Korsaren gefuehrt ward und roemische Truppen selbst in die isaurischen Gebirge

eindrangen und tief im Binnenland die Piratenburgen brachen, zu rechter

dauernder Festsetzung in diesen von ihr widerwillig annektierten Distrikten kam

die roemische Republik nicht. Hier blieb dem Kaisertum noch alles zu tun uebrig.

Antonius, wie er den Orient uebernahm, beauftragte einen tuechtigen galatischen

Offizier, den Amyntas, mit der Unterwerfung der widerspenstigen pisidischen

Landschaft ^7, und als dieser sich bewaehrte ^8, machte er denselben zum Koenig

von Galatien, der militaerisch bestgeordneten und schlagfertigsten Landschaft

Kleinasiens, und erstreckte zugleich sein Regiment von da bis zur Suedkueste,

also auf Lykaonien, Pisidien, Isaurien, Pamphylien und Westkilikien, waehrend

die zivilisierte Osthaelfte Kilikiens bei Syrien blieb. Auch als Augustus nach

der Aktischen Schlacht die Herrschaft im Orient antrat, liess er den keltischen

Fuersten in seiner Stellung. Derselbe machte auch wesentliche Fortschritte

sowohl in der Unterdrueckung der schlimmen, in den Schlupfwinkeln des westlichen

Kilikiens hausenden Korsaren wie auch in der Ausrottung der Landraeuber, toetete

einen der schlimmsten dieser Raubherren, den Herrn von Derbe und Laranda im

suedlichen Lykaonien, Antipatros, baute in Isauria sich seine Residenz und

schlug die Pisidier nicht bloss hinaus aus dem angrenzenden phrygischen Gebiet,

sondern fiel in ihr eigenes Land ein und nahm im Herzen desselben Kremna. Aber

nach einigen Jahren (729 25) verlor er das Leben auf einem Zug gegen einen der

westkilikischen Staemme, die Homonadenser; nachdem er die meisten Ortschaften

genommen hatte und ihr Fuerst gefallen war, kam er um durch einen von dessen

Gattin gegen ihn gerichteten Anschlag. Nach dieser Katastrophe uebernahm

Augustus selbst das schwere Geschaeft der Pazifikation des inneren Kleinasiens.

Wenn er dabei, wie schon bemerkt ward, das kleine pamphylische Kuestenland einem

eigenen Statthalter zuwies und es von Galatien trennte, so ist dies offenbar

deswegen geschehen, weil das zwischen der Kueste und der galatisch-lykaonischen

Steppe liegende Gebirgsland so wenig botmaessig war, dass die Verwaltung des

Kuestengebiets nicht fueglich von Galatien aus gefuehrt werden konnte. Roemische

Truppen wurden nach Galatien nicht gelegt; doch wird das Aufgebot der

kriegerischen Galater mehr zu bedeuten gehabt haben als bei den meisten

Provinzialen. Auch hatten, da das westliche Kilikien damals unter Kappadokien

gelegt ward, die Truppen dieses Lehnsfuersten sich an der Arbeit zu beteiligen.

Die Zuechtigung zunaechst der Homonadenser fuehrte die syrische Armee aus; der

Statthalter Publius Sulpicius Quirinius rueckte einige Jahre spaeter in ihr

Gebiet, schnitt ihnen die Zufuhr ab und zwang sie, sich in Masse zu unterwerfen,

worauf sie in die umliegenden Ortschaften verteilt und ihr ehemaliges Gebiet

wuest gelegt wurde. Aehnliche Zuechtigungen erfuhren in den Jahren 36 und 52 die

Kliten, ein anderer, in dem westlichen Kilikien naeher an der Kueste sitzender

Stamm; da sie dem von Rom ihnen gesetzten Lehnsfuersten den Gehorsam

verweigerten und das Land wie die See brandschatzten, und da die sogenannten

Landesherren mit ihnen nicht fertig werden konnten, kamen beide Male die

Reichstruppen aus Syrien herbei, um sie zu unterwerfen. Diese Nachrichten haben

sich zufaellig erhalten; sicher sind zahlreiche aehnliche Vorgaenge verschollen.

------------------------------------------

^7 Amyntas wurde noch im Jahre 715, bevor Antonius nach Asien zurueckging

ueber die Pisidier gesetzt (App. civ. 5, 75), ohne Zweifel weil diese wieder

einmal einen ihrer Raubzuege unternommen hatten. Daraus, dass er dort zuerst

herrschte, erklaert es sich auch, dass er sich in Isaura seine Residenz baute

(Strab. 12, 6, 3, p. 569). Galatien kam zunaechst an die Erben des Deiotarus

(Dio 48, 33). Erst im Jahre 718 erhielt Amyntas Galatien, Lykaonien und

Pamphylien (Dio 49, 32).

^8 Dass dies die Ursache war, weshalb diese Gegenden nicht unter roemische

Statthalter gelegt wurden, sagt Strabon (14, 5, 5 p. 671), der nach Zeit und Ort

diesen Verhaeltnissen nahestand, ausdruecklich: edokei pros apan to toio?to

(fuer die Unterdrueckung der Raeuber und der Piraten) basileyesthai mallon to?s

topoys /e/ thpo tois R/o/maiois /e/gemosin einai tois epi tas kriseis

pempomenois, oi m/e/t' aei pareinai emellon (wegen der Bereisung der conventus)

m/e/te meth' oplon (die allerdings dem spaeteren Legaten von Galatien fehlten).

------------------------------------------

Aber auch im Wege der Besiedelung griff Augustus die Pazifikation dieser

Landschaft an. Die hellenistischen Regierungen hatten dieselbe sozusagen

isoliert, nicht bloss an der Kueste ueberall Fuss behalten oder gefasst, sondern

auch im Nordwesten eine Reihe von Staedten gegruendet, an der phrygischen Grenze

Apollonia angeblich von Alexander selbst angelegt, Seleukeia Siderus und

Antiocheia, beide aus der Seleukidenzeit, ferner in Lykaonien Laodikeia

Katakekaumene und die wohl auch in der gleichen Zeit entstandene Hauptstadt

dieser Landschaft Ikonion. Aber in dem eigentlichen Bergland findet sich keine

Spur hellenistischer Niederlassung; und noch weniger hat der roemische Senat

sich an diese schwierige Aufgabe gemacht. Augustus tat es; hier, und nur hier im

ganzen griechischen Osten, begegnet eine Reihe von Kolonien roemischer

Veteranen, offenbar bestimmt, dieses Gebiet der friedlichen Ansiedlung zu

erobern. Von den eben genannten aelteren Ansiedlungen wurde Antiocheia mit

Veteranen belegt und roemisch reorganisiert, neu angelegt in Lykaonien Parlais

und Lystra, in Pisidien selbst das schon genannte Kremna so wie weiter suedlich

Olbasa und Komama. Die spaeteren Regierungen setzten die begonnene Arbeit nicht

mit gleicher Energie fort; doch wurde unter Claudius das eiserne Seleukeia

Pisidiens zum claudischen gemacht, ferner im westkilikischen Binnenland

Claudiopolis und nicht weit davon, vielleicht gleichzeitig, Germanicopolis ins

Leben gerufen, auch Ikonion, in Augustus' Zeit ein kleiner Ort, zu bedeutender

Entwicklung gebracht. Die neu gegruendeten Staedte blieben freilich unbedeutend,

schraenkten aber doch den Spielraum der freien Gebirgsbewohner in namhafter

Weise ein, und der Landfriede muss endlich auch hier seinen Einzug gehalten

haben. Sowohl die Ebene und die Bergterrassen Pamphyliens wie die Bergstaedte

Pisidiens selbst, zum Beispiel Selge und Sagalassos, waren waehrend der

Kaiserzeit gut bevoelkert und das Gebiet sorgfaeltig angebaut; die Reste

maechtiger Wasserleitungen und auffallend grosser Theater, saemtlich Anlagen aus

der roemischen Kaiserzeit, zeigen zwar nur handwerksmaessige Technik, aber

Spuren eines reich entwickelten friedlichen Gedeihens. Ganz freilich ward die

Regierung des Raubwesens in diesen Landschaften niemals Herr, und wenn in der

frueheren Kaiserzeit die Heimsuchungen sich in maessigen Grenzen hielten, traten

die Banden hier in den Wirren des dritten Jahrhunderts abermals als

kriegfuehrende Macht auf. Sie gehen jetzt unter dem Namen der Isaurer und haben

ihren hauptsaechlichen Sitz in den Gebirgen Kilikiens, von wo aus sie Land und

Meer brandschatzen. Erwaehnt werden sie zuerst unter Severus Alexander. Dass sie

unter Gallienus ihren Raeuberhauptmann zum Kaiser ausgerufen haben, wird eine

Fabel sein; aber allerdings wurde unter Kaiser Probus ein solcher namens Lydios,

der lange Zeit Lykien und Pamphylien gepluendert hatte, in der roemischen

Kolonie Kremna, die er besetzt hatte, nach langer hartnaeckiger Belagerung durch

eine roemische Armee bezwungen. In spaeterer Zeit finden wir um ihr Gebiet einen

Militaerkordon gezogen und einen eigenen kommandierenden General fuer die

Isaurer bestellt. Ihre wilde Tapferkeit hat sogar denen von ihnen, welche bei

dem byzantinischen Hof Dienste nehmen mochten, eine Zeitlang eine Stellung

daselbst verschafft, wie die Makedonier sie am Hofe der Ptolemaeer besessen

hatten; ja einer aus ihrer Mitte, Zenon, ist als Kaiser von Byzanz gestorben ^9.

-----------------------------------------------

^9 In der grossen unbenannten Ruinenstaette von Saradschik im oberen

Limyrostal im oestlichen Lykien (vgl. C. Ritter, Erdkunde. Bd. 19, Berlin 1859,

S. 1172) steht ein bedeutender tempelfoermiger Grabbau, sicher nicht aelter als

das 3. Jahrhundert n. Chr., an welchem in Relief zerstueckelte Menschenteile,

Koepfe, Arme, Beine als Embleme angebracht sind; man moechte meinen, als Wappen

eines zivilisierten Raeuberhauptmanns (Mitteilung von Benndorf).

-----------------------------------------------

Die Landschaft Galatien endlich, in ferner Zeit die Hauptstaette der

orientalischen Herrschaft ueber Vorderasien und in den beruehmten Felsskulpturen

des heutigen Boghazkoei, einst der Koenigstadt Pteria, die Erinnerungen einer

fast verschollenen Herrlichkeit bewahrend, war im Lauf der Jahrhunderte in

Sprache und Sitte eine keltische Insel inmitten der Fluten der Ostvoelker

geworden und ist dies in der inneren Organisation auch in der Kaiserzeit

geblieben. Die drei keltischen Voelkerschaften, welche bei der grossen Wanderung

der Nation um die Zeit des Krieges zwischen Pyrrhos und den Roemern in das

innere Kleinasien gelangt waren und hier, wie im Mittelalter die Franken im

Orient, zu einem festgegliederten Soldatenstaat sich zusammengeschlossen und

nach laengerem Schweifen dies- und jenseits des Halys ihre definitiven Sitze

genommen hatten, hatten laengst die Zeiten hinter sich, wo sie von dort aus

Kleinasien brandschatzten und mit den Koenigen von Asia und Pergamon im Kampfe

lagen, falls sie nicht als Soeldner ihnen dienten; auch sie waren an der

Uebermacht der Roemer zerschellt und ihnen in Asien nicht minder botmaessig

geworden wie ihre Landsleute im Potal und an der Rhone und Seine. Aber trotz

ihres mehrhundertjaehrigen Verweilens in Kleinasien trennte immer noch eine

tiefe Kluft diese Okzidentalen von den Asiaten. Es war nicht bloss, dass sie

ihre Landessprache und ihre Volksart festhielten, dass immer noch die drei Gaue

jeder von seinen vier Erbfuersten regiert wurden und die von allen

gemeinschaftlich beschickte Bundesversammlung in dem heiligen Eichenhain als

hoechste Behoerde dem galatischen Lande vorstand, auch nicht, dass die

ungebaendigte Roheit wie die kriegerische Tuechtigkeit sie von den Nachbarn zum

Nachteil wie zum Vorteil unterschied; dergleichen Gegensaetze zwischen Kultur

und Barbarei gab es in Kleinasien auch sonst, und die oberflaechliche und

aeusserliche Hellenisierung, wie die Nachbarschaft, die Handelsbeziehungen, der

von den Einwanderern uebernommene phrygische Kultus, das Soeldnertum sie im

Gefolge hatten, wird in Galatien nicht viel spaeter eingetreten sein als zum

Beispiel in dem benachbarten Kappadokien. Der Gegensatz ist anderer Art: die

keltische und die hellenische Invasion haben in Kleinasien konkurriert, und zu

dem nationalen Gegensatz ist der Stachel der rivalisierenden Eroberung

hinzugetreten. Scharf trat dies zutage in der Mithradatischen Krise: dem

Mordbefehl des Mithradates gegen die Italiker ging zur Seite die Niedermetzelung

des gesamten galatischen Adels und dementsprechend haben in den Kriegen gegen

den orientalischen Befreier der Hellenen die Roemer keinen treueren

Bundesgenossen gehabt als die Galater Kleinasiens. Darum war der Erfolg der

Roemer auch der ihrige und gab der Sieg ihnen in den Angelegenheiten Kleinasiens

eine Zeitlang eine fuehrende Stellung. Das alte Vierfuerstentum wurde, es

scheint durch Pompeius, abgeschafft. Einer der neuen Gaufuersten, der in den

Mithradatischen Kriegen sich am meisten bewaehrt hatte, Deiotarus, brachte

ausser seinem eigenen Gebiete Klein-Armenien und andere Stuecke des ehemaligen

Mithradatischen Reiches an sich und ward auch den uebrigen galatischen Fuersten

ein unbequemer Nachbar und der maechtigste unter den kleinasiatischen Dynasten.

Nach dem Siege Caesars, dem er feindlich gegenuebergestanden hatte und den er

auch durch die gegen Pharnakes geleistete Hilfe nicht fuer sich zu gewinnen

vermochte, wurden ihm die mit oder ohne Einwilligung der roemischen Regierung

gewonnenen Besitzungen groesstenteils wieder entzogen; der Caesarianer

Mithradates von Pergamon, welcher von muetterlicher Seite dem galatischen

Koenigshaus entsprossen war, erhielt das meiste von dem, was Deiotarus verlor

und wurde ihm sogar in Galatien selbst an die Seite gestellt. Aber nachdem

dieser kurz darauf im Taurischen Chersones sein Ende gefunden hatte und auch

Caesar selbst nicht lange nachher ermordet worden war, setzte Deiotarus sich

ungeheissen wieder in den Besitz des Verlorenen, und da er der jedesmal im

Orient vorherrschenden roemischen Partei sich ebenso zu fuegen verstand, wie sie

rechtzeitig zu wechseln, starb er hochbejahrt im Jahre 714 (40) als Herr von

ganz Galatien. Seine Nachkommen wurden mit einer kleinen Herrschaft in

Paphlagonien abgefunden; sein Reich, noch erweitert gegen Sueden hin durch

Lykaonien und alles Land bis zur pamphylischen Kueste, kam, wie schon gesagt

ward, im Jahre 718 (36) durch Antonius an Amyntas, welcher schon in Deiotarus'

letzten Jahren als dessen Sekretaer und Feldherr das Regiment gefuehrt zu haben

scheint und als solcher vor der Schlacht von Philippi den Uebergang von den

republikanischen Feldherrn zu den Triumvirn bewirkt hatte. Seine weiteren

Schicksale sind schon erzaehlt. An Klugheit und Tapferkeit seinem Vorgaenger

ebenbuertig, diente er erst dem Antonius, dann dem Augustus als hauptsaechliches

Werkzeug fuer die Pazifikation des noch nicht untertaenigen kleinasiatischen

Gebiets, bis er hier im Jahre 729 (25) seinen Tod fand. Mit ihm endigte das

galatische Koenigtum und verwandelte sich dasselbe in die roemische Provinz

Galatien.

Gallograeker heissen die Bewohner desselben bei den Roemern schon in der

letzten Zeit der Republik; sie sind, fuegt Livius hinzu, ein Mischvolk, wie sie

heissen, und aus der Art geschlagen. Auch musste ein guter Teil derselben von

den aelteren phrygischen Bewohnern dieser Landschaften abstammen. Mehr noch

faellt ins Gewicht, dass die eifrige Goetterverehrung in Galatien und das

dortige Priestertum mit den sakralen Institutionen der europaeischen Kelten

nichts gemein hat; nicht bloss die Grosse Mutter, deren heiliges Symbol die

Roemer der hannibalischen Zeit von den Tolistobogern erbaten und empfingen, ist

phrygischer Art, sondern auch deren Priester gehoerten zum Teil wenigstens dem

galatischen Adel an. Dennoch war noch in der roemischen Provinz in Galatien die

innere Ordnung ueberwiegend die keltische. Dass noch unter Pius in Galatien die

dem hellenischen Recht fremde strenge vaeterliche Gewalt bestand, ist ein Beweis

dafuer aus dem Kreise des Privatrechts. Auch in den oeffentlichen Verhaeltnissen

gab es in dieser Landschaft immer noch nur die drei alten Gemeinden der

Tektosagen, der Tolistoboger, der Trokmer, die wohl ihren Namen die der drei

Hauptoerter Ankyra, Pessinus und Tauion beisetzen, aber wesentlich doch nichts

sind als die wohlbekannten gallischen Gaue, die des Hauptorts ja auch nicht

entbehren. Wenn bei den Kelten Asiens die Auffassung der Gemeinde als Stadt

frueher als bei den europaeischen das Uebergewicht gewinnt ^10 und der Name

Ankyra rascher den der Tektosagen verdraengt als in Europa der Name Burdigala

den der Bituriger, dort Ankyra sogar als Vorort der gesamten Landschaft sich die

"Mutterstadt" (m/e/tropolis) nennt, so zeigt dies allerdings, wie das ja auch

nicht anders sein konnte, die Einwirkung der griechischen Nachbarschaft und den

beginnenden Assimilationsprozess, dessen einzelne Phasen zu verfolgen die uns

gebliebene oberflaechliche Kunde nicht gestattet. Die keltischen Namen halten

sich bis in die Zeit des Tiberius, nachher erscheinen sie nur vereinzelt in den

vornehmen Haeusern. Dass die Roemer seit Einrichtung der Provinz wie in Gallien

nur die lateinische, so in Galatien neben dieser nur die griechische Sprache im

Geschaeftsverkehr zuliessen, versteht sich von selbst. Wie es frueher damit

gehalten ward, wissen wir nicht, da vorroemische Schriftmaeler in dieser

Landschaft ueberhaupt nicht begegnen. Als Umgangssprache hat die keltische sich

auch in Asien mit Zaehigkeit behauptet ^11; doch gewann allmaehlich das

Griechische die Oberhand. Im vierten Jahrhundert war Ankyra eines der

Hauptzentren der griechischen Bildung; "die kleinen Staedte in dem griechischen

Galatien", sagt der bei Vortraegen fuer das gebildete Publikum grau gewordene

Literat Themistios, "koennen sich ja freilich mit Antiocheia nicht messen; aber

die Leute eignen die Bildung sich eifriger an als die richtigen Hellenen, und wo

sich der Philosophenmantel zeigt, haengen sie an ihm wie das Eisen am Magnet."

Dennoch mag bis in eben diese Zeit, namentlich jenseits des Halys bei den

offenbar viel spaeter hellenisierten Trokmern ^12, sich in den niederen Kreisen

die Volkssprache gehalten haben. Es ist schon erwaehnt worden, dass nach dem

Zeugnis des vielgewanderten Kirchenvaters Hieronymus noch am Ende des 4.

Jahrhunderts der asiatische Galater die gleiche, wenn auch verdorbene Sprache

redete, welche damals in Trier gesprochen ward. Dass als Soldaten die Galater,

wenn sie auch mit den Okzidentalen keinen Vergleich aushielten, doch weit

brauchbarer waren als die griechischen Asiaten, dafuer zeugt sowohl die Legion,

welche Koenig Deiotarus aus seinen Untertanen nach roemischem Muster aufgestellt

hatte und die Augustus mit dem Reiche uebernahm und in die roemische Armee unter

dem bisherigen Namen einreihte, wie auch dass bei der orientalischen

Rekrutierung der Kaiserzeit die Galater ebenso vorzugsweise herangezogen wurden

wie im Okzident die Bataver ^13.

----------------------------------------------------

^10 Das beruehmte Verzeichnis der der Gemeinde Ankyra gemachten Leistungen

aus Tiberius' Zeit (CIG 4039) bezeichnet die galatischen Gemeinden gewoehnlich

mit ethnos, zuweilen mit polis. Spaeter verschwindet jene Benennung; aber in der

vollen Titulatur, zum Beispiel der Inschrift CIG 4011 aus dem zweiten

Jahrhundert, fuehrt Ankyra immer noch den Volksnamen: /e/ m/e/tropolis t/e/s

Galatias Sebast/e/ Tekt/o/sag/o/n Agkyra.

^11 Nach Pausanias (10, 36, 1) heisst bei den Galatai yper PHrygias

ph/o/n/e/ t/e/ epich/o/ri/o/ spisin die Scharlachbeere ?s; und Lukian (Alex. 51)

berichtet von den Verlegenheiten des wahrsagenden Paphlagoniers, wenn ihm

Syristi /e/ Keltisti Fragen vorgelegt wurden und nicht gleich dieser Sprache

kundige Leute zur Hand waren.

^12 Wenn in dem Anm. 10 erwaehnten Verzeichnis aus Tiberius' Zeit die

Spenden nur selten drei Voelkern, meist zwei Voelkern oder zwei Staedten gegeben

werden, so sind, wie G. Perrot (Exploration archeologique de la Galane et de la

Bithynie. Paris 1862, S. 83) richtig bemerkt, die letzteren Ankyra und Pessinus

und steht bei den Spenden hinter ihnen Tauion der Trokmer zurueck. Vielleicht

gab es damals bei diesen noch keine Ortschaft, die als Stadt gelten konnte.

^13 Auch Cicero (Att. 6, S, 3) schreibt von seiner Armee in Kilikien:

exercitum infirmum habebam, auxilia sane bona, sed ea Galatarum, Pisidarum,

Lyciorum: haec enim sunt nostra robora.

----------------------------------------------------

Den aussereuropaeischen Hellenen gehoeren ferner noch die beiden grossen

Eilande des oestlichen Mittelmeers Kreta und Kypros an sowie die zahlreichen des

Inselmeers zwischen Griechenland und Kleinasien; auch die kyrenaeische

Pentapolis an der gegenueberliegenden afrikanischen Kueste ist durch die

umliegende Wueste von dem Binnenlande so geschieden, dass sie jenen griechischen

Inseln einigermassen gleichgestellt werden kann. Indes der allgemeinen

geschichtlichen Auffassung fuegen diese Elemente der ungeheuren, unter dem

Szepter der Kaiser vereinigten Laendermasse wesentlich neue Zuege nicht hinzu.

Die kleineren Inseln, frueher und vollstaendiger hellenisiert als der Kontinent,

gehoeren ihrem Wesen nach mehr zum europaeischen Griechenland als zum

kleinasiatischen Kolonialgebiet; wie denn des hellenischen Musterstaats Rhodos

bei jenem schon mehrfach gedacht worden ist. In dieser Epoche werden die Inseln

hauptsaechlich genannt, insofern es in der Kaiserzeit ueblich ward, Maenner aus

den besseren Staenden zur Strafe nach denselben zu verbannen. Man waehlte, wo

der Fall besonders schwer war, die Klippen wie Gyaros und Donussa; aber auch

Andros, Kythnos, Amorgos, einst bluehende Zentren griechischer Kultur, waren

jetzt Strafplaetze, waehrend in Lesbos und Samos nicht selten vornehme Roemer

und selbst Glieder des kaiserlichen Hauses freiwillig laengeren Aufenthalt

nahmen. Kreta und Kypros, deren alter Hellenismus unter der persischen

Herrschaft oder auch in voelliger Isolierung die Fuehlung mit der Heimat

verloren hatte, ordneten sich, Kypros als Dependenz Aegyptens, die kretischen

Staedte autonom, in der hellenistischen und spaeter in der roemischen Epoche

nach den allgemeinen Formen der griechischen Politie. In den kyrenaeischen

Staedten ueberwog das System der Lagiden; wir finden in ihnen nicht bloss, wie

in den eigentlich griechischen, die hellenischen Buerger und Metoeken, sondern

es stehen neben beiden, wie in Alexandreia die Aegypter, die "Bauern", das

heisst die eingeborenen Afrikaner, und unter den Metoeken bilden, wie ebenfalls

in Alexandreia, die Juden eine zahlreiche und privilegierte Klasse.

Den Griechen insgemein hat auch das roemische Kaiserregiment niemals eine

Vertretung gewaehrt. Die augustische Amphiktyonie beschraenkte sich, wie wir

sahen, auf die Hellenen in Achaia, Epirus und Makedonien. Wenn die hadrianischen

Panhellenen in Athen sich als die Vertretung der saemtlichen Hellenen gerierten,

so haben sie doch in die uebrigen griechischen Provinzen nur insofern

uebergegriffen, als sie einzelnen Staedten in Asia sozusagen das Ehren-

Hellenentum dekretierten; und dass sie dies taten, zeigt erst recht, dass die

auswaertigen Griechengemeinden in jene Panhellenen keineswegs einbegriffen sind.

Wenn in Kleinasien von Vertretung oder Vertretern der Hellenen die Rede ist, so

ist damit in den vollstaendig hellenisch geordneten Provinzen Asia und Bithynia

der Landtag und der Landtagsvorsteher dieser Provinzen gemeint, insofern diese

aus den Deputierten der zu einer jeden derselben gehoerigen Staedte hervorgehen

und diese saemtlich griechische Politien sind ^14; oder es werden in der

nichtgriechischen Provinz Galatien die neben dem galatischen Landtag stehenden

Vertreter der in Galatien verweilenden Griechen als Griechenvorsteher bezeichnet

^15.

----------------------------------------------------

^14 Beschluesse der epi t/e/s Asias Ell/e/nes CIA 3487, 3957; ein Lykier

geehrt ypo to? koino? t/o/n epi t/e/s Asias Ell/e/n/o/n kai ypo t/o/n en

Pamphylia pole/o/n O. Benndorf, Reisen in Lykien und Karien. Wien 1884. Bd. 1,

S. 122; Schreiben an die Hellenen in Asia CIG 3832, 3833; /o/ andres Ell/e/nes,

in der Anrede an den Landtag von Pergamon (Aristeid. or. p. 517). Ein arxas to?

koino? t/o/n en Bithynia Ell/e/n/o/n Perrot, Exploration, S. 32; Schreiben des

Kaisers Alexander an dasselbe (dig. 49, 1, 25). Dio 51, 20: tois xenois,

Ell/e/nas sphas epikalesas, eayt/o/ tina, tois men Asianois en Pergam/o/, tois

de Bithynois en Nikomedeia temenisai epetrepse.

^15 Ausser den Galatarchen (Marquardt, Staatsverwaltung. Bd. 1, S. 515)

begegnen uns in Galatien noch unter Hadrian Helladarchen (BCH 7, 1883, S. 18),

welche hier nur gefasst werden koennen wie die Hellenarchen in Tanais.

Römische Geschichte — Buch 8 · 第 34 / 73 段