»Aber das ist noch nicht alles. Unsere ganze Wirtschaft würde in der

Luft schweben, wenn wir den Wert der Dinge nach dem in ihnen steckenden

Arbeitsaufwande bestimmen wollten. Denn der erste und wichtigste Zweck

des Wertmessers ist ja, den Wert der Arbeit selber zu messen. Wieviel

das Buch, der Tisch, das Getreide oder das Eisen wert sein mögen, das

sind Fragen von untergeordneter Bedeutung; worauf es uns zunächst

ankommt, das ist, jederzeit genau zu wissen, wieviel die auf eine Sache

gewendete Arbeit wert ist. Wüßten wir _das_ nicht, von wo sollten wir

wissen, worauf wir unsere Arbeit zu wenden haben? Oberste Aufgabe jeder

Wirtschaft ist doch, daß jene Dinge erzeugt werden, auf welche sich der

Bedarf richtet, und das vollzieht sich in der Weise, daß die Arbeiter

sich jenem Produktionszweige zuwenden, in welchem sie bei gleicher

Anstrengung den ihren Fähigkeiten entsprechenden höchsten Ertrag für die

aufgewendete Mühe finden. Das heißt z. B.: dieser Tisch wurde aus dem

Grunde produziert, weil die zehn Mark, die er wert ist, den mit seiner

Produktion beschäftigten Arbeitern fünf Mark für die Stunde abwarfen,

womit sie zufrieden waren. Diese zehn Mark für den Tisch oder fünf Mark

für die Stunde erhielten sie bloß, weil Nachfrage nach Tischen war;

hätten sich der Tischlerei mehr Arbeiter zugewendet, als der Nachfrage

nach Tischlereiprodukten entsprach, so wäre der Preis des Tisches

gesunken, die mit seiner Herstellung beschäftigten Arbeiter hätten

weniger erhalten, als dem Durchschnittswerte der Arbeit entsprach; das

hätte sie veranlaßt, ein anderes Gewerbe aufzusuchen, nach dessen

Produkten verhältnismäßig stärkere Nachfrage herrschte, und gerade

dadurch wäre das Gleichgewicht zwischen Angebot und Nachfrage

wiederhergestellt worden. Wenn aber der Wert des Tisches nicht in Geld,

sondern in dem zu seiner Herstellung erforderlichen Arbeitsaufwande

ausgedrückt würde, dann erhielten die Tischler, gleichviel ob man ihre

Erzeugnisse braucht oder nicht, unabänderlich den gleichen Preis,

nämlich zwei Stunden, solange ein Tisch zweier Stunden zu seiner

Herstellung bedarf, weniger nur dann, wenn der Arbeitsaufwand zur

Herstellung des Tisches sinkt, und unter allen Umständen für den

gleichen Arbeitsaufwand den gleichen Wert, ihre Erzeugung mag dem

Bedürfnisse entsprechen oder nicht. Dann bliebe uns nur zweierlei

Möglichkeit offen: entweder müßten wir uns damit zufrieden geben, daß

Dinge erzeugt werden, die niemand braucht, während an Dingen, die

dringend gesucht werden, der größte Mangel herrschen könnte; oder wir

müßten an die Stelle der Freiheit in der Berufs- und Arbeitswahl

obrigkeitlichen Zwang setzen. Unsere Behörden hätten dann darüber zu

bestimmen, was erzeugt werden soll, was natürlich zur ferneren Folge

hätte, daß die Behörden die ganze Leitung der Produktion in die Hand

nehmen müßten. Um das zu vermeiden, giebt es kein anderes Mittel, als

den freien Markt mit wirklich brauchbarem, d. h. möglichst

wertbeständigem Wertmesser; ein solcher ist das Gold und deswegen haben

wir am Goldgelde als Wertmesser festgehalten.«

»Und warum werden einzelne Leistungen hier doch nach Arbeitsstunden

bemessen?« fragte ich.

»Weil wir bei diesen Leistungen -- wie Gehalte, Versorgungsansprüche u.

dgl. -- haben wollen, daß ihr Wert _nicht_ unveränderlich bleibe,

sondern schritthaltend mit dem Wachstume der Arbeitsergiebigkeit

zunehme.«

Ich dankte für die empfangene Belehrung, fragte aber des ferneren, wie

man in Freiland über jene abergläubische Angst denke, welche die meisten

Socialisten Europas und Amerikas vor dem Golde empfinden.

»Wir halten dies« -- so war die Antwort -- »für ein bloßes

Mißverständnis. Ob Gold oder irgend etwas anderes, meinethalben selbst

der Arbeitsaufwand das Wertmaß wäre, bliebe sich mit Bezug auf jene

Gefahren, die dem Gelde nachgesagt werden, mit diesem aber nicht das

Geringste zu thun haben, ganz gleichgültig. Nehmen Sie an, man würde in

Europa nicht nach Geld, sondern nach Arbeitscertifikaten rechnen; würde

dadurch die Macht der großen Kapitalisten geringer werden, wenn sie

statt über so und so viele Millionen Mark, Franken oder Pfund über so

und so viele Millionen Arbeitsstunden oder Arbeitstage verfügen würden?

Das Übel der ausbeuterischen Welt liegt darin, daß der Arbeitende nicht

den vollen Wert dessen erhält, was er erzeugt, sondern den Löwenanteil

an Grundrentner, Kapitalisten und Unternehmer abtreten muß. Oder glauben

die europäischen Socialisten, daß, wenn beispielsweise ein Centner

Getreide statt mit zehn Mark mit zehn Arbeitsstunden bezahlt würde,

diese zehn Arbeitsstunden dem Arbeiter gehören würden, der das Getreide

hervorgebracht hat? Um das zuwege zu bringen, nützt die Änderung des

Wertmessers nicht das Geringste; Boden und Kapital muß den Arbeitern

zugänglich gemacht und ihnen dadurch die Möglichkeit geboten werden, den

Arbeitsprozeß zu eigenem Nutzen zu betreiben; dann gehört ihnen das

Produkt, gleichviel wie dessen Wert ausgedrückt wird, und damit, daß

ihnen dieser Wert gehört, ist gründlich geholfen. Die Furcht vor dem

Gelde gleicht dem Zorne des Kindes, das den Fußboden schlägt, auf dem es

gestürzt, vermeinend, dieser Boden sei schuld an seinem Sturze; laßt

dieses Kind einmal das Gehen erlernt haben und es wird desto sicherer

auf seinen Füßen stehen, je fester der Boden ist, auf dem es sich

bewegt.«

Um die freiländischen Lagerhäuser kennen zu lernen, stattete ich den in

Edenthal gelegenen in Begleitung Karls einen Besuch ab. Auch die

Lagerhausverwaltung unterhält, trotzdem ihr Betrieb einheitlich für das

ganze Land zusammengefaßt ist, in den meisten größeren Orten besondere

Zweiganstalten, die dazu bestimmt sind, auf der einen Seite die

Erzeugnisse der örtlichen Produktion aufzunehmen und an die Centrale

abzugeben, auf der andern Seite für den örtlichen Bedarf die Erzeugnisse

des ganzen Landes verfügbar zu halten. Nicht minder geht der Außenhandel

durch die Hände der Lagerhausverwaltung. Es mag hier sofort bemerkt

werden, daß Freiland beinahe ausschließlich bloß solche Güter

fabriziert, bei deren Produktion Maschinenkraft eine hervorragende Rolle

spielt, während jene Güter, die ihrer Natur nach hauptsächlich durch

Handarbeit hervorgebracht werden müssen, vom Auslande eingeführt werden.

Denn die freiländischen Arbeiter wären vermöge ihrer höheren Intelligenz

und körperlichen Tüchtigkeit wohl auch in Handarbeit den ausgemergelten

Knechten der bürgerlichen Welt in allen Stücken überlegen; trotzdem kann

freiländische Handarbeit ihres hohen Wertes halber, der im Durchschnitt

ungefähr das fünfzehnfache europäischen Tagelohns beträgt, mit

bürgerlicher Handarbeit nicht konkurrieren: unsere Konkurrenzfähigkeit

beginnt erst, wenn wir unsere stählernen Sklaven eintreten lassen können

für die Knechtesarbeit der bürgerlichen Tagwerker. Denn diese unsere

Sklaven sind noch genügsamer als die Knechte des Auslandes, die doch zum

mindesten Kartoffeln zur Füllung ihres Magens und einige Lappen zur

Bedeckung ihrer Blößen verlangen, während die unserigen durch die

Elemente beinahe kostenlos gespeist werden und ein wenig Schmieröl

genügt, um ihre Glieder gelenkig zu erhalten. Freiland nimmt solcherart

im Außenhandel gleichsam die Rolle des großen Fabrikherrn, das Ausland

die Rolle des Taglöhners ein, ganz dasselbe Verhältnis, welches, wenn

auch nicht in so ausgesprochenem Maße, im Außenhandel aller Länder

stattfindet, deren Arbeitslöhne verschieden sind. So ist es z. B. die

englische Fabriksindustrie, welche für China, und die chinesische

Handarbeit, welche für England produziert.

Das freiländische Lagerhaus berechnet den Produzenten nichts für

Einlagerung und Verkauf der Waren; die Gebühr wird aus der allgemeinen

Steuer gedeckt und gelangt solcherart in der einfachsten Weise zur

Verteilung an alle Produzenten. Der Verkauf der Massenartikel geschieht

im Wege von Auktionen, in welchen die großen Kunden, das sind die

freiländischen Associationen und das Ausland, ihren Bedarf decken. Doch

auch die Gegenstände des Einzelbedarfs werden in der Regel von der

Lagerhausverwaltung der Güte nach klassifiziert und der Preis für

dieselben nach dem von der statistischen Centralstelle und der Bank

mitgeteilten durchschnittlichen Kostenbetrage angesetzt, welcher

Kostenansatz jedoch keineswegs als etwas Unabänderliches gilt, sondern,

so oft die Nachfrage das Angebot zu überflügeln sich anschickt,

entsprechend erhöht, im umgekehrten Falle entsprechend ermäßigt wird.

Als wir die Möbelabteilung des Lagerhauses durchschritten, wo tausende

und abertausende der verschiedenartigsten Einrichtungsstücke

übersichtlich geordnet und mit Preisangaben versehen ausgestellt waren,

fiel uns vor einem besonders kunstreich ausgeführten Schrank, in tiefe

Gedanken versunken stehend eine Gestalt auf, in der wir alsbald

Professor Tenax, unsern einstigen Lehrer der Nationalökonomie -- wir

hatten nämlich beide während unserer technischen Studien dieser

Wissenschaft zwei Semester an der Universität unseres Geburtsortes

gewidmet -- erkannten. Wir begrüßten freudig den grundgelehrten, bei all

seinen Schülern überaus beliebt gewesenen Mann und wollten ihn eben

fragen, was ihn hierher geführt und wie lange er sich in Freiland

aufzuhalten gedenke, als er, diese Auseinandersetzung kurz abwehrend, in

die zornigen Worte ausbrach: »Und das nennt man das Land der Freiheit!

Seht her, Ihr jungen Leute, dahin muß es kommen, wenn man gegen die

Grundsätze der Wissenschaft verstößt! Dieses wundervolle Stück hier,

welches in Europa seine guten tausend Mark wert ist, muß sich gefallen

lassen, hier unter allerlei miserable Marktware gemengt für fünfhundert

Mark feilgehalten zu werden. Ist das nicht der Tod aller hervorragenden

Geschicklichkeit, wenn solcherart die Produzenten gezwungen werden, ihre

Erzeugnisse nach der unberechenbaren und unkontrollierbaren Laune einer

allmächtigen obersten Behörde abschätzen zu lassen?«

»Aber, mein verehrter Lehrer,« so wagte Karl schüchtern einzuwenden, »es

zwingt ja niemand die Erzeuger dieses Schrankes, sich der Abschätzung

der Lagerhausverwaltung zu fügen; wenn ihnen diese unzutreffend

erscheint, wenn sie glauben, mehr erhalten zu können, so steht es ihnen

frei, einen beliebig hohen Preis anzusetzen. Wenn sie sich mit

fünfhundert Mark für ein Stück begnügen, welches in Europa allerdings

den doppelten Preis hätte, so liegt dies nur daran, daß man hier alles

mit Maschinen, in Europa dagegen zumeist durch bloße Handarbeit

fabriziert. Sie werden dieselbe verhältnismäßige Wohlfeilheit auch bei

den anderen Möbeln finden. Der Preisansatz der Lagerhausverwaltung

entspricht offenbar dem wirklichen Werte des Stückes.«

Es war die Eigenheit unseres geschätzten Lehrers, eine Widerlegung,

gegen welche er nichts Stichhaltiges vorzubringen vermochte, damit zu

beantworten, daß er eine ganz neue Frage aufwarf; und so meinte er denn

mit einem verächtlichen Achselzucken: »Und ist es vielleicht >Freiheit<,

daß man hier jeden Menschen zwingt, sich in irgend eine große

Association einschachteln zu lassen, wenn er irgend etwas arbeiten

will?«

»Auch dazu wird ja niemand gezwungen,« nahm nun ich das Wort.

»So?« -- fragte ironisch Professor Tenax. »Dann sagen Sie mir einmal,

Sie junger Alleswisser, wer in Freiland auf eigene Faust, allein auf

sich gestellt, arbeitet?«

»Niemand,« gab ich zu. »Aber das unterbleibt nur, weil niemand Lust dazu

hat.«

»Wundervoll!« höhnte Tenax. »Es hat niemand Lust dazu, weil niemand es

wagen darf, ein solches Gelüste zu zeigen. Ist es etwa nicht wahr, daß

ihr die Benutzung jedes Fleckchens Boden und die Bewilligung jedes

Produktionskredits an die Bedingung knüpft, daß alle Welt an der mit

Hilfe dieses Bodens und dieses Kredits in Gang gesetzten Produktion

teilzunehmen das Recht haben müsse?«

»Allerdings,« erklärte ich. »Aber abgesehen davon, daß ich darin, wenn

an die Benutzung einer aller Welt gehörigen Sache die Bedingung geknüpft

wird, deren Gebrauch müsse aller Welt zugänglich sein, kein Unrecht zu

erblicken vermag, abgesehen davon ist es gar nicht das, was irgendwen

hindert, auf eigene Faust zu arbeiten Sollte sich ein Sonderling finden,

der Lust bezeugte, eine Arbeit für sich allein zu betreiben, so würde

wohl alle Welt hier über ihn verwundert den Kopf schütteln, sich aber

schwerlich jemand finden, der sich ihm zu dem Zwecke aufdrängte, an

seiner Thorheit teilzunehmen.«

»Was man nicht alles lernt, wenn man alt genug wird!« rief Professor

Tenax. »Also auf eigene Faust zu arbeiten, ist eine so unermeßliche

Thorheit, daß hier in diesem Lande der alles durchdringenden Vernunft

sich niemand findet, der derselben fähig wäre? Merkwürdig nur, daß wir

da draußen all die Jahrtausende unserer bisherigen Kultur hindurch just

das Gegenteil von dem vor uns sahen, was hier mit einemmale als das

einzig Mögliche hingestellt wird. Möchten Sie mir nicht erklären, woher

dieser Umschwung in den Anschauungen und Neigungen der Menschen hier so

urplötzlich eingetreten ist?«

»Es ist das kein Umschwung der Anschauungen und Neigungen, sondern ein

solcher der äußeren Existenzbedingungen,« antwortete Karl. »Auch da

draußen würde jedermann lieber mit vereinten Kräften mehr und besseres,

als vereinzelt weniger und schlechteres erzeugen, wenn er nur die Mittel

dazu hätte, nämlich das zu großer Produktion erforderliche große

Kapital. Hier wo diese Möglichkeit für jedermann gegeben ist, zwingt den

Arbeiter sein eigener Vorteil, sich einer großen Vereinigung von

Arbeitskräften anzufügen, weil er nur in dieser Vereinigung jene

großartigen Arbeitsbehelfe handhaben und ausnutzen kann, die den Ertrag

seiner Arbeit verzehnfachen und verfünfzigfachen.«

Abermals wechselte Professor Tenax das Thema und fragte, schon

einigermaßen gereizt, ob wir denn auch rechtfertigen könnten, daß

Produzenten, die unter allem erdenklichen Aufwande von Fleiß und

Geschicklichkeit ihr Geschäft in Blüte gebracht hätten, durch die

sogenannte Freizügigkeit der Arbeitskräfte gezwungen würden, jeden

Unhold in ihrer Mitte aufzunehmen, der ihnen die Ehre erweisen wolle, an

den Früchten ihrer Arbeit teilzunehmen. »Wenn ich nicht einmal das Recht

habe, mir die Genossen meiner Arbeit nach meinem Geschmacke auszuwählen,

so ist das nicht Freiheit, sondern Galeerensklaverei.«

»Also wählen sich in der bürgerlichen Welt die Arbeiter ihre Genossen

nach ihrem Geschmacke?« fragte nun ich, Spott mit Spott zurückgebend.

»Davon habe ich in europäischen Fabriken nichts bemerkt.«

»Aber in Europa hat wenigstens der Arbeitgeber oder dessen

Stellvertreter das Recht, sich die Leute anzusehen, bevor er sie

aufnimmt.«

»Richtig. Doch thut er dies nicht auf ihre Liebenswürdigkeit und ihre

gefälligen Umgangsformen hin, sondern sieht sie bloß darauf an, ob sie

ihm für die Arbeit, zu welcher sie sich anbieten, geeignet erscheinen

oder nicht; das thun unsere Direktoren auch, und der Unterschied liegt

bloß darin, daß diese unsere Direktoren, welche zwar nicht über die

Aufnahme, wohl aber über die Verwendung jeglicher Arbeitskraft zu

entscheiden haben, Beauftragte nicht eines den Arbeitern fremd und kalt

gegenüberstehenden Arbeitgebers, sondern der Arbeiter selbst sind.

Schlimmer also, als in der bürgerlichen Welt, ist es bei uns in diesem

Punkte auf keinen Fall.«

»Aber auch nicht um vieles besser,« knurrte Professor Tenax; »und ihr

rühmt euch doch, die beste aller Welten eingerichtet zu haben.«

»Daß ich nicht wüßte,« erklärte Karl. »Wir glauben, die den derzeitigen

Existenzbedingungen der Menschheit entsprechende best_mögliche_ Ordnung

eingeführt zu haben; das absolut Beste, an und für sich Vollkommene zu

erreichen, überlassen wir den Göttern. Solange die Menschen nicht Engel

geworden sind -- und wir maßen uns nicht an, sie dazu machen zu können

-- werden sie etwaige Folgen ihrer Fehler zu ertragen haben. Und wenn

daher einzelne Genossen nicht in allen Stücken _eines_ Herzens und

_eines_ Sinnes mit den übrigen sind, so müssen das beide Teile als etwas

Unabwendbares hinnehmen, ohne sich das Recht anzumaßen, um dieser

mangelnden vollkommenen Harmonie willen den andern Teil in seinem Rechte

zu kränken.«

»Aber begreifen Sie denn nicht,« rief Professor Tenax, »daß es unter

Umständen geradezu unleidlich werden kann, sich an Personen gekettet zu

sehen, die einem -- gleichviel aus welchem Grunde -- nun einmal zuwider

sind?«

»Es fragt sich nur, was Sie unter diesem >aneinander gekettet sein<

verstehen. In mein Haus, in meine Familie, in meinen gesellschaftlichen

Verkehr werde ich nur Menschen zulassen, die mir angenehm sind; aber in

der Fabrik handelt es sich ja nicht um geselligen Umgang, sondern um

Produktion, und damit diese einträchtig von statten gehe, genügt es, daß

mein Nebenmann die Arbeit verstehe, auch wenn er keinerlei Verständnis

und Sympathie für meine geistigen oder gemütlichen Regungen besitzt.

Insbesondere im modernen Großbetrieb tritt die Persönlichkeit des

Arbeitenden so sehr in den Hintergrund vor der Gewalt der Maschine, daß

nur einigermaßen vernünftige Disciplin vollauf genügt, um alle aus

persönlichen Gegensätzen herrührenden Mißhelligkeiten von vornherein

unmöglich zu machen. Wenn wir uns das Recht anmaßen wollten,

unsympathische Personen von unsern Fabriken fernzuhalten, warum sollten

wir sie dann in unseren Städten dulden? Unangenehme Gewohnheiten,

Anschauungen oder Neigungen eines Menschen sind mir viel unbequemer,

wenn ich mit ihm denselben Wohnort, als wenn ich die Arbeitsstätte mit

ihm teilen muß. Denn nur in dem ersteren habe ich mit ihm als Menschen,

in der letzteren hauptsächlich als Gütererzeuger zu thun. Wenn Sie also,

geehrtester Professor, ein Feind der Freizügigkeit sind, weil sie uns

mit jedem beliebigen >Unhold< in Verbringung bringen kann, dann sollten

Sie in erster Linie gegen die _politische_ Freizügigkeit zu Felde

ziehen, die aber, wie ich sehr gut weiß, obenan steht auf dem Programme

gerade jener politischen Richtung, zu deren Zierden Sie gehören, nämlich

der liberalen.«

»Mit Fanatikern gleich euch ist nicht fertig zu werden,« brach jetzt

Professor Tenax das ihm unbequem gewordene Gespräch ab, was ihn jedoch,

da er von Natur guten Herzens ist, nicht hinderte, Karls Einladung,

während seiner Anwesenheit in Edenthal recht häufig unser Gast zu sein,

bereitwilligst anzunehmen.

Zehntes Kapitel.

Unmöglichkeit von Krisen in Freiland. Die freiländische

Rentenversicherung.

Ich hatte sehr rasch begreifen gelernt, warum der Grundsatz der

Freizügigkeit, der in nichts anderem als in der Hinwegräumung jedes dem

wohlberatenen Eigennutze entgegenstehenden Hindernisses besteht, zur

Harmonie aller wirtschaftlichen Verhältnisse führen müsse; um

Unklarheiten, die sich mir in diesem Punkte aufdrängen mochten, vollends

zu beseitigen, genügte es, wenn ich die großen Klassiker der

nationalökonomischen Wissenschaft, insbesondere Adam Smith zu Rate zog,

deren Lehre ja in allen Stücken auf der Durchführung dieses Grundsatzes

beruht und die bei ihren Schlußfolgerungen bloß darin irrten, daß sie

vermeinten, die _politische_ Freiheit allein könne genügen, um die der

freien Bethätigung des Eigennutzes Aller entgegenstehenden Hindernisse

zu beseitigen. Nur eines wurde mir nicht völlig klar, die Frage nämlich,

ob denn nicht unter Umständen auch über Freiland eine jener Krisen

hereinbrechen könne, eine jener allgemeinen Absatzstockungen, von denen

die bürgerliche Welt periodisch heimgesucht wird. Die Arbeitserträge

gleichen sich in Freiland unter dem Einflusse der Freizügigkeit in der

Weise aus, daß es den Arbeitern ermöglicht ist, der Stätte des jeweilig

höchsten Ertrages zuzuziehen. Das ist nun in der bürgerlichen Welt

allerdings nicht möglich, denn die Arbeiter haben dort nicht die Macht,

sich ihre Arbeitsstätten auszuwählen; sie müssen warten, bis der

Unternehmer ihrer bedarf. Aber der Nutzen der Unternehmer ist es, was in

der bürgerlichen Welt -- zum Teile wenigstens -- den freiwaltenden

Eigennutz der Arbeitenden ersetzt; wenn es den Unternehmern schlecht

geht, entlassen sie Arbeiter, wenn es ihnen gut geht, nehmen sie welche

auf, und man sollte also meinen, daß -- langsam zwar, aber schließlich

doch in der gleichen Weise wie in Freiland -- die Gewinne sich

ausgleichen, jede Absatzstockung vermieden werden müßte. Da dies in der

bürgerlichen Welt nicht der Fall ist, ja, da mehr und mehr allgemeine

Absatzstockung, d. h. Überproduktion zur Regel wird, so suchte ich lange

vergeblich nach dem letzten Erklärungsgrunde für den Unterschied, den

ich so sinnfällig vor Augen sah und von welchem eine innere Stimme mir

sagte, daß er sich als notwendig begründen lassen müsse. Der Vorsteher

des Lagerhauses brachte mich bei einem Besuche, den ich ihm kürzlich in

geschäftlichen Angelegenheiten meiner Gesellschaft abstattete, mit

wenigen Worten auf die rechte Spur.

Als ich ihn fragte, ob sich nicht gelegentlich eine allgemeine

Überfüllung der Lagerräume infolge zum mindesten vorübergehender

allgemeiner Absatzstockung einstelle, antwortete er mir mit der

verwunderten Gegenfrage: »Ja wozu sollten denn in einem solchen Falle

alle hier aufgestapelten Waren produziert worden sein? Ihr von der

Edenthaler Transportmittel-Gesellschaft erzeugt doch die Maschinen,

welche ihr hersendet, nicht, weil es euch Vergnügen macht, mit Eisen und

Stahl zu hantieren, sondern weil ihr mit dem Ertrage eurer auf diese

Maschinen gewendeten Arbeit eure unterschiedlichen Bedürfnisse decken

wollt; das nämliche gilt von den Gesellschaften, welche die der

Lagerhausverwaltung eingesendeten Möbel, Kleidungsstoffe, Nahrungsmittel

u. dgl. erzeugt haben; alle verkaufen sie bloß, um zu kaufen, und es

kann sich daher stets nur darum handeln, ob gerade die richtigen Dinge

erzeugt worden sind, jene Dinge nämlich, auf welche sich die Nachfrage

der Verkäufer, welche zugleich Käufer sind, richtet, und damit das

zuwege gebracht werde, dafür sorgt eben unsere Freizügigkeit. Daß im

allgemeinen mehr erzeugt werde, als man braucht, dazu wäre erforderlich,

daß unsere Produzenten nicht arbeiten, um zu genießen, sondern um der

Plage der Arbeit willen.« Und als ich des ferneren einwendete, daß das

alles auch in der bürgerlichen Welt gelte und trotzdem Überproduktion

dort sogar die Regel sei, meinte der Lagerhausverwalter lächelnd: »Sie

übersehen, daß sich all das in der bürgerlichen Welt eben _nicht_ so

verhält; zwar arbeiten auch dort die Leute, nicht um sich zu plagen,

sondern um zu genießen, aber sie mögen um noch so vieles mehr erzeugen,

sie können deswegen doch nicht mehr genießen, weil ja der Ertrag ihrer

Arbeit nicht ihnen, d. h. nicht den Arbeitenden, sondern einer

Minderheit, den Arbeitgebern, gehört.«

»Richtig. Aber diese letzteren wollen doch genießen, was die anderen

hervorbrachten?«

»Nein, auch diese wenigen können und wollen nur zum Teil genießen, was

jene hervorbringen; sie können es nur zum Teil, weil sie ja schließlich

auch nur je einen Magen und je einen Körper haben; sie wollen es nur zum

Teil, weil sie es vorziehen, einen andern Teil der ihnen gehörigen

Arbeitserträge nicht als Genußmittel, sondern als Machtmittel

anzuwenden.«

»Sie meinen, die Arbeitgeber wollen einen Teil der Arbeitserträge

kapitalisieren?« entgegnete ich. »Kapitalisieren heißt aber den

Arbeitsertrag in ein Instrument neuer Arbeit verwandeln. Und ob nun die

Arbeitgeber Spitzen und feine Weine, oder ob sie Maschinen,

Fabrikseinrichtungen und Werkzeuge kaufen, bleibt sich in dem Punkte, um

welchen es sich hier handelt, ganz gleichgültig; sie wollen immer für

das, was sie verkaufen, etwas anderes kaufen. Und immer wieder sollte es

sich nur darum handeln, ob gerade die richtigen Dinge erzeugt werden,

nicht aber darum, ob überhaupt Dinge in genügender Menge auf dem Markte

gesucht werden.«

»Ja, wenn die bürgerlichen Arbeitgeber neben Spitzen und Weinen nur

Maschinen, Werkzeuge und Fabrikseinrichtungen auf dem Markte suchen

wollten oder könnten, dann gäbe es freilich auch in der bürgerlichen

Welt kein allgemeines Mißverhältnis zwischen Angebot und Nachfrage; aber

darin liegt's eben: sie können und sie wollen keine Werkzeuge und

Maschinen kaufen, weil sie keine Verwendung für diese haben, d. h.

wohlverstanden, keine über ein gewisses, sehr eng begrenztes Maß

hinausgehende Verwendung. Man kann doch keine neuen Spinnereien bauen,

wenn der Verbrauch an Gespinsten nicht zunimmt, keine neuen

Schuhwarenfabriken errichten, wenn nach wie vor die große Masse der

Menschen barfuß oder in zerrissenen Stiefeln umherlaufen muß. Den

Arbeitgebern bleibt nichts übrig, als ihre sogenannten Ersparnisse dazu

zu verwenden, um bereits bestehende Fabriken, Eisenbahnen und sonstige

Anlagewerte zu kaufen, d. h. den Preis derselben wetteifernd in die Höhe

zu treiben. Damit aber, daß eine bereits bestehende Fabrik oder

Eisenbahn oder die über diese Fabrik oder Eisenbahn im Umlauf gebrachten

Besitztitel im Preise steigen, wird keinerlei Nachfrage auf dem

Gütermarkte hervorgerufen; die Kapitalisten der bürgerlichen Welt sind

also regelmäßig in der Lage, zwar alle ihnen gehörigen Erzeugnisse

verkaufen, aber nur für einen Teil des Erlöses andere Erzeugnisse auf

dem Markte kaufen zu wollen; das ruft natürlich ein Mißverhältnis

hervor, welches man mit dem Namen Überproduktion belegt hat, und

welches, wenn es stärkeren Umfang erreicht, Krisis heißt.«

Eine Reise nach Freiland · 第 8 / 15 段