Aber mindestens nicht geringer ist die Schuld der Juden. Das
Hohenpriesterregiment, so weit es reichte - und die Regierung war nur zu
geneigt, in allen inneren Angelegenheiten ihm freie Hand zu lassen -, ist, auch
nach den juedischen Berichten, zu keiner Zeit so gewalttaetig und nichtswuerdig
gefuehrt worden wie in der von Agrippas Tod bis zum Ausbruch des Krieges. Der
bekannteste und einflussreichste dieser Priesterherrscher ist Ananias, des
Nebedaeus Sohn, die "uebertuenchte Wand", wie Paulus ihn nannte, als dieser
geistliche Richter seine Schergen ihn auf den Mund schlagen hiess, weil er sich
vor dem Gericht zu verteidigen wagte. Es wird ihm zur Last gelegt, dass er den
Statthalter bestach und dass er durch entsprechende Interpretation der Schrift
den niedrigen Geistlichen die Zehntgarben entfremdete ^22. Als einer der
Hauptanstifter des Krieges zwischen den Samaritern und den Galilaeern hat er vor
dem roemischen Richter gestanden. Nicht weil die ruecksichtslosen Fanatiker in
den herrschenden Kreisen ueberwogen, sondern weil diesen Anzettlern der
Volksauflaeufe und Anordnern der Ketzergerichte die moralische und religioese
Autoritaet abging, wodurch die Gemaessigten in besseren Zeiten die Menge gelenkt
hatten, und weil sie die Nachgiebigkeit der roemischen Behoerden in den inneren
Angelegenheiten missverstanden und missbrauchten, vermochten sie es nicht,
zwischen der Fremdherrschaft und der Nation in friedlichem Sinn zu vermitteln.
Eben unter ihrem Schalten wurden die roemischen Behoerden mit den wildesten und
unvernuenftigsten Forderungen bestuermt und kam es zu Volksbewegungen von
grausiger Laecherlichkeit. Der Art ist jene Sturmpetition, welche das Blut eines
roemischen Soldaten wegen einer zerrissenen Gesetzrolle verlangte und erhielt.
Ein anderes Mal entstand ein Volksauflauf, der vielen Menschen das Leben
kostete, weil ein roemischer Soldat dem Tempel einen Koerperteil in
unschicklicher Entbloessung gezeigt hatte. Auch der beste der Koenige haette
dergleichen Wahnwitz nicht unbedingt abwenden koennen; aber selbst der geringste
Fuerst wuerde der fanatischen Menge nicht so voellig steuerlos
gegenuebergestanden haben, wie diese Priester.
----------------------------------------------------
^22 Es handelte sich, wie es scheint, darum, ob die Gabe der zehnten Garbe
an Aaron den Priester (Num. 18, 28), dem Priester ueberhaupt oder dem
Hohenpriester zukomme (H. Ewald; Geschichte des Volkes Israel. 3. Aufl.
Goettingen 1864-68. Bd. 6, S. 635).
----------------------------------------------------
Das eigentliche Ergebnis war das stetige Anschwellen der neuen Makkabaeer.
Man hat sich gewoehnt, den Ausbruch des Krieges in das Jahr 66 zu setzen; mit
gleichem und vielleicht besserem Recht koennte man dafuer das Jahr 44 nennen.
Seit dem Tode Agrippas haben die Waffen in Judaea nicht geruht, und neben den
oertlichen Fehden, die Juden und Juden miteinander ausfechten, geht bestaendig
der Krieg her der roemischen Truppen gegen die ausgetretenen Leute in den
Gebirgen, die Eifrigen, wie die Juden sie nannten, nach roemischer Bezeichnung
die Raeuber. Die Benennungen trafen beide zu; auch hier spielten neben den
Fanatikern die verkommenen oder verkommenden Elemente der Gesellschaft ihre
Rolle - war es doch nach dem Sieg einer der ersten Schritte der Zeloten, die im
Tempel bewahrten Schuldbriefe zu verbrennen. Jeder der tuechtigeren
Prokuratoren, von dem ersten Cuspius Fadus an, saeubert von ihnen das Land, und
immer ist die Hydra gewaltiger wieder da. Fadus' Nachfolger Tiberius Julius
Alexander, selbst einer juedischen Familie entsprossen, ein Neffe des oben
genannten alexandrinischen Gelehrten Philon, liess zwei Soehne Judas' des
Galilaeers, Jakob und Simon, an das Kreuz schlagen; das war der Same des neuen
Mattathias. Auf den Gassen der Staedte predigten die Patrioten laut den Krieg,
und nicht wenige folgten in die Wueste; den Friedfertigen aber und
Verstaendigen, die sich weigerten mitzutun, zuendeten diese Banden die Haeuser
an. Griffen die Soldaten dergleichen Banditen auf, so fuehrten sie wieder
angesehene Leute als Geiseln in die Berge; und sehr oft verstand die Behoerde
sich dazu, jene zu entlassen, um diese zu befreien. Gleichzeitig begannen in der
Hauptstadt die "Messermaenner" ihr unheimliches Handwerk; sie mordeten wohl auch
um Geld - als ihr erstes Opfer wird der Priester Jonathan genannt, als ihr
Auftraggeber dabei der roemische Prokurator Felix -, aber womoeglich zugleich
als Patrioten roemische Soldaten oder roemisch gesinnte Landsleute. Wie haetten
bei diesen Stimmungen die Wunder und Zeichen ausbleiben sollen und diejenigen,
die betrogen oder betruegend die Massen damit fanatisierten? Unter Cuspius Fadus
fuehrte der Wundermann Theudas seine Getreuen dem Jordan zu, versichernd, dass
die Wasser vor ihnen sich spalten wuerden und die nachsetzenden roemischen
Reiter verschlingen, wie zu den Zeiten des Koenigs Pharao. Unter Felix verhiess
ein anderer Wundertaeter, nach seiner Heimat der Aegypter genannt, dass die
Mauern Jerusalems einstuerzen wuerden, wie auf Josuas Posaunenstoss die von
Jericho; und daraufhin folgten ihm 4000 Messermaenner bis auf den Oelberg. Eben
in der Unvernunft lag die Gefahr. Die grosse Masse der juedischen Bevoelkerung
waren kleine Bauern, die im Schweisse ihres Angesichts ihre Felder pfluegten und
ihr Oel pressten, mehr Dorfleute als Staedter, von geringer Bildung und
gewaltigem Glauben, eng verwachsen mit den Freischaren in den Gebirgen und voll
Ehrfurcht vor Jehova und seinen Priestern in Jerusalem wie voll Abscheu gegen
die unreinen Fremden. Der Krieg war da, nicht ein Krieg zwischen Macht und Macht
um die Uebergewalt, nicht einmal eigentlich ein Krieg der Unterdrueckten gegen
die Unterdruecker um Wiedergewinnung der Freiheit; nicht verwegene Staatsmaenner
^23, fanatische Bauern haben ihn begonnen und gefuehrt und mit ihrem Blute
bezahlt. Es ist eine weitere Etappe in der Geschichte des nationalen Hasses; auf
beiden Seiten schien das fernere Zusammenleben unmoeglich und begegnete man sich
in dem Gedanken der gegenseitigen Ausrottung.
----------------------------------------------------
^23 Es ist nichts als eitel Schwindel, wenn der Staatsmann Josephus in der
Vorrede zu seiner Geschichte des Krieges so tut, als haetten die Juden
Palaestinas einerseits auf die Erhebung der Euphratlaender, andererseits auf die
Unruhen in Gallien und die drohende Haltung der Germanen und auf die Krisen des
Vierkaiserjahres gerechnet. Der Juedische Krieg war laengst in vollem Gange, als
Vindex gegen Nero auftrat und die Druiden wirklich taten, was hier den Rabbis
beigelegt wird; und wieviel auch die juedische Diaspora in den Euphratlaendern
bedeutete, eine juedische Expedition von dort gegen die Roemer des Ostens war
ungefaehr ebenso undenkbar wie aus Aegypten und Kleinasien. Es sind wohl einige
Freischaerler von da gekommen, wie zum Beispiel einige Fuerstensoehne des eifrig
juedischen Koenigshauses von Adiabene (Ios. bel. Iud. 2, 19, 2; 6, 6, 4) und von
den Insurgenten Bittgesandtschaften dorthin gegangen (das. 6, 6, 2); aber selbst
Geld ist von daher den Juden schwerlich in bedeutendem Umfang zugeflossen. Dies
charakterisiert den Verfasser mehr als den Krieg. Wenn es begreiflich ist, dass
der juedische Insurgentenfuehrer und spaetere Hofmann der Flavier sich gern den
in Rom internierten Parthern gleichstellte so ist es weniger zu entschuldigen,
dass die neuere Geschichtschreibung aehnliche Wege wandelt und, indem sie diese
Vorgaenge als Bestandteile der roemischen Hof- und Stadtgeschichte oder auch der
roemisch-parthischen Haendel aufzufassen bemueht ist, durch dieses stumpfe
Hineinziehen der sogenannten grossen Politik die furchtbare Notwendigkeit dieser
tragischen Entwicklung verdunkelt.
----------------------------------------------------
Die Bewegung, durch welche die Auflaeufe zum Krieg wurden, ging von
Caesarea aus. In dieser urspruenglich griechischen, dann von Herodes nach dem
Muster der Alexanderkolonien umgeschaffenen und zur ersten Hafenstadt
Palaestinas entwickelten Stadtgemeinde wohnten Griechen und Juden, ohne
Unterschied der Nation und der Konfession buergerlich gleichberechtigt, die
letzteren an Zahl und Besitz ueberlegen. Aber die Hellenen daselbst, nach dem
Muster der Alexandriner und ohne Zweifel unter dem unmittelbaren Eindruck der
Vorgaenge des Jahres 38, bestritten im Wege der Beschwerde bei der obersten
Stelle den juedischen Gemeindegenossen das Buergerrecht. Der Minister Neros ^24,
Burrus (+ 62), gab ihnen Recht. Es war arg, in einer auf juedischem Boden und
von einer juedischen Regierung geschaffenen Stadt das Buergerrecht zum
Privilegium der Hellenen zu machen; aber es darf nicht vergessen werden, wie
sich die Juden gegen die Roemer eben damals verhielten, und wie nahe sie es den
Roemern legten, die roemische Hauptstadt und das roemische Hauptquartier der
Provinz in eine rein hellenische Stadtgemeinde umzuwandeln. Die Entscheidung
fuehrte, wie begreiflich, zu heftigen Strassentumulten, wobei hellenischer Hohn
und juedischer Uebermut namentlich in dem Kampf um den Zugang zur Synagoge sich
ungefaehr die Waage gehalten zu haben scheinen; die roemischen Behoerden griffen
ein, selbstverstaendlich zu Ungunsten der Juden. Diese verliessen die Stadt,
wurden aber von dem Statthalter genoetigt zurueckzukehren und dann in einem
Strassenauflauf saemtlich erschlagen (6. August 66). Dies hatte die Regierung
allerdings nicht befohlen und sicher auch nicht gewollt; es waren Maechte
entfesselt, denen sie selbst nicht mehr zu gebieten vermochte.
------------------------------------------------------------
^24 Josephus (ant. Iud. 20, 8, 9) macht ihn freilich zum Sekretaer Neros
fuer die griechische Korrespondenz, obwohl er ihn, wo er roemischen Quellen
folgt (20, 8, 2), richtig als Praefekten bezeichnet; aber sicher ist derselbe
gemeint. Paidag/o/gos heisst er bei ihm wie bei Tac. ann. 13, 2 rector
imperatoriae iuventae.
------------------------------------------------------------
Wenn hier die Judenfeinde die Angreifenden waren, so waren dies in
Jerusalem die Juden. Allerdings versichern deren Vertreter in der Erzaehlung
dieser Vorgaenge, dass der derzeitige Prokurator von Palaestina, Gessius Florus,
um der Anklage wegen seiner Missverwaltung zu entgehen, durch das Uebermass der
Peinigung eine Insurrektion habe hervorrufen wollen; und es ist kein Zweifel,
dass die damaligen Statthalter in Nichtswuerdigkeit und Bedrueckung das uebliche
Mass betraechtlich ueberschritten. Aber wenn Florus einen solchen Plan in der
Tat verfolgt hat, so misslang er. Denn nach eben diesen Berichten
beschwichtigten die Besonnenen und Besitzenden unter den Juden und mit ihnen der
mit dem Tempelregiment betraute und eben damals in Jerusalem anwesende Koenig
Agrippa II. - er hatte inzwischen die Herrschaft von Chalkis mit derjenigen von
Batanaea vertauscht -, die Massen insoweit, dass die Zusammenrottungen und das
Einschreiten dagegen sich innerhalb des seit Jahren landesueblichen Masses
hielten. Aber gefaehrlicher als der Strassenunfug und die Raeuberpatrioten der
Gebirge waren die Fortschritte der juedischen Theologie. Das fruehere Judentum
hatte in liberaler Weise den Fremden die Pforten seines Glaubens geoeffnet; es
wurden zwar in den inneren Tempel nur die eigentlichen Religionsgenossen, aber
als Proselyten des Tores in die aeusseren Hallen jeder ohne weiteres zugelassen
und auch dem Nichtjuden gestattet, hier zum Herrn Jehova seinerseits zu beten
und Opfer darzubringen. So wurde, wie schon erwaehnt ward, auf Grund einer
Stiftung des Augustus taeglich daselbst fuer den roemischen Kaiser geopfert.
Diese Opfer von Nichtjuden untersagte der derzeitige Tempelmeister, des oben
genannten Erzpriesters Ananias Sohn Eleazar, ein junger, vornehmer,
leidenschaftlicher Mann, persoenlich unbescholten und brav und insofern der
volle Gegensatz seines Vaters, aber durch seine Tugenden gefaehrlicher als
dieser durch seine Laster. Vergeblich wies man ihm nach, dass dies ebenso
beleidigend fuer die Roemer wie gefaehrlich fuer das Land und dem Herkommen
schlechterdings zuwider sei; es blieb bei der verbesserten Froemmigkeit und der
Ausschliessung des Landesherrn vom Gottesdienst. Seit langem hatte das glaeubige
Judentum sich gespalten in diejenigen, die ihr Vertrauen auf den Herrn Zebaoth
allein setzten und die Roemerherrschaft ertrugen, bis es ihm gefallen werde, das
Himmelreich auf Erden zu verwirklichen, und in die praktischeren Maenner, welche
dieses Himmelreich mit eigener Hand zu begruenden entschlossen waren und des
Beistandes des Herrn der Heerscharen bei dem frommen Werke sich versichert
hielten, oder, mit den Schlagwoertern, in die Pharisaeer und die Zeloten. Die
Zahl und das Ansehen der letzteren war in bestaendigem Steigen. Es wurde ein
alter Spruch entdeckt, dass um diese Zeit ein Mann von Judaea ausgehen werde und
die Weltherrschaft gewinnen; man glaubte das um so eher, weil es so sehr absurd
war und das Orakel trug nicht wenig dazu bei, die Massen weiter zu fanatisieren.
Die gemaessigte Partei erkannte die Gefahr und entschloss sich, die
Fanatiker mit Gewalt niederzuschlagen; sie bat um Truppen bei den Roemern in
Caesarea und bei Koenig Agrippa. Von dort kam keine Unterstuetzung; Agrippa
sandte eine Anzahl Reiter. Dagegen stroemten die Patrioten und die Messermaenner
in die Stadt, unter ihnen der wildeste, Manahem, auch einer der Soehne des oft
genannten Judas von Galilaea. Sie waren die Staerkeren und bald Herren in der
Stadt. Auch die Handvoll roemischer Soldaten, welche die an den Tempel
anstossende Burg besetzt hielten, wurde rasch ueberwaeltigt und niedergemacht.
Der benachbarte Koenigspalast, mit den dazugehoerigen gewaltigen Tuermen, wo der
Anhang der Gemaessigten, eine Anzahl Roemer unter dem Tribunen Metilius und die
Soldaten des Agrippa lagen, hielt ebensowenig stand. Den letzteren wurde auf ihr
Verlangen zu kapitulieren der freie Abzug bewilligt, den Roemern aber
verweigert; als sie sich endlich gegen Zusicherung des Lebens ergaben, wurden
sie erst entwaffnet und dann niedergemacht mit einziger Ausnahme des Offiziers,
der sich beschneiden zu lassen versprach und so als Jude begnadigt ward. Auch
die Fuehrer der Gemaessigten, unter ihnen der Vater und der Bruder Eleazars,
wurden die Opfer der Volkswut, die den Roemergenossen noch grimmiger grollte als
den Roemern. Eleazar selbst erschrak vor seinem Siege; zwischen den beiden
Fuehrern der Fanatiker, ihm und Manahem, kam es nach dem Sieg, vielleicht wegen
der gebrochenen Kapitulation, zum blutigen Handgemenge; Manahem wurde gefangen
und hingerichtet. Aber die heilige Stadt war frei und das in Jerusalem lagernde
roemische Detachement vernichtet; die neuen Makkabaeer hatten gesiegt wie die
alten.
So hatten, angeblich am selben Tag, dem 6. August 66, die Nichtjuden in
Caesarea die Juden, die Juden in Jerusalem die Nichtjuden niedergemetzelt; und
damit war nach beiden Seiten hin das Signal gegeben, in diesem patriotischen und
gottgefaelligen Werke fortzufahren. In den benachbarten griechischen Staedten
entledigten sich die Hellenen der Judenschaften nach dem Muster von Caesarea.
Beispielsweise wurden in Damaskos saemtliche Juden zunaechst ins Gymnasium
gesperrt und auf die Kunde von einem Misserfolg der roemischen Waffen
vorsichtigerweise saemtlich umgebracht. Gleiches oder aehnliches geschah in
Askalon, in Skytopolis, Hippos, Gadara, ueberall, wo die Hellenen die Staerkeren
waren. In dem ueberwiegend von Syrern bewohnten Gebiet des Koenigs Agrippa
rettete dessen energisches Dazwischentreten den Juden von Caesarea Paneas und
sonst das Leben. In Syrien folgten Ptolemais, Tyros und mehr oder minder die
uebrigen griechischen Gemeinden; nur die beiden groessten und zivilisiertesten
Staedte Antiocheia und Apameia sowie Sidon schlossen sich aus. Dem ist es wohl
zu verdanken, dass diese Bewegung sich nicht nach Vorderasien fortpflanzte. In
Aegypten kam es nicht bloss zu einem Volksauflauf, der zahlreiche Opfer
forderte, sondern die alexandrinischen Legionen selbst mussten auf die Juden
einhauen. Im notwendigen Rueckschlag dieser Judenvesper ergriff die in Jerusalem
siegreiche Insurrektion sofort ganz Judaea und organisierte sich ueberall unter
aehnlicher Misshandlung der Minoritaeten, uebrigens aber mit Raschheit und
Energie.
Es war notwendig, schleunigst einzuschreiten und die weitere Ausbreitung
des Brandes zu verhindern; auf die erste Kunde marschierte der roemische
Statthalter von Syrien, Gaius Cestius Gallus, mit seinen Truppen gegen die
Insurgenten. Er fuehrte etwa 20000 Mann roemischer Soldaten und 13000 der
Klientelstaaten heran, ungerechnet die zahlreichen syrischen Milizen, nahm Joppe
ein, dessen ganze Buergerschaft niedergemacht ward, und stand schon im September
vor, ja in Jerusalem selbst. Aber die gewaltigen Mauern des Koenigspalastes und
des Tempels vermochte er nicht zu brechen und nutzte ebensowenig die mehrfach
gebotene Gelegenheit, durch die gemaessigte Partei in den Besitz der Stadt zu
gelangen. Ob nun die Aufgabe unloesbar oder er ihr nicht gewachsen war, er gab
bald die Belagerung auf und erkaufte sogar den beschleunigten Rueckzug mit der
Aufopferung seines Gepaecks und seiner Nachhut. Zunaechst blieb also oder kam
Judaea mit Einschluss von Idumaea und Galilaea in die Hand der erbitterten
Juden; auch die samaritanische Landschaft ward zum Anschluss genoetigt. Die
ueberwiegend hellenischen Kuestenstaedte Anthedon und Gaza wurden zerstoert,
Caesarea und die anderen Griechenstaedte mit Muehe behauptet. Wenn der Aufstand
nicht ueber die Grenzen Palaestinas hinausging, so war daran nicht bloss die
Regierung Schuld, sondern die nationale Abneigung der Syrohellenen gegen die
Juden.
Die Regierung in Rom nahm die Dinge ernst, wie sie es waren. Anstatt des
Prokurators wurde ein kaiserlicher Legat nach Palaestina gesandt, Titus Flavius
Vespasianus, ein besonnener Mann und ein erprobter Soldat. Er erhielt fuer die
Kriegfuehrung zwei Legionen des Westens, welche infolge des Parthischen Krieges
sich zufaellig noch in Asien befanden, und diejenige syrische, die bei der
ungluecklichen Expedition des Cestius am wenigsten gelitten hatte, waehrend die
syrische Armee unter dem neuen Statthalter Gaius Licinius Mucianus - Gallus war
rechtzeitig gestorben - durch Zuteilung einer anderen Legion auf dem Stande
blieb, den sie vorher hatte ^25. Zu diesen Buergertruppen und deren Auxilien kam
die bisherige Besatzung von Palaestina, endlich die Mannschaften der vier
Klientelkoenige der Kommagener, der Hemesener, der Juden und der Nabataeer,
zusammen etwa 50000 Mann, darunter 15000 Koenigssoldaten ^26. Im Fruehling des
Jahres 67 wurde dieses Heer bei Ptolemais zusammengezogen und rueckte in
Palaestina ein. Nachdem die Insurgenten von der schwachen roemischen Besatzung
der Stadt Askalon nachdruecklich abgewiesen waren, hatten sie nicht weiter die
Staedte angegriffen, die es mit den Roemern hielten; die Hoffnungslosigkeit,
welche die ganze Bewegung durchdringt, drueckt sich aus in dem sofortigen
Verzicht auf jede Offensive. Als dann die Roemer zum Angriff uebergingen, traten
sie ihnen gleichfalls nirgends im offenen Felde entgegen, ja sie machten nicht
einmal Versuche, den einzelnen angegriffenen Plaetzen Entsatz zu bringen.
Allerdings teilte auch der vorsichtige Feldherr der Roemer seine Truppen nicht,
sondern hielt wenigstens die drei Legionen durchaus zusammen. Dennoch war, da in
den meisten einzelnen Ortschaften die oft wohl nur kleine Zahl der Fanatiker die
Buergerschaften terrorisierte, der Widerstand hartnaeckig und die roemische
Kriegfuehrung weder glaenzend noch rasch. Vespasian verwendete den ganzen ersten
Feldzug (67) darauf, die Festungen der kleinen Landschaft Galilaea und die
Kueste bis nach Askalon in seine Gewalt zu bringen; allein vor dem Staedtchen
Jotapata lagerten die drei Legionen fuenfundvierzig Tage. Den Winter 67/68 lag
eine Legion in Skytopolis an der Suedgrenze von Galilaea, die beiden anderen in
Caesarea. Inzwischen waren in Jerusalem die verschiedenen Faktionen
aneinandergeraten und lagen im heftigsten Kampf; die guten Patrioten, die
zugleich fuer buergerliche Ordnung waren, und die noch besseren, welche das
Schreckensregiment teils in fanatischer Spannung, teils in Gesindellust
herbeifuehren und ausnutzen wollten, schlugen sich in den Gassen der Stadt und
waren nur darin einig, dass jeder Versuch der Versoehnung mit den Roemern ein
todeswuerdiges Verbrechen sei. Der roemische Feldherr, vielfach aufgefordert,
diese Zerruettung zu benutzen, blieb dabei, nur schrittweise vorzugehen. Im
zweiten Kriegsjahr liess er zunaechst das transjordanische Gebiet, namentlich
die wichtigen Staedte Gadara und Gerasa besetzen und setzte sich dann bei Emmaus
und Jericho, von wo aus er im Sueden Idumaea, im Norden Samaria okkupieren
liess, so dass Jerusalem im Sommer des Jahres 68 von allen Seiten umstellt war.
Die Belagerung sollte eben beginnen, als die Nachricht von dem Tode Neros
eintraf. Damit war von Rechts wegen das dem Legaten erteilte Mandat erloschen
und Vespasian stellte in der Tat, politisch nicht minder vorsichtig wie
militaerisch, bis auf neue Verhaltungsbefehle die Operationen ein. Bevor diese
von Galba eintrafen, war die gute Jahreszeit zu Ende. Als das Fruehjahr 69
herankam, war Galba gestuerzt und schwebte die Entscheidung zwischen dem Kaiser
der roemischen Leibgarde und dem der Rheinarmee. Erst nach Vitellius' Sieg, im
Juni 69, nahm Vespasian die Operationen wieder auf und besetzte Hebron; aber
sehr bald kuendigten die saemtlichen Heere des Ostens jenem die Treue auf und
riefen den bisherigen Legaten von Judaea zum Kaiser aus. Den Juden gegenueber
wurden zwar die Stellungen bei Emmaus und Jericho behauptet, allein wie die
germanischen Legionen den Rhein entbloesst hatten, um ihren Feldherrn zum Kaiser
zu machen, so ging auch der Kern der Armee von Palaestina teils mit dem Legaten
von Syrien, Mucianus, nach Italien ab, teils mit dem neuen Kaiser und dessen
Sohn Titus nach Syrien und weiter nach Aegypten, und erst, nachdem Ende 69 der
Sukzessionskrieg beendigt und Vespasians Herrschaft im ganzen Reiche anerkannt
war, beauftragte dieser seinen Sohn mit der Beendigung des Juedischen Krieges.
----------------------------------------------------
^25 Wie die Besatzungsverhaeltnisse in Syrien geordnet worden sind, nachdem
im Jahre 63 der Parthische Krieg beendigt war, ist nicht voellig klar. Am Ende
desselben standen sieben Legionen im Orient, die vier urspruenglich syrischen 3.
Gallica, 6. Ferrata, 10. Fretensis, 12. Fulminata und drei aus dem Okzident
herangefuehrte, die 4. Scythica aus Moesien, die 5. Macedonica wahrscheinlich
ebendaher (wofuer wohl eine obergermanische Legion nach Moesien ging, die 15.
Apollinaris aus Pannonien. Da ausser Syrien damals keine asiatische Provinz mit
Legionen belegt war und der Statthalter von Syrien gewiss in Friedenszeiten nie
mehr als vier Legionen gehabt hat, so ist das syrische Heer ohne Zweifel damals
auch auf diesen Stand zurueckgefuehrt worden oder hat doch darauf
zurueckgefuehrt werden sollen. Die vier Legionen, die danach in Syrien bleiben
sollten, waren, wie dies ja auch am naechsten liegt, die vier alten syrischen;
denn die 3. war im Jahre 70 eben von Syrien nach Moesien marschiert (Suet. Vesp.
6; Tac. hist. 2, 74) und dass die 6., 10., 12. zum Heere des Cestius gehoerten,
folgt aus Ios. bel. Iud. 2, 18, 9; 19, 7; 7, 1, 3. Als dann der Juedische Krieg