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Weit mehr ins Gewicht fielen fuer die allgemeine Stellung der Provinz die
syrischen Fabriken. Eine Reihe von Industrien, die eben fuer den Export in
Betracht kommen, sind hier heimisch, insbesondere von Leinen, von Purpur, von
Seide, von Glas. Die Flachsweberei, von alters her in Babylonien zu Hause, ist
von da frueh nach Syrien verpflanzt worden; "ihr Leinen", sagt jene
Erdbeschreibung, "versenden Skytopolis (in Palaestina), Laodikeia, Byblos,
Tyros, Berytos in die ganze Welt", und in dem Tarifgesetz Diocletians werden dem
entsprechend als feine Leinenwaren die der drei erstgenannten Staedte neben
denen des benachbarten Tarsos und aegyptischen aufgefuehrt, und die syrischen
haben vor allen den Vorrang. Dass der Purpur von Tyros, so viele Konkurrenten
ihm auch entstanden, stets den ersten Platz behauptet hat, ist bekannt; und
neben der tyrischen gab es in Syrien zahlreiche ebenfalls beruehmte
Purpurfaerbereien an der Kueste ober- und unterhalb Tyros, in Sarepta, Dora,
Caesarea, selbst im Binnenland, in dem palaestinensischen Neapolis und in Lydda.
Die Rohseide kam in dieser Epoche aus China und vorzugsweise ueber das Kaspische
Meer, also nach Syrien; verarbeitet ward sie hauptsaechlich in den Fabriken von
Berytos und von Tyros, in welchem letzteren Orte besonders auch die viel
gebrauchte und hoch bezahlte Purpurseide hergestellt ward. Die Glasfabriken von
Sidon behaupteten in der Kaiserzeit ihren uralten Ruf, und zahlreiche
Glasgefaesse unserer Museen tragen den Stempel eines sidonischen Fabrikanten. Zu
dem Vertrieb dieser Waren, die ihrer Natur nach dem Weltmarkt angehoerten, kam
weiter die ganze Warenmasse, welche aus dem Orient auf den Euphratstrassen in
das Abendland gelangte. Freilich wendete der arabische und der indische Import
in dieser Zeit sich von dieser Strasse ab und nahm hauptsaechlich den Weg ueber
Aegypten; aber nicht bloss der mesopotamische Verkehr blieb notwendig den
Syrern, sondern es standen auch die Emporien der Euphratmuendung in
regelmaessigem Karawanenverkehr mit Palmyra und bedienten sich also der
syrischen Haefen. Wie bedeutend dieser Verkehr mit den oestlichen Nachbarn war,
zeigt nichts so deutlich wie die gleichartige Silberpraegung im roemischen
Orient und im parthischen Babylonien; in den Provinzen Syrien und Kappadokien
praegte die roemische Regierung Silber, abweichend von der Reichswaehrung, auf
die Sorten und auf den Fuss des Nachbarreiches. Die syrische Fabrikation selbst,
zum Beispiel von Leinen und Seide, ist eben durch den Import der gleichartigen
babylonischen Handelsartikel angeregt worden, und wie diese, so sind auch die
Leder- und die Pelzwaren, die Salben, die Spezereien, die Sklaven des Orients
waehrend der Kaiserzeit zu einem sehr betraechtlichen Teil ueber Syrien nach
Italien und ueberhaupt dem Westen gekommen. Das aber ist diesen Ursitzen des
Handelsverkehrs immer geblieben, dass die sidonischen Maenner und ihre
Landesgenossen, hierhin sehr verschieden von den Aegyptern, ihre Waren nicht
bloss den Auslaendern verkauften, sondern sie ihnen selber brachten, und wie die
Schiffskapitaene in Syrien einen hervorragenden und geachteten Stand bildeten
^15, so waren syrische Kaufleute und syrische Faktoreien in der Kaiserzeit
ungefaehr ebenso ueberall zu finden wie in den fernen Zeiten, von denen Homer
erzaehlt. Die Tyrier hatten derzeit Faktoreien in den beiden grossen
Importhaefen Italiens, Ostia und Puteoli, und wie diese selbst in ihren Urkunden
ihre Anstalten als die groessten und stattlichsten dieser Art bezeichnen, so
wird in der oefter angefuehrten Erdbeschreibung Tyros fuer Handel und Verkehr
der erste Platz des Orients genannt ^16; ebenso hebt Strabon bei Tyros und bei
Arados die ungewoehnlich hohen, aus vielen Stockwerken bestehenden Haeuser als
eine Besonderheit hervor. Aehnliche Faktoreien haben auch Berytos und Damaskos
und gewiss noch viele andere syrische und phoenikische Handelsstaedte in den
italienischen Haefen gehabt ^17. Dem entsprechend finden wir namentlich in der
spaeteren Kaiserzeit syrische, vornehmlich apamenische Kaufleute nicht bloss in
ganz Italien ansaessig, sondern ebenso in allen groesseren Emporien des
Okzidents, in Salonae in Dalmatien, Apulum in Dakien, Malaca in Spanien, vor
allem aber in Gallien und Germanien, zum Beispiel in Bordeaux, Lyon, Paris,
Orleans, Trier, so dass wie die Juden so auch diese syrischen Christen nach
ihren Gebraeuchen leben und in ihren Konventen sich ihres Griechischen bedienen
^18. Nur auf dieser Grundlage werden die frueher geschilderten Zustaende der
Antiochener und der syrischen Staedte ueberhaupt verstaendlich. Die vornehme
Welt daselbst besteht aus den reichen Fabrikanten und Kaufleuten, die Masse der
Bevoelkerung sind die Arbeiter und die Schiffer ^19, und wie spaeter der im
Orient erworbene Reichtum nach Genua und Venedig, so stroemte damals der
Handelsgewinn des Okzidents zurueck nach Tyros und Apameia. Bei dem ausgedehnten
Handelsgebiet, welches diesen Grosshaendlern offenstand, und bei den im ganzen
maessigen Grenz- und Binnenzoellen brachte schon der syrische, einen grossen
Teil der gewinnbringendsten und transportabelsten Artikel umfassende Export
ungeheure Kapitalien in ihre Haende; und ihr Geschaeft beschraenkte sich nicht
auf die heimatlichen Waren ^20. Welches Wohlleben einstmals hier geherrscht hat,
das lehren nicht die duerftigen Ueberbleibsel der untergegangenen grossen
Staedte, aber die mehr verlassene als verwuestete Landschaft am rechten Ufer des
Orontes von Apameia an bis zu der Wendung des Flusses gegen das Meer. In diesem
Strich von etwa 20 bis 25 deutschen Meilen Laenge stehen heute noch die Ruinen
von gegen hundert Ortschaften, ganze noch erkennbare Strassen, die Gebaeude, mit
Ausnahme der Daecher, ausgefuehrt in massivem Steinbau, die Wohnhaeuser von
Saeulenhallen umgeben, mit Galerien und Balkonen geschmueckt, Fenster und
Portale reich und oft geschmackvoll dekoriert mit Steinarabesken, dazu Garten-
und Badeanlagen, Wirtschaftsraeume im Erdgeschoss, Staelle, in den Felsen
gehauene Wein- und Oelpressen ^21, auch grosse, ebenfalls in den Felsen gehauene
Grabkammern mit Sarkophagen gefuellt und mit saeulengeschmueckten Eingaengen.
Spuren oeffentlichen Lebens begegnen nirgends; es sind die Landwohnungen der
Kaufleute und der Industriellen von Apameia und Antiocheia, deren gesicherter
Wohlstand und solider Lebensgenuss aus diesen Truemmern spricht. Es gehoeren
diese Ansiedlungen voellig gleichfoermigen Charakters durchaus der spaeten
Kaiserzeit an, die aeltesten dem Anfang des vierten Jahrhunderts, die spaetesten
der Mitte des sechsten, unmittelbar vor dem Ansturm des Islam, dem auch dieses
bluehende und gedeihliche Leben erlegen ist. Christliche Symbole und biblische
Sprueche begegnen ueberall und ebenso stattliche Kirchen und kirchliche Anlagen.
Indes hat diese Kulturentwicklung nicht erst unter Konstantin begonnen, sondern
in jenen Jahrhunderten nur sich gesteigert und konsolidiert. Sicher sind jenen
Steinbauten aehnliche, weniger dauerhafte Villen- und Gartenanlagen
vorausgegangen. Die Regeneration des Reichsregiments nach den wuesten Wirren des
dritten Jahrhunderts drueckt in dem Aufschwung sich aus, den die syrische
Kaufmannswelt damals nahm; aber bis zu einem gewissen Grade wird dies uns
gebliebene Abbild derselben auch auf die fruehere Kaiserzeit bezogen werden
duerfen.
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15 In Arados, einer zu Strabons Zeit (16, 2, 13 p. 753) sehr volkreichen
Stadt, erscheint unter Augustus ein proboylos t/o/n nayarch/e/sani/o/n (CIG 4736
h, besser bei Renan, Mission de Phinicie, S. 31).
16 Totius orbis descriptio c. 24: nulla forte civitas Orientis est eius
spissior in negotio. Die Urkunden der statio (CIG 5853; CIL X, 1601) geben von
diesen Faktoreien ein lebendiges Bild. Sie dienen zunaechst religioesen Zwecken,
das heisst fuer den Kult der tyrischen Goetter am fremden Ort; zu diesem Zwecke
wird in der groesseren Station von Ostia von den tyrischen Schiffern und
Kaufleuten eine Abgabe erhoben und aus deren Ertrag der kleineren ein
jaehrlicher Zuschuss von 1000 Sesterzen gewaehrt, der fuer die Miete des Lokals
verwendet wird; die uebrigen Kosten werden von den Tyriern in Puteoli, ohne
Zweifel durch freiwillige Beitraege, aufgebracht.
17 Fuer Berytos beweist dies die Puteolaner Inschrift CIL X,1634; fuer
Damaskos legt es die dem Jupiter optimus maximus Damascensus daselbst gesetzte
X, 1576 wenigstens nahe.
Uebrigens zeigt sich auch hier, mit wie gutem Grund Puteoli Klein-Delos
heisst. Auf Delos begegnen in der letzten Zeit seiner Bluete, das heisst etwa in
dem Jahrhundert vor dem Mithradatischen Krieg, die syrischen Faktoreien und die
syrischen Kulte in ganz gleicher Weise und in noch groesserer Fuelle: wir finden
dort die Gilde der Herakleisten von Tyros (to koinon t/o/n Tyri/o/n
/E/rakleist/o/n empor/o/n kai naykl/e/r/o/n CIG 2271), der Poseidoniasten von
Berytos (to koinon B/e/ryti/o/n Poseid/o/niast/o/n empor/o/n kai naykl/e/r/o/n
kai egdoche/o/n, BCH 7, 1883, S. 468), der Verehrer des Adad und der Atargatis
von Hierapolis (BCH 6, 1882, S. 495f.), abgesehen von den zahlreichen
Denksteinen syrischer Kaufleute. Vgl. Homolle, BCH 8, 1884, S. 110f.
18 Indem Salvianus (gegen 450) den gallischen Christen zu Gemuete fuehrt,
dass sie um nichts besser seien als die Heiden, weist er hin (gub. 4, 14, 69)
auf die nichtswuerdigen negotiatorum et Syricorum omnium turbae, quae maiorem
ferme civitatum universarum partem occupaverunt. Gregor von Tours erzaehlt, dass
Koenig Guntchram in Orleans von der gesamten Buergerschaft eingeholt wird und
gefeiert, wie in lateinischer Sprache so auch auf hebraeisch und auf syrisch (8,
1: hinc lingua Syrorum, hinc Latinorum, hinc ... Judaeorum in diversis laudibus
varie concrepabat) und dass nach Erledigung des Bischofsitzes von Paris ein
syrischer Kaufmann denselben sich zu verschaffen wusste und die dazu gehoerigen
Stellen an seine Landsleute vergab (10, 26: omnem scholam decessoris sui
abiciens Syros de genere suo ecclesiasticae domui ministros esse statuit).
Sidonius (um 450) schildert die verkehrte Welt von Ravenna (epist. 1, 8) mit den
Worten: fenerantur clerici, Syri psallunt ; negotiatores militant, monachi
negotiantur. Usque hodie, sagt Hieronymus (in Ezech. 27, vol. 5 p. 513 Vall.)
permanet in Syris ingenitus negotiationis ardor, qui per totum mundum lucri
cupiditate discurrunt et tantam mercandi habent vesaniam, ut occupato nunc orbe
Romano (geschrieben gegen Ende des 4. Jahrhunderts) inter gladios et miserorum
neces quaerant divitias et paupertatem periculis fugiant. Andere Belege gibt L.
Friedlaender, Darstellungen aus der Sittengeschichte Roms. Bd. 2, 5. Aufl. S.
67. Ohne Bedenken wird man die zahlreichen Inschriften des Okzidents hinzufuegen
duerfen, welche von Syrern herruehren, auch wenn diese sich nicht ausdruecklich
als Kaufleute bezeichnen. Belehrend ist dafuer das Coemeterium der kleinen
norditalischen Landstadt Concordia aus dem 5. Jahrhundert; die auf demselben
bestatteten Auslaender sind alle Syrer, meist Apamener (CIL III, p. 1060);
ebenso gehoeren alle in Trier gefundenen griechischen Inschriften Syrern (CIG
9891, 9892, 9893). Diese Inschriften sind nicht bloss in syrischer Weise
datiert, sondern zeigen auch Besonderheiten des dortigen dialektischen
Griechisch (Hermes 19, 1884, S. 423).
Dass diese syrisch-christliche, zu dem Gegensatz des orientalischen und
okzidentalischen Klerus in Beziehung stehende Diaspora mit der juedischen nicht
zusammengeworfen werden darf, zeigt der Bericht bei Gregorius deutlich; sie hat
offenbar viel hoeher gestanden und durchgaengig den besseren Staenden angehoert.
19 Das ist zum Teil noch heute so. Die Zahl der Seidenarbeiter in Hoems
wird auf 3000 angeschlagen (Tschernik a. a. O.)
^20 Eine der aeltesten, das heisst nach Severus und vor Diocletian
gesetzten Grabschriften dieser Art ist die lateinisch-griechische, unweit Lyon
gefundene (Wilmanns 2498 vgl. Lebas-Waddington 2329) eines THaimos o kai
Ioylianos Saadoy (lateinisch Thaemus Iulianus Sati fil.), gebuertig aus Atheila
(de vico Athelani) unweit Kanatha in Syrien (noch jetzt 'Atil unweit Kanawat im
Hauran) und Decurio in Kanatha, ansaessig in Lyon (patran leip/o/n /e/ke t/o/d'
epi ch/o/r/o/) und hier Grosshaendler fuer aquitanische Waren (es prasin ech/o/n
enporion agorasm/o/n meston ek Akoyitani/e/s /o/d' epi Loygoydynoi/o/ -
negotiatori Luguduni et prov. Aquitanica). Danach muessen diese syrischen
Kaufleute nicht allein mit syrischen Waren gehandelt, sondern mit ihrem Kapital
und ihrer Geschaeftskenntnis den Grosshandel ueberhaupt betrieben haben.
^21 Charakteristisch ist das lateinische Epigramm an einem Kelterhause CIL
III, 188 in dieser Heimat der "apamenischen Traube" (vita Elagabali c. 21).
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Die Verhaeltnisse der Juden in der roemischen Kaiserzeit sind so eigenartig
und man moechte sagen so wenig abhaengig von der Provinz, die in der frueheren
Kaiserzeit mit ihrem, in der spaeteren vielmehr mit dem wiedererweckten Namen
der Philistaeer oder Palaestinenser benannt ward, dass es, wie schon gesagt
ward, angemessen erschien, diese in einem besonderen Abschnitt zu behandeln. Das
Wenige, was ueber das Land Palaestina zu bemerken ist, insbesondere die nicht
unbedeutende Beteiligung der Kuesten- und zum Teil auch der binnenlaendischen
Staedte an der syrischen Industrie und dem syrischen Handel, ist in der darueber
gegebenen Auseinandersetzung miterwaehnt worden. Die juedische Diaspora hatte
schon vor der Zerstoerung des Tempels sich in einer Weise erweitert, dass
Jerusalem, auch als es noch stand, mehr ein Symbol als eine Heimat war,
ungefaehr wie die Stadt Rom fuer die sogenannten roemischen Buerger der
spaeteren Zeit. Die Juden von Antiocheia und Alexandreia und die zahlreichen
aehnlichen Gemeinschaften minderen Rechts und geringeren Ansehens haben sich
selbstverstaendlich an dem Handel und Verkehr ihrer Wohnsitze beteiligt. Ihr
Judentum kommt dabei nur etwa insofern in Betracht, als die Gefuehle
gegenseitigen Hasses und gegenseitiger Verachtung, wie sie seit Zerstoerung des
Tempels und den mehrfach sich wiederholenden national-religioesen Kriegen
zwischen Juden und Nichtjuden sich entwickelt oder vielmehr gesteigert hatten,
auch in diesen Kreisen ihre Wirkung geuebt haben werden. Da die im Ausland sich
aufhaltenden syrischen Kaufleute sich zunaechst fuer den Kultus ihrer
heimatlichen Gottheiten zusammenfanden, so kann der syrische Jude in Puteoli den
dortigen syrischen Kaufmannsgilden nicht wohl angehoert haben; und wenn der Kult
der syrischen Goetter im Ausland mehr und mehr Anklang fand, so zog, was den
uebrigen Syrern zugute kam, zwischen den mosaisch-glaeubigen Syrern und den
Italikern eine Schranke mehr. Schlossen sich diejenigen Juden, die eine Heimat
ausser Palaestina gefunden hatten, ausserhalb derselben nicht ihren Wohnsitz-,
sondern ihren Religionsgenossen an, wie das nicht hat anders sein koennen, so
verzichteten sie damit auf die Geltung und die Duldung, welche den Alexandrinern
und den Antiochenern und so weiter im Ausland entgegenkam, und wurden genommen,
wie sie sich gaben, als Juden. Die palaestinensischen Juden des Okzidents aber
waren zum groessten Teil nicht hervorgegangen aus der kaufmaennischen
Emigration, sondern kriegsgefangene Leute oder Nachkommen solcher und in jeder
Hinsicht heimatlos; die Pariastellung, welche die Kinder Abrahams vor allem in
der roemischen Hauptstadt einnahmen, der Betteljude, dessen Hausrat in dem
Heubuendel und dem Schacherkorb besteht und dem kein Verdienst zu gering und zu
gemein ist, knuepft an den Sklavenmarkt an. Unter diesen Umstaenden begreift es
sich, weshalb im Okzident die Juden waehrend der Kaiserzeit neben den Syrern
eine untergeordnete Rolle gespielt haben. Die religioese Gemeinschaft der
kaufmaennischen und der Proletariereinwanderung drueckte auf die Gesamtheit der
Juden noch neben der allgemeinen mit ihrer Stellung verbundenen Zuruecksetzung.
Mit Palaestina aber hat jene wie diese Diaspora wenig zu schaffen.
Es bleibt noch ein Grenzgebiet zu betrachten, von dem nicht haeufig die
Rede ist und das dennoch wohl Beruecksichtigung verdient: es ist die roemische
Provinz Arabia. Sie fuehrt ihren Namen mit Unrecht; der Kaiser, der sie
eingerichtet hat, Traianus, war ein Mann grosser Taten, aber noch groesserer
Worte. Die arabische Halbinsel, weiche das Euphratgebiet wie das Niltal
voneinander scheidet, regenarm, ohne Fluesse, allerseits mit felsiger und
hafenarmer Kueste, ist fuer den Ackerbau wie fuer den Handel wenig geeignet und
in alter Zeit zum weitaus groessten Teil den nicht sesshaften Wuestenbewohnern
zum unbestrittenen Erbteil verblieben. Insonderheit die Roemer, welche
ueberhaupt in Asien wie in Aegypten besser als irgendeine andere der wechselnden
Vormaechte es verstanden haben, ihren Besitz zu beschraenken, haben niemals auch
nur versucht, die arabische Halbinsel zu unterwerfen. Ihre wenigen
Unternehmungen gegen den suedoestlichen Teil derselben, den produktenreichsten
und wegen der Beziehung zu Indien auch fuer den Handel wichtigsten, werden bei
der Eroerterung der aegyptischen Verkehrsverhaeltnisse ihre Darstellung finden.
Das roemische Arabien umfasst schon als roemischer Klientelstaat und vor allem
als roemische Provinz nur einen maessigen Teil vom Norden der Halbinsel,
ausserdem aber das Land suedlich und oestlich von Palaestina zwischen diesem und
der grossen Wueste bis ueber Bostra hinaus. Mit diesem betrachten wir die zu
Syrien gehoerige Landschaft zwischen Bostra und Damaskos, die jetzt nach dem
Haurangebirge benannt zu werden pflegt, nach der alten Bezeichnung Trachonitis
und Batanaea.
Diese ausgedehnten Gebiete sind fuer die Zivilisation nur unter besonderen
Verhaeltnissen zu gewinnen. Das eigentliche Steppenland (Hamad) oestlich von der
Gegend, mit der wir uns hier beschaeftigen, bis zum Euphrat ist nie von den
Roemern in Besitz genommen worden und aller Kultur unfaehig; nur die
schweifenden Wuestenstaemme, wie heute zum Beispiel die Aneze, durchziehen
dasselbe, um ihre Rosse und ihre Kamele im Winter am Euphrat, im Sommer in den
Gebirgen suedlich von Bostra zu weiden und oft mehrmals im Jahre die Trift zu
wechseln. Schon auf einem hoeheren Grade der Kultur stehen westwaerts der Steppe
die sesshaften Hirtenstaemme, die namentlich Schafzucht in grosser Ausdehnung
betreiben. Aber auch fuer den Ackerbau ist in diesen Strecken vielfach Raum. Die
rote Erde des Hauran, zersetzte Lava, erzeugt im Urzustand viel wilden Roggen,
wilde Gerste und wilden Hafer und bestellt den schoensten Weizen. Einzelne
Tieftaeler mitten zwischen den Steinwuesten, wie das "Saatfeld", die Ruhbe, in
der Trachonitis, sind die fruchtbarsten Strecken in ganz Syrien; ohne dass
gepfluegt, geschweige denn geduengt wird, traegt der Weizen durchschnittlich
achtzig-, die Gerste hundertfaeltig und 26 Halme von einem Weizenkorn sind keine
Seltenheit. Dennoch bildet sich hier kein fester Wohnsitz, da in den
Sommermonaten die grosse Hitze und der Mangel an Wasser und Weide die Bewohner
zwingt, nach den Gebirgsweiden des Hauran zu wandern. Aber auch an Gelegenheit
zu fester Ansiedelung fehlt es nicht. Das von dem Baradafluss in vielfachen
Armen durchstroemte Gartenrevier um die Stadt Damaskos und die fruchtbaren, noch
heute volkreichen Bezirke, die dasselbe nach Osten, Norden und Sueden
einschliessen, waren in alter wie in neuer Zeit die Perle Syriens. Die Ebene um
Bostra, namentlich westlich davon die sogenannte Nukra, ist heute fuer Syrien
die Kornkammer, obgleich durch Regenmangel durchschnittlich jede vierte Ernte
verlorengeht und die aus der nahen Wueste oftmals einbrechenden Heuschrecken
eine unvertilgbare Landplage bleiben. Wo immer die Wasserlaeufe der Gebirge in
die Ebene gefuehrt werden, blueht unter ihnen das frische Leben auf. "Die
Fruchtbarkeit dieser Landschaft", sagt ein genauer Kenner, "ist unerschoepflich;
und noch heutigentags, wo die Nomaden dort weder Baum noch Strauch uebrig
gelassen haben, gleicht das Land, so weit das Auge reicht, einem Garten." Auch
auf den Lavaplateaus der gebirgigen Strecken haben die Lavastroeme nicht wenige
Stellen (Ka' im Auran genannt) fuer den Anbau freigelassen.
Diese Naturbeschaffenheit hat regelmaessig die Landschaft den Hirten und
den Raeubern ueberliefert. Die notwendige Unstetigkeit eines grossen Teils der
Bevoelkerung fuehrt zu ewigen Fehden namentlich um die Weideplaetze und zu
stetigen Ueberfaellen derjenigen Gegenden, die sich fuer feste Ansiedlung
eignen; mehr noch als anderswo bedarf es hier der Bildung solcher staatlicher
Gewalten, die imstande sind, in weiterem Umfange Ruhe und Frieden zu schaffen,
und fuer diese fehlt in der Bevoelkerung die rechte Unterlage. Es gibt in der
weiten Welt kaum eine Landschaft, wo gleich wie in dieser die Zivilisation nicht
aus sich selbst erwachsen, sondern allein durch uebermaechtige Eroberung von
aussen her ins Leben gerufen werden kann. Wenn Militaerstationen die
schweifenden Staemme der Wueste eindaemmen und diejenigen innerhalb der
Kulturgrenze zum friedlichen Hirtenleben zwingen, wenn in die kulturfaehigen
Gegenden Kolonisten gefuehrt und die Wasser der Berge von Menschenhand in die
Ebene geleitet werden, so, aber auch nur so, gedeiht hier froehliches und
reichliches Leben.
Die vorroemische Zeit hatte diesen Landschaften solchen Segen nicht
gebracht. Die Bewohner des gesamten Gebiets gehoeren bis gegen Damaskos hin zu
dem arabischen Zweig des grossen semitischen Stammes; die Personennamen
wenigstens sind durchgaengig arabisch. Es begegneten sich in demselben, wie in
dem noerdlichen Syrien, orientalische und okzidentalische Zivilisation; doch
hatten bis zu der Kaiserzeit beide nur geringe Fortschritte gemacht. Die Sprache
und die Schrift, deren die Nabataeer sich bedienen, sind die Syriens und der
Euphratlaender und koennen nur von dort her den Eingeborenen zugekommen sein.
Andererseits erstreckte die griechische Festsetzung in Syrien sich zum Teil
wenigstens auch auf diese Landschaften. Die grosse Handelsstadt Damaskos war mit
dem uebrigen Syrien griechisch geworden. Auch in das transjordanische Gebiet,
insbesondere in die noerdliche Dekapolis hatten die Seleukiden die griechische
Staedtegruendung getragen; weiter suedlich war hier wenigstens das alte Rabbath
Ammon durch die Lagiden die Stadt Philadelpheia geworden. Aber weiter abwaerts
und in den oestlichen, an die Wueste grenzenden Strichen hatten die
nabataeischen Koenige nicht viel mehr als dem Namen nach den syrischen oder den
aegyptischen Alexandriden gehorcht, und Muenzen oder Inschriften und Bauwerke,
welche dem vorroemischen Hellenismus beigelegt werden koennten, sind hier
nirgends zum Vorschein gekommen.
Als Syrien roemisch ward, war Pompeius bemueht, das hellenische
Staedtewesen, das er vorfand, zu festigen; wie denn die Staedte der Dekapolis
spaeterhin von dem Jahre 690/1 (64/63), in dem Palaestina zum Reich gekommen
war, ihre Jahre zaehlten ^22. Hauptsaechlich aber blieb in diesem Gebiet das
Regiment wie die Zivilisierung den beiden Vasallenstaaten, dem juedischen und
dem arabischen, ueberlassen.
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^22 Dass die Dekapolis und die Reorganisation des Pompeius wenigstens bis
nach Kanata (Kerak) nordwestlich von Bostra reichte, steht durch die Zeugnisse