Beispiel des Tiberius. Mithradates, aus dem Exil zurueckgerufen, wurde wieder
eingesetzt und angewiesen, mit Hilfe seines Bruders sich Armeniens zu
bemaechtigen. Der damals zwischen den drei Soehnen des Koenigs Artabanos III.
gefuehrte Bruderkrieg im Partherreich ebnete den Roemern den Weg. Nach der
Ermordung des aeltesten Sohnes stritten Jahre lang Gotarzes und Vardanes um den
Thron; Seleukeia, das schon dem Vater den Gehorsam aufgekuendigt hatte, trotzte
sieben Jahre hindurch ihm und nachher den Soehnen; die Voelker Turans griffen
wie immer auch in diesen Hader der Fuersten Irans ein. Mithradates vermochte mit
Hilfe der Truppen seines Bruders und der Garnisonen der benachbarten roemischen
Provinzen die parthisch Gesinnten in Armenien zu ueberwaeltigen und sich wieder
zum Herrn daselbst zu machen ^29; das Land erhielt roemische Besatzung. Nachdem
Vardanes sich mit dem Bruder verglichen und endlich Seleukeia wieder eingenommen
hatte, machte er Miene, in Armenien einzuruecken; aber die drohende Haltung des
roemischen Legaten von Syrien hielt ihn ab und sehr bald brach der Bruder den
Vergleich und begann der Buergerkrieg aufs neue. Nicht einmal die Ermordung des
tapferen und im Kampf mit den Voelkern Turans siegreichen Vardanes setzte
demselben ein Ziel; die Gegenpartei wendete sich nun nach Rom und erbat sich von
der dortigen Regierung den dort lebenden Sohn des Vonones, den Prinzen
Meherdates, welcher dann auch vom Kaiser Claudius vor dem versammelten Senat den
Seinigen zur Verfuegung gestellt und nach Syrien entlassen ward mit der
Ermahnung, sein neues Reich gut und gerecht zu verwalten und der roemischen
Schutzfreundschaft eingedenk zu bleiben (Jahr 49). Er kam nicht in die Lage, von
diesen Ermahnungen Anwendung zu machen. Die roemischen Legionen, die ihm bis zum
Euphrat das Geleit gaben, uebergaben ihn dort denen, die ihn gerufen hatten, dem
Haupt des maechtigen Fuerstengeschlechts der Karen und den Koenigen Abgaros von
Edessa und Izates von Adiabene. Der unerfahrene und unkriegerische Juengling war
der Aufgabe so wenig gewachsen wie alle anderen von den Roemern aufgestellten
parthischen Herrscher; eine Anzahl seiner namhaftesten Anhaenger verliessen ihn,
so wie sie ihn kennenlernten und gingen zu Gotarzes; in der entscheidenden
Schlacht gab der Fall des tapferen Karen den Ausschlag. Meherdates wurde
gefangen und nicht einmal hingerichtet, sondern nur nach orientalischer Sitte
durch Verstuemmelung der Ohren regierungsunfaehig gemacht.
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^28 Der Bericht ueber die Besitzergreifung Armeniens fehlt, aber die
Tatsache geht aus Tac. ann. 11, 9 deutlich hervor. Wahrscheinlich gehoert
hierher, was Josephus (bel. Iud. 20 3, 3) von der Absicht des Nachfolgers des
Artabanos erzaehlt, gegen die Roemer Krieg zu fuehren wovon der Satrap von
Adiabene, Izates, ihn vergebens abmahnt. Josephus nennt diesen Nachfolger wohl
irrig Bardanes. Artabanos' III. unmittelbarer Nachfolger war nach Tac. ann. 11,
8 sein gleichnamiger Sohn, den nebst seinem Sohn dann Gotarzes aus dem Wege
raeumte; und dieser Artabanos IV. wird hier gemeint sein.
^29 Die Meldung des Petrus Patricius (fr. 3 Muell.), dass der Koenig
Mithradates von Iberien den Abfall von Rom geplant, aber, um den Schein der
Treue zu wahren, seinen Bruder Kotys an Claudius gesandt habe und dann, da
dieser dem Kaiser von jenen Umtrieben Anzeige gemacht, abgesetzt und durch den
Bruder ersetzt worden sei vertraegt sich nicht mit der gesicherten Tatsache,
dass in Iberien wenigstens vom Jahr 35 (Tac. ann. 6, 32) bis zum Jahr 60 (Tac.
ann. 14, 26) Pharasmanes, im Jahre 75 dessen Sohn Mithradates (CIL III, 6052)
geherrscht hat. Ohne Zweifel hat Petrus den Mithradates von Iberien und den
gleichnamigen Koenig des Bosporus zusammengeworfen und liegt hier die Erzaehlung
zu Grunde, welche Tacitus (ann. 12, 18) voraussetzt.
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Trotz dieser Niederlage der roemischen Politik im Partherreich blieb
Armenien den Roemern, solange der schwache Gotarzes ueber die Parther herrschte.
Aber sowie eine kraeftigere Hand die Zuegel der Herrschaft fasste und die
inneren Kaempfe ruhten, ward auch der Kampf um jenes Land wieder aufgenommen.
Koenig Vologasos, der nach dem Tode des Gotarzes und dem kurzen Regiment
Vonones' II, diesem seinem Vater im Jahre 51 sukzedierte ^30, bestieg den Thron
ausnahmsweise in vollem Einverstaendnis mit seinen beiden Bruedern Pakoros und
Tiridates. Er war ein faehiger und umsichtiger Regent - auch als Staedtegruender
finden wir ihn und mit Erfolg bemueht, den Handel von Palmyra nach seiner Stadt
Vologasias am unteren Euphrat zu lenken -, raschen und extremen Entschluessen
abgeneigt und bemueht, mit dem maechtigen Nachbarn womoeglich Frieden zu halten.
Aber die Rueckgewinnung Armeniens war der leitende politische Gedanke der
Dynastie und auch er bereit, jede Gelegenheit zu seiner Verwirklichung zu
benutzen. Diese Gelegenheit schien jetzt sich zu bieten. Der armenische Hof war
der Schauplatz einer der entsetzlichsten Familientragoedien geworden, die die
Geschichte verzeichnet. Der alte Koenig der Iberer, Pharasmanes, unternahm es,
seinen Bruder, den Koenig von Armenien Mithradates, vom Thron zu stossen und
seinen eigenen Sohn Rhadamistos an dessen Stelle zu setzen. Unter dem Vorwande
eines Zerwuerfnisses mit dem Vater erschien Rhadamistos bei seinem Oheim und
Schwiegervater und knuepfte mit angesehenen Armeniern Verhandlungen in jenem
Sinne an. Nachdem er sich eines Anhangs versichert hatte, ueberzog Pharasmanes
im Jahre 52 unter nichtigen Vorwaenden den Bruder mit Krieg und brachte auch das
Land in seine oder vielmehr seines Sohnes Gewalt. Mithradates stellte sich unter
den Schutz der roemischen Besatzung des Kastells Gorneae ^31. Diese anzugreifen
wagte Rhadamistos nicht; aber der Kommandant Caelius Pollio war als
nichtswuerdig und feil bekannt. Der unter ihm den Befehl fuehrende Centurio
begab sich zu Pharasmanes, um ihn zur Zurueckrufung seiner Truppen zu bestimmen,
was dieser wohl versprach, aber nicht hielt. Waehrend der Abwesenheit des
Zweitkommandierenden noetigte Pollio den Koenig, der wohl ahnte, was ihm
bevorstand, durch die Drohung, ihn im Stiche zu lassen, sich dem Rhadamistos in
die Haende zu liefern. Von diesem wurde er umgebracht, mit ihm seine Gattin, des
Rhadamistos' Schwester und die Kinder derselben, weil sie im Anblick der Leichen
ihrer Eltern in Jammergeschrei ausbrachen. Auf diese Weise gelangte Rhadamistos
zur Herrschaft von Armenien. Die roemische Regierung durfte weder solchen, von
ihren Offizieren mitverschuldeten Greueln zusehen noch dulden, dass einer ihrer
Lehnstraeger den andern mit Krieg ueberzog. Nichtsdestoweniger erkannte der
Statthalter von Kappadokien, Iulius Paelignus, den neuen Koenig von Armenien an.
Auch im Rat des Statthalters von Syrien, Ummidius Quadratus, ueberwog die
Meinung, dass es den Roemern gleichgueltig sein koenne, ob der Oheim oder der
Neffe ueber Armenien herrsche; der nach Armenien mit einer Legion gesendete
Legat erhielt nur den Auftrag, den Status quo bis auf weiteres aufrecht zu
halten. Da hielt der Partherkoenig, in der Voraussetzung, dass die roemische
Regierung sich nicht beeifern werde, fuer den Koenig Rhadamistos einzutreten,
den Moment fuer geeignet, seine alten Ansprueche auf Armenien wieder
aufzunehmen. Er belehnte mit Armenien seinen Bruder Tiridates, und die
einrueckenden parthischen Truppen bemaechtigten sich fast ohne Schwertstreich
der beiden Hauptstaedte Tigranokerta und Artaxata und des ganzen Landes. Als
Rhadamistos einen Versuch machte, den Preis seiner Bluttaten festzuhalten,
schlugen die Armenier selbst ihn zum Lande hinaus. Die roemische Besatzung
scheint nach der Uebergabe von Gorneae Armenien verlassen zu haben; die aus
Syrien in Marsch gesetzte Legion zog der Statthalter zurueck, um nicht mit den
Parthern in Konflikt zu geraten.
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^30 Wenn die Muenzen, die freilich meistens nur nach der
Bildnisaehnlichkeit sich scheiden lassen, richtig attributiert sind, so reichen
die des Gotarzes bis Sel. 362 Daesius = n. Chr. 51, Juni und beginnen die des
Volagasos (von Vonones II. kennen wir keine) mit Sel. 362 Gorpiaeus = n. Chr.
51, September (Gardner, Parthian coinage, S. 50, 51), was mit Tacitus (ann. 12,
14, 44) uebereinstimmt.
^31 Gorneae, bei den Armeniern Garhni, wie die Ruine (nahe, oestlich von
Eriwan) noch jetzt genannt wird. Kiepert.
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Als diese Kunde nach Rom kam (Ende 54), war Kaiser Claudius eben gestorben
und regierten fuer den jungen siebzehnjaehrigen Nachfolger tatsaechlich die
Minister Burrus und Seneca. Das Vorgehen des Vologasos konnte nur mit der
Kriegserklaerung beantwortet werden. In der Tat sandte die roemische Regierung
nach Kappadokien, das sonst Statthalterschaft zweiten Ranges und nicht mit
Legionen belegt war, ausnahmsweise den konsularischen Legaten Gnaeus Domitius
Corbulo. Er war als Schwager des Kaisers Gaius rasch vorwaerts gekommen, dann
unter Claudius im Jahre 47 Legat von Untergermanien gewesen und galt seitdem als
einer der damals nicht zahlreichen tuechtigen, die vielfach verfallene Disziplin
energisch handhabenden Heerfuehrer, selbst eine herkulische Gestalt, jeder
Strapaze gewachsen und nicht bloss dem Feind, sondern auch seinen eigenen
Soldaten gegenueber von ruecksichtslosem Mut. Es schien ein Zeichen des
Besserwerdens der Dinge, dass die Neronische Regierung das erste von ihr zu
besetzende wichtige Kommando an ihn vergab. Der unfaehige syrische Legat von
Syrien, Quadratus, wurde nicht abgerufen, aber angewiesen, zwei von seinen vier
Legionen dem Statthalter der Nachbarprovinz zur Verfuegung zu stellen. Die
Legionen alle wurden an den Euphrat herangezogen und die sofortige Schlagung der
Bruecken ueber den Fluss angeordnet. Die beiden westlich zunaechst an Armenien
grenzenden Landschaften Klein-Armenien und Sophene wurden zwei zuverlaessigen
syrischen Fuersten, dem Aristobulos aus einem Seitenzweig des herodischen Hauses
und dem Sohaemos aus der Herrscherfamilie von Hemesa zugeteilt und beide unter
Corbulos Befehle gestellt. Der Koenig des damals noch uebrigen Restes des
Judenstaats Agrippa und der Koenig von Kommagene Antiochos erhielten ebenfalls
Marschbefehl. Indes zunaechst kam es nicht zum Schlagen. Die Ursache lag zum
Teil in dem Zustand der syrischen Legionen; es war ein schlimmes Armutszeugnis
fuer die bisherige Verwaltung, dass Corbulo die ihm ueberwiesenen Truppen
geradezu als unbrauchbar bezeichnen musste. Die in den griechischen Provinzen
ausgehobenen und garnisonierenden Legionen waren immer geringer gewesen als die
okzidentalischen; jetzt hatte die entnervende Gewalt des Orients bei dem langen
Friedensstand und der schlaffen Heereszucht dieselben voellig demoralisiert. Die
Soldaten hielten mehr in den Staedten sich auf als in den Lagern; nicht wenige
derselben waren des Waffentragens entwoehnt und wussten nichts von Lagerschlagen
und Wachdienst; die Regimenter waren lange nicht ergaenzt und enthielten
zahlreiche alte unbrauchbare Leute; Corbulo hatte zunaechst eine grosse Anzahl
von Soldaten zu entlassen und in noch viel groesserer Zahl Rekruten auszuheben
und auszubilden. Der Wechsel der bequemen Winterquartiere am Orontes mit denen
in den rauben armenischen Bergen, die ploetzliche Einfuehrung unerbittlich
strenger Lagerzucht fuehrte vielfach Erkrankungen herbei und veranlasste
zahlreiche Desertionen. Trotz allem dem sah sich der Feldherr, als es Ernst
ward, genoetigt, um Zusendung einer der besseren Legionen des Okzidents zu
bitten. Unter diesen Umstaenden beeilte er sich nicht, seine Soldaten an den
Feind zu bringen; indes waren doch dabei ueberwiegend politische Ruecksichten
massgebend.
Waere es die Absicht der roemischen Regierung gewesen, den parthischen
Herrscher sofort aus Armenien zu vertreiben, und zwar nicht den Rhadamistos, mit
dessen Blutschuld die Roemer keine Veranlassung hatten, sich zu beflecken, aber
irgendeinen anderen Fuersten ihrer Wahl an dessen Stelle zu setzen, so haetten
dazu die Streitkraefte Corbulos wohl sofort ausgereicht, da Koenig Vologasos,
wieder einmal durch innere Unruhen abgezogen, seine Truppen aus Armenien
weggefuehrt hatte. Aber dies lag nicht im Plane der Roemer; man wollte dort
vielmehr das Regiment des Tiridates sich gefallen lassen und ihn nur zur
Anerkennung der roemischen Oberherrlichkeit bestimmen und noetigenfalls zwingen;
nur zu diesem Zweck sollten aeussersten Falls die Legionen marschieren. Es kam
dies der Sache nach der Abtretung Armeniens an die Parther sehr nahe. Was fuer
diese sprach und was sie verhinderte, ist frueher entwickelt worden. Wurde jetzt
Armenien als parthische Sekundogenitur geordnet, so war die Anerkennung des
roemischen Lehnsrechts wenig mehr als eine Formalitaet, genau genommen nichts
als eine Deckung der militaerischen und politischen Ehre. Also hat die Regierung
der frueheren neronischen Zeit, der notorisch an Einsicht und Energie wenige
gleich kamen, beabsichtigt, sich Armeniens in schicklicher Weise zu entledigen;
und es kann das nicht verwundern. Man schoepfte hier in der Tat in das Sieb. Der
Besitz Armeniens war wohl im Jahre 20 v. Chr. durch Tiberius, dann durch Gaius
im Jahre 2, durch Germanicus im Jahre 18, durch Vitellius im Jahre 36 im Lande
selbst wie bei den Parthern zur Geltung und Anerkennung gebracht worden. Aber
eben diese regelmaessig sich wiederholenden und regelmaessig von Erfolg
gekroenten und doch niemals zu dauernder Wirkung gelangenden ausserordentlichen
Expeditionen gaben den Parthern recht, wenn sie in den Verhandlungen unter Nero
behaupteten, dass die roemische Oberherrschaft ueber Armenien ein leerer Name,
das Land nun einmal parthisch sei und sein wolle. Zur Geltendmachung der
roemischen Obergewalt bedurfte es immer wenn nicht der Kriegfuehrung, doch der
Kriegdrohung, und die dadurch bedingte stetige Reibung machte den dauernden
Friedensstand zwischen den beiden benachbarten Grossmaechten unmoeglich. Die
Roemer hatten, wenn sie folgerichtig verfuhren, nur die Wahl, Armenien und das
linke Euphratufer ueberhaupt entweder durch Beseitigung der bloss mittelbaren
Herrschaft effektiv in ihre Gewalt zu bringen oder es soweit den Parthern zu
ueberlassen, als dies mit dem obersten Grundsatz des roemischen Regiments, keine
gleichberechtigte Grenzmacht anzuerkennen, sich vertrug. Augustus und die
bisherigen Regenten hatten die erstere Alternative entschieden abgelehnt, und
sie haetten also den zweiten Weg einschlagen sollen; aber auch diesen
abzulehnen, hatten sie wenigstens versucht und das parthische Koenigshaus von
der Herrschaft ueber Armenien ausschliessen wollen, ohne es zu koennen. Dies
muessen die leitenden Staatsmaenner der frueheren neronischen Zeit als einen
Fehler betrachtet haben, da sie Armenien den Arsakiden ueberliessen und sich auf
das denkbar geringste Mass von Rechten daran beschraenkten. Wenn die Gefahren
und die Nachteile, welche das Festhalten dieser nur aeusserlich dem Reich
anhaftenden Landschaft dem Staate brachte, gegen diejenigen abgewogen wurden,
welche die Partherherrschaft ueber Armenien fuer die Roemer nach sich zog, so
konnte, zumal bei der geringen Offensivkraft des Parthischen Reiches, die
Entscheidung wohl in dem letzteren Sinne gefunden werden: Unter allen Umstaenden
aber war diese Politik konsequent und suchte das auch von Augustus verfolgte
Ziel in klarerer und verstaendigerer Weise zu erreichen.
Von diesem Standpunkt aus versteht man, weshalb Corbulo und Quadratus,
statt den Euphrat zu ueberschreiten, mit Vologasos Verhandlungen anknuepften und
nicht minder, dass dieser, ohne Zweifel von den wirklichen Absichten der Roemer
unterrichtet, sich dazu verstand, in aehnlicher Weise wie sein Vorgaenger den
Roemern sich zu beugen und ihnen als Friedenspfand eine Anzahl dem koeniglichen
Hause nahestehender Geiseln zu ueberliefern. Die stillschweigend vereinbarte
Gegenleistung dafuer war die Duldung der Herrschaft des Tiridates ueber Armenien
und die Nichtaufstellung eines roemischen Praetendenten. So gingen einige Jahre
in faktischem Friedensstand hin. Aber da Vologasos und Tiridates sich nicht dazu
verstanden, um die Belehnung des letzteren mit Armenien bei der roemischen
Regierung einzukommen ^32, ergriff Corbulo im Jahre 58 gegen Tiridates die
Offensive. Eben die Politik des Zurueckweichens und Nachgehens bedurfte, wenn
sie bei Freund und Feind nicht als Schwaeche erscheinen sollte, der Folie, also
entweder der foermlichen und feierlichen Anerkennung der roemischen Obergewalt
oder besser noch des mit den Waffen gewonnenen Sieges.
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^32 Noch nach dem Angriff beschwerte Tiridates sich, cur datis nuper
obsidibus redintegrataque amicitia . . . vetere Armeniae possessione
depelleretur, und Corbulo stellte ihm, falls er sich bittweise an den Kaiser
wende, ein regnum stabile in Aussicht (Tac. ann. 12 37). Auch anderswo wird als
der eigentliche Kriegsgrund die Weigerung des Lehnseides bezeichnet (Tac. ann.
12, 34).
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Im Sommer des Jahres 58 fuehrte Corbulo eine leidlich schlagfaehige Armee
von mindestens 30000 Mann ueber den Euphrat. Die Reorganisation und die
Abhaertung der Truppen wurde durch die Kampagne selbst vollendet und das erste
Winterquartier auf armenischem Boden genommen. Im Fruehjahr 59 ^33 begann er den
Vormarsch in der Richtung auf Artaxata. Zugleich brachen in Armenien von Norden
her die Iberer ein, deren Koenig Pharasmanes, um seine eigenen Frevel zu
bedecken, seinen Sohn Rhadamistos hatte hinrichten lassen und nun weiter bemueht
war, durch gute Dienste seine Verschuldung in Vergessenheit zu bringen; nicht
minder ihre nordwestlichen Nachbarn, die tapferen Moscher, von Sueden Koenig
Antiochos von Kommagene. Koenig Vologasos war durch den Aufstand der Hyrkaner an
der entgegengesetzten Seite des Reiches festgehalten und konnte oder wollte in
den Kampf nicht unmittelbar eingreifen. Tiridates leistete mutigen Widerstand;
aber er vermochte nichts gegen die erdrueckende Uebermacht. Vergeblich versuchte
er sich auf die Verbindungslinien der Roemer zu werfen, die ihre Beduerfnisse
ueber das Schwarze Meer und den Hafen von Trapezus bezogen. Die Burgen Armeniens
fielen unter den Angriffen der stuermenden Roemer, und die Besatzungen wurden
bis auf den letzten Mann niedergemacht. In einer Feldschlacht unter den Mauern
von Artaxata geschlagen, gab Tiridates den ungleichen Kampf auf und ging zu den
Parthern. Artaxata ergab sich und hier, im Herzen von Armenien, ueberwinterte
das roemische Heer. Im Fruehjahr 60 brach Corbulo von dort auf, nachdem er die
Stadt niedergebrannt hatte, und marschierte quer durch das Land auf dessen
zweite Hauptstadt Tigranokerta oberhalb Nisibis im Tigrisgebiet. Der Schrecken
ueber die Zerstoerung Artaxatas ging ihm voraus; ernstlicher Widerstand wurde
nirgends geleistet; auch Tigranokerta oeffnete dem Sieger freiwillig die Tore,
der hier in wohlberechneter Weise die Gnade walten liess. Tiridates machte noch
einen Versuch, zurueckzukehren und den Kampf wieder aufzunehmen, wurde aber ohne
besondere Anstrengung abgewiesen. Am Ausgang des Sommers 60 war ganz Armenien
unterworfen und stand zur Verfuegung der roemischen Regierung.
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^33 Der Bericht bei Tacitus (ann. 13, 34-41) umfasst ohne Zweifel die
Kampagnen der Jahre 58 und 59, da Tacitus unter dem Jahr 59 von dem armenischen
Feldzug schweigt, unter dem Jahr 60 aber (ann. 14, 23) unmittelbar an 13, 41
anknuepft und offenbar nur einen einzigen Feldzug schildert, ueberhaupt, wo er
in dieser Weise zusammenfasst, in der Regel antizipiert. Dass der Krieg nicht
erst 59 angefangen haben kann, bestaetigt weiter die Tatsache, dass Corbulo die
Sonnenfinsternis vom 30. April 59 auf armenischem Boden beobachtete (Plin. nat.
2, 70, 180); waere er erst 59 eingerueckt, so konnte er so frueh im Jahre kaum
die feindliche Grenze ueberschritten haben. Einen Jahreinschnitt zeigt die
Erzaehlung des Tacitus (ann. 13, 34-41) an sich nicht, wohl aber laesst sie bei
seiner Art zu berichten die Moeglichkeit zu dass das erste Jahr mit dem
Ueberschreiten des Euphrat und der Festsetzung in Armenien verging, also der c.
35 erwaehnte Winter der des Jahres 58/59 ist, zumal da bei der Beschaffenheit
des Heeres eine derartige Kriegseinleitung wohl am Platze und bei dem kurzen
armenischen Sommer es militaerisch zweckmaessig war, den Einmarsch und die
eigentliche Kriegfuehrung also zu trennen.
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Es ist begreiflich, dass man in Rom jetzt von Tiridates absah. Der Prinz
Tigranes, ein Urenkel von vaeterlicher Seite Herodes' des Grossen, von
muetterlicher des Koenigs Archelaos von Kappadokien, auch dem alten armenischen
Koenigshause von weiblicher Seite verwandt und ein Neffe eines der ephemeren
Herrscher Armeniens aus den letzten Jahren des Augustus, in Rom erzogen und
durchaus ein Werkzeug der roemischen Regierung, wurde jetzt (60) von Nero mit
dem Koenigreich Armenien belehnt und auf des Kaisers Befehl von Corbulo in die
Herrschaft eingesetzt. Im Lande blieb roemische Besatzung, 1000 Legionarier und
drei- bis viertausend Reiter und Infanterie der Auxilien. Ein Teil der
Grenzlandschaften ward von Armenien abgetrennt und verteilt unter die
benachbarten Koenige Polemon von Pontus und Trapezus, Aristobulos von Klein-
Armenien, Pharasmanes von Iberien und Antiochos von Kommagene. Dagegen rueckte
der neue Herr von Armenien, natuerlich mit Einwilligung der Roemer, in die
angrenzende parthische Provinz Adiabene ein, schlug den dortigen Statthalter
Monobazos und schien auch diese Landschaft vom parthischen Staat abreissen zu
wollen.
Diese Wendung der Dinge noetigte die parthische Regierung, aus ihrer
Passivitaet herauszutreten; es handelte sich nun nicht mehr um die
Wiedergewinnung Armeniens, sondern um die Integritaet des Parthischen Reiches.
Die lange drohende Kollision zwischen den beiden Grossstaaten schien
unvermeidlich. Vologasos bestaetigte in einer Versammlung der Grossen des
Reiches den Tiridates wiederholt als Koenig von Armenien und sandte mit ihm den
Feldherrn Monaeses gegen den roemischen Usurpator des Landes, der in
Tigranokerta, welches die roemischen Truppen besetzt hielten, von den Parthern
belagert ward. Vologasos selbst zog die parthische Hauptmacht in Mesopotamien
zusammen und bedrohte (Anfang 61) Syrien. Corbulo, der nach Quadratus' Tode zur
Zeit in Kappadokien wie in Syrien das Kommando fuehrte, aber von der Regierung
die Ernennung eines anderen Statthalters fuer Kappadokien und Armenien erbeten
hatte, sandte vorlaeufig zwei Legionen nach Armenien, um Tigranes Beistand zu
leisten, waehrend er selbst an den Euphrat rueckte, um den Partherkoenig zu
empfangen. Indes es kam wieder nicht zum Schlagen, sondern zum Vertrag.
Vologasos, wohl wissend, wie gefaehrlich das beginnende Spiel sei, erklaerte
sich jetzt bereit, auf die vor dem Ausbruch des armenischen Krieges von den
Roemern vergeblich angebotenen Bedingungen einzugehen und die Belehnung des
Bruders durch den roemischen Kaiser zu gestatten. Corbulo ging auf den Vorschlag
ein. Er liess den Tigranes fallen, zog die roemischen Truppen aus Armenien
zurueck und liess es geschehen, dass Tiridates daselbst sich festsetzte,