Reiches gemacht, blieb Antiocheia auch in roemischer Zeit die Hauptstadt der

asiatischen Provinzen Roms. Hier residierten die Kaiser, wenn sie im Orient

verweilten, und regelmaessig der Statthalter von Syrien; hier wurde die

Reichsmuenze fuer den Osten geschlagen und hier vornehmlich, daneben in Damaskos

und in Edessa befanden sich die Reichswaffenfabriken. Freilich hatte die Stadt

fuer das Roemerreich ihre militaerische Bedeutung verloren und unter den

veraenderten Verhaeltnissen wurde die schlechte Verbindung mit dem Meer als ein

grosser Uebelstand empfunden, nicht so sehr wegen der Entfernung als weil der

Hafen, die zugleich mit Antiocheia angelegte Stadt Seleukeia, fuer den grossen

Verkehr wenig geeignet war. Ungeheure Summen haben die roemischen Kaiser von den

Flaviern an bis auf Constantius aufgewandt, um in die diese Oertlichkeit

umgebenden Felsenmassen die erforderlichen Docks mit den Zuzugs-Kanaelen zu

brechen und genuegende Molen herzustellen; aber die Kunst der Ingenieure,

welcher an der Muendung des Nil die hoechsten Wuerfe gluecklich gelangen, rang

in Syrien vergeblich mit den unueberwindlichen Schwierigkeiten des Terrains.

Selbstverstaendlich hat die groesste Stadt Syriens an der Fabrikation und dem

Handel dieser Provinz, wovon noch weiter die Rede sein wird, sich lebhaft

beteiligt; dennoch war sie mehr ein Sitz der Verzehrenden als der Erwerbenden.

Im ganzen Altertum gab es keine Stadt, in welcher das Geniessen des Lebens so

sehr die Hauptsache, und dessen Pflichten so beilaeufig waren wie in "Antiocheia

bei Daphne", wie die Stadt bezeichnend genannt wird, etwa wie wenn wir sagen

wuerden "Wien beim Prater". Denn Daphne ^8 ist der Lustgarten, eine deutsche

Meile von der Stadt, von zwei Meilen im Umkreis, beruehmt durch seine

Lorbeerbaeume, wonach er heisst, durch seine alten Zypressen, die noch die

christlichen Kaiser zu schonen befahlen, seine fliessenden und springenden

Wasser, seinen glaenzenden Apollotempel und die prachtvolle vielbesuchte

Festfeier des 10. August. Die ganze Umgegend der Stadt, die zwischen zwei

bewaldeten Bergzuegen in dem Tale des wasserreichen Orontes, drei deutsche

Meilen aufwaerts von der Muendung desselben liegt, ist noch heute trotz aller

Vernachlaessigung ein bluehender Garten und einer der anmutigsten Flecke der

Erde. Der Stadt selbst tat es an Pracht und Glanz der oeffentlichen Anlagen im

ganzen Reiche keine zuvor. Die Hauptstrasse, welche in der Ausdehnung von 36

Stadien, nahezu einer deutschen Meile, mit einer bedeckten Saeulenhalle zu

beiden Seiten und in der Mitte einem breiten Fahrweg, die Stadt in gerader

Richtung laengs des Flusses durchschnitt, ist in vielen antiken Staedten

nachgeahmt worden, aber hat ihresgleichen nicht einmal in dem kaiserlichen Rom.

Wie in jedem guten Hause in Antiocheia das Wasser lief ^9, so wandelte man in

jenen Hallen durch die ganze Stadt zu allen Jahrzeiten geschuetzt vor Regen wie

vor Sonnenglut, auch des Abends in erleuchteten Strassen, was sonst von keiner

Stadt des Altertums berichtet wird ^10.

-------------------------------------------

^7 Dies sagt Diodor (20, 47) von der Vorlaeuferin Antiocheias, der nur etwa

eine Meile weiter flussaufwaerts angelegten Stadt Antigoneia. Antiocheia ist

fuer das Syrien der alten Zeit ungefaehr gewesen, was fuer das heutige Aleppo

ist, der Knotenpunkt des inneren Verkehrs; nur dass bei jener Gruendung, wie

schon die gleichzeitige Anlage des Hafens von Seleukeia beweist, die

unmittelbare Verbindung mit dem Mittelmeer beabsichtigt und daher die Anlage

weiter nach Westen gelegt ward.

^8 Der Raum zwischen Antiocheia und Daphne war mit Landhaeusern und Vignen

gefuellt (Lib. or. 2 p. 213 Reiske), und es gab hier auch eine Vorstadt

Herakleia oder auch Daphne (K. O. Mueller, Antiquitates Antiochiae, S. 44; vgl.

vita Veri 7); aber wenn Tac. ann. 2, 83 diese Vorstadt Epidaphne nennt, so ist

dies einer seiner seltsamsten Schnitzer. Plinius (nat. 5, 21, 79) sagt korrekt:

Antiochia Epidaphnes cognominata.

^9 "Womit wir vornehmlich alle schlagen", sagt der Antiochener Libanios in

der unter Constantius gehaltenen Lobrede auf seine Heimat (or. 1, 354 R.),

nachdem er die Quellen der Daphne und die von dort nach der Stadt gefuehrten

Leitungen geschildert hat, "das ist die Bewaesserung unserer Stadt; wenn sonst

auch jemand es mit uns aufnehmen mag, so geben sie alle nach, sowie die Rede

kommt auf das Wasser, seine Fuelle wie seine Trefflichkeit. In den oeffentlichen

Baedern hat jeder Strom das Mass eines Flusses, in den privaten manche das

gleiche, die uebrigen nicht viel weniger. Wer die Mittel hat, ein neues Bad

anzulegen, tut dies unbesorgt um hinreichenden Zufluss und braucht nicht zu

fuerchten, dass, wenn fertig, es ihm trocken liegen werde. Deshalb ist jeder

Stadtbezirk [es gab deren achtzehn] auf die besondere Eleganz seiner Badeanstalt

bedacht; es sind diese Bezirksbadeanstalten um so viel schoener als die

allgemeinen, als sie kleiner sind als diese, und die Bezirksgenossen wetteifern

immer die einen, die anderen zu uebertreffen. Man ermisst die Fuelle der

fliessenden Wasser an der Menge der (guten) Wohnhaeuser; denn soviel der

Wohnhaeuser, soviel sind auch der fliessenden Wasser, ja sogar in den einzelnen

Haeusern oft mehrere; und auch die Mehrzahl der Werkstaetten hat den gleichen

Vorzug. Darum schlagen wir uns auch nicht an den oeffentlichen Brunnen darum,

wer zuerst zum Schoepfen kommt, an welchem Uebelstand so viele ansehnliche

Staedte leiden, wo um die Brunnen ein heftiges Gedraenge ist und Laerm um die

zerbrochenen Kruege. Bei uns fliessen die oeffentlichen Brunnen zur Zierde, da

jeder innerhalb der Tueren sein Wasser hat. Und es ist dies Wasser so klar, dass

der Eimer leer scheint, und so anmutend, dass es zum Trinken einladet."

^10 "Das Sonnenlicht", sagt derselbe Redner p. 363, "loesen andere Lichter

ab, Leuchten, die das aegyptische Illuminationsfest hinter sich lassen; und bei

uns unterscheidet sich die Nacht vom Tage nur durch die Verschiedenheit der

Beleuchtung; die fleissigen Haende finden keinen Unterschied und schmieden

weiter und wer da will, singt und tanzt, so dass Hephaestos und Aphrodite hier

in die Nacht sich teilen." Bei dem Strassensport, den der Prinz Gallus sich

gestattete, waren die antiochenischen Laternen ihm sehr unbequem (Amm. 14, 1,

9).

-------------------------------------------

Aber in diesem ueppigen Treiben fanden die Musen sich nicht zurecht; der

Ernst der Wissenschaft und die nicht minder ernste Kunst haben in Syrien und

namentlich in Antiocheia niemals rechte Pflege gefunden. Wie vollkommen analog

Aegypten und Syrien sonst sich entwickelt hatten, so scharf war ihr Gegensatz in

literarischer Hinsicht: diesen Teil der Erbschaft des grossen Alexanders traten

die Lagiden allein an. Pflegten sie die hellenische Literatur und foerderten

wissenschaftliche Forschung in aristotelischem Sinn und Geist, so haben die

besseren Seleukiden wohl durch ihre politische Stellung den Griechen den Orient

erschlossen - Seleukos' I. Sendung des Megasthenes nach Indien an Koenig

Tschandragupta und die Erkundung des Kaspischen Meeres durch seinen

Zeitgenossen, den Admiral Patrokles, haben in dieser Hinsicht Epoche gemacht;

aber von unmittelbarem Eingreifen in die literarischen Interessen von seiten der

Seleukiden weiss die Geschichte der griechischen Literatur nichts weiter zu

melden, als dass Antiochos der sogenannte Grosse den Dichter Euphorion zu seinem

Bibliothekar gemacht hat. Vielleicht darf die Geschichte der lateinischen

Literatur fuer Berytus, die lateinische Insel im Meer des orientalischen

Hellenismus, den Ernst wissenschaftlicher Arbeit in Anspruch nehmen. Es ist

vielleicht kein Zufall, dass die Reaktion gegen die literarisch modernisierende

Tendenz der julisch-claudischen Epoche und die Zurueckfuehrung der Sprache und

der Schriften der republikanischen Zeit in die Schule wie in die Literatur

ausgegangen ist von einem dem Mittelstand angehoerigen Berytier, dem Marcus

Valerius Probus, welcher in den zurueckgebliebenen Schulen seiner entlegenen

Heimat noch an den alten Klassikern sich gebildet hatte und dann in energischer,

mehr kritisch schriftstellerischer als eigentlich lehrender Taetigkeit fuer den

Klassizismus der spaeteren Kaiserzeit den Grund legte. Dasselbe Berytos ist

spaeter der Sitz des Studiums der fuer die Beamtenlaufbahn erforderlichen

Rechtswissenschaft fuer den ganzen Osten geworden und die ganze Kaiserzeit

hindurch geblieben. In der hellenischen Literatur sind freilich die Poesie des

Epigramms und der Witz des Feuilletons in Syrien zu Hause; mehrere der

namhaftesten griechischen Kleindichter, wie Meleagros und Philodemos von Gadara

und Antipatros von Sidon, sind Syrer und in sinnlichem Reiz wie in raffinierter

Verskunst unuebertroffen; und der Vater der Feuilletonliteratur ist Menippos von

Gadara. Aber diese Leistungen liegen meistens vor und zum Teil betraechtlich vor

der Kaiserzeit. In der griechischen Literatur dieser Epoche ist keine Landschaft

so geringfuegig vertreten wie die syrische, und Zufall ist dies schwerlich,

wenngleich bei der universalen Stellung des Hellenismus in der Kaiserzeit auf

die Heimat der einzelnen Schriftsteller nicht allzu viel Gewicht gelegt werden

darf. Dagegen hatte die in dieser Epoche um sich greifende untergeordnete

Schriftstellerei, die gedanken- und formlosen Liebes-, Raeuber-, Piraten-,

Kuppler-, Wahrsager- und Traumgeschichten und die Fabelreisen wahrscheinlich

eben hier ihren Hauptsitz. Unter den Kollegen des schon genannten Iamblichos,

Verfassers der babylonischen Geschichte, werden die Landsleute desselben

zahlreich gewesen sein; die Beruehrung dieser griechischen Literatur mit der

gleichartigen orientalischen ist wohl ohne Zweifel durch die Syrer vermittelt

worden. Das Luegen brauchten die Griechen freilich nicht von den Orientalen zu

lernen; aber die nicht mehr plastische, sondern phantastische Fabulierung ihrer

spaeteren Zeit ist aus Scheherazades Fuellhorn, nicht aus dem Scherz der

Chariten erwachsen. Vielleicht nicht zufaellig macht die Satire dieser Zeit,

indem sie den Homer als den Vater der Luegenreisen betrachtet, denselben zu

einem Babylonier mit eigentlichem Namen Tigranes. Abgesehen von dieser

Unterhaltungslektuere, deren auch die sich einigermassen schaemten, die damit

schreibend oder lesend die Zeit verdarben, ist aus diesen Gegenden kaum ein

anderer hervorragender Name zu nennen als der Zeitgenosse jenes Iamblichos, der

Kommagener Lukianos. Auch er hat nichts geschrieben als in Nachahmung des

Menippos Essays und Feuilletons, recht nach syrischer Art, witzig und lustig in

der persoenlichen Persiflage, aber wo diese zu Ende ist, unfaehig, die ernste

Wahrheit lachend zu sagen oder gar die Plastik der Komik zu handhaben. Diesem

Volke galt nur der Tag. Keine griechische Landschaft hat so wenig Denksteine

aufzuweisen wie Syrien; das grosse Antiocheia, die dritte Stadt des Reiches,

hat, um von dem Lande der Hieroglyphen und der Obelisken nicht zu reden, weniger

Inschriften hinterlassen als manches kleine afrikanische oder arabische Dorf.

Mit Ausnahme des Rhetors Libanios aus der Zeit Julians, welcher auch mehr

bekannt ist als bedeutend, hat diese Stadt der Literatur keinen einzigen

Schriftstellernamen geliefert. Nicht mit Unrecht nannte der tyanitische Messias

des Heidentums oder sein fuer ihn redender Apostel die Antiochener ein

ungebildetes und halb barbarisches Volk und meinte, dass Apollon wohl tun werde,

sie auch wie ihre Daphne zu verwandeln; denn in Antiocheia verstaenden wohl die

Zypressen zu fluestern, aber nicht die Menschen zu reden. In dem kuenstlerischen

Kreis hat Antiocheia eine fuehrende Stellung nur gehabt in Betreff des Theaters

und der Spiele ueberhaupt. Die Vorstellungen, welche das antiochenische Publikum

fesselten, waren, nach der Sitte dieser Zeit, weniger eigentlich dramatische als

rauschende Musikauffuehrungen, Ballette, Tierhetzen und Fechterspiele. Das

Klatschen oder Zischen dieses Publikums entschied den Ruf des Taenzers im ganzen

Reich. Die Jockeys und die sonstigen Circus- und Theaterhelden kamen

vorzugsweise aus Syrien ^11. Die Ballettaenzer und die Musiker sowie die Gaukler

und Possenreisser, welche Lucius Verus von der - seinerseits in Antiocheia

abgemachten - orientalischen Kampagne nach Rom zurueckbrachte, haben in der

Geschichte des italischen Schauspielwesens Epoche gemacht. Mit welcher

Leidenschaft das Publikum in Antiocheia diesem Vergnuegen sich hingab, dafuer

ist charakteristisch, dass der Ueberlieferung nach die schwerste Katastrophe,

welche in dieser Periode ueber Antiocheia gekommen ist, die Einnahme durch die

Perser im Jahre 260, die Buerger der Stadt im Theater ueberraschte und von der

Hoehe des Berges, an welchen dasselbe angelehnt war, die Pfeile in die Reihen

der Zuschauer flogen. In Gaza, der suedlichsten Stadt Syriens, wo das Heidentum

an dem beruehmten Marnas-Tempel eine feste Burg besass, liefen am Ende des 4.

Jahrhunderts bei den Rennspielen die Pferde eines eifrigen Heiden und eines

eifrigen Christen, und als dabei "Christus den Marnas schlug", da, erzaehlt der

heilige Hieronymus, liessen zahlreiche Heiden sich taufen.

----------------------------------------------

^11 Die merkwuerdige Reichsbeschreibung aus der Zeit des Constantius (C.

Mueller, Geographi Graeci Minores. Bd. 2, S. 513 f.), die einzige derartige

Schrift, worin die gewerblichen Zustaende eine gewisse Beruecksichtigung finden,

sagt von Syrien in dieser Hinsicht: "Antiocheia hat alles, was man begehrt, in

Fuelle, vor allem aber seine Rennspiele. Rennspiele haben auch Laodikeia,

Berytos, Tyros, Kaesareia (in Palaestina). Nach auswaerts sendet Laodikeia

Jockeys, Tyros und Berytos Schauspieler, Caesareia Taenzer (pantomimi),

Heliopolis am Libanos Floetenblaeser (choraulae), Gaza Musiker (auditores, womit

akroamata inkorrekt wiedergegeben ist), Askalon Ringkaempfer (athletae),

Kastabala (eigentlich schon in Kilikien) Faustkaempfer."

----------------------------------------------

In Zuegellosigkeit der Sitte wetteiferten zwar die Grossstaedte des

Roemischen Reiches alle; aber der Preis gebuehrt hierin wahrscheinlich

Antiocheia. Der ehrbare Roemer, den der derbe Sittenmaler der traianischen Zeit

schildert, wie er seiner Heimat den Ruecken wendet, weil sie eine Griechenstadt

geworden, setzt hinzu, dass von dem Unrat die Achaeer der geringste Teil seien;

laengst habe der syrische Orontes sich in den Tiberfluss ergossen und seine

Sprache und seine Art, seine Musikanten, Harfenistinnen, Triangelschlaegerinnen

und die Scharen seiner Freudenmaedchen ueber Rom ergossen. Von der syrischen

Floetistin, der Ambubaia ^12, sprachen die Roemer Augusts wie wir von der

Pariser Kokotte. In den syrischen Staedten, sagt schon in der letzten Zeit der

roemischen Republik Poseidonios, ein bedeutender, selbst in dem syrischen

Apameia heimischer Schriftsteller, haben die Buerger der harten Arbeit sich

entwoehnt; man denkt dort nur an Schmausen und Zechen, und alle Reunionen und

Kraenzchen dienen diesem Zweck; an der koeniglichen Tafel wird jedem Gast ein

Kranz aufgesetzt und dieser dann mit babylonischen Parfuems besprengt;

Floetenspiel und Harfenschlagen schallt durch die Gassen; die Turnanstalten sind

in Warmbaeder verwandelt - mit letzterem ist die wahrscheinlich in Syrien zuerst

aufgekommene und spaeterhin allgemein gewordene Einrichtung der sogenannten

Thermen gemeint, die im wesentlichen eine Verbindung von Turn- und

Warmbadanstalten waren. Vierhundert Jahre spaeter ging es in Antiocheia nicht

anders zu. Nicht so sehr um des Kaisers Bart entspann sich der Zank zwischen

Julian und diesen Staedtern, sondern weil er in dieser Stadt der Kneipen, die,

wie er sich ausdrueckt, nichts im Sinne habe als Tanzen und Trinken, den Wirten

die Preise regulierte. Von dieser wuesten und sinnlichen Wirtschaft ist auch und

vor allem das religioese Wesen der syrischen Landschaft durchdrungen. Der Kultus

der syrischen Goetter war oft eine Sukkursale des syrischen Bordells ^13.

-----------------------------------------------------

^12 Von dem syrischen Wort abbuba Pfeife.

^13 Das Schriftchen Lukians von der zu Hierapolis vom ganzen Orient

verehrten syrischen Goettin gibt eine Probe der wilden und wolluestigen

Fabulierung, welche dem syrischen Kultus eigen ist. In dieser Erzaehlung - der

Quelle von Wielands 'Kombabus' - wird die Selbstverstuemmelung ironisiert, wie

sie den Frommen als ein Akt hoher Moralitaet und gottseligen Glaubens galt.

-----------------------------------------------------

Es wuerde ungerecht sein, die roemische Regierung fuer diese syrischen

Zustaende verantwortlich zu machen; sie sind dieselben unter dem

Diadochenregiment gewesen und auf die Roemer nur vererbt. Aber in der Geschichte

dieser Zeit ist das syrohellenische Element ein wesentlicher Faktor, und obwohl

sein indirekter Einfluss bei weitem mehr ins Gewicht faellt, hat dasselbe doch

auch mehrfach unmittelbar in der Politik sich bemerklich gemacht. Von

eigentlicher politischer Parteiung kann bei den Antiochenern dieser und jeder

Zeit noch weniger die Rede sein als bei den Buergerschaften der uebrigen

Grossstaedte des Reiches; aber im Mokieren und Raesonnieren haben sie es allem

Anschein nach allen uebrigen, selbst den auch hierin mit ihnen wetteifernden

Alexandrinern zuvorgetan. Revolution gemacht haben sie nie, aber jeden

Praetendenten, den die syrische Armee aufstellte, bereitwillig und ernstlich

unterstuetzt, den Vespasianus gegen Vitellius, den Cassius gegen Marcus, den

Niger gegen Severus, immer bereit, wo sie Rueckhalt zu haben meinten, der

bestehenden Regierung den Gehorsam aufzukuendigen. Das einzige Talent, das ihnen

unwidersprochen zukommt, die Meisterschaft des Spottens, uebten sie nicht bloss

gegen die Schauspieler ihrer Buehne, sondern nicht minder gegen die in der

Residenz des Orients verweilenden Herrscher, und der Spott war ganz der gleiche

gegen den Akteur wie gegen den Kaiser: er galt der persoenlichen Erscheinung und

den individuellen Eigentuemlichkeiten, gleich als ob ihr Landesherr auch nur da

sei, um sie mit seiner Rolle zu amuesieren. So bestand zwischen dem Publikum von

Antiocheia und den Herrschern, namentlich denjenigen, die laengere Zeit daselbst

verweilten, Hadrian, Verus, Marcus, Severus, Julian, sozusagen ein dauernder

Hohnkrieg, aus welchem ein Aktenstueck, die Replik des letztgenannten Kaisers

gegen die antiochenischen "Bartspoetter", noch heute erhalten ist. Wenn dieser

kaiserliche Literat den Spottreden mit Spottschriften begegnete, so haben zu

anderen Zeiten die Antiochener ihre schlimmen Reden und ihre uebrigen Suenden

schwerer zu buessen gehabt. So entzog ihnen Hadrian das Recht der

Silberpraegung, Marcus das Versammlungsrecht und schloss auf einige Zeit das

Theater. Severus nahm sogar der Stadt den Primat von Syrien und uebertrug diesen

auf das in stetem Nachbarkrieg mit der Hauptstadt stehende Laodikeia; und wenn

diese beiden Anordnungen bald wieder zurueckgenommen wurden, so ist die Teilung

der Provinz, welche bereits Hadrian angedroht hatte, unter Severus, wie gesagt

ward, zur Ausfuehrung gekommen, und nicht zum wenigsten deswegen, weil die

Regierung die unbotmaessige Grossstadt demuetigen wollte. Selbst den

schliesslichen Untergang hat diese Stadt sich herangespottet. Als im Jahre 540

der Perserkoenig Chosroes Nuschirwan vor den Mauern Antiocheias erschien, wurde

er von den Zinnen derselben nicht bloss mit Pfeilschuessen empfangen, sondern

mit den ueblichen unflaetigen Spottrufen; und dadurch gereizt, erstuermte der

Koenig nicht bloss die Stadt, sondern fuehrte auch ihre Einwohner hinweg in das

von ihm unweit Ktesiphon angelegte Neu-Antiocheia.

Die glaenzende Seite der syrischen Zustaende ist die oekonomische; in

Fabrikation und Handel nimmt Syrien neben Aegypten unter den Provinzen des

roemischen Kaiserreichs den ersten Platz ein und behauptet in gewisser Beziehung

auch vor Aegypten den Vorrang. Die Bodenkultur gedieh unter dem dauernden

Friedensstand und unter der einsichtigen, namentlich auf Hebung der Bewaesserung

gerichteten Verwaltung in einem Umfang, der die heutige Zivilisation beschaemt.

Freilich sind manche Teile Syriens noch heute von ueppigster Fuelle; das Tal des

unteren Orontes, den reichen Garten um Tripolis mit seinen Palmengruppen,

Orangenhainen, Granat- und Jasmingebueschen, die fruchtbare Kuestenebene nord-

und suedwaerts von Gaza haben weder die Beduinen noch die Paschas bis jetzt

vermocht zu veroeden. Aber ihr Werk ist dennoch nicht gering anzuschlagen.

Apameia im mittleren Tal des Orontes, jetzt eine Felsenwildnis ohne Fluren und

Baeume, wo die duerftigen Herden auf den spaerlichen Weideplaetzen von den

Raeubern des Gebirges dezimiert werden, ist weit und breit mit Ruinen besaet,

und es ist urkundlich bezeugt, dass unter dem Statthalter Syriens Quirinius,

demselben, den die Evangelien nennen, diese Stadt mit Einschluss des Gebiets

117000 freie Einwohner gezaehlt hat. Ohne Frage ist einst das ganze Tal des

wasserreichen Orontes - schon bei Hemesa ist er 30 bis 40 Meter breit und 1« bis

3 Meter tief - eine grosse Kulturstaette gewesen. Aber auch von den Strichen,

die jetzt voellige Wueste sind und wo dem heutigen Reisenden das Leben und

Gedeihen des Menschen unmoeglich scheint, war ein betraechtlicher Teil ehemals

das Arbeitsfeld ruehriger Arme. Oestlich von Hemesa, wo jetzt kein gruenes Blatt

und kein Tropfen Wasser ist, haben sich massenweise die schweren Basaltplatten

ehemaliger Oelpressen gefunden. Waehrend heute nur in den quelligen Taelern des

Libanos spaerliche Oliven wachsen, muessen einst die Oelwaelder weit ueber das

Orontestal hinausgegangen sein. Wer jetzt von Hemesa nach Palmyra reist, fuehrt

das Wasser auf dem Ruecken der Kamele mit sich, und diese ganze Wegstrecke ist

bedeckt mit den Resten einstmaliger Villen und Doerfer ^14. Den Marsch Aurelians

auf dieser Strecke vermoechte jetzt keine Armee zu unternehmen. Von dem, was

heutzutage Wueste heisst, ist ein guter Teil vielmehr Verwuestung der gesegneten

Arbeit besserer Zeiten. "Ganz Syrien", sagt eine Erdbeschreibung aus der Mitte

des 4. Jahrhunderts, "hat Ueberfluss an Getreide, Wein und Oel." Aber ein

eigentliches Exportland fuer die Bodenfruechte, wie Aegypten und Afrika, ist

Syrien auch im Altertum nicht gewesen, wenn auch die edlen Weine, zum Beispiel

der von Damaskos nach Persien, die von Laodikeia, Askalon, Gaza nach Aegypten

und von da aus bis nach Aethiopien und Indien versandt wurden, und auch die

Roemer den Wein von Byblos, von Tyros, von Gaza zu schaetzen wussten.

------------------------------------------------------

^14 Der oesterreichische Ingenieur Joseph Tschernik (Ergaenzungsheft 44 zu

Petermanns geographischen Mittheilungen, 1875, S. 3, 9) fand Basaltplatten von

Oelpressen nicht bloss auf dem wuesten Plateau bei Kala'at el-Hossn zwischen

Hemesa und dem Meer, sondern auch in der Zahl von ueber zwanzig oestlich von

Hemesa bei el-Ferklus, wo der Basalt selbst nicht vorkommt, sowie ebendaselbst

zahlreiche gemauerte Terrassen und Ruinenhuegel; Terrassierungen auf der ganzen

Strecke von 16 Meilen zwischen Hemesa und Palmyra. K. E. Sachau (Reise in Syrien

und Mesopotamien. Leipzig 1883, S. 23, 55) fand Reste von Wasserleitungen an

verschiedenen Stellen der Strasse von Damaskos nach Palmyra. Die in den Fels

gehauenen Zisternen von Arados, deren schon Strabon (16, 2, 13 p. 753) gedenkt,

tun noch heute ihren Dienst (J. E. Renan, Mission de Phenicie. Paris 1874, S.

Römische Geschichte — Buch 8 · 第 51 / 73 段