gefuegt, dass die drei grossen Entscheidungsschlachten dieser Epoche, Pharsalos,

Philippi, Aktion auf ihrem Boden oder an ihrer Kueste geschlagen wurden; und die

militaerischen Operationen, welche bei beiden Parteien dieselben einleiteten,

hatten ihre Opfer von Menschenleben und Menschenglueck hier vor allem gefordert.

Noch dem Plutarch erzaehlte sein Aeltervater, wie die Offiziere des Antonius die

Buerger von Chaeroneia gezwungen haetten, da sie Sklaven und Lasttiere nicht

mehr besassen, ihr letztes Getreide auf den eigenen Schultern nach dem naechsten

Hafenort zu schleppen zur Verschiffung fuer das Heer; und wie dann, als eben der

zweite Transport abgehen sollte, die Nachricht von der Actischen Schlacht wie

eine erloesende Freudenbotschaft eingetroffen sei. Das erste, was nach diesem

Siege Caesar tat, war die Verteilung der in seine Gewalt geratenen feindlichen

Getreidevorraete unter die hungernde Bevoelkerung Griechenlands. Dieses

schwerste Mass des Leidens traf auf vorzugsweise schwache Widerstandskraft.

Schon mehr als ein Jahrhundert vor der Actischen Schlacht hatte Polybios

ausgesprochen, dass ueber ganz Griechenland in seiner Zeit Unfruchtbarkeit der

Ehen und Einschwinden der Bevoelkerung gekommen sei, ohne dass Seuchen oder

schwere Kriege das Land betroffen haetten. Nun hatten diese Geisseln in

furchtbarer Weise sich eingestellt; und Griechenland blieb veroedet fuer alle

Folgezeit. Im ganzen Roemerreich, meint Plutarch, sei infolge der verwuestenden

Kriege die Bevoelkerung zurueckgegangen, am meisten aber in Griechenland, das

jetzt nicht imstande sei, aus den besseren Kreisen der Buergerschaften die 3000

Hopliten zu stellen, mit denen einst die kleinste der griechischen Landschaften,

Megara, bei Plataeae gestritten hatte ^23. Caesar und Augustus haben versucht,

dieser auch fuer die Regierung erschreckenden Entvoelkerung durch Entsendung

italischer Kolonisten aufzuhelfen, und in der Tat sind die beiden bluehendsten

Staedte Griechenlands eben diese Kolonien; die spaeteren Regierungen haben

solche Entsendungen nicht wiederholt. Zu der anmutigen euboeischen Bauernidylle

des Dion von Prusa bildet den Hintergrund eine entvoelkerte Stadt, in der

zahlreiche Haeuser leer stehen, die Herden am Rathaus und am Stadtarchiv weiden,

zwei Drittel des Gebiets aus Mangel an Haenden unbestellt liegen; und wenn dies

der Erzaehler als Selbsterlebtes berichtet, so schildert er damit sicher

zutreffend die Zustaende zahlreicher kleiner griechischer Landstaedte in der

Zeit Traians. "Theben in Boeotien", sagt Strabon in der augustischen Zeit, "ist

jetzt kaum noch ein stattliches Dorf zu nennen, und mit Ausnahme von Tanagra und

Thespiae gilt dasselbe von saemtlichen boeotischen Staedten." Aber nicht bloss

der Zahl nach schwanden die Menschen zusammen, auch der Schlag verkam. Schoene

Frauen gibt es wohl noch, sagt einer der feinsten Beobachter um das Ende des

ersten Jahrhunderts, aber schoene Maenner sieht man nicht mehr; die olympischen

Sieger der neueren Zeit erscheinen, verglichen mit den aelteren, niedrig und

gemein, zum Teil freilich durch die Schuld der Kuenstler, aber hauptsaechlich,

weil sie eben sind, wie sie sind. Die koerperliche Ausbildung der Jugend ist in

diesem gelobten Lande der Epheben und Athleten in einer Ausdehnung gefoerdert

worden, als ob es der Zweck der Gemeindeverfassung sei, die Knaben zu Turnern

und die Maenner zu Boxern zu erziehen; aber wenn keine Provinz so viele

Ringkuenstler besass, so stellte auch keine so wenig Soldaten zur Reichsarmee.

Selbst aus dem athenischen Jugendunterricht, der in aelterer Zeit das

Speerwerfen, das Bogenschiessen, die Geschuetzbedienung, das Ausmarschieren und

das Lagerschlagen einschloss, verschwindet jetzt dieses Soldatenspiel der

Knaben. Die griechischen Staedte des Reiches werden ueberhaupt bei der Aushebung

so gut wie gar nicht beruecksichtigt, sei es, weil diese Rekruten physisch

untauglich erschienen, sei es, weil dieses Element im Heere bedenklich erschien;

es war ein kaiserlicher Launscherz, dass der karikierte Alexander, Severus

Antoninus, die roemische Armee fuer den Kampf gegen die Perser durch einige

Lochen Spartiaten verstaerkte ^24. Was fuer die innere Ordnung und Sicherheit

ueberhaupt geschah, muss von den einzelnen Gemeinden ausgegangen sein, da

roemische Truppen in der Provinz nicht standen; Athen zum Beispiel unterhielt

Besatzung auf der Insel Delos, und wahrscheinlich lag eine Milizabteilung auch

auf der Burg ^25. In den Krisen des dritten Jahrhunderts haben der Landsturm von

Elateia und derjenige von Athen die Kostoboker und die Goten tapfer

zurueckgeschlagen und in wuerdigerer Weise, als die Enkel der Kaempfer von

Thermopylae in Caracallas Perserkrieg, haben in dem gotischen die Enkel der

Marathonsieger ihren Namen zum letzten Mal in die Annalen der alten Geschichte

eingezeichnet. Aber wenn auch dergleichen Vorgaenge davon abhalten muessen, die

Griechen dieser Epoche schlechtweg zu dem verkommenen Gesindel zu werfen, so hat

das Sinken der Bevoelkerung an Zahl wie an Kraft auch in der besseren Kaiserzeit

stetig angehalten, bis dann seit dem Ende des zweiten Jahrhunderts die diese

Landschaften ebenfalls schwer heimsuchenden Seuchen, die namentlich die

Ostkueste treffenden Einfaelle der Land- und Seepiraten, endlich das

Zusammenbrechen der Reichsgewalt in der gallienischen Zeit das chronische Leiden

zur akuten Katastrophe steigerten.

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^23 Ohne Zweifel will Plutarch mit diesen Worten (de defectu orac. 8) nicht

sagen, dass Griechenland ueberhaupt nicht 3000 Waffenfaehige zu stellen

vermoege, sondern dass, wenn Buergerheere nach alter Art gebildet wuerden, man

nicht imstande sein wuerde, 3000 "Hopliten" aufzustellen. In diesem Sinn mag die

Aeusserung wohl soweit richtig sein, als dies bei dergleichen allgemeinen Klagen

ueberhaupt erwartet werden kann. Die Zahl der Gemeinden der Provinz belaeuft

sich ungefaehr auf hundert.

^24 Davon erzaehlt Herodian (4, 8, 3; c. 9, 4) und wir haben die

Inschriften zweier dieser Spartiaten, des Nikokles strateymenos dis kata

Pers/o/n (CIG 1253) und des Dioskoras apelth/o/n eis t/e/n eytychestat/e/n

symmachian (= expeditio) t/e/n kata Pers/o/n (CIG 1495).

^25 Das phro?rion (CIA III, 826) kann nicht wohl anders verstanden werden.

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In ergreifender Weise tritt das Sinken von Hellas und treten die

Stimmungen, die dasselbe bei den Besten hervorrief, uns entgegen in der

Ansprache, die einer von diesen, der Bithyner Dion, um die Zeit Vespasians an

die Rhodier richtete. Diese galten, nicht mit Unrecht, als die trefflichsten

unter den Hellenen. In keiner Stadt war besser fuer die niedere Bevoelkerung

gesorgt und trug diese Fuersorge mehr den Stempel nicht des Almosens, sondern

des Arbeitgebens. Als nach dem grossen Buergerkriege Augustus im Orient alle

Privatschulden klaglos machte, wiesen allein die Rhodier die bedenkliche

Verguenstigung zurueck. War auch die grosse Epoche des rhodischen Handels

vorueber, so gab es dort immer noch zahlreiche bluehende Geschaefte und

vermoegende Haeuser ^26. Aber viele Missstaende waren auch hier eingerissen, und

deren Abstellung fordert der Philosoph, nicht so sehr, wie er sagt, um der

Rhodier willen, als um der Hellenen insgemein. "Einst ruhte die Ehre von Hellas

auf vielen und viele mehrten seinen Ruhm, ihr, die Athener, die Lakedaemonier,

Theben, eine Zeitlang Korinth, in ferner Zeit Argos. Nun aber ist es mit den

anderen nichts; denn einige sind gaenzlich heruntergekommen und zerstoert,

andere fuehren sich, wie ihr wisst, und sind entehrt und ihres alten Ruhmes

Zerstoerer. Ihr seid uebrig; ihr allein seid noch etwas und werdet nicht voellig

verachtet; denn wie es jene treiben, waeren laengst alle Hellehen tiefer

gesunken als die Phryger und die Thraker. Wie wenn ein grosses und reiches

Geschlecht auf zwei Augen steht und was dieser letzte des Hauses suendigt, alle

Vorfahren mit entehrt, so stehet ihr in Hellas. Glaubt nicht die ersten der

Hellehen zu sein; ihr seid die einzigen. Sieht man auf jene erbaermlichen

Schandbuben, so werden selbst die grossen Geschicke der Vergangenheit

unbegreiflich: die Steine und die Staedtetruemmer zeigen deutlicher den Stolz

und die Groesse von Hellas als diese nicht einmal mysischer Ahnen wuerdigen

Nachfahren; und besser als den von diesen bewohnten ist es den Staedten

ergangen, welche in Truemmern liegen, denn deren Andenken bleibt in Ehren und

ihr wohlerworbener Ruhm unbefleckt - besser die Leiche verbrennen, als sie

faulend liegen lassen."

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^26 "An Mitteln", sagt Diodor. 31, p. 566), "fehlt es euch nicht, und

Tausende und aber Tausende gibt es hier, denen es nuetzlich waere, minder reich

zu sein"; und weiterhin (p. 620): "ihr seid reich, wie sonst niemand in Hellas.

Mehr als ihr besassen eure Vorfahren auch nicht. Die Insel ist nicht schlechter

geworden; ihr zieht die Nutzung von Karien und einem Teil Lykiens; eine Anzahl

Staedte sind euch steuerpflichtig; stets empfaengt die Stadt reiche Gaben von

zahlreichen Buergern." Er fuehrt weiter aus, dass neue Ausgaben nicht

hinzugetreten, wohl aber die frueheren fuer Heer und Flaue fast weggefallen

seien; nur ein oder zwei kleine Schiffe haetten sie jaehrlich nach Korinth (zur

roemischen Flotte also) zu stellen.

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Man wird diesem hohen Sinn eines Gelehrten, welcher die kleine Gegenwart an

der grossen Vergangenheit mass und, wie dies nicht ausbleiben kann, jene mit

widerwilligen Augen, diese in der Verklaerung des Dagewesenseins anschaute,

nicht zu nahe treten mit dem Hinweis darauf, dass die alte gute hellenische

Sitte damals und noch lange nachher denn doch nicht bloss in Rhodos zu finden,

vielmehr in vieler Hinsicht noch allerorts Lebendig war. Die innerliche

Selbstaendigkeit, das wohlberechtigte Selbstgefuehl der immer noch an der Spitze

der Zivilisation stehenden Nation ist bei aller Schmiegsamkeit des Untertanen-

und aller Demut des Parasitenrums den Hellenen auch dieser Zeit nicht abhanden

gekommen. Die Roemer entlehnen die Goetter von den alten Hellenen und die

Verwaltungsform von den Alexandrinern; sie suchen sich der griechischen Sprache

zu bemaechtigen und die eigene in Mass und Stil zu hellenisieren. Die Hellenen

auch der Kaiserzeit tun nicht das gleiche; die nationalen Gottheiten Italiens,

wie Silvanus und die Laren, werden in Griechenland nicht verehrt und keiner

griechischen Stadtgemeinde ist es je in den Sinn gekommen, die von ihrem

Polybios als die beste gefeierte politische Ordnung bei sich einzufuehren.

Insofern die Kenntnis des Lateinischen fuer die hoehere wie die niedere

Aemterlaufbahn bedingend war, haben die Griechen, die diese betraten, sich

dieselbe angeeignet; denn wenn es auch praktisch nur dem Kaiser Claudius

einfiel, den Griechen, die kein Lateinisch verstanden, das roemische

Buergerrecht zu entziehen, so war allerdings die wirkliche Ausuebung der mit

diesem verknuepften Rechte und Pflichten nur dem moeglich, der der Reichssprache

maechtig war. Aber von dem oeffentlichen Leben abgesehen, ist nie in Griechen

land so lateinisch gelernt worden wie in Rom griechisch; Plutarchos, der

schriftstellerisch die beiden Reichshaelften gleichsam vermaehlte und dessen

Parallelbiographien roemischer und griechischer beruehmter Maenner, vor allem

durch diese Nebeneinanderstellung, sich empfahlen und wirkten, verstand nicht

sehr viel mehr lateinisch als Diderot russisch, und beherrschte wenigstens, wie

er selbst sagt, die Sprache nicht; die des Lateinischen wirklich maechtigen

griechischen Literaten waren entweder Beamte, wie Appianus und Cassius Dion,

oder Neutrale, wie Koenig Juba. In der Tat war Griechenland in sich selbst weit

weniger veraendert als in seiner aeusseren Stellung. Das Regiment von Athen war

recht schlecht, aber auch in der Zeit von Athens Groesse war es gar nicht

musterhaft gewesen. "Es ist", sagt Plutarchos, "derselbe Volksschlag, dieselben

Unruhen, der Ernst und der Scherz, die Anmut und die Bosheit wie bei den

Vorfahren." Auch diese Epoche weist in dem Leben des griechischen Volkes noch

einzelne Zuege auf, die seines zivilisatorischen Prinzipats wuerdig sind. Die

Fechterspiele, die von Italien aus sich ueberall hin, namentlich auch nach

Kleinasien und Syrien verbreiteten, haben am spaetesten von allen Landschaften

in Griechenland Eingang gefunden; laengere Zeit beschraenkten sie sich auf das

halb italische Korinth, und als die Athener, um hinter diesen nicht

zurueckzustehen, sie auch bei sich einfuehrten, ohne auf die Stimme eines ihrer

Besten zu hoeren, der sie fragte, ob sie nicht zuvor dem Gotte des Erbarmens

einen Altar setzen moechten, da wandten manche der Edelsten unwillig sich weg

von der sich selber entehrenden Vaterstadt. In keinem Lande der antiken Welt

sind die Sklaven mit solcher Humanitaet behandelt worden wie in Hellas; nicht

das Recht, aber die Sitte verbot dem Griechen, seine Sklaven an einen nicht

griechischen Herrn zu verkaufen und verbannte somit aus dieser Landschaft den

eigentlichen Sklavenhandel. Nur hier finden wir in der Kaiserzeit bei den

Buergerschmaeusen und den Oelspenden an die Buergerschaft auch die unfreien

Leute mit bedachte ^27. Nur hier konnte ein unfreier Mann, wie Epiktetos unter

Traian, in seiner mehr als bescheidenen aeusseren Existenz in dem epirotischen

Nikopolis mit angesehenen Maennern senatorischen Standes in der Weise verkehren

wie Sokrates mit Kritias und Alkibiades, so dass sie seiner muendlichen

Belehrung wie Schueler dem Meister lauschten und die Gespraeche aufzeichneten

und veroeffentlichten. Die Milderungen der Sklaverei durch das Kaiserrecht gehen

wesentlich zurueck auf den Einfluss der griechischen Anschauungen, zum Beispiel

bei Kaiser Marcus, der zu jenem nikopolitanischen Sklaven wie zu seinem Meister

und Muster emporsah. Unuebertrefflich schildert der Verfasser eines unter den

lukianischen erhaltenen Dialogs das Verhalten des feinen athenischen

Stadtbuergers in seinen engen Verhaeltnissen gegenueber dem vornehmen und

reichen, reisenden Publikum zweifelhafter Bildung oder auch unzweifelhafter

Rohen: wie man es dem reichen Auslaender abgewoehnt, im oeffentlichen Bade mit

einem Heer von Bedienten aufzuziehen, als ob er seines Lebens in Athen nicht

ohnehin sicher und nicht Frieden im Lande sei, wie man es ihm abgewoehnt, auf

der Strasse mit dem Purpurgewand sich zu zeigen, indem die Leute sich freundlich

erkundigen, ob es nicht das seiner Mama sei. Er zieht die Parallele zwischen

roemischer und athenischer Existenz: dort die beschwerlichen Gastereien und die

noch beschwerlicheren Bordelle, die unbequeme Bequemlichkeit der

Bedientenschwaerme und des haeuslichen Luxus, die Laestigkeiten der

Liederlichkeit, die Qualen des Ehrgeizes, all das Uebermass, die

Vielfaeltigkeit, die Unruhe des hauptstaedtischen Treibens; hier die Anmut der

Armut, die freie Rede im Freundeskreis, die Muse fuer geistigen Genuss, die

Moeglichkeit des Lebensfriedens und der Lebensfreude - "wie konntest du", fragt

ein Grieche in Rom den andern, "das Licht der Sonne, Hellas und sein Glueck und

seine Freiheit, um dieses Gedraenges willen verlassen?" In diesem Grundakkord

begegnen sich alle feiner und reiner organisierten Naturen dieser Epoche; eben

die besten Hellenen mochten nicht mit den Roemern tauschen. Kaum gibt es etwas

gleich Erfreuliches in der Literatur der Kaiserzeit wie Dions schon erwaehnte

euboeische Idylle: sie schildert die Existenz zweier Jaegerfamilien im einsamen

Walde, deren Vermoegen acht Ziegen sind, eine Kuh ohne Horn und ein schoenes

Kalb, vier Sicheln und drei Jagdspeere, welche weder von Geld noch von Steuern

etwas wissen, und die dann, vor die tobende Buergerversammlung der Stadt

gestellt, von dieser schliesslich unbehelligt entlassen werden zum Freuen und

zum Freien. Die reale Durchfuehrung dieser poetisch verklaerten Lebensauffassung

ist Plutarchos von Chaeroneia, einer der anmutigsten und belesensten und nicht

minder einer der wirksamsten Schriftsteller des Altertums. Einer vermoegenden

Familie jener kleinen boeotischen Landstadt entsprossen und erst daheim, dann in

Athen und in Alexandreia in die volle hellenische Bildung eingefuehrt, auch

durch seine Studien und vielfaeltige persoenliche Beziehungen sowie durch Reisen

in Italien mit roemischen Verhaeltnissen wohlvertraut, verschmaehte er es, nach

der ueblichen Weise der begabten Griechen in den Staatsdienst zu treten oder die

Professorenlaufbahn einzuschlagen; er blieb seiner Heimat treu, mit der

trefflichen Frau und den Kindern und mit den Freunden und Freundinnen des

haeuslichen Lebens im schoensten Sinne des Wortes geniessend, sich bescheidend

mit den Aemtern und Ehren, die sein Boeotien ihm zu bieten vermochte, und mit

dem maessigen angeerbten Vermoegen. In diesem Chaeroneer drueckt der Gegensatz

der Hellenen und der Hellenisierten sich aus; ein solches Griechentum war weder

in Smyrna moeglich noch in Antiocheia; es gehoerte zum Boden wie der Honig vom

Hymettos. Es gibt genug maechtigere Talente und tiefere Naturen, aber schwerlich

einen zweiten Schriftsteller, der mit so gluecklichem Mass sich in das

Notwendige mit Heiterkeit zu finden und so wie er den Stempel seines

Seelenfriedens und seines Lebensglueckes seinen Schriften aufzupraegen gewusst

hat.

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^27 Bei den Volksfesten, die in Tiberius' Zeit ein reicher Mann in

Akraephia in Boeotien ausrichtete, lud er die erwachsenen Sklaven, seine Gattin

die Sklavinnen mit den Freien zu Gaste (CIG 1625). In einer Stiftung zur

Verteilung von Oel in der Turnanstalt (gymnasion) von Gytheion in Lakonien wird

festgesetzt, dass an sechs Tagen im Jahr auch die Sklaven daran Anteil haben

sollen (Lebas-Foucart, n. 243 a). Aehnliche Spenden begegnen in Argos (CIG 1122,

1123).

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Die Selbstbeherrschung des Hellenismus kann auf dem Boden des oeffentlichen

Lebens sich nicht in der Reinheit und Schoenheit offenbaren wie in der stillen

Heimstatt, nach der die Geschichte und sie nach der Geschichte gluecklicherweise

nicht fragt. Wenden wir uns den oeffentlichen Verhaeltnissen zu, so ist mehr vom

Missregiment als vom Regiment zu berichten, sowohl der roemischen Regierung wie

der griechischen Autonomie. An gutem Willen fehlte es dort insofern nicht, als

der roemische Philhellenismus die Kaiserzeit noch viel entschiedener beherrscht

als die republikanische. Er aeussert sich ueberall im Grossen wie im Kleinen, in

der Fortfuehrung der Hellenisierung der oestlichen Provinzen und der Anerkennung

der doppelten offiziellen Reichssprache wie in den hoeflichen Formen, in welchen

die Regierung auch mit der kleinsten griechischen Gemeinde verkehrt und ihre

Beamten zu verkehren anhaelt ^28. Auch haben es die Kaiser an Gaben und Bauten

zu Gunsten dieser Provinz nicht fehlen lassen; und wenn auch das meiste der Art

nach Athen kam, so baute doch Hadrian eine grosse Wasserleitung zum Besten von

Korinth, Plus die Heilanstalt von Epidauros. Aber die ruecksichtsvolle

Behandlung der Griechen insgemein und die besondere Huld, welche dem

eigentlichen Hellas von der kaiserlichen Regierung zuteil wurde, weil es in

gewissem Sinn gleich wie Italien als Mutterland galt, sind weder dem Regiment

noch der Landschaft recht zum Vorteil ausgeschlagen. Der jaehrliche Wechsel der

Oberbeamten und die schlaffe Kontrolle der Zentralstelle liessen alle

senatorischen Provinzen, soweit das Statthalterregiment reichte, mehr den Druck

als den Segen einheitlicher Verwaltung empfinden, und diese doppelt bei ihrer

Kleinheit und ihrer Armut. Noch unter Augustus selbst machten diese Missstaende

sich in dem Grade geltend, dass es eine der ersten Regierungshandlungen seines

Nachfolgers war, sowohl Griechenland wie Makedonien in eigene Verwaltung zu

nehmen ^29, wie es hiess vorlaeufig, in der Tat auf die ganze Dauer seiner

Regierung. Es war sehr konstitutionell, aber vielleicht nicht ebenso weise, dass

Kaiser Claudius, als er zur Gewalt gelangte, die alte Ordnung wiederherstellte.

Seitdem hat es dann bei dieser sein Bewenden gehabt und ist Achaia nicht von

ernannten, sondern von erlosten Beamten verwaltet worden, bis diese

Verwaltungsform ueberhaupt abkam.

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^28 Auf eine der unzaehligen Beschwerden, mit welchen die kleinasiatischen

Staedte wegen ihrer Titel- und Rangstreitigkeiten die Regierung belaestigten,

antwortete Pius den Ephesiern (W. H. Waddington, Aristide, S. 51), erhoere gern,

dass die Pergamener ihnen die neue Titulatur gegeben haetten; die Smyrnaeer

haetten es wohl nur zufaellig unterlassen und wuerden sicher in Zukunft

gutwillig das Richtige tun, wenn auch sie, die Ephesier, ihnen ihre rechten

Titel beilegen wuerden. Einer kleinen lykischen Stadt, welche um Bestaetigung

eines von ihr gefassten Beschlusses bei dem Prokonsul einkommt, erwidert dieser

(O. Benndorf, Reisen in Lykien und Karien. Wien 1884, Bd. 1, S. 71), treffliche

Anordnungen verlangten nur Lob, keine Bestaetigung; diese liege in der Sache.

Die Rhetorenschulen dieser Epoche liefern auch die Konzipienten fuer die

kaiserliche Kanzlei; aber dies tut es nicht allein. Es gehoert zum Wesen des

Prinzipals, das Untertanverhaeltnis nicht aeusserlich zu akzentuieren, und

namentlich nicht gegen Griechen.

^29 Eine formale Aenderung der Steuerordnung folgt an sich aus diesem

Wechsel nicht und ist auch bei Tacitus (ann. 1, 76) nicht angedeutet; wenn die

Einrichtung getroffen wird, weil die Provinzialen ueber Steuerdruck klagen

(onera deprecantes), so konnten bessere Statthalter durch zweckmaessige

Repartierung, eventuell durch Erwirkung von Remission, den Provinzen aufhelfen.

Dass die Befoerderung der Reichspost besonders in dieser Provinz als drueckende

Last empfunden ward, zeigt das Edikt des Claudius aus Tegea (Eph. epigr. V, p.

69).

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Aber bei weitem uebler noch stand es um die von dem Statthalterregiment

eximierten Gemeinden Griechenlands. Die Absicht, diese Gemeinwesen zu

beguenstigen, durch die Befreiung von Tribut und Aushebung wie nicht minder

durch die moeglichst geringe Beschraenkung der Rechte des souveraenen Staates,

hat, wenigstens in vielen Faellen, zu dem Gegenteil gefuehrt. Die innere

Unwahrheit der Institutionen raechte sich. Zwar bei den weniger bevorrechteten

oder besser verwalteten Gemeinden mag die kommunale Autonomie ihren Zweck

erfuellt haben; wenigstens vernehmen wir nicht, dass es mit Sparta, Korinth,

Patrae besonders uebel bestellt gewesen sei. Aber Athen war nicht geschaffen,

sich selbst zu verwalten, und bietet das abschreckende Bild eines von der

Obergewalt verhaetschelten und finanziell wie sittlich verkommenen Gemeinwesens.

Von Rechts wegen haette dasselbe in bluehendem Zustande sich befinden muessen.

Wenn es den Athenern misslang, die Nation unter ihrer Hegemonie zu vereinigen,

so ist diese Stadt doch die einzige Griechenlands wie Italiens gewesen, welche

die landschaftliche Einigung vollstaendig durchgefuehrt hat; ein eigenes Gebiet,

wie es die Attike ist, von etwa 40 Quadratmeilen, der doppelten Groesse der

Insel Ruegen, hat keine Stadt des Altertums sonst besessen. Aber auch ausserhalb

Attikas blieb ihnen, was sie besassen, sowohl nach dem Mithradatischen Kriege

durch Sullas Gnade wie nach der Pharsalischen Schlacht, in der sie auf Seiten

des Pompeius gestanden hatten, durch die Gnade Caesars - er fragte sie nur, wie

Römische Geschichte — Buch 8 · 第 27 / 73 段