die Grenze von Kappadokien; hier leistete die Stadt Tyana, die die kilikischen
Paesse sperrte, ernstlichen Widerstand. Nachdem sie gefallen war und Aurelian
durch milde Behandlung der Bewohner sich den Weg zu weiteren Erfolgen geebnet
hatte, ueberschritt er den Taurus und gelangte durch Kilikien nach Syrien. Wenn
Zenobia, wie nicht zu bezweifeln ist, auf taetige Unterstuetzung von seiten des
Perserkoenigs gerechnet hatte, so fand sie sich getaeuscht. Der hochbetagte
Koenig Schapur griff nicht in diesen Krieg ein und die Herrscherin des
roemischen Ostens blieb auf ihre eigenen Streitkraefte angewiesen, von denen
vielleicht auch noch ein Teil auf die Seite des legitimen Augustus trat. In
Antiocheia vertrat die palmyrenische Hauptmacht unter dem Feldherrn Zabdas dem
Kaiser den Weg; auch Zenobia selbst war anwesend. Ein glueckliches Gefecht gegen
die ueberlegene palmyrenische Reiterei am Orontes lieferte Aurelian die Stadt in
die Haende, welche nicht minder wie Tyana volle Verzeihung empfing -
gerechterweise erkannte er an, dass die Reichsuntertanen kaum eine Schuld traf,
wenn sie dem von der roemischen Regierung selbst zum Oberkommandanten bestellten
palmyrenischen Fuersten sich gefuegt hatten. Die Palmyrener zogen ab, nachdem
sie bei der Vorstadt von Antiocheia, Daphne, ein Rueckzugsgefecht geliefert
hatten, und schlugen die grosse Strasse ein, die von der Hauptstadt Syriens nach
Hemesa und von da durch die Wueste nach Palmyra fuehrt. Aurelianus forderte die
Koenigin auf, sich zu unterwerfen, hinweisend auf die namhaften in den Kaempfen
am Orontes erlittenen Verluste. Es seien das ja nur Roemer, antwortete die
Koenigin; noch gaben die Orientalen sich nicht ueberwunden. Bei Hemesa ^114
stellte sie sich zu der entscheidenden Schlacht. Sie war lang und blutig; die
roemische Reiterei unterlag und loeste fluechtend sich auf; aber die Legionen
entschieden und der Sieg blieb den Roemern. Schwieriger als der Kampf war der
Marsch. Die Entfernung von Hemesa nach Palmyra betraegt in gerader Richtung 18
deutsche Meilen, und wenn auch in jener Epoche der hochgesteigerten syrischen
Zivilisation die Gegend nicht in dem Grade wuest war wie heutzutage, so bleibt
der Zug Aurelians dennoch eine bedeutende Leistung, zumal da die leichten Reiter
des Feindes das roemische Heer auf allen Seiten umschwaermten. Indes Aurelian
gelangte zum Ziel und begann die Belagerung der festen und wohl
verproviantierten Stadt; schwieriger als diese selbst war die Herbeifuehrung der
Lebensmittel fuer das belagernde Heer. Endlich sank der Fuerstin der Mut, und
sie entwich aus der Stadt, um Hilfe bei den Persern zu suchen. Doch das Glueck
stand dem Kaiser weiter bei. Die nachsetzenden roemischen Reiter nahmen sie mit
ihrem Sohne gefangen, als sie eben am Euphrat angelangt das rettende Boot
besteigen wollte, und die durch ihre Flucht entmutigte Stadt kapitulierte (272).
Aurelianus gewaehrte auch hier wie in diesem ganzen Feldzug den unterworfenen
Buergerschaften volle Verzeihung. Aber ueber die Koenigin und ihre Beamten und
Offiziere erging ein strenges Strafgericht. Zenobia verschmaehte es nicht,
nachdem sie mit maennlicher Tatkraft jahrelang die Herrschaft gefuehrt hatte,
jetzt die Frauenprivilegien anzurufen und die Verantwortung auf ihre Berater zu
werfen, von denen nicht wenige, unter ihnen der gefeierte Gelehrte Cassius
Longinus, unter dem Henkerbeil endigten. Sie selbst durfte in dem Triumphzug des
Kaisers nicht fehlen, und sie ging nicht den Weg Kleopatras, sondern zog in
goldenen Ketten zur Schau der roemischen Menge vor dem Wagen des Siegers auf das
roemische Kapitol. Aber bevor Aurelianus seinen Sieg feiern konnte, hatte er ihn
zu wiederholen. Wenige Monate nach der Uebergabe erhoben sich die Palmyrener
abermals, erschlugen die kleine dort garnisonierende roemische Besatzung und
riefen einen gewissen Antiochos ^115 zum Herrscher aus, indem sie zugleich
versuchten, den Statthalter von Mesopotamien, Marcellinus, zur Auflehnung zu
bestimmen. Die Kunde erreichte den Kaiser, als er eben den Hellespont
ueberschritten hatte. Er kehrte sofort um und stand, frueher als es Freund oder
Feind geahnt hatte, abermals vor den Mauern der insurgierten Stadt. Die Empoerer
waren darauf nicht gefasst gewesen; es gab diesmal keine Gegenwehr, aber auch
keine Gnade. Palmyra wurde zerstoert, das Gemeinwesen aufgeloest, die Mauern
geschleift, die Prunkstuecke des herrlichen Sonnentempels in den Tempel
uebertragen, den in Erinnerung an diesen Sieg der Kaiser dem Sonnengott des
Ostens in Rom erbaute. Nur die verlassenen Hallen und Mauern blieben, wie sie
zum Teil noch heute stehen. Das geschah im Jahre 273 ^116. Die Bluete Palmyras
war eine kuenstliche, erzeugt durch die dem Handel gewiesenen Strassen und die
grossen dadurch bedingten oeffentlichen Bauten. Jetzt zog die Regierung von der
ungluecklichen Stadt ihre Hand ab. Der Handel suchte und fand andere Bahnen; da
Mesopotamien damals als roemische Provinz betrachtet ward und bald auch wieder
zum Reich kam, ebenfalls das Nabataeergebiet bis zu dem Hafen von Aelana in
roemischer Hand war, so konnte diese Zwischenstation entbehrt werden und mag der
Verkehr sich dafuer nach Bostra oder Beroea (Aleppo) gezogen haben. Dem kurzen
meteorartigen Aufleuchten Palmyras und seiner Fuersten folgte unmittelbar die
Oede und Stille, die seither bis auf den heutigen Tag ueber dem kuemmerlichen
Wuestendorf und seinen Kolonnadenruinen lagert.
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^112 Die Zeitbestimmung beruht darauf, dass die Usurpationsmuenzen des
Vaballathos schon in seinem fuenften aegyptischen Regierungsjahr, das heisst 29.
August 270/71 aufhoeren; dass sie sehr selten sind, spricht fuer den Anfang des
Jahres. Damit stimmt wesentlich ueberein, dass die Erstuermung des Prucheion
(das uebrigens kein Stadtteil war, sondern eine Lokalitaet dicht bei der Stadt
nach der Seite der grossen Oase: Hier. vita Hilar. 33, 34, vol. 2 p. 32 Vall.)
von Eusebius in der Chronik in das 1. Jahr des Claudius, von Ammian (22, 16, 15)
unter Aurelian gesetzt wird; der genaueste Bericht bei Eusebius (hist. eccl. 7,
32) ist nicht datiert. Die Rueckeroberung Aegyptens durch Probus steht nur in
der Biographie desselben (c. 9); sie kann so, wie sie erzaehlt wird, verlaufen
sein, aber moeglich ist es auch, dass in dieser durch und durch verfaelschten
Quelle die Timagenes-Geschichte mutatis mutandis auf den Kaiser uebertragen ist.
^113 Das hat wohl der von Zosimus (hist. 1, 52) ausgezogene Bericht ueber
die Schlacht von Hemesa hervorheben wollen, indem er unter den Truppen Aurelians
die Dalmatiner, Moeser, Pannonier, Noriker, Raeter, Mauretaner und die Garde
aufzaehlt. Wenn er diesen die Truppen von Tyana und einige Abteilungen aus
Mesopotamien, Syrien, Phoenike, Palaestina zugesellt, so geht dies ohne Zweifel
auf die kappadokischen Besatzungen, die nach der Einnahme von Tyana sich
angeschlossen hatten, und auf einige bei dem Einruecken Aurelians in Syrien zu
ihm uebergegangene roemisch gesinnte Abteilungen der Armeen des Ostens.
^114 Aus Versehen setzt Eutropius (9, 13) die entscheidende Schlacht haud
longe ab Antiochia; gesteigert ist dasselbe bei Rufius c. 24 (von dem Hier.
chron. a. Abr. 2289 abhaengt) und bei Synkellos p. 721 durch den Zusatz apud
Immas, en Immais, welcher 33 roemische Meilen von Antiocheia auf der Strasse
nach Chalkis zu liegende Ort von Hemesa weit abliegt. Die beiden Hauptberichte
bei Zosimus und dem Biographen Aurelians stimmen in allem wesentlichen ueberein.
^115 Diesen Namen haben Zos. hist. 1, 60 und Pol. Silv. chron. p. 243; der
Achilleus des Biographen Aurelians c. 31 scheint eine Verwechslung mit dem
Usurpator der diocletianischen Zeit. Dass gleichzeitig auch in Aegypten ein
Parteigaenger der Zenobia und zugleich Raeuberhauptmann namens Firmus sich gegen
die Regierung erhoben hat, ist wohl moeglich, beruht aber nur auf den
Kaiserbiographien, und die hinzugefuegten Details klingen sehr bedenklich.
^116 Die Chronologie dieser Ereignisse steht nicht voellig fest. Die
Seltenheit der syrischen Muenzen Vaballaths als Augustus beweisen, dass dem
Bruch mit Aurelian (Ende 270) die Ueberwaeltigung bald nachfolgte. Nach den
datierten Inschriften des Odaenathos und der Zenobia vom August 271 (Waddington
2611) stand damals die Herrschaft der Koenigin noch aufrecht. Da eine Expedition
dieser Art nach den klimatischen Verhaeltnissen nicht wohl anders als im
Fruehling stattfinden kann, so wird die erste Einnahme Palmyras im Fruehjahr 272
erfolgt sein. Die juengste (bloss palmyrenische) Inschrift, die wir von da
kennen (Vogue 116) ist vom August 272. In diese Zeit mag die Insurrektion
fallen, die zweite Einnahme und die Zerstoerung etwa in den Fruehling 273
(wonach 6, 154 A. zu berichtigen ist).
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Das ephemere Reich von Palmyra ist in seinem Entstehen wie in seinem Fall
eng mit den Beziehungen der Roemer zu dem nicht roemischen Osten verwachsen,
aber nicht minder ein Stueck der allgemeinen Reichsgeschichte. Denn wie das
Westreich des Postumus, so ist das Ostreich der Zenobia eine jener Massen, in
die damals das gewaltige Ganze sich schien aufloesen zu sollen. Wenn waehrend
seines Bestehens seine Leiter dem Ansturm der Perser ernstlich Schranken zu
setzen versuchten, ja ihre Machtentwicklung eben darauf beruhte, so hat es bei
seinem Zusammenbrechen nicht bloss bei denselben Persern Rettung gesucht,
sondern wahrscheinlich sind infolge des Abfalls der Zenobia Armenien und
Mesopotamien den Roemern verlorengegangen und hat auch nach der Unterwerfung
Palmyras der Euphrat wieder eine Zeitlang die Grenze gemacht. An ihm angelangt,
hoffte die Koenigin Aufnahme bei den Persern zu finden; und ueber ihn hinueber
die Legionen zu fuehren, unterliess Aurelianus, da Gallien nebst Britannien und
Spanien damals noch der Regierung die Anerkennung verweigerten. Er und sein
Nachfolger Probus kamen nicht dazu, diesen Kampf aufzunehmen. Aber als im Jahre
282 nach dem vorzeitigen Ende des letzteren die Truppen den naechsthoechsten
Befehlshaber Marcus Aurelius Carus zum Kaiser ausriefen, war es das erste Wort
des neuen Herrschers, dass die Perser dieser Wahl gedenken sollten, und er hat
es gehalten. Sogleich rueckte er mit dem Heere in Armenien ein und stellte dort
die fruehere Ordnung wieder her. An der Landesgrenze kamen ihm persische
Gesandte entgegen, die sich bereit erklaerten, alles Billige zu gewaehren ^117;
aber sie wurden kaum angehoert, und der Marsch ging unaufhaltsam weiter. Auch
Mesopotamien wurde abermals roemisch und die parthischen Residenzstaedte
Seleukeia und Ktesiphon einmal mehr von den Roemern besetzt, ohne dass diese auf
nachhaltigen Widerstand getroffen waeren, wozu der damals im Persischen Reiche
wuetende Bruderkrieg das seinige beitrug ^118. Der Kaiser war eben ueber den
Tigris gegangen und im Begriff, in das Herz des feindlichen Landes einzudringen,
als er auf gewaltsame Weise, vermutlich durch Moerderhand, den Tod und damit
auch der Feldzug sein Ende fand. Sein Nachfolger aber erlangte im Frieden die
Abtretung von Armenien und Mesopotamien ^119; obwohl Carus wenig ueber ein Jahr
den Purpur trug, wurde die Reichsgrenze des Severus durch ihn wiederhergestellt.
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^117 Es lehrt nichts fuer die Stellung der Armenier, dass in uebrigens
durchaus apokryphen Schilderungen (vita Valer. 6; vita Aurel. 27, 28) die
Armenier nach der Katastrophe Valerians zu den Persern halten und in der letzten
Krise der Palmyrener als Bundesgenossen der Zenobia neben den Persern
erscheinen; beides sind selbstverstaendliche Konsequenzen aus der allgemeinen
Lage der Dinge. Dass Aurelian Armenien so wenig wie Mesopotamien unterwarf,
dafuer spricht in diesem Falle teils das Schweigen der Quellen, teils die
Nachricht des Synesios (regn. 17), dass Kaiser Carinus (vielmehr Carus) in
Armenien hart an der Grenze des persischen Gebiets eine persische Gesandtschaft
kurzerhand abgefertigt und, durch deren Bericht erschreckt, der junge
Perserkoenig sich zu jeder Konzession bereit erklaert habe. Wie diese Erzaehlung
auf Probus bezogen werden kann, wie v. Gutschmid meint (ZDMG 31, 1877, S. 50),
sehe ich nicht ein; zu Carus' persischer Expedition dagegen passt sie recht gut.
^118 Die Wiedereroberung Mesopotamiens berichtet nur der Biograph c. 8;
aber bei dem Ausbruch des Perserkrieges unter Diocletian ist dasselbe roemisch.
Der inneren Unruhen im Perserreich wird ebendaselbst gedacht; auch wird in einem
im Jahre 289 gehaltenen Vortrag (Paneg. 3, 17) der Krieg erwaehnt, den gegen den
Koenig von Persien - es war dies Bahram II. - der eigene Bruder Ormies oder
vielmehr Hormizd fuehrt adscitis Sacis et Ruffis (?) et Gellis (vgl. Noeldeke,
Tabari, S. 479). Wir haben ueberhaupt ueber diesen wichtigen Feldzug nur einige
abgerissene Notizen.
^119 Das sagt deutlich Mamertinus (Paneg. 2, 7, vgl. 2, 10; 3, 6) in der im
Jahre 289 gehaltenen Rede: Syriam velut amplexu suo tegebat Eupbrates antequam
Diocletiano sponte (das heisst, ohne dass Diocletian zu den Waffen zu greifen
brauchte, wie dann weiter ausgefuehrt wird) se dederent regna Persarum; ferner
ein anderer Lobredner aus dem Jahre 296 (Paneg. 5, 3): Partho ultra Tagrim
reducto. Wendungen wie die bei Aur. Vict. Caes. 39, 33, dass Galerius relictis
finibus nach Mesopotamien marschiert sei, oder dass Narseh nach Ruf. Fest. 25 im
Frieden Mesopotamien abtrat, koennen dagegen nicht geltend gemacht werden;
ebensowenig, dass orientalische Quellen die roemische Besitznahme von Nisibis in
609 Sel. = 297/98 n. Chr. setzen (Noeldeke, Tabari, S. 50). Waere dies richtig,
so koennte der genaue Bericht ueber die Friedensverhandlungen von 297 bei Petrus
Patricius fr. 14 unmoeglich von der Abtretung Mesopotamiens schweigen und bloss
der Regulierung des Grenzverkehrs Erwaehnung tun.
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Einige Jahre darauf (293) bestieg ein neuer Herrscher, Narseh, des Koenigs
Schapur Sohn, den Thron von Ktesiphon, und erklaerte im Jahre 296 wegen des
Besitzes von Mesopotamien und Armenien den Roemern den Krieg ^120. Diocletianus,
der damals die oberste Leitung wie des Reiches ueberhaupt, so namentlich des
Orients hatte, beauftragte mit der Fuehrung desselben seinen Reichsgehilfen
Galerius Maximianus, einen rohen, aber tapferen Feldherrn. Der Anfang war
unguenstig. Die Perser fielen in Mesopotamien ein und gelangten bis nach
Karrhae; gegen sie fuehrte der Caesar die syrischen Legionen bei Nikephorion
ueber den Euphrat; zwischen diesen beiden Positionen stiessen die Armeen
aufeinander, und die weit schwaechere roemische unterlag. Es war ein harter
Schlag und der junge Feldherr musste schwere Vorwuerfe ueber sich ergehen
lassen; aber er verzagte nicht. Fuer den naechsten Feldzug wurden aus dem ganzen
Reich Verstaerkungen herangezogen und beide Regenten rueckten persoenlich in das
Feld; Diocletian nahm Stellung in Mesopotamien mit der Hauptmacht, waehrend
Galerius, verstaerkt durch die inzwischen herangezogenen illyrischen
Kerntruppen, mit einem Heer von 25000 Mann in Armenien dem Feind entgegentrat
und ihm eine entscheidende Niederlage beibrachte. Das Lager und der Schatz, ja
selbst der Harem des Grosskoenigs fielen den Kriegern in die Haende, und mit Not
entging Narseh selbst der Gefangenschaft. Um nur die Frauen und die Kinder
wieder zu erlangen, erklaerte der Koenig sich bereit, auf jede Bedingung Frieden
zu schliessen; sein Abgesandter Apharban beschwor den Roemer, des Persers zu
schonen: die beiden Reiche, das Roemische und das Persische, seien gleichsam die
beiden Augen der Welt und keines koenne des anderen entbehren. Es haette in der
Macht der Roemer gestanden, ihren orientalischen Provinzen eine mehr
hinzuzufuegen; der vorsichtige Herrscher begnuegte sich mit der Regulierung der
Besitzverhaeltnisse im Nordosten. Mesopotamien blieb selbstverstaendlich im
roemischen Besitz; der wichtige Handelsverkehr mit dem benachbarten Ausland
wurde unter strenge staatliche Kontrolle gestellt und wesentlich nach der festen
Stadt Nisibis gewiesen, dem Stuetzpunkt der roemischen Grenzwacht im oestlichen
Mesopotamien. Als Grenze der unmittelbaren roemischen Herrschaft wurde der
Tigris anerkannt, jedoch in der Ausdehnung, dass das ganze suedliche Armenien
bis zum See Thospitis (Vansee) und zum Euphrat, also das gesamte obere Tigristal
zum Roemischen Reich gehoeren solle. Eigentliche Provinz ward dies Vorland von
Mesopotamien nicht, sondern nach der bisherigen Weise als roemische Satrapie
Sophene verwaltet. Einige Dezennien spaeter ward hier die starke Festung Amida
(Diarbekr) angelegt, seitdem die Hauptburg der Roemer im Gebiet des oberen
Tigris. Zugleich ward die Grenze zwischen Armenien und Medien neu reguliert und
die Lehnsherrlichkeit Roms ueber jenes Land wie ueber Iberien abermals
bestaetigt. Bedeutende Gebietsabtretungen legte der Friede den Besiegten nicht
auf, aber er stellte eine den Roemern guenstige Grenze her, welche auf laengere
Zeit hinaus in diesen vielumstrittenen Gebieten die beiden Reiche schied ^121.
Die Politik Traians erhielt damit ihre vollstaendige Durchfuehrung; allerdings
verschob sich auch eben damals der Schwerpunkt der roemischen Herrschaft aus dem
Westen nach dem Osten.
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^120 Dass Narseh in das damals roemische Armenien einbrach, sagt Amm. 23,
5, 11; fuer Mesopotamien folgt dasselbe aus Eutr. 9, 24. Noch am 1. Maerz 296
bestand der Friede oder war doch die Kriegserklaerung im Okzident nicht bekannt
(Paneg. 5, 10).
^121 Die Differenzen in den ausnahmsweise guten Berichten namentlich des
Petrus Patricius fr. 14 und Ammians (25, 7, 9) sind wohl nur formaler Art. Dass
der Tigris die eigentliche Reichsgrenze sein sollte, wie Priscus sagt, schliesst
nicht aus, zumal bei der eigentuemlichen Beschaffenheit seines Oberlaufs, dass
dieselbe dort teilweise darueber hinausgriff; vielmehr scheinen die fuenf vorher
bei Petrus genannten Distrikte eben als transtigritanische und von der folgenden
allgemeinen Bestimmung auszunehmende aufgefuehrt zu werden. Die Distrikte,
welche Priscus hier und, ausdruecklich als transtigritanische, Ammian auffuehren
- es sind dies bei beiden Arzanene, Karduene und Zabdicene, bei Priscus Sophene
und Intilene ("vielmehr Ingiline, armenisch Angel, jetzt Egil": Kiepen), bei
Ammian Moxoene und Rehimene (?) - koennen unmoeglich alle vor dem Frieden, wo
doch Armenien schon Romano iuri obnoxia war (Amm. 23, 5, 11), von den Roemern
als persische betrachtet worden sein; ohne Zweifel bildeten die westlicheren
derselben schon damals einen Teil des roemischen Armeniens und stehen hier nur
insofern, als sie infolge des Friedens dem Reiche als Satrapie Sophene
einverleibt wurden. Dass es sich hier nicht um die Grenze der Abtretung, sondern
um die des unmittelbaren Reichsgebiets handelte, zeigt der Folgesatz, der die
Grenze zwischen Armenien und Medien feststellt.
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10. Kapitel
Syrien und das Nabataeerland
Sehr allmaehlich haben die Roemer sich dazu entschlossen, nach der
westlichen auch der oestlichen Haelfte der Kuesten des Mittelmeeres sich zu
bemaechtigen; nicht an dem Widerstand, auf den sie hier verhaeltnismaessig in
geringem Masse trafen, sondern an der wohlbegruendeten Scheu vor den
denationalisierenden Konsequenzen dieser Eroberungen hat es gelegen, dass sie so
lange wie moeglich sich nur bemuehten, in jenen Gegenden den entscheidenden
politischen Einfluss zu bewahren, und dass die eigentliche Einverleibung
wenigstens Syriens und Aegyptens erst stattfand, als der Staat schon fast eine
Monarchie war. Wohl wurde dadurch das Roemerreich geographisch geschlossen, das
Mittelmeer, Roms eigentliche Basis, seit es eine Grossmacht war, nach allen
Seiten hin ein roemischer Binnensee, Schiffahrt und Handel auf und an demselben
zum Segen aller Anwohner staatlich geeinigt. Aber der geographischen
Geschlossenheit zur Seite ging die nationale Zweiteilung. Durch Griechenland und
Makedonien waere der Roemerstaat nie binational geworden, so wenig wie die
Griechenstaedte Neapolis und Massalia Kampanien und die Provence hellenisiert
haben. Aber wenn in Europa und Afrika das griechische Gebiet gegenueber der
geschlossenen Masse des lateinischen verschwindet, so gehoert, was von dem
dritten Erdteil mit dem von Rechts wegen dazu gehoerigen Niltal in diesen
Kulturkreis hineingezogen ward, ausschliesslich den Griechen, und namentlich
Antiocheia und Alexandreia sind die rechten Traeger der in Alexander ihren
Hoehepunkt erreichenden hellenischen Entwicklung, Mittelpunkte hellenischen
Lebens und hellenischer Bildung und Grossstaedte wie Rom auch. Nachdem in dem
vorhergehenden Kapitel der die ganze Kaiserzeit ausfuellende Kampf des Ostens
und des Westens in und um Armenien und Mesopotamien dargestellt worden ist,
wenden wir uns dazu, die Verhaeltnisse der syrischen Landschaften zu schildern,
wie sie gleichzeitig sich gestalteten. Gemeint ist das Gebiet, das der Bergstock
Pisidiens, Isauriens und Westkilikiens von Kleinasien, die oestliche Fortsetzung
desselben Gebirges und der Euphrat von Armenien und Mesopotamien, die arabische
Wueste von dem Parthischen Reiche und von Aegypten scheiden; nur schien es
angemessen, die eigenartigen Schicksale Judaeas in einem besonderen Abschnitt zu
behandeln. Der Verschiedenheit der politischen Entwicklung unter dem
Kaiserregiment entsprechend soll zunaechst von dem eigentlichen Syriens dem
noerdlichen Teil dieses Gebiets und von der unter dem Libanos sich hinziehenden
phoenikischen Kueste, weiter von dem Hinterlande Palaestinas, dem Gebiet der
Nabataeer gesprochen werden. Was ueber Palmyra zu sagen war, hat schon im
vorigen Kapitel seinen Platz gefunden.
Seit der Teilung der Provinzen zwischen dem Kaiser und dem Senat hat Syrien
unter kaiserlicher Verwaltung gestanden und ist im Orient, wie Gallien im
Westen, der Schwerpunkt der kaiserlichen zivilen und militaerischen Verwaltung
gewesen. Diese Statthalterschaft war von Anfang an von allen die angenehmste und
wurde dies im Lauf der Zeit nur noch in hoeherem Grade. Ihr Inhaber fuehrte,
gleich den Statthaltern der beiden Germanien, das Kommando ueber vier Legionen,
und waehrend den Kommandanten der Rheinarmee die Verwaltung der inneren
gallischen Landschaften abgenommen ward und schon in ihrem Nebeneinanderstehen
eine gewisse Beschraenkung lag, behielt der Statthalter von Syrien auch die
Zivilverwaltung der ganzen grossen Provinz ungeschmaelert und fuehrte lange Zeit
in ganz Asien allein ein Kommando ersten Ranges. Unter Vespasian erhielt er zwar
an den Statthaltern von Palaestina und von Kappadokien zwei ebenfalls Legionen
befehligende Kollegen; andererseits aber wuchsen durch die Einziehung des
Koenigreichs Kommagene und bald darauf auch der Fuerstentuemer im Libanos deren
Gebiete seiner Verwaltung zu. Erst im Laufe des zweiten Jahrhunderts trat eine
Schmaelerung seiner Befugnisse ein, indem Hadrian eine der vier Legionen dem
Statthalter von Syrien nahm und sie dem von Palaestina ueberwies. Den ersten
Platz in der roemischen Militaerhierarchie hat erst Severus dem syrischen
Statthalter entzogen. Nachdem dieser die Provinz, die wie einst ihren
Statthalter Vespasian, so damals den Niger zum Kaiser hatte machen wollen, unter
Widerstreben namentlich der Hauptstadt Antiocheia unterworfen hatte, verfuegte
er die Teilung derselben in eine noerdliche und eine suedliche Haelfte und gab