dem Statthalter jener, der sogenannten Syria Koile, zwei, dem Statthalter

dieser, der Provinz Syrophoenicia, eine Legion.

Auch insofern darf Syrien mit Gallien zusammengestellt werden, als dieser

kaiserliche Verwaltungsbezirk schaerfer als die meisten sich in befriedete

Landschaften und schutzbeduerftige Grenzdistrikte schied. Wenn die ausgedehnte

Kueste Syriens und die westlichen Landschaften ueberhaupt feindlichen Angriffen

nicht ausgesetzt waren und die Deckung an der Wuestengrenze gegen die

schweifenden Beduinen den arabischen und juedischen Fuersten und spaeterhin den

Truppen der Provinz Arabien, auch den Palmyrenern, mehr oblag als den syrischen

Legionen, so erforderte, namentlich bevor Mesopotamien roemisch ward, die

Euphratgrenze eine aehnliche Bewachung gegen die Parther wie der Rhein gegen die

Germanen. Aber wenn die syrischen Legionen an der Grenze zur Verwendung kamen,

so konnte man doch auch in dem westlichen Syrien ihrer nicht entraten ^1. Die

Rheintruppen waren allerdings auch der Gallier wegen da; dennoch durften die

Roemer mit berechtigtem Stolz sagen, dass fuer die grosse Hauptstadt Galliens

und die drei gallischen Provinzen eine unmittelbare Besatzung von 1200 Mann

ausreiche. Aber fuer die syrische Bevoelkerung und insbesondere fuer die

Hauptstadt des roemischen Asiens genuegte es nicht, die Legionen am Euphrat

aufzustellen. Nicht bloss am Saum der Wueste, sondern auch in den Schlupfwinkeln

der Gebirge hausten in der Nachbarschaft der reichen Aecker und der grossen

Staedte, nicht in dem Grade wie heutzutage, aber doch auch damals stetig,

verwegene Raeuberbanden und pluenderten, oft als Kaufleute oder Soldaten

verkleidet, die Landhaeuser und die Doerfer. Aber auch die Staedte selbst, vor

allem Antiocheia, verlangten, wie Alexandreia, eigene Besatzung. Ohne Zweifel

ist dies der Grund gewesen, weshalb eine Teilung in Zivil- und Militaerbezirke,

wie sie fuer Gallien schon Augustus verfuegte, in Syrien niemals auch nur

versucht worden ist und weshalb die grossen, auf sich selbst stehenden

Lageransiedlungen, aus denen zum Beispiel Mainz am Rhein, Leon in Spanien,

Chester in England hervorgegangen sind, im roemischen Orient gaenzlich fehlen.

Ohne Zweifel aber ist dies auch der Grund, weshalb die syrische Armee in Zucht

und Geist so sehr zurueckstand gegen die der Westprovinzen; weshalb die stramme

Disziplin, wie sie in den militaerischen Standlagern des Okzidents gehandhabt

ward, in den staedtischen Kantonnements des Ostens nie Fuss fassen konnte. Wo

der stehenden Truppe neben ihrer naechsten Bestimmung noch die Aufgabe der

Polizei zufaellt, wirkt dies an sich demoralisierend, und nur zu oft wird, wo

sie unruhige staedtische Massen in Zucht halten soll, vielmehr ihre eigene

Disziplin dadurch untergraben. Die frueher geschilderten syrischen Kriege

liefern dazu den unerfreulichen Kommentar; keiner derselben fand eine

kriegsfaehige Armee vor und regelmaessig bedurfte es erst herangezogener

okzidentalischer Truppen, um dem Kampfe die Wendung zu geben.

----------------------------------------------------

^1 Die Standquartiere der syrischen Legionen genau zu bestimmen, vermoegen

wir nicht; doch ist, was hier gesagt ist, wesentlich gesichert. Unter Nero stand

die 10. Legion in Raphaneae suedwestlich von Hamath (Ios. bel. Iud. 7, 1, 3) und

ebendaselbst oder doch ungefaehr in dieser Gegend unter Tiberius die 6. (Tac.

ann. 2, 79); wahrscheinlich in oder bei Antiocheia die 12. unter Nero (Ios. bel.

Iud. 2, 18, 9). Wenigstens eine Legion stand am Euphrat; fuer die Zeit vor der

Einziehung Kommagenes bezeugt dies Ios. bel. Iud. 7, 1, 3, und spaeterhin hatte

eine der syrischen Legionen ihr Hauptquartier in Samosata (Ptol. geogr. 5; 15,

11; Inschrift aus Severus' Zeit CIL VI, 1409; Itin. Anton. Aug. p. 186).

Wahrscheinlich hatten die Staebe der meisten syrischen Legionen ihren Sitz in

den westlichen Distrikten und geht die immer wiederkehrende Beschwerde, dass das

Lagern in den Staedten die syrische Armee zerruette, hauptsaechlich auf diese

Einrichtung. Ob in der besseren Zeit an dem Wuestensaum eigentliche

Legionshauptquartiere bestanden haben, ist zweifelhaft; bei den Grenzposten

daselbst haben auch Detachements der Legionen Verwendung gefunden, und

namentlich ist der besonders unruhige Distrikt zwischen Damaskos und Bostra

stark mit Legionaeren belegt worden, die einerseits das Kommando von Syrien

stellte, andererseits das arabische seit Einrichtung desselben durch Traian.

----------------------------------------------------

Syrien im engeren Sinne und seine Nebenlaender, das ebene Kilikien und

Phoenike haben unter den roemischen Kaisern eine Geschichte im eigentlichen

Sinne nicht gehabt. Die Bewohner dieser Landschaften gehoeren dem gleichen

Stamme an wie die Bewohner Judaeas und Arabiens, und die Stammvaeter der Syrer

und der Phoeniker haben in ferner Zeit an einem Orte gesessen mit denen der

Juden und der Araber und eine Sprache geredet. Aber wenn die letzteren an ihrer

Eigenart und an ihrer Sprache festgehalten haben, so haben die Syrer und die

Phoeniker sich hellenisiert, schon bevor sie unter roemische Herrschaft

gelangten. Es vollzog sich diese Hellenisierung durchgaengig in der Bildung von

hellenischen Politien. Den Grund dazu hatte freilich die einheimische

Entwicklung gelegt, namentlich an der phoenikischen Kueste die alten und grossen

Kaufstaedte. Aber vor allem hat die Staatenbildung Alexanders und der

Alexandriden, eben wie die der roemischen Republik, zu ihrem Fundament nicht den

Stamm, sondern die Stadtgemeinde; nicht das altmakedonische Erbfuerstentum,

sondern die griechische Politie hat Alexander in den Osten getragen, und nicht

aus Staemmen, sondern aus Staedten gedachte er und gedachten die Roemer ihr

Reich zusammenzusetzen. Der Begriff der autonomen Buergerschaft ist ein

dehnbarer und die Autonomie Athens und Thebens eine andere als die der

makedonischen und der syrischen Stadt, eben wie im roemischen Kreis die

Autonomie des freien Capua einen anderen Inhalt hatte als die der latinischen

Pflanzstaedte der Republik oder gar der Stadtgemeinden des Kaiserreichs; aber

der Grundgedanke ist ueberall das sich selbst verwaltende, in seinem Mauerring

souveraene Buergertum. Nach dem Sturz des Perserreichs ist Syrien nebst dem

benachbarten Mesopotamien als die militaerische Verbindungsbruecke zwischen dem

Westen und dem Osten wie kein anderes Land mit makedonischen Ansiedlungen

bedeckt worden; die dort in weitester Ausdehnung uebernommenen, sonst im ganzen

Alexanderreich nirgends also sich wiederfindenden makedonischen Ortsnamen

beweisen es, dass hier der Kern der hellenischen Eroberer des Ostens angesiedelt

wurde und dass Syrien fuer diesen Staat das Neu-Makedonien werden sollte; wie

denn auch, solange das Reich Alexanders eine Zentralregierung behielt, diese

dort ihren Sitz gehabt hat. Den syrischen Reichsstaedten hatten dann die Wirren

der letzten Seleukidenzeit zu groesserer Selbstaendigkeit verholfen. Diese

Einrichtungen fanden die Roemer vor. Unmittelbar vom Reich verwaltete, nicht

staedtische Distrikte gab es schon nach der von Pompeius vorgenommenen

Organisation in Syrien wahrscheinlich gar nicht, und wenn die abhaengigen

Fuerstentuemer in der ersten Epoche der roemischen Herrschaft einen grossen Teil

des suedlichen Binnenlandes der Provinz umfassten, so waren diese meist

gebirgigen und schwach bewohnten Distrikte doch von untergeordneter Bedeutung.

Im ganzen genommen blieb den Roemern in Syrien fuer die Hebung der staedtischen

Entwicklung nicht viel zu tun uebrig, weniger als in Kleinasien. Eigentliche

Staedtegruendung ist daher aus der Kaiserzeit fuer Syrien kaum zu berichten. Die

wenigen Kolonien, welche hier angelegt worden sind, wie unter Augustus Berytus

und wahrscheinlich auch Heliopolis, haben keinen anderen Zweck gehabt als die

nach Makedonien gefuehrten, naemlich die Unterbringung der Veteranen.

Wie sich die Griechen und die aeltere Bevoelkerung in Syrien zueinander

stellten, laesst sich schon an den oertlichen Benennungen deutlich verfolgen.

Landschaften und Staedte tragen hier der Mehrzahl nach griechische Namen,

grossenteils, wie bemerkt, der makedonischen Heimat entlehnte wie Pieria,

Anthemus, Arethusa, Beroea, Chalkis, Edessa, Europos, Kyrrhos, Larisa, Pella,

andere benannt nach Alexander oder den Gliedern des seleukidischen Hauses, wie

Alexandreia, Antiocheia, Seleukis und Seleukeia, Apameia, Laodikeia, Epiphaneia.

Die alten einheimischen Namen behaupten sich wohl daneben, wie Beroea, zuvor

aramaeisch Chaleb, auch Chalybon, Edessa oder Hierapolis, zuvor Mabog, auch

Bambyke, Epiphaneia, zuvor Hamat, auch Amathe genannt wird. Aber meistens traten

die aelteren Benennungen vor den fremden zurueck und nur wenige Landschaften und

groessere Orte wie Kommagene, Samosata, Hemesa, Damaskos entbehren

neugeschoepfter griechischer Namen. Das oestliche Kilikien hat wenig

makedonische Gruendungen aufzuweisen; aber die Hauptstadt Tarsos hat sich frueh

und vollstaendig hellenisiert und ist lange vor der roemischen Zeit eines der

Zentren der hellenischen Bildung geworden. Etwas anderes ist es in Phoenike: die

altberuehmten Kaufstaedte Arados, Byblos, Berytos, Sidon, Tyros haben die

einheimischen Namen nicht eigentlich abgelegt; aber wie auch hier das

Griechische die Oberhand gewann, zeigt die hellenisierende Umbildung eben dieser

Namen, und noch deutlicher, dass Neu-Arados uns nur unter dem griechischen Namen

Antarados bekannt ist, ebenso die von den Tyriern, den Sidoniern und den

Aradiern gemeinschaftlich an dieser Kueste gegruendete neue Stadt nur unter dem

Namen Tripolis, und beide ihre heutigen Benennungen Tartus und Tarabulus aus den

griechischen entwickelt haben. Schon in der Seleukidenzeit tragen die Muenzen im

eigentlichen Syrien ausschliesslich, die der phoenikischen Staedte weit

ueberwiegend griechische Aufschrift; und von Anfang der Kaiserzeit an steht die

Alleinherrschaft des Griechischen hier fest ^2.

----------------------------------------------------

^2 Von Byblos gibt es eine Muenze aus Augustus' Zeit mit griechischer und

phoenikischer Aufschrift (Imhoof-Blumer, Monnaies grecques, Leipzig 1883, S.

443).

----------------------------------------------------

Nur die nicht bloss durch weite Wuestenstrecken geschiedene, sondern auch

eine gewisse politische Selbstaendigkeit bewahrende Oase Palmyra macht, wie wir

sahen, hierin eine Ausnahme. Aber in dem Verkehr blieben die einheimischen

Idiome. In den Bergen des Libanos und des Antilibanos, wo auch in Hemesa (Roms),

Chalkis, Abila (beide zwischen Berytus und Damaskos) kleine Fuerstenhaeuser

einheimischen Ursprungs bis gegen das Ende des ersten Jahrhunderts n. Chr.

schalteten, hat die einheimische Sprache in der Kaiserzeit wahrscheinlich die

Alleinherrschaft gehabt, wie denn in den schwer zugaenglichen Gebirgen der

Drusen die Sprache Arams erst in neuerer Zeit dem Arabischen gewichen ist. Aber

vor zwei Jahrtausenden war dieselbe in der Tat in ganz Syrien die Sprache des

Volkes ^3. Dass bei den doppelnamigen Staedten im gewoehnlichen Leben die

syrische Benennung ebenso ueberwog wie in der Literatur die griechische, zeigt

sich darin, dass heute Beroea-Chalybon Haleb (Aleppo), Epiphaneia-Amathe Hama,

Hierapolis-Bambyke-Mabog Membidj, Tyros mit seinem phoenikischen Namen Sur

genannt wird; dass die uns aus den Urkunden und den Schriftstellern nur als

Heliopolis bekannte syrische Stadt ihren uralten einheimischen Namen Baalbek

noch heute fuehrt, ueberhaupt allgemein die heutigen Ortsnamen nicht aus den

griechischen, sondern aus den aramaeischen hervorgegangen sind.

----------------------------------------------------

^3 Johannes Chrysostomos aus Antiocheia (t 407) weist mehrfach (De sanctis

martyros. Opera. Paris 1718 ff. Vol. 2, p. 651; homil. 19, a. a. O., p. 188) hin

auf die eterophonia, die barbaros phon/e/ des laos im Gegensatz zu der Sprache

der Gebildeten.

----------------------------------------------------

Ebenso zeigt der Kultus das Fortleben des syrischen Volkstums. Die Syrer

von Beroea bringen ihre Weihgeschenke mit griechischer Aufschrift dem Zeus

Malbachos, die von Apameia dem Zeus Belos, die von Berytus als roemische Buerger

dem Jupiter Balmarcodes, alles Gottheiten, an denen weder Zeus noch Jupiter

wirklichen Teil hatten. Jener Zeus Belos ist kein anderer als der in Palmyra in

syrischer Sprache verehrte Malach Belos. Wie lebendig die heimische

Goetterverehrung in Syrien gewesen und geblieben ist, dafuer legt das

deutlichste Zeugnis ab, dass die Dame von Hemesa, die durch ihre Verschwaegerung

mit dem Severischen Hause fuer ihren Tochtersohn im Anfang des 3. Jahrhunderts

die Kaiserwuerde erlangte, nicht damit zufrieden, dass der Knabe Oberpontifex

des roemischen Volkes hiess, ihn auch anhielt, sich den Oberpriester des

heimischen Sonnengottes Elagabalus vor allen Roemern zu titulieren. Die Roemer

mochten die Syrer besiegen; aber die roemischen Goetter haben in ihrer eigenen

Heimat vor den syrischen das Feld geraeumt.

Nicht minder sind die zahlreichen auf uns gekommenen syrischen Eigennamen

ueberwiegend ungriechisch und Doppelnamen nicht selten; der Messias heisst auch

Christos, der Apostel Thomas auch Didymos, die von Petrus wiedererweckte Frau

aus Joppe das "Reh", Tabitha oder Dorkas. Aber fuer die Literatur und vermutlich

auch fuer den Geschaeftsverkehr und den Verkehr der Gebildeten war das syrische

Idiom so wenig vorhanden wie im Westen das keltische; in diesen Kreisen

herrschte ausschliesslich das Griechische, abgesehen von dem auch im Osten fuer

das Militaer geforderten Latein. Ein Literat aus der zweiten Haelfte des zweiten

Jahrhunderts, den der frueher erwaehnte Koenig von Armenien Sohaemos an seinen

Hof zog, hat einen Roman, der in Babylon spielt, einiges ueber seine eigene

Lebensgeschichte eingelegt, das diese Verhaeltnisse erlaeutert. Er sei, sagt er,

ein Syrer, aber nicht von den eingewanderten Griechen, sondern von Vater- und

Mutterseite einheimischer Abkunft, Syrer nach Sprache und Sitte, auch

babylonischer Sprache und persischer Magie kundig. Aber eben dieser, das

hellenische Wesen in gewissem Sinne ablehnende Mann fuegt hinzu, dass er

hellenische Bildung sich angeeignet habe, und ist ein angesehener Jugendlehrer

in Syrien und ein namhafter Romanschriftsteller der spaeteren griechischen

Literatur geworden ^4.

---------------------------------------------

^4 Der Auszug des Photios aus dem Roman des Iamblichos c. 11, welcher den

Verfasser irrig zu einem Babylonier macht, wird durch das Scholion dazu

wesentlich berichtigt und ergaenzt. Der Geheimschreiber der Grosskoenigs, der

unter den traianischen Gefangenen nach Syrien kommt, dort des Iamblichos

Erzieher wird und ihn in der "barbarischen Weisheit" unterweist, ist natuerlich

eine Figur des in Babylon spielenden Romans, den Iamblichos von diesem seinem

Lehrmeister vernommen haben will; aber charakteristisch fuer die Zeit ist der

armenische Hofliterat und Prinzenerzieher (denn als "guten Rhetor" hat ihn doch

wohl Sohaemos nach Valarschapat berufen) selbst, der kraft seiner magischen

Kunst nicht bloss den Fliegenzauber und die Geisterbeschwoerung versteht,

sondern auch dem Verus den Sieg ueber Vologasos vorhersagt und zugleich

Geschichten, wie sie auch in 'Tausendundeiner Nacht' stehen koennten, den

Griechen griechisch erzaehlt.

---------------------------------------------

Wenn spaeterhin das syrische Idiom wieder zur Schriftsprache geworden ist

und eine eigene Literatur entwickelt hat, so ist dies nicht auf eine Ermannung

des Nationalgefuehls zurueckzufuehren, sondern auf das unmittelbare Beduerfnis

der christlichen Propaganda: jene syrische Literatur, ausgegangen von der

Uebersetzung der christlichen Bekenntnisschriften in das Syrische, blieb gebannt

in den Kreis der spezifischen Bildung des christlichen Klerus und nahm daher von

der allgemeinen hellenischen Bildung nur den kleinen Bruchteil auf, den die

Theologen jener Zeit ihren Zwecken zutraeglich oder doch damit vertraeglich

fanden ^5; ein hoeheres Ziel als die Uebertragung der griechischen

Klosterbibliothek auf die Maronitenkloester hat diese Schriftstellerei nicht

erreicht und wohl auch nicht erstrebt. Sie reicht auch schwerlich weiter zurueck

als in das zweite Jahrhundert unserer Zeitrechnung und hat ihren Mittelpunkt

nicht in Syrien, sondern in Mesopotamien, namentlich in Edessa ^6, wo

wahrscheinlich, anders als in dem aelteren roemischen Gebiet, sich die Anfaenge

einer vorchristlichen Literatur in der Landessprache entwickelt hatten.

---------------------------------------------

^5 Die syrische Literatur besteht fast ausschliesslich aus Uebersetzungen

griechischer Werke. Unter den Profanschriften stehen in erster Reihe

Aristotelische und Plutarchische Traktate, dann praktische Schriften

juristischen oder agronomischen Inhalts und populaere Unterhaltungsbuecher wie

der Alexanderroman, Aesops Fabeln, Menanders Sentenzen.

^6 Die syrische Uebersetzung des Neuen Testaments, der aelteste uns

bekannte syrische Sprachtext, ist wahrscheinlich in Edessa entstanden; die

strati/o/tai der Apostelgeschichte heissen hier "Roemer".

---------------------------------------------

Unter den mannigfaltigen Bastardformen, welche der Hellenismus in seiner

zugleich zivilisierenden und degenerierenden Propaganda angenommen hat, ist die

syrohellenische wohl diejenige, in welcher die beiden Elemente am meisten im

Gleichgewicht standen, vielleicht aber zugleich diejenige, die die

Gesamtentwicklung des Reiches am entschiedensten beeinflusst hat. Die Syrer

empfingen wohl die griechische Staedteordnung und eigneten sich hellenische

Sprache und Sitte an; dennoch hoerten sie nie auf, sich als Orientalen zu

fuehlen oder vielmehr als Traeger einer doppelten Zivilisation. Nirgends

vielleicht ist dies schaerfer ausgesprochen als in dem kolossalen Grabtempel,

welchen im ersten Anfang der Kaiserzeit Koenig Antiochos von Kommagene sich auf

einem einsamen Berggipfel unweit des Euphrat errichtet hat. Er nennt in der

ausfuehrlichen Grabschrift sich einen Perser; im persischen Gewande, wie das

Herkommen seines Geschlechts es erheischt, soll der Priester des Heiligtums ihm

die Gedaechtnisopfer darbringen; aber wie die Perser nennt er auch die Hellenen

die gesegneten Wurzeln seines Geschlechts und fleht den Segen aller Goetter der

Persis wie der Maketis, das heisst des persischen wie des makedonischen Landes

auf seine Nachkommen herab. Denn er ist der Sohn eines einheimischen Koenigs vom

Geschlecht der Achaemeniden und einer griechischen Fuerstentochter aus dem Hause

des Seleukos, und dem entsprechend schmueckten das Grabmal in langer Doppelreihe

die Abbilder einerseits seiner vaeterlichen Ahnen bis auf den ersten Dareios,

andererseits seiner muetterlichen bis zu dem Marschall Alexanders. Die Goetter

aber, die er verehrt, sind zugleich persisch und griechisch, Zeus Oromasdes,

Apollon Mithras Helios Hermes, Artagnes Herakles Ares, und dieses letzteren Bild

zum Beispiel traegt die Keule des griechischen Heros und zugleich die persische

Tiara. Dieser persische Fuerst, der zugleich sich einen Freund der Hellenen und

als loyaler Untertan des Kaisers einen Freund der Roemer nennt, wie nicht minder

jener von Marcus und Lucius auf den Thron von Armenien berufene Achaemenide

Sohaemos, sind echte Vertreter der einheimischen, die persischen Erinnerungen

und die roemisch-hellenische Gegenwart gleichmaessig im Sinne tragenden

Aristokratie des kaiserlichen Syriens. Aus solchen Kreisen ist der persische

Mithraskult in den Okzident gelangt. Aber die Bevoelkerung, welche zugleich

unter diesem persischen oder sich persisch nennenden Grossadel und unter dem

Regiment der makedonischen und spaeter der italienischen Herren stand, war in

Syrien wie in Mesopotamien und in Babylonien aramaeisch; sie erinnert vielfach

an die heutigen Rumaenen gegenueber den vornehmen Sachsen und Magyaren. Sicher

waren sie das verderbteste und das verderbendste Element in dem roemisch-

hellenischen Voelkerkonglomerat. Von dem sogenannten Caracalla, der als Sohn

eines afrikanischen Vaters und einer syrischen Mutter in Lyon geboren war, wird

gesagt, dass er die Laster dreier Staemme in sich vereinigt habe, die gallische

Leichtfertigkeit, die afrikanische Wildheit und die syrische Spitzbueberei.

Diese Durchdringung des Orients und des Hellenismus, die nirgends so

vollstaendig wie in Syrien sich vollzogen hat, tritt uns ueberwiegend in der

Gestalt entgegen, dass in der Mischung das Gute und Edle zugrunde geht. Indes

ist dies nicht ueberall der Fall; die spaetere Entwicklung der Religion wie der

Spekulation, das Christentum und der Neuplatonismus, sind aus der gleichen

Paarung hervorgegangen; wenn mit jenem der Osten in den Westen dringt, so ist

dieser die Umgestaltung der okzidentalischen Philosophie im Sinn und Geist des

Ostens, eine Schoepfung zunaechst des Aegypters Plotinos (204 bis 270) und

seines bedeutendsten Schuelers, des Tyriers Malchos oder Porphyrios (233 bis

nach 300), und dann vorzugsweise in den Staedten Syriens gepflegt. Beide

welthistorischen Bildungen zu eroertern, ist hier nicht der Platz; vergessen

aber duerfen sie auch bei der Wuerdigung der syrischen Verhaeltnisse nicht

werden.

Die syrische Art findet ihren eminenten Ausdruck in der Hauptstadt des

Landes und vor Konstantinopels Gruendung des roemischen Ostens ueberhaupt, der

Volkszahl nach in dieser Epoche nur hinter Rom und Alexandreia und etwa noch dem

babylonischen Seleukeia zurueckstehend, Antiocheia, bei welchem es erforderlich

scheint, einen Augenblick zu verweilen. Die Stadt, eine der juengsten Syriens

und heutzutage von geringer Bedeutung, ist nicht durch die natuerlichen

Verkehrsverhaeltnisse Grossstadt geworden, sondern eine Schoepfung monarchischer

Politik. Die makedonischen Eroberer haben sie ins Leben gerufen zunaechst aus

militaerischen Ruecksichten, als geeignete Zentralstelle fuer eine Herrschaft,

die zugleich Kleinasien, das Euphratgebiet und Aegypten umspannte und auch dem

Mittelmeer nahe sein wollte ^7. Das gleiche Ziel und die verschiedenen Wege der

Seleukiden und der Lagiden finden ihren treuen Ausdruck in der Gleichartigkeit

und dem Gegensatz von Antiocheia und Alexandreia; wie dieses fuer die Seemacht

und die maritime Politik der aegyptischen Herrscher, so ist Antiocheia der

Mittelpunkt fuer die kontinentale Orientmonarchie der Herrscher Asiens. Zu

verschiedenen Malen haben die spaeteren Seleukiden hier grosse Neugruendungen

vorgenommen, so dass die Stadt, als sie roemisch wurde, aus vier selbstaendigen

und ummauerten Bezirken bestand, die wieder alle eine gemeinsame Mauer

einschloss. Auch an Einwanderern aus der Ferne fehlte es nicht. Als das

eigentliche Griechenland unter die Herrschaft der Roemer geriet und Antiochos

der Grosse vergeblich versucht hatte, diese dort zu verdraengen, gewaehrte er

wenigstens den auswandernden Euboeern und Aetolern in seiner Residenz eine

Freistatt. Wie in der Hauptstadt Aegyptens ist auch in derjenigen Syriens den

Juden ein gewissermassen selbstaendiges Gemeinwesen und eine privilegierte

Stellung eingeraeumt worden, und ihre Stellung als Zentren der juedischen

Diaspora ist nicht das schwaechste Element in der Entwicklung beider Staedte

geworden. Einmal zur Residenz und zum Sitz der obersten Verwaltung eines grossen

Römische Geschichte — Buch 8 · 第 50 / 73 段