dem Fuersten den naechsten Beschuetzer, nicht den Landesherrn; sie hat auch in
der Kaiserzeit als freie Stadt niemals weder mit Koenigs- noch mit
Kaiserstempeln gepraegt. Auf dem Kontinent stand nicht einmal die Stadt, welche
die Griechen Tanais nennen, ein lebhaftes Emporium an der Muendung des Don, aber
schwerlich eine griechische Gruendung, dauernd unter der Botmaessigkeit der
roemischen Lehnsfuersten ^69. Von den mehr oder minder barbarischen Staemmen auf
der Halbinsel selbst und an der europaeischen und asiatischen Kueste suedlich
vom Tanais befanden sich wohl nur die naechsten in festem
Abhaengigkeitsverhaeltnis ^70.
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^66 Die letzte bosporanische Muenze ist vom Jahre 631 der
Archaemenidenaera, 335 n. Chr.; sicher haengt dies zusammen mit der eben in
dieses Jahr fallenden Einsetzung des Neffen Konstantins L, Hanniballianus, zum
"Koenig", obwohl dies Koenigtum hauptsaechlich das oestliche Kleinasien umfasste
und zur Residenz Caesa rea in Kappadokien hatte. Nachdem in der blutigen
Katastrophe nach Konstantins Tode dieser Koenig und sein Koenigtum zugrunde
gegangen war, steht der Bosporus unmittelbar unter Konstantinopel.
^67 Noch im Jahre 366 war der Bosporus in roemischem Besitz (Amm. 26, 10,
6); bald nachher muessen die Griechen am Nordufer des Schwarzen Meeres sich
selbst ueberlassen worden sein, bis dann Justinian die Halbinsel wieder besetzte
(Prok. Goth. 4, 5). In der Zwischenzeit ging Pantikapaeon in den Hunnenstuermen
zugrunde.
^68 Die Muenzen der Stadt Chersonesos aus der Kaiserzeit haben die
Aufschrift CHerson/e/soy eleytheras, einmal sogar basileyo?s/e/s, und weder
Koenigs- noch Kaisernamen oder Kopf (A. v. Sauet in Zeitschrift fuer Numismatik
1, 1874, S. 27; 4, 1877, S. 273). Die Unabhaengigkeit der Stadt dokumentiert
sich auch darin, dass sie nicht minder als die Koenige des Bosporus in Gold
muenzt. Da die Aera der Stadt richtig auf das Jahr 36 v. Chr. bestimmt scheint
(CIG 8621), in welchem ihr, vermutlich von Antonius, die Freiheit verliehen
ward, so ist die vom Jahre 109 datierte Goldmuenze der "regierenden Stadt" im
Jahre 75 n. Chr. geschlagen.
^69 Nach Strabons Darstellung (11, 2, 11, p. 495) stehen die Herren von
Tanais selbstaendig neben denen von Pantikapaeon und haengen die Staemme
suedlich vom Don bald von diesen, bald von jenen ab; wenn er hinzufuegt, dass
manche der pantikapaeischen Fuersten bis zum Tanais geboten, und namentlich die
letzten, Pharnakes, Asandros, Polemon, so scheint dies mehr Ausnahme als Regel.
In der Anm. 70 angefuehrten Inschrift stehen die Tanaiten unter den
untertaenigen Staemmen und eine Reihe von tanaitischen Inschriften bestaetigen
dies fuer die Zeit von Marcus bis Gordian; aber die Ell/e/nes kai Tanaeitai
neben den archantes Tanaeit/o/n und den oefter genannten Ell/e/narchai
bestaetigen, dass die Stadt auch damals eine nicht griechische blieb.
^70 In der einzigen lebendigen Erzaehlung aus der bosporanischen
Geschichte, die wir besitzen, der des Tacitus (arm. 12, 15-21) von den beiden
rivalisierenden Bruedern Mithradates und Kotys, stehen die benachbarten Staemme,
die Dandariden Shaker, Aorser unter eigenen, von dem roemischen Fuersten von
Pantikapaeon nicht rechtlich abhaengigen Herren.
In der Titulatur pflegen die aelteren pantikapaeischen Fuersten sich
Archonten des Bosporus, das heisst von Pantikapaeon, und von Theudosia und
Koenige der Sinder und saemtlicher Maiter und anderer nicht griechischer
Voelkerschaften zu nennen. Ebenso nennt die meines Wissens unter den
Koenigsinschriften der roemischen Epoche aelteste den Aspurgos, Sohn des
Asandrochos (Stephani, Comptes rendus de la commission pour 1866, S. 128)
basile?onta pantos Bosporoy. THeodosi/e/s kai Sind/o/n kai Mait/o/n kai
Toret/o/n PS/e/s/o/n te kai Tanaeit/o/n. TH/e/ostasanta Sk?thas kai Tayro?s. Auf
den Umfang des Gebietes wird aus der vereinfachten Titulatur kein Schluss
gezogen werden duerfen.
In den Inschriften der spaeteren Zeit findet sich einmal unter Traian die
wohl adulatorische Titulatur basile?s basile/o/n megas to? pantos Bosporoy(CIG
2123). Die Muenzen kennen ueberhaupt von Asandros an keinen Titel als basile?s,
waehrend doch Pharnakes sich basile?s basile/o/n megas nennt. Ohne Zweifel ist
dies Einwirkung der roemischen Suzeraenitaet, mit der sich ein ueber andere
Fuersten gesetzter Lehnsfuerst nicht recht vertrug.
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Das Gebiet von Pantikapaeon war zu ausgedehnt und besonders fuer den
kaufmaennischen Verkehr zu wichtig, um, wie Olbia und Tyra, der Verwaltung
wechselnder Gemeindebeamten und eines weit entfernten Statthalters ueberlassen
zu werden; deshalb wurde es erblichen Fuersten anvertraut, was weiter sich
dadurch empfahl, dass es nicht geraten scheinen mochte, die mit dieser
Landschaft verknuepften Verhaeltnisse zu den Umwohnern unmittelbar auf das Reich
zu uebertragen. Als Griechenfuersten haben die des bosporanischen Hauses, trotz
ihres achaemenidischen Stammbaumes und ihrer achaemenidischen Jahreszaehlung,
sich durchaus empfunden und ihren Ursprung, nach gut hellenischer Art, auf
Herakles und die Eumolpiden zurueckgefuehrt. Die Abhaengigkeit dieser Griechen
von Rom, der koeniglichen in Pantikapaeon wie der republikanischen in
Chersonesos, war durch die Natur der Dinge gegeben, und nie haben sie daran
gedacht, gegen den schuetzenden Arm des Reiches sich aufzulehnen; wenn einmal
unter Kaiser Claudius die roemischen Truppen gegen einen unbotmaessigen Fuersten
des Bosporus marschieren mussten ^71, so hat dagegen diese Landschaft selbst in
der entsetzlichen Verwirrung in der Mitte des 3. Jahrhunderts, welche
vorzugsweise sie traf, von dem Reich, auch von dem zerfallenden, niemals
gelassen ^72. Die wohlhabenden Kaufstaedte, inmitten eines barbarischen
Voelkergewoges militaerischen Schutzes dauernd beduerftig, hielten an Rom wie
die Vorposten an dem Hauptheer. Die Besatzung ist wohl hauptsaechlich in dem
Lande selbst aufgestellt worden, und sie zu schaffen und zu fuehren, war ohne
Zweifel die Hauptaufgabe des Koenigs des Bosporus. Die Muenzen, welche wegen der
Investitur eines solchen geschlagen wurden, zeigen wohl den kurulischen Sessel
und die sonstigen bei solcher Belehnung ueblichen Ehrengeschenke, aber daneben
auch Schild, Helm, Degen, Streitaxt und das Schlachtross; es war kein
Friedensamt, das dieser Fuerst ueberkam. Auch blieb der erste derselben, den
Augustus bestellte, im Kampf mit den Barbaren, und von seinen Nachfolgern stritt
zum Beispiel Koenig Sauromates, des Rhoemetalkes Sohn, in den ersten Jahren des
Severus mit den Sirakern und den Skythen - vielleicht nicht ganz ohne Grund hat
er seine Muenzen mit den Taten des Herakles bezeichnet. Auch zur See hatte er
taetig zu sein, vor allem das auf dem Schwarzen Meer nie aufhoerende
Piratenwesen niederzuhalten: jenem Sauromates wird gleichfalls nachgeruehmt,
dass er die Taurier zur Ordnung gebracht und die Piraterie gebaendigt habe.
Indes lagen auf der Halbinsel auch roemische Truppen, vielleicht eine Abteilung
der pontischen Flotte, sicher ein Detachement der moesischen Armee; bei geringer
Zahl zeigte doch ihre Anwesenheit den Barbaren, dass der gefuerchtete Legionaer
auch hinter diesen Griechen stand. Noch in anderer Weise schuetzte sie das
Reich; wenigstens in spaeterer Zeit sind den Fuersten des Bosporus regelmaessig
Geldsummen aus der Reichskasse gezahlt worden, deren sie auch insofern
bedurften, als das Abkaufen der feindlichen Einfaelle durch stehende Jahrgelder
hier, in dem nicht unmittelbaren Reichslande, wahrscheinlich noch frueher
stehend geworden ist als anderswo ^73.
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^71 Es war dies der im Jahre 41 von Claudius eingesetzte Koenig
Mithradates, welcher einige Jahre spaeter abgesetzt und durch seinen Bruder
Kotys ersetzt ward; er lebte nachher in Rom und kam in den Wirren des
Vierkaiserjahres um (Plut. Galba 13 u. 15). Indes wird weder aus den Andeutungen
bei Tacitus (ann. 12, 15; vgl. Plin. nat. 6, 5, 17) noch aus dem (durch
Verwechslung der beiden Mithradates von Bosporus und von Iberien verwirrten)
Bericht bei Petrus Patricius (fr. 3) der Sachverhalt deutlich. Die
chersonesitischen Maerchen bei dem spaeten Constantinus Porphyrogenitus (de adm.
imp. c. 53) kommen natuerlich nicht in Betracht. Der boese bosporanische Koenig
Sauromates Kriskonoroy (nicht R/e/skoporoy) yios der mit den Sarmaten gegen
Kaiser Diocletianus und Constantius sowie gegen das reichstreue Cherson Krieg
fuehrt, ist offenbar hervorgegangen aus einer Verwirrung des bosporanischen
Koenigs- und des Volksnamens und geradeso historisch wie die Variation auf die
Geschichte von David und Goliath, die Erlegung des gewaltigen Koenigs der
Bosporaner Sauromates durch den kleinen Chersonesiten Pharnakos. Die
Koenigsnamen allein, zum Beispiel ausser den genannten der nach dem Erloeschen
des Geschlechts der Sauromaten eintretende Asandros, genuegen. Die staedtischen
Privilegien und die Oertlichkeiten der Stadt, zu deren Erklaerung diese
Mirabilien erfunden sind, verdienen allerdings Beachtung.
^72 Es gibt keine bosporanischen Gold- oder Pseudogoldmuenzen ohne den
roemischen Kaiserkopf, und es ist dies immer der des vom roemischen Senat
anerkannten Herrschers. Dass in den Jahren 263 und 265, wo im Reiche sonst nach
Valerians Gefangennehmung Gallienus offiziell als Alleinherrscher galt, hier
zwei Koepfe auf den Muenzen erscheinen, ist vielleicht nur Unkunde; doch mag der
Bosporus damals unter den vielen Praetendenten eine andere Wahl getroffen haben.
Die Namen werden in dieser Zeit nicht beigesetzt und die Bildnisse sind nicht
sicher zu unterscheiden.
^73 Dies wird man dem Skythen Toxaris in dem unter den lukianischen
stehenden Dialog (c. 44) glauben duerfen; im uebrigen erzaehlt er nicht bloss
m?thois omoia, sondern eben einen Mythos, dessen Koenige Leukanor und Eubiotos
die Muenzen begreiflicherweise nicht kennen.
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Dass die Zentralisierung des Regiments auch diesem Fuersten gegenueber zur
Anwendung kam und er nicht viel anders zu dem roemischen Caesar stand wie der
Buergermeister von Athen, tritt vielfach hervor; Erwaehnung verdient, dass
Koenig Asandros und die Koenigin Dynamis Goldmuenzen mit ihrem Namen und ihrem
Bildnis schlugen, dagegen dem Koenig Polemon und seinen naechsten Nachfolgern
wohl die Goldpraegung blieb, da dieses Gebiet sowie die anwohnenden Barbaren
seit langem ausschliesslich an Goldcourant gewoehnt waren, aber sie veranlasst
wurden, ihre Goldstuecke mit dem Namen und dem Bilde des regierenden Kaisers zu
versehen. Ebenfalls seit Polemon ist der Fuerst dieses Landes zugleich der
Oberpriester auf Lebenszeit des Kaisers und des kaiserlichen Hauses. Im uebrigen
behielten die Verwaltung und das Hofwesen die unter Mithradates eingefuehrten
Formen nach dem Muster des persischen Grosskoenigtums, obwohl der
Geheimschreiber (archigrammate?s) und der Oberkammerdiener
(archikoit/o/neit/e/s) des Hofes von Pantikapaeon zu den vornehmen Hofbeamten
der Grosskoenige sich verhielten wie der Roemerfeind Mithradates Eupator zu
seinem Nachkommen Tiberius Iulius Eupator, der wegen seines Anrechts an die
bosporanische Krone in Rom vor Kaiser Pius Recht nahm.
Wertvoll blieb dieses nordische Griechenland fuer das Reich wegen der
Handelsbeziehungen. Wenn auch dieselben in dieser Epoche wohl weniger bedeuteten
als in aelterer Zeit ^74, so ist doch der Kaufmannsverkehr sehr rege geblieben.
In der augustischen Zeit brachten die Staemme der Steppe Sklaven ^75 und Felle,
die Kaufleute der Zivilisation Bekleidungsstuecke, Wein und andere Luxusartikel
nach Tanais; in noch hoeherem Masse war Phanagoria die Niederlage fuer den
Export der Einheimischen, Pantikapaeon fuer den Import der Griechen. Jene Wirren
im Bosporus in der claudischen Zeit waren fuer die Kaufleute von Byzanz ein
schwerer Schlag. Dass die Goten ihre Piratenfahrten im dritten Jahrhundert damit
begannen, die bosporanischen Reeder zu unfreiwilliger Hilfeleistung zu pressen,
wurde schon erwaehnt. Wohl infolge dieses, den barbarischen Nachbarn selbst
unentbehrlichen Verkehrs haben die Buerger von Chersonesos noch nach dem
Wegziehen der roemischen Besatzungen sich behauptet und konnten spaeterhin, als
in justinianischer Zeit die Macht des Reiches sich auch nach dieser Richtung hin
noch einmal geltend machte, als Griechen in das griechische Reich zuruecktreten.
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^74 In Betreff der Getreideausfuhr verdient die Notiz in dem Bericht des
Plautius Beachtung.
^75 Auch aus dem Erbieten, einer von den roemischen Truppen bedraengten
Ortschaft der Siraker (am Asowschen Meer) 10000 Sklaven zu liefern (Tac. ann.
12, 17), wird auf einen lebhaften Sklavenimport aus diesen Gegenden geschlossen
werden duerfen.
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8. Kapitel
Kleinasien
Die grosse Halbinsel, welche die drei Meere, das Schwarze, das Aegaeische
und Mittellaendische, an drei Seiten bespuelen, und die gegen Osten mit dem
eigentlichen asiatischen Kontinent zusammenhaengt, wird, insoweit sie zum
Grenzgebiet des Reiches gehoert, in dem naechsten, das Euphratgebiet und die
roemisch-parthischen Beziehungen behandelnden Abschnitt betrachtet werden. Hier
sollen die Friedensverhaeltnisse namentlich der westlichen Landschaften unter
dem Kaiserregiment dargelegt werden.
Die urspruengliche oder doch vorgriechische Bevoelkerung dieser weiten
Strecke hat sich vielerorts in bedeutendem Umfang bis in die Kaiserzeit hinein
behauptet. Dem frueher eroerterten thrakischen Stamme hat sicher der groesste
Teil von Bithynien gehoert; Phrygien, Lydien, Kilikien, Kappadokien zeigen sehr
mannigfaltige und schwer zu loesende Ueberreste aelterer Sprachepochen, die
vielfach in die roemische Zeit hinabreichen; fremdartige Goetter-, Menschen- und
Ortsnamen begegnen ueberall. Aber so weit unser Blick reicht, dem freilich das
tiefere Eindringen hier selten gewaehrt ist, erscheinen diese Elemente nur
weichend und schwindend, wesentlich als Negation der Zivilisation oder, was hier
damit uns wenigstens zusammenzufallen duenkt, der Hellenisierung. Es wird am
geeigneten Platz auf einzelne Gruppen dieser Kategorie zurueckzukommen sein;
fuer die geschichtliche Entwicklung Kleinasiens in der Kaiserzeit gibt es
daselbst nur zwei aktive Nationalitaeten, die beiden zuletzt eingewanderten, in
den Anfaengen der geschichtlichen Zeit die Hellenen und waehrend der Wirren der
Diadochenzeit die Kelten.
Die Geschichte der kleinasiatischen Hellenen, soweit sie ein Teil der
roemischen ist, ist frueher dargelegt worden. In der fernen Zeit, wo die Kuesten
des Mittelmeers zuerst befahren und besiedelt wurden und die Welt anfing unter
die vorgeschrittenen Nationen auf Kosten der zurueckgebliebenen aufgeteilt zu
werden, hatte die Hochflut der hellenischen Auswanderung sich zwar ueber alle
Ufer des Mittellaendischen Meeres, aber doch nirgend hin, selbst nicht nach
Italien und Sizilien in so breitem Strom ergossen wie ueber das Inselreiche
Aegaeische Meer und die nahe, hafenreiche, liebliche Kueste Vorderasiens. Die
vorderasiatischen Griechen hatten dann selbst vor allen uebrigen sich taetig an
der weiteren Welteroberung beteiligt, von Miletos aus die Kuesten des Schwarzen
Meeres, von Phokaea und Knidos aus die der Westsee besiedeln helfen. In Asien
ergriff die hellenische Zivilisation wohl die Bewohner des Binnenlandes, die
Myser, Lydier, Karer, Lykier, und selbst die persische Grossmacht blieb von ihr
nicht unberuehrt. Aber die Hellenen selber besassen nichts als den Kuestensaum,
hoechstens mit Einschluss des unteren Laufs der groesseren Fluesse, und die
Inseln. Kontinentale Eroberung und eigene Landmacht vermochten sie hier
gegenueber den maechtigen einheimischen Fuersten nicht zu gewinnen; auch lud das
hochgelegene und grossenteils wenig kulturfaehige Binnenland Kleinasiens nicht
so wie die Kuesten zur Ansiedelung ein, und die Verbindungen dieser mit dem
Innern sind schwierig. Wesentlich in Folge dessen brachten es die asiatischen
Hellenen noch weniger als die europaeischen zur inneren Einigung und zur eigenen
Grossmacht und lernten frueh die Fuegsamkeit gegenueber den Herren des
Kontinents. Der national hellenische Gedanke kam ihnen erst von Athen; sie
wurden dessen Bundesgenossen nur nach dem Siege und blieben es nicht in der
Stunde der Gefahr. Was Athen diesen Schutzbefohlenen der Nation hatte leisten
wollen und nicht hatte leisten koennen, das vollbrachte Alexander; Hellas musste
er besiegen, Kleinasien sah in dem Eroberer nur den Befreier. Alexanders Sieg
sicherte in der Tat nicht bloss das asiatische Hellenentum, sondern oeffnete ihm
eine weite, fast ungemessene Zukunft; die Besiedelung des Kontinents, welche im
Gegensatz der bloss litoralen dieses zweite Stadium der hellenischen
Welteroberung bezeichnet, ergriff auch Kleinasien in bedeutendem Umfang. Doch
von den Knotenpunkten der neuen Staatenbildung kam keiner nach den alten
Griechenstaedten der Kueste ^1. Die neue Zeit forderte wie ueberhaupt neue
Gestaltung, so vor allem auch neue Staedte, zugleich griechische
Koenigsresidenzen und Mittelpunkte bisher ungriechischer und dem Griechentum
zuzufuehrender Bevoelkerungen. Die grosse staatliche Entwicklung bewegt sich um
die Staedte koeniglicher Gruendung und koeniglichen Namens, Thessalonike,
Antiocheia, Alexandreia. Mit ihren Herren hatten die Roemer zu ringen; den
Besitz Kleinasiens gewannen sie fast durchaus, wie man von Verwandten oder
Freunden ein Landgut erwirbt, durch Vermaechtnis im Testament; und wie schwer
auf den also gewonnenen Landschaften zeitweise das roemische Regiment gelastet
hat, der Stachel der Fremdherrschaft trat hier nicht hinzu. Eine nationale
Opposition hat wohl der Achaemenide Mithradates den Roemern in Kleinasien
entgegengestellt und das roemische Missregiment die Hellenen in seine Arme
getrieben; aber diese selbst haben nie etwas Aehnliches unternommen. Darum ist
von diesem grossen, reichen, wichtigen Besitz in politischer Hinsicht wenig zu
berichten; um so weniger, als in betreff der nationalen Beziehungen der Hellenen
ueberhaupt zu den Roemern das in dem vorhergehenden Abschnitt Bemerkte
wesentlich auch fuer die kleinasiatischen Geltung hat.
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^1 Haette der Staat des Lysimachos Bestand gehabt, so waere es wohl anders
gekommen. Seine Gruendungen Alexandreia in der Troas und Lysimacheia, Ephesos-
Arsinoe, verstaerkt durch die Uebersiedelung der Bewohner von Kolophon und
Lebedos, liegen in der bezeichneten Richtung.
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Die roemische Verwaltung Kleinasiens wurde nie in systematischer Weise
geordnet, sondern die einzelnen Gebiete so, wie sie zum Reich kamen, ohne
wesentliche Veraenderung der Grenzen als roemische Verwaltungsbezirke
eingerichtet. Die Staaten, welche Koenig Attalos III. von Pergamon den Roemern
vermacht hatte, bilden die Provinz Asia; die ebenfalls durch Erbgang ihnen
zugefallenen des Koenigs Nikomedes die Provinz Bithynien; das dem Mithradates
Eupator abgenommene Gebiet die mit Bithynien vereinigte Provinz Pontus. Kreta
wurde bei Gelegenheit des grossen Piratenkrieges von den Roemern besetzt;
Kyrene, das gleich hier mit erwaehnt werden mag, nach dem letzten Willen seines
Herrschers von ihnen uebernommen. Derselbe Rechtstitel gab der Republik die
Insel Kypros; hinzu kam hier die notwendige Unterdrueckung der Piraterie. Diese
hatte auch zu der Bildung der Statthalterschaft Kilikien den Grund gelegt;
vollstaendig kam das Land an Rom durch Pompeius mit Syrien zugleich, und beide
sind waehrend des ersten Jahrhunderts gemeinschaftlich verwaltet worden. All
dieser Laenderbesitz war bereits von der Republik erworben. In der Kaiserzeit
traten eine Anzahl Gebiete hinzu, welche frueher nur mittelbar zum Reich gehoert
hatten: im Jahre 729 (25) das Koenigreich Galatien, mit welchem ein Teil
Phrygiens, Lykaonien, Pisidien, Pamphylien vereinigt worden war; im Jahre 747
(7) die Herrschaft des Koenigs Deiotarus, Kastors Sohn, welche Gangra in
Paphlagonien und wahrscheinlich auch Amaseia und andere benachbarte Orte
umfasste; im Jahre 17 n. Chr. das Koenigreich Kappadokien; im Jahre 43 das
Gebiet der Konfoederation der lykischen Staedte; im Jahre 63 das nordoestliche
Kleinasien vom Tal des Iris bis zur armenischen Grenze; Klein-Armenien und
einige kleinere Fuerstentuemer in Kilikien wahrscheinlich durch Vespasian. Damit
war die unmittelbare Reichsverwaltung in ganz Kleinasien durchgefuehrt.
Lehnsfuerstentuemer blieben nur der taurische Bosporus, von. dem schon die Rede
war, und Gross-Armenien, von dem der naechste Abschnitt handeln wird.
Als bei dem Eintreten des Kaiserregiments die administrative Scheidung
zwischen ihm und dem des Reichsrats getroffen ward, kam das gesamte
kleinasiatische Gebiet, so weit es damals unmittelbar unter dem Reiche stand, an
den letzteren; die Insel Kypros, die anfangs unter kaiserliche Verwaltung
gelangt war, ging ebenfalls wenige Jahre spaeter an den Senat ueber. So
entstanden hier die vier senatorischen Statthalterschaften Asia, Bithynia und
Pontus, Kypros, Kreta und Kyrene. Unter kaiserlicher Verwaltung stand anfangs
nur Kilikien als Teil der syrischen Provinz. Aber die spaeter in unmittelbare
Reichsverwaltung gelangten Gebiete wurden hier wie im ganzen Reich unter
kaiserliche Statthalter gelegt; so ward noch unter Augustus aus den
binnenlaendischen Landschaften des Galatischen Reiches die Provinz Galatien
gebildet und die Kuestenlandschaft Pamphylien einem anderen Statthalter
ueberwiesen, welchem letzteren unter Claudius weiter Lykien unterstellt ward.
Ferner ward Kappadokien kaiserliche Statthalterschaft unter Tiberius. Auch blieb
natuerlich Kilikien, als es eigene Statthalter erhielt, unter kaiserlicher
Verwaltung. Abgesehen davon, dass Hadrian die wichtige Provinz Bithynien und
Pontus gegen die unbedeutende lykisch-pamphylische eintauschte, blieb diese
Ordnung in Kraft, bis gegen das Ende des 3. Jahrhunderts die senatorische
Mitverwaltung ueberhaupt bis auf geringe Ueberreste beseitigt ward. Die Grenze
ward in der ersten Kaiserzeit durchaus durch die Lehnsfuerstentuemer gebildet;
nach deren Einziehung beruehrte die Reichsgrenze, von Kyrene abgesehen, unter
allen diesen Verwaltungsbezirken nur der kappadokische, insofern diesem damals
auch die nordoestliche Grenzlandschaft bis hinauf nach Trapezunt zugeteilt war
^2; und auch diese Statthalterschaft grenzte nicht mit dem eigentlichen Ausland,
sondern im Norden mit den abhaengigen Voelkerschaften am Phasis, weiterhin mit
dem von Rechts wegen und einigermassen auch tatsaechlich zum Reiche gehoerigen
Lehnskoenigtum Armenien.
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^2 Nirgends haben die Grenzen der Lehnstaaten und selbst der Provinzen mehr
gewechselt als im nordoestlichen Kleinasien. Die unmittelbare Reichsverwaltung
trat hier fuer die Landschaften des Koenigs Polemon, wozu Zela, Neocaesarea,
Trapezus gehoerten, im Jahre 63 ein, fuer Klein-Armenien, wir wissen nicht genau
wann, wahrscheinlich im Anfang der Regierung Vespasians. Der letzte Lehnskoenig
von Klein-Armenien, dessen gedacht wird, ist der Herodeer Aristobulos (Tac. ann.