Diese einfache Darlegung machte mir klar, warum hierzulande ein

derartiges allgemeines Mißverhältnis zwischen Angebot und Nachfrage

gänzlich ausgeschlossen ist. Da es unzweifelhaft einem allgemein

geltenden Gesetze entspricht, daß niemand produziert zu anderm Zwecke,

als um für den Erlös seiner Produktion irgend etwas einzutauschen, und

da es hier nichts anderes als Erzeugnisse menschlicher Arbeit giebt, die

man eintauschen kann, so muß immerwährendes Gleichgewicht herrschen,

etwas, was bekanntlich die großen Ökonomisten auch für die bürgerliche

Welt als notwendig hingestellt haben, ohne sich selbst klar zu sein,

warum es, wie ihrem Scharfsinne niemals vollständig entging, doch

thatsächlich nicht zutraf. Auch der Freiländer kann dasjenige, was er

erzeugt, wenn er will in irgend einer Form beiseite legen, ersparen;

aber die Form, in der er das thut, kann unter keinen Umständen eine

andere sein, als daß er dem Markte irgend ein Erzeugnis menschlicher

Arbeit entnimmt. In ein Machtmittel, in einen verbrieften Anspruch auf

zukünftige Arbeitsergebnisse anderer Menschen vermag er in Freiland sein

Arbeitsergebnis niemals zu verwandeln und er kann daher niemals das

Gleichgewicht des freiländischen Marktes stören, indem er im Austausch

für seine Erzeugnisse statt der _Erzeugnisse_ anderer, solche

_Machtansprüche_ über andere zu erwerben sucht. So lange es für Freiland

ein Ausland giebt, geschieht es, daß freiländische Sparer ausländische

zinstragende Werte kaufen; aber auch das kann natürlich nur auf dem

fremden, nicht aber auf dem freiländischen Markte ein Mißverhältnis

zwischen Angebot und Nachfrage nach Waren hervorrufen; denn in diesem

Falle sind es eben freiländische Erzeugnisse, die für ausländische

Besitztitel hintangegeben werden; es vermindert sich also in einem

solchen Falle allerdings die Nachfrage, ebenso aber auch das Angebot von

Waren in Freiland.

Ebensowenig vermag der Außenhandel das Gleichgewicht zwischen Nachfrage

und Angebot in Freiland zu stören. Da es doch offenbar ist, daß uns das

Ausland nichts schenkt, sondern stets nur Ware gegen Ware tauscht, so

steht notwendigerweise den zum Verkaufe bei uns angebotenen fremden

Waren eine entsprechende Nachfrage aus dem Erlöse freiländischer, im

Auslande verkaufter Waren gegenüber. Der Außenhandel bewirkt bloß, daß

wir unsern Bedarf an solchen Gütern, die vorteilhafter im Auslande als

im Inlande erzeugt werden, nicht direkt durch die Selbsterzeugung dieser

Dinge, sondern dadurch decken, daß wir an ihrer Statt solche Dinge

hervorbringen, die vorteilhafter bei uns als im Auslande produziert

werden können, was natürlich zur Folge hat, daß wir diesen Teil unseres

Bedarfes besser und reichlicher zu decken vermögen, als wenn wir die

fraglichen Dinge unmittelbar selber herstellten. Dagegen läßt sich

allerdings nicht leugnen, daß die Handelsbeziehungen mit dem von

häufigen und heftigen Produktionsschwankungen heimgesuchten Auslande

häufigere und heftigere Schwankungen des Gleichgewichtes unserer eigenen

Produktionserträge hervorrufen, als durch die Schwankungen unserer

eigenen Produktions- und Nachfrageverhältnisse von Haus aus bedingt

wäre. Es kommt mitunter vor, daß das Ausland gewisse Güter, die auch bei

uns selbst erzeugt werden, zu Schleuderpreisen bei uns verkauft, was

dann zur selbstverständlichen Folge hat, daß auch unsere eigenen Preise

und damit die Erträge unserer eigenen davon zunächst betroffenen

Produktionen herabgedrückt werden; allein solche Ungleichheiten werden

dank unserer Freizügigkeit leicht und ohne tiefergehende Schädigung der

dabei Beteiligten überwunden. Wollten wir uns gegen das Ausland

absperren, so könnten wir uns gegen solche Schwankungen schützen; aber

da dies auf Kosten der internationalen Arbeitsteilung und folglich auf

Kosten unseres Wohlstandes vor sich ginge, indem wir solcherart dauernd

genötigt wären, statt jener Dinge, die wir mit dem größten Vorteil

produzieren, jene Dinge zu erzeugen, die wir unmittelbar selber

verbrauchen, so läßt sich hier niemand beifallen, derartige

Absperrungsmaßregeln zu befürworten.

Eine ganz besondere Art von Hinterlegung der Produkte gegenwärtiger

Arbeit für zukünftigen Gebrauch findet durch Vermittelung der

Versicherungsabteilung unserer freiländischen Centralbank statt. Wie

bereits erwähnt, hat jeder Freiländer für den Fall seiner

Arbeitsunfähigkeit Anspruch auf Versorgung durch die Gesamtheit; doch

beträgt dieser Versorgungsanspruch bloß vier Zehntel des

durchschnittlichen Ertrages freiländischer Arbeit für Männer und drei

Zehntel für Frauen; das genügt zwar für behäbiges, ja reichliches

Auskommen, nicht aber unter allen Umständen, um den Beteiligten die ganz

unveränderte Fortführung jener Lebensweise zu gestatten, an die sie sich

während der Zeit ihrer Thätigkeit gewöhnt haben mögen. Die

Versicherungsabteilung bietet nun denjenigen, die im späteren Alter für

sich und ihre Frau mehr als den allgemeinen Versorgungsanteil haben

wollen, das Mittel, diesen ihren Zweck zu erreichen. Wer eine nach

Altersklassen abgestufte Prämie zahlt, kann seine Versorgungsrente

beliebig erhöhen.

Das eigentümliche dieser freiländischen Versicherung besteht darin, daß

für die eingezahlten Prämien zwar keine Zinsen angerechnet werden, dafür

aber die gesamte Verrechnung nicht in Geld, sondern in Arbeitswerten vor

sich geht. Es ist dies folgendermaßen zu verstehen. Europäische oder

amerikanische Versicherungsanstalten bezahlen z. B. einem Manne

bestimmten Alters, der bis zu einem vorher bestimmten Zeitpunkte

jährlich fünfhundert Mark einzahlt, nach diesem Zeitpunkte -- sagen wir

-- jährlich tausend Mark als Rente; die freiländische Versicherung zahlt

einem solchen Manne für je hundert Stundenwerte, die er jährlich bis zu

eintretender Arbeitsunfähigkeit als Prämie entrichtet, von da ab eine

Jahresprämie von zweihundert Stundenwerten; nun beträgt aber der

Stundenwert gegenwärtig in Freiland fünf Mark; er dürfte bei Eintritt

des hier ins Auge gefaßten Rentenbezuges vielleicht zehn Mark betragen

und bis zum Tode des Bezugsberechtigten auf zwölf Mark steigen; unser

Mann hätte also eine allmählich von fünfhundert bis zu tausend Mark

steigende Jahresprämie gezahlt und sich dafür eine von zweitausend auf

zweitausendvierhundert Mark steigende Rente gesichert. Der Zweck dieser

Einrichtung ist, Leistung wie Gegenleistung mit der Leichtigkeit der

Einzahlung einerseits und mit dem durch den allgemeinen Reichtum

bedingten Wachstume der Bedürfnisse anderseits in Einklang zu bringen;

wenn der Wert der Arbeit in Freiland steigt, sollen, gleich den

allgemeinen Versorgungsansprüchen, auch die von der Versicherung

gezahlten Renten steigen.

Da die Versicherungsanstalt in Freiland natürlich keine Zinsen machen

kann, so ist das solcherart eintretende Wachstum der Versicherungsrenten

streng genommen nach versicherungstechnischen Grundsätzen

ungerechtfertigt; die Versicherten erhalten im Durchschnitt wesentlich

mehr, als ihrer Einzahlung entspricht, und der Unterschied muß natürlich

von der Gesamtheit getragen werden. Aber man ist in Freiland der

Ansicht, daß hierin keine Ungerechtigkeit liegt. _Zinstragend_ kann die

Versicherungsanstalt die Einzahlungen der Versicherten allerdings nicht

anlegen, aber sie legt sie eben doch und zwar durch Vermittelung der

Centralverwaltung _fruchtbringend_ an, sei es in Form dem allgemeinen

Nutzen dienender Bauten, sei es in Form der den Associationen gewährten

Kredite. Das Gemeinwesen ist es, welches den Vorteil aus allen diesen

Anlagen hat, und zwar nehmen daran nicht bloß die Einzahlenden und ihre

Zeitgenossen, sondern auch die kommenden Geschlechter teil; die

Versicherten haben aus ihren Ersparnissen der Gesamtheit für Gegenwart

und Zukunft Instrumente fruchtbarer Arbeit zur Verfügung gestellt, und

wenn ihnen nun bei Bemessung der Rente außer den eingezahlten Beträgen

selbst noch ein Teil des kraft dieser Einzahlungen erzielten Zuwachses

der Arbeitserträge vergütet wird, so ist dies nicht mehr als billig.

Nebenbei bemerkt erwächst für die Gesamtheit einstweilen und wohl noch

auf Jahrzehnte hinaus aus dieser Versicherungseinrichtung

keinerlei Last, im Gegenteil ermöglichen die Eingänge aus den

Versicherungsprämien, daß dem Kapitalbedürfnisse der Gesamtheit

entsprochen werden kann, ohne daß die allgemeine Steuer jene Höhe

erreichen müßte, die andernfalls zur Aufbringung der erforderlichen

Beträge notwendig wäre. Es übersteigen nämlich derzeit die

Prämieneinzahlungen weitaus die Renten, und das wird insolange währen,

als infolge der Neuheit dieser Einrichtung einerseits und des rapiden

Wachstums der Bevölkerung anderseits die Menge der zahlenden

Versicherten so vielfach größer ist als die Menge der Zahlung

Empfangenden. Später einmal wird sich das ändern; aber wenn es

geschieht, wird inzwischen die Ergiebigkeit der freiländischen Arbeit

und zwar unter Mitwirkung der von den Versicherten beigesteuerten

Kapitalien so gewaltig gewachsen sein, daß eine allfällige geringfügige

Erhöhung des Steuersatzes leicht zu ertragen sein wird.

Zum Schlusse will ich noch erwähnen, daß diese ganze Einrichtung sich

lediglich auf Altersrenten, nicht aber auf die Versorgung von Kindern

bezieht. Letzteren genügt unter allen Umständen ihr unveräußerlicher

Anspruch auf den Fruchtgenuß des Gesamtreichtums. Daß die Zukunft zu

Gunsten von Menschen belastet werde, die in der Vergangenheit noch

nichts geleistet haben, halten die Freiländer für unsinnig. Über die

Ergebnisse seiner eigenen Arbeit kann jedermann nach seinem Belieben im

Leben wie für den Todesfall verfügen; es steht ihm also frei, seinen

Kindern zu hinterlassen, was er ersparte -- mehr aber nicht.

Elftes Kapitel.

Eine Ferienreise in Freiland. Der landwirtschaftliche Betrieb.

Verteilung von Boden und Kapital.

Da Karl die eine Hälfte seiner Ferienzeit für den Monat August

vorgemerkt hatte -- es werden nämlich in der Regel die üblichen zwei

Ferienmonate nicht in einem Zuge, sondern in zwei verschiedenen

Abschnitten genossen -- so beschloß ich, auch meinen Urlaub in der

gleichen Zeit zu nehmen. Im allgemeinen gilt es als Sitte, daß die

jüngeren Kollegen sich in Bezug auf die Verteilung der Ferien den

Wünschen der älteren anbequemen, in der Art, daß diesen die Wahl

gelassen ist und die jüngeren erst Urlaub nehmen, wenn jene

zurückgekehrt sind. Ein Zwang in dieser Beziehung besteht nicht, aber

ich hatte bald bemerkt, daß Sitte und Gepflogenheit hier eine Macht

ausüben, die derjenigen der strengsten Gesetze gleichzuachten ist. Es

ist das übrigens nichts Freiland Eigentümliches, sondern eine Erfahrung,

die, wenn auch selbstverständlich nicht im selben Maße, schon die

bürgerliche Welt überall gemacht hat, wo das in ihr überhaupt mögliche

Maß von Freiheit zur Geltung gelangte. Ich hätte mich also im August,

der als Ferienmonat stark begehrt wird, nicht frei machen können, wenn

nicht einer der älteren Kollegen aus Rücksicht auf mein

freundschaftliches Verhältnis mit Karl freiwillig zurückgetreten wäre

und dafür die mir zugefallene Ferienzeit, den September, in Tausch

genommen hätte.

Die Ferien werden von den Freiländern zumeist zu Reisen benutzt. Man

durchwandert die Gebirgswelt des Kenia oder der 70 Kilometer von diesem

westwärts gelegenen Aberdarekette, unternehmendere Touristen dehnen ihre

Ausflüge bis an den 350 Kilometer nordwestlich gelegenen Gebirgsstock

des Elgon aus, der zwar keinen einzigen dem Kenia auch nur annähernd an

Mächtigkeit ebenbürtigen Gipfel aufweist, dessen einzelne Höhen jedoch

gleichfalls bis in die, hier unterm Äquator bei 14000 Fuß Seehöhe

beginnende Schneeregion hineinragen. Andere steigen über Uganda zum

Ukerewesee herunter, dessen 4000 Fuß über dem Meeresspiegel gelegene

Uferlandschaften in der kühlen Jahreszeit einen sehr angenehmen

Aufenthalt und Gelegenheit zu großartigem Ruder- und Segelsport bieten.

Alle diese Ausflüge sind durch ein zwar noch in den Anfängen

begriffenes, für europäische Begriffe aber doch schon stark entwickeltes

Straßen- und Eisenbahnnetz ungemein erleichtert und an den best- und

schönstgelegenen Punkten haben verschiedene freiländische

Baugesellschaften Gasthöfe und Villen errichtet, in denen die Reisenden

je nach Geschmack entweder in idyllischer Einsamkeit oder zu größeren

Gesellschaften vereint zu den billigsten Preisen Unterkunft finden. Da

der Personentransport auf den Eisenbahnen durch ganz Freiland gar nichts

kostet, sondern -- gleich Post, Telegraph und elektrischer Kraftleitung

-- vom Gemeinwesen unentgeltlich geleistet, d. h. aus der allgemeinen

Auflage gedeckt wird, so stellt sich das Reisen in Freiland kaum

wesentlich höher als der Aufenthalt am ständigen Wohnorte. Für fünfzig,

höchstens achtzig Pfennige den Tag erhält man überall ein bequem

eingerichtetes Hotelzimmer, eine ganze, aus drei bis acht Wohnräumen

bestehende Villa für fünfzehn bis vierzig Mark die Woche; Lebensmittel

sind überall zu fabelhaft mäßigen Preisen zu haben, und nur die

Bereitung der Speisen verursacht in den einsamer gelegenen Villen etwas

größere Kosten. Ich habe während unseres einmonatlichen Umherwanderns

vom Kenia bis zum Ukerewe nicht mehr als zweihundertundzwanzig Mark

ausgegeben und von dieser Summe kamen reichlich drei Vierteile nicht auf

die Deckung der gewöhnlichen Lebensbedürfnisse, sondern auf den Aufwand

für Bergführer, Ruderboote, eine Segelyacht, Reitpferde u. dgl.; hätten

wir drei, nämlich Karl, seine Frau und ich, die kostspieligeren Ausflüge

nicht für uns allein, sondern in größerer Gesellschaft unternommen, so

wäre ich ganz gut mit der Hälfte dieser Summe und, falls ich mich auch

in Speise und Wohnung eingeschränkt hätte, mit etwa dem vierten Teile

ausgekommen.

Es bedarf wohl keiner ausdrücklichen Versicherung, daß mich auf diesen

Ausflügen neben der überwältigenden Schönheit der Naturscenen in erster

Linie die Einrichtung der verschiedenen freiländischen Industrien und

insbesondere der landwirtschaftlichen Gesellschaften interessierte,

deren in unmittelbarer Nähe Edenthals nur zwei kleinere, hauptsächlich

den Gemüse- und Obstbau betreibende, vorhanden sind.

Staunenswert ist, wie in allen freiländischen Gewerken, so auch in den

landwirtschaftlichen, die alles umfassende Anwendung von Maschinenkraft.

An der Spitze der landwirtschaftlichen Associationen steht in dieser

Beziehung derzeit die Gesellschaft von Obertana, die auf 600

Quadratkilometern oder 30000 Hektaren nicht mehr als 2400 Arbeiter

ständig beschäftigt hat, welche allerdings in der Saat- und Erntezeit

Wochen hindurch von aus den verschiedenen Industrien der Umgebung

zuwandernden 5000-10000 Arbeitern unterstützt werden. Und man glaube

nicht etwa, daß die Bewirtschaftungsmethode eine oberflächliche, auf

unvernünftigen Raubbau gerichtete ist. Im Gegenteil, es wird hier der

Boden mit höchster Sorgfalt bestellt, weit sorgfältiger und intensiver,

als -- vielleicht mit Ausnahme einzelner Gegenden Chinas -- in irgend

einem Teile der Welt; aber die Elemente sind es eben, die, in den Dienst

des Menschen gezwungen, neunundneunzig Hundertteile all dieser Arbeit

verrichten. Ein großartiges Bewässerungssystem führt dem Boden von der

Saat bis zur Ernte unausgesetzt reichliche Feuchtigkeit zu, so daß

Fehlernten beinahe gänzlich ausgeschlossen sind; das Ackern, Säen, Eggen

und Walzen, das Schneiden, Binden, Dreschen, Reinigen und Einspeichern

des Getreides besorgen von Elektrizität getriebene Maschinen; zahllose

Schienenstränge durchziehen nach allen Richtungen die Felder, und zwar

dient dieses Schienennetz nicht bloß zum Befördern von Lasten, sondern

auch zur Fortbewegung und Handhabung der elektrischen Kraftmaschinen. So

nur ist es möglich, daß hier zweimal im Jahre je 1½ Millionen

Metercentner, im Jahre also drei Millionen Metercentner Getreide und

außerdem durchschnittlich eine Million Metercentner anderer Feldprodukte

im Gesamtwerte von ungefähr fünf Millionen Pfund Sterling unter dem

Einsatz von nicht ganz dreizehn Millionen Arbeitsstunden erzeugt werden,

was für die einzelne Arbeitsstunde einem Rohertrage von acht Mark und

nach Abzug der Kapitalrückzahlungen und der Abgabe an das Gemeinwesen

einem Reinertrage von nahezu fünf Mark entspricht.

Wir besichtigten die Anlagen von Obertana auf der Heimreise und hatten

dort ein Stelldichein mit Professor Tenax, der, gleichgültig gegen

Naturschönheiten, es abgelehnt hatte, uns auf unsern Ausflügen in die

Gebirge und an den großen See zu begleiten. Er war, als wir seiner

ansichtig wurden, so zerstreut, daß er die üblichen Begrüßungen kaum

beantwortete, und man sah es seinem Mienenspiele an, daß ihm auf seinen

Kreuz- und Querzügen durch die verschiedenen Gewerke Freilands während

der letzten Wochen eine ganze Reihe neuer Bedenken und Einwendungen

aufgetaucht sein müsse, die an den Mann zu bringen es ihn drängte. Frau

Wera, die den Professor ob seiner großen Gelehrsamkeit und harmlosen

Gutmütigkeit in allen Fragen, die seine orthodoxen Prinzipien nicht

berührten, rasch liebgewonnen hatte, machte sich nichtsdestoweniger

bisweilen das Vergnügen, ihn dadurch, daß sie scheinbar seine Partei

nahm, zu äußerster Entfaltung all seiner Spitzfindigkeit und

dialektischen Kunststücke anzufeuern. Als er uns daher mit der ironisch

gemeinten Frage begrüßte, ob wir vielleicht hierher gekommen seien, um

unser freiländisches Bodenrecht geltend zu machen, und da wir dies nicht

sofort verstanden, höhnend hinzufügte: »Hier gehört ja der ganze Boden

einem jeden; ihr seid offenbar da, um mit der Verwaltung von Obertana

Prozeß anzufangen, weil sie euch bisher an ihren Dividenden nicht

teilnehmen ließ,« -- schaltete Frau Wera mit heuchlerischer Betrübnis

ein, auch ihr habe es immer Kopfzerbrechen gemacht, was denn darunter zu

verstehen sei: der Boden wäre frei wie die Luft, jeder könne ihn nach

Gutdünken benutzen.

»Ein Unsinn ist es, sehr geschätzte Frau,« entgegnete voll Eifer der

Professor. »Die Luft kann man aller Welt freigeben, weil sie in

unbegrenzter Menge vorhanden ist, nicht aber den Boden, von welchem doch

jedenfalls weniger da ist, als der menschlichen Begehrlichkeit

entspricht, und der, selbst wenn er in unbegrenzter Menge zu haben wäre,

doch schon wegen der Verschiedenheit seiner Güte zu Streitigkeiten Anlaß

gäbe, wenn es jedem überlassen bliebe, sich nach Laune und Lust das

beste Stück auszusuchen.«

»Professor,« entgegnete ich, »glauben Sie wirklich, daß wir danach

Verlangen tragen, Bodenbebauer zu werden? Kann ich gleichzeitig Pläne

zeichnen und den Pflug lenken? Ich bleibe bei meinem Geschäfte, obwohl

ich hier das zweifellose Recht besäße, an der Bodenbenutzung

teilzunehmen, weil ich dabei besser meine Rechnung finde, und das ist

der Fall, weil nach den Ergebnissen meiner Arbeit am Zeichenbrett

größerer Begehr ist als nach denen meiner Arbeit hinter dem Pfluge. Ganz

das nämliche gilt für alle jene Arbeiter Freilands, die bessere

Entlohnung ihrer Arbeitskraft finden, wenn sie anderes thun, als den

Boden bestellen. Und deren muß es natürlich stets eine schwere Menge

geben, weil ja die menschlichen Bedürfnisse nicht auf Bodenprodukte

allein gerichtet sind und also stets Bedarf nach den Erzeugnissen auch

anderer Arbeit vorhanden sein wird. Die Sorge, daß alle Welt

thatsächlichen Gebrauch vom Rechte der Bodenbearbeitung machen könnte,

hätte also nur dann Begründung, wenn man vermutete, daß es den Leuten

nicht darum zu thun ist, Dinge zu erzeugen, die Abnehmer finden, sondern

daß sie allesamt eine Leidenschaft für landwirtschaftliche Arbeiten

erfaßt, eine Art Landhabsucht, die nicht auf den Erfolg, sondern nur auf

die Art der Arbeit sieht.«

»Was _nützt_ euch aber dann euere sogenannte Bodenfreiheit? Was haben

Sie und Karl und was hat Frau Wera davon, daß ihr Boden bearbeiten

könntet, wenn ihr wolltet, da, wie Sie mir soeben auseinandergesetzt

haben, Ihr eigener Vorteil Sie dazu antreibt, von diesem Rechte keinen

Gebrauch zu machen? Ist es dann nicht für die übergroße Mehrzahl der

freiländischen Bevölkerung ganz das nämliche, ob der Boden ein

paar Tausend Grundbesitzern oder ein paarmal Hunderttausend

landwirtschaftlichen Arbeitern gehört?«

»Wenn der Boden hier jenen >gehören< würde, die ihn bearbeiten, dann

hätten Sie allerdings recht. Dann könnte es den andern allen ziemlich

gleichgültig sein, ob es viele oder wenige sind, welche die Erde mit

Beschlag belegt haben. Aber vergessen Sie nicht daran: wir, die wir hier

stehen, haben genau das nämliche Recht auf Benutzung des Bodens, wie die

Arbeiter, welche dieses Benutzungsrecht thatsächlich ausüben. Den

letzteren _gehört_ also der Boden nicht, sie dürften uns nicht

verbieten, ihn zu benutzen, wenn wir Lust dazu hätten, und die Folge

davon ist, daß sie den Vorteil der Bodenbenutzung mit uns teilen müssen,

d. h. daß unsere Arbeit den nämlichen Gewinn abwerfen muß, wie die

ihrige, da ja insolange, als dies nicht eingetreten wäre, die

Arbeitskraft sich aus allen andern Produktionen in die Bodenwirtschaft

zöge. Also: das freiländische Bodenrecht hat nicht zur Folge, daß alle

Welt Bodenwirtschaft treibt, wohl aber hat es zur Folge, daß der Ertrag

von Bodenwirtschaft sich mit demjenigen aller andern Produktionsarten

ins Gleichgewicht setzt.«

»Sie haben mir noch nicht beantwortet, welche mystischen Beweggründe den

einen Teil der freiländischen Bodenbearbeiter veranlassen, mit

schlechteren Grundstücken vorlieb zu nehmen, während vielleicht dicht

daneben andere Leute bessere Grundstücke bearbeiten?« beharrte Professor

Tenax.

»Die Kraft, die sie dazu veranlaßt, hat nichts Mystisches an sich,« war

Karls Entgegnung; »ihr Name ist >Eigennutz<. Sie selber haben uns

seinerzeit gelehrt, daß der Ertrag der Arbeit auf Boden

_verhältnismäßig_ desto geringer wird, jemehr Arbeit man dem Boden

zuwendet; zweihundert Arbeiter werden z. B. auf einer gegebenen

Bodenfläche nicht zweimal soviel erzeugen, als hundert, sondern

vielleicht bloß einundeinhalb Mal soviel, weil die Arbeit des zweiten

Hunderts nicht mehr so notwendig ist wie die des ersten. Wenn also dem

besseren Boden, und sei er noch so vielfach fetter, fruchtbarer,

günstiger gelegen, verhältnismäßig zu viel Arbeitskraft zuströmte, so

würde der einzelne Arbeiter von besagtem besseren Boden geringeren

Ertrag seiner Arbeitskraft erzielen, als auf minder stark besetztem

schlechten. Der Eigennutz des Arbeitenden verlangt aber nicht, daß er

seine Kraft auf möglichst fettem Boden, sondern daß er seine Kraft mit

möglichst hohem Ertrage verwerte, und es ist daher klar, daß man die

Leute bloß frei wählen zu lassen braucht, damit sich ganz von selbst

dasjenige einstelle, was der wirtschaftlichen Vernunft und Gerechtigkeit

gleichmäßig entspricht, nämlich daß sich die Arbeitskräfte über allen

Boden, er sei nun besser oder schlechter, derart verteilen, daß auf die

einzelne Arbeitskraft überall der nämliche Ertrag entfalle.«

Unser hartnäckiger Widerpart konnte sich, geschmeichelt wohl durch die

Berufung auf seine eigenen Lehren, eines zustimmenden Kopfnickens nicht

enthalten, faßte aber, durch Frau Weras Schelmerei aufgestachelt,

alsbald neuen Mut zu der triumphierenden Tones aufgeworfenen Frage, was

denn geschehen würde, wenn andere Arbeiter hier, wo z. B.

Kaffeepflanzungen sich dehnen, Baumwolle anbauen wollten; wer dem

erstbesten Ankömmlinge verwehren könnte, die Kaffeebäume auszurotten und

solcherart die Frucht jahrelanger Arbeit anderer zunichte zu machen?

»Hat euere freiländische Weisheit eine Panacee auch gegen solche

Ausschreitungen des >freiwaltenden< Eigennutzes?«

Eine Reise nach Freiland · 第 9 / 15 段