Thatsache, daß er zu seiner Arbeit der Mittel der Gesamtheit nicht
bedarf und daß also bei ihm jene Voraussetzung fehlt, an welche die
Pflicht geknüpft ist, sich Genossen der Arbeit gefallen zu lassen. Doch
nehmen wir selbst an, daß es sich anders verhielte; setzen wir den Fall,
daß ein Maler oder ein Bildhauer für seine Arbeit im eigenen Hause nicht
Platz hat und daß auch die Materialien zur Vollendung derselben so große
Mittel erfordern, daß er den öffentlichen Kredit in Anspruch nimmt;
jetzt ist er der Freizügigkeit unterworfen. Aber glauben Sie, daß die
öffentliche Meinung eine Störung seiner Arbeit durch unberufene
Eindringlinge dulden würde? Sowie sich der leiseste Versuch zu
derartigem Beginnen zeigt, hat unser Mann nichts anderes nötig, als eine
Generalversammlung einzuberufen, sich von dieser zum bevollmächtigten
Direktor ernennen zu lassen und dann sich meldende Genossen entweder zu
Handlangungen oder, wenn er auch dieser nicht bedarf, überhaupt nicht zu
verwenden. Wollen Böswillige ihn vergewaltigen, so stehen ihm jederzeit
ausreichende Stimmen seiner Mitbürger zur Verfügung, um derartige
Versuche zu vereiteln. Unsere oberste Herrin, die öffentliche Meinung,
mengt sich zwar ungefragt in nichts und läßt jeden treiben, was er mag;
sofern aber irgend jemandes Treiben die Rechte anderer kränkt, ist sie,
gerade weil sie zu unnötigem und überflüssigem Eingreifen niemals
herangezogen wird, sofort hilfsbereit. Hier kann nur Unrecht unter der
Voraussetzung geschehen, daß es sich der davon Betroffene schweigend
gefallen läßt.«
»Ich bin auch hierüber beruhigt,« erklärte Professor Tenax. »Möchten Sie
mir nun erklären, welches Mittel Freiland anwendet, um die Gerechtigkeit
in solchen Fällen zu handhaben, wo die Freizügigkeit außer stande ist,
das Gleichgewicht der Arbeitserträge herzustellen, oder wo sie dies zum
mindesten nicht thun könnte, ohne die Wirtschaftlichkeit der Produktion
in hohem Maße zu beeinträchtigen? Es ist nicht richtig, daß der Wert
_jeder_ Ware vom verhältnismäßigen Arbeitsaufwande abhängt oder davon
abhängig gemacht werden kann, und zwar ist dies aus dem Grunde
unrichtig, weil es Waren giebt, die nicht durch menschliche Arbeit,
sondern durch die freiwillige Thätigkeit der Natur hervorgebracht sind,
Waren, die der Mensch nicht erzeugt, sondern bloß einheimst. Der Baum im
Walde ist nicht das Produkt desjenigen, der ihn fällt, und im Werte des
Holzes wird daher nicht die Arbeit des Holzfällers, sondern der
Hauptsache nach die unentgeltliche Leistung der Natur bezahlt. Dasselbe
gilt vom Erze eines reichen Bergwerks, in welchem regelmäßig nicht die
Arbeit des Bergmannes allein, sondern daneben auch noch die davon
unabhängige Seltenheit des Vorkommens bezahlt werden muß. Ja, ein
solcher durch die natürlichen Verhältnisse bedingter Seltenheitswert
kann in der Mehrzahl aller Produktionszweige vorkommen. Nun gebe ich zu,
daß die Freizügigkeit, wenn man sie ins Extrem treiben will, die
Ausgleichung aller Erträge zu bewerkstelligen vermöchte. Bleiben wir bei
dem Beispiele mit dem Bergwerke, so werden sich der ergiebigeren Mine
insolange vermehrte Arbeitskräfte zuwenden, bis der auf die einzelne
Arbeitskraft entfallende Ertragsanteil sich überall ins Gleichgewicht
setzt; aber das wird unter Umständen nur derart möglich sein, daß die
Leistung der einzelnen Arbeiter der ergiebigeren Mine beschränkt wird.
Auch dagegen kann man sich helfen, indem die ergiebigere Mine die
Überschüsse ihres Ertrages über den landesüblichen Durchschnitt an das
Gemeinwesen oder an verwandte Minen zur Verteilung und solcherart eine
billige Ausgleichung der Erträge zuwege bringt. Aber wie mir scheint,
hält man in Freiland selbst diese letztere Methode nicht überall für
ausreichend oder doch nicht für die zweckmäßigste, denn ich sehe, daß
einzelne Arbeitszweige, und zwar insbesondere Bergwerke und Forste, in
Staatsbetrieb genommen werden. Liegt hierin nicht das Geständnis einer
Mangelhaftigkeit des Prinzipes der Freizügigkeit?«
»Durchaus nicht. So wenig es eine Verletzung des in der bürgerlichen
Welt geltenden Grundsatzes der Privatwirtschaft ist, wenn der
bürgerliche Staat selbst Privatwirtschaft betreibt, ebensowenig ist es
eine Verletzung des Prinzips freivergesellschafteter Wirtschaft, wenn
der Staat sich selbst wirtschaftend den freien Vergesellschaftungen
anreiht; in beiden Fällen ist das Prinzip gewahrt, sofern nur der Staat
selbst nicht von demselben abweicht. Eine Verletzung der bürgerlichen
Wirtschaftsordnung wäre es nur, wenn sich etwa der bürgerliche Staat
beifallen ließe, in den von ihm betriebenen Wirtschaftszweigen andere
als die bürgerlichen Grundsätze gelten zu lassen, und ebenso könnte
unser Prinzip nur dann als verletzt gelten, wenn unser Staat bürgerliche
oder kommunistische Grundsätze bei den von ihm betriebenen Wirtschaften
einschmuggeln wollte -- oder auch nur könnte. Er kann es ebensowenig,
als der bürgerliche Staat nach unseren Grundsätzen zu arbeiten
vermöchte. Worauf es ankommt, das ist einzig der Gesichtspunkt, nach
welchem die in solchen Staatswirtschaften Beschäftigten für ihre
Thätigkeit entlohnt werden; in der bürgerlichen Welt geschieht dies
unter Gewährung des landesüblichen _Arbeitslohnes_, d. h. des je nach
Ort und Zeit zur Fristung des Lebens für notwendig Erachteten, bei uns
unter Gewährung des landesüblichen _Vollertrages_ von menschlicher
Arbeit. Gleichwie der bürgerliche Staat seinen Angestellten so viel
bezahlen muß, als dem üblichen Existenzminimum entspricht, weil er
andernfalls die nötigen Arbeitskräfte nicht fände, und gleichwie er
ihnen nicht mehr gewähren kann als dieses Existenzminimum, weil er
andernfalls mit Arbeitsanerbietungen überflutet würde -- ebenso muß
unser Staat seinen Angestellten in welchem Zweige der von ihm
betriebenen Wirtschaft immer den nämlichen Vollertrag von Arbeit
gewähren, wie ihn die anderen Arbeitenden des Landes genießen, und er
kann ihnen nicht mehr gewähren, weil ihm erst recht das Mittel fehlen
würde, dem Zudrange von Arbeitskraft eine Schranke zu ziehen. Um es kurz
zu sagen: der Staat ist bei uns so wenig als in der bürgerlichen Welt
von aller wirtschaftlichen Thätigkeit ausgeschlossen, aber bei uns wie
in der bürgerlichen Welt steht seine Wirtschaft unter der zwingenden
Gewalt des gesellschaftlichen Grundprinzips, welches dort die
Ausbeutung, hier die Gerechtigkeit ist.«
»Ich komme nun,« so nahm Professor Tenax abermals das Wort, »zu der
ersten, der bereits angedeuteten großen Prinzipienfragen. Glauben Sie,
daß es möglich ist, die für Freiland zur Anwendung gebrachten Grundsätze
auf die ganze Menschheit anzuwenden; wenn Sie das glauben, halten Sie es
für möglich, daß dies überall unter Schonung aller erworbenen Rechte
geschehen kann, und gleichviel ob Sie letzteres glauben oder nicht,
warum haben Sie zur Verwirklichung Ihrer menschheitserlösenden Ideen
diesen entlegenen Winkel im Innern Afrikas ausgesucht und es nicht
vorgezogen, dieselben unter den civilisierten Nationen Europas oder
Amerikas durchzusetzen?«
»Die Bejahung des ersten Punktes dieser Frage versteht sich eigentlich
von selbst,« lautete die Antwort. »Da die freiländischen Grundsätze
durchaus in der menschlichen Natur fußen, so läßt sich kein erdenklicher
Grund absehen, warum man sie nicht überall anwenden und damit nicht die
nämlichen Erfolge erzielen könnte, wie wir hier in Freiland. Denn wir
setzen ja von den Angehörigen unseres Gemeinwesens nichts anderes
voraus, als jenen fürwahr sehr mäßigen Grad von Bildung, die dazu
erforderlich ist, um den handgreiflichen eigenen Vorteil zu verstehen.
Unsere Arbeiter bedürfen keines tieferen Verständnisses für
volkswirtschaftliche Fragen; sie brauchen bloß zu begreifen, daß es
besser ist, bei gleicher Anstrengung fünf Mark als vier Mark zu
verdienen. Auch besondere Tugenden fordern wir von den Menschen nicht;
Freiheit und Gerechtigkeit haben die Kraft, die Menschen zu verbessern,
aber damit Freiheit und Gerechtigkeit eingeführt werden, ist es durchaus
nicht notwendig, daß die Menschen besser seien, denn nicht Gemeinsinn,
sondern freiwaltender Eigennutz ist das leitende Prinzip der Wirtschaft
in Freiland.«
»Aber die wirtschaftliche Freiheit und Gerechtigkeit ist nicht bloß
überall möglich, ihr Sieg ist unvermeidlich, soll anders nicht aller
Kulturfortschritt ein Ende finden. Denn seitdem es dem menschlichen
Geiste gelungen, die grenzenlose Kraft der Elemente in den Dienst der
Arbeit zu zwingen, ist die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen
aus einer grausamen zwar, aber unvermeidlichen Kulturnotwendigkeit --
was sie Jahrtausende hindurch gewesen -- zu einem Kulturhindernis
geworden. Es giebt jetzt, sofern die arbeitenden Massen ausgeschlossen
bleiben vom Genusse des Vollwertes ihrer Arbeit, keine Verwendung mehr
für die Erträge wachsender Produktion, und da unverwendbare Dinge, weil
sie wertlos sind, nicht erzeugt werden können, so erstickt die
Ausbeutung jenen Reichtum im Entstehen, der sich sofort einstellen
würde, sowie nur Verwendung für denselben vorhanden wäre. Die
Knechtschaft ist zur alleinigen Ursache des Elends geworden, und da
Elend Barbarei und Ohnmacht ist, so muß und wird es dem Reichtum
weichen, der Kultur und Macht bedeutet.«
»Also unsere Grundsätze können nicht bloß, sie müssen überall zur
Verwirklichung gelangen. Und zwar könnte dies überall geschehen ohne
Verletzung erworbener Rechte. Gleichwie die bäuerlichen Lasten und das
Eigentum an den Sklaven seinerzeit in vielen Staaten friedlich abgelöst
wurden, so könnte das auch mit dem ganzen Grundbesitze und mit den
Arbeitskapitalien geschehen. Das unermeßliche Wachstum des Reichtums,
welches die mit naturgesetzlicher Notwendigkeit eintretende Folge des
zwischen Produktionskraft und Konsumtionskraft hergestellten
Gleichklanges wäre, böte mit spielender Leichtigkeit die Mittel zu allen
diesen Leistungen, und da die bisherigen Besitzer mit den ihnen
zugesprochenen Ablösungssummen ohnehin keine Zinsen mehr machen, sondern
dieselben lediglich zu allmählichem Verbrauche benutzen könnten, so
würde es nicht schwer fallen, die Abzahlungen auf eine längere Reihe von
Jahren zu verteilen und solcherart selbst für den Anfang jede
Überbürdung der neuen Wirtschaft aus diesem Titel zu vermeiden. Ja, es
läge sogar im Interesse der neuen Ordnung der Dinge, daß dieselbe
überall unter Schonung aller erworbenen Rechte durchgeführt werde, da
nur solcherart Erschütterungen und Störungen vermieden würden, die
unmöglich ohne Nachteil auch für die Zukunft bleiben können. Aber wir
bezweifeln trotzdem, daß sich der unvermeidliche Übergang von der
ausbeuterischen zur freien Wirtschaft allerorten oder auch nur in den
meisten civilisierten Staaten in so schonender, ruhiger Weise vollziehen
wird. Damit dies geschähe, müßten die Besitzenden die friedliche
Revolution selbst in die Hand nehmen, ihr wenigstens zustimmen, so lange
sie noch ein Restchen Macht in Händen haben. Und das werden sie
voraussichtlich nirgends thun. Daß aber eine gegen den Widerstand der
Machthaber durch Gewalt zum Siege gelangte Revolution schonend verfahre,
ist nicht zu erwarten. Von der Zähigkeit der Besitzenden dürfte es
voraussichtlich überall abhängen, ob über ihre Ansprüche mit größerer
oder geringerer Rücksichtslosigkeit zur Tagesordnung übergangen wird; je
hartnäckiger sie sich dem Rade der Zeit entgegenstemmen, desto sicherer
und grausamer werden sie unter demselben zermalmt werden. Ich fasse also
die Antwort auf den zweiten Punkt der Frage dahin zusammen: der Übergang
zur socialen Freiheit und Gerechtigkeit könnte sich überall unter
vollkommenster Schonung der erworbenen Rechte vollziehen; er wird aber
wahrscheinlich in den meisten Ländern unter teilweiser oder gänzlicher
Nichtbeachtung dieser Rechte, ja unter blutigen Verfolgungen vor sich
gehen.«
»Damit ist aber der Hauptsache nach schon der dritte Punkt beantwortet.
Der Herr Fragesteller scheint zwar zu meinen, daß die Gründer von
Freiland, auf die Gefahr hin, dadurch blutige Verwickelungen
heraufzubeschwören, den Hebel inmitten der bürgerlichen Gesellschaft
hätten ansetzen sollen, weil sie dadurch die Befreiung der enterbten
Massen der Welt, auf die doch größerer Nachdruck gelegt werden müsse als
auf die Schaffung eines Asyls, in welchem jedenfalls nur einige
Millionen Platz finden, rascher und sicherer erreichen würden. In der
That ist der oberste Zweck, der auch uns hier vorschwebt, die Befreiung
all unserer unter Ausbeutung seufzenden Mitmenschen; wir waren und sind
jedoch überzeugt, durch die Gründung Freilands mehr für die Befreiung
der Welt geleistet zu haben, als durch noch so wirksame Agitation in den
Staaten Europas und Amerikas. Denn da es keiner Frage unterliegt, daß
die Besitzenden, welche ja allenthalben die Macht in Händen halten, sich
unseren Bestrebungen widersetzt hätten, so ist es ebenso unfraglich, daß
wir uns auf das Agitieren hätten beschränken müssen, während wir hier zu
handeln vermochten. Und die Beredsamkeit der Thatsachen ist eine
unendlich gewaltigere als die noch so wohl durchdachter und
wohlgesetzter Worte. Gleichwie jene englischen Independenten, die im
siebzehnten Jahrhundert den Grundstein zu den Vereinigten Staaten von
Nordamerika legten, damit mehr und besseres für die politische Freiheit
der Welt thaten, als wenn sie in ihrer englischen Heimat verblieben
wären und dort für die nämliche Sache vergeblich geduldet hätten, so
glauben auch wir, mehr für die wirtschaftliche Freiheit geleistet zu
haben, indem wir hier handelten, statt anderwärts thatenlos zu dulden.«
»Sie sind also gleich mir der Überzeugung,« so nahm nun Professor Tenax
abermals das Wort, »daß Freiland bestimmt ist, seine Einrichtungen über
die ganze Welt zu tragen und daß es diesen seinen obersten Zweck früher
oder später erreichen wird. Damit aber werden Not und Elend ihren
Abschied von der Menschheit nehmen. Glauben Sie, daß das geschehen kann,
ohne daß Übervölkerung die notwendige Folge wäre, und besorgen Sie
nicht, daß Übervölkerung wieder zu Not und Elend führen muß? Malthus hat
bewiesen, daß die Bevölkerungszunahme das stetige Bestreben habe, über
den Nahrungsspielraum hinauszuwachsen, und daß endloser Vermehrung eben
nur durch den Nahrungsmangel eine Grenze gezogen werden könne. Nun
bewahrt die bürgerliche Wirtschaftsordnung zum mindesten eine Minderheit
der Menschen vor den unvermeidlichen Endergebnissen der Not; gelangt
aber die wirtschaftliche Gleichberechtigung zu allgemeiner Anwendung,
dann muß, wenn abermals Not hereinbricht, diese allgemein werden und das
wäre gleichbedeutend mit allgemeinem Kulturrückschritte, mit Barbarei.«
»Malthus hat das, was Sie soeben darlegten,« antwortete der eine der
freiländischen Professoren, »und was thatsächlich von der ganzen
bürgerlichen Welt einem unumstößlichen Dogma gleich geachtet wird, nicht
bewiesen, sondern nur behauptet. Und daß man diese, den
augenscheinlichsten Thatsachen hohnsprechende, in der Luft schwebende
Behauptung ein volles Jahrhundert hindurch für einen vollgültigen Beweis
nahm, ist nur ein Zeugnis mehr für die voreingenommene Verblendung
dieser merkwürdigen Zeit, die über dem erfolgreichen Bestreben, der
Natur ihre Geheimnisse abzulauschen, den großen Zusammenhang aller
natürlichen und menschlichen Dinge gänzlich aus dem Auge verlor. Es ist
allerdings wahr, daß die Vermehrung der Menschen, wie überhaupt aller
lebenden Wesen, irgend eine Grenze haben müsse, und es ist ebenso wahr,
daß Hunger und Entbehrungen unter Umständen zu einer Grenze der
Volksvermehrung werden; unwahr aber ist, daß die Menschen sich unter
allen Umständen vermehren, bis sie der Hunger decimiert, vielmehr zeigt
selbst der oberflächlichste Blick auf die Thatsachen jedem durch
Vorurteile nicht vollends verblendeten Beobachter, daß als große Regel
das Gegenteil stattfindet, daß die Menschen sich nirgends oder doch
beinahe nirgends bis an die Grenzen ihres Nahrungsspielraums vermehren
noch jemals vermehrt haben. Wäre es anders, so müßte ja Übervölkerung
die allgemeine Regel sein, während thatsächlich die Erde mit
Leichtigkeit die hundertfache Menschenzahl ernähren könnte.
»Malthus beruft sich zur Erhärtung seines Lehrsatzes auf die Natur; auch
dort findet als Regel das Gegenteil von dem statt, was er aus ihr
herauslesen will; in der Natur herrscht nicht Mangel, sondern
grenzenloser Überfluß; selbst jene Arten, deren Fruchtbarkeit die
stärkste ist, vermehren sich doch nirgends oder doch nur in höchst
vereinzelten Ausnahmefällen auch nur annähernd bis an die Grenzen ihres
Nahrungsspielraumes. Daß Malthus auf die aberwitzige Idee geraten
konnte, die Menschen hungerten und hätten alle Zeit gehungert, weil
ihrer zuviel seien, ja, daß er auf die noch aberwitzigere
Wahnvorstellung geriet, allenthalben in der Natur herrsche der nämliche
Zustand des regelmäßigen Hungers, erklärt sich bloß daraus, daß er den
Hunger in der Menschheit als Thatsache vor sich sah, die richtige
Erklärung desselben -- daß die Massen hungern, weil ihnen vorenthalten
wird, womit sie sich sättigen könnten -- nicht zu entdecken vermochte
und deshalb zu dem Auskunftsmittel griff, welches sich überall
einstellt, wo richtige Erklärungen fehlen, nämlich ein Naturgesetz
aufzustellen, wo nichts anderes vorliegt, als eine verkehrte menschliche
Einrichtung. Die Wahrheit ist, daß die Natur außer dem Hunger noch eine
ganze Reihe von Mitteln besitzt, um das Gleichgewicht in der
Fortpflanzung jeglichen Lebewesens aufrecht zu erhalten; die Vermehrung
_fände_ eine Grenze im Hunger, wenn sie im übrigen grenzenlos wäre; da
sie aber letzteres nicht ist, da andere Naturgewalten das Gleichgewicht
zwischen Fortpflanzungsvermögen und Sterblichkeit lange vor Erreichung
der Hungergrenze herstellen, so kann der Hunger höchstens ausnahmsweise
die ihm von Malthus als Regel zugeschriebene Wirkung äußern.
»Aber die hohe Bedeutung, welche der Malthusschen Übervölkerungslehre
von der bürgerlichen Welt beigemessen wird, wäre selbst dann
ungerechtfertigt, wenn dieser Lehrsatz an und für sich auf Wahrheit
beruhen würde. Daß die Kohlenfelder der Erde in absehbarer Zeit
erschöpft werden müssen, wenn mit ihrem Verbrauche in der bisherigen
Weise fortgefahren wird, ist doch für alle Fälle viel sicherer,
unzweifelhafter, als daß die Erde für die Menschheit zu eng werden
müßte, wenn man den Arbeitenden gestatten würde, sich zu sättigen; warum
ängstigt sich die bürgerliche Welt nicht vor dem Versiegen der
Kohlenminen, sondern überläßt die Sorge um die Beschaffung zukünftigen
Brennstoffes getrost den kommenden Generationen, während sie sich
unablässig den Kopf dieser nämlichen Generationen wegen der
Übervölkerungsgefahr zerbricht? Es steckt hier ein gutes Stück bewußter
oder unbewußter Heuchelei verborgen; man sucht nach Gründen für eine
Handlungsweise, von welcher man instinktiv empfindet, daß sie nicht zu
rechtfertigen sei. Der Übervölkerungstheorie liegt in Wahrheit gar
nichts anderes zu Grunde, als die nur zu berechtigte Scham darüber, daß
wir ungezählte Millionen gleichberechtigter Mitgeschöpfe dem
jämmerlichsten Elende preisgeben, während wir doch die Mittel besäßen,
ihnen allen ein menschenwürdiges Dasein zu ermöglichen.«
Hiermit hatte diese interessante Auseinandersetzung ihr Ende erreicht.
Nicht leicht zuvor sah ich jemals einen Besiegten und vollends einen im
Wortkampfe besiegten Professor, der ob seiner Niederlage so froh gewesen
wäre, wie diesmal mein einst so zäher Lehrer und Freund Tenax. Er
schüttelte beim Abschiede seinen zwei erfolgreichen Widersachern so
freudig bewegt die Hände, als ob es nur von deren gutem Willen
abgehangen hätte, ihm dem Übertritt nach Freiland zu ermöglichen oder zu
verwehren.
»Jetzt bin ich mit der Vergangenheit fertig; meine ganze Zukunft gehört
der Verbreitung jener Ideen, die ich hier in mich aufgenommen« -- das
waren des Professors Worte, als wir uns trennten.
Schluß-Kapitel.
Ich schließe hiermit das Tagebuch über meine Erlebnisse in Freiland und
zwar aus dem sehr triftigen Grunde, weil meine Zeit, die bisher zwischen
Arbeit, Belehrung und Vergnügen geteilt war, derzeit durch Gefühle,
Gedanken und Handlungen ausgefüllt wird, die sich allesamt in _einem_
Kreise bewegen, in dessen Mittelpunkt ein weibliches Wesen steht, das
für mich der Inbegriff alles Edlen, Schönen und Guten ist. Das heißt mit
andern Worten: ich bin verliebt.
Der Leser besorge nicht, daß ich ihn mit Ergüssen meiner Liebe
behellige; dieses Schlußkapitel soll nichts anderes sein als eine
möglichst trockene Verlobungsanzeige. Nur eines muß ich noch erzählen,
weil es bezeichnend ist für die Denkungsart der freiländischen Mädchen.
Als ich mich mit meiner Braut verlobt hatte und die Einrichtung unseres
zukünftigen Heims zur Sprache kam, erwähnte ich, daß ich in Europa ein
sehr bedeutendes Vermögen zurückgelassen, über welches ich allerdings
teilweise bereits zu gunsten des freiländischen Gemeinwesens verfügte,
von welchem jedoch immerhin noch genug vorhanden sei, um uns hier den
Luxus eines besonders schön und behaglich eingerichteten Hausstandes zu
gestatten. Da verfärbte sich meine Braut und bat mich dringend, auf
diesen Gedanken zu verzichten. Als ich nach dem Grunde forschte und zu
wissen begehrte, warum ihr meine Absicht so hochgradigen Widerwillen
einflöße, erklärte sie mir zögernd, es wäre ihr geradezu unheimlich,
einen Luxus zu genießen, der aus Not und Jammer unterdrückter
Mitgeschöpfe erwachsen. »Mir würde zu Mute« -- so meinte sie -- »als ob
ich Menschenfleisch genießen müßte; so wenig eine in Europa
aufgewachsene Frau es ertragen könnte, wenn in ihren Hausstand eine
Anzahl fetter Menschen eingeschlachtet würde, ebensowenig kann ich, die
ich seit meiner Kindheit Freilands Luft geatmet, es vertragen, etwas zu
genießen, was entstanden ist, indem menschliche Geschöpfe durch
Überanstrengung und Entbehrung zu Tode gehetzt wurden.«
Und dabei blieb es; auch der Rest meines in Europa von meinen Vorfahren
nach den dortigen Begriffen »redlich erworbenen« Vermögens ist in die
Kasse der freiländischen Behörde für auswärtige Angelegenheiten
gewandert, welche derartige Einzahlungen reicher Genossen -- in
Verbindung natürlich mit den zu gleichen Zwecken aufgewendeten Mitteln
unseres Gemeinwesens -- dazu benützt, um stets größeren und größeren
Massen ausländischer Proletarier die Übersiedelung nach Freiland zu
ermöglichen.
Ende.
Inhaltsverzeichnis.
Seite
Vorwort 3
1. Kap. Warum ich auswanderte 7
2. Kap. Die Reise 18
3. Kap. Wo Freiland liegt und was Freiland ist 25
4. Kap. Wer mir in Freiland die Stiefel putzte und wie es 32
dort in den Straßen aussieht. Das Eigentum an
Wohnhäusern
5. Kap. Wie ich in Freiland einen Beruf wählte und im 42
Speisehause mein Mittagessen bezahlte
6. Kap. Das Statut einer freiländischen Erwerbsgesellschaft 52
und die Arbeitserträge
7. Kap. Warum Freiland so viel Maschinen verwendet und 64
woher es sie nimmt
8. Kap. Ein freiländisches Hauswesen und das freiländische 81
Versorgungsrecht
9. Kap. Die Centralbank, das Geldwesen und das Lagerhaus. 92
Über die Freiheit in Freiland
10. Kap. Unmöglichkeit von Krisen in Freiland. Die 108
freiländische Rentenversicherung
11. Kap. Eine Ferienreise in Freiland. Der 117
landwirtschaftliche Betrieb. Verteilung von
Boden und Kapital
12. Kap. Eine Gründung in Freiland 134
13. Kap. Die Verfassung von Freiland. Die freiländische 145
Steuer
14. Kap. Über Geselligkeit, Liebe und Religion in Freiland 156
15. Kap. Über die Tüchtigkeit der gewählten 168
Betriebsleitungen, künstlerische Produktion,
Kommunismus und Anarchismus, Staatsbetrieb,
allgemeine Anwendbarkeit der freiländischen
Grundsätze und die Furcht vor Übervölkerung
Schlußkapitel 182
Anmerkungen zur Transkription
Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Weitere
Korrekturen (vorher/nachher):
[S. 7]:
... gebildetsten und liebenswürdigsten Mädchens aus einer der ...
... gebildetsten und liebenswürdigsten Mädchen aus einer der ...
[S. 16]:
... verzichte entgültig auf dieselbe. Meinem Mitbewerber erzählte ...
... verzichte endgültig auf dieselbe. Meinem Mitbewerber erzählte ...
[S. 23]:
... Unser Zug brauchte für die 280 Kiliometer der Tana-Keniabahn ...
... Unser Zug brauchte für die 280 Kilometer der Tana-Keniabahn ...