Syrien (Tac. hist. 1, 10), drei fuer Palaestina; die drei hinzutretenden
Legionen sind eben die fuer den Parthischen Krieg verwendeten, die 4., 5., 15.,
welche vielleicht damals noch auf dem Rueckmarsch in ihre alten Quartiere
begriffen waren. Die 4. ist wahrscheinlich damals definitiv nach Syrien gekommen
wo sie fortan geblieben ist; dagegen gab das syrische Heer die 10. an Vespasian
ab, vermutlich, weil diese bei dem Feldzuge des Cestius am wenigsten gelitten
hatte. Dazu bekam er die 5. und die 15. Die 5. und die 10. Legion kamen von
Alexandreia (Ios. bel. Iud. 3, 1, 3; 4, 2); aber dass sie aus Aegypten
herangefuehrt seien, ist nicht gut denkbar, nicht bloss weil die 10. eine der
syrischen war, sondern vor allem, weil der Landmarsch von Alexandreia am Nil
nach Ptolemais mitten durch das insurgierte Gebiet am Anfang des Juedischen
Krieges so von Josephus nicht haette erzaehlt werden koennen. Vielmehr ging
Titus zu Schiff von Achaia nach Alexandreia am Issischen Meerbusen, dem heutigen
Alexandrette, und fuehrte die beiden Legionen von da nach Ptolemais. Die 15. mag
der Marschbefehl irgendwo in Kleinasien getroffen haben, da Vespasian, doch
wohl, um sie zu uebernehmen, nach Syrien zu Lande ging (Ios. bel. Iud. 3, 1 u.
3). Zu diesen drei Legionen, mit denen Vespasian den Krieg begann, kam unter
Titus noch eine weitere der syrischen, die 12. Von den vier Legionen, die
Jerusalem einnahmen, blieben die beiden bisher syrischen im Orient, die 10. in
Judaea, die 12. in Kappadokien, waehrend die 5. nach Moesien, die 15. nach
Pannonien zurueckkehrte (Ios. bel. Iud. 7, 1, 3; 5, 3).
^26 Zu den drei Legionen gehoerten fuenf Alen und achtzehn Kohorten und das
aus einer Ala und fuenf Kohorten bestehende Heer von Palaestina. Diese Auxilien
zaehlten demnach 3000 Alarier und (da unter den 23 Kohorten zehn 1000 Mann stark
waren, dreizehn 720 Mann oder wohl eher nur 480 Mann; denn statt des
befremdenden exakosioys erwartet man vielmehr triakosioys exakonta) 16240 (oder,
wenn 720 festgehalten wird, 19360) Kohortalen. Dazu kamen je 1000 Reiter der
vier Koenige und 5000 arabische, je 2000 Bogenschuetzen der uebrigen drei
Koenige. Dies gibt zusammen, die Legion zu 6000 Mann gerechnet, 52240 Mann, also
gegen 60000, wie Josephus (bel. Iud. 3, 4, 2) sagt. Da die Abteilungen aber also
alle nach der hoechstmoeglichen Normalstaerke berechnet sind, wird die effektive
Gesamtzahl kaum auf 50000 angesetzt werden duerfen. Diese Zahlen des Josephus
erscheinen im wesentlichen zuverlaessig ebenso wie die analogen fuer das Heer
des Cestius (bel. Iud. 2, 18, 9); dagegen sind seine auf Schaetzung beruhenden
Ziffern durchgaengig nach dem Stil bemessen, dass das kleinste Dorf in Galilaea
15000 Einwohner zaehlt (bel. Iud. 3, 3, 2) und geschichtlich so unbrauchbar wie
die Ziffern Falstaffs. Nur selten, zum Beispiel bei der Belagerung Jotapatas,
erkennt man Rapportzahlen.
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So hatten die Insurgenten in Jerusalem vom Sommer 66 bis zum Fruehling 70
voellig freies Schalten. Was die Vereinigung von religioesem und nationalem
Fanatismus, das edle Verlangen, den Sturz des Vaterlandes nicht zu ueberleben
und das Bewusstsein begangener Verbrechen und unausbleiblicher Strafe, das wilde
Durcheinanderwogen aller edelsten und aller gemeinsten Leidenschaften in diesen
vier Jahren des Schreckens ueber die Nation gebracht hat, wird dadurch vor allem
entsetzlich, dass die Fremden dabei nur die Zuschauer gewesen sind, unmittelbar
alles Unheil durch Juden ueber Juden gekommen ist. Die gemaessigten Patrioten
wurden von den Eiferern mit Hilfe des Aufgebotes der rohen und fanatischen
Bewohner der idumaeischen Doerfer bald (Ende 68) ueberwaeltigt und ihre Fuehrer
erschlagen. Die Eiferer herrschten seitdem und es loesten sich alle Bande
buergerlicher, religioeser und sittlicher Ordnung. Den Sklaven wurde die
Freiheit gewaehrt, die Hohenpriester durch das Los bestellt, die Ritualgesetze
eben von diesen Fanatikern, deren Kastell der Tempel war, mit Fuessen getreten
und verhoehnt, die Gefangenen in den Kerkern niedergemacht und bei Todesstrafe
untersagt, die Umgebrachten zu bestatten. Die verschiedenen Fuehrer fochten mit
ihren Sonderhaufen gegeneinander: Johannes von Giskala mit seiner aus Galilaea
herangefuehrten Schar; Simon, des Gioras Sohn, aus Gerasa, der Fuehrer einer in
dem Sueden gebildeten Patriotenschar und zugleich der gegen Johannes sich
auflehnenden Idumaeer; Eleazar, Simons Sohn, einer der Vorkaempfer gegen Cestius
Gallus. Der erste behauptete sich in der Tempelhalle, der zweite in der Stadt,
der dritte im Allerheiligsten des Tempels, und taeglich ward in den Strassen der
Stadt zwischen Juden und Juden gefochten. Die Eintracht kam einzig durch den
gemeinsamen Feind; als der Angriff begann, stellte sich Eleazars kleine Schar
unter die Befehle des Johannes, und obwohl Johannes im Tempel, Simon in der
Stadt fortfuhren, die Herren zu spielen, stritten sie, unter sich hadernd,
Schulter an Schulter gegen die Roemer. Die Aufgabe auch fuer die Angreifer war
nicht leicht. Zwar genuegte das Heer, das anstatt der nach Italien entsendeten
Detachements bedeutenden Zuzug aus den aegyptischen und den syrischen Truppen
erhalten hatte, fuer die Einschliessung vollauf; und trotz der langen Frist,
welche den Juden gewaehrt worden war, um sich auf die Belagerung vorzubereiten,
waren die Vorraete unzureichend, um so mehr, als ein Teil derselben in den
Strassenkaempfen zugrunde gegangen war und, da die Belagerung um das Passahfest
begann, zahlreiche deswegen nach Jerusalem gekommene Auswaertige mit
eingeschlossen waren. Indes wenn auch die Masse der Bevoelkerung bald Not litt,
was die Wehrmannschaften brauchten, nahmen sie, wo sie es fanden, und wohl
versehen, wie sie waren, fuehrten sie den Kampf ohne Ruecksicht auf die
hungernden und bald verhungernden Massen. Zu blosser Blockade konnte der junge
Feldherr sich nicht entschliessen; eine mit vier Legionen in dieser Weise zu
Ende gefuehrte Belagerung brachte ihm persoenlich keinen Ruhm, und auch das neue
Regiment brauchte eine glaenzende Waffentat. Die Stadt, sonst ueberall durch
unzugaengliche Felsenhaenge verteidigt, war allein an der Nordseite angreifbar;
auch hier war es keine leichte Arbeit, die dreifache, aus den reichen
Tempelschaetzen ohne Ruecksicht auf die Kosten hergestellte Wallmauer zu
bezwingen und weiter innerhalb der Stadt die Burg, den Tempel und die gewaltigen
drei Herodestuerme einer starken, fanatisierten und verzweifelten Besatzung
abzuringen. Johannes und Simon schlugen nicht bloss die Stuerme entschlossen ab,
sondern griffen oft die schanzenden Mannschaften mit gutem Erfolg an und
zerstoerten oder verbrannten die Belagerungsmaschinen. Aber die Ueberzahl und
die Kriegskunst entschieden fuer die Roemer. Die Mauern wurden erstuermt, darauf
die Burg Antonia; sodann gingen nach langem Widerstand erst die Tempelhallen in
Flammen auf und weiter am 10. Ab (August) der Tempel selbst mit allen darin seit
sechs Jahrhunderten aufgehaeuften Schaetzen. Endlich wurde nach monatelangem
Strassenkampf am 8. Elul (September) auch in der Stadt der letzte Widerstand
gebrochen und das heilige Salem geschleift. Fuenf Monate hatte die Blutarbeit
gewaehrt. Das Schwert und der Pfeil und mehr noch der Hunger hatten zahllose
Opfer gefordert; die Juden erschlugen jeden des Ueberlaufens auch nur
Verdaechtigen und zwangen Weiber und Kinder, in der Stadt zu verhungern; ebenso
erbarmungslos liessen auch die Roemer die Gefangenen ueber die Klinge springen
oder kreuzigten sie. Die uebriggebliebenen Kaempfer und namentlich die beiden
Fuehrer wurden einzeln aus den Kloaken, in die sie sich gerettet hatten,
hervorgezogen. Am Toten Meer, eben da, wo einstmals Koenig David und die
Makkabaeer in hoechster Bedraengnis eine Zuflucht gefunden hatten, hielten sich
die Reste der Insurgenten noch auf Jahre hinaus in den Felsenschloessern
Machaerus und Massada, bis endlich als die letzten der freien Juden Judas, des
Galilaeers Enkel, Eleazar und die Seinigen erst ihren Frauen und Kindern und
dann sich selbst den Tod gaben. Das Werk war getan. Dass Kaiser Vespasianus, ein
tuechtiger Soldat, es nicht verschmaeht hat, wegen eines solchen unvermeidlichen
Erfolgs ueber ein kleines, laengst untertaeniges Volk als Sieger auf das Kapitol
zu ziehen und dass der aus dem Allerheiligsten des Tempels heimgebrachte
siebenarmige Kandelaber auf dem Ehrenbogen, den der Reichssenat dem Titus auf
dem Markte der Kampfstadt errichtete, noch heute zu schauen ist ^27, gibt keine
hohe Vorstellung von dem kriegerischen Sinn dieser Zeit. Freilich ersetzte der
tiefe Widerwille, den die Okzidentalen gegen das Judenvolk hegten,
einigermassen, was der kriegerischen Glorie mangelte, und wenn den Kaisern der
Judenname zu schlecht war, um ihn so sich beizulegen wie die der Germanen und
der Parther, so hielten sie es nicht unter ihrer Wuerde, dem Poebel der
Hauptstadt die Siegesschadenfreude dieses Triumphes zu bereiten.
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^27 Dieser Bogen ist dem Titus nach seinem Tode vom Reichssenat gesetzt.
Ein anderer, ihm waehrend seiner kurzen Regierung von demselben Senat im Circus
gewidmeter (CIL VI, 944) gibt sogar mit ausdruecklichen Worten als Grund der
Denkmalerrichtung an: "weil er nach Vorschrift und Anweisung und unter der
Oberleitung des Vaters das Volk der Juden bezwang und die bis auf ihn von allen
Feldherren, Koenigen und Voelkern entweder vergeblich belagerte oder gar nicht
angegriffene Stadt Hierusolyma zerstoert hat." Die historische Kunde dieses
seltsamen Schriftstueckes, welches nicht bloss Nebukadnezar und Antiochos
Epiphanes, sondern den eigenen Pompeius ignoriert, steht auf gleicher Hoehe mit
der Ueberschwenglichkeit des Preises einer recht gewoehnlichen Waffentat.
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Dem Werk des Schwertes folgte die politische Wendung. Die von den frueheren
hellenischen Staaten eingehaltene und von den Roemern uebernommene, in der Tat
ueber die blosse Toleranz gegen fremde Art und fremden Glauben weit
hinausgehende Politik, die Judenschaft insgemein als nationale und religioese
Samtgemeinschaft anzuerkennen, war unmoeglich geworden. Zu deutlich waren in der
juedischen Insurrektion die Gefahren zu Tage getreten, welche diese national-
religioese, einerseits streng konzentrierte, andererseits ueber den ganzen Osten
sich verbreitende und selbst in den Westen verzweigte Vergesellschaftung in sich
trug. Der zentrale Kultus wurde demzufolge ein fuer allemal beseitigt. Dieser
Entschluss der Regierung steht zweifellos fest und hat nichts gemein mit der
nicht mit Sicherheit zu beantwortenden Frage, ob die Zerstoerung des Tempels
absichtlich oder zufaellig erfolgt ist; wenn auf der einen Seite die
Unterdrueckung des Kultus nur die Schliessung des Tempels erforderte und das
praechtige Bauwerk verschont werden konnte, so haette andererseits, waere der
Tempel zufaellig zugrunde gegangen, der Kultus auch in einem wieder erbauten
fortgefuehrt werden koennen. Freilich wird es immer wahrscheinlich bleiben, dass
hier nicht der Zufall des Krieges gewaltet hat, sondern fuer die veraenderte
Politik der roemischen Regierung gegenueber dem Judentum die Flammen des Tempels
das Programm waren ^28. Deutlicher noch als in den Vorgaengen in Jerusalem
zeichnet sich dieselbe in der gleichzeitig auf Anordnung Vespasians erfolgten
Schliessung des Zentralheiligtums der aegyptischen Judenschaft, des Oniastempels
unweit Memphis im heliopolitanischen Distrikt, welcher seit Jahrhunderten neben
dem von Jerusalem stand etwa wie neben dem Alten Testament die Uebersetzung
durch die alexandrinischen Siebzig; auch er wurde seiner Weihgeschenke
entkleidet und die Gottesverehrung in demselben untersagt.
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^28 Die Erzaehlung des Josephus, dass Titus mit seinem Kriegsrat beschloss,
den Tempel nicht zu zerstoeren, erregt durch ihre offenbare Absichtlichkeit
Bedenken, und da die Benutzung des Tacitus in Sulpicius Severus' Chronik von
Bernays vollstaendig erwiesen ist, so kann allerdings wohl in Frage kommen, ob
nicht dessen gerade entgegengesetzter Bericht (chron. 2, 30, 6), dass der
Kriegsrat beschlossen habe, den Tempel zu zerstoeren, aus Tacitus herruehrt und
ihm, obwohl er Spuren christlicher Ueberarbeitung zeigt, der Vorzug zu geben
ist. Dies empfiehlt sich weiter dadurch, dass die an Vespasian gerichtete
Dedikation der Argonautica des Dichters Valerius Flaccus den Sieger von Solyma
feiert, der die Brandfackeln schleudert.
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In weiterer Ausfuehrung der neuen Ordnung der Dinge verschwanden das
Hohepriestertum und das Synhedrion von Jerusalem und verlor damit die
Judenschaft des Reiches ihr aeusserliches Oberhaupt und ihre bis dahin in
religioesen Fragen allgemein kompetente Oberbehoerde. Die bisher wenigstens
tolerierte Jahressteuer eines jeden Juden ohne Unterschied des Wohnorts an den
Tempel fiel allerdings nicht weg, wurde aber mit bitterer Parodie auf den
kapitolinischen Jupiter und dessen Vertreter auf Erden, den roemischen Kaiser,
uebertragen. Bei der Beschaffenheit der juedischen Einrichtungen schloss die
Unterdrueckung des zentralen Kultus die Aufloesung der Gemeinde Jerusalem in
sich. Die Stadt ward nicht bloss zerstoert und niedergebrannt, sondern blieb
auch in Truemmern liegen, wie einst Karthago und Korinth; ihre Feldmark,
Gemeinde- wie Privatland, wurde kaiserliche Domaene ^29. Was von der
Buergerschaft der volkreichen Stadt dem Hunger oder dem Schwert entgangen war,
kam unter den Hammer des Sklavenmarktes. In den Truemmern der zerstoerten Stadt
schlug die Legion ihr Lager auf, welche mit ihren spanischen und thrakischen
Auxilien fortan im juedischen Lande garnisonieren sollte. Die bisherigen in
Palaestina selbst rekrutierten Provinzialtruppen wurden anderswohin verlegt. In
Emmaus, in der naechsten Naehe von Jerusalem, wurde eine Anzahl roemischer
Veteranen angesiedelt, Stadtrecht aber auch dieser Ortschaft nicht verliehen.
Dagegen wurde das alte Sichem, der religioese Mittelpunkt der samaritanischen
Gemeinde, vielleicht schon seit Alexander dem Grossen eine griechische Stadt,
jetzt in den Formen der hellenischen Politie unter dem Namen Flavia Neapolis
reorganisiert. Die Landeshauptstadt Caesarea, bis dahin griechische
Stadtgemeinde, erhielt als "erste Flavische Kolonie" roemische Ordnung und
lateinische Geschaeftssprache. Es waren dies Ansaetze zur okzidentalischen
Munizipalisierung des juedischen Landes. Nichtsdestoweniger blieb das
eigentliche Judaea, wenn auch entvoelkert und verarmt, nach wie vor juedisch;
wessen die Regierung sich zu dem Lande versah, zeigt schon die durchaus anomal
dauernde militaerische Belegung, die, da Judaea nicht an der Reichsgrenze lag,
nur zur Niederhaltung der Einwohner bestimmt gewesen sein kann.
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^29 Dass der Kaiser dies Land fuer sich nahm (idian ayt/o/ t/e/n ch/o/ran
phylatt/o/n) sagt Josephus (bel. Iud. 7, 6, 6); dazu stimmt nicht sein Befehl
pasan g/e/n apothosthai t/o/n Ioydai/o/n (a. a. O.), worin wohl ein Irrtum oder
ein Schreibfehler steckt. Zu der Expropriierung passt es, dass im Gnadenweg
einzelnen juedischen Grundbesitzern anderswo Land angewiesen ward (Ios. vit.
16). uebrigens ist das Gebiet wohl als Ausstattung fuer die dort stationierende
Legion verwendet worden (Eph. epigr. II, n. 696; Tac. ann. 13, 54).
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Auch die Herodeer ueberdauerten nicht lange den Untergang Jerusalems.
Koenig Agrippa II., der Herr von Caesarea Paneas und von Tiberias, hatte den
Roemern in dem Krieg gegen seine Landsleute getreue Heerfolge geleistet und
selbst aus demselben wenigstens militaerisch ehrenvolle Narben aufzuweisen;
ueberdies hielt seine Schwester Berenike, eine Kleopatra im Kleinen, mit dem
Rest ihrer viel in Anspruch genommenen Reize das Herz des Bezwingers von
Jerusalem gefangen. So blieb er persoenlich im Besitz der Herrschaft; aber nach
seinem Tode, etwa dreissig Jahre spaeter, ging auch diese letzte Erinnerung an
den juedischen Staat in die roemische Provinz Syrien auf.
In der Ausuebung ihrer Religionsgebraeuche wurden den Juden weder in
Palaestina noch anderswo Hindernisse in den Weg gelegt. Selbst ihren religioesen
Unterricht und die daran sich anknuepfenden Versammlungen ihrer Gesetzlehrer und
Gesetzkundigen liess man in Palaestina wenigstens gewaehren und hinderte nicht,
dass diese Rabbinervereinigungen versuchten, sich einigermassen an die Stelle
des ehemaligen Synhedrion von Jerusalem zu setzen und in den Anfaengen des
Talmud ihre Lehre und ihre Gesetze zu fixieren. Obwohl einzelne nach Aegypten
und Kyrene gefluechtete Teilnehmer an dem juedischen Aufstand dort Unruhen
hervorriefen, wurden die Judenschaften ausserhalb Palaestina, so viel wir sehen,
in ihrer bisherigen Stellung belassen. Gegen die Judenhetze, welche eben um die
Zeit der Zerstoerung Jerusalems in Antiocheia dadurch hervorgerufen ward, dass
die dortigen Juden von einem ihrer abgefallenen Glaubensgenossen oeffentlich der
Absicht geziehen worden waren, die Stadt anzuzuenden, schritt der Vertreter des
Statthalters von Syrien energisch ein und gestattete nicht, wie es im Werke war,
dass man die Juden noetigte, den Landesgoettern zu opfern und den Sabbath nicht
zu halten. Titus selbst, als er nach Antiocheia kam, wies die dortigen Fuehrer
der Bewegung mit ihrer Bitte, die Juden auszuweisen oder mindestens ihre
Privilegien zu kassieren, auf das bestimmteste ab. Man scheute davor zurueck,
dem juedischen Glauben als solchem den Krieg zu erklaeren und die weitverzweigte
Diaspora auf das aeusserste zu treiben; es war genug, dass das Judentum in
seiner politischen Repraesentation aus dem Staatswesen getilgt war.
Die Wendung in der seit Alexander gegen das Judentum eingehaltenen Politik
lief im wesentlichen darauf hinaus, dieser religioesen Gemeinschaft die
einheitliche Leitung und die aeusserliche Geschlossenheit zu entziehen und ihren
Leitern eine Macht aus der Hand zu winden, welche sich nicht bloss ueber das
Heimatland der Juden, sondern ueber die Judenschaften insgemein innerhalb und
ausserhalb des Roemischen Reiches erstreckte und allerdings im Orient dem
einheitlichen Reichsregiment Eintrag tat. Die Lagiden wie die Seleukiden und
nicht minder die roemischen Kaiser der Julisch-Claudischen Dynastie hatten sich
dies gefallen lassen; aber die unmittelbare Herrschaft der Okzidentalen ueber
Judaea hatte den Gegensatz der Reichs- und dieser Priestergewalt in dem Grade
verschaerft, dass die Katastrophe mit unausbleiblicher Notwendigkeit eintrat und
ihre Konsequenzen zog. Vom politischen Standpunkt aus kann wohl die
Schonungslosigkeit der Kriegfuehrung getadelt werden, welche uebrigens diesem
Krieg ziemlich mit allen aehnlichen der roemischen Geschichte gemein ist, aber
schwerlich die infolge desselben verfuegte religioes-politische Aufloesung der
Nation. Wenn den Institutionen, welche zur Bildung einer Partei, wie die der
Zeloten war, gefuehrt hatten und mit einer gewissen Notwendigkeit fuehren
mussten, die Axt an die Wurzel gelegt ward, so geschah nur, was richtig und
notwendig war, wie schwer und individuell ungerecht auch der einzelne davon
getroffen werden mochte. Vespasianus, der die Entscheidung gab, war ein
verstaendiger und masshaltender Regent. Es handelte sich nicht um eine Glaubens-
, sondern um eine Machtfrage; der juedische Kirchenstaat als Haupt der Diaspora
vertrug sich nicht mit der Unbedingtheit des weltlichen Grossstaates. Von der
allgemeinen Norm der Toleranz hat die Regierung sich auch in diesem Fall nicht
entfernt, nicht gegen das Judentum, sondern gegen den Hohenpriester und das
Synhedrion den Krieg gefuehrt.
Ganz hat auch die Tempelzerstoerung diesen ihren Zweck nicht verfehlt. Es
gab nicht wenige Juden und noch mehr Judengenossen, namentlich in der Diaspora,
welche mehr an dem juedischen Sittengesetz und an dem juedischen Monotheismus
hielten als an der streng nationalen Glaubensform; die ganze ansehnliche Sekte
der Christen hatte sich innerlich vom Judentum geloest und stand zum Teil in
offener Opposition zu dem juedischen Ritus. Fuer diese war der Fall Jerusalems
keineswegs das Ende der Dinge, und innerhalb dieser ausgedehnten und
einflussreichen Kreise erreichte die Regierung einigermassen, was sie mit der
Aufloesung der Zentralstelle der juedischen Gottesverehrung beabsichtigte. Die
Scheidung des den Nationen gemeinen Christenglaubens von dem national-
juedischen, der Sieg der Anhaenger des Paulus ueber diejenigen des Petrus, wurde
durch den Wegfall des juedischen Zentralkults wesentlich gefoerdert.
Aber bei den Juden von Palaestina, da, wo man zwar nicht hebraeisch, aber
doch aramaeisch sprach, und bei dem Teil der Diaspora, der fest an Jerusalem
hing, wurde durch die Zerstoerung des Tempels der Riss zwischen dem Judentum und
der uebrigen Welt vertieft. Die national-religioese Geschlossenheit, die die
Regierung beseitigen wollte, wurde in diesem verengten Kreis durch den
gewaltsamen Versuch, sie zu zerschlagen, vielmehr neu gefestigt und zunaechst zu
weiteren verzweifelten Kaempfen getrieben.
Nicht volle fuenfzig Jahre nach der Zerstoerung Jerusalems, im Jahre 116
^30, erhob sich die Judenschaft am oestlichen Mittelmeer gegen die
Reichsregierung. Der Aufstand, obwohl von der Diaspora unternommen, war rein
nationaler Art, in seinen Hauptsitzen Kyrene, Kypros, Aegypten, gerichtet auf
die Austreibung der Roemer wie der Hellenen und, wie es scheint, die Begruendung
eines juedischen Sonderstaats. Er verzweigte sich bis in das asiatische Gebiet
und ergriff Mesopotamien und Palaestina selbst. Wo die Aufstaendischen siegreich
waren, fuehrten sie den Krieg mit derselben Erbitterung wie die Sicarier in
Jerusalem; sie erschlugen, wen sie ergriffen - der Geschichtschreiber Appian,
ein geborener Alexandriner, erzaehlt, wie er vor ihnen um sein Leben laufend mit
genauer Not nach Pelusion entkam -, und oftmals toeteten sie die Gefangenen
unter qualvollen Martern oder zwangen sie, gleich wie einst Titus die in
Jerusalem gefangenen Juden, als Fechter im Kampfspiel zur Augenweide der Sieger
zu fallen. In Kyrene sollen also 220000, auf Kypros gar 240000 Menschen von
ihnen umgebracht worden sein. Andererseits erschlugen in Alexandreia, das selbst
nicht in die Haende der Juden gefallen zu sein scheint ^31, die belagerten
Hellenen, was von Juden damals in der Stadt war. Die naechste Ursache der
Erhebung ist nicht klar. Das Blut der Zeloten, die nach Alexandreia und Kyrene
sich gefluechtet und dort ihre Glaubenstreue mit dem Tode unter dem roemischen
Henkersbeil besiegelt hatten, mag nicht umsonst geflossen sein; der Parthische
Krieg, waehrenddessen der Aufstand begann, hat ihn insofern gefoerdert, als die
in Aegypten stehenden Truppen wahrscheinlich auf den Kriegsschauplatz berufen
wurden. Allem Anschein nach war es ein Ausbruch der seit der Tempelzerstoerung
gleich dem Vulkan im Verborgenen gluehenden und in unberechenbarer Weise in
Flammen aufschlagenden religioesen Erbitterung der Judenschaft, von der Art, wie
der Orient sie zu allen Zeiten erzeugt hat und erzeugt; wenn wirklich die
Insurgenten einen Juden zum Koenig ausriefen, so hat diese Erhebung sicher, wie
die in der Heimat, in der grossen Masse der geringen Leute ihren Herd gehabt.