viele Denkmale zerstoert seien und die Ueberlieferung zugrunde gehe durch die

Unwissenheit und die Gleichgueltigkeit der Spaeteren. Aber diese berechtigte

Klage traegt in sich selbst die Hoffnungslosigkeit; der ehrwuerdige Baum der

aegyptischen Zivilisation war laengst zum Niederschlagen gezeichnet. Der

Hellenismus drang zersetzend bis an die Priesterschaft selbst. Ein aegyptischer

Tempelschreiber, Chaeremon, der als Lehrer der griechischen Philosophie an den

Hof des Claudius fuer den Kronprinzen berufen ward, legte in seiner

'Aegyptischen Geschichte' den alten Landesgoettern die Elemente der stoischen

Physik unter und die in der Landesschrift geschriebenen Urkunden in diesem Sinne

aus. In dem praktischen Leben der Kaiserzeit kam das alte aegyptische Wesen fast

nur noch in Betracht auf dem religioesen Gebiet. Religion war diesem Volke eins

und alles. Die Fremdherrschaft an sich wurde willig ertragen, man moechte sagen

kaum empfunden, solange sie die heiligen Gebraeuche des Landes und was damit

zusammenhing nicht antastete. Freilich hing damit in dem inneren Landesregiment

so ziemlich alles zusammen, Schrift und Sprache, Priesterprivilegien und

Priesterhoffart, Hofsitte und Landesart; die Fuersorge der Regierung fuer den

derzeit lebenden heiligen Ochsen, die Leistungen fuer dessen Bestattung bei

seinem Ableben und fuer die Auffindung des geeigneten Nachfolgers galten diesen

Priestern und diesem Volke als das Kriterium der Tuechtigkeit des jedesmaligen

Landesherrn und als der Massstab fuer die ihm schuldige Achtung und Treue. Der

erste Perserkoenig fuehrte sich damit in Aegypten ein, dass er das Heiligtum der

Neith in Sais seiner Bestimmung, das heisst den Priestern zurueckgab; der erste

Ptolemaeos brachte, noch als makedonischer Statthalter, die nach Asien

entfuehrten aegyptischen Goetterbilder an ihre alte Staette zurueck und

restituierte den Goettern von Pe und Tep die ihnen entfremdeten Landschenkungen;

fuer die bei dem grossen Siegeszuge des Euergetes aus Persien heimgebrachten

heiligen Tempelbilder statten die Landespriester in dem beruehmten Kanopischen

Dekret vom Jahre 238 v. Chr. dem Koenig ihren Dank ab; die landuebliche

Einreihung der lebenden Herrscher und Herrscherinnen in den Kreis der

Landesgoetter haben diese Auslaender ebenso mit sich vornehmen lassen wie die

aegyptischen Pharaonen. Die roemischen Herrscher sind diesem Beispiel nur in

beschraenktem Masse gefolgt. In der Titulatur gingen sie wohl, wie wir sahen,

einigermassen auf den Landeskultus ein, vermieden aber doch, selbst in

aegyptischer Fassung, die mit den okzidentalischen Anschauungen in allzu grellem

Kontrast stehenden landueblichen Praedikate. Da diese Lieblinge des Ptah und der

Isis in Italien gegen die aegyptische Goetterverehrung aehnlich wie gegen die

juedische einschritten, liessen sie von solcher Liebe sich erklaerlicherweise

ausserhalb der Hieroglyphen nichts merken und beteiligten sich auch in Aegypten

in keiner Weise an dem Dienst der Landesgoetter. Wie hartnaeckig immer die

Landesreligion noch unter der Fremdherrschaft bei den eigentlichen Aegyptern

festgehalten ward, die Pariastellung, in welcher diese selbst neben den

herrschenden Griechen und Roemern sich befanden, drueckte notwendig auf den

Kultus und die Priester, und von der fuehrenden Stellung, dem Einflusse, der

Bildung des alten aegyptischen Priesterstandes sind unter dem roemischen

Regiment nur duerftige Reste wahrzunehmen. Dagegen diente die von Hause aus

schoener Gestaltung und geistiger Verklaerung abgewandte Landesreligion in und

ausser Aegypten als Ausgangs- und Mittelpunkt fuer allen erdenklichen frommen

Zauber und heiligen Schwindel - es genuegt dafuer zu erinnern an den in Aegypten

heimischen dreimal groessten Hermes mit der an seinen Namen sich knuepfenden

Literatur von Traktaetchen und Wunderbuechern sowie der entsprechenden

weitverbreiteten Praxis. In den Kreisen aber der Eingeborenen knuepften sich in

dieser Epoche an den Kultus die aergsten Missbraeuche - nicht bloss viele Tage

hindurch fortgesetzte Zechgelage zu Ehren der einzelnen Ortsgottheiten mit der

dazu gehoerigen Unzucht, sondern auch dauernde Religionsfehden zwischen den

einzelnen Sprengeln um den Vorrang des Ibis vor der Katze, des Krokodils vor dem

Pavian. Im Jahre 127 n. Chr. wurden wegen eines solchen Anlasses die Ombiten im

suedlichen Aegypten von einer benachbarten Gemeinde ^39 bei einem Festgelage

ueberfallen und es sollen die Sieger einen der Erschlagenen gefressen haben.

Bald nachher verzehrte die Hundegemeinde der Hechtgemeinde zum Trotz einen Hecht

und diese jener zum Trotze einen Hund, und es brach darueber zwischen diesen

beiden Nomen ein Krieg aus, bis die Roemer einschritten und beide Parteien

abstraften. Dergleichen Vorgaenge waren in Aegypten an der Tagesordnung. Auch

sonst fehlte es an Unruhen im Lande nicht. Gleich der erste von Augustus

bestellte Vizekoenig von Aegypten musste wegen vermehrter Steuern Truppen nach

Oberaegypten senden, nicht minder, vielleicht ebenfalls infolge des

Steuerdrucks, nach Heroonpolis am oberen Ende des Arabischen Meerbusens. Einmal,

unter Kaiser Marcus, nahm ein Aufstand der eingeborenen Aegypter sogar einen

bedrohlichen Charakter an. Als in den schwer zugaenglichen Kuestensuempfen

ostwaerts von Alexandreia, der sogenannten "Rinderweide" (bucolia), welche den

Verbrechern und den Raeubern als Zufluchtsort diente und eine Art Kolonie

derselben bildete, einige Leute von einer roemischen Truppenabteilung

aufgegriffen wurden, erhob sich zu deren Befreiung die ganze Raeuberschaft, und

die Landbevoelkerung schloss sich an. Die roemische Legion aus Alexandreia ging

ihnen entgegen, aber sie wurde geschlagen und fast waere Alexandreia selbst den

Aufstaendischen in die Haende gefallen. Der Statthalter des Ostens, Avidius

Cassius, rueckte wohl mit seinen Truppen ein, wagte aber auch nicht gegen die

Ueberzahl den Kampf, sondern zog es vor, in dem Bunde der Aufstaendischen

Zwietracht hervorzurufen; nachdem die eine Bande gegen die andere stand, wurde

die Regierung leicht ihrer aller Herr. Auch dieser sogenannte

Rinderhirtenaufstand hat wahrscheinlich, wie dergleichen Bauernkriege meistens,

einen religioesen Charakter getragen; der Fuehrer Isidoros, der tapferste Mann

Aegyptens, war seinem Stande nach ein Priester, und dass zur Bundesweihe nach

Ableistung des Eides ein gefangener roemischer Offizier geopfert und von den

Schwoerenden gegessen ward, passt sowohl dazu wie zu dem Kannibalismus des

Ombitenkrieges. Einen Nachklang dieser Vorgaenge bewahren die aegyptischen

Raeubergeschichten der spaetgriechischen untergeordneten Literatur. Wie sehr

uebrigens dieselben der roemischen Verwaltung zu schaffen gemacht haben moegen,

einen politischen Zweck haben sie nicht gehabt und auch die allgemeine Ruhe des

Landes nur partiell und temporaer unterbrochen.

----------------------------------------------

^38 Amm. 22, 16, 23: erubescit apud (Aegyptios), si qui non infitiando

tributa plurimas in corpore vibices ostendat.

^39 Dies ist nach Juvenal Tentyra, was ein Fehler sein muss, wenn das

bekannte gemeint ist; aber auch die Liste des Ravennaten 3, 2 nennt beide Orte

zusammen.

----------------------------------------------

Neben den Aegyptern stehen die Alexandriner, einigermassen wie in Ostindien

die Englaender neben den Landeseingeborenen. Allgemein gilt Alexandreia in der

vorkonstantinischen Kaiserzeit als die zweite Stadt des Roemischen Reiches und

die erste Handelsstadt der Welt. Sie zaehlte am Ende der Lagidenherrschaft ueber

300000 freie Einwohner, in der Kaiserzeit ohne Zweifel noch mehr. Die

Vergleichung der beiden grossen, im Wetteifer miteinander erwachsenen Kapitalen

am Nil und am Orontes ergibt ebenso viele Gleichartigkeiten wie Gegensaetze.

Beides sind verhaeltnismaessig neue Staedte, monarchische Schoepfungen aus dem

Nichts, von planmaessiger Anlage und regelmaessiger staedtischer Einrichtung;

das Wasser laeuft in jedem Hause wie in Antiocheia so auch in Alexandreia. An

Schoenheit der Lage und Pracht der Gebaeude war die Stadt im Orontestal der

Rivalin ebenso ueberlegen wie diese ihr in der Gunst der Oertlichkeit fuer den

Grosshandel und an Volkszahl. Die grossen oeffentlichen Bauten der aegyptischen

Hauptstadt, der koenigliche Palast, das der Akademie gewidmete Museion, vor

allem der Tempel des Sarapis waren Wunderwerke einer frueheren, architektonisch

hoch entwickelten Epoche; aber der grossen Zahl kaiserlicher Anlagen in der

syrischen Residenz hat die von wenigen der Caesaren betretene aegyptische

Hauptstadt nichts Entsprechendes entgegenzustellen.

In der Unbotmaessigkeit und der Oppositionslust gegen das Regiment stehen

Antiochener und Alexandriner einander gleich; man kann hinzusetzen, auch darin,

dass beide Staedte, und namentlich Alexandreia, eben unter der roemischen

Regierung und durch dieselbe bluehten und viel mehr Ursache hatten zu danken als

zu frondieren. Wie die Alexandriner sich zu ihren hellenischen Regenten

verhielten, davon zeugt die lange Reihe zum Teil noch heute gebraeuchlicher

Spottnamen, welche die koeniglichen Ptolemaeer ohne Ausnahme dem Publikum ihrer

Hauptstadt verdankten. Auch Kaiser Vespasianus empfing von den Alexandrinern

fuer die Einfuehrung einer Steuer auf Salzfisch den Titel des Sardellensaecklers

(Kybiosakt/e/s), der Syrer Severus Alexander den des Oberrabbiners; aber die

Kaiser kamen selten nach Aegypten und die fernen und fremden Herrscher boten

diesem Spott keine rechte Zielscheibe. In ihrer Abwesenheit widmete das Publikum

wenigstens den Vizekoenigen die gleiche Aufmerksamkeit mit beharrlichem Eifer;

selbst die Aussicht auf unausbleibliche Zuechtigung vermochte die oft witzige

und immer freche Zunge dieser Staedter nicht zum Schweigen zu bringen ^40.

Vespasian begnuegte sich in Vergeltung jener ihm bewiesenen Aufmerksamkeit, die

Kopfsteuer um sechs Pfennige zu erhoehen, und bekam dafuer den weiteren Namen

des Sechspfennigmanns; aber ihre Reden ueber Severus Antoninus, den kleinen

Affen des grossen Alexander und den Geliebten der Mutter Iokaste, sollten ihnen

teuer zu stehen kommen. Der tueckische Herrscher erschien in aller Freundschaft

und liess sich vom Volke feiern, dann aber seine Soldaten auf die festliche

Menge einhauen, so dass Tage lang die Plaetze und Strassen der grossen Stadt im

Blute schwammen; ja er ordnete die Aufloesung der Akademie an und die Verlegung

der Legion in die Stadt selbst, was freilich beides nicht zur Ausfuehrung kam.

Aber wenn es in Antiocheia in der Regel bei den Spottreden blieb, so griff der

alexandrinische Poebel bei dem geringsten Anlass zum Stein und zum Knittel. Im

Krawallieren, sagt ein selbst alexandrinischer Gewaehrsmann, sind die Aegypter

allen anderen voraus; der kleinste Funken genuegt hier, um einen Tumult zu

entfachen. Wegen versaeumter Visiten, wegen Konfiskation verdorbener

Lebensmittel, wegen Ausschliessung aus einer Badeanstalt, wegen eines Streites

zwischen dem Sklaven eines vornehmen Alexandriners und einem roemischen

Infanteristen ueber den Wert oder Unwert der beiderseitigen Pantoffel haben die

Legionen auf die Buergerschaft von Alexandreia einhauen muessen. Es kam hier zum

Vorschein, dass die niedere Schicht der alexandrinischen Bevoelkerung zum

groesseren Teil aus Eingeborenen bestand; bei diesen Auflaeufen spielten die

Griechen freilich die Anstifter, wie denn die Rhetoren, das heisst hier die

Hetzredner, dabei ausdruecklich erwaehnt werden ^41, aber im weiteren Verlauf

tritt dann die Tuecke und die Wildheit des eigentlichen Aegypters ins Gefecht.

Die Syrer sind feige und als Soldaten sind es die Aegypter auch; aber im

Strassentumult sind sie imstande, einen Mut zu entwickeln, der eines besseren

Zieles wuerdig waere ^42. An den Rennpferden ergoetzten sich die Antiochener wie

die Alexandriner; aber hier endigte kein Wagenrennen ohne Steinwuerfe und

Messerstiche. Von der Judenhetze unter Kaiser Gaius wurden beide Staedte

ergriffen; aber in Antiocheia genuegte ein ernstes Wort der Behoerde, um ihr ein

Ende zu machen, waehrend der alexandrinischen, von einigen Bengeln durch eine

Puppenparade angezettelten Tausende von Menschenleben zum Opfer fielen. Die

Alexandriner, heisst es, gaben, wenn ein Auflauf entstand, nicht Frieden, bevor

sie Blut gesehen hatten. Die roemischen Beamten und Offiziere hatten daselbst

einen schweren Stand. "Alexandreia", sagt ein Berichterstatter aus dem 4.

Jahrhundert, "betreten die Statthalter mit Zittern und Zagen, denn sie fuerchten

die Volksjustiz; wo ein Statthalter ein Unrecht begeht, da folgt sofort das

Anstecken des Palastes und die Steinigung." Das naive Vertrauen auf die

Gerechtigkeit dieser Prozedur bezeichnet den Standpunkt des Schreibers, der zu

diesem "Volke" gehoert hat. Die Fortsetzung dieses die Regierung wie die Nation

gleich entehrenden Lynchsystems liefert die sogenannte Kirchengeschichte, die

Ermordung des den Heiden und den Orthodoxen gleich missliebigen Bischofs

Georgios und seiner Genossen unter Julian und die der schoenen Freidenkerin

Hypatia durch die fromme Gemeinde des Bischofs Kyrillos unter Theodosius II.

Tueckischer, unberechenbarer, gewalttaetiger waren diese alexandrinischen

Auflaeufe als die antiochenischen, aber ebenso wie diese weder fuer den Bestand

des Reiches gefaehrlich noch auch nur fuer die einzelne Regierung. Leichtfertige

und boesartige Buben sind recht unbequem, aber auch nur unbequem, im Hause wie

im Gemeinwesen.

--------------------------------------------------------

^40 Sen. dial. 19, 6: loquax et in contumelias praefectorum irgeniosa

provincia . . . etiam periculosi sales placent.

^41 Dion Chrysostomos sagt in seiner Ansprache an die Alexandriner (or. 32

p. 663 Reiske): "Weil nun (die Verstaendigen) zuruecktreten und schweigen, daher

entstehen bei euch die ewigen Streitigkeiten und Haendel und das wueste Geschrei

und die schlimmen und zuegellosen Reden, die Anklaeger, die Verdaechtigungen,

die Prozesse, der Rednerpoebel." In der alexandrinischen Judenhetze, die Philon

so drastisch schildert, sieht man diese Volksredner an der Arbeit.

^42 Dio Cass. 39, 58: "Die Alexandriner leisten in aller Hinsicht das

Moegliche an Dreistigkeit und reden heraus, was ihnen in den Mund kommt. Im

Krieg und seinen Schrecken benehmen sie sich feige; bei den Auflaeufen aber, die

bei ihnen sehr haeufig und sehr ernst sind, greifen sie ohne weiteres zum

Totschlagen und achten um des augenblicklichen Erfolgs willen das Leben fuer

nichts, ja sie gehen in ihr Verderben, als handelte es sich um die hoechsten

Dinge."

--------------------------------------------------------

Auch in dem religioesen Wesen haben beide Staedte eine analoge Stellung.

Den Landeskultus, wie die einheimische Bevoelkerung ihn in Syrien wie in

Aegypten festhielt, haben in seiner urspruenglichen Gestalt wie die Antiochener

so auch die Alexandriner abgelehnt. Aber wie die Seleukiden, so haben auch die

Lagiden sich wohl gehuetet, an den Grundlagen der alten Landesreligion zu

ruetteln, und nur, die aelteren nationalen Anschauungen und Heiligtuemer mit den

schmiegsamen Gestalten des griechischen Olymp verquickend, sie aeusserlich

einigermassen hellenisiert, zum Beispiel den griechischen Gott der Unterwelt,

den Pluton, unter dem bis dahin wenig genannten aegyptischen Goetternamen

Sarapis in den Landeskultus eingefuehrt und auf diesen dann den alten Osiriskult

allmaehlich uebertragen ^43. So spielten die echt aegyptische Isis und der

pseudo-aegyptische Sarapis in Alexandreia eine aehnliche Rolle wie in Syrien der

Belos und der Elagabalos, und drangen auch in aehnlicher Weise wie diese,

wenngleich weniger maechtig und heftiger angefochten, in der Kaiserzeit

allmaehlich in den okzidentalischen Kultus ein. In der bei Gelegenheit dieser

religioesen Gebraeuche und Feste entwickelten Unsittlichkeit und der durch

priesterlichen Segen approbierten und stimulierten Unzucht hatten beide Staedte

sich einander nichts vorzuwerfen.

------------------------------------------------

^43 Die "frommen Aegypter" wehrten sich dagegen, wie Macrobius (Sat. 1, 7,

14) berichtet, aber tyrannide Ptolemaeorum pressi hos quoque deos (Sarapis und

Saturnus) in cultum recipere Alexandrinorum more, apud quos potissimum

colebantur, coacti sunt. Da sie also blutige Opfer darbringen mussten, was gegen

ihr Ritual war, liessen sie diese Goetter wenigstens in den Staedten nicht zu:

nullum Aegypti oppidum intra muros suos aut Saturni aut Sarapis fanum recepit.

------------------------------------------------

Bis in spaete Zeit hinab hat der alte Kultus in dem frommen Lande Aegypten

seine festeste Burg behauptet ^44. Die Restauration des alten Glaubens, sowohl

wissenschaftlich in der an denselben sich anlehnenden Philosophie wie auch

praktisch in der Abwehr der von den Christen gegen den Polytheismus gerichteten

Angriffe, und in der Wiederbelebung des heidnischen Tempeldienstes und der

heidnischen Mantik, hat ihren rechten Mittelpunkt in Alexandreia. Als dann der

neue Glaube auch diese Burg eroberte, blieb die Landesart sich dennoch treu; die

Wiege des Christentums ist Syrien, die des Moenchtums Aegypten. Von der

Bedeutung und der Stellung der Judenschaft, in welcher ebenfalls beide Staedte

sich gleichen, ist schon in anderer Verbindung die Rede gewesen. Von der

Regierung ins Land gerufene Einwanderer wie die Hellenen, standen sie wohl

diesen nach und waren kopfsteuerpflichtig wie die Aegypter, aber hielten sich

und galten mehr als diese. Ihre Zahl betrug unter Vespasian eine Million, etwa

den achten Teil der Gesamtbevoelkerung Aegyptens, und wie die Hellenen wohnten

sie vorzugsweise in der Hauptstadt, von deren fuenf Vierteln zwei juedisch

waren. An anerkannter Selbstaendigkeit, an Ansehen, Bildung und Reichtum war die

alexandrinische Judenschaft schon vor dem Untergang Jerusalems die erste der

Welt; und infolgedessen hat ein guter Teil der letzten Akte der juedischen

Tragoedie, wie dies frueher dargelegt worden ist, auf aegyptischem Boden sich

abgespielt.

-----------------------------------------------

^44 Der oft angefuehrte anonyme Verfasser einer Reichsbeschreibung aus der

Zeit des Constantius, ein guter Heide, preist Aegypten namentlich auch wegen

seiner musterhaften Froemmigkeit: "Nirgends werden die Mysterien der Goetter so

gut gefeiert wie dort von alters her und noch heute." Freilich, fuegt er hinzu,

meinten einige, dass die Chaldaeer - er meint den syrischen Kult - die Goetter

besser verehrten; aber er halte sich an das, was er mit Augen gesehen. "Hier

gibt es Heiligtuemer aller Art und praechtig geschmueckte Tempel, und in Menge

finden sich Kuester und Priester und Propheten und Glaeubige und treffliche

Theologen, und alles geht nach seiner Ordnung; du findest die Altaere immer von

Flammen lodern und die Priester mit ihren Binden und die Weihrauchfaesser mit

herrlich duftenden Spezereien." Aus derselben Zeit etwa (nicht vor Hadrian) und

offenbar auch von kundiger Hand ruehrt eine andere boshaftere Schilderung her

(vita Saturnini 8): "Wer in Aegypten den Sarapis verehrt, ist auch Christ, und

die sich christliche Bischoefe nennen, verehren gleichfalls den Sarapis; jeder

Grossrabbi der Juden, jeder Samariter, jeder christliche Geistliche ist da

zugleich ein Zauberer, ein Prophet, ein Quacksalber (aliptes). Selbst wenn der

Patriarch nach Aegypten kommt, fordern die einen, dass er zum Sarapis, die

andern, dass er zu Christus beten." Diese Diatribe haengt sicher damit zusammen,

dass die Christen den aegyptischen Gott fuer den Joseph der Bibel erklaerten,

den Urenkel der Sara und mit Recht den Scheffel tragend. In ernsterem Sinn fasst

die Lage der aegyptischen Altglaeubigen der vermutlich dem 3. Jahrhundert

angehoerige Verfasser des in lateinischer Uebersetzung unter den dem Apuleius

beigelegten Schriften erhaltenen Goettergespraechs, in welchem der dreimal

groesste Hermes dem Asklepios die zukuenftigen Dinge verkuendet: "Du weisst

doch, Asklepios, dass Aegypten ein Abbild des Himmels oder, um richtiger zu

reden, eine Uebersiedelung und Niederfahrt der ganzen himmlischen Waltung und

Taetigkeit ist; ja, um noch richtiger zu reden, unser Vaterland ist der Tempel

des gesamten Weltalls. Und dennoch: eintreten wird eine Zeit, wo es den Anschein

gewinnt, als haette Aegypten vergeblich mit frommem Sinn in emsigem Dienst das

Goettliche gehegt, wo alle heilige Verehrung der Goetter erfolglos und verfehlt

sein wird. Denn die Gottheit wird zurueck in den Himmel sich begeben, Aegypten

wird verlassen und das Land, welches der Sitz der Goetterdienste war, wird der

Anwesenheit goettlicher Macht beraubt und auf sich selbst angewiesen sein. Dann

wird dieses geweihte Land, die Staette der Heiligtuemer und Tempel, dicht mit

Graebern und Leichen angefuellt sein. O Aegypten, Aegypten, von deinen

Goetterdiensten werden nur Geruechte sich erhalten, und auch diese werden deinen

kommenden Geschlechtern unglaublich duenken, nur Worte werden sich erhalten auf

den Steinen, die von deinen frommen Taten erzaehlen, und bewohnen wird Aegypten

der Skythe oder Inder oder sonst einer aus dem benachbarten Barbarenland. Neue

Rechte werden eingefuehrt werden, neues Gesetz, nichts heiliges, nichts

gottesfuerchtiges, nichts des Himmels und der Himmlischen Wuerdiges wird gehoert

noch im Geiste geglaubt werden. Eine schmerzliche Trennung der Goetter von den

Menschen tritt ein; nur die boesen Engel bleiben da, die unter die Menschheit

sich mengen." (Nach J. Bernays' Uebersetzung, Gesammelte Abhandlungen, Bd. 1, S.

330).

-----------------------------------------------

Alexandreia wie Antiocheia sind vorzugsweise Sitze der wohlhabenden Handel-

und Gewerbetreibenden; aber in Antiocheia fehlt der Seehafen und was daran

haengt, und wie rege es dort auf den Gassen herging, sie hielten doch keinen

Vergleich aus gegen das Leben und Treiben der alexandrinischen Fabrikarbeiter

und Matrosen. Dagegen hatte fuer den Lebensgenuss, das Schauspiel, das Diner,

die Liebesfreuden Antiocheia mehr zu bieten als die Stadt, in der "niemand

muessig ging". Auch das eigentliche, vorzugsweise an die rhetorischen

Exhibitionen anknuepfende Literatentreiben, welches wir in der Schilderung

Kleinasiens skizzierten, trat in Aegypten zurueck ^45, wohl mehr im Drang der

Geschaefte des Tages als durch den Einfluss der zahlreichen und gut bezahlten,

in Alexandreia lebenden und grossenteils auch dort heimischen Gelehrten. Fuer

den Gesamtcharakter der Stadt kamen diese Maenner des Museums, von denen noch

weiter die Rede sein wird, vor allem, wenn sie in fleissiger Arbeit ihre

Schuldigkeit taten, nicht in hervorragender Weise in Betracht. Die

alexandrinischen Aerzte aber galten als die besten im ganzen Reich; freilich war

Aegypten nicht minder die rechte Heimstaette der Quacksalber und der

Geheimmittel und jener wunderlichen zivilisierten Form der Schaefermedizin, in

welcher fromme Einfalt und spekulierender Betrug sich im Mantel der Wissenschaft

drapieren. Des dreimal groessten Hermes haben wir schon gedacht; auch der

alexandrinische Sarapis hat im Altertum mehr Wunderkuren verrichtet als

irgendeiner seiner Kollegen und selbst den praktischen Kaiser Vespasian

angesteckt, dass auch er die Blinden und Lahmen heilte, jedoch nur in

Alexandreia.

-------------------------------------------------------

^45 Als die Roemer von dem beruehmten Rhetor Proaeresios (Ende 3., Anfang

Römische Geschichte — Buch 8 · 第 65 / 73 段