»Meinen Sie das wirklich?« -- unterbrach mich Frau Wera mit blitzenden

Augen. »Nach allem, was mir Karl über Sie erzählte, kann ich gar nicht

glauben, daß das Ihre letzte wohlerwogene Ansicht sei. Sie stehen

offenbar noch teilweise unter dem Banne jener Wahnvorstellungen, die

unzertrennlich verknüpft sind mit den schrecklichen Verhältnissen, denen

Sie erst kürzlich entrannen. Ich habe eine sehr hohe Meinung von meinem

Manne, aber daß er das, was er leistet, aus eigener Kraft hervorbringe,

daß die Lehrsätze der Geometrie und Algebra, die er anwendet, von ihm

ersonnen seien, daß die Dampfmaschinen, die er konstruieren läßt, seinem

Geiste entsprangen, scheint mir denn doch eine allzuweitgehende

Schmeichelei. Ich glaube, mein lieber Karl würde, wenn er wirklich bloß

darauf angewiesen wäre, was er kraft seiner eigenen Fähigkeiten

hervorzubringen vermöchte, als armseliger Wilder nackt in den Wäldern

umherstreichen, und ich bezweifle, daß es irgend einem von uns besser

ginge. Alles, was wir haben und sind, verdanken wir der Vorarbeit

ungezählter Generationen, und daraus, so glaube ich, folgt, daß die

Stärkeren und Geschickteren unter uns, welche die Errungenschaften der

Vorfahren allein zu handhaben vermögen, deshalb noch kein alleiniges und

ausschließliches Anrecht auf die Früchte dieser ihrer Arbeit haben, denn

diese ihre Arbeit wird erst möglich auf Grund jener Behelfe, die unser

aller gemeinsames Eigentum sind. Oder meinen Sie vielleicht, daß Watt

die Dampfmaschine und Stephenson die Lokomotive nur für Sie und meinen

Mann, nicht aber auch für mich und mein Kind oder für den Greis und den

Krüppel erfunden haben? Ein solcher Gedanke kann nur entstehen in einer

Welt, die den Nutzen aller Erfindungen einigen wenigen Privilegierten

zuspricht. Wo man sieht, daß die ungeheuere Mehrzahl aller Menschen

ausgeschlossen ist vom Mitgenusse der Ergebnisse wachsender

Arbeitsergiebigkeit, und von denjenigen, die im Alleinbesitze allen

Reichtums der Menschheit sind, bloß das zu kümmerlicher Fristung ihres

Lebens Erforderliche als Lohn dafür zugemessen erhält, daß sie die von

den Vorfahren überlieferten Reichtümer für jene wenigen nutzbar macht --

dort allerdings muß auch die Vorstellung entstehen, daß jene, die

arbeitsunfähig sind, gar keinerlei Recht genießen. Man füttert doch bloß

nützliche Haustiere, die nutzlosen haben keinen Anspruch auf Stall und

Futterraufe, und wenn ihnen diese trotzdem zu teil werden, so ist es

eben das _Gnaden_brot, das man ihnen zumißt. Hier hat jedermann, sofern

er überhaupt der menschlichen Familie angehört, ein _Recht_ auf alles,

was Eigentum der menschlichen Familie ist. In Freiland werden bei

Beurteilung des Ausmaßes dieser Rechte dieselben Grundsätze in Anwendung

gebracht, die auch in Europa und Amerika zur Geltung gelangen, wenn es

sich darum handelt, den Fruchtgenuß einer reichen Erbschaft unter den

Erben zu verteilen. Stellen Sie sich vor, daß es sich um die Fabrik

eines Mannes handelt, der mehrere Kinder hinterließ, unter denen einige

arbeitsfähig, andere arbeitsunfähig sind; werden die ersteren das ganze

Erbe erhalten, weil sie allein dasselbe nutzbringend zu verwerten

vermögen? Sie werden sich, wenn sie den Geschwistern kein Geschenk

machen wollen, ihre Mühewaltung vergüten lassen, sie werden einen

größeren Anteil fordern; aber als frechen Hohn würde es jedermann

betrachten, wollten diese Tüchtigen sich als die alleinigen Erben und

ihre Geschwister als Bettler hinstellen, denen man bestenfalls im

Gnadenwege ein Almosen hinwerfen müsse.«

Beschämt gestand ich der tapferen kleinen Frau, daß sie mich vollständig

überwunden habe, wenn überhaupt das Widerlegen eines mit den eigenen

Grundsätzen gar nicht übereinstimmenden Vorurteiles »überwinden« genannt

werden darf. Und aus Eigenem fügte ich dann hinzu, daß die in Freiland

geübte Ausdehnung der Gleichberechtigung auch auf die Arbeitsunfähigen

in dem schließlichen Interesse selbst der Arbeitenden läge. Denn Not und

Elend, Entwürdigung und Schande seien ein fressendes Geschwür, das,

unerbittlich um sich greifend, endlich den ganzen Organismus zerstören

müsse, wenn ihm nur irgendwo am Körper der Gesellschaft Raum gelassen

werde. Gleichwie eine vornehme Familie nicht dulde, daß eines ihrer

Mitglieder der Entwürdigung verfalle, so dürfe auch eine zu wirklicher

Vornehmheit emporgediehene ganze Gesellschaft nicht dulden, daß wer

immer aus ihrer Mitte in seiner Menschenwürde gekränkt werde. Auf sich

selbst, auf eigenem Recht muß in einer solchen Gesellschaft jedermann

stehen, sonst kann die Würde und das Recht der anderen nicht ungefährdet

bleiben.

Ein anerkennender Blick aus Frau Weras Augen belohnte mich. Indessen

hielt mich dies nicht ab, eine andere Frage zur Erörterung zu bringen,

die mir im freiländischen Versorgungswesen trotz des Vorhergegangenen

noch nicht ganz klar geworden war. »Warum,« so fragte ich, »haben in

Freiland alle Frauen ohne Ausnahme Versorgungsrecht? Man könnte hierin

sogar eine Art Herabsetzung des weiblichen Geschlechtes erblicken.

Vermögen denn die Frauen wirklich nichts zu leisten und können sie

zugeben, daß solches grundsätzlich von ihnen vorausgesetzt werde? Oder

hält man vielleicht hier die europäische >Dame< für das Frauenideal,

jene Dame, die, um durchaus und in allen Stücken als solche zu gelten,

selbst den entferntesten Verdacht, daß sie zu irgend etwas in der Welt

nütze sei, von sich fernhalten muß?«

Frau Wera protestierte energisch. »Wir freiländischen Frauen wollen uns

nützlich machen und wir thun es auch. Aber wir meinen, und unsere Männer

teilen diese Anschauung, daß uns die Natur der Hauptsache nach auf einen

Beruf angewiesen hat, der fernab von Erwerbsthätigkeit liegt. Wir sind

zunächst die Gebärerinnen und die Erzieherinnen unserer Kinder, dann

aber die Vertreterinnen des Schönen und Edlen in der Gesellschaft; zu

diesem Berufe werden wir erzogen und erziehen wir uns fortgesetzt

selber. Wir haben das Recht, auch jeden beliebigen andern Beruf zu

ergreifen, aber wenn wir mit Bezug auf die Sicherung einer unabhängigen

Existenz auf diese andern Berufe angewiesen würden, so wäre das im

Prinzip vielleicht sehr schön, würde aber der übergroßen Mehrzahl von

uns Frauen nicht das geringste nützen. Sehen Sie z. B. mich; ich könnte

zwar ganz gut als Modellzeichnerin mein Brot verdienen, aber ich thäte

es eben nicht, auch wenn ich kein Versorgungsrecht genösse; weder mir

noch meinem Manne und am allerwenigsten meinem Kinde würde das passen.

Ich würde also thatsächlich nichts verdienen und wäre auf die Gnade

meines Herrn und Gebieters angewiesen. Das Schlimmste aber ist, daß ich

höchst wahrscheinlich auf diese Versorgung durch den Mann gewartet, daß

ich also in der Ehe eine Versorgung gesehen hätte, während ich gestützt

auf mein freiländisches Versorgungsrecht, ausschließlich dem Zuge meines

Herzens folgen konnte. Und auch das ganze Eheverhältnis nimmt bei uns in

Freiland gerade wegen dieser durchgängigen Unabhängigkeit der Frauen

einen ganz anderen Charakter an, wie in Europa. Wir stehen nicht unter

der Vormundschaft unserer Männer und deswegen haben wir niemals das

Gelüste, sie unter unsern Pantoffel zu bringen. Die europäische Frau ist

der Hauptsache nach ja doch nur eine Sklavin, und wenn sie

Freiheitsgelüste spürt, so muß sie dieselben auf Schleich- und Umwegen

zu bethätigen trachten; sie muß, da sie eigenen Willen nicht haben darf,

bestrebt sein, sich den Willen ihres Mannes unterthan zu machen. Bei uns

ist das alles anders. Hier ist mein Mann weder der Herr noch der

Versorger, sondern ausschließlich« -- hier traf den also Angeredeten ein

zärtlicher Blick aus den schönen Augen, der auch sofort gleich feurige

Erwiderung fand -- »der Geliebte; ich glaube, das ist wohl das Beste,

und zwar nicht bloß für mich, sondern auch für ihn. Aber es ist nicht

bloß gut so, das Gegenteil wäre auch ungerecht. Kann ich erwerben, wenn

ich mich meinem Kinde und meinem Hause widme, kann ich es zum mindesten,

ohne eine Überbürdung auf mich zu laden, von welcher der Mann in

Freiland nichts weiß? Oder ist vielleicht meine Leistung als Mutter und

Hausfrau minder nützlich, als beliebige Erwerbsthätigkeit? Aber

alleinstehende Frauen, so werden Sie vielleicht einwenden, könnten doch

erwerben, ohne sich zu überbürden. Richtig, und zahlreiche thun es auch.

Aber sie dazu _nötigen_ wollen, wäre unklug und ungerecht zugleich.

Ersteres, weil die Mädchen dadurch von ihrem eigentlichen Berufe

abgelenkt, ihre Ausbildung in falsche Bahnen gedrängt würde; letzteres,

weil damit gerade jene Frauen, deren Erziehung die richtige, dem

weiblichen Berufe entsprechende bliebe, zu wirtschaftlicher Abhängigkeit

verurteilt würden. Jetzt müßten sie erst recht Versorgung in der Ehe

suchen, und das, diese Entwürdigung des schönsten heiligsten Gefühls der

Menschenbrust -- der Liebe nämlich -- zu einer Sache des Erwerbs, das

ist es, was zu verhüten vornehmster Zweck des freiländischen

Versorgungsrechts der Frauen ist.«

Neuntes Kapitel.

Die Centralbank, das Geldwesen und das Lagerhaus. Über die

Freiheit in Freiland.

Ich hatte meine Stellung als Ingenieur in der »Ersten Edenthaler

Maschinen- und Transportmittel-Baugesellschaft« angetreten und mich

rasch in derselben zurecht gefunden. Meine Lebensweise richtete ich, so

unabhängig ich auch in allem war, im Wesen doch nach derjenigen meiner

Gastgeber und der Freiländer überhaupt. Es wird hier ziemlich allgemein

bald nach Sonnenaufgang, d. h. also nach sechs Uhr Morgens, aufgestanden

und zunächst ein kühles häusliches Bad genommen. Hierauf folgt ein

erstes Frühstück, bestehend zumeist aus einer Tasse Schokolade, Kaffee

oder Thee, und diesem ein Spaziergang entweder durch die Straßen und

großartigen öffentlichen Anlagen der Stadt oder wohl auch auf eine der

umliegenden Höhen, welche durch elektrische Bahnen in zehn bis fünfzehn

Minuten zu erreichen sind. Dieser Spaziergang, unterbrochen in der Regel

von etwas leichter Lektüre findet seinen Abschluß durch ein kompakteres

Frühstück, und darauf begiebt man sich an sein Geschäft. Um zwölf Uhr

sucht man entweder sein Haus oder eines der zahlreichen und großartig

eingerichteten Badehäuser auf, die an den Ufern des Tana und des

Edensees erbaut sind. Um ein Uhr wird gespeist, jedoch nicht

allzureichlich, da die eigentliche Hauptmahlzeit in Freiland erst nach

Erledigung aller Geschäfte, also des Abends, gehalten wird. Man begnügt

sich des Mittags mit einer Warmspeise, Käse und Obst; nur besonders

starke Esser legen noch ein Gericht zu. Nach dem Mittagessen sind die

meisten Freiländer, sofern sie nicht ein Schläfchen vorziehen, in den

öffentlichen Bibliotheken und Lesesälen zu finden, die Verheirateten

meist in Begleitung ihrer Frauen, die dort Bekannte treffen, lesen, und

die öffentlichen Angelegenheiten des Landes besprechen gleich den

Männern. Um drei Uhr wird wieder ans Geschäft gegangen und bis sechs Uhr

gearbeitet. Hierauf lassen diejenigen, die nicht schon vor Tisch gebadet

haben, ein zweites Bad im Edensee oder Tana folgen, doch giebt es viele

Freiländer, die morgens, mittags und abends baden, ein Vergnügen, das,

wenn die einzelnen Bäder nicht zu lang ausgedehnt werden, in diesem

Klima als der Gesundheit sehr zuträglich gilt. Um sieben Uhr wird die

Hauptmahlzeit eingenommen, bestehend in der Regel aus drei bis vier

Gerichten. Dann macht oder empfängt man Besuche, besucht die Theater

oder Konzertsäle, hört irgend einen wissenschaftlichen Vortrag, kurz,

geht allerlei Vergnügungen oder Belehrungen nach, an denen in Edenthal,

wie überhaupt in Freiland, nirgends Mangel ist. Die Sonntage sind des

Vormittags ernster Lektüre, bei fromm angelegten Gemütern wohl auch

Andachtsübungen gewidmet, die Nachmittage gehören meist dem Vergnügen.

Man veranstaltet Ausflüge, Picknicks, bei denen musiziert und vom jungen

Volke leidenschaftlich getanzt wird.

Ich benutzte natürlich meine freie Zeit mit Vorliebe zur Besichtigung

der öffentlichen Anstalten Freilands, unter denen die Centralbank und

das Centrallagerhaus mein besonderes Interesse erregten. Daß erstere der

Bankier des ganzen Landes ist, angefangen von der öffentlichen

Verwaltung und den großen Produktionsgesellschaften bis zum letzten

Arbeiter, ja bis zum letzten Kinde, die allesamt ihr eigenes Konto in

den Büchern besitzen, habe ich bereits mitgeteilt. Natürlich unterhält

die Bank Zweiganstalten in jedem größeren Orte des Landes. Man würde

aber irren, wollte man glauben, daß diese sich auf alles erstreckende

Buchführung einen sonderlich großen Apparat von Angestellten und sehr

verwickelte Schreibereien notwendig mache. Gerade weil alles durch die

Bank geht, ist deren Gebarung eine überaus einfache. Jedes Guthaben des

einen entspricht genau der Verpflichtung irgend eines anderen

Foliobesitzers; Zinsenberechnungen existieren nicht und außerdem sind

die meisten Ein- und Austragungen so gleichmäßiger Art, daß in

vorgedruckte Formulare bloß die Ziffern eingetragen zu werden brauchen.

Die Folge davon ist, daß siebzehnhundert Bankbeamte genügen, um für den

freiländischen Staat, für nahezu zweitausend Associationen und für 2½

Millionen einzelne Menschen Buch zu führen, und die Fachmänner sind der

Überzeugung, daß mit dem Wachstume der Bevölkerung die Gebarung sich

verhältnismäßig noch vereinfachen wird.

Da in Freiland niemand mit Bargeld zahlt -- ich habe in den acht Wochen

meines bisherigen Aufenthaltes hier außer den Barmitteln, die ich selbst

mitbrachte, noch kein Geldstück zu Gesicht bekommen -- wunderte es mich

anfänglich, warum die Freiländer überhaupt das Gold beibehalten haben

und nach demselben rechnen. Ihre Hauptmünze ist nämlich das Pfund

Sterling, jedoch nicht das englische, welches 25 Franken 22,15 Centimes

wert ist, sondern ein Pfund in genauem Goldfeingehalte von französischen

25 Franken. Dieses Pfund wird in 20 Mark und die Mark in 100 Pfennige

geteilt. Ich erklärte mir die Sache durch die Bedürfnisse des

Außenhandels, den Freiland in sehr bedeutendem Umfange mit fremden

Ländern treibt, beschloß aber doch, mir an maßgebender Stelle Auskunft

zu holen und machte mich zu diesem Zwecke mit dem Leiter der

freiländischen Bank bekannt, der dieselbe Lesehalle wie ich zu besuchen

pflegte.

Dieser gemütliche, schon etwas ältere Herr war mit Vergnügen bereit,

mich zu belehren, und so erfuhr ich denn, daß man in Freiland

hauptsächlich aus dem Grunde das Gold als Geld beibehalten habe, weil es

der beste aller derzeit möglichen Wertmesser sei, Freiland aber eines

guten Wertmessers noch viel dringender bedürfe als irgend ein anderes

Land.

»Ist denn nicht Arbeit der beste Wertmesser? Tauschen wir die Dinge

nicht im Verhältnis des zu ihrer Herstellung erforderlichen

Arbeitsaufwandes gegeneinander?« fragte ich. »Wenn dieses Buch fünf Mark

und jener Tisch zehn Mark kostet, so heißt das doch nichts anderes, als

daß die Herstellung des Buches so viel Arbeit erfordere, wie die

Herstellung des in fünf Mark enthaltenen Goldes, und die Herstellung des

Tisches so viel Arbeit, als die des in zehn Mark enthaltenen Goldes.

Wäre es nicht viel einfacher, den Arbeitsaufwand, der in Buch und Tisch

enthalten ist, direkt zu bezeichnen und das Gold ganz aus dem Spiele zu

lassen, etwa zu sagen: Das Buch ist eine Stunde und der Tisch ist zwei

Stunden Arbeit wert?«

»Ich kann Ihnen das Lob nicht vorenthalten, mein junger Freund,«

antwortete verbindlich der Bankmann, »daß Sie gerade durch die

zutreffende Art und Weise, mit welcher Sie das Wesen des Geldes

auseinanderlegten, mir den Nachweis, daß Gold ein guter, der

Arbeitsaufwand aber der denkbar schlechteste Wertmesser ist,

außerordentlich erleichtert haben. Wenn wir sagen: das Buch kostet fünf

und der Tisch zehn Mark, so haben wir damit allerdings den Wert nicht

für alle Zukunft bezeichnet, denn das Buch kann nach Jahresfrist

ebensogut vier als sechs Mark und der Tisch neun oder elf Mark wert

werden, wenn sich nämlich das wechselseitige Verhältnis des in Buch,

Tisch und Mark enthaltenen Arbeitsaufwandes zwischenzeitig verändert.

Geschieht dies aber auch, so spricht mindestens die Vermutung dafür, daß

die Ursache nicht im Golde, sondern im Buche oder im Tische gelegen sei,

d. h. wir können voraussetzen, daß, wenn z. B. ein solches Buch im

nächsten Jahre bloß vier Mark kostet, dies nicht deshalb der Fall sei,

weil nunmehr zur Herstellung von vier Mark Gold eine Stunde erforderlich

geworden sei, wie früher zur Herstellung von fünf Mark, während zur

Herstellung des Buches nach wie vor eine Arbeitsstunde erforderlich ist;

vielmehr wird unsere Vermutung dahin gehen, daß nach wie vor fünf Mark

Gold in einer Stunde fabriziert werden können, der zur Fertigstellung

eines solchen Buches erforderliche Arbeitsaufwand aber sich um ein

Fünftel verringert habe. Und zwar vermuten wir das nicht etwa aus dem

Grunde, weil dem Golde irgend eine mystische Eigenschaft der

Wertbeständigkeit innewohnen würde, sondern deshalb, weil der Wert aller

anderen Dinge der Hauptsache nach von jenem Arbeitsaufwande abhängt, der

augenblicklich zu ihrer Herstellung erforderlich ist, während beim Wert

des Goldes, von welchem seiner großen Haltbarkeit wegen im Verlaufe der

Jahrhunderte und Jahrtausende sich große Vorräte aufgestapelt haben,

dieser Einfluß einer Änderung des Arbeitsaufwandes nur verhältnismäßig

langsam vor sich geht. Der Wert des Goldes ist also etwas zum mindesten

verhältnismäßig Beständigeres als der Wert der anderen Dinge, und da es

im Wesen der Sache liegt, daß man zum Messen des Wertes besser solche

Dinge gebrauchen kann, deren eigener Wert möglichst beständig bleibt, so

ist Gold zwar kein absolut guter, aber doch unter allen Dingen der

verhältnismäßig beste Wertmesser. Das wird Ihnen auch allen anderen

Dingen gegenüber von Anbeginn eingeleuchtet haben. Es bedarf keines

tieferen Nachdenkens, um einzusehen, daß der Wert jedes Dinges viel

besser, sicherer, dauernder bestimmt ist, wenn man ihn in gewissen

Mengen Goldes ausdrückt, als wenn man es in bestimmten Mengen einer

beliebigen anderen Ware thäte. In tausend Mark besitzen Sie doch

offenbar einen unveränderlicheren Wert, als beispielsweise in hundert

Centnern Getreide. Denn Sie werden im großen und ganzen mit diesen

tausend Mark alle Ihre Bedürfnisse im nächsten Jahre ziemlich genau so

gut decken können, wie heute, während, wenn heuer eine gute und im

nächsten Jahre eine schlechte Ernte ist, dieselben hundert Centner

Getreide Ihnen im nächsten Jahre die Deckung der doppelten Gesamtsumme

von Bedürfnissen ermöglichen wie heuer.

Unter allen möglichen Dingen aber wäre der Arbeitsaufwand der denkbar

schlechteste Wertmesser. Denn während alle andern Dinge ihren Wert, d.

i. ihre Tauschkraft der Gesamtheit der andern Lebensbedürfnisse

gegenüber nur _möglicherweise_ verändern können, verändert menschliche

Arbeit ganz gewiß fortwährend ihre Tauschkraft der Gesamtheit der

Lebensbedürfnisse gegenüber, denn mit jedem Fortschritte der Kultur

sinkt der zu Beschaffung der Gesamtheit aller Bedarfsartikel

erforderliche Arbeitsaufwand. Dieser Tisch z. B. wird, wenn er in diesem

Jahre zweistündigen Arbeitsaufwand zu seiner Herstellung erfordert, im

nächsten Jahre wahrscheinlich in 1-9/10 Stunden, abermals nach einem

Jahre in 1-8/10 Stunden, nach zehn Jahren vielleicht in einer Stunde

herzustellen sein. Und da es sich durchschnittlich mit allen andern

Dingen ebenso verhalten dürfte, so folgt daraus, daß, wenn ich Ihnen

tausend Arbeitsstunden schuldig bin, diese meine Verpflichtung nach zehn

Jahren den doppelten Wert erlangt hat, während es doch meine und Ihre

Absicht bei Feststellung unseres Schuldverhältnisses ist, Vorteil und

Last desselben möglichst dauernd zu bestimmen, was am besten dadurch

geschieht, daß wir dieses Schuldverhältnis nicht in Arbeitsstunden,

sondern in Gold feststellen, also nicht sagen: ich bin Ihnen tausend

Arbeitsstunden, sondern: ich bin Ihnen fünftausend Mark schuldig. Ich

will dies an einem Beispiele erläutern. Sie sind Mitglied der »Ersten

Edenthaler Maschinen- und Transportmittel-Baugesellschaft«, welche

Association in unsern Büchern mit 2½ Millionen Pfund Sterling belastet

ist. Diese Schuld entspricht zum heutigen Arbeitswerte ziemlich genau

zehn Millionen Arbeitsstunden; zur Zeit jedoch, wo diese Darlehen

aufgenommen wurden, war der Wert der Arbeitsstunde viel geringer. Die

Herstellung der Gebäude und Maschinen, welche Sie heute benutzen, hat

weit über zwanzig Millionen Arbeitsstunden verschlungen, weil der

Arbeitsaufwand zur Herstellung der nämlichen Dinge ein desto größerer

war, je weiter wir in der Reihe der Jahre zurückschreiten. Wäre es nun

nicht die schreiendste Ungerechtigkeit, ja, wäre es überhaupt mit dem

Bestande Ihrer Association vereinbar, wenn sie zwanzig Millionen

Arbeitsstunden schuldig wäre und zahlen müßte, während doch nach den

heutigen Arbeitsverhältnissen in zwanzig Millionen Arbeitsstunden ihre

gesamten Gebäude, Maschinen und Werkzeuge zweimal hergestellt werden

könnten? Und nach ferneren zehn Jahren würden vielleicht zwanzig

Millionen Arbeitsstunden genügen, um jene Anlagen viermal zu erneuern.

Da wir in Gold rechnen, seid ihr 2½ Millionen Pfund schuldig und das ist

so ziemlich der Betrag, um welchen euere Einrichtungen auch heute zu

erneuern sind und nach zehn Jahren wahrscheinlich zu erneuern sein

werden. Eine Verschiebung kann ja Platz gegriffen haben und in Zukunft

Platz greifen; aber wenn es der Fall ist, so wäre das eine bloß

zufällige Verschiebung, gegen die sich nichts machen läßt und die

keineswegs besonders große Tragweite besitzt; die Verschiebung des

Arbeitswertes dagegen wäre eine notwendige, gewaltige, und ein

Zahlungsverhältnis auf Grund des Arbeitswertes aufbauen, hieße den

Verpflichteten von vornherein und absichtlich ruinieren.«

Eine Reise nach Freiland · 第 7 / 15 段