Die dadurch erzeugten Seuchen wueteten noch aerger als das Schwert; und damit
keines der vier Rosse des Verderbens mangele, versagte auch der Nil und gesellte
sich die Hungersnot zu den uebrigen Geisseln. Die Bevoelkerung schmolz in der
Weise zusammen, dass, wie ein Zeitgenosse sagt, es frueher in Alexandreia mehr
Greise gab als nachher Buerger. Als der von Claudius gesandte Feldherr Probus
endlich die Oberhand gewann, warfen sich die palmyrenisch Gesinnten, darunter
die Mehrzahl der Ratsmitglieder, in das feste Kastell Prucheion in der
unmittelbaren Naehe der Stadt; und obwohl, als Probus den Austretenden Schonung
des Lebens verhiess, die grosse Mehrzahl sich unterwarf, harrte doch ein
betraechtlicher Teil der Buergerschaft bis zum Aeussersten aus in dem Kampf der
Verzweiflung. Die Festung, endlich durch Hunger bezwungen (270), wurde
geschleift und lag seitdem oede; die Stadt aber verlor ihre Mauern. In dem Lande
haben die Blemyer sich noch jahrelang behauptet; erst Kaiser Probus hat
Ptolemais und Koptos ihnen wieder entrissen und sie aus dem Lande
hinausgeschlagen. Der Notstand, den diese durch eine Reihe von Jahren sich
hinziehenden Unruhen hervorgerufen haben muessen, mag dann wohl die einzige
nachweislich in Aegypten entstandene Revolution ^28 zum Ausbruch gebracht haben.
Unter der Regierung Diocletians lehnten sich, wir wissen nicht warum und wozu,
sowohl die eingeborenen Aegypter wie die Buergerschaft von Alexandreia gegen die
bestehende Regierung auf. Es wurden Gegenkaiser aufgestellt, Lucius Domitius
Domitianus und Achilleus, falls nicht etwa beide Namen dieselbe Persoenlichkeit
bezeichnen; die Empoerung waehrte drei bis vier Jahre; die Staedte Busiris im
Delta und Koptos unweit Theben wurden von den Truppen der Regierung zerstoert
und schliesslich unter der eigenen Fuehrung Diocletians im Fruehjahr 297 die
Hauptstadt nach achtmonatlicher Belagerung bezwungen. Von dem Herunterkommen des
reichen, aber durchaus auf den inneren und aeusseren Frieden angewiesenen Landes
zeugt nichts so deutlich wie die im Jahre 302 erlassene Verfuegung desselben
Diocletian, dass ein Teil des bisher nach Rom gesandten aegyptischen Getreides
in Zukunft der alexandrinischen Buergerschaft zugute kommen solle ^29.
Allerdings gehoert dies zu den Massregeln, welche die Dekapitalisierung Roms
bezweckten; aber den Alexandrinern, die zu beguenstigen dieser Kaiser wahrlich
keine Ursache hatte, waere die Lieferung nicht zugewandt worden, wenn sie sie
nicht dringend gebraucht haetten.
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^26 Auf die Allianz der Palmyrener und der Blemyer deutet die Notiz der
vita Firmi c. 3 und dass nach Zosimus (hist. 1, 71) Ptolemais zu den Blemyern
abfiel (vgl. Eus. hist. eccl. 7, 32). Aurelian hat mit diesen nur verhandelt
(vita 34. 41); Probus erst warf sie wieder aus Aegypten (Zos. a. a. O.; vita
17).
^27 Wir besitzen noch dergleichen Briefe, von dem damaligen Bischof der
Stadt Dionysios (+ 265), an die in der feindlichen Stadthaelfte abgesperrten
Gemeindeglieder gerichtet (Eus. hist. eccl. 7, 21, 22 vgl. 32). Wenn es darin
heisst: "leichter kommt man vom Orient in den Okzident als von Alexandreia nach
Alexandreia" und /e/ mesaitat/e/ t/e/s pole/o/s odos, also die von der
Lochiasspitze quer durch die Stadt laufende, mit Saeulenhallen besetzte Strasse
(vgl. Lumbroso, L'Egitto, S. 137) mit der Wueste zwischen Aegypten und dem
Gelobten Lande verglichen wird, so scheint es fast, als habe Severus Antoninus
seine Drohung ausgefuehrt, eine Mauer quer durch die Stadt zu ziehen und
militaerisch zu besetzen (Dio 77, 23). Die Schleifung der Mauern nach der
Niederwerfung des Aufstandes (Amm. 22,16,15) wuerde dann auf ebendiesen Bau zu
beziehen sein.
^28 Die angeblich aegyptischen Tyrannen Aemilianus, Firmus, Saturninus sind
als solche wenigstens nicht beglaubigt. Die sogenannte Lebensbeschreibung des
zweiten ist nichts als die arg entstellte Katastrophe des Prucheion.
^29 Chr. Pasch. p. 514; Prok. hist. 26; Gothofred zu Cod. Theod. 14, 26, 2.
Staendige Kornverteilungen sind schon frueher in Alexandreia eingerichtet
worden, aber, wie es scheint, nur fuer altersschwache Personen, und vermutlich
fuer Rechnung der Stadt, nicht des Staats (Eus. hist. eccl. 7, 21).
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Wirtschaftlich ist Aegypten bekanntlich vor allem das Land des Ackerbaues.
Zwar ist die "schwarze Erde" - das bezeichnet der einheimische Landesname Chemi
- nur ein schmaler Doppelstreifen zu beiden Seiten des maechtigen, von der
letzten Stromschnelle bei Syene, der Suedgrenze des eigentlichen Aegyptens, auf
120 Meilen in breiter Fuelle durch die rechts und links sich ausdehnende gelbe
Wueste zum Mittellaendischen Meer stroemenden Nils; nur an seinem letzten Ende
breitet die "Gabe des Flusses", das Nildelta, zwischen den mannigfaltigen Armen
seiner Muendung sich zu beiden Seiten weiter aus. Auch der Ertrag dieser
Strecken haengt Jahr fuer Jahr ab von dem Nil und den sechzehn Ellen seiner
Schwelle, den den Vater umspielenden sechzehn Kindern, wie die Kunst der
Griechen den Flussgott darstellt; mit gutem Grund nennen die Araber die
niedrigen Ellen mit den Namen der Engel des Todes, denn erreicht der Fluss die
volle Hoehe nicht, so trifft das ganze aegyptische Land Hunger und Verderben. Im
allgemeinen aber vermag Aegypten, wo die Bestellungskosten verschwindend niedrig
sind, der Weizen hundertfaeltig traegt und auch die Gemuesezucht, der Weinbau,
die Baumkultur, namentlich die Dattelpalme, und die Viehzucht guten Ertrag
bringen, nicht bloss eine dichte Bevoelkerung zu ernaehren, sondern auch
reichlich Getreide in das Ausland zu senden. Dies fuehrte dazu, dass nach der
Einsetzung der Fremdherrschaft dem Lande selbst von seinem Reichtum nicht viel
verblieb. Ungefaehr wie in persischer Zeit und wie heutzutage schwoll damals der
Nil und fronten die Aegypter hauptsaechlich fuer das Ausland, und zunaechst
dadurch spielt Aegypten in der Geschichte des kaiserlichen Rom eine wichtige
Rolle. Nachdem Italiens eigener Getreidebau gesunken und Rom die groesste Stadt
der Welt geworden war, bedurfte dasselbe der stetigen Zufuhr billigen
ueberseeischen Getreides; und vor allem durch die Loesung der nicht leichten
wirtschaftlichen Aufgabe, die hauptstaedtische Zufuhr finanziell moeglich zu
machen und sicherzustellen hat der Prinzipat sich befestigt. Diese Loesung ruhte
auf dem Besitz Aegyptens, und insofern hier der Kaiser ausschliesslich gebot,
hielt er durch Aegypten das Land Italien mit seinen Dependenzen in Schach. Als
Vespasianus die Herrschaft ergriff, sandte er seine Truppen nach Italien, er
selbst aber ging nach Aegypten und bemaechtigte sich Roms durch die Kornflotte.
Wo immer ein roemischer Regent daran gedacht hat oder haben soll, den Sitz der
Regierung nach dem Osten zu verlegen, wie uns von Caesar, Antonius, Nero, Geta
erzaehlt wird, da richten sich die Gedanken wie von selber nicht nach
Antiocheia, obwohl dies damals die regelmaessige Residenz des Ostens war,
sondern nach der Geburtsstaette und der festen Burg des Prinzipats, nach
Alexandreia.
Deshalb war denn auch die roemische Regierung auf die Hebung des Feldbaues
in Aegypten eifriger bedacht als irgendwo sonst. Da derselbe von der
Nilueberschwemmung abhaengig ist, ward es moeglich, durch systematisch
durchgefuehrte Wasserbau ten, kuenstliche Kanaele, Daemme, Reservoirs die fuer
den Feldbau geeignete Flaeche bedeutend zu erweitern. In den guten Zeiten
Aegyptens, des Heimatlandes der Messschnur und des Kunstbaus, war dafuer viel
geschehen, aber diese segensreichen Anlagen unter den letzten elenden und
finanziell bedraengten Regierungen in argen Verfall geraten. So fuehrte die
roemische Besitznahme sich wuerdig damit ein, dass Augustus durch die in
Aegypten stehenden Truppen die Nilkanaele einer durchgreifenden Reinigung und
Erneuerung unterwarf. Wenn zur Zeit der roemischen Besitzergreifung die volle
Ernte einen Stand des Flusses von vierzehn Ellen erfordert hatte und bei acht
Ellen Missernte eintrat, so genuegten spaeter, nachdem die Kanaele in Stand
gesetzt waren, schon zwoelf Ellen fuer eine volle Ernte und gaben acht Ellen
noch einen genuegenden Ertrag. Jahrhunderte nachher hat Kaiser Probus Aegypten
nicht bloss von den Aethiopen befreit, sondern auch die Wasserbauten am Nil
wieder instand gesetzt. Es darf ueberhaupt angenommen werden, dass die besseren
Nachfolger Augusts in aehnlichem Sinne administrierten und dass, zumal bei der
durch Jahrhunderte kaum unterbrochenen inneren Ruhe und Sicherheit, der
aegyptische Ackerbau unter dem roemischen Prinzipat in dauerndem Flor gestanden
hat. Welche Rueckwirkung diese Verhaeltnisse auf die Aegypter selbst hatten,
vermoegen wir genauer nicht zu verfolgen. Zu einem grossen Teil beruhten die
Einkuenfte aus Aegypten auf dem kaiserlichen Domanialbesitz, welcher in
roemischer wie in frueherer Zeit einen betraechtlichen Teil des ganzen Areals
ausmachte ^30; hier wird, zumal bei der wenig kostspieligen Bestellung, den
Kleinpaechtern, die dieselbe beschafften, nur eine maessige Quote des Ertrags
geblieben oder eine hohe Geldpacht auferlegt worden sein. Aber auch die
zahlreichen und durchgaengig kleineren Eigentuemer werden eine hohe Grundsteuer
in Getreide oder in Geld entrichtet haben. Die ackerbauende Bevoelkerung,
genuegsam wie sie war, blieb in der Kaiserzeit wohl zahlreich; aber sicher
lastete der Steuerdruck, sowohl an sich wie wegen der Verwendung des Ertrags im
Ausland, schwerer auf Aegypten unter der roemischen Fremdherrschaft als unter
dem keineswegs schonenden Regiment der Ptolemaeer.
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^30 In der Stadt Alexandreia scheint es kein eigentliches Grundeigentum
gegeben zu haben, sondern nur eine Art Erbmiete (Amm. 22, 11, 6; Roemisches
Staatsrecht, Bd. 2, 963, A. 1); im uebrigen aber hat das Privateigentum am Boden
in dem Sinn, wie das Provinzialrecht ueberhaupt ein solches kennt, auch in
Aegypten gegolten. Von Domanialbesitz ist oft die Rede, zum Beispiel sagt
Strabon (17, 1, 51 p. 828), dass die besten aegyptischen Datteln auf einer Insel
wachsen, auf der Private kein Land besitzen duerften, sondern sie sei frueher
koeniglich, jetzt kaiserlich und bringe eine grosse Einnahme. Vespasian
verkaufte einen Teil der aegyptischen Domaenen und erbitterte dadurch die
Alexandriner (Dio 66, 8), ohne Zweifel die Grosspaechter, die dann das Land an
die eigentlichen Bauern in Unterpacht gaben. Ob der Grundbesitz in toter Hand,
insbesondere der Priesterkollegien, in der roemischen Zeit noch so ausgedehnt
war wie frueher, kann in Zweifel gezogen werden; ebenso ob im uebrigen der
Grossgrundbesitz oder das Kleineigentum ueberwog; die Kleinwirtschaft war sicher
allgemein. Ziffern besitzen wir weder fuer die Domanial- noch fuer die
Grundsteuerquote; dass die fuenfte Garbe bei Orosius (hist. 1, 8, 9) mit
Einschluss des usque ad nunc aus der Genesis abgeschrieben ist, hat Lumbroso,
Recherches, S. 94, mit Recht bemerkt. Die Domanialrente kann nicht unter der
Haelfte betragen haben; auch fuer die Grundsteuer moechte der Zehnte (Lumbroso
a. a. O., S. 289, 293) kaum genuegen.
Anderweitige Ausfuhr des Getreides aus Aegypten bedurfte der Bewilligung
des Statthalters (Hirschfeld, Annona, S. 23), ohne Zweifel weil sonst in dem
dichtbevoelkerten Lande leicht Mangel haette eintreten koennen. Doch ist diese
Einrichtung sicher mehr kontrollierend gewesen als prohibitiv; in dem Periplus
des Aegypters wird mehrfach (c. 7, 17, 24, 28 vgl. 56) Getreide unter den
Exportartikeln aufgefuehrt. Auch die Bestellung der Aecker scheint aehnlich
kontrolliert worden zu sein; "die Aegypter", heisst es, "bauen lieber Rueben als
Getreide, soweit sie duerfen, wegen des Rueboels" (Plin. nat. 19, 5, 79).
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Von der Wirtschaft Aegyptens bildete der Ackerbau nur einen Teil; wie
dasselbe in dieser Hinsicht Syrien weit voranstand, so hatte es vor dem
wesentlich agrikolen Afrika die hohe Bluete der Fabriken und des Handels voraus.
Die Linnenfabrikation in Aegypten steht an Alter und Umfang und Ruhm der
syrischen mindestens gleich und hat, wenn auch die feineren Sorten in dieser
Epoche vorzugsweise in Syrien und Phoenizien fabriziert wurden ^31, sich durch
die ganze Kaiserzeit gehalten; als Aurelian die Lieferungen aus Aegypten an die
Reichshauptstadt auf andere Gegenstaende als Getreide erstreckte, fehlten unter
diesen die Leinwand und der Werg nicht. In feinen Glaswaren behaupteten, sowohl
in der Faerbung wie in der Formung, die Alexandriner entschieden den ersten
Platz, ja, wie sie meinten insofern das Monopol, als gewisse beste Sorten nur
mit aegyptischem Material herzustellen seien. Unbestritten hatten sie ein
solches in dem Papyrus. Diese Pflanze, die im Altertum massenweise auf den
Fluessen und Seen Unteraegyptens kultiviert ward und sonst nirgends gedieh,
lieferte den Eingeborenen sowohl Nahrung wie das Material fuer Stricke, Koerbe
und Kaehne, das Schreibmaterial aber damals fuer die ganze schreibende Welt.
Welchen Ertrag sie gebracht haben muss, ermisst man aus den Massregeln, die der
roemische Senat ergriff, als einmal auf dem roemischen Platz der Papyrus knapp
ward und zu fehlen drohte; und da die muehsame Zubereitung nur an Ort und Stelle
erfolgen kann, muessen zahllose Menschen davon in Aegypten gelebt haben. Auf
Glas und Papyrus ^32 erstreckten sich neben dem Leinen die von Aurelian zu
Gunsten der Reichshauptstadt eingefuehrten alexandrinischen Warenlieferungen.
Vielfach muss der Verkehr mit dem Osten auf die aegyptische Fabrikation bietend
und verlangend eingewirkt haben. Gewebe wurden daselbst fuer den Export nach dem
Orient fabriziert und zwar in der durch den Landesgebrauch geforderten Weise:
die gewoehnlichen Kleider der Bewohner von Habesch waren aegyptisches Fabrikat;
nach Arabien und Indien gingen die Prachtstoffe besonders der in Alexandreia
kunstvoll betriebenen Bunt- und Goldwirkerei. Ebenso spielten die in Aegypten
angefertigten Glaskorallen in dem Handel der afrikanischen Kueste dieselbe Rolle
wie heutzutage. Indien bezog teils Glasbecher, teils unverarbeitetes Glas zur
eigenen Fabrikation; selbst am chinesischen Hof sollen die Glasgefaesse, mit
welchen die roemischen Fremden dem Kaiser huldigten, hohe Bewunderung erregt
haben. Aegyptische Kaufleute brachten dem Koenig der Axomiten (Habesch) als
stehende Geschenke nach dortiger Landesart angefertigte Gold- und
Silbergefaesse, den zivilisierten Herrschern der suedarabischen und der
indischen Kueste unter anderen Gaben auch Statuen, wohl von Bronze, und
musikalische Instrumente. Dagegen sind die Materialien der Luxusfabrikation, die
aus dem Orient kamen, insbesondere Elfenbein und Schildpatt, schwerlich
vorzugsweise in Aegypten, hauptsaechlich wohl in Rom verarbeitet worden. Endlich
kam in einer Epoche, welche in oeffentlichen Prachtbauten ihresgleichen niemals
in der Welt gehabt hat, das kostbare Baumaterial, welches die aegyptischen
Steinbrueche lieferten, in ungeheuren Massen auch ausserhalb Aegyptens zur
Verwendung: der schoene rote Granit von Syene, die Breccia verde aus der Gegend
von Koser, der Basalt, der Alabaster, seit Claudius der graue Granit und
besonders der Porphyr der Berge oberhalb Myos Hormos. Die Gewinnung derselben
ward allerdings groesstenteils fuer kaiserliche Rechnung durch Strafkolonisten
bewirkt; aber wenigstens der Transport muss dem ganzen Lande und namentlich der
Stadt Alexandreia zugute gekommen sein. Welchen Umfang der aegyptische Verkehr
und die aegyptische Fabrikation gehabt hat, zeigt eine zufaellig erhaltene Notiz
ueber die Ladung eines durch seine Groesse ausgezeichneten Lastschiffes
(akatos), das unter Augustus den jetzt an der Porta del Popolo stehenden
Obelisken mit seiner Basis nach Rom brachte; es fuehrte ausserdem 200 Matrosen,
1200 Passagiere, 400000 roem. Scheffel (34000 Hektoliter) Weizen und eine Ladung
von Leinwand, Glas, Papier und Pfeffer. "Alexandreia", sagt ein roemischer
Schriftsteller des 3. Jahrhunderts ^33, "ist eine Stadt der Fuelle, des
Reichtums und der Ueppigkeit, in der niemand muessig geht; dieser ist
Glasarbeiter, jener Papierfabrikant, der dritte Leinweber; der einzige Gott ist
das Geld." Es gilt dies verhaeltnismaessig von dem ganzen Lande.
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^31 Im Diocletianischen Edikt sind unter den fuenf feinen Linnensorten die
vier ersten syrisch oder kilikisch (tarsisch), und das aegyptische Leinen
erscheint nicht bloss an letzter Stelle, sondern wird auch bezeichnet als
tarsisches alexandrinisches, das heisst nach tarsischem Muster in Alexandreia
verfertigtes.
^32 Einem reichen Mann in Aegypten wurde nachgesagt, dass er seinen Palast
mit Glas statt mit Marmor getaefelt habe und Papyrus und Leim genug besitze, um
ein Heer damit zu fuettern (vita Firmi 3).
^33 Dass der angebliche Brief Hadrians (vita Saturnini 8) ein spaetes
Machwerk ist, zeigt zum Beispiel, dass der Kaiser sich in diesem an seinen
Schwager Servianus gerichteten, hoechst freundschaftlichen Brief beklagt ueber
die Injurien, mit denen die Alexandriner bei seiner ersten Abreise seinen Sohn
Verus ueberhaeuft haetten, waehrend andererseits feststeht, dass dieser
Servianus neunzigjaehrig im Jahre 136 hingerichtet ward, weil er die kurz zuvor
erfolgte Adoption des Verus gemissbilligt hatte.
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Von dem Handelsverkehr Aegyptens mit den suedlich angrenzenden Landschaften
sowie mit Arabien und Indien wird weiterhin eingehend die Rede sein. Derjenige
mit den Laendern des Mittelmeers tritt in der Ueberlieferung weniger hervor, zum
Teil wohl, weil er zu dem gewoehnlichen Gang der Dinge gehoerte und nicht oft
sich Veranlassung fand, seiner besonders zu gedenken. Das aegyptische Getreide
wurde von alexandrinischen Schiffern nach Italien gefuehrt und infolgedessen
entstand in Portus bei Ostia ein dem alexandrinischen Sarapistempel
nachgebildetes Heiligtum mit seiner Schiffergemeinde ^34; aber an dem Vertrieb
der aus Aegypten nach dem Westen gehenden Waren werden diese Lastschiffe
schwerlich in bedeutendem Umfang beteiligt gewesen sein. Dieser lag
wahrscheinlich ebenso sehr und vielleicht mehr in der Hand der italischen Reeder
und Kapitaene als der aegyptischen; wenigstens gab es schon unter den Lagiden
eine ansehnliche italische Niederlassung in Alexandreia ^35 und haben im
Okzident die aegyptischen Kaufleute nicht die gleiche Verbreitung gehabt wie die
syrischen ^36. Die spaeter zu erwaehnenden Anordnungen Augusts, welche auf dem
Arabischen und dem Indischen Meer den Handelsverkehr umgestalteten, fanden auf
die Schiffahrt des Mittellaendischen keine Anwendung; die Regierung hatte kein
Interesse daran, hier die aegyptischen Kaufleute vor den uebrigen zu
beguenstigen. Es blieb dort der Verkehr vermutlich wie er war.
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^34 Die na?kl/e/roi to? pore?tikoy Alexandrino? stoloy, die den ohne
Zweifel nach Portus gehoerigen Stein CIG 5889 gesetzt haben, sind die Kapitaene
dieser Getreideschiffe. Aus dem Serapeum von Ostia besitzen wir eine Reihe von
Inschriften (CIL XIV, 47), wonach dasselbe in allen Stuecken die Kopie des
alexandrinischen war; der Vorsteher ist zugleich epimel/e/t/e/s pantos to?
Alexandreinoy stoloy (CIG 5973). Wahrscheinlich waren diese Fahrzeuge wesentlich
mit dem Korntransport beschaeftigt und erfolgte dieser also sukzessiv, worauf
auch die von Kaiser Gaius in der Meerenge von Reggio getroffenen Vorkehrungen
(Ios. ant. Iud. 19, 2, 5) hinweisen. Damit ist wohl vereinbar, dass das erste
Erscheinen der alexandrinischen Flotte im Fruehjahr fuer Puteoli ein Fest war
(Sen. epist. 77, 1).
^35 Dies zeigen die merkwuerdigen delischen Inschriften Eph. epigr. V, p.
600, 602.
^36 Schon in den delischen Inschriften des letzten Jahrhunderts der
Republik wiegen die Syrer vor. Die aegyptischen Gottheiten haben dort wohl ein
viel verehrtes Heiligtum gehabt, aber unter den zahlreichen Priestern und
Dedikanten begegnet nur ein einziger Alexandriner (Hauvette-Besnault, BCH 6,
1882, S. 316 f.). Gilden alexandrinischer Kaufleute kennen wir von Tomi und von
Perinthos (CIG 2024).
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Aegypten war also nicht bloss in seinen anbaufaehigen Teilen mit einer
dichten ackerbauenden Bevoelkerung besetzt, sondern auch, wie schon die
zahlreichen und zum Teil sehr ansehnlichen Flecken und Staedte dies erkennen
lassen, ein Fabrikland und daher denn auch weitaus die am staerksten bevoelkerte
Provinz des Roemischen Reiches. Das alte Aegypten soll eine Bevoelkerung von 7
Millionen gehabt haben; unter Vespasian zaehlte man in den offiziellen Listen 7«
Millionen kopfsteuerpflichtiger Einwohner, wozu die von der Kopfsteuer befreiten
Alexandriner und sonstigen Griechen, sowie die wahrscheinlich nicht sehr
zahlreichen Sklaven hinzutreten, so dass die Bevoelkerung mindestens auf 8
Millionen Koepfe anzusetzen ist. Da das anbaufaehige Areal heutzutage auf 500
deutsche Quadratmeilen, fuer die roemische Zeit hoechstens auf 700 veranschlagt
werden kann, so wohnten damals in Aegypten auf der Quadratmeile durchschnittlich
etwa 11000 Menschen.
Wenn wir den Blick auf die Bewohner Aegyptens richten, so sind die beiden
das Land bewohnenden Nationen, die grosse Masse der Aegypter und die kleine
Minderzahl der Alexandriner, durchaus verschiedene Kreise ^37, wenngleich
zwischen beiden die Ansteckungskraft des Lasters und die allem Laster eigene
Gleichartigkeit eine schlimme Gemeinschaft des Boesen gestiftet hat.
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^37 Nachdem Juvenal die wuesten Zechgelage der eingeborenen Aegypter zu
Ehren der Lokalgoetter der einzelnen Nomen geschildert hat, fuegt er hinzu, dass
darin die Eingeborenen dem Kanopos, das heisst dem durch seine zuegellose
Ausgelassenheit beruechtigten alexandrinischen Sarapisfest (Strab. 17, 1, 17 p.
801) in keiner Hinsicht nachstaenden: horrida sane Aegyptus, sed luxuria,
quantum ipse notavi, barbara famoso non cedit turba Canopo (sat. 15, 44).
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Die eingeborenen Aegypter werden von ihren heutigen Nachkommen weder in der
Lage noch in der Art sich weit entfernt haben. Sie waren genuegsam, nuechtern,
arbeitsfaehig und taetig, geschickte Handwerker und Schiffer und gewandte
Kaufleute, festhaltend am alten Herkommen und am alten Glauben. Wenn die Roemer
versichern, dass die Aegypter stolz seien auf die Geisselmale wegen begangener
Steuerdefrauden ^38, so sind dies Anschauungen vom Standpunkt aus des
Steuerbeamten. Es fehlte in der nationalen Kultur nicht an guten Keimen; bei
aller Ueberlegenheit der Griechen auch in dem geistigen Kampfe der beiden so
voellig verschiedenen Rassen hatten die Aegypter wieder manche und wesentliche
Dinge vor den Hellenen voraus, und sie empfanden dies auch. Es ist schliesslich
doch der Rueckschlag ihrer eigenen Empfindung, wenn die aegyptischen Priester
der griechischen Unterhaltungsliteratur die von den Hellenen sogenannte
Geschichtsforschung und ihre Behandlung poetischer Maerchen als wirklicher
Ueberlieferung aus vergangenen Urzeiten verspotten; in Aegypten mache man keine
Verse, aber ihre ganze alte Geschichte sei eingeschrieben auf den Tempeln und
Gedaechtnissteinen; freilich seien jetzt nur noch wenige derselben kundig, da