Stadtverfassung im Binnenland einzufuehren, zuerst fuer die Landeshauptstadt
Philippopolis. Unter Traianus erhielten eine Reihe anderer thrakischer
Ortschaften das gleiche Stadtrecht: Topeiros unweit Abdera, Nikopolis am Nestos,
Plotinopolis am Hebros, Pautalia bei Koestendil, Serdica jetzt Sofia, Augusta
Traiana bei Alt-Zagora, ein zweites Nikopolis am noerdlichen Abhang des Haemus
^59 ausserdem an der Kueste Traianopolis an der Hebrosmuendung; ferner unter
Hadrian Adrianopolis, das heutige Adrianopel. Alle diese Staedte waren nicht
Kolonien von Auslaendern, sondern nach dem von Augustus in dem epirotischen
Nikopolis aufgestellten Muster zusammengefasste, griechisch organisierte
Poliden; es war eine Zivilisierung und Hellenisierung der Provinz von oben
herab. Ein thrakischer Landtag bestand seitdem in Philippopolis ebenso wie in
den eigentlich griechischen Landschaften. Dieser letzte Trieb des Hellenismus
ist nicht der schwaechste. Das Land ist reich und anmutig - eine Muenze der
Stadt Pautalia preist den vierfachen Segen der Aehren, der Trauben, des Silbers
und des Goldes; und Philippopolis sowie das schoene Tal der Tundja sind die
Heimat der Rosenzucht und des Rosenoels - und die Kraft des thrakischen Schlages
war nicht gebrochen. Es entwickelte sich hier eine dichte und wohlhabende
Bevoelkerung; der starken Aushebung in Thrakien wurde schon gedacht und in der
Taetigkeit der staedtischen Muenzstaetten stehen fuer diese Epoche wenige
Gebiete Thrakien gleich. Als Philippopolis im Jahre 251 den Goten erlag, soll es
hunderttausend Einwohner gezaehlt haben. Auch die energische Parteinahme der
Byzantier fuer den Kaiser des griechischen Ostens, Pescennius Niger, und der
mehrjaehrige Widerstand, den die Stadt noch nach dessen Untergang dem Sieger
entgegenstellte, zeigen die Mittel und den Mut dieser thrakischen Staedter. Wenn
die Byzantier auch hier unterlagen und sogar eine Zeitlang ihr Stadtrecht
einbuessten, so sollte bald die durch den Aufschwung des thrakischen Landes sich
vorbereitende Zeit eintreten, wo Byzantion das neue hellenische Rom und die
Hauptresidenz des umgewandelten Reiches ward.
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^56 Dies verbuergt das Fehlen von Muenzen der thrakischen Binnenstaedte,
welche nach Metall und Stil in die aeltere Zeit gesetzt werden koennten. Dass
eine Anzahl thrakischer, besonders odrysischer Fuersten zum Teil schon in recht
frueher Zeit gepraegt haben, beweist nur, dass sie ueber Kuestenplaetze mit
griechischer oder halbgriechischer Bevoelkerung geboten. Ebenso wird auch zu
urteilen sein ueber die ganz vereinzelt stehenden Tetradrachmen der "Thraker"
(A. v. Sallet in Zeitschrift fuer Numismatik 3, 1876, S. 241).
Auch die im thrakischen Binnenland gefundenen Inschriften sind durchgaengig
aus roemischer Zeit. Das in Bessapara, jetzt Tatar Bazardjik, westlich von
Philippopolis, von Dumont (Inscriptions de la Thrace, S. 7) gefundene Dekret
einer nicht genannten Stadt wird freilich in gute makedonische Zeit gesetzt,
aber nur nach dem Charakter der Schrift, welcher vielleicht truegt.
^57 Die fuenfzig Strategien Thrakiens (Plin. nat. 4,11, 40; Ptol. geogr. 3,
11, 6) sind nicht Militaerbezirke, sondern, wie dies namentlich bei Ptolemaeos
deutlich hervortritt, Landkreise, die sich mit den Staemmen decken
(strat/e/gi/e/ Maidik/e/, Bessik/e/ u.s.w.) und Gegensatz zu den Staedten
bilden. Die Bezeichnung strat/e/gos hat, ebenso wie praetor, ihren urspruenglich
militaerischen Wert spaeter eingebuesst. Hier liegt wohl zunaechst die Analogie
von Aegypten zu Grunde, das ebenso in Stadtgebiete unter staedtischen
Magistraten und in Landkreise unter Strategen zerfiel. Ein strat/e/gos peri
Perinthon aus roemischer Zeit: Eph. epigr. II, p. 252.
^58 In Deultus, der colonia Flavia Pacis Deultensium, wurden Veteranen der
8. Legion versorgt (CIL VI, 3828). Flaviopolis auf dem Chersones, das alte
Coela, ist gewiss nicht Kolonie gewesen (Plin, nat. 4, 11, 47), sondern gehoert
zu der eigenartigen Ansiedelung des Kaisergesindes auf diesem Domanialbesitz
(Eph. epigr. V, p. 82).
^59 Diese Stadt Nikopolis /e/ peri Aim/o/n des Ptolemaeos (geogr. 3, 11,
7), Nikopolis pros Istron der Muenzen, das heutige Nikup an der Jantra, gehoert
geographisch zu Untermoesien und, wie die Statthalternamen der Muenzen zeigen,
seit Severus auch administrativ; aber nicht bloss fuehrt Ptolemaeos es bei
Thrakien auf, sondern die Fundorte der hadrianischen Terminalsteine (CIL III,
736, vgl. p. 992) scheinen es ebenfalls zu Thrakien zu stellen. Da diese
griechische Binnenstadt weder zu den lateinischen Stadtgemeinden Untermoesiens
noch zu dem koinon des moesischen Pontus passte, ist sie bei der ersten Ordnung
der Verhaeltnisse dem koinon der Thraker zugewiesen worden. Spaeter muss sie
freilich einem oder dem andern jener moesischen Verbaende angeschlossen worden
sein.
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In der benachbarten Provinz Untermoesien hat sich, freilich in geringerem
Masse, eine aehnliche Entwicklung vollzogen. Die griechischen Kuestenstaedte,
deren Metropole wenigstens in roemischer Zeit Tomis war, wurden, wahrscheinlich
bei Konstituierung der roemischen Provinz Moesien, zusammengefasst als
"Fuenfstaedtebund des linken Ufers des Schwarzen Meeres" oder, wie er auch sich
nennt, "der Griechen", das heisst der Griechen dieser Provinz. Spaeter ist als
sechste Stadt die unweit der Kueste an der thrakischen Grenze von Traian
angelegte und gleich den thrakischen griechisch geordnete Stadt Markianopolis
diesem Bund angeschlossen worden ^60. Dass die Lagerstaedte am Donauufer und
ueberhaupt die im Binnenland von Rom ins Leben gerufenen Ortschaften nach
italischem Muster eingerichtet wurden, ist frueher bemerkt worden; Untermoesien
ist die einzige durch die Sprachgrenze durchschnittene roemische Provinz, indem
der tomitanische Staedtebund dem griechischen, die Donaustaedte wie Durostorum
und Oescus dem lateinischen Sprachgebiet angehoeren. Im uebrigen gilt von diesem
moesischen Staedtebund wesentlich das gleiche, was ueber Thrakien bemerkt ward.
Wir haben eine Schilderung von Tomis aus den letzten Jahren des Augustus,
freilich von einem dahin zur Strafe Verbannten, aber sicher im wesentlichen
getreu. Die Bevoelkerung besteht zum groesseren Teil aus Geten und Sarmaten; sie
tragen, wie die Daker auf der Traianssaeule, Pelze und Hosen, langes flatterndes
Haar und den Bart ungeschoren, erscheinen auf der Strasse zu Pferde und mit dem
Bogen bewaffnet, den Koecher auf der Schulter, das Messer im Guertel. Die
wenigen Griechen, die unter ihnen sich finden, haben die barbarische Sitte
angenommen mit Einschluss der Hosen und wissen ebensogut oder besser getisch als
griechisch sich auszudruecken; der ist verloren, der sich nicht auf getisch
verstaendlich machen kann, und kein Mensch versteht ein Wort lateinisch. Vor den
Toren hausen raeuberische Scharen der verschiedensten Voelker und ihre Pfeile
fliegen nicht selten ueber die schuetzende Stadtmauer; wer seinen Acker zu
bestellen wagt, der tut es mit Lebensgefahr, und pfluegt bewaffnet - war doch um
die Zeit von Caesars Diktatur bei dem Zuge des Burebista die Stadt den Barbaren
in die Haende gefallen und wenige Jahre, bevor jener Verbannte nach Tomis kam,
waehrend der dalmatisch-pannonischen Insurrektion ueber diese Gegend abermals
die Kriegsfurie hingebraust. Zu diesen Erzaehlungen passen die Muenzen und die
Inschriften derselben Stadt insofern wohl, als die Metropole des linkspontischen
Staedtebundes in der vorroemischen Zeit kein Silber geschlagen hat, was manche
andere dieser Staedte taten, und dass ueberhaupt Muenzen wie Inschriften aus der
Zeit vor Traian nur vereinzelt begegnen. Aber im 2. und 3. Jahrhundert ist sie
umgewandelt und kann ziemlich mit demselben Recht eine Gruendung Traians heissen
wie das ebenfalls rasch zu bedeutender Entwicklung gelangte Markianopolis. Die
frueher erwaehnte Sperrung in der Dobrudscha diente zugleich als Schutzmauer
fuer die Stadt Tomis. Hinter dieser bluten daselbst Handel und Schiffahrt auf.
Es gab in der Stadt eine Genossenschaft alexandrinischer Kaufleute mit ihrer
eigenen Serapiskapelle ^61; in munizipaler Freigebigkeit und munizipaler
Ambition steht die Stadt hinter keiner griechischen Mittelstadt zurueck;
zweisprachig ist sie auch jetzt noch, aber in der Weise, dass neben der auf den
Muenzen immer festgehaltenen griechischen Sprache hier an der Grenze der beiden
Reichssprachengebiete auch die lateinische vielfach selbst auf oeffentlichen
Denkmaelern angewendet wird.
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^60 Das koinon t/e/s Pentapole/o/s findet sich auf einer Inschrift von
Odessos (CIG 2056 c) die fueglich der frueheren Kaiserzeit angehoeren kann, die
pontische Hexapolis auf zwei Inschriften von Tomis wahrscheinlich des 2.
Jahrhunderts n. Chr. (Marquardt, Roemische Staatsverwaltung, Bd. 1, z. Aufl., S.
305; Hirschfeld in Archaeologisch-epigraphische Mittheilungen 6, 1882, S. 22).
Die Hexapolis muss auf jeden Fall und danach wahrscheinlich auch die Pentapolis,
mit den roemischen Provinzialgrenzen in Einklang gebracht werden, das heisst die
griechischen Staedte Untermoesiens in sich schliessen. Diese finden sich auch,
wenn man den sichersten Fuehrern, den Muenzen der Kaiserzeit, folgt.
Muenzstaetten (von Nikopolis abgesehen, Anm. 59) gibt es in Untermoesien sechs:
Istros, Tomis, Kallatis, Dionysopolis, Odessos und Markianopolis, und da die
letzte Stadt von Traian gegruendet ward, so erklaert sich damit zugleich die
Pentapolis. Tyra und Olbia haben schwerlich dazu gehoert; wenigstens zeigen die
zahlreichen und redseligen Denkmaeler der letzteren Stadt nirgends eine
Anknuepfung an diesen Staedtebund. Koinon t/o/n Ell/e/n/o/n heisst derselbe auf
einer Inschrift von Tomis, welche ich hier wiederhole, da sie nur in der
athenischen Pandora vom 1. Juni 1868 gedruckt ist: Agath/e/ t?ch/e/. Kata ta
doxanta t/e/ krat/e/st/e/ boyl/e/ kai t/o/ lamprotat/o/ d/e/m/o/ t/e/s
lamprotat/e/s metropole/o/s kai a toi epon?moy Pontoy Tome/o/s ton Pontarch/e/n
Preiskion Annianon arxanta toi koino? t/o/n Ell/e/n/o/n kai t/e/s metropole/o/s
t/e/n a' arch/e/n agn/o/s, kai archierasamenon, t/e/n diopl/o/n kyneg/e/si/o/n
endox/o/s philoteimian m/e/ dialiponta, alla kai boyleyt/e/n kai t/o/n
pr/o/teyont/o/n PHlabias Neas pole/o/s, kai t/e/n archiereian s?mbion ayto?
Ioylian Apolaist/e/n pas/e/s teim/e/s charein.
^61 Das zeigt die merkwuerdige Inschrift bei Allard, La Bulgarie Orientale.
Paris 1863, S. 263: THe/o/ megal/o/ Sarap{idi kai} tois synnaiois theois kai
t/o/ aytokratori T. Aili/o/ Adrian/o/ Ant/o/nein/o/ Sebast/o/ Eysebei kai M.
Ayr/e/li/o/ Oy/e/r/o/ Kaisari Karpi/o/n Anoybi/o/nos t/o/ oik/o/ Alexandre/o/n
ton b/o/mon ek t/o/n idi/o/n aneth/e/ken etoys kg' m/e/nos PHarmoythi a' epi
iere/o/n Kornoytoy to? kai Sarapi/o/nos Pol?mnoy to? kai Longeinoy. Die
Schiffergilde von Tomis begegnet mehrfach in den Inschriften der Stadt.
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Jenseits der Reichsgrenze, zwischen der Donaumuendung und der Krim, hatte
der griechische Kaufmann die Kueste wenig besiedelt; es gab hier nur zwei
namhafte griechische Staedte, beide von Miletos aus in ferner Zeit gegruendet,
Tyra an der Muendung des gleichnamigen Flusses, des heutigen Dnjestr, und Olbia
an dem Busen, in welchen der Borysthenes (Dnjepr) und der Hypanis (Bug) fallen.
Die verlorene Stellung dieser Hellenen unter den sie umdraengenden Barbaren in
der Diadochenzeit sowohl wie waehrend der Vorherrschaft der roemischen Republik
ist frueher geschildert worden. Die Kaiser brachten Hilfe. Im Jahre 56, also in
dem musterhaften Anfang der Neronischen Regierung, ist Tyra zur Provinz Moesien
gezogen worden. Von dem entfernteren Olbia besitzen wir eine Schilderung aus
traianischer Zeit ^62: die Stadt blutete noch aus ihren alten Wunden; die
elenden Mauern umschlossen gleich elende Haeuser und das damals bewohnte
Quartier fuellte einen kleinen Teil des alten ansehnlichen Stadtringes, von dem
einzelne uebriggebliebene Tuerme weit hinaus auf dem wuesten Felde standen; in
den Tempeln gab es kein Goetterbild, das nicht die Spuren der Barbarenfaeuste
trug; die Bewohner hatten ihr Hellenentum nicht vergessen, aber sie trugen und
schlugen sich nach Art der Skythen, mit denen sie taeglich im Gefecht lagen.
Ebenso oft wie mit griechischen nennen sie sich mit skythischen Namen, das
heisst mit denen der den Iraniern verwandten sarmatischen Staemme ^63; ja im
Koenigshause selbst ward Sauromates ein gewoehnlicher Name. Ihr Fortbestehen
selbst hatten diese Staedte wohl weniger der eigenen Kraft zu danken als dem
guten Willen oder vielmehr dem eigenen Interesse der Eingeborenen. Die an dieser
Kueste sitzenden Voelkerschaften waren weder imstande, den auswaertigen Handel
aus eigenen Emporien zu fuehren, noch mochten sie ihn entbehren; in den
hellenischen Kuestenstaedten kauften sie Salz, Kleidungstuecke, Wein, und die
zivilisierteren Fuersten schuetzten einigermassen die Fremden gegen die Angriffe
der eigentlichen Wilden. Die frueheren Regenten Roms muessen Bedenken getragen
haben, den schwierigen Schutz dieser entlegenen Niederlassung zu uebernehmen;
dennoch sandte Pius, als die Skythen sie wieder einmal belagerten, ihnen
roemische Hilfstruppen und zwang die Barbaren, Frieden zu bieten und Geiseln zu
stellen. Durch Severus, von dem an Olbia Muenzen mit dem Bildnis der roemischen
Herrscher schlug, muss die Stadt dem Reiche geradezu einverleibt worden sein.
Selbstverstaendlich erstreckte sich diese Annektierung nur auf die Stadtgebiete
selbst und ist nie daran gedacht worden, die barbarischen Umwohner Tyras und
Olbias unter das roemische Szepter zu bringen. Es ist schon bemerkt worden, dass
diese Staedte die ersten waren, welche, vermutlich unter Alexander ( + 235), dem
beginnenden Gotensturm erlagen.
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^62 Das stets bekriegte und oft zerstoerte Olbia erlitt nach der Angabe
Dios (Borysth. p. 75 R.) etwa 150 Jahre vor seiner Zeit das heisst etwa vor dem
Jahre 100 n. Chr., also wahrscheinlich bei dem Zug des Burebista, die letzte und
schwerste Eroberung (t/e/n teleytaian kai megist/e/n al/o/sin). Eilon de, faehrt
Dion fort, kai ta?t/e/n Getai kai tas allas tas en tois aristerois to? Pontoy
poleis mechri Apoll/o/nias (Sozopolis oder Sizebolu, die letzte namhafte
Griechenstadt an der pontischen Westkueste) othen d/e/ kai sphodra tapeina ta
pragmata katest/e/ t/o/n ta?t/e/ Ell/e/n/o/n, t/o/n men oyketi syoikistheis/o/n
pole/o/n, t/o/n de pha?l/o/s kai t/o/n pleist/o/n barbar/o/n eis aytas
syrryent/o/n. Der junge vornehme Stadtbuerger ausgepraegter ionischer
Physiognomie, dem Dion dann begegnet, welcher zahlreiche Sarmaten erschlagen
oder gefangen hat, und zwar den Phokylides nicht kennt, aber den Homer auswendig
weiss, traegt Mantel und Hosen nach Skythenart und das Messer im Gurt. Die
Stadtbuerger alle tragen langes Haar und langen Bart und nur einer beides
geschoren, was ihm als Zeichen serviler Haltung gegen die Roemer verdacht wird.
Also ein Jahrhundert spaeter sah es dort ganz so aus, wie Ovidius Tomis
schildert.
^63 Ganz gewoehnlich heisst der Vater skythisch, der Sohn griechisch, oder
auch umgekehrt; zum Beispiel verzeichnet eine unter oder nach Traian gesetzte
Inschrift von Olbia (CIG 2074) sechs Strategen: M. Ulpius Pyrrhus Sohn des
Arseuaches, Demetrios Sohn des Xessagaros, Zoilos Sohn des Arsakes, Badakes Sohn
des Radanpson, Epikrates Sohn des Koxuros, Ariston Sohn des Vargadakes.
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Wenn auf dem Kontinent im Norden des Pontus die Griechen sich nur spaerlich
angesiedelt hatten, so war die grosse, aus dieser Kueste vorspringende
Halbinsel, der Taurische Chersonesos, die heutige Krim, seit langem zum grossen
Teil in ihren Haenden. Getrennt durch die Gebirge, welche die Taurier
innehatten, waren die beiden Mittelpunkte der griechischen Niederlassung auf ihr
am westlichen Ende die dorische freie Stadt Herakleia oder Chersonesos
(Sevastopol), am oestlichen das Fuerstenrum von Pantikapaeon oder Bosporus
(Kertsch). Koenig Mithradates hatte auf der Hoehe seiner Macht beide vereinigt
und hier sich ein zweites Nordreich gegruendet, das dann nach dem Zusammenbruch
seiner Herrschaft als einziger Ueberrest derselben seinem Sohn und Moerder
Pharnakes verblieb. Als dieser waehrend des Krieges zwischen Caesar und Pompeius
versuchte, die vaeterliche Herrschaft in Kleinasien wieder zu gewinnen, hatte
Caesar ihn besiegt und ihn auch des Bosporanischen Reiches verlustig erklaert.
In diesem hatte inzwischen der von Pharnakes daselbst zurueckgelassene
Statthalter Asandros dem Koenig den Gehorsam aufgekuendigt, in der Hoffnung,
durch diesen Caesar erwiesenen Dienst selbst das Koenigtum zu erlangen. Als
Pharnakes nach der Niederlage in sein Bosporanisches Reich zurueckkam,
bemaechtigte er zwar zunaechst sich wieder seiner Hauptstadt, unterlag aber
schliesslich und fiel tapfer fechtend in der letzten Schlacht, als Soldat
wenigstens seinem Vater nicht ungleich. Um die Nachfolge stritten Asandros, der
tatsaechlich Herr des Landes war, und Mithradates von Pergamon, ein tuechtiger
Offizier Caesars, den dieser mit dem bosporanischen Fuerstenrum belehnt hatte;
beide suchten zugleich Anlehnung an die bisher im Bosporus herrschende Dynastie
und den grossen Mithradates, indem Asandros sich mit der Tochter des Pharnakes,
Dynamis, vermaehlte, Mithradates, einem pergamenischen Buergerhaus entsprossen,
ein Bastardsohn des grossen Mithradates Eupator zu sein behauptete, sei es nun,
dass dieses Gerede die Auswahl bestimmte, sei es, dass es zur Rechtfertigung der
Auswahl in Umlauf gesetzt ward. Da Caesar selbst zunaechst durch wichtigere
Aufgaben in Anspruch genommen war, so entschieden zwischen dem legitimen und dem
illegitimen Caesarianer die Waffen, und zwar wieder zu Gunsten des letzteren;
Mithradates fiel im Gefecht und Asandros blieb Herr im Bosporus. Er vermied es
anfaenglich, ohne Zweifel, weil ihm die Bestaetigung des Lehnsherrn fehlte, sich
den Koenigsnamen beizulegen, und begnuegte sich mit dem auch von den aelteren
Fuersten von Pantikapaeon gefuehrten Archontentitel; aber bald, wahrscheinlich
noch von Caesar selbst, erwirkte er die Bestaetigung seiner Herrschaft und den
koeniglichen Titel ^64. Bei seinem Tode (737/38 17/16) hinterliess er sein Reich
der Gemahlin Dynamis. So stark war immer noch die Macht der Erbfolge und des
Mithradatischen Namens, dass sowohl ein gewisser Scribonianus, der zunaechst
Asandros' Stelle einzunehmen versuchte, wie nach ihm der Koenig Polemon von
Pontus, dem Augustus das Bosporanische Reich zusprach, mit der Uebernahme der
Herrschaft ein Ehebuendnis mit der Dynamis verbanden; ueberdies behauptete
jener, selber ein Enkel des Mithradates zu sein, waehrend Koenig Polemon bald
nach dem Tode der Dynamis eine Enkelin des Antonius und somit eine Verwandte des
Kaiserhauses heiratete. Nach seinem fruehen Tode - er fiel im Kampfe gegen die
Aspurgianer an der asiatischen Kueste - folgten seine unmuendigen Kinder ihm
nicht und auch seinem gleichnamigen Enkel, den Kaiser Gaius trotz seines
Knabenalters im Jahre 38 in die beiden Fuerstenroemer seines Vaters wieder
einsetzte, blieb das bosporanische nicht lange. An seiner Stelle berief Kaiser
Claudius einen wirklichen oder angeblichen Nachkommen des Mithradates Eupator,
und diesem Hause ist, wie es scheint, das Fuerstenrum von da an verblieben ^65.
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^64 Da Asandros sein Archontat wahrscheinlich schon von seinem Abfall von
Pharnakes, also vom Sommer des Jahres 707 (47) gezaehlt hat und bereits im
vierten Jahre seiner Regierung den Koenigstitel annimmt, so kann dieses Jahr
fueglich auf Herbst 709/710 (45/44) gesetzt werden, die Bestaetigung also von
Caesar erfolgt sein. Antonius kann sie nicht wohl erteilt haben, da er erst Ende
712 (42) nach Asien kam; noch weniger ist an Augustus zu denken, den Pseudo-
Lukianos (macrob. 15) nennt, Vater und Sohn verwechselnd.
^65 Mithradates den Claudius im Jahre 41 zum Koenig des Bosporus machte,
fuehrte sein Geschlecht auf Eupator zurueck (Dio 60, 8; Tac. ann. 12, 18) und
ihm folgte sein Bruder Kotys (Tac. a. a. O.). Ihr Vater heisst Aspurgos (CIG II,
p. 95), braucht aber darum kein Aspurgianer (Strab. 11, 2, 19, p. 415) gewesen
zu sein. Von einem spaeteren Dynastiewechsel wird nicht berichtet; Koenig
Eupator in Pius Zeit (Lukian. Alex. 57; vita Pii 9) weist auf das gleiche Haus.
Wahrscheinlich haben uebrigens diese spaeteren bosporanischen Koenige so wie die
uns nicht einmal dem Namen nach bekannten naechsten Nachfolger Polemons auch zu
den Polemoniden in verwandtschaftlichen Beziehungen gestanden, wie denn der
erste Polemon selbst eine Enkelin des Eupator zur Frau gehabt hatte. Die
thrakischen Koenigsnamen, wie Kotys und Rhaskuporis, die in dem bosporanischen
Koenigshaus gewoehnlich sind, knuepfen wohl an den Schwiegersohn des Polemon,
den thrakischen Koenig Kotys, an. Die Benennung Sauromates, welche seit dem Ende
des 1. Jahrhunderts haeufig auftritt, ist ohne Zweifel durch Verschwaegerung mit
sarmatischen Fuerstenhaeusern aufgekommen, beweist aber natuerlich nicht, dass
ihre Traeger selber Sarmaten waren. Wenn Zosimos (hist. 1, 31) den nach
Erloeschendes alten Koenigsgeschlechts zur Regierung gelangten geringen und
unwuerdigen Fuersten die Schuld daran zuschreibt, dass die Goten unter Valerian
auf bosporanischen Schiffen ihre Piratenzuege ausfuehren konnten, so mag das
seine Richtigkeit haben und zunaechst Phareanses gemeint sein, von dem es
Muenzen aus den Jahren 254 und 255 gibt. Aber auch diese sind mit dem Bildnis
des roemischen Kaisers bezeichnet, und spaeter finden sich wieder die alten
Geschlechtsnamen (alle bosporanischen Koenige sind Tiberii Iulii) und die alten
Beinamen wie Sauromates und Rhaskuporis. Im ganzen genommen sind die alten
Traditionen wie die roemische Schutzherrschaft auch damals hier noch
festgehalten worden.
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Waehrend im roemischen Staat sonst das Klientelfuerstentum nach dem Ausgang
der ersten Dynastie schwindet und seit Traianus das Prinzip des unmittelbaren
Regiments im ganzen Umfang des Roemischen Reiches durchgefuehrt ist, bestand das
bosporanische Koenigtum unter roemischer Oberherrschaft bis in das vierte
Jahrhundert hinein. Erst nachdem der Schwerpunkt des Reiches nach Konstantinopel
verlegt war, ging dieser Staat in das Hauptreich auf ^66, um dann bald von
diesem aufgegeben und, wenigstens zum groesseren Teil, die Beute der Hunnen zu
werden ^67. Indes ist der Bosporus der Sache nach mehr eine Stadt als ein
Koenigreich gewesen und geblieben und hat mehr Aehnlichkeit mit den
Stadtbezirken von Tyra und Olbia als mit den Koenigreichen Kappadokien und
Numidien. Auch hier haben die Roemer nur die hellenische Stadt Pantikapaeon
geschuetzt und Grenzerweiterung und Unterwerfung des Binnenlandes so wenig
erstrebt wie in Tyra und Olbia. Zu dem Gebiet des Fuersten von Pantikapaeon
gehoerten zwar die griechischen Ansiedlungen von Theudosia auf der Halbinsel
selbst und Phanagoria (Taman) auf der gegenueberliegenden asiatischen Kueste,
aber Chersonesos nicht ^68 oder nur etwa wie Athen zum Sprengel des Statthalters