»Allerdings,« erklärte Karl. »Vor allem möchte ich Ihnen zu bedenken

geben, daß Sie über den Vorgang, der bei einem solchen Kulturwechsel

eingehalten werden müßte, nicht ganz im klaren zu sein scheinen. Nicht

die ersten besten neuen Ankömmlinge haben das Recht, hier nach ihrem

Gutdünken zu schalten und zu walten, sondern dieses Recht steht unter

allen Umständen der Majorität all jener zu, welche Lust an den Tag

legen, den Boden dieser Association zu bewirtschaften. Es müßte also

eine neue Majorität entstehen, damit das geschehe, was Sie befürchten.

Dies jedoch nur zur Aufklärung darüber, daß es nicht die zufällige Laune

des >Erstbesten< ist, welcher Erstbeste ja auch ein Narr sein könnte,

wovon die Verwendung der Bodenflächen in Freiland abhängt. Von dieser

letzteren Erwägung abgesehen, bliebe es sich dem Wesen nach ganz gleich,

ob es viele oder wenige sind, welche eine derartige Neuerung zu

beschließen haben, denn sie kann unter allen Umständen nur unter der

Voraussetzung beschlossen werden, daß durch sie der Vorteil aller dabei

Beteiligten Rechnung findet. Wer in die Wirtschaft dieser Association

eintritt, nimmt Teil an allen ihren Lasten und Vorteilen, und wenn er

also die Kaffeepflanzungen ausrottet und an deren Stelle Baumwolle baut,

so kann er dies nur thun, wenn der Nutzen des Baumwollbaues so groß ist,

um den durch die Zerstörung der Kaffeepflanzungen verursachten Schaden

wettzumachen. In diesem Falle aber ist es ja auch der Nutzen der früher

beschäftigt gewesenen Arbeitskräfte, daß ein so rationeller

Kulturwechsel stattfinde. Setzen wir den Fall, daß hunderttausend

Arbeitsstunden an diese der Zerstörung geweihten Kaffeepflanzungen

gewendet worden waren und daß die an deren Stelle tretenden

Baumwollpflanzungen gleichfalls hunderttausend Arbeitsstunden

beanspruchen, so würde der Nutzen aus dieser neuen Baumwollkultur unter

zweihunderttausend Arbeitsstunden verteilt werden müssen, und daraus

geht hervor, daß man die Kaffeebäume nur dann durch Baumwollsträucher

ersetzen wird, wenn dieselben nicht nur die an ihre eigene Anpflanzung,

sondern auch die an die Anpflanzung der zerstörten Kaffeeplantagen

gewendete Arbeitskraft vergüten.«

»Und wenn es ein ganz anders gearteter Arbeitszweig ist, für welchen

Boden beansprucht wird? Wenn z. B. hier auf dem Gebiete der

Landwirtschaftsgesellschaft von Obertana Fabriken gebaut werden

sollen, wer hat dann darüber zu entscheiden, ob sich das die

Landwirtschaftsgesellschaft gefallen lassen muß oder nicht?« fragte

Professor Tenax.

»Auch darüber entscheidet in letzter Linie der gleichlaufende

Nutzen beider Teile, nämlich der landwirtschaftlichen und der

Industriearbeiter,« antwortete Karl. »Da es eine notwendige Folge der

freiländischen Freizügigkeit ist, daß die Arbeitserträge sich überall

ins Gleichgewicht setzen, so ist es ganz unmöglich, daß industrielle

Arbeiter wünschen können, eine Fabrik dort zu errichten, wo durch die

Inanspruchnahme früher zu anderen Zwecken bestimmt gewesenen Bodens

anderen Arbeitern ein Schaden zugefügt würde, der größer ist als der

Nutzen, der diesen anderen Arbeitern durch die Errichtung einer Fabrik

in ihrer Mitte erwächst. Nutzen und Vorteil jedes wirtschaftlichen

Vorganges kommt hier am Arbeitsertrage zum Ausdruck, und der

Arbeitsertrag gestaltet sich infolge der Freizügigkeit für alle Arbeiter

gleichförmig. Es ist also nicht möglich, daß die Arbeiter einer Fabrik,

die etwa hier an dieser Stelle erbaut würde, den landesüblichen

Durchschnittsertrag ihrer Arbeit finden, wenn benachbarte Arbeiter in

ihrem Durchschnittsertrage geschädigt werden. Man kann folglich im

eigenen Interesse keine Fabrik errichten, wo dies zum Schaden der

Nachbarn geschehen müßte. Thatsächlich giebt es auf dem Gebiete der

Bodenwirtschaft von Obertana nicht weniger als siebzehn große

industrielle Werke, die zum Teil recht bedeutende Bodenflächen für sich

beanspruchen; aber Sie können sich darauf verlassen, daß alle diese

Werke nur errichtet wurden, weil die Einbuße, welche sie der

Landwirtschaftsgesellschaft durch Inanspruchnahme des Bodens zufügten,

mehr als aufgewogen wurde durch anderweitige Vorteile. Diese

anderweitigen Vorteile können sehr verschiedener Art sein; sie bestehen

teils darin, daß die Bodengesellschaft vermehrte Abnehmer ihrer eigenen

Erzeugnisse findet, teils darin, daß sie Nachbarn erhält, welche sie zum

Ausbessern, Instandhalten oder Erneuern ihrer Maschinen braucht,

hauptsächlich aber darin, daß in der Zeit der Ruhe in den

landwirtschaftlichen Arbeiten die landwirtschaftliche Bevölkerung

leichtere Gelegenheit zu nutzbringender Verwertung der eigenen,

zeitweilig überschüssigen Arbeitskraft findet, und umgekehrt, in der

Zeit der Saat und Ernte der vorübergehend stark anschwellende Bedarf an

landwirtschaftlicher Arbeitskraft leichter durch Zuzug aus den

umliegenden Fabriken befriedigt werden kann. Mit einem Worte, die

Errichtung eines solchen Werkes mußte ein Gewinn für die

Bodengesellschaft von Obertana sein, sonst konnte es dazu nicht kommen.«

»Aber es muß doch jemand da sein, der darüber zu entscheiden hat, ob in

einem solchen Falle Gewinn oder Verlust zu besorgen ist, und wer ist

dieser Jemand?« fragte der in die Enge getriebene Professor.

»Dieser >Jemand< ist eine Majorität, die sich aus den beiderseitigen

Interessenten, d. h. aus den landwirtschaftlichen und industriellen

Arbeitern bildet. Dabei bitte ich Sie aber zu beachten, daß bei einer

solchen Majoritätsbildung sich nicht die Arbeiter des alten Werkes auf

der einen und die des neuen Wertes auf der andern Seite als zwei

gesonderte Parteien gegenüberstehen. Das wäre nur der Fall, wenn der

Vorteil der einen Hand in Hand gehen könnte mit dem Schaden der andern.

Da dem nicht so ist, da Vorteil und Nachteil in beiden Lagern auf das

nämliche hinauslaufen, so kann es hier niemals Interessengegensätze,

sondern bloß Meinungsverschiedenheiten geben. Ein Teil der Landwirte

wird die Errichtung des neuen Werkes für nützlich, ein anderer Teil für

schädlich halten, und ebenso wird es Industriearbeiter geben, die dafür

sind, daß man das Werk an dieser Stelle errichte, und andere, die

dagegen sind; die sich solcherart bildende Majorität kann irren, aber

ihre Absicht muß und wird immer sein, zu thun, was beiden Teilen

gleichmäßig nützt. Und wenn Sie den eigentlichen Sinn unseres

freiländischen Bodenrechtes unbefangen würdigen, so muß Ihnen von

Anbeginn klar sein, daß dies gar nicht anders möglich ist. Denn da sich

dank unserer Freizügigkeit der Nutzen jeglicher Art von Bodenbenutzung

gleichmäßig auf alle verteilt, so kann es sich bei uns gar niemals darum

handeln, zu wessen Gunsten der Boden benutzt werden soll, sondern bloß

darum, welche Art der Bodenbenutzung dem Nutzen aller am besten

entspricht. Der Boden gehört für alle Fälle allen. Wir sind also unter

allen Umständen gleichsam in der Lage von Compagnons, die ihr Geschäft

zu gemeinsamem Vorteil betreiben, und die daher in einzelnen Fällen wohl

darüber in Meinungsverschiedenheit geraten mögen, welche Art der

Geschäftsführung dem gemeinsamen Nutzen am besten entspreche, niemals

aber darüber, ob der Nutzen dieses oder jenes Geschäftsteilhabers dem

der anderen vorangehen oder hintangesetzt werden solle. Ich wiederhole,

es giebt bei uns auch in den Fragen der Bodenbenutzung wohl

Meinungsverschiedenheiten, aber keine Interessengegensätze.«

»Am Ende behauptet ihr das nämliche auch bezüglich der

Kapitalverteilung! Ist es euch Freiländern ebenso gleichgültig, wer das

von euch beigesteuerte Kapital erhält? Denn das Kapital, welches euer

Gemeinwesen an die unterschiedlichen Associationen verteilt, rührt ja

von einer Abgabe her, zu welcher jedermann beisteuern muß, gleichviel ob

er will oder nicht, gleichviel ob er Kapital braucht oder dessen

überflüssig genug hat. Man wird also hier zur Sparsamkeit gezwungen, und

zwar unter Umständen zu einer Sparsamkeit für fremden Nutzen. Ist auch

das gerecht?«

»Das wäre sehr ungerecht,« erwiderte Karl, »aber es geschieht nicht.

Hier wird niemand zur Sparsamkeit gezwungen, jedermann steuert nur

soviel Kapital bei, als er selbst gebraucht, und wenn er kein Kapital

gebrauchen will, so braucht er auch nichts beizusteuern. Denn die

Abgabe, in welcher allerdings der zur Kapitalverleihung bestimmte Anteil

mit enthalten ist, wird ja nicht auf die Personen, sondern auf den

Arbeitsertrag gelegt; es zahlt sie also nur derjenige, welcher arbeitet,

und zwar ein jeder Arbeitende genau im Verhältnis seiner

Arbeitsleistung; wer aber arbeitet, der benutzt Kapital und zwar genau

im Verhältnis seiner Arbeitsleistung. Ich dürfte z. B. dreimal soviel

Steuer zahlen, als der Feldarbeiter dort, jedoch nur aus dem Grunde,

weil ich den dreifachen Ertrag aus meiner Arbeit ziehe und folglich

dreifach so starken Vorteil von der Kapitalbenutzung habe.«

»Aber, Verblendeter!« rief Professor Tenax, »es ist doch nicht das

Kapital, zu welchem Sie beisteuern, aus welchem Sie Vorteil ziehen, und

nicht das Kapital, aus welchem jener Landmann Vorteil zieht, zu welchem

er beisteuert; Sie zahlen vielleicht für ihn oder er für Sie. Wie ich

gehört habe, seid ihr von der >Ersten Edenthaler Maschinen- und

Transportmittel-Baugesellschaft< gerade im Begriffe, dreiviertel

Millionen Pfund Sterling zu verbauen; was hat der Mann hier davon? Und

doch ist es seine Steuer so gut als die Ihrige, welche dazu herhalten

muß, Ihrer Gesellschaft dreiviertel Millionen Pfund zu borgen. Das ist

eine Ungerechtigkeit, die sich auf die Dauer unmöglich anders als durch

den gehässigsten Zwang aufrecht erhalten läßt.«

»Der Landmann dort,« erklärte Karl, »hat von den dreiviertel Millionen

Pfund, die unsere Gesellschaft verbaut, genau so viel wie ich, d. h.

wohlverstanden im Verhältnis seiner Arbeitsleistung genau so viel wie

ich. Ich habe vorausgesetzt, daß jener den dritten Teil meines

Arbeitseinkommens bezieht, folglich steuert er zu unseren Anlagen den

dritten Teil dessen bei, was ich zahle, und es ist klar wie das

Sonnenlicht, daß ebenso auch sein Gewinn aus der Anlage den dritten Teil

des meinigen beträgt. Dafür, daß das geschehe, sorgt die Freizügigkeit;

_sein_ Nutzen kann dadurch zum Ausdruck gelangen, daß der Preis von

Maschinen infolge unseres vermehrten Angebotes sinkt, oder dadurch, daß

die Getreidepreise infolge der durch uns bewirkten Vermehrung der

Verkehrsmittel steigen, oder dadurch, daß die Arbeitserträge sich heben,

oder vielleicht auch bloß dadurch, daß unsere Anlagen ein Sinken der

Arbeitserträge verhindern, welches ohne dieses eingetreten wäre. Für

alle Fälle verteilt sich das schließliche Endergebnis gleichmäßig auf

alle Arbeitenden Freilands, und so wahr es ist, daß in Freiland niemals

Streit entstehen kann über die Frage, wem der Gewinn aus der Benutzung

einer bestimmten Bodenfläche gehören solle, ebenso wahr ist es, daß auch

mit Bezug auf einen gegebenen Kapitalbestandteil niemals fraglich ist,

_wem_, sondern stets nur, _in welcher Verwendungsart er allen_ am besten

nutzbar zu machen sei. Die Kapitalien sind hier geradeso wie der Boden

Gemeingut, sie gehören unter allen Umständen allen Arbeitenden, und der

Mann dort benutzt daher die Gebäude und Maschinen, die wir bauen,

geradeso, wie ich die Speicher und Maschinen benutze, die wir hier in

Obertana vor unseren Augen sehen.«

»Ich will über diesen Punkt nicht weiter mit euch streiten,« murrte der

Professor. »Aber das eine sagt mir noch, da ihr eine Antwort auf alles

habt: mit welchem Rechte verbietet ihr hier den Leuten, Kapital, das sie

allenfalls auf eigene Faust erspart haben mögen, nutzbringend

anzulegen?«

»Wer verbietet denn das?« nahm nun ich das Wort. »Es findet sich hier

nur niemand, der einem Kapitalbesitzer dasjenige gewähren würde, was Sie

unter nutzbringender Verwendung von Kapital verstehen, nämlich Zins.

Niemand wird Ihnen verwehren, so hohe Zinsen zu verlangen als Sie nur

immer wollen, aber freilich wird Ihnen kein Freiländer weder hohen noch

niederen Zins bewilligen, aus dem sehr einfachen Grunde, weil ihm

jederzeit zinsloses Kapital von seiten des Gemeinwesens zur Verfügung

steht. Um dem zu genügen, was Sie in diesem Punkte Gerechtigkeit nennen,

müßte man die Leute _zwingen_, Zins zu zahlen, und das thut Freiland

allerdings nicht.«

»Ja thut man es denn in Europa?« rief erregt Professor Tenax. »Solch

grundlose Verdächtigungen und Unterstellungen beweisen in meinen Augen

nichts anderes als die Schwäche euerer Sache. Der Zins ist das Ergebnis

eines durchaus freien Verhältnisses von Angebot und Nachfrage, darin

Zwang zu sehen, legt von Selbstverblendung oder bösem Willen Zeugnis

ab.«

»Wenn dem so ist, wie unser lieber Professor sagt,« erklärte jetzt Frau

Wera, »so kann ich ihm nur recht geben. Wenn in Europa die Arbeitenden

es vorziehen, Zins für die Benutzung von anderer Leute Kapital zu

zahlen, anstatt daß sie ihr eigenes verwenden, so halte auch ich es für

unbillig, wenn man da von Zwang spricht.«

»Diese Leute, welche in Europa anderer Leute Kapital benutzen, thun dies

nicht aus Vorliebe für fremdes Kapital,« belehrte Tenax seine

hinterlistige Freundin, »sondern deshalb, weil sie kein eigenes haben.«

»Das sind also wohl leichtsinnige Verschwender und Prasser, die alles

vergeuden, was sie verdienen, oder Faulpelze, die nichts arbeiten

wollen, während die anderen, bei denen sie dann um Kapital betteln

müssen, die Sparsamen und die Fleißigen sind?«

»So ganz richtig ist auch das nicht, schöne Frau,« docierte der

Professor, der nun zu merken begann, daß ihn seine Freundin -- wie er

glaubte, allerdings ganz unschuldigerweise -- da arg aufs Eis gelockt

habe, der aber doch zu ehrlich und zu verständig war, um die Frage

kurzweg zu bejahen. »Es giebt zwar unter den von Kapital Entblößten auch

Verschwender, Trunkenbolde und Müßiggänger, gleichwie es unter den

Kapitalbesitzern sparsame und fleißige Leute giebt; aber im allgemeinen

kann man doch nicht eigentlich sagen, daß dieser Unterschied dasjenige

erkläre, worauf es hier ankommt. Ich will sogar zugeben, daß im

Durchschnitt die Reichen bei uns mehr verzehren und weniger arbeiten als

die Armen. Jedoch .....«

»Sonderbar, höchst sonderbar,« rief Frau Wera mit erstaunter Miene. »Wie

kommt es dann, daß jene die Armen und diese die Reichen sind?«

»Nun, Sie müssen wissen, die Armen haben eben nichts als ihre

Arbeitskraft, und diese allein ist unfruchtbar, während den Reichen

dasjenige gehört, was zur Befruchtung der Arbeitskraft erforderlich ist;

folglich haben sie das Recht, von den Armen dafür, daß sie ihnen die

Mittel zur Arbeit geben, Anteil vom Nutzen zu verlangen, und dieser

Anteil vom Nutzen, der sich in ihren Händen aufhäuft, ist es, was sie

reich macht, während jene arm bleiben müssen.«

»Ja, das verstehe ich schon, Herr Professor; jene sind arm, weil sie

nichts haben, und diese sind reich, weil sie viel haben -- das leuchtet

mir ein. Aber Sie entschuldigen schon die Begriffsstutzigkeit einer

Frau, die in frühester Jugend Ihr gesegnetes Europa verlassen hat und

sich in dessen Zuständen und Rechtsgrundsätzen nicht mehr ganz genau

zurechtfinden kann. Das, was die Reichen den Armen gegenüber

voraushaben, die Mittel zur Arbeit, das sind doch wohl Felder und

Wiesen, Gebäude, Maschinen und Geräte, nicht wahr? Da hat also wohl der

liebe Gott die Felder und Wiesen in Europa eigens für die Reichen

erschaffen, die Häuser, Maschinen, und Werkzeuge aber haben die Reichen,

weil sie die Klügeren sind, angefertigt und lassen sich nun all das von

jenen Leuten bezahlen, die wegen ihrer Gottlosigkeit ausgeschlossen sind

vom Besitze der Erde und die überdies dumm genug waren, bloß

Nahrungsmittel, nicht aber auch Arbeitsinstrumente zu erzeugen?«

Der Professor merkte nun freilich, wo Frau Wera mit ihm hinauswolle und

fing daher an, ärgerlich zu werden. »Das ist alles höchst

unwissenschaftlich, was Sie da sagen, verehrte Frau,« erklärte er. »Ob

Gott einen Unterschied zwischen arm und reich macht oder nicht und ob

die Armen es sind, welche die Arbeitsgeräte erzeugten, gerade so gut als

die Nahrungsmittel thut hier nichts zur Sache; irgend jemand muß doch

die Erde und die Arbeitsinstrumente besitzen, und das sind eben die

Reichen.«

»Professor, Professor,« sagte nun Frau Wera, die scherzhafte Miene

ablegend und Tenax mit ihren großen, klaren Augen voll anblickend, »Sie

bewegen sich da in einem häßlichen Cirkel; die Knechtschaft erklären sie

aus der Armut und die Armut aus der Knechtschaft. Wenn es richtig ist,

daß die Arbeitenden den Gewinn abtreten müssen, weil ihnen die

Arbeitsmittel fehlen, und wenn ihnen diese fehlen, weil sie den Gewinn

abtreten müssen; dann, so sollte man meinen, versteht es sich doch von

selbst, daß der Gewinn ihnen gehört, wenn sie im Besitze der

Arbeitsmittel sind, und daß diese ihnen gehören, wenn sie den Gewinn für

sich behalten. Oder hat der Gedanke der Freiheit und Gleichberechtigung

etwas gar so Abschreckendes für Sie, daß Sie sich, aller Logik zum Hohn,

gegen ihn sträuben?«

Der Professor wurde purpurrot und antwortete halb flüsternd, mit

gesenkten Augen: »Sie dürfen mit einem alten Manne nicht so schwer ins

Gericht gehen, wenn er sich sträubt, Überzeugungen abzulegen, die er

durch ein ganzes arbeitsvolles Leben in sich aufgenommen. Soll ich mich

so leicht entschließen, als unsinnig zu verwerfen, was ich ein

Menschenalter hindurch Tausenden und Abertausenden von Zöglingen als

Quintessenz allerhöchster Weisheit angepriesen? Auch kommt mir der

Umschwung zu plötzlich, er widerstreitet meinen Vorstellungen von der

Notwendigkeit organischer historischer Entwickelung aller menschlichen

Dinge. Man macht doch schließlich eine neue Gesellschaftsordnung nicht

wie eine neue Maschine in der Fabrik und ich kann an dieses Freiland

nicht glauben, da es eine künstliche Schöpfung ist, das Werk von

Menschen, die sich eigens zu dem Zwecke vereinigten, die Sache so und

nicht anders einzurichten, während meine Weltanschauung mich lehrt, daß

nur das organisch Gewordene vernünftig und dauerhaft sein kann.«

»Auch dieses Bedenken ist nur die letzte Schanze Ihres Vorurteils,«

antwortete unerbittlich die junge Frau. »Daß gesellschaftliche

Neugestaltungen, um vernünftig und dauerhaft zu sein, nicht künstlich

gemacht, sondern organisch entwickelt sein müssen, ist allerdings

richtig; aber welcher Organe soll sich denn der Genius der Menschheit

bedienen, wenn er eine dem Untergang verfallene, überlebte

Gesellschaftsform in eine neue, lebensfähige hinüberführen will, wenn

nicht der Menschen? Verstehen Sie unter natürlichem Werdeprozeß in der

menschlichen Entwickelungsgeschichte nur solche Gestaltungen, die sich

ohne Zuthun der Menschen ins Werk setzten? Soll wirklich nur die

Dummheit, die träge Gedankenlosigkeit, die geduldig das Heute trägt,

weil es dem Gestern gleicht, soll _sie_ die einzig berechtigte Kraft in

der menschlichen Geschichte sein? Ich verstehe den Satz von der

Notwendigkeit organischer Entwickelung gesellschaftlicher Neubildungen,

dahin, daß die Neubildungen das natürliche und vernünftige Ergebnis

geänderter Existenzbedingungen der Menschheit sein müssen. Aber dieses

Ergebnis muß trotz alledem und alledem durch Menschen herbeigeführt

werden; es wächst nicht gleich den Bäumen des Waldes oder den Blumen der

Wiese, so wenig, als die Gestaltungen euerer bürgerlichen Weltordnung

ohne das Zuthun von Menschen zu stande kamen und sich in Kraft erhalten.

Oder sehen Sie etwa als notwendiges Erfordernis gedeihlicher

gesellschaftlicher Neubildung an, daß sie mit Blut begossen, durch den

Donner der Kanonen eingeläutet werde? Widersetzt euch nur fernerhin

demjenigen, was zu thun unbefangenes Nachdenken und gesunder

Menschenverstand von euch fordern, und ihr werdet bei euch da draußen

der Feuer- und Bluttaufe wahrlich nicht entgehen. Wir aber halten unsere

Schöpfung deshalb für nicht minder lebensfähig, weil sie auf friedlichem

Wege zu stande gekommen, und wenn wir, um dies zu ermöglichen, Gebiete

aufsuchten, wo Unverstand und böser Wille uns nicht hindernd in den Weg

treten konnten, so haben wir auch damit nur gethan, was thatkräftige,

entschlossene Menschen in ähnlichen Verhältnissen alle Jahrtausende

hindurch thaten und wofür als letztes großartigstes Beispiel die

Gründung der Vereinigten Staaten von Nordamerika in der Geschichte

verzeichnet steht.«

Professor Tenax hatte den letzten Teil dieser sich über sein Haupt

ergießenden Strafrede schweigend, in tiefe Gedanken versunken, angehört.

Nach einer Weile reichte er uns allen die Hand, nahm darauf Frau Weras

Arm unter den seinen, und wir schlugen den Weg nach dem Bahnhofe von

Obertana ein, um den nach Edenthal gehenden Zug zu besteigen.

Zwölftes Kapitel.

Eine Gründung in Freiland.

Wer vom freiländischen Gemeinwesen Land und Kapital zur Inswerksetzung

eines Unternehmens haben will, der muß, er mag nun allein sein oder

Genossen seines Planes bereits gefunden haben, der Centralbank all seine

Wünsche und Absichten bekannt geben; diese veröffentlicht die ihr

gewordene Mitteilung und ruft daraufhin eine Generalversammlung ein, an

welcher jedermann teilnehmen kann, der sich für das Unternehmen

irgendwie interessiert. Es war nun letzthin in den Blättern die

Ankündigung zu lesen, daß ein kürzlich aus Amerika eingewanderter

Ingenieur mit einer Anzahl Genossen, die sich ihm teils schon in

Amerika teils in Freiland angeschlossen, zur Gründung einer

Luftschiffahrtgesellschaft 600000 Pfund Sterling verlangte. Seine Ideen

waren von verschiedenen wissenschaftlichen Gesellschaften Europas und

Amerikas für undurchführbar erklärt worden und auch die freiländische

Verwaltungsbehörde für gemeinnützige Unternehmungen mitsamt dem dazu

gehörigen Vertretungskörper, denen er sein Projekt vorgelegt, hatten

sich ablehnend verhalten. Er beschritt daher den Weg der Selbsthilfe,

veröffentlichte eine umständliche Beschreibung seiner Erfindung und

forderte diejenigen, die gleich ihm an die Möglichkeit einer praktischen

Verwirklichung des Gedankens glaubten, auf, sich ihm anzuschließen.

Mich interessierte die Sache sowohl um ihrer selbst willen als auch weil

ich bei diesem Anlasse sehen wollte, wie sich die freiländischen

Einrichtungen einem so gewagten Unternehmen gegenüber bewähren würden,

und ich beschloß daher an der Generalversammlung teilzunehmen.

Die Idee des Erfinders war sinnreich, aber sie leuchtete mir nicht in

allen Einzelheiten ein, und angesichts der Höhe des zu dem Experimente

geforderten Betrages fand ich es ganz begreiflich, daß unsere Behörden

die Verantwortung scheuten, eine solche Summe aus den Mitteln des

Gemeinwesens zu bewilligen. Dagegen fand ich es nicht mehr als billig,

daß dem Manne Gelegenheit geboten werde, mit Hilfe der öffentlichen

Meinung seinen Gedanken zu erproben, und ich war entschlossen, mich

selbst an dem Versuche zu beteiligen.

Eine Reise nach Freiland · 第 10 / 15 段