unserer nächsten Generalversammlungen ein solcher Beschluß gefaßt wird;
doch verlassen können Sie sich darauf, daß er nicht lange in
Kraft bestehen würde, denn so gut eine morgen einzuberufende
Generalversammlung beschließen kann, daß der Alterszuschlag zehn Prozent
für das Jahr zu betragen habe, ebensogut kann eine übermorgen
einberufene Generalversammlung diesen Beschluß wieder umstoßen und Sie
können leicht erraten, was für eine Majorität es wäre, die diesen
Widerruf beschlösse. Die freiländische Freizügigkeit bietet Schutz auch
gegen derartige Ausschreitungen des fessellosen Eigeninteresses. Im
übrigen liegt es sogar im Interesse der älteren Arbeiter selbst, den
Alterszuschlag nicht so hoch zu bemessen, daß dadurch der Zufluß neuer
Arbeitskräfte unterbunden werde. Der Alterszuschlag hat doch nur dann
überhaupt Sinn und Bedeutung, wenn er denjenigen, die ihn genießen,
einen Vorzug vor anderen einräumt, die seiner noch nicht oder nicht im
selben Maße teilhaftig sind. Nehmen wir an, daß eine Million unter
tausend Genossen zu verteilen ist, so bleibt es sich für dieselben ganz
gleich, ob sie bestimmen, daß jeder _eine_ Einheit erhalten solle, oder
ob sie sich ein jeder zwei Einheiten zu diktieren. Im erstern Falle wird
die Einheit tausend, im zweiten fünfhundert sein. Erst wenn mit dem
Hinzutritt neuer Genossen die zu verteilende Summe entsprechend
gewachsen ist, hat es einen Sinn, wenn den älteren Teilnehmern ein
Vorzug eingeräumt wird. Die alten Arbeiterschaften sehen also schon im
eigenen Interesse darauf, bei der Bemessung ihrer Vorzugsrechte gegen
das, was im Sinne der öffentlichen Meinung für recht und billig gilt,
nicht zu verstoßen.«
»Doch nun ist's genug geplaudert. Ich will Sie jetzt Ihrem zukünftigen
Bureauvorstande vorstellen und Sie können dann, wenn es Ihnen paßt,
morgen schon Ihre Arbeiten beginnen.« Damit erhob sich mein freundlicher
Chef und lud mich mit einer Handbewegung ein, ihm zu folgen.
Siebentes Kapitel.
Warum Freiland so viel Maschinen verwendet und woher es sie
nimmt.
Wir durchschritten eine Reihe von Korridoren und betraten endlich das
Arbeitskabinett des Oberingenieurs der Anstalt. Derselbe machte auf mich
den Eindruck eines Menschen, mit dem ich vor kurzem noch vertrauten
Umgang gepflogen haben mußte; doch paßte der Bart und das äußere Wesen
nicht ganz zu meinen Erinnerungen, so daß ich nicht recht wußte, wo ich
den Mann unterbringen solle. Er aber erkannte mich sofort, und mich mit
einem Freudenrufe in die Arme schließend, erklärte er dem Direktor: »Das
ist derselbe Robert N., von dem ich Ihnen schon wiederholt erzählte, daß
sein Enthusiasmus es gewesen, was zuerst in mir die Begeisterung für die
sociale Freiheit erweckte und was mich schließlich hierherbrachte. Es
sind jetzt vier Jahre her, daß wir auf der Polytechnik voneinander
Abschied nahmen; er hat sich gar nicht verändert, aber ich bin
inzwischen wohl stark verfreiländert, so daß er mich nicht sofort
erkannte.«
Der Direktor, der seine fernere Anwesenheit für überflüssig hielt, nahm
mit einigen herzlichen Worten bald Abschied. Ich blieb mit meinem
Freunde allein. »Schon seit langem« -- so wandte er sich an mich --
»habe ich dich erwartet. Daß du kommen würdest, war mir unzweifelhaft,
und regelmäßig durchforschte ich die von unserm statistischen Amte
veröffentlichten alphabetisch sowohl als nach Berufen und Ursprungsorten
geordneten Listen der Einwanderer. Dein Absteigequartier wirst du
natürlich sofort verlassen und bis auf weiteres unser Gast sein. Du mußt
nämlich wissen, daß ich seit zwei Jahren verheiratet bin. Über meine
Frau erzähle ich dir nichts, du wirst sie sehen. Jetzt aber laß uns hier
unsere Geschäfte erledigen und dann so rasch als möglich heim zu meiner
Wera, die längst begierig ist, dich kennen zu lernen. Also zunächst
Vorstellung bei den Kollegen, dann kurze Besichtigung der Werkstätten.
Doch halt; beinahe hätte ich vergessen, dein Reisegepäck aus dem Hotel
in unsere Wohnung schaffen zu lassen. Dein Hotel ist?« --
Ich nannte den Namen und hörte, wie mein Freund -- wir wollen ihn mit
seinem Taufnamen Karl nennen -- der Edenthaler Transportgesellschaft
telephonisch den Auftrag gab, den fraglichen Umzug zu bewerkstelligen.
Dagegen Einsprache zu erheben, hätte ich angesichts des Umstandes, daß
wir einst die innigsten Freunde gewesen und daß diese Freundschaft in
der Zwischenzeit nicht erkaltet zu sein schien, für überflüssige
Ziererei gehalten.
Über den Empfang, der mir von meinen nunmehrigen Kollegen zu teil wurde,
will ich mich nicht weiter verbreiten, sondern nur bemerken, daß mich
dessen ausnehmende und sichtlich aufrichtig gemeinte Herzlichkeit sehr
angenehm überraschte. Auf eine Bemerkung, die ich diesfalls Karl
gegenüber machte, nahm er mich lächelnd bei der Schulter und meinte:
»Ja, Herzbruder, wir sind eben in Freiland. Warum sollten sich die
Jungens nicht freuen, einen Kollegen zu erhalten, dem man's am Gesichte
absieht, daß er ein prächtiger Mensch ist? Braucht sich hier einer zu
fürchten, daß ihm deinetwegen der Brotkorb höher gehängt wird? Brauchen
sie in dir ein Protektionskind zu wittern, das ihnen den Rang abläuft?
Kann ja sein, daß der eine oder der andere sich sagt: >Der sieht mir
ganz danach aus, als ob er's weiter bringen würde als ich.< Aber was
schadet das ihnen? Je tüchtiger du bist, desto besser für uns alle. Hier
wirst du niemand zum Feinde haben, es sei denn, daß du ihm wirklich
etwas zuleide thust, wozu aber wieder für dich kein Anlaß vorliegen
wird.«
Was mich in den Werkstätten, die wir hierauf betraten, mit staunender
Bewunderung erfüllte, das war weniger ihre Großartigkeit an sich als die
Vollendung der maschinellen Einrichtungen in Verbindung mit geradezu
raffinierter Vorsorge für Bequemlichkeit, Gesundheit und Sicherheit der
Arbeitenden. Gleich große Gewerke giebt es vereinzelt auch in Europa,
aber es giebt außerhalb Freilands keines, in welchem die Maschinenkraft
so durchgängig die menschliche Kraft steigert und ersetzt. Die Apparate,
die ich hier sah, verhielten sich zu den besten, die ich bis dahin
kennen gelernt, ungefähr ähnlich wie diese zu der Einrichtung einer
gewöhnlichen Maschinenschlosserei. Der Mensch war hier in Wahrheit nur
der Aufseher, welcher die Arbeit der Elemente überwachte und leitete.
Auf eine Bemerkung, die ich diesfalls Karl gegenüber machte, meinte er:
»Das ist ja ganz natürlich; derart vollkommene Maschinen kann es in
Europa gar nicht geben, weil sie dort unrentabel wären, genau aus dem
nämlichen Grunde, der z. B. ein englisches oder französisches
Etablissement in China unrentabel machen würde. Was sind denn Maschinen?
_Ergebnisse_ vergangener Arbeit, mit deren Hilfe gegenwärtige und
zukünftige Arbeit erspart werden soll. Nun besteht in Europa zwischen
dem Werte des Arbeitsergebnisses und demjenigen der Arbeitskraft ein
bedeutender Unterschied, denn die gegenwärtige und zukünftige Arbeit,
welche durch die Maschine erspart werden soll, erhält bloß nackten
Arbeits_lohn_, während an der Maschine, dem Ergebnisse vergangener
Arbeit, außer dem zu ihrer Herstellung erforderlich gewesenen
Arbeitslohne auch noch Unternehmergewinn, Grundrente und Kapitalzins
haften. Bei uns existiert dieser Unterschied nicht, hier hat der
Arbeitstag, den ich erspare, für mich genau den nämlichen Wert wie der
Arbeitstag, den die Maschine zu ihrer Herstellung beanspruchte, denn
beide sind so viel wert, wie das durch sie hergestellte Erzeugnis, und
für mich rentiert sich daher die Verwendung jeder Maschine, die
überhaupt technisch brauchbar ist, d. h. die mehr menschliche
Arbeitskraft erspart, als sie zu ihrer Herstellung selber in Anspruch
nimmt, während in Europa bloß jene verhältnismäßig wenigen Maschinen
rentabel sind, die so viel mehr Arbeit ersparen, daß durch dieses Mehr
der Unterschied im Werte zukünftiger und vergangener, bereits in
Warenform krystallisierter Arbeit aufgewogen wird. Sieh z. B. hier diese
Wägemaschine! Sie kostet 12000 Pfund Sterling und muß binnen zehn Jahren
amortisiert sein, sie beansprucht also jährlich 1200 Pfund Sterling;
aber sie ersetzt die Arbeit von zehn Menschen und ist daher für uns hoch
rentabel, denn zehn Freiländer -- und wären es auch bloß ganz
gewöhnliche Handlanger -- beanspruchen per Mann mindestens 350 Pfund,
zusammen also 3500 Pfund Sterling im Jahr, die Maschine erspart uns
folglich reine 2300 Pfund jährlich. Unsere Konkurrenzinstitute in Europa
hingegen können diese Maschine nicht verwenden; sie würden zu Grunde
gehen, wenn sie es thäten; denn sie können unmöglich 1200 Pfund Sterling
jährlich aufwenden, um zehn europäische Jahreslöhne zu ersparen,
sintemalen diese zehn Jahreslöhne nach europäischem Zuschnitt, hoch
gerechnet, 600 bis 700 Pfund Sterling jährlich beanspruchen und es doch
nicht angeht, 1200 Pfund aufzuwenden, um 600-700 Pfund zu ersparen. In
China ist es natürlich noch ärger; dort kann man, um zehn Arbeiter zu
ersparen, nicht einmal 60-70 Pfund im Jahre aufwenden, denn dort
betragen zehn Jahreslöhne nicht einmal 60-70 Pfund Sterling.«
Daß das den Thatsachen vollkommen entspräche, mußte ich zugeben, wie
denn überhaupt erst dieser Gesichtspunkt erklärt, warum gerade die
Länder mit den miserabelsten Arbeitslöhnen in der großen
Fabriksindustrie die geringste Konkurrenzfähigkeit besitzen. Es ist also
einleuchtend, daß das Gesetz, welches mir hier mein Freund entwickelte,
richtig sein muß. Aber ich glaubte doch, behufs vollständiger
Klarstellung des Sachverhalts, die Einwendung machen zu dürfen, wie mir
scheine, daß die Länder mit höherem Arbeitslohne die Maschinen teuerer
in Händen haben müßten als diejenigen mit billigem Arbeitslohne. Die
Maschine, so meinte ich, ist doch selber das Ergebnis menschlicher
Arbeitskraft, und wo die Arbeitskraft hohe Entlohnung findet, dort muß
das, was durch sie hervorgebracht wird, eben teuerer sein.
»Das Gegenteil ist richtig,« erklärte Karl. »Zunächst bitte ich dich zu
bedenken, daß, wie ich bereits hervorgehoben habe, am Preise der
Maschine in Europa außer dem Arbeitslohn auch noch Grundrente,
Kapitalzins und Unternehmergewinn haften; du mußt dem Eigentümer des
Bodens, auf welchem das Erz und die Kohle geschürft, das Holz geschlagen
wurde, für die hierzu erteilte Erlaubnis Rente zahlen, du mußt dem
Kapitalisten das zur Herstellung der Maschine erforderlich gewesene
Kapital verzinsen und außerdem selber Zins bezahlen oder dir selber Zins
anrechnen für das in die Maschine gesteckte Kapital, und schließlich
will auch der Unternehmer, der sogenannte Arbeitgeber, in Europa seinen
Gewinn haben. Diese verschiedenen Zuschläge zum Arbeitslohn sind
_verhältnismäßig_ desto größer, je geringer der letztere ist, und das
erklärt, warum die Erzeugnisse von Ländern mit billigem Arbeitslohne im
Durchschnitt doch nicht billiger sind als diejenigen der Länder mit
hohem Arbeitslohne; der Wert des Produktes ist in beiden derselbe, aber
dieser Wert wird nach anderem Verhältnisse zwischen den Arbeitern und
den Ausbeutern geteilt, die letzteren erhalten mehr, wo die ersteren mit
wenigerem zufrieden sind ...«
»Also glaubst du« -- unterbrach ich hier den Freund -- »daß die
besitzenden Klassen in den Ländern, wo mäßiger Arbeitslohn herrscht,
besser daran sind als dort, wo der Arbeitslohn hoch ist? Das scheint mir
den Thatsachen zu widersprechen, denn in China z. B. sind auch die
Besitzenden ärmer als in England.«
»Richtig,« antwortete Karl. »Und das erklärt sich daraus, daß in England
viel mehr produziert wird als in China. Vom einzelnen Stücke derselben
Ware haben freilich Grundrentner, Kapitalisten und Unternehmer in China
mehr als in England, aber auf _ein_ Stück, welches sie erzeugen und
absetzen können, kommen in England zehn, was gleichfalls
selbstverständlich ist, wenn man sich nur daran erinnert, daß zehnfach
besser bezahlte Arbeiter zehnfach mehr konsumieren und daß zehnfacher
Konsum zehnfache Produktion voraussetzt. Und deshalb, weil sie einen
zwar verhältnismäßig geringeren Gewinnanteil, diesen aber von einer so
vielfach größeren Menge von Gütern erzielen, sind die Besitzenden
in England reicher als in China, abermals nichts mehr als
selbstverständlich, wenn man erwägt, daß aller Besitz der Besitzenden
der Hauptsache nach aus dem Eigentum an den Produktionsmitteln besteht
und daß dort, wo die Massen mehr konsumieren, die Reichen
notwendigerweise mehr Produktionsmittel besitzen.
»Doch lasse mich fortfahren, wo du mich unterbrachst. Bei uns in
Freiland giebt es überhaupt keine besitzende Klasse, die davon lebt, was
sie den Arbeitenden vom Vollertrage ihrer Arbeit vorenthält, und hier
braucht deshalb der Preis der verfertigten Güter erst recht nicht höher
zu sein. Aber was mehr ist, er kann in der Regel sogar niedriger sein,
und trotzdem entfällt auf unsere Arbeitenden nicht bloß soviel, wie auf
die Arbeitenden und die Besitzenden zusammengenommen in Europa, sondern
noch wesentlich mehr. Denn genau das nämliche, was von den Dingen gilt,
die wir mit Hilfe dieser Maschine hier herstellen, daß wir nämlich zu
ihrer Erzeugung viel mehr und vollkommenere Maschinenkraft aufwenden
können, als in Europa möglich ist, genau das nämliche gilt ja auch bei
Herstellung dieser Maschine selbst; auch sie wurde hier hergestellt
unter Aufwendung von weit mehr und vollkommenerer Maschinenkraft, als in
Europa möglich gewesen wäre. Wie ich dir gesagt habe, kostet diese
Maschine 12000 Pfund Sterling; sie wurde vor zwei Jahren gekauft und zu
jener Zeit war der durchschnittliche Jahreslohn eines freiländischen
Arbeiters 300 Pfund Sterling. Sie mitsamt den zu ihrer Herstellung
erforderlich gewesenen Rohmaterialien und Betriebsmitteln ist also das
Jahresprodukt von vierzig freiländischen Arbeitern gewesen. In Europa
hätte man nun wesentlich größeren Arbeitsaufwand zu selbem Zwecke
notwendig gehabt, und du siehst also, daß diese Maschine hier billiger
verkauft werden kann als in Europa, auch wenn die dabei beschäftigten
Arbeiter ein Vielfaches dessen bezögen, was in Europa Arbeiter,
Grundrentner, Kapitalisten und Unternehmer zusammengenommen erhalten.
Wir erzeugen im Durchschnitt viel wohlfeiler als Europa, aber wir
erzeugen unendlich mehr, und alles, was wir erzeugen, gehört uns, den
Arbeitern.«
Nachdem wir eine Reihe von Werkstätten durchschritten hatten, forderte
mich mein Freund auf, die Anstalt nicht durch den Haupteingang, sondern
von rückwärts zu verlassen, da er unterwegs nachsehen wolle, ob bei den
dort im Zuge befindlichen Erweiterungs- und Neubauten alle seine
Anordnungen pünktlich befolgt würden.
»Wir sind nämlich im Begriffe,« fügte er erläuternd hinzu, »unsere
Anlagen wesentlich zu erweitern.«
Auf der Baustätte angelangt, erregten die mannigfaltigen, in Europa ganz
ungebräuchlichen maschinellen Hilfsvorrichtungen, die ich hier
allenthalben von Maurern und Steinmetzen verwendet sah, mein Erstaunen.
Auf elektrischen Bahnen wurden die Ziegel herbeigerollt, durch
bewegliche elektrische Krahne unmittelbar aus den Waggons in die
verschiedenen Stockwerke gehoben und dort durch automatisch bediente
Paternosterwerke den Arbeitern zugeführt, so daß diese im Grunde
genommen die Maschinen bloß zu beaufsichtigen hatten, während der Bau
der Hauptsache nach von diesen vollführt wurde. Zugleich aber fiel mir
die Großartigkeit der Neuanlagen auf. »Da stecken wir aber ein schönes
Geld hinein,« interpellierte ich Karl, »und das alles liefert das
Gemeinwesen; von wo dieses die erforderlichen Summen nur nehmen mag?«
»Aus dem Ertrage unserer Abgaben, lieber Freund. Im Vorjahre haben
650000 freiländische Arbeiter Güter im Werte von rund 360 Millionen
Pfund Sterling produziert und davon hat das Gemeinwesen nicht weniger
als 125 Millionen Pfund Sterling für seine Zwecke zurückbehalten.
Außerdem haben die Associationen als Abzahlung auf die in früheren
Jahren empfangenen Darlehen ungefähr zwanzig Millionen Pfund Sterling
geleistet, so daß alles in allem 145 Millionen in die Kassen unseres
Staates flossen. Natürlich kann nur ein Teil dieser Summe für Neuanlagen
verfügbar sein, da doch das Gemeinwesen auch seine eigenen Aufgaben zu
erfüllen hat; aber du begreifst, daß sich aus solchen Beträgen schon
etwas leisten läßt.«
»Allerdings,« entgegnete ich. »Aber da, wie ich weiß, jeder Association
das Recht zusteht, zu verlangen, was sie nur immer will, ist mir doch
nicht klar, wie selbst mit solchen Riesensummen das Auslangen gefunden
wird, denn die Wünsche sind ja grenzenlos und alle Einkünfte haben denn
doch eine, wenn auch noch so weit gesteckte Grenze.«
»Jawohl,« antwortete Karl, »die Wünsche sind grenzenlos, aber nur dann,
wenn man seine Wünsche nicht zu bezahlen braucht. Wir bekommen ja die
Kapitalien nicht geschenkt, sondern nur vorgestreckt, zwar zinslos
vorgestreckt, aber doch gegen Rückzahlung.«
»So leicht bringst du mich nicht zum Schweigen,« entgegnete ich. »Ihr
werdet, da ihr es abzahlen müßt, gewiß kein Kapital zu unvernünftigen
Zwecken, wenigstens nicht absichtlich, verlangen; aber jede Maschine,
die menschliche Arbeitskraft erspart, ist doch, wie du mir soeben
auseinandergesetzt hast, hierzulande rentabel, und wenn ich daher
fordern kann, so viel ich will, mache ich mich anheischig, die 2900
Millionen Mark eueres derzeitigen Jahresbudgets für ein einziges großes
Institut zu verbrauchen.«
»Das möchtest du wohl bleiben lassen, lieber Freund,« lachte Karl. »Du
vergißt die Kleinigkeit, daß Anlagen und Maschinen, um rentabel zu sein,
nicht bloß Arbeitskraft ersparen müssen, sondern daß sich auch
Verwendung für die durch sie erzielten Produkte finden muß. Würdest du
diesen Neubau da befürworten, wenn du nicht darauf rechnen dürftest, daß
die Waren, die du in ihm erzeugen willst, sich verkaufen lassen? Frage
doch die Millionäre und Milliardäre in Europa und Amerika, ob sie alles
bauen können, wozu sie Kapital haben, und du wirst die Antwort erhalten,
daß ihnen das ganz und gar unmöglich sei, weil sie sich in ihren Anlagen
nach dem Absatze richten müssen. Nun wissen die Wackeren seltsamerweise
allerdings noch immer nicht, daß ihr Absatz bloß deshalb so
jämmerlich gering ist und bleiben muß -- so lange die bürgerliche
Wirtschaftsordnung nicht über den Haufen geworfen ist -- weil die
proletarischen Massen der bürgerlichen Welt von steigender Ergiebigkeit
keinen Vorteil haben, also ihren Konsum, d. h. ihre Kaufkraft nicht
erhöhen können. Bei uns wächst die Kaufkraft schritthaltend mit jeder
Verbesserung der Produktion, aber deshalb ist es auch bei uns nicht
minder richtig, daß die Produktion nur schritthaltend mit dem Verbrauche
wachsen kann, d. h. daß Anlagen, für deren Ergebnisse die Abnehmer nicht
gegeben sind, ein Unsinn wären. Ja, was mehr ist, bei uns ist diese
Harmonie zwischen Wachstum des Absatzes und der Produktion eine noch
viel vollkommenere als in der bürgerlichen Welt. Denn dort lassen sich
die Unternehmer, gerade weil sie nicht wissen, was sie mit ihrem
Kapitale anfangen sollen, häufig doch zu Anlagen verleiten, die niemand
braucht, in der Hoffnung, daß es ihnen gelingen werde, den Konkurrenten
die Kunden abzujagen. Häufen sich solche Unternehmungen, so ist eine
Krisis die Folge. Bei uns ist das nicht denkbar, hier kann niemand
absichtlich überflüssige Anlagen fördern oder errichten, weil ja niemand
in Verlegenheit ist, wie er Kapital anwenden soll. Hier plant man nur
solche Werke, deren Erzeugnisse Abnehmer finden, und diese Abnehmer
fehlen natürlich, wenn das zur Herstellung der Anlagen erforderliche
Kapital die Mittel der Gesamtheit übersteigt, weil ja in diesem Falle
die Anlage auf Kosten des Konsums vor sich gehen müßte und ein solcher
Versuch darauf hinausliefe, mehr zu erzeugen, weil man weniger
gebrauchen kann.«
»Also bestreitest du« -- fragte ich -- »jede Möglichkeit, daß zu
Anlagezwecken mehr verlangt werden könnte, als überhaupt verfügbar ist?
Wie kommt es dann, daß in der bürgerlichen Welt der Zinsfuß mitunter so
enorm steigt? Hat das nicht darin seinen Grund, daß die Kapitalnachfrage
zeitweilig das Kapitalangebot überwiegt? Du wirst wohl nicht leugnen,
daß es in Europa und Amerika häufig nur dieses Steigen des Zinsfußes
ist, was dem ferneren Wachstume der Kapitalnachfrage eine Grenze zieht
und dadurch wieder das Gleichgewicht zwischen Angebot und Nachfrage auf
dem Kapitalmarkte herstellt. Uns in Freiland fehlt dieses
Sicherheitsventil des Zinsfußes; wie soll ich mir erklären, daß trotzdem
gerade hier das Gleichgewicht zwischen Angebot und Nachfrage auf dem
Kapitalmarkte nicht gestört werden kann, sondern daß hier unter allen
Umständen die Verwendung gerade jenes Kapitals rentabel sein muß,
welches eben vorhanden ist? Denn wenn es unmöglich sein soll, mehr
Kapital zu verlangen, als verfügbar ist, so muß es umgekehrt auch
unmöglich sein, weniger zu verlangen. Wie ich mich auf der einen Seite
frage, ob nicht durch übertriebene Kapitalansprüche die
Leistungsfähigkeit unseres Gemeinwesens überschritten werden könnte, so
drängt sich mir auf der andern Seite die Frage auf, was wir, wenn
weniger Kapital gefordert wird, mit den überschüssigen Ersparnissen
machen?«
»Ich will dir zunächst die Frage beantworten, mit welcher du geschlossen
hast, weil damit eigentlich auch schon die Antwort auf alle früheren
Fragen der Hauptsache nach gegeben sein wird. Wir können niemals mehr
Kapital haben, als beansprucht wird, weil unsere Kapitalansammlung nicht
dem Zufall überlassen ist, sondern planmäßig in Form einer
Abgabenerhebung vom Staate vorgenommen wird. Die Höhe dieser Abgabe ist
ja nichts unwandelbar von der Natur Gegebenes und es ist
selbstverständlich, daß die Steuer stets so bemessen wird, um den
gesamten Bedürfnissen des Gemeinwesens, unter denen eben die
Kapitallieferung mit inbegriffen ist, zu genügen. Unsere
Vertretungskörper machen auf Grund der an sie gelangenden Anmeldungen
und der durch Erfahrung gegebenen Anhaltspunkte ihre Voranschläge über
den voraussichtlichen Bedarf und bemessen danach die Höhe der Steuer.
Nun sind dabei allerdings Irrtümer möglich, die Eingänge überschreiten
in dem einen Jahre den Bedarf um einige Millionen, in einem andern
können sie hinter dem Bedarfe zurückbleiben; aber solche Ungleichheiten
haben eben nur zur Folge, daß im erstern Falle die Überschüsse auf das
nächste Jahr übertragen werden, und im zweiten Falle ein Bruchteil der
Anlagen um einige Wochen verschoben wird. Also ein Zuviel an verfügbarem
Kapital ist unmöglich, da es doch ganz ersichtlich ausschließlich von
unserem Belieben abhängt, nicht mehr zu verlangen, als wir brauchen.«
»Gestatte, daß ich dich einen Moment unterbreche. Ich sehe ein, daß
unser freiländischer Staat niemals -- von ganz vorübergehenden
Ungleichheiten abgesehen -- über mehr Kapital verfügen kann als
gebraucht wird; aber das Kapital kann sich ja in den Händen des
Publikums aufhäufen. Was geschieht mit dem, was die einzelnen erzeugen
und nicht verzehren?«