sondern er selbst war ebenfalls und nicht getischer Dichter ^5. Der letzte der

thrakischen Koenige, des frueh gestorbenen Kotys Sohn Rhoemetalkes, war in Rom

aufgewachsen und gleich dem Herodeer Agrippa des Kaisers Gaius Jugendgespiele.

Die thrakische Nation aber teilte keineswegs die roemischen Neigungen des

regierenden Hauses, und die Regierung ueberzeugte sich allmaehlich in Thrakien

wie in Palaestina, dass der schwankende, nur durch bestaendiges Eingreifen der

Schutzmacht aufrecht erhaltene Vasallenthron weder fuer sie noch fuer das Land

von Nutzen und die Einfuehrung der unmittelbaren Verwaltung in jeder Hinsicht

vorzuziehen sei. Kaiser Tiberius benutzte die in dem thrakischen Koenigshause

entstandenen Zerwuerfnisse, um in der Form der Vormundschaftsfuehrung ueber die

unmuendigen Prinzen im Jahre 19 einen roemischen Statthalter, Titus Trebellenus

Rufus, nach Thrakien zu schicken. Doch vollzog sich diese Okkupation nicht ohne

freilich erfolglosen, aber ernstlichen Widerstand des Volkes, das namentlich in

den Bergtaelern sich um die von Rom gesetzten Herrscher wenig kuemmerte, und

dessen Mannschaften, von ihren Stammhaeuptern gefuehrt, sich kaum als

koenigliche, noch weniger als roemische Soldaten fuehlten. Die Sendung des

Trebellenus rief im Jahre 21 einen Aufstand hervor, an dem nicht bloss die

angesehensten thrakischen Voelkerschaften sich beteiligten, sondern der

groessere Verhaeltnisse anzunehmen drohte; Boten der Insurgenten gingen ueber

den Haemus, um in Moesien und vielleicht noch weiter hin den Nationalkrieg zu

entfachen. Indes die moesischen Legionen erschienen rechtzeitig, um

Philippopolis, das die Aufstaendischen belagerten, zu entsetzen und die Bewegung

zu unterdruecken. Aber als einige Jahre spaeter (25) die roemische Regierung in

Thrakien Aushebungen anordnete, weigerten sich die Mannschaften, ausserhalb des

eigenen Landes zu dienen. Da keine Ruecksicht darauf genommen wurde, stand das

ganze Gebirge auf und es folgte ein Verzweiflungskampf, in welchem die

Insurgenten, endlich durch Durst und Hunger bezwungen, zum grossen Teil teils in

die Schwerter der Feinde, teils in die eigenen sich stuerzten und lieber dem

Leben entsagten als der altgewohnten Freiheit. Das unmittelbare Regiment dauerte

in der Form der Vormundschaftsfuehrung in Thrakien bis zum Tode des Tiberius;

und wenn Kaiser Gaius bei dem Antritt der Regierung dem thrakischen Jugendfreund

ebenso wie dem juedischen die Herrschaft zurueckgab, so machte wenige Jahre

darauf, im Jahre 46, die Regierung des Claudius ihr definitiv ein Ende. Auch

diese schliessliche Einziehung des Koenigreichs und Umwandlung in einen

roemischen Bezirk traf noch auf eine gleich hoffnungslose und gleich

hartnaeckige Gegenwehr. Aber mit der Einfuehrung der unmittelbaren Verwaltung

ist der Widerstand gebrochen. Eine Legion hat der Statthalter, anfangs von

Ritter-, seit Traian von Senatorenrang, niemals gehabt; die in das Land gelegte

Besatzung, wenn sie auch nicht staerker war als 2000 Mann nebst einem kleinen

bei Perinthos stationierten Geschwader, genuegte in Verbindung mit den sonst von

der Regierung getroffenen Vorsichtsmassregeln, um die Thraker niederzuhalten.

Mit der Anlegung der Militaerstrassen wurde gleich nach der Einziehung begonnen;

wir finden, dass die bei dem Zustand des Landes erforderlichen Stationsgebaeude

fuer die Unterkunft der Reisenden bereits im Jahre 61 von der Regierung

eingerichtet und dem Verkehr uebergeben wurden. Thrakien ist seitdem eine

gehorsame und wichtige Reichsprovinz; kaum hat irgendeine andere fuer alle Teile

der Kriegsmacht, insbesondere auch fuer die Reiterei und die Flotte, so

zahlreiche Mannschaften gestellt wie dieses alte Heimatland der Fechter und der

Lohnsoldaten.

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^4 Das sagt Tac. ann. 2, 64 ausdruecklich. Freie Thraker, vom roemischen

Standpunkt aus betrachtet, gab es damals nicht; wohl aber behauptete das

thrakische Gebirge, namentlich die Rhodope der Besser, auch im Friedensstand den

von Rom eingesetzten Fuersten gegenueber eine kaum als Untertaenigkeit zu

bezeichnende Stellung; sie erkannten wohl den Koenig an, gehorchten ihm aber,

wie Tacitus (a. a. O. und 4, 46 u. 51) sagt, nur, wenn es ihnen passte.

^5 Wir haben noch ein Kotys gewidmetes griechisches Epigramm des Antipater

von Thessalonike (Anthol. Planud. 4, 75), desselben Dichters, der auch den

Thrakersieger Piso feierte, und eine an Kotys gerichtete lateinische Epistel in

Versen des Ovidius (Pont. 2, 9).

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Die ernsten Kaempfe, welche die Roemer auf dem sogenannten thrakischen

Ufer, in der Landschaft zwischen dem Balkan und der Donau mit derselben Nation

zu bestehen hatten und welche zu der Einrichtung des moesischen Kommandos

fuehrten, bilden einen wesentlichen Bestandteil der Regulierung der Nordgrenze

in augustischer Zeit und sind in ihrem Zusammenhang bereits geschildert worden.

Von aehnlichem Widerstand, wie die Thraker ihn den Roemern entgegensetzten, wird

aus Moesien nichts berichtet; die Stimmung daselbst mag nicht anders gewesen

sein, aber in dem ebenen Lande und unter dem Druck der bei Viminacium lagernden

Legionen trat der Widerstand nicht offen hervor.

Die Zivilisation kam den thrakischen Voelkerschaften, wie den illyrischen,

von zwei Seiten: von der Kueste her und von der makedonischen Grenze die der

Hellenen, von der dalmatischen und pannonischen die lateinische. Ueber jene wird

zweckmaessiger zu handeln sein, wo wir versuchen, die Stellung der europaeischen

Griechen unter der Kaiserherrschaft zu bezeichnen; hier genuegt es im

allgemeinen hervorzuheben, dass dieselbe auch hier nicht bloss das Griechentum,

wo sie es fand, geschuetzt hat und die gesamte Kueste, auch die dem Statthalter

von Moesien untergebene, stets griechisch geblieben ist, sondern dass die

Provinz Thrakien, deren Zivilisation ernstlich erst von Traian begonnen und

durchaus ein Werk der Kaiserzeit ist, nicht in die roemische Bahn gelenkt,

sondern hellenisiert ward. Selbst die noerdlichen Abhaenge des Haemus, obwohl

administrativ zu Moesien gehoerig, sind in diese Hellenisierung hineingezogen,

Nikopolis an der Jantra und Markianopolis unweit Varna, beides Gruendungen

Traians, nach griechischem Schema organisiert worden.

Von der lateinischen Zivilisation Moesiens gilt das gleiche wie von der des

angrenzenden dalmatischen und pannonischen Binnenlandes; nur tritt dieselbe, wie

natuerlich, um so viel spaeter, schwaecher und unreiner auf, je weiter sie von

ihrem Ausgangspunkt sich entfernt. Ueberwiegend ist sie hier den Legionslagern

gefolgt und mit diesen nach Osten hin vorgedrungen, ausgehend von den

wahrscheinlich aeltesten Moesiens bei Singidunum (Belgrad) und Viminacium

(Kostolatz) ^6. Freilich hat sie, der Beschaffenheit ihrer bewaffneten Apostel

entsprechend, auch in Obermoesien sich auf sehr niedriger Stufe gehalten und den

primitiven Zustaenden noch Spielraum genug gelassen. Viminacium hat durch

Hadrian italisches Stadtrecht erhalten. Niedermoesien zwischen dem Balkan und

der Donau ist in der frueheren Kaiserzeit wohl durchaus in der Verfassung

geblieben, welche die Roemer vorfanden; erst als die Legionslager an der unteren

Donau bei Novae, Durostorum und Troesmis gegruendet wurden, was, wie weiter

unten dargelegt werden wird, wohl erst im Anfang des 2. Jahrhunderts geschah,

ist auch dieser Teil des rechten Donauufers eine Staette derjenigen italischen

Zivilisation geworden, welche mit der Lagerordnung sich vertrug. Seitdem sind

hier auch buergerliche Ansiedlungen entstanden, namentlich an der Donau selbst

zwischen den grossen Standlagern die nach italischem Muster eingerichteten

Staedte Ratiaria unweit Widin und Oescus am Einfluss der Iskra in die Donau, und

allmaehlich naeherte sich die Landschaft dem Niveau der damals noch bestehenden,

freilich in sich verfallenden roemischen Kultur. Fuer den Wegebau in

Untermoesien sind seit Hadrian, von dem die aeltesten bisher daselbst gefundenen

Meilensteine herruehren, die Regenten vielfach taetig gewesen.

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^6 Es ist eine der empfindlichsten Luecken der roemischen Kaisergeschichte,

dass die Standlager der beiden Legionen, welche unter den Julisch-Claudischen

Kaisern die Besatzung von Moesien bildeten, der 4. Scythica und der 5.

Macedonica (wenigstens standen diese dort im Jahre 33: CIL III, 1698) sich bis

jetzt nicht mit Sicherheit nachweisen lassen. Wahrscheinlich waren es Viminacium

und Singidunum in dem spaeteren Obermoesien. Unter den Legionslagern

Niedermoesiens, von denen namentlich das von Troesmis zahlreiche Monumente

aufzuweisen hat, scheint keines aelter zu sein als Hadrian; die Ueberreste der

obermoesischen sind bis jetzt so sparsam, dass sie wenigstens nicht hindern,

deren Entstehung ein Jahrhundert weiter zurueck zu legen. Wenn der Koenig von

Thrakien im Jahre 18 gegen Bastarner und Skythen ruestet (Tac. ann. 2, 65), so

haette dies auch als Vorwand nicht geltend gemacht werden koennen, wenn

niedermoesische Legionslager schon damals bestanden haetten. Eben diese

Erzaehlung zeigt, dass die Kriegsmacht dieses Lehnsfuersten nicht unbedeutend

war, und die Beseitigung eines unfuegsamen Koenigs von Thrakien Vorsicht

erheischte.

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Wenden wir uns von der Uebersicht der roemischen Herrschaft, wie sie seit

Augustus in den Laendern am rechten Ufer der Donau sich gestaltet hatte, zu den

Verhaeltnissen und den Anwohnern des linken, so ist, was ueber die westliche

Landschaft zu bemerken waere, im wesentlichen schon bei der Schilderung

Obergermaniens zur Sprache gekommen und namentlich hervorgehoben worden, dass

die zunaechst an Raetien angrenzenden Germanen, die Hermunduren, unter den

saemtlichen Nachbarn der Roemer die friedfertigsten gewesen und, soviel uns

bekannt, niemals mit denselben in Konflikt geraten sind.

Dass das Volk der Markomannen oder, wie die Roemer sie in frueherer Zeit

gewoehnlich nennen, der Sueben, nachdem es in augustischer Zeit in dem alten

Boierland, dem heutigen Boehmen, neue Sitze gefunden und durch den Koenig

Maroboduus eine festere staatliche Organisation sich gegeben hatte, waehrend der

roemisch-germanischen Kriege zwar Zuschauer blieb, aber doch durch die

Dazwischenkunft der rheinischen Germanen vor der drohenden roemischen Invasion

bewahrt ward, ist bereits erzaehlt worden; nicht minder, dass der Rueckschlag

des abermaligen Abbruchs der roemischen Offensive am Rhein diesen allzu

neutralen Staat ueber den Haufen warf. Die Vormachtstellung, welche die

Markomannen unter Maroboduus ueber die entfernteren Voelker im Elbegebiet

gewonnen hatten, ging damit verloren, und der Koenig selbst ist als vertriebener

Mann auf roemischer Erde gestorben. Die Markomannen und ihre stammverwandten

oestlichen Nachbarn, die Quaden in Maehren, gerieten insofern in roemische

Klientel, als hier, ungefaehr wie in Armenien, die um die Herrschaft streitenden

Praetendenten sich teilweise auf die Roemer stuetzten und diese das

Belehnungsrecht in Anspruch nahmen und je nach Umstaenden auch ausuebten. Der

Gotonenfuerst Catualda, der zunaechst den Maroboduus gestuerzt hatte, konnte als

dessen Nachfolger sich nicht lange behaupten, zumal da der Koenig der

benachbarten Hermunduren, Vibilius, gegen ihn eintrat; auch er musste auf

roemisches Gebiet uebertreten und, gleich Maroboduus, die kaiserliche Gnade

anrufen. Tiberius bewirkte dann, dass ein vornehmer Quade, Vannius, an seine

Stelle kam; dem zahlreichen Gefolge der beiden verbannten Koenige, das auf dem

rechten Donauufer nicht bleiben durfte, verschaffte Tiberius Sitze auf dem

linken im Marchtal ^7 und dem Vannius die Anerkennung von Seiten der mit Rom

befreundeten Hermunduren. Nach dreissigjaehriger Herrschaft wurde dieser im

Jahre 50 gestuerzt durch seine beiden Schwestersoehne Vangio und Sido, die sich

gegen ihn auflehnten und die Nachbarvoelker, die Hermunduren im Fraenkischen,

die Lugier in Schlesien, fuer sich gewannen. Die roemische Regierung, die

Vannius um Unterstuetzung anging, blieb der Politik des Tiberius getreu: sie

gewaehrte dem gestuerzten Koenig das Asylrecht, intervenierte aber nicht, da

zumal die Nachfolger, die das Gebiet unter sich teilten, bereitwillig die

roemische Oberherrschaft anerkannten. Der neue Suebenfuerst Sido und sein

Mitherrscher Italicus, vielleicht der Nachfolger Vangios, fochten in der

Schlacht, die zwischen Vitellius und Vespasian entschied, mit der roemischen

Donauarmee auf der Seite der Flavianer. In den grossen Krisen der roemischen

Herrschaft an der Donau unter Domitian und Marcus werden wir ihren Nachfolgern

wieder begegnen. Zum Roemischen Reich haben die Donausueben nicht gehoert; die

wahrscheinlich von denselben geschlagenen Muenzen zeigen wohl lateinische

Aufschriften, aber nicht roemischen Fuss, geschweige denn das Bildnis des

Kaisers; eigentliche Abgaben und Aushebungen fuer Rom haben hier nicht

stattgefunden. Aber in dem Machtbereich Roms ist, namentlich im ersten

Jahrhundert, der Suebenstaat in Boehmen und Maehren einbegriffen gewesen und,

wie schon bemerkt ward, ist dies auch auf die Aufstellung der roemischen

Grenzwacht nicht ohne Einfluss geblieben.

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^7 Dass das regnum Vannianum (Plin. nat. 4, 12, 81), der Suebenstaat (Tac.

ann. 12, 29; hist. 3, 5 u. 21) nicht bloss, wie es nach Tacitus ann. 2, 63

scheinen koennte, auf die Wohnsitze der mit Maroboduus und Catualda

uebergetretenen Leute, sondern auf das ganze Gebiet der Markomannen und Quaden

bezogen werden muss, zeigt deutlich der zweite Bericht ann. 12, 29 u. 30, da

hier als Gegner des Vannius neben seinen eigenen insurgierten Untertanen die

westlich und noerdlich an Boehmen angrenzenden Voelker, die Hermunduren und

Lugier, erscheinen. Als Grenze gegen Osten bezeichnet Plinius (a. a. O.) die

Gegend von Carnuntum (Germanorum ibi confinium), genauer den Fluss Marus oder

Duria, der die Sueben und das regnum Vannianum von ihren oestlichen Nachbarn

scheidet, mag man nun das dirimens eos mit Muellenhoff (SB Berlin 1883, S. 871)

auf die Jazygen oder, was naeher liegt, auf die Bastarner beziehen. Sachlich

grenzten wohl beide, die Jazygen suedlich, die Bastarner noerdlich, mit den

Quaden des Marchtals. Demnach ist der Marus die March und die Scheide machen die

zwischen dem March- und dem Waagtal sich erstreckenden kleinen Karpaten. Wenn

also jene Gefolgschaften inter flumen Marum et Cusum angesiedelt werden, so ist

der sonst nicht genannte Cusus, falls die Angabe genau ist, nicht die Waag oder

gar, wie Muellenhoff meinte, die, unterhalb Gran in die Donau fallende Eipel,

sondern ein Zufluss der Donau westlich der March, etwa der Gusen bei Linz. Auch

fordert die Erzaehlung bei Tacitus (ann. 12, 29 u. 30), dass das Gebiet des

Vannius westlich noch ueber die March hinausgereicht hat. Die Subskription unter

dem ersten Buch der Betrachtungen des Kaisers Marcus en Koyadois pros t/o/

Granoia beweist wohl, dass damals der Quadenstaat sich bis zum Granfluss

erstreckte; aber dieser Staat deckt sich nicht mit dem regnum Vannianum.

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In der Ebene zwischen Donau und Theiss, ostwaerts von dem roemischen

Pannonien, hat zwischen dieses und die thrakischen Daker sich ein Splitter

geschoben des wahrscheinlich zum medisch-persischen Stamm gehoerigen Volkes der

Sarmaten, das, nomadisch lebend als Hirten- und Reitervolk, die weite

osteuropaeische Ebene zum grossen Teil fuellte; es sind dies die Jazygen, die

"ausgewanderten" (metanastai) genannt zum Unterschied von dem am Schwarzen Meer

zurueckgebliebenen Hauptstamm. Die Benennung zeigt, dass sie erst

verhaeltnismaessig spaet in diese Gegenden vorgedrungen sind; vielleicht gehoert

ihre Einwanderung mit zu den Stoessen, unter denen um die Zeit der Actischen

Schlacht das Dakerreich des Burebista zusammenbrach. Uns begegnen sie hier

zuerst unter Kaiser Claudius; dem Suebenkoenig Vannius stellten die Jazygen fuer

seine Kriege die Reiterei. Die roemische Regierung war auf der Hut vor den

flinken und raeuberischen Reiterscharen, stand aber uebrigens zu ihnen nicht in

feindlichen Beziehungen. Als die Donaulegionen im Jahre 70 nach Italien

marschierten, um Vespasian auf den Thron zu setzen, lehnten sie den von den

Jazygen angebotenen Reiterzuzug ab und fuehrten nur in schicklicher Form eine

Anzahl der Vornehmsten mit sich, damit diese inzwischen fuer die Ruhe an der

entbloessten Grenze buergten.

Ernstlicher und dauernder Wacht bedurfte es weiter abwaerts an der unteren

Donau. Jenseits des maechtigen Stromes, der jetzt des Reiches Grenze war, sassen

hier in den Ebenen der Walachei und dem heutigen Siebenbuergen die Daker, in dem

oestlichen Flachland, in der Moldau, Bessarabien und weiter hin zunaechst die

germanischen Bastarner, alsdann sarmatische Staemme, wie die Roxolaner, ein

Reitervolk gleich den Jazygen, anfaenglich zwischen Dnjepr und Don, dann am

Meerufer entlang vorrueckend. In den ersten Jahren des Tiberius verstaerkte der

Lehnsfuerst von Thrakien seine Truppen, um die Bastarner und Skythen abzuwehren;

in Tiberius' spaeteren Jahren wurde unter anderen Beweisen seines mehr und mehr

alles gehen lassenden Regiments geltend gemacht, dass er die Einfaelle der Daker

und der Sarmaten ungestraft hinnehme. Wie es in den letzten Jahren Neros

diesseits und jenseits der Donaumuendung zuging, zeigt ungefaehr der zufaellig

erhaltene Bericht des damaligen Statthalters von Moesien, Tiberius Plautius

Silvanus Aelianus. Dieser "fuehrte ueber 100000 jenseits der Donau wohnhafte

Maenner mit ihren Weibern und Kindern und ihren Fuersten oder Koenigen ueber den

Fluss, so dass sie der Steuerentrichtung unterlagen. Eine Bewegung der Sarmaten

unterdrueckte er, bevor sie zum Ausbruch kam, obwohl er einen grossen Teil

seiner Truppen zur Kriegfuehrung in Armenien (an Corbulo) abgegeben hatte. Eine

Anzahl bis dahin unbekannter oder mit den Roemern in Fehde stehender Koenige

fuehrte er ueber auf das roemische Ufer und noetigte sie, vor den roemischen

Feldzeichen den Fussfall zu tun. Den Koenigen der Bastarner und der Roxolaner

sandte er die gefangenen oder den Feinden wieder abgenommenen Soehne, denen der

Daker die gefangenen Brueder zurueck ^8 und nahm von mehreren derselben Geiseln.

Dadurch wurde der Friedensstand der Provinz sowohl befestigt wie weiter

erstreckt. Auch den Koenig der Skythen bestimmte er, abzustehen von der

Belagerung der Stadt Chersonesos (Sevastopol) jenseits des Borysthenes. Es war

der erste, der durch grosse Getreidesendungen aus dieser Provinz das Brot in Rom

wohlfeiler machte". Man erkennt hier deutlich sowohl den unter der Julisch-

Claudischen Dynastie am linken Donauufer gaerenden Voelkerstrudel, wie auch den

starken Arm der Reichsgewalt, der selbst ueber den Strom hinueber die

Griechenstaedte am Dnjepr und in der Krim noch zu schuetzen suchte und

einigermassen auch zu schuetzen vermochte, wie dies bei der Darstellung der

griechischen Verhaeltnisse weiter dargelegt werden wird.

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^8 Regibus Bastarnarum et Roxolanorum filios, Dacorum fratrum captos aut

hostibus ereptos remisit (Orelli 750) ist verschrieben; es muss Fratres heissen

oder allenfalls fratrum filios. Ebenso ist nachher per quaezu lesen fuer per

quem und rege statt regem.

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Indes die Streitkraefte, ueber welche Rom hier verfuegte, waren mehr als

unzulaenglich. Die geringfuegige Besatzung Kleinasiens und die ebenfalls geringe

Flotte auf dem Schwarzen Meer kamen hoechstens fuer die griechischen Anwohner

der noerdlichen und der westlichen Kueste desselben in Betracht. Dem Statthalter

von Moesien, der mit seinen beiden Legionen das Donauufer von Belgrad bis zur

Muendung zu schirmen hatte, war eine sehr schwierige Aufgabe gestellt; und die

Beihilfe der wenig botmaessigen Thraker war unter Umstaenden eine Gefahr mehr.

Insbesondere nach der Muendung der Donau zu mangelte ein genuegendes Bollwerk

gegen die hier mit steigender Wucht andraengenden Barbaren. Der zweimalige Abzug

der Donaulegionen nach Italien in den Wirren nach Neros Tod rief mehr noch an

der Donaumuendung als am Unterrhein Einfaelle der Nachbarvoelker hervor, zuerst

der Roxolaner, dann der Daker, dann der Sarmaten, das heisst wohl der Jazygen.

Es waren schwere Kaempfe; in einem dieser Gefechte, wie es scheint gegen die

Jazygen, blieb der tapfere Statthalter von Moesien, Gaius Fonteius Agrippa.

Dennoch schritt Vespasian nicht zu einer Vermehrung der Donauarmee ^9; die

Notwendigkeit, die asiatischen Garnisonen zu verstaerken, muss noch dringender

erschienen sein und die damals besonders gebotene Sparsamkeit verbot jede

Erhoehung der Gesamtarmee. Er begnuegte sich, wie es die Befriedung des

Binnenlandes erlaubte und die an der Grenze bestehenden Verhaeltnisse sowie die

durch die Einziehung Thrakiens herbeigefuehrte Aufloesung der thrakischen

Truppen gebieterisch verlangten, die grossen Lager der Donauarmee an die

Reichsgrenze vorzuschieben. So kamen die pannonischen von der Drau weg dem

Suebenreich gegenueber nach Carnuntum und Vindobona und die dalmatischen von der

Kerka und der Cettina an die moesischen Donauufer ^10, so dass der Statthalter

von Moesien seitdem ueber die doppelte Zahl von Legionen verfuegte.

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^9 In Pannonien standen um das Jahr 70 zwei Legionen, die 13. gemina und

die 15. Apollinaris, fuer welche letztere waehrend ihrer Beteiligung am

Armenischen Krieg einige Zeit die 7. gemina eintrat (CIL III, p. 482). Von den

beiden spaeter hinzugetretenen Legionen, 1. adiutrix und 2. adiutrix, lag die

erste noch im Anfang der Regierung Traians in Obergermanien und kann erst unter

diesem nach Pannonien gekommen sein; die zweite unter Vespasian in Britannien

stationierte ist wahrscheinlich erst unter Domitian nach Pannonien gekommen.

Auch das moesische Heer zaehlte nach der Vereinigung mit dem dalmatischen unter

Vespasian wahrscheinlich nur vier Legionen, also soviel wie bisher beide Heere

zusammen, die spaeteren obermoesischen 4. Flavia und 7. Claudia und die

spaeteren untermoesischen 1. Italica und 5. Macedonica. Die durch die Hin- und

Hermaersche des Vierkaiserjahres verschobenen Stellungen (Marquardt, Roemische

Staatsverwaltung, Bd. 2, S. 435), welche zeitweilig drei Legionen nach Moesien

brachten, duerfen nicht taeuschen. Die spaetere dritte untermoesische Legion,

die 11., stand noch unter Traian in Obergermanien.

^10 Ios. bel. Iud. 7, 4, 3: pleiosi kai meizosi phylakais ton topon

dielaben, /o/s einai tois barbaroist/e/n diabasin tele/o/s ad?naton. Damit

scheint die Verlegung der beiden dalmatischen Legionen nach Mphsien gemeint.

Wohin sie gelegt wurden, wissen wir nicht. Nach der sonstigen roemischen Weise

ist es wahrscheinlicher, dass sie in dem Umkreis des bisherigen Hauptquartiers

Viminacium stationiert worden sind als in der entfernten Gegend der

Donaumuendungen. Die Entstehung der dortigen Lager ist wohl erst erfolgt bei der

Teilung des moesischen Kommandos und bei Einrichtung der selbstaendigen Provinz

Untermoesien unter Domitian.

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Eine Verschiebung der Machtverhaeltnisse zu Ungunsten Roms trat unter

Domitian ein ^11, oder es wurden vielmehr damals die Konsequenzen der

ungenuegenden Grenzverteidigung gezogen. Nach dem wenigen, was wir darueber

Römische Geschichte — Buch 8 · 第 21 / 73 段