die Beamten zum Beispiel auch ferner von den Buergerschaften gewaehlt, ueberall

aber der bestimmende Einfluss in die Haende der Begueterten gelegt und dem

Belieben der Menge so wie dem ernstlichen politischen Ehrgeiz kein Spielraum

gestattet. Unter den Beschraenkungen der munizipalen Autonomie ist den

kleinasiatischen Staedten eigentuemlich, dass den schon erwaehnten Eirenarchen,

den staedtischen Polizeimeister, spaeterhin der Statthalter aus einer von dem

Rat der Stadt aufgestellten Liste von zehn Personen ernannte. Die

Regierungskuratel der staedtischen Finanzverwaltung, die kaiserliche Bestellung

eines nicht der Stadt selbst angehoerigen Vermoegenspflegers (curator rei

publicae, logist/e/s), dessen Konsens die staedtischen Behoerden bei wichtigeren

Vermoegenshandlungen einzuholen haben, ist niemals allgemein, sondern nach

Beduerfnis fuer diese oder jene Stadt angeordnet worden, in Kleinasien aber

entsprechend der Bedeutung seiner staedtischen Entwicklung besonders frueh, das

heisst seit dem Anfang des 2. Jahrhunderts, und besonders umfassend eingetreten.

Wenigstens im 3. Jahrhundert mussten auch hier wie anderswo sonstige wichtige

Beschluesse der Gemeindeverwaltung dem Statthalter zur Bestaetigung unterbreitet

werden. Uniformierung der Gemeindeverfassung hat die roemische Regierung

nirgends und am wenigsten in den hellenischen Landschaften durchgefuehrt; auch

in Kleinasien herrschte darin grosse Mannigfaltigkeit und vermutlich vielfach

das Belieben der einzelnen Buergerschaften, obwohl fuer die derselben Provinz

angehoerigen Gemeinden das eine jede Provinz organisierende Gesetz allgemeine

Normen vorschrieb. Was der Art von Institutionen als in Kleinasien verbreitet

und vorherrschend diesem Landesteil eigentuemlich angesehen werden kann, traegt

keinen politischen Charakter, sondern ist nur etwa fuer die sozialen

Verhaeltnisse bezeichnend, wie die ueber ganz Kleinasien verbreiteten Verbaende

teils der aelteren, teils der juengeren Buerger, die Gerusia und die Neoi,

Ressourcen fuer die beiden Altersklassen mit entsprechenden Turnplaetzen und

Festen ^29. Autonome Gemeinden gab es in Kleinasien von Haus aus bei weitem

weniger als in dem eigentlichen Hellas, und namentlich die bedeutendsten

kleinasiatischen Staedte haben diese zweifelhafte Auszeichnung niemals gehabt

oder doch frueh verloren, wie Kyzikos unter Tiberius, Samos durch Vespasian.

Kleinasien war eben altes Untertanengebiet und unter den persischen wie unter

den hellenischen Herrschern an monarchische Ordnung gewoehnt; weniger als in

Hellas fuehrte hier unnuetzes Erinnern und unklares Hoffen hinaus ueber den

beschraenkten munizipalen Horizont der Gegenwart, und nicht vieles der Art

stoerte den friedlichen Genuss des unter den bestehenden Verhaeltnissen

moeglichen Lebensglueckes.

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^29 Die in kleinasiatischen Inschriften oft erwaehnte Gerusia hat mit der

von Lysimachos in Ephesos getroffenen gleichnamigen politischen Einrichtung

(Strab. 14, 1, 21 p. 640; Wood, Ephesus. Inscriptions from the temple of Diana,

n. 19) nichts weiter gemein; den Charakter derselben in roemischer Zeit

bezeichnet teils Vitruvius (2, 8, 10): Croesi (damum) Sardiani civibus ad

requiescendum aetatis otio seniorum collegio gerusiam dedicaverunt, teils die in

der lykischen Stadt Sidyma kuerzlich gefundene Inschrift (Benndorf, Reisen, Bd.

1, S. 71), wonach Rat und Volk beschliessen, wie das Gesetz es fordert, eine

Gerusia einzurichten und in diese 50 Buleuten und 50 andere Buerger

einzuwaehlen, welche dann einen Gymnasiarchen der neuen Gerusia bestellen.

Dieser auch sonst begegnende Gymnasiarch sowie der Hymnode der Gerusia

(Menadier, Qua condicione Ephesii usi sint, p. 51) sind unter den uns bekannten

Aemtern dieser Koerperschaft die einzigen fuer ihre Beschaffenheit

charakteristischen. Analog, aber weniger angesehen, sind die Kollegien der neoi

die auch ihre eigenen Gymnasiarchen haben. Zu den beiden Aufsehern der

Turnplaetze fuer die erwachsenen Buerger machen den Gegensatz die Gymnasiarchen

der Epheben (Menadier, p. 91). Gemeinschaftliche Mahlzeiten und Feste (auf die

der Hymnode sich bezieht) fehlten natuerlich namentlich bei der Gerusia nicht.

Sie ist keine Armenversorgung, aber auch kein der munizipalen Aristokratie

reserviertes Kollegium charakteristisch fuer die Weise des buergerlichen

Verkehrs der Griechen, bei welchen der Turnplatz etwa ist, was in unseren

kleinen Staedten die Buergercasinos.

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Solchen Lebensglueckes gab es in Kleinasien unter dem roemischen

Kaiserregiment die Fuelle. "Keine Provinz von allen", sagt ein in Smyrna unter

den Antoninen lebender Schriftsteller, "hat so viele Staedte aufzuweisen wie die

unsrige und keine solche wie unsere groessten. Ihr kommen zugute die reizende

Gegend, die Gunst des Klimas, die mannigfaltigen Produkte, die Lage im

Mittelpunkt des Reiches, ein Kranz ringsum befriedeter Voelker, die gute

Ordnung, die Seltenheit der Verbrechen, die milde Behandlung der Sklaven, die

Ruecksicht und das Wohlwollen der Herrscher." Asia hiess, wie schon gesagt ward,

die Provinz der fuenfhundert Staedte, und wenn das wasserlose, zum Teil nur zur

Weide geeignete Binnenland Phrygiens, Lykaoniens, Galatiens, Kappadokiens auch

in jener Zeit nur duenn bevoelkert war, stand die uebrige Kueste hinter Asia

nicht weit zurueck. Die dauernde Bluete der kulturfaehigen Landschaften

Kleinasiens erstreckt sich nicht bloss auf die Staedte glaenzenden Namens, wie

Ephesos, Smyrna, Laodikeia, Apameia; wo immer ein von der Verwuestung der

anderthalb Jahrtausende, die uns von jener Zeit trennen, vergessener Winkel des

Landes sich der Forschung erschliesst, da ist das erste und das maechtigste

Gefuehl das Entsetzen, fast moechte man sagen die Scham ueber den Kontrast der

elenden und jammervollen Gegenwart mit dem Glueck und dem Glanz der vergangenen

Roemerzeit. Auf einer abgelegenen Bergspitze unweit der lykischen Kueste, da, wo

nach der griechischen Fabel die Chimaera hauste, lag das alte Kragos,

wahrscheinlich nur aus Balken und Lehmziegeln gebaut und darum spurlos

verschwunden bis auf die zyklopische Festungsmauer am Fuss des Huegels. Unter

der Kuppe breitet ein anmutiges fruchtbares Tal sich aus, mit frischer Alpenluft

und suedlicher Vegetation, umgeben von Wald- und wildreichen Bergen. Als unter

Kaiser Claudius Lykien Provinz ward, verlegte die roemische Regierung die

Bergstadt, das "gruene Kragos" des Horaz, in diese Ebene; auf dem Marktplatz der

neuen Stadt Sidyma stehen noch die Reste des viersaeuligen, dem Kaiser damals

gewidmeten Tempels und einer stattlichen Saeulenhalle, welche ein von dort

gebuertiger, als Arzt zu Vermoegen gelangter Buerger in seiner Vaterstadt baute.

Statuen der Kaiser und verdienter Mitbuerger schmueckten den Markt; es gab in

der Stadt einen Tempel ihrer Schutzgoetter, der Artetuis und des Apollon,

Baeder, Turnanstalten (gymnasia) fuer die aeltere wie fuer die juengere

Buergerschaft; von den Toren zogen sich an der Hauptstrasse, die steil am

Gebirge hinab nach dem Hafen Kalabatia fuehrte, zu beiden Seiten Reihen hin von

steinernen Grabmonumenten, stattlicher und kostbarer als die Pompeiis und

grossenteils noch aufrecht, waehrend die vermutlich wie die der Altstadt aus

vergaenglichem Material gebauten Haeuser verschwunden sind. Auf den Stand und

die Art der einstmaligen Bewohner gestattet einen Schluss ein kuerzlich dort

aufgefundener, wahrscheinlich unter Commodus gefasster Gemeindebeschluss ueber

die Konstituierung der Ressource fuer die aelteren Buerger; dieselbe wurde

zusammengesetzt aus hundert zur Haelfte dem Stadtrat, zur Haelfte der uebrigen

Buergerschaft entnommenen Mitgliedern, darunter nicht mehr als drei

Freigelassene und ein Bastardkind, alle uebrigen in rechter Ehe erzeugt und zum

Teil nachweislich alten und wohlhabenden Buergerhaeusern angehoerig. Einzelne

dieser Familien sind zum roemischen Buergerrecht gelangt, eine sogar in den

Reichssenat. Aber auch im Ausland blieb dieses senatorische Haus sowohl wie

verschiedene aus Sidyma gebuertige auswaerts und selbst am kaiserlichen Hof

beschaeftigte Aerzte der Heimat eingedenk, und mehrere derselben haben ihr Leben

daselbst beschlossen; einer dieser angesehenen Stadtbuerger hat in einem nicht

gerade vortrefflichen, aber sehr gelehrten und sehr patriotischen Elaborat die

Legenden der Stadt und die sie betreffenden Weissagungen zusammengefasst und

diese Memorabilien oeffentlich aufstellen lassen. Dies Kragos-Sidyma stimmte auf

dem Landtag der kleinen lykischen Provinz nicht unter den Staedten erster

Klasse, war ohne Theater, ohne Ehrentitel und ohne jene allgemeinen Feste, die

in der damaligen Welt die Grossstadt bezeichnen, auch nach der Auffassung der

Alten eine kleine Provinzialstadt und durchaus eine Schoepfung der roemischen

Kaiserzeit. Aber im ganzen Vilajet Aidin ist heute kein Binnenort, der fuer

zivilisierte Existenz auch nur entfernt diesem Bergstaedtchen, wie es war, an

die Seite gestellt werden koennte. Was in diesem abgeschiedenen Fleck noch heute

leben dig vor Augen steht, das ist in einer ungezaehlten Menge anderer Staedte

unter der verwuestenden Menschenhand bis auf geringe Reste oder auch spurlos

verschwunden. Einen gewissen Ueberblick dieser Fuelle gewaehrt die den Staedten

in Kupfer freigegebene Muenzpraegung der Kaiserzeit: keine Provinz kann in der

Zahl der Muenzstaetten und der Mannigfaltigkeit der Darstellungen sich auch nur

von weitem mit Asia messen.

Freilich fehlt diesem Aufgehen aller Interessen in der heimatlichen

Kleinstadt die Kehrseite so wenig in Kleinasien wie bei den europaeischen

Griechen. Was ueber deren Gemeindeverwaltung gesagt ist, gilt in der Hauptsache

auch hier. Der staedtischen Finanzwirtschaft, die sich ohne rechte Kontrolle

weiss, fehlt Stetigkeit und Sparsamkeit und oft selbst die Ehrlichkeit; bei den

Bauten werden bald die Kraefte der Stadt ueberschritten, bald auch das Noetigste

unterlassen; die kleineren Buerger gewoehnen sich an die Spenden der Stadtkasse

oder der vermoegenden Leute, an das freie Oel in den Baedern, an

Buergerschmaeuse und Volksbelustigungen aus fremder Tasche, die guten Haeuser an

die Klientel der Menge mit ihren demuetigen Huldigungen, ihren Bettelintrigen,

ihren Spaltungen; Rivalitaeten bestehen wie zwischen Stadt und Stadt, so in

jeder Stadt zwischen den einzelnen Kreisen und den einzelnen Haeusern; die

Bildung von Armenvereinen und von freiwilligen Feuerwehren, wie sie im Okzident

ueberall bestanden, wagt die Regierung in Kleinasien nicht einzufuehren, weil

das Faktionswesen hier sich jeder Assoziation sofort bemaechtigt. Der stille See

wird leicht zum Sumpf, und das Fehlen des grossen Wellenschlags der allgemeinen

Interessen ist auch in Kleinasien deutlich zu spueren.

Kleinasien, insbesondere Vorderasien, war eines der reichsten Gebiete des

grossen Roemerstaats. Wohl hatte das Missregiment der Republik, die dadurch

hervorgerufenen Katastrophen der mithradatischen Zeit, dann das Piratenunwesen,

endlich die vieljaehrigen Buergerkriege, welche finanziell wenige Provinzen so

schwer betroffen hatten wie diese, die Vermoegensverhaeltnisse der Gemeinden und

der Einzelnen daselbst so vollstaendig zerruettet, dass Augustus zu dem

aeussersten Mittel der Niederschlagung aller Schuldforderungen griff; auch

machten mit Ausnahme der Rhodier alle Asiaten von diesem gefaehrlichen

Heilmittel Gebrauch. Aber das wiedereintretende Friedensregiment glich vieles

aus. Nicht ueberall - die Inseln des Aegaeischen Meers zum Beispiel haben sich

nie seitdem wieder erholt -, aber in den meisten Orten waren, schon als Augustus

starb, die Wunden wie die Heilmittel vergessen, und in diesem Zustand blieb das

Land drei Jahrhunderte bis auf die Epoche der Gotenkriege. Die Summen, zu

welchen die Staedte Kleinasiens angesetzt waren und die sie selbst, allerdings

unter Kontrolle des Statthalters, zu repartieren und aufzubringen hatten,

bildeten eine der bedeutendsten Einnahmequellen der Reichskasse. Wie die

Steuerlast sich zu der Leistungsfaehigkeit der Besteuerten verhielt, vermoegen

wir nicht zu konstatieren; eigentliche dauernde Ueberbuerdung aber vertraegt

sich nicht mit den Zustaenden, in denen wir das Land bis gegen die Mitte des 3.

Jahrhunderts finden. Mehr vielleicht noch die Schlaffheit des Regiments als

absichtliche Schonung mag die fiskalische Beschraenkung des Verkehrs und die

nicht bloss fuer den Besteuerten unbequeme Anziehung der Steuerschraube in

Schranken gehalten haben. Bei grossen Kalamitaeten, namentlich bei den Erdbeben,

welche unter Tiberius zwoelf bluehende Staedte Asias, vor allem Sardes, unter

Pius eine Anzahl karischer und lykischer und die Inseln Kos und Rhodos

entsetzlich heimsuchten, trat die Privat- und vor allem die Reichshilfe mit

grossartiger Freigebigkeit ein und spendete den Kleinasiaten den vollen Segen

des Grossstaats, die Samtverbuergung aller fuer alle. Der Wegebau, den die

Roemer bei der ersten Einrichtung der Provinz Asia durch Manius Aquillius in

Angriff genommen hatten, ist in der Kaiserzeit in Kleinasien nur da ernstlich

gefoerdert worden, wo groessere Besatzungen standen, namentlich in Kappadokien

und dem benachbarten Galatien, seit Vespasian am mittleren Euphrat Legionslager

eingerichtet hatte ^30. In den uebrigen Provinzen ist dafuer nicht viel

geschehen, zum Teil ohne Zweifel in Folge der Schlaffheit des senatorischen

Regiments; wo immer hier Wege von Staatswegen gebaut wurden, geschah es auf

kaiserliche Anordnung ^31.

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^30 Die Meilensteine beginnen hier mit Vespasian (CIL III, 306) und sind

seitdem zahlreich namentlich von Domitian bis auf Hadrian.

^31 Am deutlichsten zeigen dies die in der Senatsprovinz Bithynien unter

Nero und Vespasian durch den kaiserlichen Prokurator ausgefuehrten Wegebauten

(CIL III, 346; Eph. epigr. V, n. 96). Aber auch bei den Wegebauten in den

senatorischen Provinzen Asia und Kypros wird der Senat nie genannt, und es wird

dafuer dasselbe angenommen werden duerfen. Im dritten Jahrhundert ist hier wie

ueberall der Bau auch der Reichsstrassen auf die Kommunen uebergegangen (Smyrna:

CIL III, 471; Thyateira: BCH 1, 1877, S. 101; Paphos: CIL III, 218).

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Diese Bluete Kleinasiens ist nicht das Werk einer Regierung von

ueberlegener Einsicht und energischer Tatkraft. Die politischen Einrichtungen,

die gewerblichen und kommerziellen Anregungen, die literarische und

kuenstlerische Initiative gehoeren in Kleinasien durchaus den alten Freistaedten

oder den Attaliden. Was die roemische Regierung dem Lande gegeben hat, war

wesentlich der dauernde Friedensstand und die Duldung des Wohlstandes im Innern,

die Abwesenheit derjenigen Regierungsweisheit, die jedes gesunde Paar Arme und

jedes ersparte Geldstueck betrachtet als ihren unmittelbaren Zwecken von Rechts

wegen verfallen - negative Tugenden keineswegs hervorragender Persoenlichkeiten,

aber oftmals dem gemeinen Gedeihen erspriesslicher als die Grosstaten der

selbstgesetzten Vormuender der Menschheit.

Der Wohlstand Kleinasiens beruhte in schoenem Gleichgewicht ebenso auf der

Bodenkultur wie auf der Industrie und dem Handel. Die Gunst der Natur ist

insbesondere den Kuestenlandschaften in reichstem Masse zuteil geworden, und

vielfach zeigt es sich, mit wie emsigem Fleiss auch unter schwierigeren

Verhaeltnis sen, zum Beispiel in dem felsigen Tal des Eurymedon in Pamphylien

von den Buergern von Selge, jedes irgend brauchbare Bodenstueck ausgenutzt ward.

Die Erzeugnisse der kleinasiatischen Industrie sind zu zahlreich und zu

mannigfaltig, um bei den einzelnen zu verweilen ^32; erwaehnt mag werden, dass

die ungeheuren Triften des Binnenlandes mit ihren Schaf- und Ziegenherden

Kleinasien zum Hauptland der Wollindustrie und der Weberei ueberhaupt gemacht

haben - es genuegt zu erinnern an die milesische und die galatische, das ist die

Angorawolle, die attalischen Goldstickereien, die nach nervischer, das heisst

flandrischer Art in den Fabriken des phrygischen Laodikeia gefertigten Tuche.

Dass in Ephesos fast ein Aufstand ausgebrochen waere, weil die Goldschmiede von

dem neuen Christenglauben Beschaedigung ihres Absatzes von Heiligenbildern

befuerchteten, ist bekannt. In Philadelpheia, einer bedeutenden Stadt Lydiens,

kennen wir von den sieben Quartieren die Namen zweier: es sind die der

Wollenweber und der Schuster. Wahrscheinlich tritt hier zu Tage, was bei den

uebrigen Staedten unter aelteren und vornehmeren Namen sich versteckt, dass die

bedeutenderen Staedte Asias durchgaengig nicht bloss eine Menge Handwerker,

sondern auch eine zahlreiche Fabrikbevoelkerung in sich schlossen. Der Geld- und

Handelsverkehr ruhte in Kleinasien hauptsaechlich auf der eigenen Produktion.

Der grosse auslaendische Import und Export Syriens und Aegyptens war hier in der

Hauptsache ausgeschlossen, wenn auch aus den oestlichen Laendern mancherlei

Artikel, zum Beispiel durch die galatischen Haendler eine betraechtliche Zahl

von Sklaven nach Kleinasien eingefuehrt wurden ^33. Aber wenn die roemischen

Kaufleute hier, wie es scheint, in jeder grossen und kleinen Stadt, selbst in

Orten wie Ilion und Assos in Mysien, Prymnessos und Traianopolis in Phrygien, in

solcher Zahl zu finden waren, dass ihre Vereine neben der Stadtbuergerschaft bei

oeffentlichen Akten sich zu beteiligen pflegen; wenn in Hierapolis im

phrygischen Binnenland ein Fabrikant (ergast/e/s) auf sein Grab schreiben liess,

dass er zweiundsiebzigmal in seinem Leben um Kap Malea nach Italien gefahren

sei, und ein roemischer Dichter den Kaufmann der Hauptstadt schildert, welcher

nach dem Hafen eilt, um den Geschaeftsfreund aus dem nicht weit von Hierapolis

entfernten Kibyra nicht in die Haende von Konkurrenten fallen zu lassen, so

oeffnet sich damit ein Einblick in ein reges gewerbliches und kaufmaennisches

Treiben nicht bloss in den Hoefen. Von dem stetigen Verkehr mit Italien zeugt

auch die Sprache; unter den in Kleinasien gangbar gewordenen lateinischen

Woertern ruehren nicht wenige aus solchem Verkehr her, wie denn in Ephesos sogar

die Gilde der Wollenweber sich lateinisch benennt ^34. Lehrer aller Art und

Aerzte kamen nach Italien und den uebrigen Laendern lateinischer Zunge

vorzugsweise von hier und gewannen nicht bloss oftmals bedeutendes Vermoegen,

sondern brachten dies auch in ihre Heimat zurueck; unter denen, welchen die

Staedte Kleinasiens Bauwerke oder Stiftungen verdanken, nehmen die reich

gewordenen Aerzte ^35 und Literaten einen hervorragenden Platz ein. Endlich die

Auswanderung der grossen Familien nach Italien hat Kleinasien weniger und

spaeter betroffen als den Okzident; aus Vienna und Narbo siedelte man leichter

nach der Hauptstadt des Reiches ueber als aus den griechischen Staedten, und

auch die Regierung war in frueherer Zeit nicht eben geneigt, die vornehmen

Munizipalen Kleinasiens an den Hof zu ziehen und sie in die roemische

Aristokratie einzufuehren.

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^32 Die Christen des Kuestenstaedtchens Korykos im Rauhen Kilikien

pflegten, gegen den allgemeinen Gebrauch, ihren Grabschriften regelmaessig den

Stand beizusetzen. Auf den dort von Langlois und neuerdings von Duchesne (BCH

7,1883, S. 230f.) aufgenommenen Grabschriften finden sich ein Schreiber

(notarios), ein Weinhaendler (oinemporos) zwei PHlhaendler (eleop/o/l/e/s) ein

Gemuesehaendler (lachanop/o/l/e/s), ein Fruchthaendler (op/o/rop/o/l/e/s), zwei

Kraemer (kap/e/los), fuenf Goldschmiede (ayrarios dreimal, chrysochoos zweimal),

wovon einer auch Presbyter ist, vier Kupferschmiede (chalkotypos einmal,

chalke?s dreimal), zwei Instrumentenmacher (armenoraphos), fuenf Toepfer

(kerame?s), von denen einer als Arbeitgeber (ergodot/e/s) bezeichnet wird, ein

anderer zugleich Presbyter ist ein Kleiderhaendler (imatiop/o/l/e/s) zwei

Leinwandhaendler (linop/o/l/e/s)drei Weber (othoniakos), ein Wollarbeiter

(ereoyrgos), zwei Schuster (kaligarios, kaltarios), ein Kuerschner (inioraphos,

wohl fuer /e/nioraphos, pellio), ein Schiffer (na?kl/e/ros), eine Hebamme

(iatrin/e/); ferner ein Gesamtgrab der hochansehnlichen Geldwechsler (s?sstema

t/o/n eygenestat/o/n trapezit/o/n). So sah es daselbst im 5. und 6. Jahrhundert

aus.

^33 Dieser fuer das 4. Jahrhundert bezeugte Verkehr (Amm. 22, 7 8;

Claudianus in Eutr. 1, 59) ist ohne Zweifel aelter. Anderer Art ist es, dass,

wie Philostratos (Vita Apoll. 8, 7, 12) angibt, die nicht griechischen Bewohner

von Phrygien ihre Kinder an die Sklavenhaendler verkauften.

^34 Synergasia t/o/n lanari/o/n (Wood, Ephesus. City, n. 4). Auch auf den

Inschriften von Korykos (Anm. 32) sind lateinische Handwerkerbenennungen

haeufig. Die Stufe heisst grados den phrygischen Inschriften CIG 3900, 39021.

^35 Einer von diesen ist Xenophon, des Herakleitos Sohn, von Kos, bekannt

aus Tacitus (ann. 12, 61. 67) und Plinius (nat. 29,1, 7) und einer Reihe von

Denkmaelern seiner Heimat (BCH 5, 1881, S. 468). Als Leibarzt (archiatros,

welcher Titel hier zuerst begegnet) des Kaisers Claudius gewann er solchen

Einfluss, dass er mit seiner aerztlichen Taetigkeit die einflussreiche Stellung

des kaiserlichen Kabinettssekretaer fuer die griechische Korrespondenz verband

(epi t/o/n Ell/e/nikan apokrimat/o/n vgl. Suidas unter Dion?sios Alexandreys)

und nicht bloss fuer seinen Bruder und Oheim das roemische Buergerrecht und

Offiziersteilen von Ritterrang und fuer sich ausser dem Ritterpferd und dem

Offiziersrang noch die Dekoration des Goldkranzes und des Speers bei dem

britannischen Triumph erwirkte, sondern auch fuer seine Heimat die

Steuerfreiheit. Sein Grabmal steht auf der Insel, und seine dankbaren Landsleute

setzten ihm und den Seinigen Statuen und schlugen zu seinem Gedaechtnis Muenzen

mit seinem Bildnis. Er ist es, der den todkranken Claudius durch weitere

Vergiftung umgebracht haben soll und demgemaess, als ihm wie seinem Nachfolger

gleich wert, auf seinen Denkmaelern nicht bloss wie ueblich "Kaiserfreund"

(philosebastos) heisst, sondern speziell Freund des Claudius (philokla?dios) und

des Nero (philoner/o/n, dies nach sicherer Restitution). Sein Bruder, dem er in

dieser Stellung folgte, bezog ein Gehalt von 500000 Sesterzen (100000 Mark),

versicherte aber dem Kaiser, dass er nur ihm zuliebe die Stellung angenommen

haette, da seine Stadtpraxis ihm 100000 Sesterzen mehr eingetragen habe. Trotz

der enormen Summen, die die Brueder ausser fuer Kos namentlich fuer Neapel

aufgewendet hatten, hinterliessen sie ein Vermoegen von 30 Mill. Sesterzen (6«

Mill. Mark).

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Wenn wir absehen von der wunderbaren Fruehbluete, in welcher das ionische

Epos und die aeolische Lyrik, die Anfaenge der Geschichtschreibung und der

Philosophie, der Plastik und der Malerei an diesen Gestaden keimten, so war in

der Wissenschaft wie in der Kunstuebung die grosse Zeit Kleinasiens die der

Attaliden, welche die Erinnerung jener noch groesseren Epoche treulich pflegte.

Wenn Smyrna seinem Buerger Homeros goettliche Verehrung erwies, auch Muenzen auf

ihn schlug und nach ihm nannte, so drueckt sich darin die Empfindung aus, die

ganz Ionien und ganz Kleinasien beherrschte, dass die goettliche Kunst

Römische Geschichte — Buch 8 · 第 36 / 73 段