bel. Iud. 2, 18, 7), so war dies eine Entstellung des wahren Sachverhaeltnisses.

Sie waren Schutzgenossen zunaechst der Phyle der Makedonier, wahrscheinlich der

vornehmsten von allen, und darum nach Dionysos benannt (Theophilus ad Autolycum

2, 7), und weil das Judenquartier ein Teil dieser Phyle war, macht Josephus in

seiner Weise sie selbst zu Makedoniern. Die Rechtsstellung der Bevoelkerung der

Griechenstaedte dieser Kategorie erhellt am deutlichsten aus der Nachricht

Strabons (bei Ios. ant. Iud. 14, 7, 2) ueber die vier Kategorien derjenigen von

Kyrene: Stadtbuerger, Landleute (ge/o/rgoi), Fremde und Juden. Sieht man von den

Metoeken ab, die ihre rechtliche Heimat auswaerts haben, so bleiben als

heimatberechtigte Kyrenaeer die vollberechtigten Buerger, also die Hellenen und

was man als solche gelten liess, und die zwei Kategorien der vom aktiven

Buergerrecht Ausgeschlossenen, die Juden, die eine eigene Gemeinde bilden, und

die Untertanen, die Libyer, welchen die Autonomie fehlt. Dies konnte leicht so

verschoben werden, dass die beiden privilegierten Kategorien auch als

gleichberechtigt erschienen.

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So kamen die Juden dazu, bei der makedonischen Hellenisierung des Orients

eine hervorragende Rolle zu spielen; ihre Gefuegigkeit und Brauchbarkeit

einerseits, ihre unnachgiebige Zaehigkeit andererseits muessen die sehr

realistischen Staatsmaenner, die diese Wege wiesen, bestimmt haben, sich zu

solchen Einrichtungen zu entschliessen. Nichtsdestoweniger bleibt die

ausserordentliche Ausdehnung und Bedeutung der juedischen Diaspora gegenueber

der engen und geringen Heimat wie einerseits eine Tatsache, so andererseits ein

Problem. Man wird dabei nicht uebersehen duerfen, dass die palaestinensischen

Juden fuer die des Auslandes nicht mehr als den Kern geliefert haben. Das

Judentum der aelteren Zeit ist nichts weniger als exklusiv, vielmehr von

missionarem Eifer nicht minder durchgedrungen wie spaeterhin das Christentum und

der Islam. Das Evangelium weiss von den Rabbis, welche Meer und Land

durchziehen, um einen Proselyten zu machen; die Zulassung der halben Proselyten,

denen die Beschneidung nicht zugemutet, aber dennoch eine religioese

Gemeinschaft gewaehrt wird, ist ein Zeugnis dieses Bekehrungseifers wie zu

gleicher Zeit eines seiner wirksamsten Mittel. Motive sehr verschiedener Art

kamen dieser Propaganda zustatten. Die buergerlichen Privilegien, welche die

Lagiden und die Seleukiden den Juden erteilten, muessen eine grosse Zahl

nichtjuedischer Orientalen und Halbhellenen veranlasst haben, sich in den

Neustaedten der privilegierten Kategorie der Nichtbuerger anzuschliessen. In

spaeterer Zeit kam der Verfall des traditionellen Landesglaubens der juedischen

Propaganda entgegen. Zahlreiche Personen besonders der gebildeten Staende, deren

glaeubige und sittliche Empfindung von dem, was die Griechen, und noch mehr von

dem, was die Aegypter Religion nannten, sich schaudernd oder spottend abwandte,

suchten Zuflucht in der einfacheren und reineren, der Vielgoetterei und dem

Bilderdienst absagenden juedischen Lehre, welche den aus dem Niederschlag der

philosophischen Entwicklung den gebildeten und halbgebildeten Kreisen

zugefuehrten religioesen Anschauungen weit entgegenkam. Es gibt ein

merkwuerdiges griechisches Moralgedicht, wahrscheinlich aus der spaeteren Epoche

der roemischen Republik, welches aus den mosaischen Buechern in der Weise

geschoepft ist, dass es die monotheistische Lehre und das allgemeine

Sittengesetz aufnimmt, aber alles dem Nichtjuden Anstoessige und alle

unmittelbare Opposition gegen die herrschende Religion vermeidet, offenbar

bestimmt, fuer dies denationalisierte Judentum weitere Kreise zu gewinnen.

Insbesondere die Frauen wandten sich mit Vorliebe dem juedischen Glauben zu. Als

die Behoerden von Damaskos im Jahre 66 die gefangenen Juden umzubringen

beschlossen, wurde verabredet, diesen Beschluss geheim zu halten, damit die den

Juden ergebene weibliche Bevoelkerung nicht die Ausfuehrung verhindere. Sogar im

Okzident, wo die gebildeten Kreise sonst dem juedischen Wesen abgeneigt waren,

machten vornehme Damen schon frueh eine Ausnahme; die aus edlem Geschlecht

entsprossene Gemahlin Neros, Poppaea Sabina, war, wie durch andere minder

ehrbare Dinge, so auch stadtkundig durch ihren frommen Judenglauben und ihr

eifriges Judenprotektorat. Foermliche Uebertritte zum Judentum kamen nicht

selten vor; das Koenigshaus von Adiabene zum Beispiel, Koenig Izates und seine

Mutter Helena sowie sein Bruder und Nachfolger wurden in der Zeit des Tiberius

und des Claudius in aller Form Juden. Sicher gilt von allen jenen Judenschaften,

was von der antiochenischen ausdruecklich bemerkt wird, dass sie zum grossen

Teil aus uebergetretenen bestanden.

Diese Verpflanzung des Judentums auf den hellenischen Boden unter Aneignung

einer fremden Sprache vollzog sich, wie sehr sie auch unter Festhaltung der

nationalen Individualitaet stattfand, nicht ohne in dem Judentum selbst eine

seinem Wesen zuwiderlaufende Tendenz zu entwickeln und bis zu einem gewissen

Grad dasselbe zu denationalisieren. Wie maechtig die inmitten der Griechen

lebenden Judenschaften von den Wellen des griechischen Geisteslebens erfasst

wurden, davon traegt die Literatur des letzten Jahrhunderts vor und des ersten

nach Christi Geburt die Spuren. Sie ist getraenkt von juedischen Elementen, und

es sind mit die hellsten Koepfe und die geistreichsten Denker, welche entweder

als Hellenen in das juedische oder als Juden in das hellenische Wesen den

Eingang suchen. Nikolaos von Damaskos, selber ein Heide und ein namhafter

Vertreter der aristotelischen Philosophie, fuehrte nicht bloss als Literat und

Diplomat des Koenigs Herodes bei Agrippa wie bei Augustus die Sache seines

juedischen Patrons und der Juden, sondern es zeigt auch seine historische

Schriftstellerei einen sehr ernstlichen und fuer jene Epoche bedeutenden

Versuch, den Orient in den Kreis der okzidentalischen Forschung hineinzuziehen,

waehrend die noch erhaltene Schilderung der Jugendjahre des ihm auch persoenlich

nahegetretenen Kaisers Augustus ein denkwuerdiges Zeugnis der Liebe und der

Verehrung ist, welche der roemische Herrscher in der griechischen Welt fand. Die

Abhandlung vom Erhabenen, geschrieben in der ersten Kaiserzeit von einem

unbekannten Verfasser, eine der feinsten uns aus dem Altertum erhaltenen

aesthetischen Arbeiten, ruehrt sicher wenn nicht von einem Juden, so doch von

einem Manne her, der Homeros und Moses gleichmaessig verehrte ^4. Eine andere,

ebenfalls anonyme Schrift ueber das Weltganze, gleichfalls ein in seiner Art

achtbarer Versuch, die Lehre des Aristoteles mit der der Stoa zu verschmelzen,

ist vielleicht auch von einem Juden geschrieben, sicher dem angesehensten und

hoechstgestellten Juden der neronischen Zeit, dem Generalstabschef des Corbulo

und des Titus, Tiberius Alexandros gewidmet. Am deutlichsten tritt uns die

Vermaehlung der beiden Geisteswelten entgegen in der juedisch-alexandrinischen

Philosophie, dem schaerfsten und greifbarsten Ausdruck einer das Wesen des

Judentums nicht bloss ergreifenden, sondern auch angreifenden religioesen

Bewegung. Die hellenische Geistesentwicklung lag im Kampf mit den nationalen

Religionen aller Art, indem sie deren Anschauungen entweder negierte oder auch

mit anderem Inhalt erfuellte, die bisherigen Goetter aus den Gemuetern der

Menschen austrieb und auf die leeren Plaetze entweder nichts setzte oder die

Gestirne und abstrakte Begriffe. Diese Angriffe trafen auch die Religion der

Juden. Es bildete sich ein Neujudentum hellenischer Bildung, das mit Jehova

nicht ganz so arg, aber doch nicht viel anders verfuhr als die gebildeten

Griechen und Roemer mit Zeus und Jupiter. Das Universalmittel der sogenannten

allegorischen Deutung, wodurch insbesondere die Philosophen der Stoa die

heidnischen Landesreligionen ueberall in hoeflicher Weise vor die Tuere gesetzt

hatten, passte fuer die Genesis ebenso gut und ebenso schlecht wie fuer die

Goetter der Ilias; wenn Moses mit Abraham eigentlich den Verstand, mit Sarah die

Tugend, mit Noah die Gerechtigkeit gemeint hatte, wenn die vier Stroeme des

Paradieses die vier Kardinaltugenden waren, so konnte der aufgeklaerteste

Hellene an die Thora glauben. Aber eine Macht war dies Pseudojudentum auch, und

der geistige Primat der Judenschaft Aegyptens tritt vor allem darin hervor, dass

diese Richtung vorzugsweise ihre Vertreter in Alexandreia gefunden hat.

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^4 Pseudo-Longinus peri ?psoys: "Weit besser als der Goetterkrieg ist bei

Homeros die Schilderung der Goetter in ihrer Vollkommenheit und echten Groesse

und Reinheit, wie die des Poseidon (Ilias 13,18 f.). Ebenso schreibt der

Gesetzgeber der Juden, kein geringer Mann (oych o tych/o/n an/e/r), nachdem er

die goettliche Gewalt in wuerdiger Weise erfasst und zum Ausdruck gebracht hat,

gleich zu Anfang der Gesetze (Gen. 1, 3): Es sprach der Gott - was? es werde

Licht! und es ward Licht; es werde die Erde! und die Erde ward."

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Trotz der innerlichen Scheidung, welche bei den palaestinensischen Juden

sich vollzogen und nur zu oft geradezu zum Buergerkrieg gesteigert hatte, trotz

der Versprengung eines grossen Teils der Judenschaft in das Ausland, trotz des

Eindringens fremder Massen in dieselbe und sogar des destruktiven

hellenistischen Elements in ihren innersten Kern blieb die Gesamtheit der Juden

in einer Weise vereinigt, fuer welche in der Gegenwart nur etwa der Vatikan und

die Kaaba eine gewisse Analogie bieten. Das heilige Salem blieb die Fahne, Zions

Tempel das Palladium der gesamten Judenschaft, mochten sie den Roemern oder den

Parthern gehorchen, aramaeisch oder griechisch reden, ja an den alten Jahve

glauben oder an den neuen, der keiner war. Dass der Schirmherr dem geistlichen

Oberhaupt der Juden eine gewisse weltliche Macht zugestanden hatte, bedeutete

fuer die Judenschaft ebensoviel, der geringe Umfang dieser Macht ebensowenig wie

seiner Zeit fuer die Katholiken der sogenannte Kirchenstaat. Jedes Mitglied

einer juedischen Gemeinde hatte jaehrlich nach Jerusalem ein Didrachmon als

Tempelschoss zu entrichten, welcher regelmaessiger einging als die

Staatssteuern; jedes war verpflichtet, wenigstens einmal in seinem Leben dem

Jehovah persoenlich an dein Orte zu opfern, der ihm allein in der Welt

wohlgefaellig war. Die theologische Wissenschaft blieb gemeinschaftlich; die

babylonischen und die alexandrinischen Rabbiner haben daran sich nicht minder

beteiligt wie die von Jerusalem. Das unvergleichlich zaehe Gefuehl der

nationalen Zusammengehoerigkeit, wie es in der rueckkehrenden Exulantengemeinde

sich festgesetzt und dann jene Sonderstellung der Juden in der Griechenwelt mit

durchgesetzt hatte, behauptete sich trotz Zerstreuung und Spaltung. Am

bemerkenswertesten ist das Fortleben des Judentums selbst in den davon in der

inneren Religion losgeloesten Kreisen. Der namhafteste, fuer uns der einzige

deutlich greifbare Vertreter dieser Richtung in der Literatur, Philon, einer der

vornehmsten und reichsten Juden aus der Zeit des Tiberius, steht in der Tat zu

seiner Landesreligion nicht viel anders als Cicero zu der roemischen; aber er

selbst glaubte, nicht sie aufzuloesen, sondern sie zu erfuellen. Auch ihm ist,

wie jedem anderen Juden, Moses die Quelle aller Wahrheit, seine geschriebene

Weisung bindendes Gesetz, seine Empfindung Ehrfurcht und Glaeubigkeit. Es ist

dies sublimierte Judentum dem sogenannten Goetterglauben der Stoa doch nicht

voellig identisch. Die Koerperlichkeit des Gottes verschwindet fuer Philon, aber

die Persoenlichkeit nicht, und es misslingt ihm vollstaendig, was das Wesen der

hellenischen Philosophie ist, die Goettlichkeit in die Menschenbrust zu

verlegen; es bleibt die Anschauung, dass der suendhafte Mensch abhaenge von

einem vollkommenen, ausser und ueber ihm stehenden Wesen. Ebenso fuegt das neue

Judentum sich dem nationalen Ritualgesetz weit unbedingter als das neue

Heidentum. Der Kampf des alten und des neuen Glaubens ist in dem juedischen

Kreise deswegen von anderer Art als in dem heidnischen, weil der Einsatz ein

groesserer war; das reformierte Heidentum streitet nur gegen den alten Glauben,

das reformierte Judentum wuerde in seiner letzten Konsequenz das Volkstum

aufheben, welches in dem Ueberfluten des Hellenismus mit der Verfluechtigung des

Landesglaubens notwendig verschwand, und scheut deshalb davor zurueck, diese

Konsequenz zu ziehen. Daher ist auf griechischem Boden und in griechischer

Sprache, wenn nicht das Wesen, doch die Form des alten Glaubens mit

beispielloser Hartnaeckigkeit festgehalten und verteidigt worden, verteidigt

auch von denen, die im Wesen vor dem Hellenismus kapitulieren. Philon selbst

hat, wie weiterhin erzaehlt werden soll, fuer die Sache der Juden gestritten und

gelitten. Darum aber hat auch die hellenistische Richtung im Judentum auf dieses

selbst nie uebermaechtig eingewirkt, niemals vermocht, dem nationalen Judentum

entgegenzutreten, kaum dessen Fanatismus zu mildern und die Verkehrtheiten und

Frevel desselben zu hemmen. In allen wesentlichen Dingen, insbesondere dem Druck

und der Verfolgung gegenueber, verschwinden die Differenzen des Judentums, und

wie unbedeutend der Rabbinerstaat war, die religioese Gemeinschaft, der er

vorstand, war eine ansehnliche, unter Umstaenden eine furchtbare Macht.

Diesen Verhaeltnissen fanden die Roemer sich gegenueber, als sie im Orient

die Herrschaft antraten. Die Eroberung zwingt dem Eroberer nicht minder die Hand

als dem Eroberten. Das Werk der Jahrhunderte, die makedonischen

Stadteinrichtungen konnten weder die Arsakiden noch die Caesaren ungeschehen

machen; weder Seleukeia am Euphrat noch Antiocheia und Alexandreia konnten von

den nachfolgenden Regierungen angetreten werden unter der Wohltat des Inventars.

Wahrscheinlich hat der dortigen juedischen Diaspora gegenueber der Begruender

des Kaiserregiments sich, wie in so vielen anderen Dingen, die Politik der

ersten Lagiden zur Richtschnur genommen und das Judentum des Orients in seiner

Sonderstellung eher gefoerdert als gehindert; und dies Verfahren ist dann fuer

seine Nachfolger durchgaengig massgebend gewesen. Es ist schon erzaehlt worden,

dass die vorderasiatischen Gemeinden unter Augustus den Versuch machten, ihre

juedischen Mitbuerger bei der Aushebung gleichmaessig heranzuziehen und ihnen

die Einhaltung des Sabbaths nicht ferner zu gestatten; Agrippa aber entschied

gegen sie und hielt den Status quo zu Gunsten der Juden aufrecht oder stellte

vielmehr die bisher wohl nur von einzelnen Statthaltern oder Gemeinden der

griechischen Provinzen nach Umstaenden zugelassene Befreiung der Juden vom

Kriegsdienst und das Sabbathprivilegium vielleicht jetzt erst rechtlich fest.

Augustus wies ferner die Statthalter von Asia an, die strengen Reichsgesetze

ueber Vereine und Versammlungen gegen die Juden nicht zur Anwendung zu bringen.

Aber die roemische Regierung hat es nicht verkannt, dass die den Juden im Orient

eingeraeumte exempte Stellung mit der unbedingten Verpflichtung der

Reichsangehoerigen zur Erfuellung der vom Staat geforderten Leistungen sich

nicht vereinigen liess, dass die garantierte Sonderstellung der Judenschaft den

Rassenhass und unter Umstaenden den Buergerkrieg in die einzelnen Staedte trug,

dass das fromme Regiment der Behoerden von Jerusalem ueber alle Juden des

Reiches eine bedenkliche Tragweite hatte und dass in allem diesem fuer den Staat

eine praktische Schaedigung und eine prinzipielle Gefahr lag. Der innerliche

Dualismus des Reiches drueckt in nichts sich schaerfer aus als in der

verschiedenen Behandlung der Juden in dem lateinischen und dem griechischen

Sprachgebiet. Im Okzident sind die autonomen Judenschaften niemals zugelassen

worden. Man tolerierte wohl daselbst die juedischen Religionsgebraeuche wie die

syrischen und die aegyptischen oder vielmehr etwas weniger als diese; der

Judenkolonie in der Vorstadt Roms jenseits des Tiber zeigte Augustus sich

guenstig und liess bei seinen Spenden den, der des Sabbaths wegen sich versaeumt

hatte, nachtraeglich zu. Aber er persoenlich vermied jede Beruehrung wie mit dem

aegyptischen so auch mit dem juedischen Kultus, und wie er selbst in Aegypten

dem heiligen Ochsen aus dem Wege gegangen war, so billigte er es durchaus, dass

sein Sohn Gaius, als er nach dem Orient ging, bei Jerusalem vorbeiging. Unter

Tiberius wurde sogar im Jahre 19 in Rom und ganz Italien der juedische Kultus

zugleich mit dem aegyptischen untersagt und diejenigen, die sich nicht dazu

verstanden, ihn oeffentlich zu verleugnen und die heiligen Geraete ins Feuer zu

werfen, aus Italien ausgewiesen, soweit sie nicht als tauglich fuer den

Kriegsdienst in Strafkompanien verwendet werden konnten, wo dann nicht wenige

ihrer religioesen Skrupel wegen dem Kriegsgericht verfielen. Wenn, wie wir

nachher sehen werden, eben dieser Kaiser im Orient jedem Konflikt mit dem Rabbi

fast aengstlich aus dem Wege ging, so zeigt sich hier deutlich, dass er, der

tuechtigste Herrscher, den das Reich gehabt hat, die Gefahren der juedischen

Immigration ebenso deutlich erkannte wie die Unbilligkeit und die

Unmoeglichkeit, da, wo das Judentum bestand, es zu beseitigen ^5. Unter den

spaeteren Regenten aendert, wie wir im weiteren Verlauf finden werden, in der

Hauptsache die ablehnende Haltung gegen die Juden des Okzidents sich nicht,

obwohl sie im uebrigen mehr dem Beispiel des Augustus folgen als dem des

Tiberius. Man hinderte die Juden nicht, die Tempelsteuer in der Form

freiwilliger Beitraege einzuziehen und nach Jerusalem zu senden. Es wurde ihnen

nicht gewehrt, wenn sie einen Rechtshandel lieber vor einen juedischen

Schiedsrichter brachten als vor ein roemisches Gericht. Von zwangsweiser

Aushebung zum Dienst, wie Tiberius sie anordnete, ist auch im Okzident

spaeterhin nicht weiter die Rede. Aber eine oeffentlich anerkannte

Sonderstellung und oeffentlich anerkannte Sondergerichte haben die Juden im

heidnischen Rom und ueberhaupt im lateinischen Westen niemals erhalten. Vor

allem aber haben im Okzident, abgesehen von der Hauptstadt, die der Natur der

Sache nach auch den Orient mit repraesentierte und schon in der ciceronischen

Zeit eine zahlreiche Judenschaft in sich schloss, die Judengemeinden in der

frueheren Kaiserzeit nirgends besondere Ausdehnung oder Bedeutung gehabt ^6. Nur

im Orient gab die Regierung von vornherein nach oder vielmehr, sie versuchte

nicht, die bestehenden Verhaeltnisse zu aendern und den daraus resultierenden

Gefahren vorzubeugen; und so haben denn auch, wie die heiligen Buecher der Juden

der lateinischen Welt erst in lateinischer Sprache durch die Christen bekannt

geworden sind, die grossen Judenbewegungen der Kaiserzeit sich durchaus auf den

griechischen Osten beschraenkt. Hier wurde kein Versuch gemacht, mit der

rechtlichen Sonderstellung des Juden die Quelle des Judenhasses allmaehlich zu

verstopfen, aber ebensowenig, von Laune und Verkehrtheiten einzelner Regenten

abgesehen, dem Judenhass und den Judenhetzen von Seiten der Regierung Vorschub

getan. In der Tat ist die Katastrophe des Judentums nicht aus der Behandlung der

juedischen Diaspora im Orient hervorgegangen. Lediglich die in verhaengnisvoller

Weise sich entwickelnden Beziehungen des Reichsregiments zu dem juedischen

Rabbistaat haben nicht bloss die Zerstoerung des Gemeinwesens von Jerusalem

herbeigefuehrt, sondern weiter die Stellung der Juden im Reiche ueberhaupt

erschuettert und verschoben. Wir wenden uns dazu, die Vorgaenge in Palaestina

unter der roemischen Herrschaft zu schildern.

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^5 Der Jude Philon schreibt die Behandlung der Juden in Italien auf

Rechnung des Seianus (leg. 24; in Flacc. 1), die der Juden im Osten auf die des

Kaisers selbst. Aber Josephus fuehrt vielmehr, was in Italien geschah, zurueck

auf einen Skandal in der Hauptstadt, welchen drei juedische fromme Schwindler

und eine zum Judentum bekehrte vornehme Dame gegeben hatten, und Philon selbst

gibt zu, dass Tiberius nach Seians Sturz den Statthaltern nur gewisse

Milderungen in dem Verfahren gegen die Juden aufgegeben habe. Die Politik des

Kaisers und die seiner Minister den Juden gegenueber war im wesentlichen

dieselbe.

^6 Agrippa II., der die juedischen Ansiedlungen im Ausland aufzaehlt (bei

Philon leg. ad Gaium 36), nennt keine Landschaft westlich von Griechenland, und

unter den in Jerusalem weilenden Fremden, die die Apostelgeschichte 2, 5 f.

verzeichnet, sind aus dem Westen nur Roemer genannt.

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Die Zustaende im suedlichen Syrien waren von den Feldherrn der Republik,

Pompeius und seinen naechsten Nachfolgern, in der Weise geordnet worden, dass

die groesseren Gewalten, die dort anfingen sich zu bilden, wieder herabgedrueckt

und das ganze Land in einzelne Stadtgebiete und Kleinherrschaften aufgeloest

wurde. Am schwersten waren davon die Juden betroffen worden; nicht bloss hatten

sie allen hinzugewonnenen Besitz, namentlich die ganze Kueste, herausgeben

muessen, sondern Gabinius hatte sogar den alten Bestand des Reiches in fuenf

selbstaendig sich verwaltende Kreise aufgeloest und dem Hohenpriester Hyrkanos

seine weltlichen Befugnisse entzogen. Damit war also wie einerseits die

Schutzmacht, so andererseits die reine Theokratie wieder hergestellt. Indes

aenderte dies sich bald. Hyrkanos oder vielmehr der fuer ihn regierende

Minister, der Idumaeer Antipatros ^7, gelangte wohl schon durch Gabinius selbst,

dem er bei seinen parthischen und aegyptischen Unternehmungen sich unentbehrlich

zu machen verstand, wiederum zu der fuehrenden Stellung im suedlichen Syrien.

Nach der Pluenderung des Tempels von Jerusalem durch Crassus ward der dadurch

veranlasste Aufstand der Juden hauptsaechlich durch ihn gedaempft. Es war fuer

ihn eine guenstige Fuegung, dass die juedische Regierung nicht genoetigt ward,

in die Krisis zwischen Caesar und Pompeius, fuer welchen sie wie der ganze Osten

sich erklaert hatte, handelnd einzugreifen. Dennoch waere wohl, nachdem der

Bruder und Rivale des Hyrkanos, Aristobulos, sowie dessen Sohn Alexander, wegen

ihres Eintretens fuer Caesar, durch die Pompeianer ihr Leben verloren hatten,

nach Caesars Sieg der zweite Sohn Antigonos von diesem in Judaea als Herrscher

eingesetzt worden. Aber als Caesar, nach dem entscheidenden Sieg nach Aegypten

gekommen, sich in Alexandreia in einer gefaehrlichen Lage befand, war es

vornehmlich Antipatros, der ihn aus dieser befreite, und dies schlug durch;

Antigonos musste zurueckstehen hinter der neueren, aber wirksameren Treue. Nicht

am wenigsten hat Caesars persoenliche Dankbarkeit die foermliche Restauration

des Judenstaates gefoerdert. Das Juedische Reich erhielt die beste Stellung, die

dem Klientelstaat gewaehrt werden konnte, voellige Freiheit von Abgaben an die

Roemer ^8 und von militaerischer Besatzung und Aushebung ^9, wogegen allerdings

auch die Pflichten und die Kosten der Grenzverteidigung von der einheimischen

Regierung zu uebernehmen waren. Die Stadt Ioppe und damit die Verbindung mit dem

Meer wurde zurueckgegeben, die Unabhaengigkeit der inneren Verwaltung sowie die

freie Religionsuebung garantiert, die bisher verweigerte Wiederherstellung der

Römische Geschichte — Buch 8 · 第 55 / 73 段