Maehren und Oberungarn geschieden. Konflikte mit den Roemern scheinen hier nicht
stattgefunden zu haben; das Lehnsverhaeltnis der Quadenfuersten wurde sogar
unter Pius' Regierung durch die erbetene Bestaetigung in foermlicher Weise
anerkannt. Voelkerverschiebungen, die jenseits des roemischen Horizonts liegen,
sind die naechste Ursache des grossen Krieges gewesen. Bald nach Pius' Tode
(161) erschienen Haufen von Germanen, namentlich Langobarden von der Elbe her,
aber auch Markomannen und andere Mannschaften in Pannonien, es scheint, um neue
Wohnsitze am rechten Ufer zu gewinnen. Gedraengt von den roemischen Truppen, die
ihnen entgegengeschickt wurden, entsandten sie den Markomannenfuersten
Ballomarius und mit ihm je einen Vertreter der zehn beteiligten Staemme, um ihre
Bitte um Landanweisung zu erneuern. Aber der Statthalter liess es bei dem
Bescheid und zwang sie, ueber die Donau zurueckzugehen. Dies ist der Anfang des
grossen Donaukrieges ^17. Auch der Statthalter von Obergermanien, Gaius Aufidius
Victorinus, der Schwiegersohn des literarisch bekannten Fronto, hatte bereits um
das Jahr 162 einen Ansturm der Chatten abzuschlagen, welcher ebenfalls durch
nachdraengende Voelkerschaften von der Elbe her veranlasst sein mag. Waere
gleich energisch eingeschritten worden, so haette groesserem Unheil vorgebeugt
werden koennen. Aber eben damals hatte der Armenische Krieg begonnen, in den
bald die Parther eintraten; wenn auch die Truppen nicht gerade von der bedrohten
Grenze weg nach dem Osten geschickt wurden, wofuer wenigstens keine Beweise
vorliegen ^18, so fehlte es doch an Mannschaft, um den zweiten Krieg sofort
energisch aufzunehmen. Dies Temporisieren hat sich schwer geraecht. Eben als in
Rom ueber die Koenige des Ostens triumphiert ward, brachen an der Donau die
Chatten, die Markomannen, die Quaden, die Jazygen wie mit einem Schlag ein in
das roemische Gebiet. Raetien, Noricum, beide Pannonien, Dakien waren im selben
Augenblick ueberschwemmt; im dakischen Grubendistrikt koennen noch wir die
Spuren dieses Einbruchs verfolgen. Welche Verheerungen sie in diesen
Landschaften, die seit langem keinen Feind gesehen hatten, damals anrichteten,
zeigt die Tatsache, dass mehrere Jahre spaeter die Quaden erst 13000, dann noch
50000, die Jazygen gar 100000 roemische Gefangene zurueckgaben. Es blieb nicht
einmal bei der Schaedigung der Provinzen. Es geschah, was seit drei
Jahrhunderten nicht geschehen war und anfing als unmoeglich zu gelten: die
Barbaren durchbrachen den Alpenwall und fielen in Italien selbst ein; von
Raetien aus zerstoerten sie Opitergium (Oderzo), die Scharen von der Julischen
Alpe berannten Aquileia ^19. Niederlagen einzelner roemischer Armeekorps muessen
mehrfach stattgefunden haben; wir erfahren nur, dass einer der
Gardekommandanten, Victorinus, vor dem Feind blieb und die Reihen der roemischen
Heere sich in arger Weise lichteten.
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^17 Vita Marci 14: gentibus quae pulsae a superioribus barbaris fugerant
nisi reciperentur bellum ireferentibus. Dio bei Petrus Patricius fr. 6:
Laggibard/o/n kai Obi/o/n (sonst unbekannt) exakischili/o/n Istr/o/n
perai/o/thent/o/n t/o/n peri Bindika (vielleicht schon damals praef. praetorio,
in welchem Fall die Garde wegen dieses Vorganges ausmarschiert waere) ippe/o/n
exelasant/o/n kai t/o/n amphi Kandidon pez/o/n epiphthasant/o/n eis pantel/e/
phyg/e/n oi barbaroi etraponto. eph'ois o?t/o/ prachth/e/sin en deei katastantes
ek pr/o/t/e/s epicheir/e/se/o/s oi barbaroi presbeis para Ailion Basson t/e/n
Paionian dieponta stelloysi Ballomarion te ton basilea Markoman/o/n kai eteroys
deka, kat' ethnos epilexamenoi ena. kai orkois t/e/n eir/e/n/e/n oi presbeis
pist/o/samenoi oikade ch/o/ro?sin. Dass dieser Vorfall vor den Ausbruch des
Krieges faellt, zeigt seine Stellung; fr. 7 des Patricius ist Exzerpt aus Dio
71, 11, 2.
^18 Das moesische Heer gab Soldaten zum Armenischen Krieg ab (O.
Hirschfeld, Archaeologisch-epigraphische Mittheilungen 6, S. 41); aber hier war
die Grenze nicht gefaehrdet.
^19 Die Beteiligung der rechtsrheinischen Germanen bezeugt Dio 71, 3, und
nur dadurch erklaeren sich die Massregeln, die Marcus fuer Raetia und Noricum
traf. Auch die Lage von Oderzo spricht dafuer, dass diese Angreifer ueber den
Brenner kamen.
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Der schwere Angriff traf den Staat zur ungluecklichsten Stunde. Zwar der
orientalische Krieg war beendigt; aber in seinem Gefolge hatte eine Seuche sich
in Italien und dem ganzen Westen verbreitet, die dauernder als der Krieg und in
entsetzlicherem Masse die Menschen hinraffte. Wenn die Truppen, wie es notwendig
war, zusammengezogen wurden, so fielen der Pest die Opfer nur um so zahlreicher.
Wie zu der Pestilenz immer die teure Zeit gehoert, so erschien auch hier mit ihr
Misswachs und Hungersnot und schwere Finanzkalamitaet - die Steuern gingen nicht
ein, und im Laufe des Krieges sah sich der Kaiser veranlasst, die Kleinodien
seines Palastes in oeffentlicher Auktion zu veraeussern. Es fehlte an einem
geeigneten Leiter. Eine so ausgedehnte und so verwickelte militaerisch-
politische Aufgabe konnte, wie die Dinge in Rom lagen, kein beauftragter
Feldherr, sondern allein der Herrscher selbst auf sich nehmen. Marcus hatte, in
richtiger und bescheidener Erkenntnis dessen, was ihm abging, bei der
Thronbesteigung sich seinen juengeren Adoptivbruder Lucius Verus
gleichberechtigt zur Seite gestellt, in der wohlwollenden Voraussetzung, dass
der flotte junge Mann, wie er ein tuechtiger Fechter und Jaeger war, so auch zum
faehigen Feldherrn sich entwickeln werde. Aber den scharfen Blick des
Menschenkenners besass der ehrliche Kaiser nicht; die Wahl war so ungluecklich
wie moeglich ausgefallen; der eben beendigte Parthische Krieg hatte den
nominellen Feldherrn als eine wueste Persoenlichkeit und einen unfaehigen
Offizier gezeigt. Verus' Mitregentschaft war nichts als eine Kalamitaet mehr,
die freilich durch seinen, nicht lange nach dem Ausbruch des Markomannischen
Krieges erfolgten Tod (169) in Wegfall kam. Marcus, seinen Neigungen nach mehr
reflektiv als dem praktischen Leben zugewandt und ganz und gar kein Soldat,
ueberhaupt keine hervorragende Persoenlichkeit, uebernahm die ausschliessliche
und persoenliche Leitung der erforderlichen Operationen. Er mag dabei im
einzelnen Fehler genug gemacht haben, und vielleicht geht die lange Dauer der
Kaempfe darauf mit zurueck; aber die Einheit des Oberbefehls, die klare Einsicht
in den Zweck der Kriegfuehrung, die Folgerichtigkeit des staatsmaennischen
Handelns, vor allem die Rechtschaffenheit und Festigkeit des seines schweren
Amtes mit selbstvergessener Treue waltenden Mannes haben schliesslich den
gefaehrlichen Ansturm gebrochen. Es ist dies ein um so hoeheres Verdienst, als
der Erfolg mehr dem Charakter als dem Talent verdankt wird.
Worauf man sich gefasst machte, zeigt die Tatsache, dass die Regierung,
trotz des Mangels an Menschen und an Geld, in dem ersten Jahre dieses Krieges
mit ihren Soldaten und auf ihre Kosten die Mauern der Hauptstadt Dalmatiens,
Salonae, und der Hauptstadt Thrakiens, Philippopolis, herstellen liess; sicher
sind dies nicht vereinzelte Anordnungen gewesen. Man musste sich darauf
vorbereiten, die Nordlaender ueberall die grossen Staedte des Reiches berennen
zu sehen; die Schrecken der Gotenzuege pochten schon an die Pforten und wurden
vielleicht fuer diesmal nur dadurch abgewandt, dass die Regierung sie kommen
sah. Die unmittelbare Oberleitung der militaerischen Operationen und die durch
die Sachlage geforderte Regulierung der Beziehungen zu den Grenzvoelkern und
Reformierung der bestehenden Ordnungen an Ort und Stelle durfte weder fehlen
noch dem charakterlosen Bruder oder Einzelfuehrern ueberlassen werden. In der
Tat aenderte sich die Lage der Dinge, sowie die beiden Kaiser in Aquileia
eintrafen, um von dort mit dem Heer nach dem Kriegsschauplatz abzugehen. Die
Germanen und Sarmaten, wenig in sich geeinigt und ohne gemeinschaftliche
Leitung, fuehlten sich solchem Gegenschlag nicht gewachsen. Die eingedrungenen
Haufen zogen ueberall sich zurueck; die Quaden sandten den kaiserlichen
Statthaltern ihre Unterwerfung ein, und vielfach buessten die Fuehrer der gegen
die Roemer gerichteten Bewegung diesen Rueckschlag mit dem Leben. Lucius meinte,
dass der Krieg Opfer genug gefordert habe und riet zur Rueckkehr nach Rom. Aber
die Markomannen verharrten in trotzigem Widerstand, und die Kalamitaet, die
ueber Rom gekommen war, die Hunderttausende der weggeschleppten Gefangenen, die
von den Barbaren errungenen Erfolge forderten gebieterisch eine kraeftigere
Politik und die offensive Fortsetzung des Krieges. Marcus' Schwiegersohn
Tiberius Claudius Pompeianus uebernahm ausserordentlicherweise das Kommando in
Raetien und Noricum; sein tuechtiger Unterbefehlshaber, der spaetere Kaiser
Publius Helvius Pertinax, saeuberte ohne Schwierigkeit mit der aus Pannonien
herbeigerufenen ersten Hilfslegion das roemische Gebiet. Trotz der Finanznot
wurden namentlich aus illyrischen Mannschaften, bei deren Aushebung freilich
mancher bisherige Strassenraeuber zum Landesverteidiger gemacht ward, zwei neue
Legionen gebildet und, wie schon frueher angegeben ward, die bisher
geringfuegige Grenzwacht dieser beiden Provinzen durch die neuen Legionslager
von Regensburg und Enns verstaerkt. In die oberpannonischen Lager begaben sich
die Kaiser selbst. Vor allen Dingen kam es darauf an, den Herd des Kriegsfeuers
einzuschraenken. Die von Norden kommenden Barbaren, die ihre Hilfe anboten,
wurden nicht zurueckgewiesen und fochten in roemischem Sold, soweit sie nicht,
was auch vorkam, ihr Wort brachen und mit dem Feind gemeinschaftliche Sache
machten. Den Quaden, welche um Frieden und um die Bestaetigung des neuen Koenigs
Furtius baten, wurde diese bereitwillig zugestanden und nichts gefordert als
Rueckgabe der Ueberlaeufer und der Gefangenen. Es gelang einigermassen, den
Krieg auf die beiden Hauptgegner, die Markomannen und die von alters her ihnen
verbuendeten Jazygen, zu beschraenken. Gegen diese beiden Voelker wurde in den
folgenden Jahren in schweren Kaempfen und nicht ohne Niederlage gestritten. Wir
wissen davon nur Einzelheiten, die sich nicht in festen Zusammenhang bringen
lassen. Marcus Claudius Fronto, dem die ausserordentlicherweise vereinigten
Kommandos von Obermoesien und Dakien anvertraut waren, fiel um das Jahr 171 im
Kampfe gegen Germanen und Jazygen. Ebenso fiel vor dem Feind der Gardekommandant
Marcus Macrinius Vindex. Sie und andere hochgestellte Offiziere erhielten in
diesen Jahren Ehrendenkmaeler in Rom an der Saeule Traians, weil sie in
Verteidigung des Vaterlandes den Tod gefunden hatten. Die barbarischen Staemme,
die sich fuer Rom erklaert hatten, fielen zum Teil wieder ab, so die Cotiner und
vor allem die Quaden, welche den fluechtigen Markomannen eine Freistatt
gewaehrten und ihren Vasallenkoenig Furtius vertrieben, worauf Kaiser Marcus auf
den Kopf seines Nachfolgers Ariogaesus einen Preis von 1000 Goldstuecken setzte.
Erst im sechsten Kriegsjahr (172) scheint die voellige Ueberwindung der
Markomannen erreicht worden zu sein und danach Marcus den wohlverdienten
Siegestitel Germanicus angenommen zu haben. Es folgte dann die Niederwerfung der
Quaden, endlich im Jahre 175 die der Jazygen, infolge deren der Kaiser den
weiteren Beinamen des Sarmatensiegers empfing. Die Bedingungen, welche den
ueberwundenen Voelkerschaften gestellt wurden, zeigen, dass Marcus nicht zu
strafen beabsichtigte, sondern zu unterwerfen. Den Markomannen und den Jazygen,
wahrscheinlich auch den Quaden, wurde auferlegt, einen Grenzstreifen am Flusse
in der Breite von zwei, nach spaeterer Milderung von einer deutschen Meile zu
raeumen. In die festen Plaetze am rechten Donauufer wurden roemische Besatzungen
gelegt, die allein bei den Markomannen und Quaden zusammen sich auf nicht
weniger als 20000 Mann beliefen. Alle Unterworfenen hatten Zuzug zum roemischen
Heer zu stellen, die Jazygen zum Beispiel 8000 Reiter. Waere der Kaiser nicht
durch die Insurrektion Syriens abgerufen worden, so haette er die letzteren ganz
aus ihrer Heimat getrieben, wie Traianus die Daker. Dass Marcus die abgefallenen
Transdanuvianer nach diesem Muster zu behandeln gedachte, bestaetigt der weitere
Verlauf. Kaum war jenes Hindernis beseitigt, so ging der Kaiser wieder an die
Donau und begann, eben wie Traianus, im Jahre 178 den zweiten, abschliessenden
Krieg. Die Motivierung dieser Kriegserklaerung ist nicht bekannt; der Zweck wird
ohne Zweifel richtig dahin angegeben, dass er zwei neue Provinzen, Marcomania
und Sarmatia, einzurichten gedachte. Den Jazygen, die sich den Absichten des
Kaisers fuegsam gezeigt haben werden, wurden die laestigen Auflagen
groesstenteils erlassen, ja ihnen fuer den Verkehr mit ihren oestlich von Dakien
hausenden Stammverwandten, den Roxolanern, der Durchgang durch Dakien unter
angemessener Aufsicht gewaehrt - wahrscheinlich auch nur, weil sie schon als
roemische Untertanen betrachtet wurden. Die Markomannen wurden durch Schwert und
Hunger fast aufgerieben. Die verzweifelnden Quaden wollten nach Norden
auswandern und bei den Semnonen sich Sitze suchen; aber auch dies wurde ihnen
nicht gestattet, da sie die Aecker zu bestellen hatten, um die roemischen
Besatzungen zu versorgen. Nach vierzehnjaehriger, fast ununterbrochener
Waffenarbeit stand der Kriegsfuerst wider Willen am Ziel und die Roemer zum
zweiten Mal vor der Gewinnung der oberen Elbe; jetzt fehlte in der Tat nur die
Ankuendigung, das Gewonnene festhalten zu wollen. Da starb er, noch nicht
sechzig Jahre alt, im Lager von Vindobona am 17. Maerz 180.
Man wird nicht bloss die Entschlossenheit und die Konsequenz des Herrschers
anerkennen, sondern auch einraeumen muessen, dass er tat, was die richtige
Politik gebot. Die Eroberung Dakiens durch Traian war ein zweifelhafter Gewinn,
obwohl eben in dem Markomannischen Krieg der Besitz Dakiens nicht bloss ein
gefaehrliches Element aus den Reihen der Gegner Roms entfernt, sondern
wahrscheinlich auch bewirkt hat, dass der Voelkerschwarm an der unteren Donau,
die Bastarner, die Roxolaner und andere mehr in den Markomannenkrieg nicht
eingegriffen haben. Aber nachdem der gewaltige Ansturm der Transdanuvianer
westlich von Dakien die Niederwerfung derselben zur Notwendigkeit gemacht hatte,
konnte diese nur in abschliessender Weise ausgefuehrt werden, indem Boehmen,
Maehren und die Theissebene in die roemische Verteidigungslinie eingezogen
wurden, wenn auch diesen Gebieten wohl nur, wie Dakien, eine Vorpostenstellung
zugedacht war und die strategische Grenzlinie sicher die Donau bleiben sollte.
Des Marcus Nachfolger, Kaiser Commodus, war im Lager anwesend, als der
Vater starb und trat, da er die Krone schon seit mehreren Jahren dem Namen nach
mit dem Vater teilte, mit dessen Tode sofort in den Besitz der unumschraenkten
Gewalt. Nur kurze Zeit liess der neunzehnjaehrige Nachfolger die
Vertrauensmaenner des Vaters, seinen Schwager Pompeianus und andere, die mit
Marcus die schwere Last des Krieges getragen hatten, im Sinne desselben
schalten. Commodus war in jeder Hinsicht das Gegenteil seines Vaters; kein
Gelehrter, sondern ein Fechtmeister, so feig und charakterschwach, wie dieser
entschlossen und konsequent, so traege und pflichtvergessen wie dieser taetig
und gewissenhaft. Er gab nicht bloss die Einverleibung des gewonnenen Gebiets
auf, sondern gewaehrte auch den Markomannen freiwillig Bedingungen, wie sie sie
nicht hatten hoffen duerfen. Die Regulierung des Grenzverkehrs unter roemischer
Kontrolle und die Verpflichtung, ihre den Roemern befreundeten Nachbarn nicht zu
schaedigen, verstanden sich von selbst; aber die Besatzungen wurden aus ihrem
Lande zurueckgezogen und nur das Gebot, den Grenzstreifen nicht zu besiedeln,
festgehalten. Die Leistung von Abgaben und die Stellung von Rekruten wurde wohl
ausbedungen, aber jene bald erlassen und diese sicher nie gestellt. Aehnlich
ward mit den Quaden abgeschlossen und wird mit den uebrigen Transdanuvianern
abgeschlossen worden sein. Damit waren die gemachten Eroberungen aufgegeben, und
die vieljaehrige Kriegsarbeit war umsonst; wenn man nicht mehr wollte, so war
eine aehnliche Ordnung der Dinge schon viel frueher zu erreichen. Dennoch hat
der Markomannische Krieg die Suprematie Roms in diesen Landschaften fuer die
Folgezeit sichergestellt, trotzdem Rom den Siegespreis aus der Hand gab. Nicht
von den Staemmen, welche dabei beteiligt waren, ist der Stoss gefuehrt worden,
dem die roemische Weltmacht erlag.
Eine andere bleibende Folge dieses Krieges haengt zusammen mit den durch
denselben veranlassten Oberfuehrungen der Transdanuvianer in das Roemische
Reich. An sich waren derartige Umsiedlungen zu aller Zeit vorgekommen; die unter
Augustus nach Gallien verpflanzten Sugambrer, die nach Thrakien gesandten Daker
waren nichts als neue, zu den frueher vorhandenen hinzutretende Untertanen oder
Untertanengemeinden, und etwas anderes sind wohl auch die 3000 Naristen nicht
gewesen, denen Marcus gestattete, ihre Sitze westlich von Boehmen mit solchen im
Reich zu vertauschen, waehrend den sonst unbekannten Astingern an der dakischen
Nordgrenze die gleiche Bitte abgeschlagen ward. Aber die nicht bloss im
Donauland, sondern in Italien selbst, bei Ravenna, von ihm angesiedelten
Germanen waren weder freie Untertanen noch eigentlich unfreie Leute; es sind
dies die Anfaenge der roemischen Leibeigenschaft, des Kolonats, dessen
Eingreifen in die Bodenwirtschaft des gesamten Staats in anderem Zusammenhang
darzulegen ist. Jene ravennatische Ansiedlung hat indes keinen Bestand gehabt;
die Leute lehnten sich auf und mussten wieder weggeschafft werden, so dass der
neue Kolonat zunaechst auf die Provinzen, namentlich die Donaulandschaften,
beschraenkt blieb.
Wiederum folgte auf den grossen Krieg an der mittleren Donau eine fast
sechzigjaehrige Friedenszeit, deren Segen durch das waehrend derselben stetig
steigende innere Missregiment nicht vollstaendig aufgehoben werden konnte. Wohl
zeigt manche vereinzelte Nachricht, dass die Grenze, namentlich die am meisten
exponierte dakische, nicht ohne Anfechtung blieb; aber vor allem das straffe
Militaerregiment des Severus tat hier seine Schuldigkeit, und wenigstens
Markomannen und Quaden erscheinen auch unter dessen naechsten Nachfolgern in
unbedingter Abhaengigkeit, so dass der Sohn des Severus einen Quadenfuersten vor
sich zitieren und ihm den Kopf vor die Fuesse legen konnte. Auch die in dieser
Epoche an der unteren Donau gelieferten Kaempfe sind von untergeordnetem Belang.
Aber wahrscheinlich hat in dieser Zeit eine umfassende Voelkerverschiebung von
Nordosten her gegen das Schwarze Meer stattgefunden und die roemische Grenzwacht
an der unteren Donau neuen und gefaehrlicheren Gegnern gegenuebergestellt. Bis
auf diese Zeit hatten den Roemern dort vorzugsweise sarmatische Voelkerschaften
gegenueber gestanden, unter denen sich die Roxolaner mit den Roemern am
naechsten beruehrten; von Germanen sassen damals hier nur die seit langem in
dieser Gegend heimischen Bastarner. Jetzt verschwinden die Roxolaner, vielleicht
unter den dem Anschein nach, ihnen stammverwandten Carpern, welche fortan an der
unteren Donau, etwa in den Taelern des Sereth und Pruth, die naechsten Nachbarn
der Roemer sind. Neben die Carper, ebenfalls als unmittelbare Nachbarn der
Roemer an der Donaumuendung, tritt das Volk der Goten. Dieser germanische Stamm
ist nach der einheimischen Erzaehlung, die uns erhalten ist, von Skandinavien
ueber die Ostsee nach der Weichselgegend und aus dieser zum Schwarzen Meer
gewandert; damit uebereinstimmend kennen die roemischen Geographen des 2.
Jahrhunderts sie an der Weichset und die roemische Geschichte seit dem ersten
Drittel des dritten an der nordwestlichen Kueste des Schwarzen Meeres. Von da an
erscheinen sie hier in stetigem Anschwellen; die Reste der Bastarner sind unter
Kaiser Probus, die Reste der Carper unter Kaiser Diocletian vor ihnen auf das
rechte Donauufer gewichen, waehrend ohne Zweifel ein grosser Teil dieser wie
jener sich unter die Goten mischten und ihnen sich anschlossen. ueberall darf
diese Katastrophe nur in dem Sinne als die des Gotenkrieges bezeichnet werden,
wie die unter Marcus eingetretene von den Markomannen heisst; die ganze Masse
der durch den Wanderstrom vom Nordosten zum Schwarzen Meer in Bewegung gesetzten
Voelkerschaften ist daran beteiligt, und um so mehr beteiligt, als diese
Angriffe ebenso zu Lande ueber die untere Donau, wie zu Wasser von der
Nordkueste des Schwarzen Meeres aus in einer unentwirrbaren Verschlingung der
Land- und der Seepiraterie erfolgten. Nicht unpassend nennt darum der gelehrte
Athener, der in ihm gefochten und ihn erzaehlt hat, diesen Krieg vielmehr den
Skythischen, indem er unter diesem, gleich dem pelasgischen die Verzweiflung der
Historiker machenden Namen alle germanischen und nichtgermanischen Reichsfeinde
zusammenfasst. Was ueber diese Zuege zu berichten ist, soll, soweit die der
Verwirrung dieser schrecklichen Zeiten nur zu sehr entsprechende Verwirrung der
Ueberlieferung es gestattet, hier zusammengefasst werden.
Das Jahr 238, auch ein Vierkaiserjahr des Buergerkriegs, wird bezeichnet
als dasjenige, in dem der Krieg gegen die hier zuerst genannten Goten begann
^20. Da die Muenzen von Tyra und Olbia mit Alexander (+ 235) aufhoeren, so sind
diese ausserhalb der Reichsgrenze gelegenen roemischen Besitzungen wohl schon
einige Jahre frueher eine Beute der neuen Feinde geworden. In jenem Jahr
ueberschritten sie zuerst die Donau, und die noerdlichste der moesischen
Kuestenstaedte, Istros, war das erste Opfer. Gordian, der aus den Wirren dieser
Zeit als Herrscher hervorging, wird als Besieger der Goten bezeichnet; gewisser
ist es, dass die roemische Regierung, wenn nicht schon frueher, so doch unter
ihm, sich dazu verstand, die gotischen Einfaelle abzukaufen ^21.
Begreiflicherweise forderten die Carper das gleiche, was der Kaiser den
schlechteren Goten bewilligt habe; als die Forderung nicht gewaehrt ward, fielen
sie im Jahre 245 in das roemische Gebiet ein. Kaiser Philippus - Gordianus war
damals schon tot - schlug sie zurueck, und eine energische Aktion mit der
vereinigten Kraft des grossen Reiches wuerde den Barbaren wohl hier Halt geboten
haben. Aber in diesen Jahren fand der Kaisermoerder so sicher den Thron wie
wiederum seinen Moerder und Nachfolger; eben in den gefaehrdeten
Donaulandschaften rief die Armee gegen Kaiser Philippus erst den Marinus
Pacatianus und nach dessen Beseitigung den Traianus Decius aus, welcher letztere
in der Tat in Italien seinen Gegner ueberwand und als Herrscher anerkannt ward.
Er war ein tuechtiger und tapferer Mann, nicht unwert der beiden Namen, die er
trug, und trat, sowie er konnte, entschlossen in die Kaempfe an der Donau ein;
aber was der inzwischen gefuehrte Buergerkrieg verdorben hatte, liess sich nicht
mehr einbringen. Waehrend die Roemer miteinander schlugen, hatten die Goten und
die Carper sich geeinigt und waren unter dem Gotenfuersten Cniva in das von
Truppen entbloesste Moesien eingefallen. Der Statthalter der Provinz,
Trebonianus Gallus, warf sich mit seiner Mannschaft nach Nikopolis am Haemus und
wurde hier von den Goten belagert; diese raubten zugleich Thrakien aus und