Augen. »Nach allem, was mir Karl über Sie erzählte, kann ich gar nicht
glauben, daß das Ihre letzte wohlerwogene Ansicht sei. Sie stehen
offenbar noch teilweise unter dem Banne jener Wahnvorstellungen, die
unzertrennlich verknüpft sind mit den schrecklichen Verhältnissen, denen
Sie erst kürzlich entrannen. Ich habe eine sehr hohe Meinung von meinem
Manne, aber daß er das, was er leistet, aus eigener Kraft hervorbringe,
daß die Lehrsätze der Geometrie und Algebra, die er anwendet, von ihm
ersonnen seien, daß die Dampfmaschinen, die er konstruieren läßt, seinem
Geiste entsprangen, scheint mir denn doch eine allzuweitgehende
Schmeichelei. Ich glaube, mein lieber Karl würde, wenn er wirklich bloß
darauf angewiesen wäre, was er kraft seiner eigenen Fähigkeiten
hervorzubringen vermöchte, als armseliger Wilder nackt in den Wäldern
umherstreichen, und ich bezweifle, daß es irgend einem von uns besser
ginge. Alles, was wir haben und sind, verdanken wir der Vorarbeit
ungezählter Generationen, und daraus, so glaube ich, folgt, daß die
Stärkeren und Geschickteren unter uns, welche die Errungenschaften der
Vorfahren allein zu handhaben vermögen, deshalb noch kein alleiniges und
ausschließliches Anrecht auf die Früchte dieser ihrer Arbeit haben, denn
diese ihre Arbeit wird erst möglich auf Grund jener Behelfe, die unser
aller gemeinsames Eigentum sind. Oder meinen Sie vielleicht, daß Watt
die Dampfmaschine und Stephenson die Lokomotive nur für Sie und meinen
Mann, nicht aber auch für mich und mein Kind oder für den Greis und den
Krüppel erfunden haben? Ein solcher Gedanke kann nur entstehen in einer
Welt, die den Nutzen aller Erfindungen einigen wenigen Privilegierten
zuspricht. Wo man sieht, daß die ungeheuere Mehrzahl aller Menschen
ausgeschlossen ist vom Mitgenusse der Ergebnisse wachsender
Arbeitsergiebigkeit, und von denjenigen, die im Alleinbesitze allen
Reichtums der Menschheit sind, bloß das zu kümmerlicher Fristung ihres
Lebens Erforderliche als Lohn dafür zugemessen erhält, daß sie die von
den Vorfahren überlieferten Reichtümer für jene wenigen nutzbar macht --
dort allerdings muß auch die Vorstellung entstehen, daß jene, die
arbeitsunfähig sind, gar keinerlei Recht genießen. Man füttert doch bloß
nützliche Haustiere, die nutzlosen haben keinen Anspruch auf Stall und
Futterraufe, und wenn ihnen diese trotzdem zu teil werden, so ist es
eben das _Gnaden_brot, das man ihnen zumißt. Hier hat jedermann, sofern
er überhaupt der menschlichen Familie angehört, ein _Recht_ auf alles,
was Eigentum der menschlichen Familie ist. In Freiland werden bei
Beurteilung des Ausmaßes dieser Rechte dieselben Grundsätze in Anwendung
gebracht, die auch in Europa und Amerika zur Geltung gelangen, wenn es
sich darum handelt, den Fruchtgenuß einer reichen Erbschaft unter den
Erben zu verteilen. Stellen Sie sich vor, daß es sich um die Fabrik
eines Mannes handelt, der mehrere Kinder hinterließ, unter denen einige
arbeitsfähig, andere arbeitsunfähig sind; werden die ersteren das ganze
Erbe erhalten, weil sie allein dasselbe nutzbringend zu verwerten
vermögen? Sie werden sich, wenn sie den Geschwistern kein Geschenk
machen wollen, ihre Mühewaltung vergüten lassen, sie werden einen
größeren Anteil fordern; aber als frechen Hohn würde es jedermann
betrachten, wollten diese Tüchtigen sich als die alleinigen Erben und
ihre Geschwister als Bettler hinstellen, denen man bestenfalls im
Gnadenwege ein Almosen hinwerfen müsse.«
Beschämt gestand ich der tapferen kleinen Frau, daß sie mich vollständig
überwunden habe, wenn überhaupt das Widerlegen eines mit den eigenen
Grundsätzen gar nicht übereinstimmenden Vorurteiles »überwinden« genannt
werden darf. Und aus Eigenem fügte ich dann hinzu, daß die in Freiland
geübte Ausdehnung der Gleichberechtigung auch auf die Arbeitsunfähigen
in dem schließlichen Interesse selbst der Arbeitenden läge. Denn Not und
Elend, Entwürdigung und Schande seien ein fressendes Geschwür, das,
unerbittlich um sich greifend, endlich den ganzen Organismus zerstören
müsse, wenn ihm nur irgendwo am Körper der Gesellschaft Raum gelassen
werde. Gleichwie eine vornehme Familie nicht dulde, daß eines ihrer
Mitglieder der Entwürdigung verfalle, so dürfe auch eine zu wirklicher
Vornehmheit emporgediehene ganze Gesellschaft nicht dulden, daß wer
immer aus ihrer Mitte in seiner Menschenwürde gekränkt werde. Auf sich
selbst, auf eigenem Recht muß in einer solchen Gesellschaft jedermann
stehen, sonst kann die Würde und das Recht der anderen nicht ungefährdet
bleiben.
Ein anerkennender Blick aus Frau Weras Augen belohnte mich. Indessen
hielt mich dies nicht ab, eine andere Frage zur Erörterung zu bringen,
die mir im freiländischen Versorgungswesen trotz des Vorhergegangenen
noch nicht ganz klar geworden war. »Warum,« so fragte ich, »haben in
Freiland alle Frauen ohne Ausnahme Versorgungsrecht? Man könnte hierin
sogar eine Art Herabsetzung des weiblichen Geschlechtes erblicken.
Vermögen denn die Frauen wirklich nichts zu leisten und können sie
zugeben, daß solches grundsätzlich von ihnen vorausgesetzt werde? Oder
hält man vielleicht hier die europäische >Dame< für das Frauenideal,
jene Dame, die, um durchaus und in allen Stücken als solche zu gelten,
selbst den entferntesten Verdacht, daß sie zu irgend etwas in der Welt
nütze sei, von sich fernhalten muß?«
Frau Wera protestierte energisch. »Wir freiländischen Frauen wollen uns
nützlich machen und wir thun es auch. Aber wir meinen, und unsere Männer
teilen diese Anschauung, daß uns die Natur der Hauptsache nach auf einen
Beruf angewiesen hat, der fernab von Erwerbsthätigkeit liegt. Wir sind
zunächst die Gebärerinnen und die Erzieherinnen unserer Kinder, dann
aber die Vertreterinnen des Schönen und Edlen in der Gesellschaft; zu
diesem Berufe werden wir erzogen und erziehen wir uns fortgesetzt
selber. Wir haben das Recht, auch jeden beliebigen andern Beruf zu
ergreifen, aber wenn wir mit Bezug auf die Sicherung einer unabhängigen
Existenz auf diese andern Berufe angewiesen würden, so wäre das im
Prinzip vielleicht sehr schön, würde aber der übergroßen Mehrzahl von
uns Frauen nicht das geringste nützen. Sehen Sie z. B. mich; ich könnte
zwar ganz gut als Modellzeichnerin mein Brot verdienen, aber ich thäte
es eben nicht, auch wenn ich kein Versorgungsrecht genösse; weder mir
noch meinem Manne und am allerwenigsten meinem Kinde würde das passen.
Ich würde also thatsächlich nichts verdienen und wäre auf die Gnade
meines Herrn und Gebieters angewiesen. Das Schlimmste aber ist, daß ich
höchst wahrscheinlich auf diese Versorgung durch den Mann gewartet, daß
ich also in der Ehe eine Versorgung gesehen hätte, während ich gestützt
auf mein freiländisches Versorgungsrecht, ausschließlich dem Zuge meines
Herzens folgen konnte. Und auch das ganze Eheverhältnis nimmt bei uns in
Freiland gerade wegen dieser durchgängigen Unabhängigkeit der Frauen
einen ganz anderen Charakter an, wie in Europa. Wir stehen nicht unter
der Vormundschaft unserer Männer und deswegen haben wir niemals das
Gelüste, sie unter unsern Pantoffel zu bringen. Die europäische Frau ist
der Hauptsache nach ja doch nur eine Sklavin, und wenn sie
Freiheitsgelüste spürt, so muß sie dieselben auf Schleich- und Umwegen
zu bethätigen trachten; sie muß, da sie eigenen Willen nicht haben darf,
bestrebt sein, sich den Willen ihres Mannes unterthan zu machen. Bei uns
ist das alles anders. Hier ist mein Mann weder der Herr noch der
Versorger, sondern ausschließlich« -- hier traf den also Angeredeten ein
zärtlicher Blick aus den schönen Augen, der auch sofort gleich feurige
Erwiderung fand -- »der Geliebte; ich glaube, das ist wohl das Beste,
und zwar nicht bloß für mich, sondern auch für ihn. Aber es ist nicht
bloß gut so, das Gegenteil wäre auch ungerecht. Kann ich erwerben, wenn
ich mich meinem Kinde und meinem Hause widme, kann ich es zum mindesten,
ohne eine Überbürdung auf mich zu laden, von welcher der Mann in
Freiland nichts weiß? Oder ist vielleicht meine Leistung als Mutter und
Hausfrau minder nützlich, als beliebige Erwerbsthätigkeit? Aber
alleinstehende Frauen, so werden Sie vielleicht einwenden, könnten doch
erwerben, ohne sich zu überbürden. Richtig, und zahlreiche thun es auch.
Aber sie dazu _nötigen_ wollen, wäre unklug und ungerecht zugleich.
Ersteres, weil die Mädchen dadurch von ihrem eigentlichen Berufe
abgelenkt, ihre Ausbildung in falsche Bahnen gedrängt würde; letzteres,
weil damit gerade jene Frauen, deren Erziehung die richtige, dem
weiblichen Berufe entsprechende bliebe, zu wirtschaftlicher Abhängigkeit
verurteilt würden. Jetzt müßten sie erst recht Versorgung in der Ehe
suchen, und das, diese Entwürdigung des schönsten heiligsten Gefühls der
Menschenbrust -- der Liebe nämlich -- zu einer Sache des Erwerbs, das
ist es, was zu verhüten vornehmster Zweck des freiländischen
Versorgungsrechts der Frauen ist.«
Neuntes Kapitel.
Die Centralbank, das Geldwesen und das Lagerhaus. Über die
Freiheit in Freiland.
Ich hatte meine Stellung als Ingenieur in der »Ersten Edenthaler
Maschinen- und Transportmittel-Baugesellschaft« angetreten und mich
rasch in derselben zurecht gefunden. Meine Lebensweise richtete ich, so
unabhängig ich auch in allem war, im Wesen doch nach derjenigen meiner
Gastgeber und der Freiländer überhaupt. Es wird hier ziemlich allgemein
bald nach Sonnenaufgang, d. h. also nach sechs Uhr Morgens, aufgestanden
und zunächst ein kühles häusliches Bad genommen. Hierauf folgt ein
erstes Frühstück, bestehend zumeist aus einer Tasse Schokolade, Kaffee
oder Thee, und diesem ein Spaziergang entweder durch die Straßen und
großartigen öffentlichen Anlagen der Stadt oder wohl auch auf eine der
umliegenden Höhen, welche durch elektrische Bahnen in zehn bis fünfzehn
Minuten zu erreichen sind. Dieser Spaziergang, unterbrochen in der Regel
von etwas leichter Lektüre findet seinen Abschluß durch ein kompakteres
Frühstück, und darauf begiebt man sich an sein Geschäft. Um zwölf Uhr
sucht man entweder sein Haus oder eines der zahlreichen und großartig
eingerichteten Badehäuser auf, die an den Ufern des Tana und des
Edensees erbaut sind. Um ein Uhr wird gespeist, jedoch nicht
allzureichlich, da die eigentliche Hauptmahlzeit in Freiland erst nach
Erledigung aller Geschäfte, also des Abends, gehalten wird. Man begnügt
sich des Mittags mit einer Warmspeise, Käse und Obst; nur besonders
starke Esser legen noch ein Gericht zu. Nach dem Mittagessen sind die
meisten Freiländer, sofern sie nicht ein Schläfchen vorziehen, in den
öffentlichen Bibliotheken und Lesesälen zu finden, die Verheirateten
meist in Begleitung ihrer Frauen, die dort Bekannte treffen, lesen, und
die öffentlichen Angelegenheiten des Landes besprechen gleich den
Männern. Um drei Uhr wird wieder ans Geschäft gegangen und bis sechs Uhr
gearbeitet. Hierauf lassen diejenigen, die nicht schon vor Tisch gebadet
haben, ein zweites Bad im Edensee oder Tana folgen, doch giebt es viele
Freiländer, die morgens, mittags und abends baden, ein Vergnügen, das,
wenn die einzelnen Bäder nicht zu lang ausgedehnt werden, in diesem
Klima als der Gesundheit sehr zuträglich gilt. Um sieben Uhr wird die
Hauptmahlzeit eingenommen, bestehend in der Regel aus drei bis vier
Gerichten. Dann macht oder empfängt man Besuche, besucht die Theater
oder Konzertsäle, hört irgend einen wissenschaftlichen Vortrag, kurz,
geht allerlei Vergnügungen oder Belehrungen nach, an denen in Edenthal,
wie überhaupt in Freiland, nirgends Mangel ist. Die Sonntage sind des
Vormittags ernster Lektüre, bei fromm angelegten Gemütern wohl auch
Andachtsübungen gewidmet, die Nachmittage gehören meist dem Vergnügen.
Man veranstaltet Ausflüge, Picknicks, bei denen musiziert und vom jungen
Volke leidenschaftlich getanzt wird.
Ich benutzte natürlich meine freie Zeit mit Vorliebe zur Besichtigung
der öffentlichen Anstalten Freilands, unter denen die Centralbank und
das Centrallagerhaus mein besonderes Interesse erregten. Daß erstere der
Bankier des ganzen Landes ist, angefangen von der öffentlichen
Verwaltung und den großen Produktionsgesellschaften bis zum letzten
Arbeiter, ja bis zum letzten Kinde, die allesamt ihr eigenes Konto in
den Büchern besitzen, habe ich bereits mitgeteilt. Natürlich unterhält
die Bank Zweiganstalten in jedem größeren Orte des Landes. Man würde
aber irren, wollte man glauben, daß diese sich auf alles erstreckende
Buchführung einen sonderlich großen Apparat von Angestellten und sehr
verwickelte Schreibereien notwendig mache. Gerade weil alles durch die
Bank geht, ist deren Gebarung eine überaus einfache. Jedes Guthaben des
einen entspricht genau der Verpflichtung irgend eines anderen
Foliobesitzers; Zinsenberechnungen existieren nicht und außerdem sind
die meisten Ein- und Austragungen so gleichmäßiger Art, daß in
vorgedruckte Formulare bloß die Ziffern eingetragen zu werden brauchen.
Die Folge davon ist, daß siebzehnhundert Bankbeamte genügen, um für den
freiländischen Staat, für nahezu zweitausend Associationen und für 2½
Millionen einzelne Menschen Buch zu führen, und die Fachmänner sind der
Überzeugung, daß mit dem Wachstume der Bevölkerung die Gebarung sich
verhältnismäßig noch vereinfachen wird.
Da in Freiland niemand mit Bargeld zahlt -- ich habe in den acht Wochen
meines bisherigen Aufenthaltes hier außer den Barmitteln, die ich selbst
mitbrachte, noch kein Geldstück zu Gesicht bekommen -- wunderte es mich
anfänglich, warum die Freiländer überhaupt das Gold beibehalten haben
und nach demselben rechnen. Ihre Hauptmünze ist nämlich das Pfund
Sterling, jedoch nicht das englische, welches 25 Franken 22,15 Centimes
wert ist, sondern ein Pfund in genauem Goldfeingehalte von französischen
25 Franken. Dieses Pfund wird in 20 Mark und die Mark in 100 Pfennige
geteilt. Ich erklärte mir die Sache durch die Bedürfnisse des
Außenhandels, den Freiland in sehr bedeutendem Umfange mit fremden
Ländern treibt, beschloß aber doch, mir an maßgebender Stelle Auskunft
zu holen und machte mich zu diesem Zwecke mit dem Leiter der
freiländischen Bank bekannt, der dieselbe Lesehalle wie ich zu besuchen
pflegte.
Dieser gemütliche, schon etwas ältere Herr war mit Vergnügen bereit,
mich zu belehren, und so erfuhr ich denn, daß man in Freiland
hauptsächlich aus dem Grunde das Gold als Geld beibehalten habe, weil es
der beste aller derzeit möglichen Wertmesser sei, Freiland aber eines
guten Wertmessers noch viel dringender bedürfe als irgend ein anderes
Land.
»Ist denn nicht Arbeit der beste Wertmesser? Tauschen wir die Dinge
nicht im Verhältnis des zu ihrer Herstellung erforderlichen
Arbeitsaufwandes gegeneinander?« fragte ich. »Wenn dieses Buch fünf Mark
und jener Tisch zehn Mark kostet, so heißt das doch nichts anderes, als
daß die Herstellung des Buches so viel Arbeit erfordere, wie die
Herstellung des in fünf Mark enthaltenen Goldes, und die Herstellung des
Tisches so viel Arbeit, als die des in zehn Mark enthaltenen Goldes.
Wäre es nicht viel einfacher, den Arbeitsaufwand, der in Buch und Tisch
enthalten ist, direkt zu bezeichnen und das Gold ganz aus dem Spiele zu
lassen, etwa zu sagen: Das Buch ist eine Stunde und der Tisch ist zwei
Stunden Arbeit wert?«
»Ich kann Ihnen das Lob nicht vorenthalten, mein junger Freund,«
antwortete verbindlich der Bankmann, »daß Sie gerade durch die
zutreffende Art und Weise, mit welcher Sie das Wesen des Geldes
auseinanderlegten, mir den Nachweis, daß Gold ein guter, der
Arbeitsaufwand aber der denkbar schlechteste Wertmesser ist,
außerordentlich erleichtert haben. Wenn wir sagen: das Buch kostet fünf
und der Tisch zehn Mark, so haben wir damit allerdings den Wert nicht
für alle Zukunft bezeichnet, denn das Buch kann nach Jahresfrist
ebensogut vier als sechs Mark und der Tisch neun oder elf Mark wert
werden, wenn sich nämlich das wechselseitige Verhältnis des in Buch,
Tisch und Mark enthaltenen Arbeitsaufwandes zwischenzeitig verändert.
Geschieht dies aber auch, so spricht mindestens die Vermutung dafür, daß
die Ursache nicht im Golde, sondern im Buche oder im Tische gelegen sei,
d. h. wir können voraussetzen, daß, wenn z. B. ein solches Buch im
nächsten Jahre bloß vier Mark kostet, dies nicht deshalb der Fall sei,
weil nunmehr zur Herstellung von vier Mark Gold eine Stunde erforderlich
geworden sei, wie früher zur Herstellung von fünf Mark, während zur
Herstellung des Buches nach wie vor eine Arbeitsstunde erforderlich ist;
vielmehr wird unsere Vermutung dahin gehen, daß nach wie vor fünf Mark
Gold in einer Stunde fabriziert werden können, der zur Fertigstellung
eines solchen Buches erforderliche Arbeitsaufwand aber sich um ein
Fünftel verringert habe. Und zwar vermuten wir das nicht etwa aus dem
Grunde, weil dem Golde irgend eine mystische Eigenschaft der
Wertbeständigkeit innewohnen würde, sondern deshalb, weil der Wert aller
anderen Dinge der Hauptsache nach von jenem Arbeitsaufwande abhängt, der
augenblicklich zu ihrer Herstellung erforderlich ist, während beim Wert
des Goldes, von welchem seiner großen Haltbarkeit wegen im Verlaufe der
Jahrhunderte und Jahrtausende sich große Vorräte aufgestapelt haben,
dieser Einfluß einer Änderung des Arbeitsaufwandes nur verhältnismäßig
langsam vor sich geht. Der Wert des Goldes ist also etwas zum mindesten
verhältnismäßig Beständigeres als der Wert der anderen Dinge, und da es
im Wesen der Sache liegt, daß man zum Messen des Wertes besser solche
Dinge gebrauchen kann, deren eigener Wert möglichst beständig bleibt, so
ist Gold zwar kein absolut guter, aber doch unter allen Dingen der
verhältnismäßig beste Wertmesser. Das wird Ihnen auch allen anderen
Dingen gegenüber von Anbeginn eingeleuchtet haben. Es bedarf keines
tieferen Nachdenkens, um einzusehen, daß der Wert jedes Dinges viel
besser, sicherer, dauernder bestimmt ist, wenn man ihn in gewissen
Mengen Goldes ausdrückt, als wenn man es in bestimmten Mengen einer
beliebigen anderen Ware thäte. In tausend Mark besitzen Sie doch
offenbar einen unveränderlicheren Wert, als beispielsweise in hundert
Centnern Getreide. Denn Sie werden im großen und ganzen mit diesen
tausend Mark alle Ihre Bedürfnisse im nächsten Jahre ziemlich genau so
gut decken können, wie heute, während, wenn heuer eine gute und im
nächsten Jahre eine schlechte Ernte ist, dieselben hundert Centner
Getreide Ihnen im nächsten Jahre die Deckung der doppelten Gesamtsumme
von Bedürfnissen ermöglichen wie heuer.
Unter allen möglichen Dingen aber wäre der Arbeitsaufwand der denkbar
schlechteste Wertmesser. Denn während alle andern Dinge ihren Wert, d.
i. ihre Tauschkraft der Gesamtheit der andern Lebensbedürfnisse
gegenüber nur _möglicherweise_ verändern können, verändert menschliche
Arbeit ganz gewiß fortwährend ihre Tauschkraft der Gesamtheit der
Lebensbedürfnisse gegenüber, denn mit jedem Fortschritte der Kultur
sinkt der zu Beschaffung der Gesamtheit aller Bedarfsartikel
erforderliche Arbeitsaufwand. Dieser Tisch z. B. wird, wenn er in diesem
Jahre zweistündigen Arbeitsaufwand zu seiner Herstellung erfordert, im
nächsten Jahre wahrscheinlich in 1-9/10 Stunden, abermals nach einem
Jahre in 1-8/10 Stunden, nach zehn Jahren vielleicht in einer Stunde
herzustellen sein. Und da es sich durchschnittlich mit allen andern
Dingen ebenso verhalten dürfte, so folgt daraus, daß, wenn ich Ihnen
tausend Arbeitsstunden schuldig bin, diese meine Verpflichtung nach zehn
Jahren den doppelten Wert erlangt hat, während es doch meine und Ihre
Absicht bei Feststellung unseres Schuldverhältnisses ist, Vorteil und
Last desselben möglichst dauernd zu bestimmen, was am besten dadurch
geschieht, daß wir dieses Schuldverhältnis nicht in Arbeitsstunden,
sondern in Gold feststellen, also nicht sagen: ich bin Ihnen tausend
Arbeitsstunden, sondern: ich bin Ihnen fünftausend Mark schuldig. Ich
will dies an einem Beispiele erläutern. Sie sind Mitglied der »Ersten
Edenthaler Maschinen- und Transportmittel-Baugesellschaft«, welche
Association in unsern Büchern mit 2½ Millionen Pfund Sterling belastet
ist. Diese Schuld entspricht zum heutigen Arbeitswerte ziemlich genau
zehn Millionen Arbeitsstunden; zur Zeit jedoch, wo diese Darlehen
aufgenommen wurden, war der Wert der Arbeitsstunde viel geringer. Die
Herstellung der Gebäude und Maschinen, welche Sie heute benutzen, hat
weit über zwanzig Millionen Arbeitsstunden verschlungen, weil der
Arbeitsaufwand zur Herstellung der nämlichen Dinge ein desto größerer
war, je weiter wir in der Reihe der Jahre zurückschreiten. Wäre es nun
nicht die schreiendste Ungerechtigkeit, ja, wäre es überhaupt mit dem
Bestande Ihrer Association vereinbar, wenn sie zwanzig Millionen
Arbeitsstunden schuldig wäre und zahlen müßte, während doch nach den
heutigen Arbeitsverhältnissen in zwanzig Millionen Arbeitsstunden ihre
gesamten Gebäude, Maschinen und Werkzeuge zweimal hergestellt werden
könnten? Und nach ferneren zehn Jahren würden vielleicht zwanzig
Millionen Arbeitsstunden genügen, um jene Anlagen viermal zu erneuern.
Da wir in Gold rechnen, seid ihr 2½ Millionen Pfund schuldig und das ist
so ziemlich der Betrag, um welchen euere Einrichtungen auch heute zu
erneuern sind und nach zehn Jahren wahrscheinlich zu erneuern sein
werden. Eine Verschiebung kann ja Platz gegriffen haben und in Zukunft
Platz greifen; aber wenn es der Fall ist, so wäre das eine bloß
zufällige Verschiebung, gegen die sich nichts machen läßt und die
keineswegs besonders große Tragweite besitzt; die Verschiebung des
Arbeitswertes dagegen wäre eine notwendige, gewaltige, und ein
Zahlungsverhältnis auf Grund des Arbeitswertes aufbauen, hieße den
Verpflichteten von vornherein und absichtlich ruinieren.«