögen, inmitten derer sie sich

befinden. In der bürgerlichen Welt, welche wahre Freiheit nicht kennt,

wo jedermann nur die Wahl hat, ob er herrschen oder beherrscht sein

will, entscheiden sie sich natürlich, wie die anderen alle, die in der

gleichen Lage sind, für das erstere; hier, wo niemand herrscht und

Herrschaft duldet, fällt es auch ihnen nicht ein, eine Ausnahme zu

machen. Es ist daher kein Beispiel bekannt geworden, daß das

freiländische Gemeinwesen durch priesterliche Herrschsucht oder

Unduldsamkeit behelligt worden wäre; ließe sich irgend ein

Religionsdiener derartige Gelüste beikommen, so könnte man es getrost

seiner engeren Gemeinde überlassen, ihn zur Vernunft zu bringen.

Fünfzehntes Kapitel.

Über die Tüchtigkeit der gewählten Betriebsleitungen,

künstlerische Produktion, Kommunismus und Anarchismus,

Staatsbetrieb, allgemeine Anwendbarkeit der freiländischen

Grundsätze und die Furcht vor Übervölkerung.

Professor Tenax will sich um eine Lehrkanzel für Nationalökonomie an der

hiesigen Universität bewerben. Die letzten Monate hat er dazu verwendet,

die Übereinstimmung der richtig verstandenen Lehrsätze der klassischen

Ökonomie mit den freiländischen Grundsätzen nach allen Richtungen zu

erforschen, und das Ergebnis seiner Untersuchungen und seines

Nachdenkens war im allgemeinen ein günstiges. Doch hält es der

gewissenhafte Mann für notwendig, eine Reihe von Bedenken, mit denen er

aus eigener Kraft noch immer nicht fertig geworden ist, im Wege der

Disputation mit hiesigen Fachgenossen zur Klärung zu bringen. Er hat

deshalb zwei der hiesigen Volkswirtschaftslehrer gebeten, sich in ein

abschließendes Wortgefecht mit ihm einzulassen, und mir erwies er die

Ehre, Zeuge dieses Geistesturniers sein zu dürfen. Schauplatz desselben

war die Wohnung des einen der hiesigen Professoren und heute der Tag, an

welchem es zur Austragung kam.

»Ich muß vor allem« -- so leitete Professor Tenax die Schlacht ein --

»bemerken, daß ich bezüglich eines Teiles meiner Bedenken selber ganz

gut weiß, daß dieselben durch den bisherigen Verlauf der freiländischen

Entwickelung thatsächlich Widerlegung fanden; aber ich bin Theoretiker

und nicht Praktiker, ich will wissen, ob das, was ich hier sehe, aus

inneren Gründen so sein muß, oder ob es vielleicht bloß zufällig so ist.

Um also mit dem nächstliegenden zu beginnen, frage ich, welche Garantie

dafür vorhanden ist, daß selbstherrliche Arbeiter sich allezeit die

geschicktesten, tauglichsten Personen zur Leitung ihrer Geschäfte

aussuchen werden und nicht diejenigen, die durch tönende Worte und

verlockende Phrasen sich in ihre Gunst schmeicheln. In Europa zum

mindesten hat man die Erfahrung gemacht, daß an der Spitze der

Arbeiterparteien in der Regel Personen stehen, die gewaltig in

Verlegenheit gerieten, wenn sie die von ihnen geführten Massen zu

nützlicher Produktion anleiten sollten.«

»Die Arbeiter der bürgerlichen Welt« -- so antwortete ruhig der eine der

freiländischen Professoren -- »haben ganz recht, wenn sie nicht

geschickte Geschäftsleute, sondern geschickte Agitatoren an ihre Spitze

stellen, denn für sie handelt es sich ja nicht ums Produzieren, sondern

ums Agitieren. Ebensowenig als daraus, daß ich mir für den Fall eines

Krieges den tüchtigsten Haudegen zum Führer wähle, folgt, daß ich

demselben Manne auch als Rektor unserer Universität meine Stimme geben

würde, ebensowenig kann man daraus, daß agitierende Arbeiter die

tüchtigsten Agitatoren, oder sagen Sie immerhin: die energischesten

Schreier an ihre Spitze stellen, folgern, daß sie es ähnlich halten

werden, wenn es sich um die Leitung ihrer Arbeit handelt. Die Arbeiter

verstehen sich im Durchschnitt auf ihren Vorteil ganz gut und sind nicht

so dumm, um zu übersehen, daß zur Leitung einer Fabrik andere

Eigenschaften erforderlich sind, wie zur Leitung einer politischen

Bewegung oder eines Ausstandes. Im übrigen sorgt gerade die Freiheit

dafür, daß etwa begangene Mißgriffe sehr rasch gut gemacht werden. Denn

eine übelgeleitete Gesellschaft wird am Beispiele der besser geleiteten

Nachbargesellschaften klug, und geschieht dies nicht mit der gehörigen

Beschleunigung, so sieht sich eine solche Gesellschaft im Handumdrehen

von Mitgliedern entblößt und muß liquidieren. Das ist der Kampf ums

Dasein, wie _wir_ ihn verstehen und bei welchem das Unfähige, Untüchtige

naturnotwendigerweise vom Besseren, Tüchtigeren abgelöst wird.«

Professor Tenax neigte zustimmend das Haupt und ging zu einer andern

Frage über.

»Wie kommt es, daß die freiländische Arbeit durch Mißvergnügte und

Unruhestifter nicht zu leiden hat? Verkannte Genies giebt es doch

offenbar überall in der Welt und ebenso mangelt es nirgends gänzlich an

Dummköpfen, welche an diese verkannten Genies glauben. Was geschieht,

wenn hier solch ein Stänkerer mit seinem Anhang auftaucht? Ist nicht zu

besorgen, daß er Verwirrung in die bestgeordnete Gesellschaft bringt?«

»Durchaus nicht,« war die Antwort. »Gegen solche verkannte Genies haben

wir eine unwiderstehliche Waffe, und diese besteht in nichts anderem,

als in dem hier jedermann offenstehenden Rechte, seine Ideen zur

Ausführung zu bringen. Es ist in der That wiederholt vorgekommen, daß

Hohlköpfe Parteiungen versuchten; sie haben klein beigeben müssen, so

wie man ihnen nahelegte, ihre großen Worte zur That zu machen. Die

Mittel der Gesamtheit wären ihnen dafür zur Verfügung gestellt worden,

so gut wie den bestehenden Gesellschaften, natürlich sofern sie Helfer

bei praktischer Verwirklichung ihrer Ideen gefunden hätten; diese Helfer

aber fanden sich eben beinahe niemals, so wie es galt, zur Ausführung zu

schreiten. Hätte man die Leute zwingen wollen, vernünftig zu bleiben, so

hätten sie über Gewalt geschrieen und des Räsonnierens wäre kein Ende

gewesen; da es nur von ihnen abhing, welche Dummheit immer zu begehen,

so ließen sie es weislich bleiben und das Räsonnieren hatte ein Ende.

Die Freiheit hat sich auch in diesem Punkte als die beste Gewähr der

Ordnung erwiesen.«

Abermals gab Professor Tenax seine Zustimmung zu erkennen und fuhr dann

fort: »Ich kann mir jetzt der Hauptsache nach das nun folgende Bedenken

selbst beantworten, nämlich die Frage, ob denn nicht von politischen und

insbesondere socialpolitischen Parteiungen Zerwürfnisse zu erwarten

seien. Wer z. B. ein Fanatiker der absoluten Gleichheit ist und sich

dadurch gekränkt fühlt, daß seinem Direktor die Arbeit höher angerechnet

wird als ihm selbst, dem steht es frei, sich -- immer unter der

Voraussetzung, daß er Genossen findet -- einen Direktor zu suchen, der

mit fünf oder sechs Stundenwerten täglich zufrieden ist. Aber derlei

Versuche könnten, wenn sie häufiger vorkommen, doch störend werden; wie

erklären sie, meine geschätzten Kollegen, daß solche radikale

Gleichheitsduselei hier meines Wissens überhaupt gar nicht vorgekommen

ist und daß ebensowenig anarchistische Experimente in Freiland

unternommen wurden?«

»Das erklärt sich unseres Erachtens sehr einfach dadurch, daß die

absolute Gleichheitsidee nichts anderes ist, als eine Hallucination des

Hungerfiebers. Die Menschen sind so offenbar und sinnfällig weder an

Fähigkeiten noch an Bedürfnissen gleich, daß nur ein Wahnsinniger auf

den Gedanken geraten könnte, diese der menschlichen Natur

zuwiderlaufende absolute Gleichheit zu erzwingen -- wenn der Hunger

nicht da wäre. Satt werden wollen alle Menschen, in diesem Punkte sind

wir thatsächlich alle gleich, und in einer Gesellschaft, wo schmutziges,

brutales Elend an der Tagesordnung ist, dort erklärt es sich, daß

gleichmäßige Teilung verlangt wird. Zeigt sich aber, daß jedermann, wenn

ihm nur die Mittel zur Bethätigung seiner Kräfte zugänglich sind, bei

mäßiger Arbeit nicht bloß das Notwendige, sondern auch das Überflüssige,

das Angenehme und das Schöne erlangen kann, handelt es sich nicht mehr

darum, das Brot, sondern den Braten und das Konfekt zu verteilen, dann

wäre es schlechthin albern, zu verlangen, daß jedermann die gleiche

Portion erhalten müsse, gleichviel, ob er danach Verlangen trägt oder

nicht.

»Und was den Anarchismus anlangt, das Bestreben, zugleich mit der

Herrschaft auf wirtschaftlichem Gebiete, auch alle staatliche Ordnung

über den Haufen zu werfen, so erklärt sich auch dieser bloß aus dem

Hasse gegen eine bestimmte Form der staatlichen Ordnung, welche die

Mehrheit dazu verurteilt, die Fortschritte der Kultur anderer mit den

eigenen Entbehrungen zu bezahlen. Wo _alles_ teilnimmt an den Früchten

fortschreitender Kultur, dort fällt es niemand bei, jene Ordnung

anzutasten, die Voraussetzung des Kulturfortschrittes ist.«

»Bevor ich,« nahm nun wieder Professor Tenax das Wort, »zu den zwei

großen Prinzipienfragen übergehe, die den Schluß meiner Zweifel

enthalten, möchte ich noch die Nebenfrage geklärt sehen, ob sich mit dem

Grundsatze der Freizügigkeit alle erdenklichen Arbeitszweige vereinbaren

lassen. Wie hält man es zunächst mit künstlerischen Leistungen? Soll es

sich ein Maler gefallen lassen, daß beliebige Personen sich ihm als

Helfer aufdrängen, und was kann er hierzulande thun, um sich solch

unwillkommene Genossen vom Leibe zu halten?«

Eine Reise nach Freiland · 第 13 / 15 段