sei. Wie frueh und in welchem Umfang fuer den Elementarunterricht in diesen
Gegenden oeffentlich gesorgt worden ist, veranschaulicht ein denselben
betreffender Beschluss der Stadt Teos ^36 in Lydien. Danach soll, nachdem die
Kapitalschenkung eines reichen Buergers die Stadt dazu instand gesetzt hat, in
Zukunft neben dem Turninspektor (gymnasiarch/e/s) weiter das Ehrenamt eines
Schulinspektors (paidonomos) eingerichtet werden. Ferner sollen mit Besoldung
angestellt werden drei Schreiblehrer mit Gehalten, je nach den drei Klassen, von
600, 550 und 500 Drachmen, damit im Schreiben saemtliche freie Knaben und
Maedchen unterwiesen werden koennen; ebenfalls zwei Turnmeister mit je 500
Drachmen Gehalt, ein Musiklehrer mit Gehalt von 700 Drachmen, welcher die Knaben
der beiden letzten Schuljahre und die aus der Schule entlassenen Juenglinge im
Lautenschlagen und Zitherspielen unterweist, ein Fechtlehrer mit 300 und ein
Lehrer fuer Bogenschiessen und Speerwerfen mit 250 Drachmen Besoldung. Die
Schreib- und der Musiklehrer sollen jaehrlich im Rathaus ein oeffentliches
Examen der Schueler abhalten. Das ist das Kleinasien der Attalidenzeit; aber die
roemische Republik hat deren Arbeit nicht fortgesetzt. Sie liess ihre Siege
ueber die Galater nicht durch den Meissel verewigen, und die pergamenische
Bibliothek kam kurz vor der Aktfischen Schlacht nach Alexandreia; viele der
besten Keime sind in der Verwuestung der Mithradatischen und der Buergerkriege
zugrunde gegangen. Erst in der Kaiserzeit regenerierte sich mit dem Wohlstande
Kleinasiens wenigstens aeusserlich die Pflege der Kunst und vor allem der
Literatur. Einen eigentlichen Primat, wie ihn als Universitaetsstadt Athen
besass, im Kreise der wissenschaftlichen Forschung Alexandreia, fuer Schauspiel
und Ballett die leichtfertige Hauptstadt Syriens, kann keine der zahlreichen
Staedte Kleinasiens nach irgendeiner Richtung hin in Anspruch nehmen; aber die
allgemeine Bildung ist wahrscheinlich nirgends weiter verbreitet und
eingreifender gewesen. Den Lehrern und den Aerzten Befreiung von den mit Kosten
verbundenen staedtischen Aemtern und Auftraegen zu gewaehren, muss in Asia frueh
ueblich geworden sein; an diese Provinz ist der Erlass des Kaisers Pius
gerichtet, welcher, um der fuer die staedtischen Finanzen offenbar sehr
beschwerlichen Exemtion Schranken zu setzen, Maximalzahlen dafuer vorschreibt,
zum Beispiel den Staedten erster Klasse gestattet, bis zu zehn Aerzten, fuenf
Lehrmeistern der Rhetorik und fuenf der Grammatik diese Immunitaet zu gewaehren.
Dass in dem Literatentum der Kaiserzeit Kleinasien in erster Reihe steht, beruht
auf dem Rhetoren- oder, nach dem spaeterhin ueblichen Ausdruck, dem
Sophistenwesen der Epoche, das wir Neueren uns nicht leicht vergegenwaertigen.
An die Stelle der Schriftstellerei, die ziemlich aufgehoert hat, etwas zu
bedeuten, ist der oeffentliche Vortrag getreten, von der Art etwa unserer
heutigen Universitaets- und akademischen Reden, ewig sich neu erzeugend und nur
ausnahmsweise gelagert, einmal gehoert und beklatscht und dann auf immer
vergessen. Den Inhalt gibt haeufig die Gelegenheit, der Geburtstag des Kaisers,
die Ankunft des Statthalters, jedes oeffentliche oder private analoge Ereignis;
noch haeufiger wird ohne jede Veranlassung ins Blaue hinein ueber alles geredet,
was nicht praktisch und nicht lehrhaft ist. Politische Rede gibt es fuer diese
Zeit ueberhaupt nicht, nicht einmal im roemischen Senat. Die Gerichtsrede ist
den Griechen nicht mehr der Zielpunkt der Redekunst, sondern steht neben der
Rede um der Rede willen als vernachlaessigte und plebejische Schwester, zu der
sich ein Meister jener gelegentlich einmal herablaesst. Der Poesie, der
Philosophie, der Geschichte wird entnommen, was sich gemeinplaetzig behandeln
laesst, waehrend sie alle selbst ueberhaupt wenig und am wenigsten in Kleinasien
gepflegt und noch weniger geachtet neben der reinen Wortkunst und von ihr
durchseucht verkuemmern. Die grosse Vergangenheit der Nation betrachten diese
Redner sozusagen als ihr Sondergut; sie verehren und behandeln den Homer
einigermassen wie die Rabbiner die Buecher Moses, und auch in der Religion
befleissigen sie sich eifrigster Orthodoxie. Getragen werden diese Vortraege
durch alle erlaubten und unerlaubten Hilfsmittel des Theaters, die Kunst der
Gestikulation und der Modulation der Stimme, die Pracht des Rednerkostuems, die
Kunstgriffe des Virtuosentums, das Faktionswesen, die Konkurrenz, die Claque.
Dem grenzenlosen Selbstgefuehl dieser Wortkuenstler entspricht die lebhafte
Teilnahme des Publikums, welche derjenigen fuer die Rennpferde nur wenig
nachsteht, und der voellig nach Theaterart dieser Teilnahme gegebene Ausdruck;
und die Stetigkeit, womit dergleichen Exhibitionen in den groesseren Orten den
Gebildeten vorgefuehrt werden, fuegt sie, ebenfalls wie das Theater, ueberall in
die staedtischen Lebensgewohnheiten ein. Wenn vielleicht an den Eindruck,
welchen in unseren bewegtesten Grossstaedten die obligaten Reden ihrer gelehrten
Koerperschaften hervorrufen, sich dies untergegangene Phaenomen fuer unser
Verstaendnis einigermassen anknuepfen laesst, so fehlt doch in den heutigen
Verhaeltnissen ganz, was in der alten Welt weit die Hauptsache war: das
didaktische Moment und die Verknuepfung des zwecklosen oeffentlichen Vortrags
mit dem hoeheren Jugendunterricht. Wenn dieser heute, wie man sagt, den Knaben
der gebildeten Klasse zum Professor der Philologie erzieht, so erzog er ihn
damals zum Professor der Eloquenz, und zwar dieser Eloquenz. Denn die Schulung
lief mehr und mehr darauf hinaus, dem Knaben die Fertigkeit beizubringen,
ebensolche Vortraege, wie sie eben geschildert wurden, selber, womoeglich in
beiden Sprachen, zu halten, und wer mit Nutzen den Kursus absolviert hatte,
beklatschte in den analogen Leistungen die Erinnerung an die eigene Schulzeit.
Diese Produktion umspannt zwar den Orient wie den Okzident; aber Kleinasien
steht voran und gibt den Ton an. Als in der augustischen Zeit die Schulrhetorik
in dem lateinischen Jugendunterricht der Hauptstadt Fuss fasste, waren die
Haupttraeger neben Italienern und Spaniern zwei Kleinasiaten, Arellius Fuscus
und Cestius Pius. Ebendaselbst, wo die ernsthafte Gerichtsrede sich in der
besseren Kaiserzeit neben diesem Parasiten behauptete, weist ein geistvoller
Advokat der flavischen Zeit auf die ungeheure Kluft hin, welche den Niketes von
Smyrna und die andern in Ephesos und Mytilene beklatschten Redeschulmeister von
Aeschines und Demosthenes trennt. Bei weitem die meisten und namhaftesten der
gefeierten Rhetoren dieser Art sind von der Kueste Vorderasiens. Wie sehr fuer
die Finanzen der kleinasiatischen Staedte die Schulmeisterlieferung fuer das
ganze Reich ins Gewicht fiel, ist schon bemerkt worden. Im Laufe der Kaiserzeit
steigt die Zahl und die Geltung dieser Sophisten bestaendig, und mehr und mehr
gewinnen sie Boden auch im Okzident. Die Ursache davon liegt zum Teil wohl in
der veraenderten Haltung der Regierung, die im zweiten Jahrhundert, insbesondere
seit der nicht so sehr hellenisierenden als uebel kosmopolitisierenden
hadrianischen Epoche, sich weniger ablehnend gegen das griechische und das
orientalische Wesen verhielt als im ersten; hauptsaechlich aber in der immer
zunehmenden Verallgemeinerung der hoeheren Bildung und der rasch sich
vermehrenden Zahl der Anstalten fuer den hoeheren Jugendunterricht. Es gehoert
also die Sophistik allerdings besonders nach Kleinasien und besonders in das
Kleinasien des zweiten und dritten Jahrhunderts; nur darf in diesem
Literatenprimat keine spezielle Eigentuemlichkeit dieser Griechen und dieser
Epoche oder gar eine nationale Besonderheit gefunden werden. Die Sophistik sieht
sich ueberall gleich, in Smyrna und Athen wie in Rom und Karthago; die
Eloquenzmeister wurden verschickt wie die Lampenformen und das Fabrikat ueberall
in gleicher Weise, nach Verlangen griechisch oder lateinisch, hergestellt, die
Fabrikation dem Bedarf entsprechend gesteigert. Aber freilich lieferten
diejenigen griechischen Landschaften, die an Wohlstand und Bildung voranstanden,
diesen Exportartikel in bester Qualitaet und in groesster Quantitaet; von
Kleinasien gilt dies fuer die Zeiten Sullas und Ciceros nicht minder wie fuer
die Hadrians und der Antonine.
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^36 Die Urkunde steht bei Dittenberger, SIG n. 349. Attalos II. machte eine
aehnliche Stiftung in Delphi (BCH 5, 1881, S. 157).
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Indes ist auch hier nicht alles Schatten. Eben diese Landschaften besitzen
zwar nicht unter den professionellen Sophisten, aber doch unter den Literaten
anderer Richtung, die auch noch dort verhaeltnismaessig zahlreich sich finden,
die besten Vertreter des Hellenismus, welche diese Epoche ueberhaupt aufweist,
den Lehrer der Philosophie, Dion von Prusa, in Bithynien unter Vespasian und
Traian und den Mediziner Galenos aus Pergamon, kaiserlicher Leibarzt am Hofe des
Marcus und des Severus. Bei Galenos erfreut namentlich die feine Weise des Welt-
und des Hofmanns in Verbindung mit einer allgemeinen literarischen und
philosophischen Bildung, wie sie bei den Aerzten dieser Zeit ueberhaupt haeufig
hervortritt ^37. An Reinheit der Gesinnung und Klarheit ueber die Lage der Dinge
gibt der Bithyner Dion dem Gelehrten von Chaeroneia nichts nach, an
Gestaltungskraft, an Feinheit und Schlagfertigkeit der Rede, an ernstem Sinn bei
leichter Form, an praktischer Energie ist er ihm ueberlegen. Die besten seiner
Schriften, die Phantasien von dem idealen Hellenen vor der Erfindung der Stadt
und des Geldes, die Ansprache an die Rhodier, die einzigen uebriggebliebenen
Vertreter des echten Hellenismus, die Schilderung der Hellenen seiner Zeit in
der Verlassenheit von Olbia wie in der Ueppigkeit von Nikomedeia und von Tarsos,
die Mahnungen an den Einzelnen zu ernster Lebensfuehrung und an alle zu
eintraechtigem Zusammenhalten sind das beste Zeugnis dafuer, dass auch von dem
kleinasiatischen Hellenismus der Kaiserzeit das Wort des Dichters gilt:
untergehend sogar ist's immer dieselbige Sonne.
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^37 Ein Arzt aus Smyrna, Hermogenes, des Charidemos Sohn (CIG 3311),
schrieb nicht bloss 77 Baende medizinischen Inhalts, sondern daneben, wie sein
Grabstein berichtet, historische Schriften: ueber Smyrna, ueber Homers
Vaterland, ueber Homers Weisheit, ueber die Staedtegruendungen in Asia, in
Europa, auf den Inseln, Itinerarien von Asien und von Europa, ueber
Kriegslisten, chronologische Tabellen ueber die Geschichte Roms und Smyrnas. Ein
kaiserlicher Leibarzt Menekrates (CIG 6607), dessen Herkunft nicht angegeben
wird, begruendete, wie seine roemischen Verehrer ihm bescheinigen, die neue
logische und zugleich empirische Medizin (idias logik/e/s enargo?s iatrik/e/s
ktist/e/s) in seinen auf 156 Baende sich belaufenden Schriften.
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9. Kapitel
Die Euphratgrenze und die Parther
Der einzige Grossstaat, mit welchem das Roemische Reich grenzte, war das
Reich von Iran ^1, ruhend auf derjenigen Nationalitaet, die im Altertum wie
heutzutage am bekanntesten ist unter dem Namen der Perser, staatlich
zusammengefasst durch das altpersische Koenigsgeschlecht der Achaemeniden und
seinen ersten Grosskoenig Kyros, religioes geeinigt durch den Glauben des Ahura
Mazda und des Mithra. Keines der alten Kulturvoelker hat das Problem der
nationalen Einigung gleich frueh und gleich vollstaendig geloest. Suedlich
reichten die iranischen Staemme bis an den Indischen Ozean, noerdlich bis zum
Kaspischen Meer; nordoestlich war die innerasiatische Steppe der stete
Kampfplatz der sesshaften Perser und der nomadischen Staemme Turans. Oestlich
schieden maechtige Grenzgebirge sie von den Indern. Im westlichen Asien trafen
frueh drei grosse Nationen jede ihrerseits vordraengend auf einander: die von
Europa aus auf die kleinasiatische Kueste uebergreifenden Hellenen, die von
Arabien und Syrien aus in noerdlicher und nordoestlicher Richtung
vorschreitenden und das Euphrattal wesentlich ausfuellenden aramaeischen
Voelkerschaften, endlich die nicht bloss bis zum Tigris wohnenden, sondern
selbst nach Armenien und Kappadokien vorgedrungenen Staemme von Iran, waehrend
andersartige Urbewohner dieser weitgedehnten Landschaften unter diesen
Vormaechten erlagen und verschwanden. Ueber dieses weite Stammgebiet ging in der
Epoche der Achaemeniden, dem Hoehepunkt der Herrlichkeit Irans, die iranische
Herrschaft nach allen Seiten, insbesondere aber nach Westen weit hinaus.
Abgesehen von den Zeiten, wo Turan ueber Iran die Oberhand gewann und die
Seldschuken und Mongolen den Persern geboten, ist eigentliche Fremdherrschaft
ueber den Kern der iranischen Staemme nur zweimal gekommen, durch den grossen
Alexander und seine naechsten Nachfolger und durch die arabischen Kalifen, und
beide Male nur auf verhaeltnismaessig kurze Zeit; die oestlichen Landschaften,
in jenem Fall die Parther, in diesem die Bewohner des alten Baktrien warfen
nicht bloss bald das Joch des Auslaenders wieder ab, sondern verdraengten ihn
auch aus dem stammverwandten Westen.
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^1 Die Vorstellung, dass das Roemer- und das Partherreich zwei
nebeneinander stehende Grossstaaten sind und zwar die einzigen, die es gibt,
beherrscht den ganzen roemischen Orient, namentlich die Grenzprovinzen. Greifbar
tritt sie uns in der Johanneischen Apokalypse entgegen, in dem
Nebeneinanderstellen wie des Reiters auf dem weissen Ross mit dem Bogen und des
auf dem roten mit dem Schwert (6 2 3), so der Megistanen und der Chiliarchen (6,
15 vgl. 18, 23; 19, 18). Auch die Schlusskatastrophe ist gedacht als
Ueberwaeltigung der Roemer durch die den Kaiser Nero zurueckfuehrenden Parther
(c. 9,14;16,12) und Armageddon, was immer damit gemeint sein mag, als der
Sammelplatz der Orientalen zu dem Gesamtangriff auf den Okzident. Allerdings
deutet der im Roemischen Reich schreibende Verfasser diese wenig patriotischen
Hoffnungen mehr an, als er sie ausspricht.
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Das durch die Parther regenerierte Perserreich fanden die Roemer vor, als
sie in der letzten Zeit der Republik in Folge der Besetzung Syriens in
unmittelbare Beruehrung mit Iran traten. Wir haben dieses Staats schon mehrfach
frueherhin zu gedenken gehabt; hier ist der Ort, das Wenige zusammenzufassen,
was ueber die Eigentuemlichkeit des auch fuer die Geschicke des Nachbarstaats so
vielfach ausschlaggebenden Reiches sich erkennen laesst. Allerdings hat auf die
meisten Fragen, die der Geschichtsforscher hier zu stellen hat, die
Ueberlieferung keine Antwort. Die Okzidentalen geben ueber die inneren
Verhaeltnisse ihrer parthischen Nachbarn und Feinde nur gelegentliche, in der
Vereinzelung leicht irrefuehrende Notizen; und wenn die Orientalen es ueberhaupt
kaum verstanden haben, die geschichtliche Ueberlieferung zu fixieren und zu
bewahren, so gilt dies doppelt von der Arsakidenzeit, da diese den spaeteren
Iranern mit der vorhergehenden Fremdherrschaft der Seleukiden zusammen als
unberechtigte Usurpation zwischen der alt- und der neupersischen
Herrschaftsperiode, den Achaemeniden und den Sassaniden gegolten hat; dies halbe
Jahrtausend wird sozusagen aus der Geschichte Irans herauskorrigiert ^2 und ist
wie nicht vorhanden.
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^2 Dies gilt sogar einigermassen fuer die Chronologie. Die offizielle
Historiographie der Sassaniden reduziert den Zeitraum zwischen dem letzten
Dareios und dem ersten Sassaniden von 558 auf 266 Jahre (Tabari, Geschichte der
Perser und Araber. Hrsg. v. Th. Noeldeke. Leiden 1879, S. 1).
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Der Standpunkt, den die Hofhistoriographen der Sassanidendynastie damit
einnahmen, ist mehr der legitimistisch-dynastische des persischen Adels als
derjenige der iranischen Nationalitaet. Freilich bezeichnen die Schriftsteller
der ersten Kaiserzeit die Sprache der Parther, deren Heimat etwa dem heutigen
Chorasan entspricht, als mitten inne stehend zwischen der medischen und der
skythischen, das heisst als einen unreinen iranischen Dialekt; dem entsprechend
galten sie als Einwanderer aus dem Land der Skythen und in diesem Sinne wird ihr
Name auf fluechtige Leute gedeutet und der Gruender der Dynastie Arsakes zwar
von einigen fuer einen Baktrer, von andern dagegen fuer einen Skythen von der
Maeotis erklaert. Dass ihre Fuersten nicht in Seleukeia am Tigris ihre Residenz
nahmen, sondern in der unmittelbaren Naehe bei Ktesiphon ihr Winterlager
aufschlugen, wird darauf zurueckgefuehrt, dass sie die reiche Kaufstadt nicht
mit skythischen Truppen haetten belegen wollen. Vieles in der Weise und den
Ordnungen der Parther entfernt sich von der iranischen Sitte und erinnert an
nomadische Lebensgewohnheiten: zu Pferde handeln und essen sie, und nie geht der
freie Mann zu Fuss. Es laesst sich wohl nicht bezweifeln, dass die Parther,
deren Namen allein von allen Staemmen dieser Gegend die heiligen Buecher der
Perser nicht nennen, dem eigentlichen Iran fern stehen, in welchem die
Achaemeniden und die Magier zu Hause sind. Der Gegensatz dieses Iran gegen das
aus einem unzivilisierten und halb fremdartigen Distrikt herstammende
Herrschergeschlecht und dessen naechstes Gefolge, dieser Gegensatz, den die
roemischen Schriftsteller nicht ungern von den persischen Nachbarn uebernahmen,
hat allerdings die ganze Arsakidenherrschaft hindurch bestanden und gegaert, bis
er schliesslich ihren Sturz herbeifuehrte. Darum aber darf die Herrschaft der
Arsakiden noch nicht als Fremdherrschaft gefasst werden. Dem parthischen Stamm
und der parthischen Landschaft wurden keine Vorrechte eingeraeumt. Als Residenz
der Arsakiden wird zwar auch die parthische Stadt Hekatompylos genannt; aber
hauptsaechlich verweilten sie im Sommer in Ekbatana (Ramadan) oder auch in
Rhagae gleich den Achaemeniden, im Winter, wie bemerkt, in der Lagerstadt
Ktesiphon oder auch in Babylon an der aeussersten westlichen Grenze des Reiches.
Das Erbbegraebnis in der Partherstadt Nisaea blieb; aber spaeter diente dafuer
haeufiger Arbela in Assyrien. Die arme und ferne parthische Heimatlandschaft war
fuer die ueppige Hofhaltung und die wichtigen Beziehungen zu dem Westen,
besonders der spaeteren Arsakiden, in keiner Weise geeignet. Das Hauptland blieb
auch jetzt Medien, eben wie unter den Achaemeniden. Mochten immer die Arsakiden
skythischer Herkunft sein, mehr als auf das, was sie waren, kam darauf an, was
sie sein wollten; und sie selber betrachteten und gaben sich durchaus als die
Nachfolger des Kyros und des Dareios. Wie die sieben persischen Stammfuersten
den falschen Achaemeniden beseitigt und durch die Erhebung des Dareios die
legitime Herrschaft wiederhergestellt hatten, so mussten andere sieben die
makedonische Fremdherrschaft gestuerzt und den Koenig Arsakes auf den Thron
gesetzt haben. Mit dieser patriotischen Fiktion wird weiter zusammenhaengen,
dass dem ersten Arsakes statt der skythischen die baktrische Heimat beigelegt
ward. Die Tracht und die Etikette am Hof der Arsakiden war die des persischen;
nachdem Koenig Mithradates I. seine Herrschaft bis zum Indus und Tigris
ausgedehnt hatte, vertauschte die Dynastie den einfachen Koenigstitel mit dem
des Koenigs der Koenige, wie ihn die Achaemeniden gefuehrt hatten, und die
spitze skythische Kappe mit der hohen perlengeschmueckten Tiara; auf den Muenzen
fuehrt der Koenig den Bogen wie Dareios. Auch die mit den Arsakiden in das Land
gekommene, ohne Zweifel vielfach mit der alteinheimischen gemischte Aristokratie
nahm persische Sitte und Tracht, meistens auch persische Namen an; von dem
Partherheer, das mit Crassus stritt, heisst es, dass die Soldaten noch das
struppige Haar nach skythischer Weise trugen, der Feldherr aber nach medischer
Art mit in der Mitte gescheiteltem Haar und geschminktem Gesicht erschien.
Die staatliche Ordnung, wie sie durch den ersten Mithradates festgestellt
wurde, ist dementsprechend wesentlich diejenige der Achaemeniden. Das Geschlecht
des Begruenders der Dynastie ist mit allem Glanz und mit aller Weihe
angestammter und goettlich verordneter Herrschaft umkleidet: sein Name
uebertraegt sich von Rechts wegen auf jeden seiner Nachfolger, und es wird ihm
goettliche Ehre erwiesen; seine Nachfolger heissen darum auch Gottessoehne ^3
und ausserdem "Brueder des Sonnengottes und der Mondgoettin", wie noch heute der
Schah von Persien die Sonne im Titel fuehrt; das Blut eines Gliedes des
Koenigsgeschlechts auch nur durch Zufall zu vergiessen, ist ein Sakrilegium -
alles Ordnungen, die mit wenigen Abminderungen bei den roemischen Caesaren
wiederkehren und vielleicht zum Teil von diesen der aelteren Grossherrschaft
entlehnt sind.
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^3 Die Unterkoenige der Persis heissen in der Titulatur stehend "Zag
Alohin" (wenigstens sollen die aramaeischen Zeichen diesen vermutlich in der
Aussprache persisch ausgedrueckten Worten entsprechen), Gottes Sohn (Mordtmann,
Zeitschrift fuer Numismatik 4, 1877, S. 155 f.), und dem entspricht auf den
griechischen Muenzen der Grosskoenige die Titulatur theopat/o/r. Auch die
Bezeichnung "Gott" findet sich, wie bei den Seleukiden und den Sassaniden. Warum
den Arsakiden ein Doppeldiadem beigelegt wird (Herodian 6, 2, 1), ist nicht
aufgeklaert.
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Obwohl die koenigliche Wuerde also fest an das Geschlecht geknuepft ist,
besteht dennoch eine gewisse Koenigswahl. Da der neue Herrscher sowohl dem
Kollegium der "Verwandten des koeniglichen Hauses" wie dem Priesterrat
angehoeren muss, um den Thron besteigen zu koennen, so wird ein Akt
stattgefunden haben, wodurch vermutlich eben diese Kollegien selbst den neuen
Herrscher anerkannten ^4. Unter den "Verwandten" sind wohl nicht bloss die
Arsakiden selbst zu verstehen, sondern die "sieben Haeuser" der
Achaemenidenordnung, Fuerstengeschlechter, welchen nach dieser die
Ebenbuertigkeit und der freie Eintritt bei dem Grosskoenig zukommt und die auch
unter den Arsakiden aehnliche Privilegien gehabt haben werden ^5. Diese
Geschlechter waren zugleich Inhaber von erblichen Kronaemtern ^6; die Suren zum
Beispiel - der Name ist wie der Name Arsakes zugleich Personen- und
Amtbezeichnung -, das zweite Geschlecht nach dem Koenigshaus, setzten als
Kronmeister jedesmal dem neuen Arsakes die Tiara aufs Haupt. Aber wie die
Arsakiden selbst der parthischen Provinz angehoerten, so waren die Suren in
Sakastane (Sedjistan) zu Hause und vielleicht Saker, also Skythen; ebenso
stammten die Karen aus dem westlichen Medien, waehrend die hoechste Aristokratie
unter den Achaemeniden rein persisch war.
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^4 T/o/n Parthyai/o/n synedrion ph/e/sin (Poseid/o/nios) einai, sagt
Strabon (11, 9, 3 p. 515), ditton, to men syggen/o/n, to de soph/o/n kai
mag/o/n, ex /o/n amphoin to?s basileis kathistasthai (kathist/e/sin die
Handschrift). Iust. 42, 4,1: Mithridates rex Parthorum . . . propter
crudelitatem a senatu Parthico regno pellitur.
^5 In Aegypten, dessen Hofzeremoniell, wie wohl das der saemtlichen Staaten
der Diadochen auf das von Alexander angeordnete und insofern auf das des