4. Jahrhundert) einen seiner Schueler fuer einen Lehrstuhl erbitten, sendet er

ihnen den Eusebios aus Alexandreia; "hinsichtlich der Rhetorik", heisst es von

diesem (Eun. proaer. p. 92 Boiss.), "genuegt es zu sagen, dass er ein Aegypter

war; denn dieses Volk treibt zwar mit Leidenschaft das Versemachen, aber die

ernste Redekunst (o spoydaios Erm/e/s) ist bei ihnen nicht zu Hause". Die

merkwuerdige Wiederaufnahme der griechischen Poesie in Aegypten, der zum

Beispiel das Epos des Nonnos angehoert, liegt jenseits der Grenzen unserer

Darstellung.

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Obgleich der Platz, welchen Alexandreia in der geistigen und literarischen

Entwicklung des spaeteren Griechenlands und der okzidentalischen Kultur

ueberhaupt einnimmt oder einzunehmen scheint, nicht in einer Schilderung der

oertlichen Zustaende Aegyptens, sondern nur in derjenigen dieser Entwicklung

selbst entsprechend gewuerdigt werden kann, ist das alexandrinische

Gelehrtenwesen und dessen Fortdauer unter dem roemischen Regiment eine allzu

merkwuerdige Erscheinung, um nicht auch in dieser Verbindung in seiner

allgemeinen Stellung beruehrt zu werden. Dass die Verschmelzung der

orientalischen und der hellenischen Geisteswelt neben Syrien vorzugsweise in

Aegypten sich vollzog, wurde schon bemerkt; und wenn der neue Glaube, der den

Okzident erobern sollte, von Syrien ausging, so kam die ihm homogene

Wissenschaft, diejenige Philosophie, welche neben dem Menschengeist und

ausserhalb desselben den ueberweltlichen Gott und die goettliche Offenbarung

anerkennt und verkuendet, vorzugsweise aus Aegypten, wahrscheinlich schon der

neue Pythagoreismus, sicher das philosophische Neujudentum, von dem frueher die

Rede war, sowie der neue Platonismus, dessen Begruender, der Aegypter Plotinos,

ebenfalls schon erwaehnt ward. Auf dieser vorzugsweise in Alexandreia sich

vollziehenden Durchdringung der hellenischen und der orientalischen Elemente

beruht es hauptsaechlich, dass, wie dies in der Darstellung der italischen

Verhaeltnisse naeher darzulegen ist, der dortige Hellenismus in der frueheren

Kaiserzeit vorzugsweise aegyptische Form traegt. Wie die an Pythagoras, Moses,

Platon anknuepfenden altneuen Weisheiten von Alexandreia aus in Italien

eindrangen, so spielte die Isis und was dazu gehoert die erste Rolle in der

bequemen Modefroemmigkeit, welche die roemischen Poeten der augustischen Zeit

und die pompeianischen Tempel aus der des Claudius uns zeigen. Die aegyptische

Kunstuebung herrscht vor in den kampanischen Fresken derselben Epoche wie in der

tiburtinischen Villa Hadrians. Dem entspricht die Stellung, welche das

alexandrinische Gelehrtenwesen in dem geistigen Leben der Kaiserzeit einnimmt.

Nach aussen hin beruht dasselbe auf der staatlichen Pflege der geistigen

Interessen und wuerde mit mehr Recht an den Namen Alexanders anknuepfen als an

den Alexandreias; es ist die Realisierung des Gedankens, dass in einem gewissen

Stadium der Zivilisation Kunst und Wissenschaft durch das Ansehen und die

Machtmittel des Staats gestuetzt und gefoerdert werden muessen, die Konsequenz

des genialen Moments der Weltgeschichte, welcher Alexander und Aristoteles

nebeneinander stellte. Es soll hier nicht gefragt werden, wie in dieser

maechtigen Konzeption Wahrheit und Irrtum, Beschaedigung und Hebung des

geistigen Lebens sich miteinander mischen, nicht die duerftige Nachbluete des

goettlichen Singens und des hohen Denkens der freien Hellenen einmal mehr

gestellt werden neben den ueppigen und doch auch grossartigen Ertrag des

spaeteren Sammelns, Forschens und Ordnens. Konnten die Institutionen, welche

diesem Gedanken entsprangen, der griechischen Nation unwiederbringlich

Verlorenes nicht oder, was schlimmer ist, nur scheinhaft erneuern, so haben sie

ihr auf dem noch freien Bauplatz der geistigen Welt den einzig moeglichen und

auch einen herrlichen Ersatz gewaehrt. Fuer unsere Erwaegung kommen vor allem

die oertlichen Verhaeltnisse in Betracht. Kunstgaerten sind einigermassen

unabhaengig vom Boden, und nicht anders ist es mit diesen wissenschaftlichen

Institutionen, nur dass sie ihrem Wesen nach an die Hoefe gewiesen sind. Die

materielle Unterstuetzung kann ihnen auch anderswo zuteil werden; aber wichtiger

als diese ist die Gunst der hoechsten Kreise, die ihnen die Segel schwellt, und

die Verbindungen, welche, in den grossen Zentren zusammenlaufend, diese Kreise

der Wissenschaft fuellen und erweitern. In der besseren Zeit der

Alexandermonarchien hatte es solcher Zentren so viele gegeben als es Staaten

gab, und dasjenige des Lagidenhofs war nur das angesehenste unter ihnen gewesen.

Die roemische Republik hatte die uebrigen eines nach dem andern in ihre Gewalt

gebracht und mit den Hoefen auch die dazugehoerigen wissenschaftlichen Anstalten

und Kreise beseitigt. Dass der kuenftige Augustus, als er den letzten dieser

Hoefe aufhob, die damit verknuepften gelehrten Institute bestehen liess, ist die

rechte und nicht die schlechteste Signatur der veraenderten Zeit. Der

energischere und hoehere Philhellenismus des Caesarenregiments unterschied sich

zu seinem Vorteil von dem republikanischen dadurch, dass er nicht bloss

griechischen Literaten in Rom zu verdienen gab, sondern die grosse Tutel der

griechischen Wissenschaft als einen Teil der Alexanderherrschaft betrachtete und

behandelte. Freilich war, wie in dieser gesamten Regeneration des Reiches, der

Bauplan grossartiger als der Bau. Die koeniglich patentierten und pensionierten

Musen, welche die Lagiden nach Alexandreia gerufen hatten, verschmaehten es

nicht, die gleichen Bezuege auch von den Roemern anzunehmen; und die kaiserliche

Munifizenz stand hinter der frueheren koeniglichen nicht zurueck. Der

Bibliothekfonds von Alexandreia und der Fonds der Freistellen fuer Philosophen,

Poeten, Aerzte und Ge lehrte aller Art ^46 sowie die diesen gewaehrten

Immunitaeten wurden von Augustus nicht vermindert, von Kaiser Claudius vermehrt,

freilich mit der Auflage, dass die neuen Claudischen Akademiker die griechischen

Geschichtswerke des wunderlichen Stifters Jahr fuer Jahr in ihren Sitzungen zum

Vortrag zu bringen hatten. Mit der ersten Bibliothek der Welt behielt

Alexandreia zugleich durch die ganze Kaiserzeit einen gewissen Primat der

wissenschaftlichen Arbeit, bis das Museion zugrunde ging und der Islam die

antike Zivilisation erschlug. Es war auch nicht bloss die damit gebotene

Gelegenheit, sondern zugleich die alte Tradition und die Geistesrichtung dieser

Hellenen, welche der Stadt jenen Vorrang bewahrte, wie denn unter den Gelehrten

die geborenen Alexandriner an Zahl und Bedeutung hervorragen. Auch in dieser

Epoche sind zahlreiche und achtbare gelehrte Arbeiten, namentlich philologische

und physikalische, aus dem Kreise der Gelehrten "vom Museum", wie sie gleich den

Parisern "vom Institut" sich titulierten, hervorgegangen; aber die literarische

Bedeutung, welche die alexandrinische und die pergamenische Hofwissenschaft und

Hofkunst in der besseren Epoche des Hellenismus fuer die gesamte hellenische und

hellenisierende Welt gehabt hat, knuepfte nie auch nur entfernt sich an die

roemisch-alexandrinische. Die Ursache liegt nicht in dem Mangel an Talenten oder

anderen Zufaelligkeiten, am wenigsten daran, dass der Platz im Museum vom Kaiser

zuweilen nach Gaben und immer nach Gunst vergeben ward und die Regierung damit

voellig schaltete wie mit dem Ritterpferd und den Hausbeamtenstellungen; das war

auch an den aelteren Hoefen nicht anders gewesen. Hofphilosophen und Hofpoeten

blieben in Alexandreia, aber nicht der Hof; es zeigte sich hier recht deutlich,

dass es nicht auf die Pensionen und Gratifikationen ankam, sondern auf die fuer

beide Teile belebende Beruehrung der grossen politischen und der grossen

wissenschaftlichen Arbeit. Diese stellte wohl fuer die neue Monarchie sich ein

und damit auch ihre Konsequenzen; aber die Staette dafuer war nicht Alexandreia:

diese Bluete der politischen Entwicklung gehoerte billig den Lateinern und der

lateinischen Hauptstadt. Die augustische Poesie und die augustische Wissenschaft

sind unter aehnlichen Verhaeltnissen zu aehnlicher bedeutender und erfreulicher

Entwicklung gelangt wie die hellenistische an dem Hof der Pergamener und der

frueheren Ptolemaeer. Sogar indem griechischen Kreise knuepfte, soweit die

roemische Regierung auf denselben im Sinne der Lagiden einwirkte, mehr als an

Alexandreia sich dies an Rom an. Die griechischen Bibliotheken der Hauptstadt

standen freilich der alexandrinischen nicht gleich und ein dem alexandrinischen

Museum vergleichbares Institut gab es in Rom nicht. Aber die Stellung an den

roemischen Bibliotheken oeffnete die Beziehungen zu dem Hofe. Auch die von

Vespasian eingerichtete, von der Regierung besetzte und besoldete

hauptstaedtische Professur der griechischen Rhetorik gab ihrem Inhaber, wenn er

gleich nicht in dem Sinne Hausbeamter war wie der kaiserliche Bibliothekar, eine

aehnliche Stellung und galt, ohne Zweifel deswegen, als der vornehmste Lehrstuhl

des Reiches ^47. Vor allem aber war das kaiserliche Kabinettssekretariat in

seiner griechischen Abteilung die angesehenste und einflussreichste Stellung, zu

der ein griechischer Literat ueberhaupt gelangen konnte. Versetzung von der

alexandrinischen Akademie in ein derartiges hauptstaedtisches Amt war

nachweislich Befoerderung ^48. Auch abgesehen von allem, was die griechischen

Literaten sonst allein in Rom fanden, genuegten die Hofstellungen und die

Hofaemter, um den angesehensten von ihnen den Zug vielmehr dahin zu geben als an

den aegyptischen "Freitisch". Das gelehrte Alexandreia dieser Zeit ward eine Art

Witwensitz der griechischen Wissenschaft, achtungswert und nuetzlich, aber auf

den grossen Zug der Bildung wie der Verbildung der Kaiserzeit von keinem

durchschlagenden Einfluss; die Plaetze im Museum wurden, wie billig, nicht

selten an namhafte Gelehrte von auswaerts vergeben, und fuer das Institut selbst

kamen die Buecher der Bibliothek mehr in Betracht als die Buerger der grossen

Handels- und Fabrikstadt.

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^46 Ein "homerischer Poet" ek Moyseioy bringt es fertig, den Memnon in vier

homerischen Versen anzusingen, ohne ein Wort von dem Seinen hinzuzutun (CIG

4748). Hadrian macht einen alexandrinischen Poeten zum Lohn fuer ein loyales

Epigramm zum Mitglied (Athenaeos 15 p. 677 e). Beispiele von Rhetoren aus

hadrianischer Zeit bei Philostratos vit. soph. 1, 22, 3. c. 25, 3. Ein

philosophos apo Moyseioy in Halikarnassos (BCH 4, 1880, S. 405). In spaeterer

Zeit, wo der Circus alles ist, finden wir einen namhaften Ringkaempfer -

vielleicht darf man sagen, als Ehrenmitglied der philosophischen Klasse

(Inschrift aus Rom CIG 5914: ne/o/koros to? megaloy Sarapidos kai t/o/n en t/o/

Moysei/o/ seitoymen/o/n atel/o/n philosoph/o/n; vgl. das. 4724 und Firm. err.

13,3). Oi en Ephes/o/ apo to? Moyseioy iatroi (Wood, Ephesus. Inscriptions from

tombs, n. 7), eine Gesellschaft ephesischer Aerzte, beziehen sich wohl auch auf

das Museum von Alexandreia, aber sind schwerlich Mitglieder desselben, sondern

in demselben gebildet.

^47 O an/o/ thronos bei Philostratos vit. soph. 2, 10, 5.

^48 Beispiele sind Chaeremon, der Lehrer Neros, vorher angestellt in

Alexandreia (Suidas Aeion?sios Alexandre?s; vgl. Zeller, Hermes 11, 1876, S. 430

und oben 7, 275); Dionysios, des Glaukos Sohn, zuerst in Alexandreia Nachfolger

Chaeremons, dann von Nero bis auf Traian Bibliothekar in Rom und kaiserlicher

Kabinettssekretaer (Suidas. a. a. O.); L. Julius Vestinus unter Hadrian, der

sogar nach der Vorstandschaft des Museums dieselben Stellungen wie Dionysios in

Rom bekleidete, auch als philologischer Schriftsteller bekannt.

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Die militaerischen Verhaeltnisse Aegyptens stellten, eben wie in Syrien,

den Truppen daselbst eine zwiefache Aufgabe: den Schutz der Suedgrenze und der

Ostkueste, der freilich mit dem fuer die Euphratlinie erforderlichen nicht

entfernt verglichen werden kann, und die Aufrechterhaltung der inneren Ordnung

im Lande wie in der Hauptstadt. Die roemische Besatzung bestand, abgesehen von

den bei Alexandreia und auf dem Nil stationierten Schiffen, die hauptsaechlich

fuer die Zollkontrolle gedient zu haben scheinen, unter Augustus aus drei

Legionen nebst den dazugehoerigen, nicht zahlreichen Hilfstruppen, zusammen etwa

20000 Mann. Es war dies etwa halb soviel, als er fuer die saemtlichen

asiatischen Provinzen bestimmte, was der Wichtigkeit dieser Provinz fuer die

neue Monarchie entsprach. Die Besatzung wurde aber wahrscheinlich noch unter

Augustus selbst um ein Drittel und dann unter Domitian um ein weiteres Drittel

vermindert. Anfaenglich waren zwei Legionen ausserhalb der Hauptstadt

stationiert; das Hauptlager aber und bald das einzige lag vor den Toren

derselben, da wo Caesar der Sohn den letzten Kampf mit Antonius ausgefochten

hatte, in der danach benannten Vorstadt Nikopolis. Diese hatte ihr eigenes

Amphitheater und ihr eigenes kaiserliches Volksfest und war voellig selbstaendig

eingerichtet, so dass eine Zeitlang die oeffentlichen Lustbarkeiten von

Alexandreia durch die ihrigen in Schatten gestellt wurden. Die unmittelbare

Bewachung der Grenze fiel den Auxilien zu. Dieselben Ursachen also, welche in

Syrien die Disziplin lockerten, die zunaechst polizeiliche Aufgabe und die

unmittelbare Beruehrung mit der grossen Hauptstadt, kamen auch fuer die

aegyptischen Truppen ins Spiel; hier trat noch hinzu, dass die ueble Gewohnheit,

den Soldaten bei der Fahne das eheliche Leben oder doch ein Surrogat desselben

zu gestatten und die Truppe aus diesen Lagerkindern zu ergaenzen, bei den

makedonischen Regimentern der Ptolemaeer seit langem einheimisch war und rasch

auch bei den Roemern sich wenigstens bis zu einem gewissen Grade einbuergerte.

Dem entsprechend scheint das aegyptische Korps, in welchem die Okzidentalen noch

seltener dienten als in den uebrigen Armeen des Ostens und das zum grossen Teil

aus der Buergerschaft und dem Lager von Alexandreia sich rekrutierte, unter

allen Armeekorps das am wenigstens angesehene gewesen zu sein, wie denn auch die

Offiziere dieser Legion, wie schon bemerkt ward, im Rang denen der uebrigen

nachstanden.

Die eigentlich militaerische Aufgabe der aegyptischen Truppen haengt eng

zusammen mit den Massregeln fuer die Hebung des aegyptischen Handels. Es wird

angemessen sein, beides zusammenzufassen und zunaechst die Beziehungen zu den

kontinentalen Nachbarn im Sueden, sodann diejenigen zu Arabien und Indien im

Zusammenhang darzulegen.

Aegypten reicht nach Sueden, wie schon bemerkt, bis zu der Schranke, welche

der letzte Katarakt unweit Syene (Assuan) der Schiffahrt entgegenstellt.

Jenseits Syene beginnt der Stamm der Kesch, wie die Aegypter sie nennen, oder,

wie die Griechen uebersetzen, der Dunkelfarbigen, der Aethiopen, wahrscheinlich

den spaeter zu erwaehnenden Urbewohnern Abessiniens stammverwandt, und, wenn

auch vielleicht aus der gleichen Wurzel wie die Aegypter entsprungen, doch in

der geschichtlichen Entwicklung als fremdes Volk ihnen gegenueberstehend. Weiter

suedwaerts folgen die Nahsiu der Aegypter, das heisst die Schwarzen, die Nubier

der Griechen, die heutigen Neger. Die Koenige Aegyptens hatten in besseren

Zeiten ihre Herrschaft weit in das Binnenland hinein ausgedehnt oder es hatten

wenigstens auswandernde Aegypter hier sich eigene Herrschaften gegruendet; die

schriftlichen Denkmaeler des pharaonischen Regiments gehen bis oberhalb des

dritten Katarakts nach Dongola hinein, wo Nabata (bei Nuri) der Mittelpunkt

ihrer Niederlassungen gewesen zu sein scheint; und noch betraechtlich weiter

stromaufwaerts, etwa sechs Tagereisen noerdlich von Khartum, bei Schendi im

Sennaar, in der Naehe der frueh verschollenen Aethiopenstadt Mero‰ finden sich

Gruppen freilich schriftloser Tempel und Pyramiden. Als Aegypten roemisch ward,

war es mit dieser Machtentwicklung laengst vorbei und herrschte jenseits Syene

ein aethiopischer Stamm unter Koeniginnen, die stehend den Namen oder den Titel

Kandake fuehrten ^49 und in jenem einst aegyptischen Nabata in Dongola

residierten; ein Volk auf niedriger Stufe der Zivilisation, ueberwiegend Hirten,

imstande, ein Heer von 30000 Mann aufzubringen, aber geruestet mit Schilden von

Rindshaeuten, bewehrt meist nicht mit Schwertern, sondern mit Beilen oder Lanzen

und eisenbeschlagenen Keulen; raeuberische Nachbarn, im Gefecht den Roemern

nicht gewachsen. Diese fielen im Jahre 730 (24) oder 731 (23) in das roemische

Gebiet ein, wie sie behaupteten, weil die Vorsteher der naechsten Nomen sie

geschaedigt haetten, wie die Roemer meinten, weil die aegyptischen Truppen

damals grossenteils in Arabien beschaeftigt waren und sie hofften, ungestraft

pluendern zu koennen. In der Tat ueberwanden sie die drei Kohorten, die die

Grenze deckten, und schleppten aus den naechsten aegyptischen Distrikten Philae,

Elephantine, Syene die Bewohner als Sklaven fort und als Siegeszeichen die

Statuen des Kaisers, die sie dort vorfanden. Aber der Statthalter, der eben

damals die Verwaltung des Landes uebernahm, Gaius Petronius, vergalt den Angriff

rasch; mit 10000 Mann zu Fuss und 800 Reitern trieb er sie nicht bloss zum Lande

hinaus, sondern folgte ihnen den Nil entlang in ihr eigenes Land, schlug sie

nachdruecklich bei Pselchis (Dakke) und erstuermte ihre feste Burg Premis

(Ibrim) so wie die Hauptstadt selbst, die er zerstoerte. Zwar erneuerte die

Koenigin, ein tapferes Weib, im naechsten Jahre den Angriff und versuchte

Premis, wo roemische Besatzung geblieben war, zu erstuermen; aber Petronius

brachte rechtzeitig Ersatz, und so entschloss sich die Aethiopin, Gesandte zu

senden und um Frieden zu bitten. Der Kaiser gewaehrte ihn nicht bloss, sondern

befahl, das unterworfene Gebiet zu raeumen, und wies den Vorschlag seines

Statthalters ab, die Besiegten tributpflichtig zu machen. Insofern ist dieser

sonst nicht bedeutende Vorgang bemerkenswert, als gleich damals der bestimmte

Entschluss der roemischen Regierung sich zeigte, zwar das Niltal, soweit der

Fluss schiffbar ist, unbedingt zu behaupten, aber von der Besitznahme der weiten

Landschaften am oberen Nil ein fuer allemal abzusehen. Nur die Strecke von

Syene, wo unter Augustus die Grenztruppen standen, bis nach Hiera Sykaminos

(Maharraka), das sogenannte Zwoelfmeilenland (D/o/dekaschoinos) ist zwar niemals

als Nomos eingerichtet und nie als ein Teil Aegyptens, aber doch als zum Reiche

gehoerig betrachtet worden; und spaetestens unter Domitian wurden selbst die

Posten bis nach Hiera Sykaminos vorgerueckt ^^50. Dabei ist es im wesentlichen

geblieben. Die von Nero geplante orientalische Expedition sollte allerdings auch

Aethiopien umfassen; aber es blieb bei der vorlaeufigen Erkundung des Landes

durch roemische Offiziere bis ueber Mero‰ hinauf. Das nachbarliche Verhaeltnis

muss an der aegyptischen Suedgrenze bis in die Mitte des dritten Jahrhunderts im

ganzen friedlicher Art gewesen sein, wenn es auch an kleineren Haendeln mit

jener Kandake und mit ihren Nachfolgerinnen, die laengere Zeit sich behauptet zu

haben scheinen, spaeter vielleicht mit anderen, jenseits der Reichsgrenze zur

Vormacht gelangenden Staemmen, nicht gefehlt haben wird. Erst als das Reich in

der valerianisch-gallienischen Zeit aus den Fugen ging, brachen die Nachbarn

auch ueber diese Grenze. Es ist schon erwaehnt worden, dass die in den Gebirgen

an der Suedostgrenze ansaessigen, frueher den Aethiopen gehorchenden Blemyer,

ein Barbarenvolk von entsetzlicher Roheit, welches noch Jahrhunderte spaeter

sich der Menschenopfer nicht entwoehnt hatte, in dieser Epoche selbstaendig

gegen Aegypten vorging und im Einverstaendnis mit den Palmyrenern einen guten

Teil Oberaegyptens besetzte und eine Reihe von Jahren behauptete. Der tuechtige

Kaiser Probus vertrieb sie; aber die einmal begonnenen Einfaelle hoerten nicht

auf ^51, und Kaiser Diocletianus entschloss sich, die Grenze zurueckzunehmen.

Das schmale Zwoelfmeilenland forderte starke Besatzung und trug dem Staate wenig

ein. Die Nubier, welche in der libyschen Wueste hausten und besonders die grosse

Oase stetig heimsuchten, gingen darauf ein, ihre alten Sitze aufzugeben und sich

in dieser Landschaft anzusiedeln, die ihnen foermlich abgetreten ward; zugleich

wurden ihnen sowohl wie ihren oestlichen Nachbarn, den Blemyern, feste

Jahrgelder ausgesetzt, dem Namen nach, um sie fuer die Grenzbewachung zu

entschaedigen, in der Tat ohne Zweifel als Abkaufsgelder fuer ihre

Pluenderzuege, die natuerlich dennoch nicht aufhoerten. Es war ein Schritt

zurueck, der erste, seit Aegypten roemisch war.

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^49 Der Eunuch der Kandake, der im Jesaias liest (Apostelgeschichte 8, 27),

ist bekannt; eine Kandake regiert auch zu Neros Zeit (Plin. nat. 6, 29, 182) und

spiele eine Rolle im Alexanderroman (3, 18 f.).

^50 Dass die Reichsgrenze bis Hiera Sykaminos reichte, ergibt sich fuer das

2. Jahrhundert aus Ptol. geogr. 5, 5, 74, fuer die Zeit Diocletians aus den die

Reichsstrassen bis dahin fuehrenden Itinerarien. In der ein Jahrhundert

juengeren Notitia dignitatum reichen die Posten wieder nicht hinaus ueber Syene,

Philae, Elephantine. In der Strecke von Philae nach Hiera Sykaminos, der

Dodekaschoenos Herodots (2, 29), scheinen schon in frueher Zeit fuer die

Aegyptern und Aethiopen immer gemeinschaftliche Isis von Philae Tempelabgaben

erhoben worden zu sein; aber griechische Inschriften aus der Lagidenzeit haben

sich hier nicht gefunden, dagegen zahlreiche datierte aus roemischer, die

aeltesten aus der des Augustus (Pselchis, 2 n. Chr.: CIG 5086) und des Tiberius

(ebenda, J. 26: 5104; J. 33: 5101), die juengste aus der des Philippus

(Kardassi, J. 248: 5010). Diese beweisen nicht unbedingt fuer die

Reichsangehoerigkeit des betreffenden Fundorts; aber die eines landvermessenden

Soldaten vom Jahre 33 (5101) und die eines praesidium vom Jahre 84 (Talmis, 5042

f.), sowie zahlreiche andere setzen dieselbe allerdings voraus. Jenseits der

bezeichneten Grenze hat sich nie ein aehnlicher Stein gefunden; denn die

merkwuerdige Inschrift der regina (CIL III, 83), bei Messaurat, suedlich von

Schendi (16ø 25' Breite, 5 Lieues noerdlich von den Ruinen von Naga) gefunden,

die suedlichste aller bekannten lateinischen Inschriften, jetzt im Berliner

Museum, hat nicht ein roemischer Untertan gesetzt, sondern vermutlich ein aus

Rom zurueckkehrender Abgesandter einer afrikanischen Koenigin, der lateinisch

redet, vielleicht nur, um zu zeigen, dass er in Rom gewesen sei.

^51 Die tropaea Niliaca, sub quibus Aethiops et Indus intremuit, in einer

wahrscheinlich im Jahre 296 gehaltenen Rede (Paneg. 5, 5) gehen auf ein

derartiges Rencontre, nicht auf die aegyptische Insurrektion; von Angriffen der

Blemyer spricht eine andere Rede vom Jahre 289 (Paneg. 3, 17).

Ueber die Abtretung des Zwoelfmeilengebiets an die Nubier berichtet Prok.

Pers. 1, 19. Als unter der Herrschaft nicht der Nubier, sondern der Blemyer

stehend erwaehnen dasselbe Olympiodorus (fr. 37 Mueller) und die Inschrift des

Silko CIG 5072. Das kuerzlich zum Vorschein gekommene Fragment eines

griechischen Heldengedichts auf den Blemyersieg eines spaetroemischen Kaisers

bezieht Buecheler (Rheinisches Museum N. F. 39, 1880, S. 279 f.) auf den des

Marcianus im Jahre 451 (vgl. Priscus fr. 21).

Römische Geschichte — Buch 8 · 第 66 / 73 段