mit den Roemern in gutes Einvernehmen zu setzen und womoeglich einflussreiche

Verbindungen in Rom anzuknuepfen, damit diese der Heimat zugute kommen. Freilich

warnt der rechtschaffene Mann eindringlich vor der Servilitaet; noetigenfalls

soll der Beamte mutig dem schlechten Statthalter entgegentreten, und als die

hoechste Leistung erscheint die entschlossene Vertretung der Gemeinde in solchen

Konflikten in Rom vor dem Kaiser. In bezeichnender Weise tadelt er scharf

diejenigen Griechen, die - ganz wie in den Zeiten des Achaeischen Bundes - bei

jedem oertlichen Hader die Intervention des roemischen Statthalters

herbeifuehren, und mahnt dringend, die Gemeindeangelegenheiten lieber innerhalb

der Gemeinde zu erledigen, als durch Appellation sich nicht so sehr der

Oberbehoerde, als den bei ihr taetigen Sachwaltern und Advokaten in die Haende

zu liefern. Alles dieses ist verstaendig und patriotisch, so verstaendig und so

patriotisch wie einstmals die Politik des Polybios, auf die auch ausdruecklich

hingewiesen wird. In dieser Epoche des voelligen Weltfriedens, wo es weder einen

Griechen- noch einen Barbarenkrieg irgendwo gibt, wo die staedtischen Kommandos,

die staedtischen Friedensschluesse und Buendnisse lediglich der Geschichte

angehoeren, war der Rat sehr am Platze, Marathon und Plataeae den Schulmeistern

zu ueberlassen und nicht die Koepfe der Ekklesia mit dergleichen grossen Worten

zu erhitzen, vielmehr in dem engen Kreise der noch gestatteten freien Bewegung

sich zu bescheiden. Aber die Welt gehoert nicht dem Verstande, sondern der

Leidenschaft. Der hellenische Buerger konnte auch jetzt noch gegen das Vaterland

seine Pflicht tun; aber fuer den rechten politischen, nach Grossem ringenden

Ehrgeiz, fuer die Perikleische und Alkibiadische Leidenschaft war in diesem

Hellas, vom Schreibtisch etwa abgesehen, nirgends ein Raum, und in der Luecke

wucherten die Giftkraeuter, die da, wo das hohe Streben erstickt ist, die

Menschenbrust versehren und das Menschenherz vergiften.

Darum ist Hellas auch das Mutterland der heruntergekommenen, inhaltlosen

Ambition, unter den vielen schweren Schaeden der sinkenden antiken Zivilisation

vielleicht des am meisten allgemeinen, und sicher eines der verderblichsten.

Dabei stehen in erster Reihe die Volksfeste mit ihrer Preiskonkurrenz. Die

olympischen Wettkaempfe stehen dem jugendlichen Volk der Hellenen wohl an; das

allgemeine Turnerfest der griechischen Staemme und Staedte und der nach dem

Spruch der "Hellasrichter" dem tuechtigsten Wettlaeufer aus den Zweigen des

Oelbaums geflochtene Kranz ist der unschuldige und einfache Ausdruck der

Zusammengehoerigkeit der jungen Nation. Aber die politische Entwicklung hatte

bald ueber diese Morgenroete hinausgefuehrt. Schon in den Tagen des Athenischen

Seebundes und gar erst der Alexandermonarchie war jenes Hellenenfest ein

Anachronismus, ein im Mannesalter fortgefuehrtes Kinderspiel; dass der Besitzer

jenes Oelkranzes wenigstens sich und seinen Mitbuergern als Inhaber des

nationalen Primats galt, kam ungefaehr darauf hinaus, wie wenn man in England

die Sieger der Studentenregatten mit Pitt und Beaconsfield in eine Linie stellen

wollte. Die Ausdehnung der hellenischen Nation durch Kolonisierung und

Hellenisierung fand in ihrer idealen Einheit und realen Zerfahrenheit in diesem

traumhaften Reich des Olivenkranzes ihren rechten Ausdruck; und die griechische

Realpolitik der Diadochenzeit hat sich denn auch um dasselbe, wie billig, wenig

bekuemmert. Aber als die Kaiserzeit in ihrer Weise den panhellenischen Gedanken

aufnahm und die Roemer in die Rechte und die Pflichten der Hellenen eintraten,

da blieb oder ward fuer das roemische Allhellas Olympia das rechte Symbol;

erscheint doch unter Augustus der erste roemische Olympionike, und zwar kein

geringerer als Augustus' Stiefsohn, der spaetere Kaiser Tiberius ^38. Das nicht

reinliche Ehebuendnis, welches das Allhellenentum mit dem Daemon des Spiels

einging, machte aus diesen Festen eine ebenso maechtige und dauernde wie im

allgemeinen und besonders fuer Hellas schaedliche Institution. Die gesamte

hellenische und hellenisierende Welt beteiligte sich daran, sie beschickend und

sie nachahmend; ueberall sprangen aehnliche, fuer die ganze griechische Welt

bestimmte Feste aus dem Boden und die eifrige Anteilnahme der breiten Massen,

das allgemeine Interesse fuer den einzelnen Wettkaempfer, der Stolz des Siegers

nicht bloss, sondern seines Anhangs und seiner Heimat liessen fast vergessen, um

welche Dinge eigentlich gestritten ward. Die roemische Regierung liess diesem

Wetturnen und den sonstigen Wettkaempfen nicht bloss freien Lauf, sondern

beteiligte das Reich an denselben; das Recht der feierlichen Einholung des

Siegers in seine Heimatstadt hing in der Kaiserzeit nicht von dem Belieben der

betreffenden Buergerschaft ab, sondern wurde den einzelnen Spielinstituten durch

kaiserliches Privilegium verliehen ^39 und in diesem Fall auch die dem Sieger

zustehende jaehrliche Pension (sit/e/sis) auf die Reichskasse uebernommen, die

bedeutenderen Spielinstitute also geradezu als Reichseinrichtungen behandelt.

Dieses Spielwesen erfasste wie das Reich selbst so alle Provinzen; immer aber

war das eigentliche Griechenland der ideale Mittelpunkt solcher Kaempfe und

Siege, hier ihre Heimat am Alpheios, hier der Sitz der aeltesten Nachbildungen,

der noch der grossen Zeit des hellenischen Namens angehoerigen und von ihren

klassischen Dichtern verherrlichten Pythien, Isthmien und Nemeen, nicht minder

einer Anzahl juengerer, aber reich ausgestatteter, aehnlicher Feste, der

Eurykleen, die der oben erwaehnte Herr von Sparta unter Augustus gegruendet, der

athenischen Panathenaeen, der von Hadrian mit kaiserlicher Munifizenz dotierten,

ebenfalls in Athen gefeierten Panhellenien. Man durfte sich verwundern, dass die

ganze Welt des weiten Reiches sich um diese Turnfeste zu drehen schien, aber

nicht darueber, dass an diesem seltsamen Zauberbecher vor allem die Hellenen

sich berauschten, und dass das politische Stilleben, das ihre besten Maenner

ihnen anempfahlen, durch die Kraenze und die Statuen und die Privilegien der

Festsieger in schaedlichster Weise verwirrt ward.

-------------------------------------------------

^38 Der erste roemische Olympionike, von dem wir wissen, ist Ti. Claudius

Ti. f. Nero, ohne Zweifel der spaetere Kaiser, mit dem Viergespann

(Archaeologische Zeitung 38, 1880, S. 53); es faellt dieser Sieg wahrscheinlich

Ol. 195 (n. Chr. 1), nicht Ol. 199 (n. Chr. 17), wie die Liste des Africanus

angibt (Eus. thron. 1, p. 214 Schoene). In diesem Jahre siegte vielmehr sein

Sohn Germanicus, ebenfalls mit dem Viergespann (Archaeologische Zeitung 37,

1879, S. 36). Unter den eponymen Olympioniken, den Siegern im Stadium, findet

sich kein Roemer; diese Verletzung des griechischen Nationalgefuehls scheint

vermieden worden zu sein.

^39 Ein also privilegiertes Spielinstitut heisst ag/o/n ieros, certamen

sacrum (das heisst mit Pensionierung: Dio Sl, 1) oder ag/o/n eiselastikos,

certamen iselasticum (vgl. unter anderen Plin. ep. ad Trai. 118, 119; CIL X,

515). Auch die Xystarchie wird, wenigstens in gewissen Faellen, vom Kaiser

verliehen (Dittenberger in Heymes 12, 1877, S. 17f.). Nicht mit Unrecht nennen

diese Institute sich "Weltspiele" (ag/o/n oikoymenikos).

-------------------------------------------------

Einen aehnlichen Weg gingen die staedtischen Institutionen, allerdings im

ganzen Reich, aber wiederum vorzugsweise in Hellas. Als es dort noch grosse

Ziele und einen Ehrgeiz gab, hatte in Hellas, eben wie in Rom, die Bewerbung um

die Gemeindeaemter und die Gemeindeehren den Mittelpunkt des politischen

Wetteifers gebildet und neben vielem Leeren, Laecherlichen, Boesartigen auch die

tuechtigsten und edelsten Leistungen hervorgerufen. Jetzt war der Kern

verschwunden, die Schale geblieben; in Panopeus im Phokischen standen zwar die

Haeuser ohne Dach und wohnten die Buerger in Huetten, aber es war noch eine

Stadt, ja ein Staat, und bei dem Aufzug der phokischen Gemeinden fehlten die

Panopeer nicht. Diese Staedte trieben mit ihren Aemtern und Priestertuemern, mit

den Belobigungsdekreten durch Heroldsruf und den Ehrensitzen bei den

oeffentlichen Versammlungen, mit dem Purpurgewand und dem Diadem, mit den

Statuen zu Fuss und zu Ross ein Eitelkeits- und Geldgeschaeft schlimmer als der

kleinste Duodezfuerst der neueren Zeit mit seinen Orden und Titeln. Es wird ja

auch in diesen Vorgaengen das wirkliche Verdienst und die ehrliche Dankbarkeit

nicht gefehlt haben; aber durchgaengig war es ein Handel auf Geben und Nehmen

oder, mit Plutarch zu reden, ein Geschaeft wie zwischen der Kurtisane und ihren

Kunden. Wie heutzutage die private Munifizenz im Positiv den Orden und im

Superlativ den Adel bewirkt, so verschaffte sie damals den priesterlichen Purpur

und die Bildsaeule auf dem Markt; und nicht ungestraft treibt der Staat mit

seinen Ehren Falschmuenzerei. In der Massenhaftigkeit derartiger Prozeduren und

der Roheit ihrer Formen stehen die heutigen Leistungen hinter denen der alten

Welt betraechtlich zurueck, wie natuerlich, da die durch den Staatsbegriff nicht

genuegend gebaendigte scheinhafte Autonomie der Gemeinde auf diesem Gebiet

ungehindert schaltete und die dekretierenden Behoerden durchgaengig die

Buergerschaften oder die Raete von Kleinstaedten waren. Die Folgen waren nach

beiden Seiten verderblich: die Gemeindeaemter wurden mehr nach der

Zahlungsfaehigkeit als nach der Tuechtigkeit der Bewerber vergeben; die

Schmaeuse und Spenden machten die Beschenkten nicht reicher und den Schenker

oftmals arm; an dem Zunehmen der Arbeitsscheu und dem Vermoegensverfall der

guten Familien traegt diese Unsitte ihren vollgemessenen Anteil. Auch die

Wirtschaft der Gemeinden selbst litt schwer unter dem Umsichgreifen der

Adulation. Zwar waren die Ehren, mit welchen die Gemeinde dem einzelnen

Wohltaeter dankte, grossenteils nach demselben verstaendigen Prinzip der

Billigkeit bemessen, welches heutzutage die aehnlichen dekorativen

Verguenstigungen beherrscht; und wo das nicht der Fall war, fand haeufig der

Wohltaeter sich bereit, zum Beispiel die ihm zu setzende Bildsaeule selber zu

bezahlen. Aber nicht dasselbe gilt von den Ehrenbezeugungen, welche die Gemeinde

vornehmen Auslaendern, vor allem den Statthaltern und den Kaisern wie den

Gliedern des kaiserlichen Hauses erwies. Die Richtung der Zeit auf

Wertschaetzung auch der inhaltlosen und obligaten Huldigung beherrschte den

kaiserlichen Hof und die roemischen Senatoren nicht so wie die Kreise des

kleinstaedtischen Ehrgeizes, aber doch auch in sehr fuehlbarer Weise; und

selbstverstaendlich wuchsen die Ehren und die Huldigungen einmal im Laufe der

Zeit durch die ihnen eigene Vernutzung, und ferner in demselben Mass, wie die

Geringhaltigkeit der regierenden oder an der Regierung beteiligten

Persoenlichkeiten. Begreiflicherweise war in dieser Hinsicht das Angebot immer

staerker als die Nachfrage und diejenigen, die solche Huldigungen richtig

wuerdigten, um davon verschont zu bleiben, genoetigt, sie abzuwehren, was im

einzelnen Fall oft genug ^40, aber konsequenterweise selten geschehen zu sein

scheint - fuer Tiberius darf die geringe Anzahl der ihm errichteten Bildsaeulen

vielleicht unter seinen Ruhmestiteln verzeichnet werden. Die Ausgaben fuer

Ehrendenkmaeler, die oft weit ueber die einfache Statue hinausgingen, und fuer

Ehrengesandtschaften ^41 sind ein Krebsschaden gewesen und immer mehr geworden

an dem Gemeindehaushalt aller Provinzen. Aber keine wohl hat im Verhaeltnis zu

ihrer geringen Leistungsfaehigkeit so grosse Summen unnuetz aufgewandt wie die

Provinz von Hellas, das Mutterland wie der Festsieger- so auch der Gemeindeehren

und in einem Prinzipat in dieser Zeit unuebertroffen, in dem der Bedientendemut

und untertaenigen Huldigung.

------------------------------------------

^40 Kaiser Gaius zum Beispiel verbittet sich in seinem Schreiben an den

Landtag von Achaia die "grosse Zahl" der ihm zuerkannten Bildsaeulen und

begnuegt sich mit den vier von Olympia, Nemea, Delphi und dem Isthmos (Keil,

Sylloge Inscriptionum Boeoticarum, n. 31). Derselbe Landtag beschliesst, dem

Kaiser Hadrian in jeder seiner Staedte eine Bildsaeule zu setzen, von welchen

die Basis der in Abea in Messenien aufgestellten sich erhalten hat (CIG 1307).

Kaiserliche Autorisation ist fuer solche Setzungen von jeher gefordert worden.

^41 Bei der Revision der Stadtrechnungen von Byzantion fand Plinius, dass

jaehrlich 12000 Sesterzen (2500 Mark) fuer den dem Kaiser und 3000 Sesterzen

(650 Mark) fuer den dem Statthalter von Moesien durch eine besondere Deputation

zu ueberreichenden Neujahrsglueckwunsch angesetzt waren. Plinius weist die

Behoerden an, diese Glueckwuensche fortan nur schriftlich einzusenden, was

Traian billigt (ep. ad Trai. 43, 44).

------------------------------------------

Dass die wirtschaftlichen Zustaende Griechenlands nicht guenstig waren,

braucht kaum noch besonders ausgefuehrt zu werden. Das Land, im ganzen genommen,

ist nur von maessiger Fruchtbarkeit, die Ackerfluren von beschraenkter

Ausdehnung, der Weinbau auf dem Kontinent nicht von hervorragender Bedeutung,

mehr die Kultur der Olive. Da die Brueche des beruehmten Marmors, des glaenzend

weissen attischen wie des gruenen karystischen, wie die meisten uebrigen zum

Domanialbesitz gehoerten, kam deren Ausbeutung durch die kaiserlichen Sklaven

der Bevoelkerung wenig zugute.

Die gewerbfleissigste der griechischen Landschaften war die der Achaeer, wo

die seit langem bestehende Fabrikation von Wollenstoffen sich behauptete und in

der wohlbevoelkerten Stadt Patrae zahlreiche Spinnereien den feinen elischen

Flachs zu Kleidern und Kopfnetzen verarbeiteten. Die Kunst und das Kunsthandwerk

blieben auch jetzt noch vorzugsweise den Griechen, und von den Massen besonders

pentelischen Marmors, welche die Kaiserzeit verbraucht hat, muss ein nicht

geringer Teil an Ort und Stelle verarbeitet worden sein. Ueberwiegend aber

uebten die Griechen beide im Ausland; von dem frueher so bedeutenden Export des

griechischen Kunstgewerbes ist in dieser Zeit wenig die Rede. Den regsten

Verkehr hatte die Stadt der beiden Meere, Korinth, die allen Hellenen

gemeinsame, stets von Fremden wimmelnde Metropole, wie ein Redner sie

bezeichnet. In den beiden roemischen Kolonien Korinth und Patrae, und ausserdem

in dem stets von schauenden und lernenden Auslaendern gefuellten Athen

konzentrierte sich das groessere Bankiergeschaeft der Provinz, welches in der

Kaiserzeit wie in der republikanischen zum grossen Teil in den Haenden dort

ansaessiger Italiker lag. Auch in Plaetzen zweiten Ranges, wie in Argos, Elis,

Mantineia im Peloponnes, bilden die ansaessigen roemischen Kaufleute eigene,

neben der Buergerschaft stehende Genossenschaften. Im allgemeinen lag in Achaia

Handel und Verkehr darnieder, namentlich seit Rhodos und Delos aufgehoert

hatten, Stapelplaetze fuer den Zwischenverkehr zwischen Asien und Europa zu sein

und dieser sich nach Italien gezogen hatte. Die Piraterie war gebaendigt und

auch die Landstrassen wohl leidlich sicher ^42; aber damit kehrte die alte

glueckliche Zeit noch nicht zurueck. Der Veroedung des Peiraeeus wurde schon

gedacht; es war ein Ereignis, wenn eines der grossen aegyptischen

Getreideschiffe sich einmal dorthin verirrte. Nauplia, der Hafen von Argos, nach

Patrae der bedeutendsten Kuestenstadt des Peloponnes, lag ebenso wuest ^43.

------------------------------------------------

^42 Dass die Landstrassen in Griechenland besonders unsicher gewesen seien,

erfahren wir nicht; der Aufstand in Achaia unter Pius (vita 5, 4) ist seiner Art

nach voellig dunkel. Wenn der Raeuberhauptmann ueberhaupt - nicht eben gerade

der griechische - in der geringen Literatur der Epoche eine hervorragende Rolle

spielt, so ist dies Vehikel den schlechten Romanschreibern aller Zeiten gemein.

Das euboeische Oedland des feineren Dion ist nicht ein Raeubernest, sondern es

sind die Truemmer einer grossen Gutswirtschaft, deren Inhaber seines Reichtums

wegen vom Kaiser verurteilt worden ist und die seitdem wuest liegt. Uebrigens

zeigt sich hier, was freilich wenigstens fuer Nicht-Gelehrte keines Beweises

bedarf, dass diese Geschichte gerade ebenso wahr ist wie die meisten, welche

damit anfangen, dass der Erzaehler sie selbst von dem Beteiligten habe; waere

die Konfiskation historisch, so wuerde der Besitz an den Fiskus gekommen sein,

nicht an die Stadt, welche der Erzaehler denn auch sich wohl huetet zu nennen.

^43 Des aegyptischen Kaufmanns aus Constantius Zeit naive Schilderung

Achaias mag hier noch Platz finden: "Das Land Achaia, Griechenland und Lakonien

hat viel Gelehrsamkeit, aber fuer die uebrigen Beduerfnisse ist es

unzulaenglich: denn es ist eine kleine und gebirgige Provinz und kann nicht viel

Getreide liefern, erzeugt aber etwas Oel und den attischen Honig, und kann mehr

wegen der Schulen und der Beredsamkeit gepriesen werden, nicht aber so in den

meisten uebrigen Beziehungen. Von Staedten hat es Korinth und Athen. Korinth hat

viel Handel und ein schoenes Gebaeude, das Amphitheater, Athen aber die alten

Bilder (historias antiquas) und ein erwaehnenswertes Werk, die Burg, wo viele

Bildsaeulen stehen und wunderbar die Kriegstaten der Vorfahren darstellen (ubi

multis statuis stantibus mirabile est videre dicendum antiquorum bellum).

Lakonien soll allein den Marmor von Krokeae aufzuweisen haben, den man den

lakedaemonischen nennt." Die Barbarei des Ausdrucks kommt nicht auf Rechnung des

Schreibers, sondern auf die des viel spaeteren Uebersetzers.

------------------------------------------------

Dem entspricht es, dass fuer die Strassen dieser Provinz in der Kaiserzeit

so gut wie nichts geschehen ist; roemische Meilensteine haben sich nur in der

naechsten Naehe von Patrae und von Athen gefunden und auch diese gehoeren den

Kaisern aus dem Ende des dritten und dem vierten Jahrhundert; offenbar haben die

frueheren Regierungen darauf verzichtet, hier Kommunikationen herzustellen. Nur

Hadrian unternahm es, wenigstens die so wichtige wie kurze Landverbindung

zwischen Korinth und Megara ueber den schlimmen skironischen Klippenpass durch

gewaltige, ins Meer geworfene Daemme zu einer fahrbaren Strasse zu machen.

Der seit langem verhandelte Plan, die korinthische Landenge zu

durchstechen, den der Diktator Caesar aufgefasst hatte, ist spaeterhin erst von

Kaiser Gaius, dann von Nero in Angriff genommen worden. Letzterer hat sogar bei

seinem Aufenthalt in Griechenland persoenlich zu dem Kanal den ersten Stich

getan und eine Reihe von Monaten hindurch 6000 juedische Kriegsgefangene an

demselben arbeiten lassen. Bei den in unseren Tagen wieder aufgenommenen

Durchsticharbeiten sind bedeutende Reste dieser Bauten zum Vorschein gekommen,

welche zeigen, dass die Arbeiten ziemlich weit vorgeschritten waren, als man sie

abbrach, wahrscheinlich nicht infolge der einige Zeit nachher im Westen

ausbrechenden Revolution, sondern weil man hier, eben wie bei dem aehnlichen

aegyptischen Kanal, infolge des irrigerweise vorausgesetzten verschiedenen

Hoehestandes der beiden Meere bei Vollendung des Kanals den Untergang der Insel

Aegina und weiteres Unheil befuerchtete. Freilich wuerde dieser Kanal, wenn er

vollendet worden waere, wohl den Verkehr zwischen Asien und Italien abgekuerzt

haben, aber Griechenland selbst nicht vorwiegend zugute gekommen sein.

Dass die Landschaften noerdlich von Hellas, Thessalien und Makedonien und,

wenigstens seit Traian, auch Epirus, in der Kaiserzeit administrativ von

Griechenland getrennt wurden, ist schon bemerkt worden. Von diesen hat die

kleine epirotische Provinz, die von einem kaiserlichen Statthalter zweiten

Ranges verwaltet wurde, sich niemals von der Verwuestung erholt, welche im

Verlauf des Dritten makedonischen Krieges ueber sie ergangen war. Das bergige

und arme Binnenland besass keine namhafte Stadt und eine duenn gesaete

Bevoelkerung. Die nicht minder veroedete Kueste war Augustus zu heben bemueht

durch eine doppelte Staedteanlage, durch die Vollendung der schon von Caesar

beschlossenen Kolonie roemischer Buerger in Buthrotum, Kerkyra gegenueber, die

indes zu keiner rechten Bluete gelangte, und durch die Gruendung der

griechischen Stadt Nikopolis an eben der Stelle, wo vor der Aktischen

Entscheidungsschlacht das Hauptquartier gestanden hatte, an dem suedlichsten

Punkte von Epirus, anderthalb Stunden noerdlich von Prevesa, nach Augustus'

Absicht zugleich ein dauerndes Denkmal des grossen Seesiegs und der Mittelpunkt

neu aufbluehenden hellenischen Lebens. Diese Gruendung ist in ihrer Art als

roemische neu.

An Ambrakias Statt und des amphilochischen Argos,

an Thyreions und an Anaktorions Statt,

auch an Leukas Statt und was von Staedten noch ringsum

rasend des Ares Speer weiter zu Boden gestreckt,

gruendet die Siegsstadt Caesar, die heilige, also dem Koenig

Phoebos Apollon mit ihr dankend den aktischen Sieg.

Diese Worte eines gleichzeitigen griechischen Dichters sprechen einfach

aus, was Augustus hier getan hat: das ganze umliegende Gebiet, das suedliche

Epirus, die gegenueberliegende Landschaft Akarnanien mit der Insel Leukas,

selbst einen Teil von Aetolien vereinigte er zu einem Stadtgebiet und siedelte

die in den dort vorhandenen, verkuemmernden Ortschaften noch uebrigen Bewohner

ueber nach der neuen Stadt Nikopolis, der gegenueber auf dem akarnanischen Ufer

der alte Tempel des aktischen Apollon in prachtvoller Weise erneuert und

erweitert ward. Eine roemische Stadt ist nie in dieser Weise gegruendet worden;

dies ist der Synoekismos der Alexandriden. Ganz in derselben Weise haben Koenig

Kassandros die makedonischen Staedte Thessalonike und Kassandreia, Demetrios der

Staedtebezwinger die thessalische Stadt Demetrias, Lysimachos die Stadt

Lysimacheia auf dem Thrakischen Chersones aus einer Anzahl umliegender, ihrer

Selbstaendigkeit entkleideter Ortschaften zusammengelegt. Dem griechischen

Charakter der Gruendung entsprechend sollte Nikopolis nach der Absicht seines

Stifters eine griechische Grossstadt werden ^44. Sie erhielt Freiheit und

Autonomie wie Athen und Sparta und sollte, wie bereits angegeben ward, in der

das gesamte Hellas vertretenden Amphiktyonie den fuenften Teil der Stimmen

fuehren und zwar, wie Athen, ohne mit anderen Staedten zu wechseln. Das neue

aktische Apolloheiligtum war voellig nach dem Muster von Olympia eingerichtet,

mit einem Vierjahrfest, das selbst den Namen des olympischen neben dem eigenen

fuehrte, gleichen Rang und gleiche Privilegien, auch seine Aktfaden wie jenes

seine Olympiaden hatte ^45; die Stadt Nikopolis verhielt sich dazu wie die Stadt

Elis zu dem olympischen Tempel ^46. Sorgfaeltig ward bei der staedtischen

Einrichtung sowohl wie bei den religioesen Ordnungen alles eigentlich Italische

vermieden, so nahe es lag, die mit der Reichsbegruendung so innig verknuepfte

Siegesstadt in roemischer Weise zu gestalten. Wer die Augustischen Ordnungen in

Hellas im Zusammenhang erwaegt und namentlich diesen merkwuerdigen Schlussstein,

wird sich der Ueberzeugung nicht verschliessen koennen, dass Augustus eine

Reorganisation von Hellas unter dem Schutz des roemischen Prinzipats ausfuehrbar

geglaubt hat und hat ausfuehren wollen. Die Oertlichkeit wenigstens war dafuer

wohl gewaehlt, da es damals, vor der Gruendung von Patrae, an der ganzen

griechischen Westkueste keine groessere Stadt gab. Aber was Augustus im Anfang

Römische Geschichte — Buch 8 · 第 29 / 73 段