gelangten bis nach Makedonien und berannten Thessalonike, wo der Statthalter
Priscus eben diesen Moment geeignet fand, um sich zum Kaiser ausrufen zu lassen.
Als Decius anlangte, um zugleich den Nebenbuhler und den Landesfeind zu
bekaempfen, wurde wohl jener ohne Muehe beseitigt und gelang auch der Entsatz
von Nikopolis, wo 30000 Goten gefallen sein sollen. Aber die nach Thrakien
zurueckweichenden Goten siegten ihrerseits bei Beroe (Alt-Zagora), warfen die
Roemer nach Moesien zurueck und bezwangen sowohl Nikopolis daselbst wie in
Thrakien Anchialos und sogar Philippopolis, wo 100000 Menschen in ihre Gewalt
gekommen sein sollen. Darauf zogen sie nordwaerts, um die ungeheure Beute in
Sicherheit zu bringen. Decius entwarf den Plan, dem Feind bei dem Uebergang
ueber die Donau einen Schlag zu versetzen. Er stellte eine Abteilung unter
Gallus am Ufer auf und hoffte, diese auf die Goten werfen und ihnen den Rueckzug
abschneiden zu koennen. Aber bei dem moesischen Grenzort Abrittus entschied das
Kriegsglueck oder auch der Verrat des Gallus gegen ihn; Decius kam mit seinem
Sohn um, und Gallus, der als sein Nachfolger ausgerufen ward, begann sein
Regiment damit, den Goten die jaehrlichen Geldzahlungen abermals zuzusichern
(251) ^22. Diese voellige Niederlage der roemischen Waffen wie der roemischen
Politik, der Fall des Kaisers, des ersten, der im Kampf gegen die Barbaren das
Leben verlor, eine Kunde, welche selbst in dieser, in der Gewohnheit des Unheils
erschlaffenden Zeit tief die Gemueter erregte, die darauf folgende schimpfliche
Kapitulation, stellte in der Tat die Integritaet des Reiches in Frage. Ernste
Krisen an der mittleren Donau, wahrscheinlich der drohende Verlust Dakiens
muessen die naechste Folge gewesen sein. Noch einmal ward dieser abgewandt: der
Statthalter von Pannonien, Marcus Aemilius Aemilianus, ein guter Soldat, errang
einen bedeutenden Waffenerfolg und trieb die Feinde ueber die Grenze. Aber die
Nemesis waltete. Die Konsequenz dieses auf Gallus' Namen erfochtenen Sieges war,
dass die Armee dem Verraeter des Decius den Gehorsam aufkuendigte und ihren
Feldherrn zu seinem Nachfolger erkor. Abermals ging also der Buergerkrieg der
Grenzverteidigung vor, und waehrend Aemilianus in Italien zwar den Gallus
ueberwand, aber bald darauf dem Feldherrn desselben, Valerianus, unterlag (254),
ging Dakien, wie und an wen, wissen wir nicht ^23, dem Reiche verloren. Die
letzte von dieser Provinz geschlagene Muenze und die juengste dort gefundene
Inschrift sind vom Jahre 255, die letzte Muenze des benachbarten Viminacium in
Obermoesien vom folgenden Jahre; in den ersten Jahren Valerians und Galliens
also besetzten die Barbaren das roemische Gebiet am linken Ufer der Donau und
drangen sicher auch hinueber auf das rechte.
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^20 Die angebliche erste Erwaehnung der Goten in der Biographie Caracallas
c. 10 beruht auf Missverstaendnis. Wenn wirklich ein Senator sich den boshaften
Scherz gestattet hat, dem Moerder Getas den Namen Geticus beizulegen, weil er
auf seinem Zug von der Donau nach dem Orient einige Getenschwaerme (tumultuariis
proeliis) besiegt habe, so meinte er Daker, nicht die damals schwerlich dort
wohnenden und dem roemischen Publikum kaum bekannten Goten, deren Gleichung mit
den Geten auch gewiss erst spaeter erfunden ward.
Uebrigens fuehrt noch weiter zurueck die Angabe, dass Kaiser Maximinus
(235-238) der Sohn eines in das benachbarte Thrakien uebergesiedelten Goten
gewesen sei; doch wird auch darauf nicht viel zu geben sein.
^21 Petrus Patricius fr. 8. Die Verwaltung des hier genannten Legaten von
Untermoesien, Tullius Menophilus, ist durch Muenzen sicher auf die Zeit Gordians
und mit Wahrscheinlichkeit auf 238-240 bestimmt (B. Borghesi, Oeuvres completes.
Bd. 2, S. 227). Da der Anfang des Gotenkrieges und die Zerstoerung von Istros
durch Dexippos (vita Max. et Balb. 16) auf 238 festgestellt ist, so liegt es
nahe, die Uebernahme des Tributs damit in Zusammenhang zu bringen; auf jeden
Fall ist er damals erneuert worden. Die vergeblichen Belagerungen von
Markianopolis und Philippopolis durch die Goten (Dexippus fr. 18, 19) moegen auf
die Einnahme von Istros gefolgt sein. Iordanes (Get. 16, 92) setzt die erstere
unter Philippus, ist aber in chronologischen Fragen kein gueltiger Zeuge.
^22 Die Berichte ueber diese Vorgaenge bei Zosimus (bist. 1, 21-24),
Zonaras (12, 20), Ammian (31, 5, 16 u. 17) (welche Nachrichten bis zu der
Philippopolis betreffenden dadurch, dass diese bei Zosimus wiederkehrt, als
hierher gehoerig fixiert werden), obwohl alle fragmentarisch oder zerruettet,
duerften aus dem Bericht des Dexippus, wovon fr. 16 u. 19 erhalten sind,
geflossen sein und lassen sich einigermassen vereinigen. Dieselbe Quelle liegt
auch den Kaiserbiographien und Iordanes zu Grunde; beide aber haben sie in dem
Grade entstellt und verfaelscht, dass von ihren Angaben nur mit grosser Vorsicht
Gebrauch gemacht werden kann. Unabhaengig ist Aur. Vict. Caes. 29.
^23 Vielleicht bezieht sich darauf der Einbruch der Markomannen bei Zos.
hist. 1, 29.
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Bevor wir die Entwicklung der Dinge an der unteren Donau weiter verfolgen,
erscheint es notwendig, einen Blick zu werfen auf die Piraterie, wie sie in der
oestlichen Haelfte des Mittelmeeres damals im Gange war, und die daraus
hervorgegangenen Seezuege der Goten und ihrer Genossen.
Dass auf dem Schwarzen Meer die roemische Flotte zu keiner Zeit
entbehrlich, die Piraterie daselbst wahrscheinlich nie ausgerottet worden ist,
liegt im Wesen der Roemerherrschaft, wie sie an seinen Kuesten sich gestaltet
hatte. In festem Besitz waren sie nur etwa von der Donaumuendung abwaerts bis
Trapezunt. Roemisch waren freilich auch einerseits Tyra, an der Muendung des
Dnjestr, und Olbia, an der Bucht der Dnjeprmuendung, andererseits die
kaukasischen Hafenorte in der Gegend des heutigen Suchum-Kaleh, Dioskurias und
Pityus. Auch das dazwischenliegende Bosporanische Koenigreich auf der Krim stand
in roemischem Schutz und hatte roemische, dem Statthalter von Moesien
unterstehende Besatzung. Aber es waren an diesen groesstenteils wenig
einladenden Gestaden nur jene Hafenplaetze entweder als alte griechische
Ansiedlungen oder als roemische Festungen in festem Besitz, die Kueste selbst
oede oder in den Haenden der das Binnenland erfuellenden Eingeborenen, die unter
dem allgemeinen Namen der Skythen zusammengefasst, meistens sarmatischer
Abkunft, den Roemern niemals botmaessig wurden noch werden sollten; man war
zufrieden, wenn sie sich nicht geradezu an den Roemern oder deren
Schutzbefohlenen vergriffen. Danach ist es nicht zu verwundern, dass schon in
Tiberius' Zeit die Piraten der Ostkueste nicht bloss das Schwarze Meer unsicher
machten, sondern auch landeten und die Doerfer und die Staedte der Kueste
brandschatzten. Wenn unter Pius oder Marcus eine Schar der an dem nordwestlichen
Ufer hausenden Kostoboker die im Herzen von Phokis gelegene Binnenstadt Elateia
ueberfiel und unter deren Mauern mit den Buergern sich herumschlug, so zeigt
dieser gewiss nur zufaellig fuer uns einzeln dastehende Vorgang, dass dieselben
Erscheinungen, welche dem Sturz des Senatsregiments voraufgingen, jetzt sich
erneuerten und noch bei aeusserlich unerschuettert aufrecht stehender
Reichsgewalt nicht bloss einzelne Piratenschiffe, sondern Piratengeschwader im
Schwarzen und selbst im Mittelmeere kreuzten. Das nach dem Tode des Severus und
vor allem nach dem Ausgang der letzten Dynastie deutlich erkennbare Sinken des
Regiments offenbarte sich dann, wie billig, vor allem in dem weiteren Verfall
der Seepolizei. Die im einzelnen wenig zuverlaessigen Berichte melden bereits in
der Zeit vor Decius das Erscheinen einer grossen Piratenflotte im Aegaeischen
Meer; dann unter Decius die Pluenderung der pamphylischen Kueste und der
griechisch-asiatischen Inseln, unter Gallus Piratenstreifereien in Kleinasien
bis nach Pessinus und Ephesos ^24. Dies waren Raeuberzuege. Diese Gesellen
pluenderten die Kuesten weit und breit, und machten auch, wie man sieht, dreiste
Zuege in das Binnenland; aber von zerstoerten Staedten wird nichts gemeldet, und
die Piraten vermieden es, mit den roemischen Truppen zusammenzustossen;
vorzugsweise richtete sich der Angriff gegen solche Landschaften, in denen keine
Truppen standen.
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^24 Amm. Marc. 31, 5, 15: duobus navium milibus perrupto Bosporo et
litoribus Propontidis Scythicarum gentium catervae transgressae ediderunt quidem
acerbas terra marique strages: sed amissa suorum parte maxima reverterunt,
worauf die Katastrophe der Decier erzaehlt und in diese die weitere Notiz
eingeflochten wird: obsessae Pamphyliae civitates (dahin wird die Belagerung von
Side gehoeren, bei Dexippus selbst fr. 23), insulae populatae complures, ebenso
die Belagerung von Kyzikos. Wenn in diesem Rueckblick nicht alles verwirrt ist,
was bei Ammian doch nicht wohl angenommen werden kann, so faellt dies vor
diejenigen Seefahrten, die mit der Belagerung von Pityus beginnen und mehr ein
Teil der Voelkerwanderung sind als Piratenzuege. Die Zahl der Schiffe freilich
duerfte durch Gedaechtnisfehler von dem Zug des Jahres 269 hierher uebertragen
sein. In denselben Zusammenhang gehoert die Notiz bei Zosimus (hist. 1, 28)
ueber die Skythenzuege in Asien und Kappadokien bis Ephesos und Pessinus. Die
Nachricht ueber Ephesos in der Biographie Gallienus' c. 6 ist dieselbe, aber der
Zeit nach verschoben.
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Unter Valerianus nehmen diese Expeditionen einen anderen Charakter an. Die
Art der Zuege weicht von den frueheren so sehr ab, dass der an sich nicht
besonders wichtige Zug der Boraner gegen Pityus unter Valerianus von kundigen
Berichterstattern geradezu als der Anfang dieser Bewegung bezeichnet werden
konnte ^25 und dass die Piraten eine Zeitlang in Kleinasien mit dem Namen dieser
uns sonst nicht bekannten Voelkerschaft genannt wurden. Nicht mehr von den alten
einheimischen Anwohnern des Schwarzen Meeres gehen diese Zuege aus, sondern von
den nachdraengenden Schwaermen. Was bis dahin Seeraub gewesen war, faengt an,
ein Stueck derjenigen Voelkerverschiebung zu werden, welcher das Vordringen der
Goten an die untere Donau angehoert. Die beteiligten Voelker sind sehr
mannigfach und zum Teil wenig bekannt; bei den spaeteren Zuegen scheinen die
germanischen Heruler, damals Anwohner der Maeotis, eine fuehrende Rolle gespielt
zu haben. Beteiligt sind auch die Goten, indes soweit es sich um eigentliche
Seefahrten handelt und ueber diese leidlich genaue Berichte vorliegen, nicht in
hervorragender Weise; recht eigentlich diese Zuege heissen richtiger skythische
als gotische. Der maritime Mittelpunkt dieser Angriffe ist die Dnjestrmuendung,
der Hafen von Tyra ^26. Die griechischen Staedte des Bosporus, durch den
Bankrott der Reichsgewalt schutzlos den andraengenden Haufen preisgegeben und
der Belagerung durch dieselben gewaertig, liessen halb gezwungen, halb
freiwillig sich dazu herbei, die unbequemen neuen Nachbarn auf ihren Schiffen
und durch ihre Seeleute nach den naechstgelegenen roemischen Besitzungen an der
Nordkueste des Pontus ueberzufuehren, wofuer diesen selbst die noetigen Mittel
und das noetige Geschick mangelte. So kam jene Expedition gegen Pityus zustande.
Die Boraner wurden gelandet und sandten, auf den Erfolg vertrauend, die Schiffe
zurueck. Aber der entschlossene Befehlshaber von Pityus, Successianus, wies den
Angriff ab und die Angreifer, den Anmarsch der uebrigen roemischen Besatzungen
befuerchtend, zogen eilig ab, wozu sie muehsam die noetigen Fahrzeuge
beschafften. Aufgegeben aber war der Plan nicht; im naechsten Jahr kamen sie
wieder, und da der Kommandant inzwischen gewechselt war, ergab sich die Festung.
Die Boraner, welche diesmal die bosporanischen Schiffe festgehalten hatten und
aus gepressten Schiffsleuten und gefangenen Roemern deren Bemannung beschafften,
bemaechtigten sich weithin der Kueste und gelangten bis nach Trapezunt. In diese
gut befestigte und stark besetzte Stadt hatte alles sich gefluechtet und zu
einer wirklichen Belagerung waren die Barbaren nicht imstande. Aber die Fuehrung
der Roemer war schlecht und die Kriegszucht so verfallen, dass nicht einmal die
Mauer besetzt wurde; so erstiegen die Barbaren dieselbe bei Nachtzeit, ohne auch
nur Gegenwehr zu finden, und in der grossen und reichen Stadt fiel ungeheure
Beute, darunter auch eine Anzahl von Schiffen, in ihre Haende. Gluecklich
kehrten sie aus dem fernen Lande zurueck an die Maeotis.
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^25 Bei Zosimus selbst wird man voelliges Verstaendnis dafuer nicht
erwarten; aber sein Gewaehrsmann Dexippus, der Zeitgenosse und Beteiligte,
wusste wohl, warum er die bithynische Expedition die deytera ephodos nannte
(Zos. hist. 1, 35); und auch bei Zosimus noch erkennt man deutlich den von
Dexippus beabsichtigten Gegensatz der Expedition der Boraner gegen Pityus und
Trapezunt zu den hergebrachten Piratenfahrten. In der Biographie des Gallienus
wird die c. 11 unter dem Jahre 264 erzaehlte skythische Expedition nach
Kappadokien die trapezuntische sein sowie die damit verknuepfte bithynische die,
welche Zosimus die zweite nennt; verwirrt ist hier freilich alles.
^26 Dies sagt Zosimus (hist. 1, 42) und folgt auch aus dem Verhaeltnis der
Bosporaner zu dem ersten (1, 32) und dem des ersten zu dem zweiten Zug (1, 34).
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Ein zweiter, durch diesen Erfolg angeregter Zug anderer, aber benachbarter
skythischer Haufen im folgenden Winter richtete sich gegen Bithynien; es ist
bezeichnend fuer die zerruetteten Verhaeltnisse, dass der Anstifter dieses Zuges
ein Grieche aus Nikomedeia, Chrysogonos, war, und dass er fuer den gluecklichen
Erfolg von den Barbaren hochgeehrt ward. Diese Expedition wurde, da die noetige
Zahl von Schiffen nicht zu beschaffen war, teils zu Lande, teils zu Wasser
unternommen; erst in der Naehe von Byzanz gelang es den Piraten, sich einer
betraechtlichen Zahl von Fischerbooten zu bemaechtigen, und so gelangten sie an
die asiatische Kueste nach Kalchedon, dessen starke Besatzung auf diese Kunde
davonlief. Nicht bloss diese Stadt geriet in ihre Hand, sondern auch an der
Kueste Nikomedeia, Kios, Apameia, im Binnenland Nikaea und Prusa; Nikomedeia und
Nikaea brannten sie nieder und gelangten bis zum Rhyndakos. Von da aus fuhren
sie heim, beladen mit den Schaetzen des reichen Landes und seiner ansehnlichen
Staedte.
Schon der Zug gegen Bithymen war zum Teil auf dem Landweg unternommen
worden; um so mehr setzten die Angriffe, die gegen das europaeische Griechenland
gerichtet wurden, sich aus Land- und Seeraubfahrten zusammen. Wenn Moesien und
Thrakien auch nicht dauernd von den Goten besetzt wurden, so kamen und gingen
sie doch hier, gleich als waeren sie zu Hause, und streiften von da aus weit
nach Makedonien hinein. Selbst Achaia erwartete unter Valerianus von dieser
Seite her den Einbruch; die Thermopylen und der Isthmos wurden verrammelt und
die Athener gingen daran, ihre seit Sullas Belagerung in Truemmern liegenden
Mauern wiederherzustellen. Damals und auf diesem Wege kamen die Barbaren nicht.
Aber unter Gallienus erschien eine Flotte von 500 Segeln, diesmal vornehmlich
Heruler, vor dem Hafen von Byzanz, das indes seine Wehrhaftigkeit noch nicht
eingebuesst hatte; die Schiffe der Byzantier schlugen gluecklich die Raeuber ab.
Diese fuhren weiter, zeigten sich an der asiatischen Kueste vor dem frueher
nicht angegriffenen Kyzikos und gelangten von da ueber Lemnos und Imbros nach
dem eigentlichen Griechenland. Athen, Korinth, Argos, Sparta wurden gepluendert
und zerstoert. Es war immer etwas, dass, wie in den Zeiten der Perserkriege, die
Buerger des zerstoerten Athen, 2000 an der Zahl, den abziehenden Barbaren einen
Hinterhalt legten und unter Fuehrung ihres ebenso gelehrten wie tapferen
Vormanns Publius Herennius Dexippus aus dem altadligen Geschlecht der Keryken,
mit Unterstuetzung der roemischen Flotte, den Piraten einen namhaften Verlust
beibrachten. Auf der Heimkehr, die zum Teil auf dem Landweg erfolgte, griff
Kaiser Gallienus sie in Thrakien am Fluss Nestos an und toetete ihnen eine
betraechtliche Anzahl Leute ^27.
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^27 Dexippus' Bericht ueber diesen Zug geben im Auszug Synkellos (p. 717)
(wo anelontos fuer anelontes gelesen werden muss), Zosimus (hist. 1, 39) und der
Biograph des Gallienus (c. 13). Ein Bruchstueck seiner eigenen Erzaehlung ist
fr. 22. Bei dem Fortsetzer des Dio, von dem Zonaras abhaengt, ist der Vorgang
unter Claudius gesetzt, durch Irrtum oder durch Faelschung, die dem Gallienus
diesen Sieg nicht goennte. Die Biographie des Gallienus erzaehlt den Vorgang,
wie es scheint, zweimal, zuerst kurz c. 6 unter dem Jahre 262, dann besser unter
oder nach 265 (c. 13).
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Um das Mass des Unheils vollstaendig zu uebersehen, muss man hinzunehmen,
dass in diesem in Scherben gehenden Reiche und vor allem in den vom Feind
ueberschwemmten Provinzen ein Offizier nach dem andern nach der Krone griff, die
es kaum noch gab. Es lohnt der Muehe nicht, die Namen dieser ephemeren
Purpurtraeger zu verzeichnen; die Lage zeichnet, dass nach der Verwuestung
Bithyniens durch die Piraten Kaiser Valerian es unterliess, einen
ausserordentlichen Kommandanten dorthin zu schicken, weil ihm jeder General,
nicht ohne Grund, als Rivale galt. Dies hat mitgewirkt bei dem fast durchaus
passiven Verhalten der Regierung gegenueber dieser schweren Not. Doch ist
andererseits unzweifelhaft ein guter Teil dieser unverantwortlichen Passivitaet
auf die Persoenlichkeit der Herrscher zurueckzufuehren; Valerianus war schwach
und bejahrt, Gallienus fahrig und wuest, und der Lenkung des Staatsschiffs im
Sturme weder jener noch dieser gewachsen. Marcianus, dem Gallienus nach dem
Einfall in Achaia das Kommando in diesen Gegenden uebertragen hatte, operierte
nicht ohne Erfolg; aber zu einer wirklichen Wendung zum Besseren kam es nicht,
solange Gallienus den Thron einnahm.
Nach Gallienus' Ermordung (268), vielleicht auf die Kunde von dieser,
unternahmen die Barbaren, wieder unter Fuehrung der Heruler, aber diesmal mit
vereinigten Kraeften, einen Ansturm gegen die Reichsgrenzen, wie er also noch
nicht dagewesen war, mit einer maechtigen Flotte und wahrscheinlich gleichzeitig
zu Lande, von der Donau aus ^28. Die Flotte hatte in der Propontis viel von
Stuermen zu leiden; dann teilte sie sich und es gingen die Goten teils gegen
Thessalien und Griechenland vor, teils gegen Kreta und Rhodos; die Hauptmasse
begab sich nach Makedonien und drang von da in das Binnenland ein, ohne Zweifel
in Verbindung mit den in Thrakien eingerueckten Haufen. Aber den oft belagerten,
jetzt bis aufs aeusserste gebrachten Thessalonikern brachte Kaiser Claudius, der
persoenlich mit starker Macht heranrueckte, endlich Entsatz; er trieb die Goten
vor sich her das Tal des Axios (Vardar) hinauf und weiter ueber die Berge
hinueber nach Obermoesien; nach mancherlei Kaempfen mit wechselndem Kriegsglueck
erfocht er hier im Moravatal bei Naissus einen glaenzenden Sieg, in welchem
50000 Feinde gefallen sein sollen. Die Goten wichen in Aufloesung zurueck, in
der Richtung erst auf Makedonien, dann durch Thrakien zum Haemus, um die Donau
zwischen sich und den Feind zu bringen. Fast haette ihnen ein Zwist im
roemischen Lager, diesmal zwischen Infanterie und Reiterei, noch einmal Luft
gemacht; aber als es zum Schlagen kam, ertrugen die Reiter es doch nicht, ihre
Kameraden im Stich zu lassen und so siegte die vereinigte Armee abermals. Eine
schwere Seuche, welche in all den Jahren der Not, aber besonders damals in
diesen Gegenden und vor allem in den Heeren wuetete, tat zwar auch den Roemern
grossen Schaden - Kaiser Claudius selbst erlag ihr -, aber das grosse Heer der
Nordlaender wurde voellig aufgerieben und die zahlreichen Gefangenen in die
roemischen Heere eingereiht oder zu Leibeigenen gemacht. Auch die Hydra der
Militaerrevolutionen wurde einigermassen gebaendigt; Claudius und nach ihm
Aurelianus waren in anderer Weise Herren im Reich, als dies von Gallienus gesagt
werden kann. Die Erneuerung der Flotte, wozu unter Gallienus ein Anfang gemacht
worden war, wird nicht gefehlt haben. Das traianische Dakien war und blieb
verloren; Aurelianus zog die dort sich noch haltenden Posten heraus und gab den
vertriebenen oder zur Auswanderung geneigten Besitzern neue Wohnstaetten auf dem
moesischen Ufer. Aber Thrakien und Moesien, die eine Zeitlang mehr den Goten als
den Roemern gehoert hatten, kehrten unter roemische Herrschaft zurueck, und
wenigstens die Donaugrenze ward wieder befestigt.
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^28 In unserer Ueberlieferung erscheint dieser Zug als eine reine Seefahrt,
unternommen mit (wahrscheinlich) 2000 Schiffen (so die Biographie des Claudius;
die Zahlen 6000 und 900, zwischen denen die Ueberlieferung bei Zos. hist. 1, 42,
schwankt, sind wohl beide verdorben) und 320000 Menschen. Indes ist es wenig
glaublich dass Dexippus, auf den diese Angaben zurueckgehen muessen die letztere
Ziffer in dieser Weise hat setzen koennen. Andererseits ist bei der Richtung des
Zuges zunaechst gegen Tomis und Markianopolis es mehr als wahrscheinlich, dass
dabei das von Zos. hist. 1, 34 beschriebene Verfahren befolgt ward und ein Teil
zu Lande marschierte, und unter dieser Voraussetzung mochte auch ein Zeitgenosse
die Zahl der Angreifer wohl auf jene Ziffer schaetzen. Auch zeigt der Verlauf
des Feldzugs, namentlich der Ort der Entscheidungsschlacht, dass man es
keineswegs bloss mit einer Flotte zu tun hatte.
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Man wird diesen Goten- und Skythenzuegen zu Lande und zur See, welche die
zwanzig Jahre 250 bis 269 ausfuellen, nicht die Bedeutung beilegen duerfen, dass
die ausschwaermenden Haufen darauf bedacht gewesen waeren, die Landschaften, die
sie betraten, in bleibenden Besitz zu nehmen. Ein solcher Plan ist nicht einmal
fuer Moesien und Thrakien nachweisbar, geschweige denn fuer die entfernteren
Kuesten; schwerlich waren auch die Angreifer zahlreich genug, um eigentliche
Invasionen zu unternehmen. Wie das schlechte Regiment der letzten Herrscher und
vor allem die Unzuverlaessigkeit der Truppen viel mehr als die Uebermacht der
Barbaren die Ueberflutung des Gebietes durch Land- und Seeraeuber hervorriefen,
so zog die Wiederherstellung der inneren Ordnung und das energische Auftreten
der Regierung von selbst die Befreiung desselben nach sich. Noch konnte der
roemische Staat nicht gebrochen werden, wenn er nicht sich selber brach. Immer
aber war es ein grosses Werk, das Regiment so wieder zusammenzunehmen, wie
Claudius es getan hat. Wir wissen noch etwas weniger von ihm, als von den
meisten Regenten dieser Zeit, da die wahrscheinlich fiktive Zurueckfuehrung des
konstantinischen Stammbaumes auf ihn sein Bild nach der platten
Vollkommenheitsschablone uebermalt hat; aber diese Anknuepfung selbst, sowie die
zahllosen nach seinem Tode ihm zu Ehren geschlagenen Muenzen beweisen, dass er
der naechsten Generation als der Retter des Staates galt, und sie wird darin
nicht geirrt haben. Ein Vorspiel der spaeteren Voelkerwanderung sind diese
Skythenzuege allerdings; und die Staedtezerstoerung, welche sie vor den