betrachtete, aber auf binnenlaendischen Besitz daselbst keinen Wert legte. Indes

Armenien war nun einmal seit einem Menschenalter roemisch und konnte, nach Lage

der Verhaeltnisse, nur roemisch oder parthisch sein; die Landschaft war durch

ihre Lage militaerisch fuer jede der Grossmaechte ein Ausfallstor in das Gebiet

der anderen. Augustus dachte auch nicht daran, auf Armenien zu verzichten und es

den Parthern zu ueberlassen; und wie die Dinge lagen, durfte er schwerlich daran

denken. Wenn aber Armenien festgehalten ward, konnte man dabei nicht

stehenbleiben; die oertlichen Verhaeltnisse noetigten die Roemer, weiter das

Stromgebiet des Kyros, die Landschaften der Iberer an seinem oberen, der Albaner

an seinem unteren Lauf, das heisst, die als Reiter wie zu Fuss kampftuechtigen

Bewohner des heutigen Georgien und Schirwan, unter ihren massgebenden Einfluss

zu bringen, das parthische Machtgebiet nicht noerdlich vom Araxes ueber

Atropatene hinaus sich erstrecken zu lassen. Schon die Expedition des Pompeius

hatte gezeigt, dass die Festsetzung in Armenien die Roemer notwendig einerseits

bis an den Kaukasus, andrerseits bis an das Westufer des Kaspischen Meeres

fuehrte. Die Ansaetze waren ueberall da. Antonius' Legaten hatten mit den

Iberern und den Albanern gefochten. Polemon, von Augustus in seiner Stellung

bestaetigt, herrschte nicht bloss ueber die Kueste von Pharnakeia bis Trapezunt,

sondern auch ueber das Gebiet der Kolcher an der Phasismuendung. Zu dieser

allgemeinen Sachlage kamen die besonderen Verhaeltnisse des Augenblicks, welche

es dem neuen Alleinherrscher Roms in dringendster Weise nahelegten, das Schwert

den Orientalen gegenueber nicht bloss zu zeigen, sondern auch zu ziehen. Dass

Koenig Artaxes, wie einst Mithradates, saemtliche Roemer innerhalb seiner

Grenzen umzubringen befohlen hatte, konnte nicht unvergolten bleiben. Auch der

landfluechtige Koenig von Medien hatte Hilfe jetzt bei Augustus gesucht, wie er

sie sonst bei Antonius gesucht haben wuerde. Der Buerger- und Praetendentenkrieg

im Parthischen Reiche erleichterte nicht bloss den Angriff, sondern der

vertriebene Herrscher Tiridates suchte gleichfalls Schutz bei Augustus und

erklaerte sich bereit, als roemischer Vasall das Reich von Augustus zu Lehen zu

nehmen. Die Rueckgabe der bei den Niederlagen des Crassus und der Antonianer in

die Gewalt der Parther geratenen Roemer und der verlorenen Adler mochte an sich

dem Herrscher der Kriegfuehrung nicht wert erscheinen; fallen lassen konnte der

Wiederhersteller des roemischen Staates diese militaerische und politische

Ehrenfrage nicht. Mit diesen Tatsachen musste der roemische Staatsmann rechnen;

bei der Stellung, die Augustus im Orient nahm, war die Politik der Aktion

ueberhaupt und durch die vorhergegangenen Misserfolge doppelt geboten. Ohne

Zweifel war es wuenschenswert, die Ordnung der Dinge in Rom bald vorzunehmen;

aber eine zwingende Noetigung, dies sofort zu tun, bestand fuer den

unbestrittenen Alleinherrscher nicht. Er befand sich nach den entscheidenden

Schlaegen von Aktion und Alexandreia an Ort und Stelle und an der Spitze eines

starken und siegreichen Heeres; was einmal geschehen musste, geschah am besten

gleich. Ein Herrscher vom Schlage Caesars waere schwerlich nach Rom

zurueckgegangen, ohne in Armenien die Schutzherrschaft hergestellt, die

roemische Suprematie bis zum Kaukasus und zum Kaspischen Meere zur Anerkennung

gebracht und mit dem Parther abgerechnet zu haben. Ein Herrscher von Umsicht und

Tatkraft haette die Grenzverteidigung im Osten gleich jetzt geordnet, wie die

Verhaeltnisse es erforderten; es war von vornherein klar, dass die vier

syrischen Legionen von zusammen 40000 Mann nicht genuegten, um die Interessen

Roms zugleich am Euphrat, am Araxes und am Kyros zu wahren und dass die Milizen

der abhaengigen Koenigreiche den Mangel der Reichstruppen nur verdeckten, nicht

deckten. Armenien hielt durch politische und nationale Sympathie mehr zu den

Parthern als zu den Roemern; die Koenige von Kommagene, Kappadokien, Galatien,

Pontus neigten wohl umgekehrt mehr nach der roemischen Seite, aber sie waren

unzuverlaessig und schwach. Auch die masshaltende Politik bedurfte zu ihrer

Begruendung eines energischen Schwertschlags, zu ihrer Aufrechthaltung des nahen

Arms einer ueberlegenen roemischen Militaermacht.

Augustus hat weder geschlagen noch geschirmt; gewiss nicht, weil er ueber

die Sachlage sich taeuschte, sondern weil es in seiner Art lag, das als

notwendig Erkannte zoegernd und schwaechlich durchzufuehren und die Ruecksichten

der inneren Politik auf das Verhaeltnis zum Ausland mehr als billig einwirken zu

lassen. Das Unzulaengliche des Grenzschutzes durch die kleinasiatischen

Klientelstaaten hat er wohl eingesehen; es gehoert in diesen Zusammenhang, dass

er schon im Jahre 729 (25), nach dem Tode des Koenigs Amyntas, des Herrn im

ganzen innern Kleinasien, diesem keinen Nachfolger gab, sondern das Land einem

kaiserlichen Legaten unterstellte. Vermutlich sollten auch die benachbarten

bedeutenderen Klientelstaaten, namentlich Kappadokien, in gleicher Weise nach

dem Ableben der derzeitigen Inhaber in kaiserliche Statthalterschaften

verwandelt werden. Dies war ein Fortschritt, insofern die Milizen dieser

Landschaften damit der Reichsarmee inkorporiert und unter roemische Offiziere

gestellt wurden; einen ernstlichen Druck auf die unsicheren Grenzlandschaften

oder gar auf den benachbarten Grossstaat konnten diese Truppen nicht ausueben,

wenn sie auch jetzt zu denen des Reiches zaehlten. Aber alle diese Erwaegungen

wurden ueberwogen durch die Ruecksicht auf die Herabdrueckung der Ziffer des

stehenden Heeres und der Ausgabe fuer das Heerwesen auf das moeglichst niedrige

Mass.

Ebenso ungenuegend waren den augenblicklichen Verhaeltnissen gegenueber die

auf der Heimkehr von Alexandreia von Augustus getroffenen Massregeln. Er gab dem

vertriebenen Koenig der Meder die Herrschaft von Klein-Armenien und dem

parthischen Praetendenten Tiridates ein Asyl in Syrien, um durch jenen den in

offener Feindseligkeit gegen Rom verharrenden Koenig Artaxes in Schach zu

halten, durch diesen auf den Koenig Phraates zu druecken. Die mit diesem wegen

der Rueckgabe der parthischen Siegestrophaeen angeknuepften Verhandlungen zogen

sich ergebnislos hin, obwohl Phraates im Jahre 731 (23), um die Entlassung eines

zufaellig in die Gewalt der Roemer geratenen Sohnes zu erlangen, die Rueckgabe

zugesichert hatte.

Erst als Augustus im Jahre 734 (20) sich persoenlich nach Syrien begab und

Ernst zeigte, fuegten sich die Orientalen. In Armenien, wo eine maechtige Partei

sich gegen den Koenig Artaxes erhoben hatte, warfen sich die Insurgenten den

Roemern in die Arme und erbaten fuer des Artaxes juengeren, am kaiserlichen Hof

erzogenen und in Rom lebenden Bruder Tigranes die kaiserliche Belehnung. Als des

Kaisers Stiefsohn Tiberius Claudius Nero, damals ein 22jaehriger Juengling, mit

Heeresmacht in Armenien einrueckte, wurde Koenig Artaxes von seinen eigenen

Verwandten ermordet, und Tigranes empfing die koenigliche Tiara aus der Hand des

kaiserlichen Vertreters, wie sie fuenfzig Jahre frueher sein gleichnamiger

Grossvater von Pompeius empfangen hatte. Atropatene wurde wieder von Armenien

getrennt und kam unter die Herrschaft eines ebenfalls in Rom erzogenen

Herrschers, des Ariobarzanes, Sohnes des frueher erwaehnten Artavazdes; doch

scheint dieser das Land nicht als roemisches, sondern als parthisches Lehnsreich

erhalten zu haben. Ueber die Ordnung der Dinge in den Fuerstentuemern am

Kaukasus erfahren wir nichts; aber da sie spaeter unter die roemischen

Klientelstaaten gerechnet werden, so hat wahrscheinlich damals auch hier der

roemische Einfluss obgesiegt. Selbst Koenig Phraates, jetzt vor die Wahl

gestellt, sein Wort einzuloesen oder zu schlagen, entschloss sich schweren

Herzens zu der die nationalen Gefuehle der Seinen empfindlich verletzenden

Herausgabe der wenigen noch lebenden roemischen Kriegsgefangenen und der

gewonnenen Feldzeichen.

Unendlicher Jubel begruesste diesen, von dem Fuersten des Friedens

errungenen unblutigen Sieg. Auch bestand nach demselben mit dem Partherkoenig

laengere Zeit ein freundschaftliches Verhaeltnis, wie denn die unmittelbaren

Interessen der beiden Grossstaaten sich wenig stiessen. In Armenien dagegen

hatte die roemische Lehnsherrschaft, die nur auf sich selbst ruhte, der

nationalen Opposition gegenueber einen schweren Stand. Nach dem fruehen Tode des

Koenigs Tigranes schlugen dessen Kinder oder die unter ihrem Namen regierenden

Staatsleiter sich selber zu dieser. Gegen sie wurde von den Roemerfreunden ein

anderer Herrscher, Artavazdes, aufgestellt; aber er vermochte nicht gegen die

staerkere Gegenpartei durchzudringen. Diese armenischen Wirren stoerten auch das

Verhaeltnis zu den Parthern; es lag in der Sache, dass die antiroemisch

gesinnten Armenier sich auf diese zu stuetzen suchten, und auch die Arsakiden

konnten nicht vergessen, dass Armenien frueher eine parthische Sekundogenitur

gewesen war. Unblutige Siege sind oft schwaechliche und gefaehrliche. Es kam so

weit, dass die roemische Regierung im Jahre 748 (6) demselben Tiberius, der

vierzehn Jahre zuvor den Tigranes als Lehnskoenig von Armenien eingesetzt hatte,

den Auftrag erteilte, abermals mit Heeresmacht dort einzuruecken und die

Verhaeltnisse noetigenfalls mit Waffengewalt zu ordnen. Aber das Zerwuerfnis in

der kaiserlichen Familie, welches die Unterwerfung der Germanen unterbrochen

hatte, griff auch hier ein und hatte die gleiche ueble Wirkung. Tiberius lehnte

den Auftrag des Stiefvaters ab, und in Ermangelung eines geeigneten prinzlichen

Feldherrn sah die roemische Regierung einige Jahre hindurch wohl oder uebel dem

Schalten der antiroemischen Partei in Armenien unter Parthisches Schutz untaetig

zu. Endlich im Jahre 753 (1) wurde dem aelteren Adoptivsohn des Kaisers, dem

zwanzigjaehrigen Gaius Caesar, nicht bloss derselbe Auftrag erteilt, sondern es

sollte, wie der Vater hoffte, die Unterwerfung Armeniens der Anfang groesserer

Dinge sein, der Orientfeldzug des zwanzigjaehrigen Kronprinzen man moechte fast

sagen die Alexanderfahrt fortsetzen. Vom Kaiser beauftragte oder dem Hofe

nahestehende Literaten, der Geograph Isidoros, selber an der Euphratmuendung zu

Hause, und der Vertreter der griechischen Gelehrsamkeit unter den

Fuerstlichkeiten des Augustischen Kreises, Koenig Juba von Mauretanien,

widmeten, jener seine im Orient selbst eingezogenen Erkundigungen, dieser

literarische Kollektaneen ueber Arabien, dem jungen Prinzen, der vor Begierde zu

brennen schien, mit der Eroberung Arabiens, ueber welche Alexander weggestorben

war, einen vor laengerer Zeit dort eingetretenen Misserfolg des Augustfischen

Regiments glaenzend zu begleichen. Zunaechst fuer Armenien war diese Sendung

ebenso von Erfolg wie die des Tiberius. Der roemische Kronprinz und der

parthische Grosskoenig Phraatakes trafen persoenlich auf einer Insel des Euphrat

zusammen; die Parther gaben wieder einmal Armenien auf und die nahegerueckte

Gefahr eines parthischen Krieges ward abgewandt, das gestoerte Einvernehmen

wenigstens aeusserlich wiederhergestellt. Den Armeniern setzte Gaius den

Ariobarzanes, einen Prinzen aus dem medischen Fuerstenhause, zum Koenig, und die

Oberherrschaft Roms wurde abermals befestigt. Indes fuegten die antiroemisch

gesinnten Armenier sich nicht ohne Widerstand; es kam nicht bloss zum Einruecken

der Legionen, sondern auch zum Schlagen. Vor den Mauern des armenischen Kastells

Artageira empfing der junge Kronprinz von einem parthischen Offizier durch

tueckische List die Wunde (2 n. Chr.), an der er nach monatelangem Siechen

hinstarb. Die Verschlingung der Reichs- und der dynastischen Politik bestrafte

sich aufs neue. Der Tod eines jungen Mannes aenderte den Gang der grossen

Politik; die so zuversichtlich dem Publikum angekuendigte arabische Expedition

fiel weg, nachdem ihr Gelingen dem Sohn des Kaisers nicht mehr den Weg zur

Nachfolge ebnen konnte. Auch an weitere Unternehmungen am Euphrat wurde nicht

mehr gedacht; das Naechste, die Besetzung Armeniens und die Wiederherstellung

der Beziehungen zu den Parthern war erreicht, wie truebe Schatten auch durch den

Tod des Kronprinzen auf diesen Erfolg fielen.

Bestand hatte derselbe so wenig wie der der glaenzenderen Expedition des

Jahres 734 (20). Die von Rom eingesetzten Herrscher Armeniens wurden bald von

denen der Gegenpartei unter versteckter oder offener Beteiligung der Parther

bedraengt oder verdraengt. Als der in Rom erzogene parthische Prinz Vonones auf

den erledigten parthischen Thron berufen ward, hofften die Roemer an ihm eine

Stuetze zu finden; allein eben deswegen musste er bald ihn raeumen, und an seine

Stelle kam Koenig Artabanos von Medien, ein muetterlicherseits den Arsakiden

entsprossener, aber dem skythischen Volke der Daker angehoeriger und in

einheimischer Sitte aufgewachsener tatkraeftiger Mann (um 10 n. Chr.). Vonones

ward damals von den Armeniern als Herrscher aufgenommen und damit diese unter

roemischem Einfluss gehalten. Aber um so weniger konnte Artabanos seinen

verdraengten Nebenbuhler als Nachbarfuersten dulden; die roemische Regierung

haette, um den fuer seine Stellung in jeder Hinsicht ungeeigneten Mann zu

halten, Waffengewalt gegen die Parther wie gegen seine eigenen Untertanen

anwenden muessen. Tiberius, der inzwischen zur Regierung gekommen war, liess

nicht sofort einruecken, und fuer den Augenblick siegte in Armenien die

antiroemische Partei; aber es war nicht seine Absicht, auf das wichtige

Grenzland zu verzichten. Im Gegenteil wurde die wahrscheinlich laengst

beschlossene Einziehung des Koenigreichs Kappadokien im Jahre 17 zur Ausfuehrung

gebracht: der alte Archelaos, der dort seit dem Jahre 718 (36) den Thron

einnahm, ward nach Rom berufen und ihm hier angekuendigt, dass er aufgehoert

habe zu regieren. Ebenso kam das kleine, aber wegen der Euphratuebergaenge

wichtige Koenigreich Kommagene damals unter unmittelbare kaiserliche Verwaltung.

Damit war die unmittelbare Reichsgrenze bis an den mittleren Euphrat

vorgeschoben. Zugleich ging der Kronprinz Germanicus, der soeben am Rhein mit

grosser Auszeichnung kommandiert hatte, mit ausgedehnter Machtvollkommenheit

nach dem Osten, um die neue Provinz Kappadokien zu ordnen und das gesunkene

Ansehen der Reichsgewalt wiederherzustellen. Auch diese Sendung kam bald und

leicht zum Ziel. Germanicus, obwohl von dem Statthalter Syriens, Gnaeus Piso,

nicht mit derjenigen Truppenmacht unterstuetzt, die er fordern durfte und

gefordert hatte, ging nichtsdestoweniger nach Armenien und brachte durch das

blosse Gewicht seiner Persoenlichkeit und seiner Stellung das Land zum Gehorsam

zurueck. Den unfaehigen Vonones liess er fallen und setzte den Armeniern, den

Wuenschen der roemisch gesinnten Vornehmen entsprechend, zum Herrscher einen

Sohn jenes Polemon, den Antonius zum Koenig im Pontus gemacht hatte, den Zenon

oder, wie er als Koenig von Armenien heisst, Artaxias; dieser war einerseits dem

kaiserlichen Hause verbunden durch seine Mutter, die Koenigin Pythodoris, eine

Enkelin des Triumvirn Antonius, andererseits nach Landesart erzogen, ein

tuechtiger Waidmann und bei dem Gelag ein tapferer Zecher. Auch der Grosskoenig

Artabanos kam dem roemischen Prinzen in freundschaftlicher Weise entgegen und

bat nur um Entfernung seines Vorgaengers Vonones aus Syrien, um den zwischen

diesem und den unzufriedenen Parthern sich anspinnenden Zettelungen zu steuern.

Da Germanicus dieser Bitte entsprach und den unbequemen Fluechtling nach

Kilikien schickte, wo er bald darauf bei einem Fluchtversuch umkam, stellten

zwischen den beiden Grossstaaten die besten Beziehungen sich her. Artabanos

wuenschte sogar, mit Germanicus am Euphrat persoenlich zusammenzukommen, wie

dies auch Phraatakes und Gaius getan hatten; dies aber lehnte Germanicus ab,

wohl mit Ruecksicht auf Tiberius' leicht erregten Argwohn. Freilich fiel auf

diese orientalische Expedition derselbe truebe Schatten wie auf die

letztvorhergehende; auch von dieser kam der Kronprinz des Roemischen Reiches

nicht lebend heim.

Eine Zeitlang taten die getroffenen Einrichtungen ihren Dienst. So lange

Tiberius mit sicherer Hand die Herrschaft fuehrte und so lange Koenig Artaxias

von Armenien lebte, blieb im Orient Ruhe; aber in den letzten Jahren des alten

Kaisers, als derselbe von seiner einsamen Insel aus die Dinge gehen liess und

vor jedem Eingreifen zurueckscheute, und insbesondere nach dem Tode des Artaxias

(um 34) begann das alte Spiel abermals. Koenig Artabanos, gehoben durch sein

langes und glueckliches Regiment und durch vielfache, gegen die Grenzvoelker

Irans erstrittene Erfolge und ueberzeugt, dass der alte Kaiser keine Neigung

haben werde, einen schweren Krieg im Orient zu beginnen, bewog die Armenier,

seinen eigenen aeltesten Sohn, den Arsakes, zum Herrscher auszurufen, das heisst

die roemische Oberherrlichkeit mit der parthischen zu vertauschen. Ja er schien

es geradezu auf den Krieg mit Rom anzulegen; er forderte die Verlassenschaft

seines in Kilikien umgekommenen Vorgaengers und Rivalen Vonones von der

roemischen Regierung, und seine Schreiben an diese sprachen ebenso unverhuellt

aus, dass der Orient den Orientalen gehoere, wie sie die Greuel am kaiserlichen

Hofe, die man in Rom sich nur im vertrautesten Kreise zuzufluestern wagte, bei

ihrem rechten Namen nannten. Er soll sogar einen Versuch gemacht haben, sich in

Besitz von Kappadokien zu setzen. Aber indem alten Loewen hatte er sich

verrechnet. Tiberius war auch auf Capreae nicht bloss den Hofleuten furchtbar

und nicht der Mann, sich und in sich Rom ungestraft verhoehnen zu lassen. Er

sandte den Lucius Vitellius, den Vater des spaetem Kaisers, einen entschlossenen

Offizier und geschickten Diplomaten, nach dem Orient mit aehnlicher

Machtvollkommenheit, wie sie frueher Gaius Caesar und Germanicus gehabt hatten,

und mit dem Auftrag, noetigenfalls die syrischen Legionen ueber den Euphrat zu

fuehren. Zugleich wandte er das oft erprobte Mittel an, den Herrschern des

Ostens durch Insurrektionen und Praetendenten in ihrem eigenen Lande zu schaffen

zu machen. Dem Partherprinzen, den die armenischen Nationalen zum Herrscher

ausgerufen hatten, stellte er einen Fuersten aus dem Koenigshaus der Iberer

entgegen, den Mithradates, des Ibererkoenigs Pharasmanes Bruder, und wies diesen

sowie den Fuersten der Albaner an, den roemischen Praetendenten fuer Armenien

mit Heeresmacht zu unterstuetzen. Von den streitbaren und fuer jeden Werber

leicht zugaenglichen transkaukasischen Sarmaten wurden grosse Scharen mit

roemischem Golde fuer den Einfall in Armenien gedungen. Es gelang auch dem

roemischen Praetendenten, seinen Nebenbuhler durch bestochene Hofleute zu

vergiften und sich des Landes und der Hauptstadt Artaxata zu bemaechtigen.

Artabanos sandte an des Ermordeten Stelle einen anderen Sohn, Orodes, nach

Armenien und versuchte auch seinerseits transkaukasische Hilfstruppen zu

beschaffen; aber nur wenige kamen nach Armenien durch, und die parthischen

Reiterscharen waren der guten Infanterie der Kaukasusvoelker und den

gefuerchteten sarmatischen berittenen Schuetzen nicht gewachsen. Orodes wurde in

harter Feldschlacht ueberwunden und selbst im Zweikampf mit seinem Rivalen

schwer verwundet. Da brach Artabanos selber nach Armenien auf. Nun aber setzte

auch Vitellius die syrischen Legionen in Bewegung, um den Euphrat zu

ueberschreiten und in Mesopotamien einzufallen; und dies brachte die lange

gaerende Insurrektion im Partherreiche zum Ausbruch. Das energische und mit den

Erfolgen selbst immer schroffere Auftreten des skythischen Herrschers hatte

viele Personen und Interessen verletzt, insbesondere die mesopotamischen

Griechen und die maechtige Stadtgemeinde von Seleukeia, welcher er ihre nach

griechischer Art demokratische Gemeindeverfassung genommen hatte, ihm abwendig

gemacht. Das roemische Gold naehrte die sich vorbereitende Bewegung.

Unzufriedene Adlige hatten schon frueher sich mit der roemischen Regierung in

Verbindung gesetzt und einen echten Arsakiden von dieser erbeten. Tiberius hatte

des Phraates einzigen ueberlebenden, dem Vater gleichnamigen Sohn und, nachdem

der alte roemisch gewoehnte Mann den Anstrengungen noch in Syrien erlegen war,

an dessen Stelle einen ebenfalls in Rom lebenden Enkel des Phraates namens

Tiridates geschickt. Der parthische Fuerst Sinnakes, der Fuehrer dieser

Zettelungen, kuendigte jetzt dem Skythen den Gehorsam und pflanzte das Banner

der Arsakiden auf. Vitellius ueberschritt mit den Legionen den Euphrat und in

seinem Gefolge der neue Grosskoenig von roemischen Gnaden. Der parthische

Statthalter von Mesopotamien, Ornospades, der einst als Verbannter unter

Tiberius den pannonischen Krieg mitgemacht hatte, stellte sich und seine Truppen

sofort dem neuen Herrn zur Verfuegung des Sinnakes Vater Abdagaeses lieferte den

Reichsschatz aus; in kuerzester Zeit sah sich Artabanos von dem ganzen Lande

verlassen und gezwungen, in seine skythische Heimat zu fluechten, wo er als

unsteter Mann in den Waeldern herumirrte und mit seinem Bogen sich das Leben

fristete, waehrend dem Tiridates von den nach parthischer Staatsordnung zur

Kroenung des Herrschers berufenen Fuersten in Ktesiphon feierlich die Tiara aufs

Haupt gesetzt ward. Indes die Herrschaft des von dem Reichsfeind geschickten

neuen Grosskoenigs waehrte nicht lange. Das Regiment, welches weniger er

fuehrte, ein junger unerfahrener und untuechtiger Mann, als die ihn zum Koenig

gemacht hatten, vornehmlich Abdagaeses, rief bald Opposition hervor. Einige der

vornehmsten Satrapen waren schon bei der Kroenungsfeier ausgeblieben und zogen

den vertriebenen Herrscher wieder aus der Verbannung hervor; mit ihrem Beistand

und den von seinen skythischen Landsleuten gestellten Mannschaften kehrte

Artabanos zurueck, und schon im folgenden Jahre (36) war das ganze Reich mit

Ausnahme von Seleukeia wieder in seiner Gewalt, Tiridates ein fluechtiger Mann

und genoetigt, bei seinen roemischen Beschuetzern die Zuflucht zu heischen, die

ihm nicht versagt werden konnte. Vitellius fuehrte die Legionen abermals an den

Euphrat; aber da der Grosskoenig persoenlich erschien und sich zu allem

Verlangten bereit erklaerte, falls die roemische Regierung von Tiridates

abstehe, war der Friede bald geschlossen. Artabanos erkannte nicht bloss den

Mithradates als Koenig von Armenien an, sondern brachte auch dem Bildnis des

roemischen Kaisers die Huldigung dar, die von den Lehnsmannen gefordert zu

werden pflegte, und stellte seinen Sohn Dareios den Roemern als Geisel. Darueber

war der alte Kaiser gestorben; aber diesen so unblutigen wie vollstaendigen Sieg

seiner Politik ueber die Auflehnung des Orients hat er noch erlebt.

Was die Klugheit des Greises erreicht hatte, verdarb sofort der Unverstand

des Nachfolgers. Abgesehen davon, dass er verstaendige Einrichtungen des

Tiberius rueckgaengig machte, zum Beispiel das eingezogene Koenigreich Kommagene

wiederherstellte, goennte sein toerichter Neid dem toten Kaiser den erreichten

Erfolg nicht; den tuechtigen Statthalter von Syrien wie den neuen Koenig von

Armenien lud er zur Verantwortung nach Rom vor, setzte den letzteren ab und

schickte ihn, nachdem er ihn eine Zeitlang gefangen gehalten hatte, ins Exil.

Selbstverstaendlich griff die parthische Regierung zu und nahm das herrenlose

Armenien wiederum in Besitz ^28. Claudius hatte, als er im Jahre 41 zur

Römische Geschichte — Buch 8 · 第 41 / 73 段