Bostra mit Damaskos verbindende Roemerstrasse; in der Ledja und um sie zaehlt
man die Ruinen von 12 groesseren und 39 kleineren Ortschaften. Erweislich ist
auf Geheiss desselben Statthalters, der die Provinz Arabia eingerichtet hat, der
maechtige Aquaedukt angelegt worden, welcher das Wasser vom Gebirge des Hauran
nach Kanatha (Kerak) in der Ebene fuehrte, und nicht weit davon ein aehnlicher
in Arrha (Raha), Bauten Traians, die neben dem Hafen von Ostia und dem Forum von
Rom genannt werden duerfen. Fuer das Aufbluehen des Handelsverkehrs spricht die
Wahl selbst der Hauptstadt der neuen Provinz. Bostra bestand unter der
nabataeischen Regierung und es hat sich dort eine Inschrift des Koenigs Malichu
gefunden; aber seine militaerische und kommerzielle Bedeutung beginnt mit dem
Eintritt des unmittelbaren roemischen Regiments. "Bostra", sagt Wetzstein, "hat
unter allen ostsyrischen Staedten die guenstigste Lage; selbst Damaskos, welches
seine Groesse der Menge seines Wassers und seiner durch den oestlichen Trachon
geschuetzten Lage verdankt, wird Bostra nur unter einer schwachen Regierung
ueberstrahlen, waehrend letzteres unter einem starken und weisen Regiment sich
in wenigen Jahrzehnten zu einer maerchenhaften Bluete emporschwingen muss. Es
ist der grosse Markt fuer die syrische Wueste, das arabische Hochgebirge und die
Peraea, und seine langen Reihen steinerner Buden legen noch jetzt in der
Veroedung Zeugnis ab von der Realitaet einer frueheren und der Moeglichkeit
einer kuenftigen Groesse." Die Reste der von dort ueber Salchat und Ezrak zum
Persischen Meerbusen fuehrenden roemischen Strasse beweisen, dass Bostra neben
Petra und Palmyra den Verkehr vom Osten zum Mittelmeer vermittelte. Diese Stadt
hat wahrscheinlich schon Traian hellenisch konstituiert; wenigstens heisst sie
seitdem "das neue traianische Bostra", und die griechischen Muenzen beginnen mit
Plus, waehrend spaeter infolge der Erteilung des Kolonialrechts durch Alexander
die Aufschrift lateinisch wird.
Auch Petra hat schon unter Hadrian griechische Stadtverfassung gehabt und
noch einzelne andere Ortschaften spaeterhin Stadtrecht empfangen; ueberwogen
aber hat in diesem Arabergebiet bis in die spaeteste Zeit der Stamm und das
Stammdorf.
Aus der Mischung nationaler und griechischer Elemente entwickelte sich in
diesen Landschaften in dem halben Jahrtausend zwischen Traian und Mohammed eine
eigenartige Zivilisation. Es ist uns davon ein volleres Abbild erhalten als von
anderen Gestaltungen der antiken Welt, indem die zum grossen Teil aus dem Felsen
herausgearbeiteten Anlagen von Petra und die bei dem Mangel des Holzes ganz aus
Stein aufgefuehrten Bauwerke im Hauran, verhaeltnismaessig wenig beschaedigt
durch die mit dem Islam hier wieder in ihr altes Unrecht eingesetzte
Beduinenherrschaft, zu einem betraechtlichen Teil noch heute vorhanden sind und
auf die Kunstfertigkeit und Lebensweise jener Jahrhunderte helles Licht werfen.
Der oben erwaehnte Tempel des Baalsamin von Kanatha, sicher unter Herodes
gebaut, zeigt in seinen urspruenglichen Teilen eine voellige Verschiedenheit von
der griechischen Architektur und in der architektonischen Anlage merkwuerdige
Analogien mit dem Tempelbau desselben Koenigs in Jerusalem, waehrend die bei
diesem vermiedenen bildlichen Darstellungen hier keineswegs fehlen. Aehnliches
ist auch bei den in Petra gefundenen Denkmaelern beobachtet worden. Spaeter ging
man weiter. Wenn unter den juedischen und den nabataeischen Herrschern die
Kultur nur langsam sich von den Einfluessen des Orients loeste, so scheint mit
der Verlegung der Legion nach Bostra hier eine neue Zeit begonnen zu haben. "Das
Bauen", sagt ein vortrefflicher franzoesischer Beobachter, Melchior de Vogue,
"erhielt damit einen Anstoss, der nicht wieder zum Stillstand kam. Ueberall
erhoben sich Haeuser, Palaeste, Baeder, Tempel, Theater, Aquaedukte,
Triumphbogen; Staedte stiegen aus dem Boden binnen weniger Jahre mit der
regelmaessigen Anlage, den symmetrisch gefuehrten Saeulenreihen, die die Staedte
ohne Vergangenheit bezeichnen und fuer diesen Teil Syriens waehrend der
Kaiserzeit gleichsam die unvermeidliche Uniform sind." Die oestliche und
suedliche Abdachung des Hauran weist ungefaehr dreihundert derartige veroedete
Staedte und Doerfer auf, waehrend dort jetzt nur fuenf neue Ortschaften
vorhanden sind; einzelne von jenen, zum Beispiel Busan, zaehlen bis 800 ein- bis
zweistoeckige Haeuser, durchaus aus Basalt gebaut, mit wohlgefuegten, ohne
Zement verbundenen Quadermauern, meist ornamentierten, oft auch mit Inschriften
versehenen Tueren, die flache Decke gebildet durch Steinbalken, welche von
Steinbogen getragen und oben durch eine Zementlage regenfrei gestellt werden.
Die Stadtmauer wird gewoehnlich nur durch die zusammengeschlossenen Rueckseiten
der Haeuser gebildet und ist durch zahlreiche Tuerme geschuetzt. Die duerftigen
Rekolonisierungsversuche der neuesten Zeiten finden die Haeuser bewohnbar vor;
es fehlt nur die fleissige Menschenhand oder vielmehr der starke Arm, der sie
beschuetzt. Vor den Toren liegen die oft unterirdischen oder mit kuenstlichem
Steindach versehenen Zisternen, von denen manche noch heute, wo diese
Staedtewueste zum Weideland geworden ist, von den Beduinen im Stande gehalten
werden, um daraus im Sommer ihre Herden zu traenken. Die Bauweise und die
Kunstuebung haben wohl einzelne Ueberreste der aelteren orientalischen Weise
bewahrt, zum Beispiel die haeufige Grabform des mit einer Pyramide gekroenten
Wuerfels, vielleicht auch die oft dem Grabmal beigefuegten, noch heute in ganz
Syrien haeufigen Taubentuerme, ist aber, im ganzen genommen, die gewoehnliche
griechische der Kaiserzeit. Nur hat das Fehlen des Holzes hier eine Entwicklung
des Steinbogens und der Kuppel hervorgerufen, die technisch wie kuenstlerisch
diesen Bauten einen originellen Charakter verleiht. Im Gegensatz zu der anderswo
ueblichen gewohnheitsmaessigen Wiederholung der ueberlieferten Formen herrscht
hier eine den Beduerfnissen und den Bedingungen selbstaendig genuegende, in der
Ornamentik masshaltende, durchaus gesunde und rationelle und auch der Eleganz
nicht entbehrende Architektur. Die Grabstaetten, welche in die oestlich und
westlich von Petra aufsteigenden Felswaende und in deren Seitentaeler
eingebrochen sind, mit ihren oft in mehreren Reihen uebereinandergestellten
dorischen oder korinthischen Saeulenfassaden und ihren an das aegyptische Theben
erinnernden Pyramiden und Propylaeen sind nicht kuenstlerisch erfreulich, aber
imponierend durch Masse und Reichtum. Nur ein reges Leben und ein hoher
Wohlstand hat also fuer seine Toten zu sorgen vermocht. Diesen architektonischen
Denkmaelern gegenueber befremdet es nicht, wenn die Inschriften eines Theaters
in dem "Dorf" (k/o/m/e/) Sakkaea, eines "theaterfoermigen Odeons" in Kanatha
Erwaehnung tun und ein Lokalpoet von Namara in der Batanaea sich selber feiert
als den "Meister der herrlichen Kunst stolzen ausonischen Lieds" ^34. Also ward
an dieser Ostgrenze des Reiches der hellenischen Zivilisation ein Grenzgebiet
gewonnen, das mit dem romanisierten Rheinland zusammengestellt werden darf; die
Bogen- und Kuppelbauten Ostsyriens halten wohl den Vergleich aus mit den
Schloessern und Grabmaelern der Edlen und der Kaufherren der Belgica.
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^34 Aysoni/o/n mo?s/e/s ypsinooy pr?tanis. G. Kaibel, Epigrammata Graeca.
Berlin 1878, 440.
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Aber es kam das Ende. Von den aus dem Sueden hierher einwandernden
Araberstaemmen schweigt die geschichtliche Ueberlieferung der Roemer, und was
die spaeten Aufzeichnungen der Araber ueber die der Ghassaniden und deren
Vorlaeufer berichten, ist wenigstens chronologisch kaum zu fixieren ^35. Aber
die Sabaeer, nach denen der Ort Borechath (Breka noerdlich von Kanawat) genannt
wird, scheinen in der Tat suedarabische Auswanderer zu sein; und diese sassen
hier bereits im 3. Jahrhundert. Sie und ihre Genossen moegen in Frieden gekommen
und unter roemischer Aegide sesshaft geworden sein, vielleicht sogar die
hochentwickelte und ueppige Kultur des suedwestlichen Arabien nach Syrien
getragen haben. Solange das Reich fest zusammenhielt und jeder dieser Staemme
unter seinem Scheich stand, gehorchten alle dem roemischen Oberherrn. Aber um
den unter einem Koenig geeinigten Arabern oder, wie sie jetzt heissen, Sarazenen
des Perserreiches besser zu begegnen, unterwarf Justinian waehrend des
Persischen Krieges im Jahre 531 saemtliche Phylarchen der den Roemern
untertaenigen Sarazenen dem Arethas, des Gabala Sohn, und verlieh diesem den
Koenigstitel, was bis dahin, wie hinzugesetzt wird, niemals geschehen war.
Dieser Koenig der saemtlichen in Syrien ansaessigen Araberstaemme war noch des
Reiches Lehnstraeger; aber indem er seine Landsleute abwehrte, bereitete er
zugleich ihnen die Staette. Ein Jahrhundert spaeter, im Jahre 637, unterlag
Arabien und Syrien dem Islam.
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^35 Nach den arabischen Berichten wanderten die Benu Salih aus der Gegend
von Mekka (um 190 n. Chr. nach den Ansetzungen von A. P. Caussin de Perceval,
Essai sur l'histoire des Arabes avant l'Islamisme. Bd. 1. Paris 1847, S. 212)
nach Syrien und siedelten sich hier an neben den Benu-Samaida, in denen
Waddington die phyl/e/ Somaith/e/n/o/n einer Inschrift von Suweda (n. 2308)
wiederfindet. Die Ghassaniden, die (nach Caussin um 205) von Batn-Marr ebenfalls
nach Syrien in dieselbe Gegend einwanderten, wurden von den Salihiten auf
Anweisung der Roemer gezwungen, Tribut zu zahlen und entrichteten diesen eine
Zeitlang, bis sie (nach demselben um das Jahr 292) die Salihiten ueberwanden und
ihr Fuehrer Thalaba, Sohn Amts, von den Roemern als Phylarch anerkannt ward.
Diese Erzaehlung mag richtige Elemente enthalten; aber massgebend bleibt immer
der im Text wiedergegebene Bericht Prokops (Pers. 1, 17). Die Phylarchen
einzelner Provinzen, von Arabia (d. h. Provinz Bostra: nov. 102 c. 1) und von
Palaestina (d. h. Provinz Petra: Prok. Pers. 1, 19) sind aelter, aber wohl nicht
um viel. Waere ein Oberscheich dieser Art in vorjustinianischer Zeit von den
Roemern anerkannt worden, so wuerden die roemischen Schriftsteller und die
Inschriften davon wohl die Spuren aufweisen; aber aus vorjustinianischer Zeit
fehlt es an solchen.
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11. Kapitel
Judaea und die Juden
Die Geschichte des juedischen Landes ist so wenig die Geschichte des
juedischen Volkes wie die Geschichte des Kirchenstaates die der Katholiken; es
ist ebenso erforderlich, beides zu sondern wie beides zusammen zu erwaegen.
Die Juden im Jordanland, mit welchen die Roemer zu schaffen hatten, waren
nicht dasjenige Volk, das unter seinen Richtern und Koenigen mit Moab und Edom
schlug und den Reden des Amos und Hosea lauschte. Die durch die Fremdherrschaft
ausgetriebene und durch den Wechsel der Fremdherrschaft wieder zurueckgefuehrte
kleine Gemeinde frommer Exulanten, welche ihre neue Einrichtung damit begann,
die Reste der in den alten Sitzen zurueckgebliebenen Stammgenossen schroff
zurueckzuweisen und zu der unversoehnlichen Fehde zwischen Juden und Samaritern
den Grund zu legen, das Ideal nationaler Exklusivitaet und priesterlicher
Geistesfesselung, hatte lange vor der roemischen Zeit unter dem Regiment der
Seleukiden die sogenannte mosaische Theokratie entwickelt, ein geistliches
Kollegium mit dem Erzpriester an der Spitze, welches bei der Fremdherrschaft,
sich beruhigend und auf staatliche Gestaltung verzichtend, die Besonderheit der
Seinigen wahrte und unter der Aegide der Schutzmacht dieselben beherrschte. Dies
den Staat ignorierende Festhalten der nationalen Eigenart in religioesen Formen
ist die Signatur des spaeteren Judentums. Wohl ist jeder Gottesbegriff in seiner
Bildung volkstuemlich; aber kein anderer Gott ist so von Haus aus der Gott nur
der Seinen gewesen wie Jahve, und keiner es so ohne Unterschied von Zeit und Ort
geblieben. Jene in das Heilige Land Zurueckwandernden, welche nach den Satzungen
Mosis zu leben meinten, und in der Tat lebten nach den Satzungen Ezras und
Nehemias, waren von den Grosskoenigen des Orients und spaeter von den Seleukiden
gerade ebenso abhaengig geblieben, wie sie es an den Wassern Babylons gewesen
waren. Ein politisches Element haftet dieser Organisation nicht mehr an als der
armenischen oder der griechischen Kirche unter ihren Patriarchen im tuerkischen
Reich; kein freier Luftzug staatlicher Entwicklung geht durch diese klerikale
Restauration; keine der schweren und ernsten Verpflichtungen des auf sich selbst
gestellten Gemeinwesens behinderte die Priester des Tempels von Jerusalem in der
Herstellung des Reiches Jahves auf Erden.
Der Gegenschlag blieb nicht aus. Jener Kirchenunstaat konnte nur dauern,
solange eine weltliche Grossmacht ihm als Schirmherr oder auch als Buettel
diente. Als das Reich der Seleukiden verfiel, ward durch die Auflehnung gegen
die Fremdherrschaft, die eben aus dem begeisterten Volksglauben ihre besten
Kraefte zog, wieder ein juedisches Gemeinwesen geschaffen. Der Erzpriester von
Salem wurde vom Tempel auf das Schlachtfeld gerufen. Das Geschlecht der
Hasmonaeer stellte nicht bloss das Reich Sauls und Davids ungefaehr in seinen
alten Grenzen wieder her, sondern diese kriegerischen Hohenpriester erneuerten
auch einigermassen das ehemalige, wahrhaft staatliche, den Priestern gebietende
Koenigtum. Aber dasselbe, von jener Priesterherrschaft zugleich das Erzeugnis
und der Gegensatz, war nicht nach dem Herzen der Frommen. Die Pharisaeer und die
Sadduzaeer schieden sich und begannen sich zu befehden. Weniger Glaubenssaetze
und rituelle Differenzen standen hier sich einander entgegen als einerseits das
Verharren bei einem lediglich die religioesen Ordnungen und Interessen
festhaltenden, im uebrigen fuer die Unabhaengigkeit und die Selbstbestimmung der
Gemeinde gleichgueltigen Priesterregiment, andererseits das Koenigtum,
hinstrebend zu staatlicher Entwicklung und bemueht, in dem politischen Ringen,
dessen Schauplatz damals das Syrische Reich war, dem juedischen Volke durch
Schlagen und Vertragen wieder seinen Platz zu verschaffen. Jene Richtung
beherrschte die Menge, diese ueberwog in der Intelligenz und in den vornehmen
Klassen; ihr bedeutendster Vertreter ist Koenig Iannaeos Alexandros, der
waehrend seiner ganzen Regierung nicht minder mit den syrischen Herrschern in
Fehde lag wie mit seinen Pharisaeern. Obwohl sie eigentlich nur der andere und
in der Tat der natuerlichere und maechtigere Ausdruck des nationalen Aufschwungs
ist, beruehrte sie sich doch in ihrem freieren Denken und Handeln mit dem
hellenischen Wesen und galt insbesondere den frommen Gegnern als fremdlaendisch
und unglaeubig.
Aber die Bewohner Palaestinas waren nur ein Teil, und nicht der
bedeutendste Teil der Juden; die babylonischen, syrischen, kleinasiatischen,
aegyptischen Judengemeinden waren den palaestinensischen auch nach der
Regeneration durch die Makkabaeer weit ueberlegen. Mehr als die letztere hat die
juedische Diaspora in der Kaiserzeit zu bedeuten gehabt; und sie ist eine
durchaus eigenartige Erscheinung.
Die Judenansiedlungen ausserhalb Palaestina sind nur in untergeordnetem
Grade aus demselben Triebe entwickelt wie die der Phoeniker und der Hellepen.
Von Haus aus ein ackerbauendes und fern von der Kueste wohnendes Volk, sind ihre
Ansiedlungen im Ausland eine unfreie und verhaeltnismaessig spaete Bildung, eine
Schoepfung Alexanders oder seiner Marschaelle ^1. An jenen immensen, durch
Generationen fortgesetzten griechischen Staedtegruendungen, wie sie in gleichem
Umfang nie vorher und nie nachher vorgekommen sind, haben die Juden einen
hervorragenden Anteil gehabt, so seltsam es auch war, eben sie bei der
Hellenisierung des Orients zur Beihilfe zu berufen. Vor allem gilt dies von
Aegypten. Die bedeutendste unter allen von Alexander geschaffenen Staedten,
Alexandreia am Nil, ist seit den Zeiten des ersten Ptolemaeers, der nach der
Einnahme Palaestinas eine Masse seiner Bewohner dorthin uebersiedelte, fast
ebenso sehr eine Stadt der Juden wie der Griechen, die dortige Judenschaft an
Zahl, Reichtum, Intelligenz, Organisation der jerusalemitischen mindestens
gleich zu achten. In der ersten Kaiserzeit rechnete man auf acht Millionen
Aegypter eine Million Juden, und ihr Einfluss reichte vermutlich ueber dieses
Zahlenverhaeltnis hinaus. Dass wetteifernd damit in der syrischen
Reichshauptstadt die Judenschaft in aehnlicher Weise organisiert und entwickelt
worden war, wurde schon bemerkt. Von der Ausdehnung und der Bedeutung der Juden
Kleinasiens zeugt unter anderem der Versuch, den unter Augustus die ionischen
Griechenstaedte, es scheint nach gemeinschaftlicher Verabredung, machten, ihre
juedischen Gemeindegenossen entweder zum Ruecktritt von ihrem Glauben oder zur
vollen Uebernahme der buergerlichen Lasten zu noetigen. Ohne Zweifel gab es
selbstaendig organisierte Judenschaften in saemtlichen neuhellenischen
Gruendungen ^2 und daneben in zahlreichen althellenischen Staedten, selbst im
eigentlichen Hellas, zum Beispiel in Korinth. Die Organisierung vollzog sich
durchaus in der Weise, dass den Juden ihre Nationalitaet mit den von ihnen
selbst daraus gezogenen weitreichenden Konsequenzen gewahrt, nur der Gebrauch
der griechischen Sprache von ihnen gefordert ward. So wurden bei dieser damals
von oben herab dem Orient aufgeschmeichelten oder aufgezwungenen Graezisierung
die Juden der Griechenstaedte griechisch redende Orientalen.
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^1 Ob die Rechtsstellung der Juden in Alexandreia mit Recht von Josephus
(c. Ap. 2, 4) auf Alexander zurueckgefuehrt wird, ist insofern zweifelhaft, als,
soweit wir wissen, nicht er, sondern der erste Ptolemaeer massenweise Juden dort
ansiedelte (Ios. ant. Iud. 12, 1; App. Syr. 50). Die merkwuerdige
Gleichartigkeit, mit der die Judenschaften in den verschiedenen Diadochenstaaten
sich gestaltet haben, muss, wenn sie nicht auf Alexanders Anordnungen beruht,
auf das Rivalisieren und Imitieren bei der Staedtegruendung zurueckgefuehrt
werden. Dass Palaestina bald aegyptisch, bald syrisch war, hat bei diesen
Ansiedlungen ohne Zweifel wesentlich mitgewirkt.
^2 Der Judengemeinde in Smyrna gedenkt eine kuerzlich daselbst gefundene
Inschrift (Reinach, Revue des Etudes Juives, 1883, S. 161): Roypheina Ioydaia
archisynag/o/gos kateske?asen to ensorion tois apeletherois kai thremmasin
m/e/denos alloy echoysian echontos thapsai tina. ei de tis tolm/e/sei, d/o/sei
t/o/ ier/o/tat/o/ tamei/o/ d/e/narioys aph, kai t/o/ ethnei t/o/n Ioydai/o/n
d/e/narioys a. Ta?t/e/s t/e/s epigraph/e/s to antigraphon apokeitai eis to
archeion. Einfache Kollegien werden in Strafandrohungen dieser Art nicht leicht
mit dem Staat oder der Gemeinde auf eine Linie gestellt.
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Dass bei den Judengemeinden der makedonischen Staedte die griechische
Sprache nicht bloss im natuerlichen Wege des Verkehrs zur Herrschaft gelangt,
sondern eine ihnen auferlegte Zwangsbestimmung ist, scheint aus der Sachlage
sich mit Notwendigkeit zu ergeben. In aehnlicher Weise hat spaeterhin Traian mit
kleinasiatischen Kolonisten Dakien romanisiert. Ohne diesen Zwang haette die
aeusserliche Gleichfoermigkeit der Staedtegruendung nicht durchgefuehrt, dies
Material fuer die Hellenisierung ueberhaupt nicht verwendet werden koennen. Dass
die heiligen Schriften der Juden schon unter den ersten Ptolemaeern in das
Griechische uebertragen wurden, mag wohl so wenig Veranstaltung der Regierung
gewesen sein wie die Bibeluebersetzung Luthers; aber im Sinne derselben lag
allerdings die sprachliche Hellenisierung der aegyptischen Juden, und sie
vollzog sich merkwuerdig rasch. Wenigstens im Anfang der Kaiserzeit,
wahrscheinlich lange vorher war die Kenntnis des Hebraeischen unter den
alexandrinischen Juden ziemlich so selten wie heutzutage in der christlichen
Welt die der Ursprachen der heiligen Originale; es wurde mit den
Uebersetzungsfehlern der sogenannten siebzig Alexandriner ungefaehr ebenso
argumentiert wie von unseren Frommen mit den Uebersetzungsfehlern Luthers. Die
nationale Sprache der Juden war in dieser Epoche ueberall aus dem lebendigen
Verkehr verschwunden und behauptete sich nur, etwa wie im katholischen
Religionsgebiet die lateinische, im kirchlichen Gebrauch. In Judaea selbst war
sie ersetzt worden durch die der hebraeischen freilich verwandte aramaeische
Volkssprache Syriens; die Judenschaften ausserhalb Judaeas, mit denen wir uns
beschaeftigen, hatten das semitische Idiom vollstaendig abgelegt, und erst lange
nach dieser Epoche ist jene Reaktion eingetreten, welche schulmaessig die
Kenntnis und den Gebrauch derselben allgemeiner bei den Juden zurueckgefuehrt
hat. Die literarischen Arbeiten, die sie waehrend dieser Epoche in grosser Zahl
geliefert haben, sind in der besseren Kaiserzeit alle griechisch. Wenn die
Sprache allein die Nationalitaet bedingte, so waere fuer diese Zeit von den
Juden wenig zu berichten.
Aber mit diesem anfaenglich vielleicht schwer empfundenen Sprachzwang
verbindet sich die Anerkennung der besonderen Nationalitaet mit allen ihren
Konsequenzen. Ueberall in den Staedten der Alexandermonarchie bildete sich die
Stadtbewohnerschaft aus den Makedoniern, das heisst den wirklich makedonischen
oder den ihnen gleichgeachteten Hellenen. Neben diesen stehen, ausser den
Fremden, die Eingeborenen, in Alexandreia die Aegypter, in Kyrene die Libyer und
ueberhaupt die Ansiedler aus dem Orient, welche zwar auch keine andere Heimat
haben als die neue Stadt, aber nicht als Hellenen anerkannt werden. Zu dieser
zweiten Kategorie gehoeren die Juden; aber ihnen, und nur ihnen, wird es
gestattet, sozusagen eine Gemeinde in der Gemeinde zu bilden und, waehrend die
uebrigen Nichtbuerger von den Behoerden der Buergerschaft regiert werden, bis zu
einem gewissen Grad sich selbst zu regieren ^3. "Die Juden", sagt Strabon,
"haben in Alexandreia ein eigenes Volkshaupt (ethnarch/e/s), welches dem Volke
(ethnos) vorsteht und die Prozesse entscheidet und ueber Vertraege und Ordnungen
verfuegt, als beherrsche es eine selbstaendige Gemeinde." Es geschah dies, weil
die Juden eine derartige spezifische Jurisdiktion als durch ihre Nationalitaet
oder, was auf dasselbe hinauskommt, ihre Religion gefordert bezeichneten. Weiter
nahmen die allgemeinen staatlichen Ordnungen auf die national-religioesen
Bedenken der Juden in ausgedehntem Umfang Ruecksicht und halfen nach
Moeglichkeit durch Exemptionen aus. Das Zusammenwohnen trat wenigstens haeufig
hinzu; in Alexandreia zum Beispiel waren von den fuenf Stadtquartieren zwei
vorwiegend von Juden bewohnt. Es scheint dies nicht das Ghettosystem gewesen zu
sein, sondern eher ein durch die anfaengliche Ansiedlung begruendetes und dann
von beiden Seiten festgehaltenes Herkommen, wodurch nachbarlichen Konflikten
einigermassen vorgebeugt ward.
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^3 Wenn die alexandrinischen Juden spaeter behaupteten, den
alexandrinischen Makedoniern rechtlich gleichgestellt zu sein (Ios. c. Ap. 2, 4;