Die Ausübung des freiländischen Wahlrechtes ist nicht an den Nachweis

eines längeren Aufenthaltes im Lande geknüpft; ich war schon Wähler,

obgleich ich noch nicht ganz vier Monate in Freiland weilte. Aber da mir

als Neuling die Kandidaten für die anderen Vertretungskörper noch fremd

waren, so beschränkte ich mich darauf, meine Stimme für die mir

bekannten Bewerber um die Mandate für Straßenbau und Verkehrswesen und

für gemeinnützige Unternehmungen abzugeben. Nebenbei will ich noch

bemerken, daß der erstere Vertretungskörper 120, der letztere 146

Abgeordnete zählt, wie denn überhaupt die zwölf Vertretungskörper sehr

verschieden an Zahl sind. Sie halten alle gesondert ihre Beratungen und

zwar meist in verschiedenen Sitzungsperioden. Die zwölf Verwaltungschefs

beraten die wichtigeren Angelegenheiten gemeinsam, vertreten sie aber

gesondert vor ihren Parlamenten; doch haben auch diese das Recht,

gemeinsame Beratungen zu fordern, was allemal dann geschieht, wenn sich

der eine Vertretungskörper für Angelegenheiten interessiert, die vor

einem andern zur Beratung stehen. Da der bloße Wunsch welches

Vertretungskörpers immer nach solch gemeinsamer Behandlung, die

fragliche Angelegenheit der übereinstimmenden Entscheidung beider oder,

wenn es zufällig mehrere Vertretungskörper sein sollten, die mit bezug

auf die nämliche Angelegenheit einen solchen Wunsch äußern, aller

sich für denselben Interessierenden unterwirft, so sind

Kompetenzstreitigkeiten zwischen den _Vertretungs_körpern gänzlich

ausgeschlossen. Allenfalls auftauchende Kompetenzfragen der

_Verwaltungs_körper entscheidet das Präsidium.

Bei der Einteilung der freiländischen Verwaltungszweige wird dem

Ausländer zunächst auffallen, daß jene zwei Aufgaben der öffentlichen

Verwaltung, die in den europäischen Ländern die größte Kraft und die

größte Aufmerksamkeit des Staates für sich beanspruchen, nämlich Finanz-

und Militärwesen, gar nicht vertreten erscheinen.

Was nun zunächst das fehlende »Finanzministerium« anlangt, so vertritt

dessen Stelle in Freiland höchst wirksam die Centralbank. Sie ist es,

die alle Einnahmen aller Bewohner des ganzen Landes noch vor diesen

selbst in Händen hat; es bedarf daher keiner Steuereinnehmer, um die

Abgaben einzutreiben; es genügt zu diesem Behufe, daß die Centralbank

sie den Abgabepflichtigen zu Lasten und dem Gemeinwesen zu gunsten

schreibe.

Auch das Fehlen eines »Kriegsministeriums« darf nicht dahin ausgelegt

werden, als ob es Freiland an allen militärischen Vorkehrungen zur

Wahrung seiner Sicherheit nach außen fehle. Die Freiländer haben eine

Armee und zwar, wie ich glaube, heute schon, trotzdem die

Bevölkerungszahl zweiundeinhalb Millionen Seelen noch nicht

überschritten hat, eine geradezu formidable Armee, die jeden, auch den

mächtigsten Feind, der es wagen würde, Freiland anzugreifen, mit

Leichtigkeit zerschmettern könnte. Nur ist es nicht eine

Kriegsverwaltung, sondern -- dem Ausländer mag das seltsam erscheinen --

die Unterrichtsverwaltung, welche mit dieser Armee zu thun hat. Ähnlich

wie bei den alten Griechen nimmt nämlich in der Jugenderziehung die

Ausbildung jeglicher Art körperlicher Tüchtigkeit und darunter denn auch

der Tüchtigkeit in der Handhabung von Waffen eine hervorragende Stelle

ein. Von der Mittelschule angefangen werden in eigens dazu

eingerichteten großartigen Anstalten die Knaben und Jünglinge Freilands

täglich durch mindestens zwei Stunden im Turnen, Schwimmen, Reiten,

Fechten und Schießen geübt, die Zöglinge der technischen Hochschulen

auch in der Bedienung von Geschützen. Wenn man nun bedenkt, daß es hier

keine ausgemergelten, herabgekommenen Proletarier giebt, sondern daß

jeder freiländische Jüngling die Vollkraft all seiner geistigen wie

körperlichen Anlagen entwickeln kann, und sich vergegenwärtigt, welcher

Vollendung ein solches Menschenmaterial durch von Jugend auf geübte,

planmäßige Ausbildung fähig ist, so wird man mir glauben, wenn ich

versichere, daß die aus diesen Schulen hervorgehenden freiländischen

Schützen, Reiter und Kanoniere denen der besten europäischen Armee genau

im selben Maße überlegen sind, wie die Zöglinge der griechischen

Gymnasien den Barbarenhorden Persiens überlegen waren. Zwar hatte ich

natürlich keine Gelegenheit, Freiländer im Ernstkampfe zu sehen, denn

bisher war Freiland der Notwendigkeit eines ernsten Kampfes enthoben;

aber ich sah sie bei ihren Waffenspielen, wo in der Regel mit scharfer

Ladung nach sinnreich hergerichteten und meist auch beweglichen Zielen

geschossen wird; ich konnte also die Wirkung freiländischen Einzel- und

Rottenfeuers beobachten und ich wage kühnlich die Behauptung, daß

solchem Feuer keine europäische Truppe auch nur wenige Minuten lang zu

widerstehen vermöchte.

Die der Schule entwachsenen Jünglinge besitzen zum Zwecke der

Fortführung der Waffenübungen eine freiwillige Organisation unter

selbstgewählten Führern und alljährlich werden große Gau- und

Landesübungen von ihnen abgehalten, in denen sowohl Einzelkämpfer als

ganze, bis zu Tausendschaften vereinigte Abteilungen sich um

unterschiedliche Preise bewerben, die zwar in nichts anderem bestehen

als in einfachen Lorbeerzweigen, die aber deswegen nicht minder heiß

umstritten werden, wie einst die Ölzweige der isthmischen Spiele bei den

alten Griechen. Nun denn, ich war Zeuge eines solchen Kampfes und

konstatiere, daß die siegreiche Tausendschaft den Preis zuerkannt

erhielt auf Grund eines Schießergebnisses, welches 6780 Treffer bei zehn

auf tausend Meter Distanz binnen einer Minute abgegebenen Salven

aufwies. Nun weiß ich wohl, daß es ein Unterschied ist, ob man an

wehrlose hölzerne -- nebenbei bemerkt genau mannsgroße -- Zielscheiben

oder auf das Feuer erwidernde Feinde seine Schüsse abgiebt. Aber es ist

ja nicht gerade nötig, daß tausend Mann in einer Minute die sechs- bis

siebenfache Zahl niederschießen, um sie schlechterdings unnahbar für

jeden Feind mit menschlichen Nerven zu machen. Und wer dies Resultat

vielleicht für unglaublich hält, der möge bedenken, daß auch im

bisherigen Verlaufe der Geschichte noch stets der harmonisch entwickelte

Vollmensch über herabgekommene Knechte den Sieg davongetragen hat, mag

das Zahlenverhältnis da und dort noch so ungleich gewesen sein. Nicht

das Feldherrngenie des Miltiades war es, was bei Marathon, und eben so

wenig das des Pausanias, was bei Platäa den Ausschlag gab, sondern die

unwiderstehliche Waffengewandtheit der in den »Gymnasien« von Athen und

Sparta ausgebildeten griechischen Männer, gegenüber den hilflosen Horden

asiatischer Sklaven. Was sollte also Wunderbares daran sein, wenn die

Zöglinge der freiländischen Gymnasien eine ähnliche Überlegenheit jenen

Horden gegenüber an den Tag legen würden, welche die bürgerliche Welt

gegen sie aufzubieten vermöchte?

Zu erklären wäre auch noch, warum in Freiland Gesundheitspflege und

Justiz in _einem_ Verwaltungskörper zusammengefaßt sind. Es spricht dies

zunächst für eine Geringschätzung der Gerechtigkeitspflege, die überall

in der bürgerlichen Welt geradezu als die Grundlage der gesamten

gesellschaftlichen Ordnung hingestellt und als solche auch ganz

besonderer Fürsorge gewürdigt wird. Der Unterschied liegt eben darin,

daß hierzulande die Gerechtigkeit in den _allgemeinen_ Einrichtungen

liegt und daß man es demnach nicht notwendig hat, sie durch _besondere_

Einrichtungen erzwingen zu wollen. Die bürgerliche Welt, die auf dem

Unrechte beruht, indem sie neun Zehnteile aller Menschen zwingt, ihren

eigenen Vorteil dem Vorteil der Gesamtheit oder dem, was man dafür hält,

aufzuopfern, sie muß natürlich sehr umständliche Vorkehrungen treffen,

damit die solcherart zur Preisgebung ihres eigenen Vorteils Gezwungenen

sich dem Gebote der Allgemeinheit fügen. In Freiland wird von niemand

gefordert, zu thun, was ihm schadet, zu unterlassen, was ihm nützt, hier

steht der Nutzen der Allgemeinheit in vollständigstem Einklange mit

jedermanns Eigeninteressen; es ist also überflüssig, dieses vom

unübersteiglichen Walle der gesamten Einzelinteressen umgebene

Gesamtinteresse noch durch besondere Schutzvorkehrungen zu verteidigen.

Wir haben also hier schlechterdings keine Polizei und keine Gerichte im

europäischen Sinne. Es kommen zwar Streitigkeiten hie und da vor, aber

diese werden durch freiwillig und unentgeltlich ihres Amtes waltende

Schiedsrichter geschlichtet. Ebenso giebt es auch in Freiland

Verbrecher; doch betrachtet man diese als geistig oder moralisch Kranke

und behandelt sie dementsprechend, d. h. man bestraft sie nicht, sondern

sucht sie zu bessern. Und Ärzte, nicht Richter sind es, denen die

Leitung und Überwachung des Besserungsverfahrens obliegt. Letzteres ist

der Grund, warum das Justizwesen mit der Gesundheitspflege in einer Hand

zusammengefaßt ist, wobei bemerkt werden muß, daß diese Behandlung der

geistig und moralisch Kranken Freiland geringe Sorge bereitet, da es

verhältnismäßig nur sehr wenige sind, die ihr unterzogen werden müssen.

Auch darin liegt durchaus nichts Wunderbares; die Freiländer sind weit

entfernt, Engel zu sein. Es ist zwar zu hoffen, daß in nicht allzu

ferner Zeit und jedenfalls nach Verlauf einiger Generationen das Fehlen

fast aller Anreize zu gesetzwidrigen Handlungen eine wohlthätige

Umwandlung auch in der Anlage und in der Natur der Menschen hier

hervorrufen wird. Gleichwie körperliche Organe, die andauernd nicht

geübt werden, verkümmern müssen, so gilt dasselbe auch für die Organe

des Seelenlebens. Auch der schlechteste Mensch thut, sofern er nur

zurechnungsfähig ist, nichts Böses ohne Anlaß, und auch der Beste kann

zum Verbrecher werden, wenn der Anreiz dazu übermächtig wird; aber

deshalb ist es doch nicht minder wahr, daß gute sowohl als schlechte

Handlungen von Einfluß auch auf den Charakter des Menschen sind;

schlechte Handlungen machen schlecht, gute Handlungen gut. Es ist also

zu erwarten, daß die Menschen hier, wo ihnen jeder Anlaß, schlecht zu

handeln, fehlt, stets besser und besser werden dürften. Aber bis sich

diese Veredelung der Charakteranlagen vollzieht, wird wohl noch geraume

Zeit vergehen, und einstweilen -- ich wiederhole es -- kann ich die

Freiländer nicht, ihrem innersten Kerne nach, als bessere Menschen

anerkennen, wie unsere Mitbrüder da draußen. Nichtsdestoweniger behaupte

ich, daß die ganz außerordentliche Seltenheit von Verbrechen hier nichts

Wunderbares sei. Morden, stehlen, betrügen denn die Leute da draußen aus

purer Bosheit und zu ihrem Vergnügen? Sie thun es -- zu neunundneunzig

Hundertteilen mindestens -- bloß aus Not oder Verführung. Nun, diese Not

oder Verführung giebt es hier nicht. Es fehlt also jeder Anlaß zu

neunundneunzig unter hundert Verbrechen, die da draußen begangen werden,

und das ist der Grund, warum sie hier nicht begangen werden.

Natürlich ist das soeben betonte Fehlen von Not und Verführung nicht so

zu verstehen, als ob der Unterschied zwischen Freiland und dem Auslande

bloß darin bestünde, daß die Leute hier satt, dort hungrig sind. Auch

die Satten begehen -- wenn auch nicht so häufig wie die Hungrigen -- in

der bürgerlichen Welt Verbrechen genug; aber sie thun es, weil sie sich

gleichsam in stetem Kriegszustande mit allen ihren Mitmenschen befinden

und weil man es im Kriege naturgemäß mit Recht oder Unrecht nicht so

genau nimmt wie im Frieden und unter guten Kameraden. Man bedenke, daß

es selbst unter den Verworfensten, unter den Gaunern und Banditen in der

bürgerlichen Welt, eine Art Standesehre giebt, die nichts anderes ist,

als die Scheu, denjenigen zu verletzen, von welchem man voraussetzt, daß

er uns nicht verletzen würde und daß er darauf vertraut, daß wir sein

Recht achten. Wenn also die Freiländer ihre Rechte gegenseitig ohne

Ausnahme achten, so könnte man beinahe behaupten, daß sie in diesem

Punkte gar nichts anderes thun, als was, von verschwindenden Ausnahmen

abgesehen, in ähnlicher Lage der Verworfenste in Europa auch thäte: sie

verschonen die Kameraden. Und der Unterschied liegt bloß darin, daß die

Freiländer alle Kameraden sind, während die Angehörigen der bürgerlichen

Welt sich in der Regel als Feinde betrachten und behandeln.

Nachdem ich meine Stimme für die zwei mich interessierenden Wahlen

abgegeben hatte, beschloß ich, geführt von Freund Karl, die im selben

Gebäude -- dem freiländischen Volkspalaste nämlich -- gelegenen andern

Wahllokale in Augenschein zu nehmen, um mir das Treiben dort zu

betrachten.

Als wir den Sitzungssaal des Vertretungskörpers für die freiländische

Centralbank betraten, wo die Wählerversammlung des betreffenden

Wahlkörpers zu tagen pflegt, tönten uns unwillige Rufe entgegen und wir

bemerkten, daß sich die Menge um einen Redner gruppierte, dessen

Ausführungen sichtlich diese Unruhe hervorriefen. Näher tretend sahen

wir unsern Freund Tenax, der, wie ich nachholen muß, uns vor einigen

Tagen mitgeteilt hatte, er trage sich trotz der mannigfachen Gebrechen

des freiländischen Gemeinwesens mit der Absicht dauernder Ansiedelung in

unserer Mitte und der hier offenbar einen ersten Versuch machte, sein

Scherflein zur Verbesserung irgend eines der gerügten Gebrechen

beizusteuern. Als solches entwickelte er, wie wir uns alsbald

überzeugten, seinen augenblicklichen Hörern die exorbitante Höhe der

freiländischen Steuer.

»Freiland will doch« -- so rief er -- »von Grundrente und Kapitalzins

nichts wissen; wenn man euch aber fünfunddreißig Prozent Steuer vom

gesamten Einkommen zahlen läßt, so steckt darin schon reichlich Rente

wie Zins und ihr seid noch übler daran als die Leute da draußen, die

doch im Durchschnitt nicht mehr als vier bis fünf Prozent unter beiden

Titeln, zusammen also, wenn es hoch kommt, zehn Prozent bezahlen

müssen.«

Zu unseres Professors großer Überraschung verfehlte dieses schlagende

Argument gänzlich seine Wirkung, rief vielmehr bloße Heiterkeit hervor.

Zwar hatten einzelne Mitglieder der Versammlung nicht übel Lust, die

Sache tragischer zu nehmen und sich über die Behauptungen unseres

Freundes ernsthaft zu ärgern; es waren das einige erst kürzlich vom

Auslande eingetroffene Neulinge, die jedoch von der Majorität der

älteren Freiländer alsbald beruhigt wurden, indem man ihnen bedeutete,

hier müsse jedem gestattet sein, seine Meinung frei zu äußern.

Als der Professor den unerwarteten Heiterkeitserfolg seiner Rede

wahrnahm, war seine Verlegenheit groß, dermaßen, daß einer der

Anwesenden, sichtlich bloß, um dem sonderbaren Gaste die Beschämung zu

ersparen, daß man seine Auseinandersetzungen nicht einmal einer Antwort

würdige, zu einer kurzen Erwiderung das Wort nahm.

»Freunde« -- so rief er -- »dieser Mann meint es wahrscheinlich ganz

ehrlich mit uns und nicht seine Schuld ist es wohl, wenn er, den Kopf

noch voll Grillen, die da draußen künstlich gezüchtet werden, hier bei

uns den Wald vor lauter Bäumen nicht sehen kann. Vielleicht gehen ihm

die Augen auf, wenn ich ihn an zweierlei erinnere. Erstens daran, daß da

draußen Grundzins wie Kapitalzins von der Summe des Kapitals gezahlt

werden, während hier die Steuer vom Einkommen erhoben wird. Ich habe

draußen in einer Fabrik gearbeitet, von welcher ich mich noch ganz wohl

erinnere, daß die fünfprozentigen Zinsen des darin steckenden Kapitals

im Jahresdurchschnitt ziemlich genau so viel betrugen, als die gesamten

Löhne der dabei beschäftigten Arbeiter, den Direktor und das

Aufsichtspersonal mit inbegriffen. Und mein Vater war Großknecht bei

einem Pächter, der jährlich zweimal soviel Pachtzins zahlen mußte, als

die Löhne seines gesamten Personals betrugen. Das Zweite aber, was ich

ihm sagen möchte -- und das ist in meinen Augen die Hauptsache --

besteht darin, daß der Zins da draußen anderen Leuten gehört und von

diesen zu ihrem Vorteil verwendet wird, während die Steuer in Freiland

uns gehört und bis auf den letzten Heller für uns verwendet wird. Mir

kommt es nicht bloß darauf an, wie viel ich zahle, sondern auch wovon

und wofür ich es zahle; da draußen war ich ein armer Teufel, der den

letzten, überhaupt entbehrlichen Heller hergeben mußte, damit sich

andere bereichern -- hier bin ich ein reicher Mann, der dafür zahlt, daß

er noch reicher werde. Und diesen Unterschied hat eben unser neuer

Freund vergessen.«

Den Grad der Beschämung unseres guten Professors kann nur derjenige

ermessen, der da weiß, wie sehr den meisten Lehrern das widerspruchlose

Docieren vom Katheder herab zur zweiten Natur geworden ist. Auch ließ

sich nicht verkennen, daß er die Berechtigung der ihm zu teil gewordenen

Lektion im innersten Gemüte empfand; und so störten wir ihn denn nicht

als er, ohne von uns Abschied zu nehmen, sich wortlos in der Menge

verlor.

Vierzehntes Kapitel.

Über Geselligkeit, Liebe und Religion in Freiland.

Die beiden Regenzeiten, deren größere im Juli und deren kleinere im

Oktober zu Ende geht, sind in Freiland der Karneval. Man darf sich unter

diesen Regenzeiten keine Epochen ununterbrochener atmosphärischer

Niederschläge vorstellen, ebensowenig als unter der trockenen Zeit eine

Epoche ununterbrochener Dürre; es giebt in Afrika das ganze Jahr

hindurch Regen, sowohl als schönes Wetter, nur überwiegt in der

Regenzeit ersteres, in der Trockenzeit letzteres in ausgesprochenem

Maße. Indessen gilt selbst dieser Gegensatz nur für das äquatoriale

Tiefland in voller Schärfe, während die Berg- und Alpenlandschaften am

Kenia und in dessen unmittelbarer Nachbarschaft denen der gemäßigten

Erdstriche ähnlichere Witterungsverhältnisse aufweisen. Damit aber, daß

es in den beiden Regenepochen beinahe täglich ausgiebige Niederschläge

giebt, hat es auch hier seine Richtigkeit; die Vormittage sind meist

schön und klar, gegen die Nachmittagsstunden aber ziehen sich um die

Gipfel des Kenia dichter und dichter Wolken zusammen, die dann des

Abends und meist die halbe Nacht hindurch in Form von Gewittern

niedergehen, von deren Heftigkeit man in Europa schwerlich eine

Vorstellung hat. Die Nächte sind um diese Zeit für den Aufenthalt im

Freien schlechterdings ungeeignet, und danach hat sich denn das Volk von

Freiland auch in seinen Vergnügungen gerichtet.

Während es in der schönen Zeit üblich ist, die balsamischen Nächte,

soweit sie nicht dem Schlafe gewidmet sind, zu Ausflügen und zu allerlei

anderen Unterhaltungen im Freien zu benutzen, vergnügt man sich in der

Regenzeit vorwiegend in gedeckten Räumen und dabei spielt der Tanz eine

hervorragende Rolle. Jeder freiländische Ort hat ein oder mehrere

Vergnügungskomitees, welche die Veranstaltung öffentlicher Bälle in die

Hand nehmen, und daneben finden sich die Familien mit erwachsenen

Töchtern regelmäßig zu kleineren Tanzvergnügungen im Freundeskreise

zusammen. Nur darf man sich unter diesen öffentlichen und Hausbällen

beileibe nicht das vorstellen, was in Europa darunter verstanden wird.

Man kommt hier nicht zusammen, um sich durch den Putz gegenseitig

auszustechen, einander zu verlästern und sich gegenseitig über einander

zu ärgern, sondern ausschließlich des Vergnügens halber und ohne irgend

welchen andern Hintergedanken. Juwelen sind hier unbekannt; nicht etwa,

daß die Freiländer und Freiländerinnen der Eitelkeit gänzlich entbehren

würden; im Gegenteil, sie legen sehr großen Wert auf die Schönheit der

äußern Erscheinung und insbesondere die Frauen sind eifrig bemüht, ihre

körperlichen Vorzüge zur Geltung zu bringen. An den Mitteln zur

Anschaffung von allerlei Kostbarkeiten würde es den Freiländern nicht

fehlen, aber sie legen eben keinen Wert auf dieselben und zwar aus dem

Grunde, weil die Kostspieligkeit einer Sache an und für sich hier nicht

genügt, um sie irgend wem wünschenswert zu machen. So sonderbar es

klingen mag, die Freiländerinnen ziehen Blumen als Schmuck den Juwelen

vor. Dahinter vermutete ich anfangs irgend welche demokratische Tendenz,

wurde aber von den Frauen, mit denen ich mich darüber in ein Gespräch

einließ, alsbald eines besseren belehrt.

Daß Blumen schöner sind wie noch so künstliches und kostbares

Geschmeide, wird vom Standpunkte unbefangener Ästhetik jedermann wohl

zugeben; wenn man trotzdem in Europa letzteres höher schätzt, so hat

dies seinen Grund nur darin, weil es kostbar ist und weil der Besitz

kostbarer Sachen in der bürgerlichen Welt als Bescheinigung bevorzugter

Lebensstellung gilt. Das Juwel ist dort gleichsam eine Art Adelszeichen,

es beweist, daß sein Träger nicht zu den Knechten, sondern zu den Herren

gehört, daß er das Recht hat, fremde Arbeit für sich auszunutzen, und

darum, um diesen Adelstitel zu erlangen, verkaufen Tausende und

Abertausende ihr und der Ihren Glück und Ehre.

»Glauben Sie wirklich,« so fragte mich auf einem der hiesigen Bälle die

Frau eines der Direktoren unserer Anstalt, »daß man Diamanten schätzt,

weil sie _schön_ sind? Ich kann Sie versichern, daß ich, als ich noch in

Europa weilte, Diamanten von gewöhnlichen Glaskrystallen so wenig zu

unterscheiden vermochte, als ich es jetzt vermöchte; trotzdem war damals

meine Sehnsucht, ein Brillantenhalsband zu besitzen, während ich die

Zumutung, ein Halsband aus Glaskrystallen anzulegen, mit Entrüstung von

mir gewiesen hätte.«

»Wodurch erklären Sie sich das?«

»Ich wollte mich eben weniger schmücken, als vielmehr durch irgend etwas

ausgezeichnet sein vor der großen Menge: ich bin fest überzeugt, wenn es

in Europa das Vorrecht der sogenannten höheren Klassen wäre, einen

Nasenring zu tragen, so würde jede Frau, die Wert auf gesellschaftliche

Stellung legt, ihr Äußerstes daran setzen, um einen Nasenring tragen zu

dürfen. Nun denn, Diamanten zu tragen ist, weil sie teuer sind, in

Europa der Vorzug der mächtigen, einflußreichen Klassen, deshalb erwirbt

man sie um den Preis weit angenehmerer, nützlicherer und schönerer

Dinge. Und wenn es hier ebenso wäre, ich versichere Sie, trotz der

Umwandlung, die mit mir in manchen Stücken hier vorgegangen ist, ich

würde auch hier Diamanten tragen. Aber hier in Freiland würde der

Diamant nicht zeigen, daß ich zu den Einflußreicheren, Mächtigeren,

sondern daß ich zu den Thörichteren gehöre, nicht daß ich fremden

Schweiß an die Erfüllung meiner Launen zu setzen vermag, sondern daß ich

eigenen Schweiß oder den Schweiß der Meinen statt an nützliche und

angenehme, an nutzlose und gleichgültige Dinge wende. Ich würde Bedauern

statt Neid erregen, und das allein -- Sie sehen, ich mache mich nicht

besser als ich bin -- ist der Grund, warum ich den Strauß hier an meiner

Brust der kostbarsten Brosche, die Rosen hier im Haar allen Steinen der

Welt vorziehe.«

Genau die nämlichen Verhältnisse sind auch der Grund, warum die Mode in

Freiland ihre tyrannische Herrschaft verloren hat. Man kleidet sich hier

lediglich zu dem doppelten Zwecke der Verhüllung und Verschönerung; sich

entstellen, um dadurch die andern zu verdunkeln, gälte hier als der

Gipfelpunkt der Lächerlichkeit. In Befolgung dieses Grundsatzes ist hier

in der That die Tracht, insbesondere die der Frauen, entzückend schön.

Es wird sehr große Sorgfalt auf sie verwendet ja, wie ich in Erfahrung

gebracht, verschmähen es selbst große Maler und Bildhauer nicht, den

Kleiderkünstlern ein wenig ins Handwerk zu pfuschen. Aber da es sich bei

Auswahl der Stoffe niemals um die Kostbarkeit, bei Feststellung der

Kleiderschnitte niemals um Neuheit oder Seltsamkeit, sondern bei beiden

ausschließlich um die Kleidsamkeit handelt, so läßt sich der Eindruck,

den solch ein freiländischer Ballsaal mit der Fülle der sich in ihm

zwanglos bewegenden, selbstbewußten, edlen Gestalten hervorruft, in

Worten kaum schildern.

Eine Reise nach Freiland · 第 12 / 15 段