heutzutage dem Zentralpunkt des illyrischen Landes, die Herrscher anfingen, sich
zu eigener Macht zu entwickeln und besonders auf dem Meere die Griechen zu
befehden, schlug Rom schon vor dem Hannibalischen Kriege sie mit gewaltiger Hand
nieder und nahm die ganze Kueste unter seine Schutzherrschaft, welche bald,
nachdem der Herr von Skodra mit dem Koenig Perseus von Makedonien den Krieg und
die Niederlage geteilt hatte, die voellige Aufloesung dieses Fuerstentums
herbeifuehrte. Am Ende des 6. Jahrhunderts der Stadt und in der ersten Haelfte
des siebenten wurde in langjaehrigen Kaempfen auch die Kueste zwischen Istrien
und Skodra von den Roemern besetzt. Im Binnenland wurden die Illyrier in
republikanischer Zeit von den Roemern wenig beruehrt; dafuer aber muessen, von
Westen her vordringend, die Kelten einen guten Teil urspruenglich illyrischen
Gebiets in ihre Gewalt gebracht haben, so das spaeterhin ueberwiegend keltische
Noricum. Kelten sind auch die Latobiker im heutigen Krain; und in dem gesamten
Gebiet zwischen Save und Drau, ebenso im Raabtal sassen die beiden grossen
Staemme im Gemenge, als Caesar Augustus die suedlichen Distrikte Pannoniens der
roemischen Herrschaft unterwarf. Wahrscheinlich hat diese starke Mischung mit
keltischen Elementen neben der ebenen Bodenbeschaffenheit zu dem fruehen
Untergang der illyrischen Nation in den pannonischen Landschaften ihren Teil
beigetragen. In die suedliche Haelfte der von Illyriern bewohnten Landschaften
dagegen sind von den Kelten nur die Skordisker vorgedrungen, deren Festsetzung
an der unteren Save bis zur Morawa und deren Streifereien bis in die Naehe von
Thessalonike frueher erwaehnt worden sind. Die Griechen aber haben hier ihnen
gewissermassen den Platz geraeumt; das Sinken der makedonischen Macht und die
Veroedung von Epirus und Aetolien muessen die Ausbreitung der illyrischen
Nachbarn gefoerdert haben. Bosnien, Serbien, vor allem Albanien sind in der
Kaiserzeit illyrisch gewesen, und Albanien ist es noch heute.
Es ist frueher erzaehlt worden, dass Illyricum schon nach der Absicht des
Diktators Caesar als eigene Statthalterschaft konstituiert werden sollte und
diese Absicht bei der Teilung der Provinzen zwischen Augustus und dem Senat zur
Ausfuehrung kam; dass diese anfangs dem Senat ueberwiesene Statthalterschaft
wegen der daselbst notwendigen Kriegfuehrung auf den Kaiser ueberging; dass
Augustus diese Statthalterschaft teilte und die bis dahin im ganzen nur
nominelle Herrschaft ueber das Binnenland sowohl in Dalmatien wie im Savegebiet
effektiv machte; dass er endlich die gewaltige nationale Insurrektion, die bei
den dalmatischen wie bei den pannonischen Illyriern im Jahre 6 n. Chr. ausbrach,
nach schwerem vierjaehrigem Kampf ueberwaeltigte. Es bleibt uebrig, die ferneren
Schicksale zunaechst der suedlichen Provinz zu berichten.
Nach den bei der Insurrektion gemachten Erfahrungen schien es erforderlich,
nicht bloss die in Illyricum ausgehobenen Mannschaften statt wie bisher in ihrer
Heimat, vielmehr auswaerts zu verwenden, sondern auch die Dalmater wie die
Pannonier durch ein Kommando ersten Ranges in Botmaessigkeit zu halten. Dasselbe
hat seinen Zweck rasch erfuellt. Der Widerstand, den die Illyriker unter
Augustus der ungewohnten Fremdherrschaft entgegensetzten, hat sich ausgetobt mit
dem einen gewaltigen Sturm; spaeterhin verzeichnen unsere Berichte keine
aehnliche auch nur partielle Bewegung. Fuer das suedliche oder, nach dem
roemischen Ausdruck, das obere Illyricum, die Provinz Dalmatien, wie sie seit
der Zeit der Flavier gewoehnlich heisst, begann mit dem Kaiserregiment eine neue
Epoche. Die griechischen Kaufleute hatten wohl auf der ihnen naechst liegenden
Kueste die beiden grossen Emporien Apollonia (bei Valona) und Dyrrachium
(Durazzo) gegruendet; eben darum war dieser Teil schon unter der Republik der
griechischen Verwaltung ueberwiesen worden. Aber weiter nordwaerts hatten die
Hellenen nur auf den vorliegenden Inseln Issa (Lissa), Pharos (Lesina), Schwarz-
Kerkyra (Curzola) sich angesiedelt und von da aus den Verkehr mit den
Eingeborenen, namentlich an der Kueste von Narona und in den Salonae
vorliegenden Ortschaften, unterhalten. Unter der roemischen Republik hatten die
italischen Haendler, welche hier die Erbschaft der griechischen antraten, in den
Haupthaefen Epitaurum (Ragusa vecchia), Narona, Salonae, Iader (Zara) sich in
solcher Zahl niedergelassen, dass sie in dem Kriege zwischen Caesar und Pompeius
eine nicht unwesentliche Rolle spielen konnten. Aber Verstaerkung durch dort
angesiedelte Veteranen und, was die Hauptsache war, staedtisches Recht empfingen
diese Ortschaften erst durch Augustus, und zugleich kam teils die energische
Unterdrueckung der auf den Inseln noch bestehenden Piratenschlupfwinkel, teils
die Unterwerfung des Binnenlandes und die Vorschiebung der roemischen Grenze
gegen die Donau insbesondere diesen auf der Ostkueste des Adriatischen Meeres
angesiedelten Italikern zugute. Vor allem die Hauptstadt des Landes, der Sitz
des Statthalters und der gesamten Verwaltung, Salonae, bluehte rasch auf und
ueberfluegelte weit die aelteren griechischen Ansiedlungen Apollonia und
Dyrrachium, obwohl in die letztere Stadt, ebenfalls unter Augustus, italische
Kolonisten, freilich nicht Veteranen, sondern expropriierte Italiker, gesendet
und die Stadt als roemische Buergergemeinde eingerichtet wurde. Vermutlich hat
bei dem Aufbluehen Dalmatiens und dem Verkuemmern der illyrisch-makedonischen
Kueste der Gegensatz des kaiserlichen und des Senatsregimentes eine wesentliche
Rolle gespielt, die bessere Verwaltung sowohl wie die Bevorzugung bei dem
eigentlichen Machthaber. Damit wird weiter zusammenhaengen, dass die illyrische
Nationalitaet sich in dem Bereich der makedonischen Statthalterschaft besser
behauptet hat als in dem der dalmatischen: in jenem lebt sie heute noch fort und
es muss in der Kaiserzeit, abgesehen von dem griechischen Apollonia und der
italischen Kolonie Dyrrachium, neben den beiden Reichssprachen im Binnenland,
die des Volkes, die illyrische, geblieben sein. In Dalmatien dagegen wurden die
Kueste und die Inseln, soweit sie irgend sich eigneten - die unwirtliche Strecke
nordwaerts von Iader blieb in der Entwicklung notwendig zurueck -, nach
italischer Ordnung kommunalisiert, und bald sprach die ganze Kueste lateinisch,
etwa wie heutzutage venezianisch. Dem Vordringen der Zivilisation in das
Binnenland traten oertliche Schwierigkeiten entgegen. Dalmatiens bedeutende
Stroeme bilden mehr Wasserfaelle als Wasserstrassen; und auch die Herstellung
der Landstrassen stoesst bei der Beschaffenheit seines Bergnetzes auf
ungewoehnliche Schwierigkeiten. Die roemische Regierung hat ernstliche
Anstrengungen gemacht, das Land aufzuschliessen. Unter dem Schutz des
Legionslagers von Burnum entwickelte im Kerkatal, in dem der Cettina unter dem
des Lagers von Delminium, welche Lager auch hier die Traeger der Zivilisierung
und der Latinisierung gewesen sein werden, sich die Bodenbestellung nach
italischer Art, auch die Pflanzung der Rebe und der Olive und ueberhaupt
italische Ordnung und Gesittung. Dagegen jenseits der Wasserscheide, zwischen
dem Adriatischen Meer und der Donau, sind die auch fuer den Ackerbau wenig
guenstigen Taeler von der Kulpa bis zum Drin in roemischer Zeit in aehnlichen
primitiven Verhaeltnissen verblieben, wie sie das heutige Bosnien aufweist.
Kaiser Tiberius allerdings hat durch die Soldaten der dalmatinischen Lager von
Salonae bis in die Taeler Bosniens verschiedene Chausseen gefuehrt; aber die
spaeteren Regierungen liessen, wie es scheint, die schwierige Aufgabe fallen. An
der Kueste und in den der Kueste naehergelegenen Strichen bedurfte Dalmatien
bald keiner weiteren militaerischen Hut; die Legionen des Kerka- und des
Cettinatales konnte schon Vespasian von dort wegziehen und anderweitig
verwenden. Unter dem allgemeinen Verfall des Reiches im dritten Jahrhundert hat
Dalmatien verhaeltnismaessig wenig gelitten, ja Salonae wohl erst damals seine
hoechste Bluete erreicht. Freilich ist dies zum Teil dadurch veranlasst, dass
der Regenerator des roemischen Staates, Kaiser Diocletianus, ein geborener
Dalmatiner war und sein auf die Dekapitalisierung Roms gerichtetes Streben der
Hauptstadt seines Heimatlandes vorzugsweise zugute kommen liess: er baute neben
derselben den gewaltigen Palast, von dem die heutige Hauptstadt der Provinz den
Namen Spalato traegt, innerhalb dessen sie zum groessten Teil Platz gefunden hat
und dessen Tempel ihr heute als Dom und als Baptisterium ^1 dienen. Aber zur
Grossstadt hat nicht erst Diocletian Salonae gemacht, sondern, weil sie es war,
sie fuer seine Privatresidenz gewaehlt; Handel und Schiffahrt und Gewerbe
muessen damals in diesen Gewaessern vorzugsweise in Aquileia und in Salonae sich
konzentriert haben und die Stadt eine der volkreichsten und wohlhabendsten des
Okzidents gewesen sein. Die reichen Eisengruben Bosniens waren, wenigstens in
der spaeteren Kaiserzeit, in starkem Betrieb; ebenso lieferten die Waelder der
Provinz massenhaftes und vorzuegliches Bauholz; auch von der bluehenden
Textilindustrie des Landes bewahrt die priesterliche Dalmatica noch heute eine
Erinnerung. Ueberhaupt ist die Zivilisierung und die Romanisierung Dalmatiens
eine der eigensten und eine der bedeutendsten Erscheinungen der Kaiserzeit. Die
Grenze Dalmatiens und Makedoniens ist zugleich die politische und die
sprachliche Scheide des Okzidents und des Orients. Bei Skodra beruehren sich,
wie die Herrschaftsgebiete Caesars und Marc Antons, so auch nach der
Reichsteilung des vierten Jahrhunderts die von Rom und Byzanz. Hier grenzt die
lateinische Provinz Dalmatien mit der griechischen Provinz Makedonien; und
kraeftig emporstrebend und ueberlegen, mit gewaltig treibender Propaganda, steht
hier die juengere neben der aelteren Schwester.
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^1 Das Baptisterium ist vielleicht das Grabmal des Kaisers.
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Wenn die suedliche illyrische Provinz und ihr Friedensregiment bald in
geschichtlicher Beziehung nicht ferner hervortritt, so bildet das noerdliche
Illyricum oder, wie es gewoehnlich heisst, Pannonien in der Kaiserzeit eines der
grossen militaerischen und somit auch politischen Zentren. In dem Donauheer
haben die pannonischen Lager die fuehrende Stellung wie im Westen die
rheinischen, und die dalmatischen und die moesischen schliessen ihnen in
aehnlicher Weise sich an und ordnen ihnen sich unter wie den rheinischen die
Legionen Spaniens und Britanniens. Die roemische Zivilisation steht und bleibt
hier unter dem Einfluss der Lager, die in Pannonien nicht, wie in Dalmatien, nur
einige Generationen hindurch, sondern dauernd verblieben. Nach der
Ueberwaeltigung des Batonischen Aufstandes belief die regelmaessige Besatzung
der Provinz sich zuerst auf drei, spaeter, wie es scheint, nur auf zwei
Legionen, und durch deren Standlager und ihre Vorschiebung ist die weitere
Entwicklung bedingt. Wenn Augustus nach dem ersten Kriege gegen die Dalmater
Siscia an der Muendung der Kulpa in die Save zum Hauptwaffenplatz ausersehen
hatte, so waren, nachdem Tiberius Pannonien mindestens bis an die Drau
unterworfen hatte, die Lager an diese vorgeschoben worden, und wenigstens eines
der pannonischen Hauptquartiere befand sich seitdem in Poetovio (Pettau) an der
norischen Grenze. Die Ursache, weshalb die pannonische Armee ganz oder zum Teil
im Drautal verblieb, kann nur die gleiche gewesen sein, welche zu der Anlage der
dalmatinischen Legionslager gefuehrt hat: man brauchte hier die Truppen, um die
Untertanen sowohl in dem nahen Noricum wie vor allem im Draugebiet selbst in
Gehorsam zu halten. Auf der Donau hielt die roemische Flotte Wacht, die schon im
Jahre 50 erwaehnt wird und vermutlich mit der Einrichtung der Provinz entstanden
war. Legionslager gab es am Flusse selbst unter der Julisch-Claudischen Dynastie
vielleicht noch nicht ^2, wobei in Betracht kommt, dass der zunaechst der
Provinz vorliegende Suebenstaat von Rom damals vollstaendig abhaengig war und
fuer die Grenzdeckung einigermassen genuegte. Wie die dalmatinischen, hat dann,
wie es scheint, Vespasian auch die Lager an der Drau aufgehoben und sie an die
Donau selbst verlegt; seitdem ist das grosse Hauptquartier der pannonischen
Armee das frueher norische Carnuntum (Petronell oestlich von Wien) und daneben
Vindobona (Wien).
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^2 Dass im Jahre 50 noch keine Legionen an der Donau selbst standen, folgt
aus Tac. ann. 12, 29; sonst waere es nicht noetig gewesen, zur Aufnahme der
uebertretenden Sueben eine Legion dorthin zu schicken. Auch die Anlage des
claudischen Savaria passt besser, wenn die Stadt damals norisch war, als wenn
sie schon zu Pannonien gehoerte; und da die Zuteilung dieser Stadt zu Pannonien
mit der gleichen Abtrennung von Carnuntum und mit der Verlegung der Legion dahin
sicher der Zeit nach zusammengehoert, so duerfte dies alles erst in
nachclaudischer Zeit stattgefunden haben. Auch die geringe Zahl der in den
Donaulagern gefundenen Inschriften von Italikern (Eph. epigr. 5, p. 225) deutet
auf spaetere Entstehung. Allerdings haben sich in Carnuntum einige Grabschriften
von Soldaten der 15. Legion gefunden, die nach der aeusseren Form und nach dem
Fehlen des Cognomen aelter zu sein scheinen (O. Hirschfeld in Aerchaeologisch-
epigraphische Mittheilungen 5, 1881, S. 217). Derartige Zeitbestimmungen
koennen, wo es sich um ein Dezennium handelt, volle Sicherheit nicht in Anspruch
nehmen; indes muss eingeraeumt werden, dass auch jene Argumente keinen vollen
Beweis machen und die Translokation frueher, etwa unter Nero, begonnen haben
kann. Fuer die Anlegung oder Erweiterung dieses Lagers durch Vespasian spricht
die einen derartigen Bau bezeugende Inschrift von Carnuntum aus dem Jahre 73
(Hirschfeld a. a. O.).
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Die buergerliche Entwicklung, wie wir sie in Noricum und an der Kueste
Dalmatiens fanden, zeigt in Pannonien in gleicher Weise sich nur in einigen, an
der norischen Grenze gelegenen und zum Teil urspruenglich zu Noricum gehoerigen
Distrikten; Emona und das obere Savetal stehen mit Noricum gleich, und wenn
Savaria (Steinamanger) zugleich mit den norischen Staedten italische
Stadtverfassung empfangen hat, so wird, solange Carnuntum eine norische Stadt
war, wohl auch jener Ort zu Noricum gehoert haben. Erst seitdem die Truppen an
der Donau standen, ging die Regierung daran, das Hinterland staedtisch zu
organisieren. In dem westlichen, urspruenglich norischen Gebiet erhielt
Scarbantia (Oedenburg am Neusiedler See) unter den Flaviern Stadtrecht, waehrend
Vindobona und Carnuntum von selbst zu Lagerstaedten wurden. Zwischen Save und
Drau empfingen Siscia und Sirmium unter den Flaviern, an der Drau Poetovio
(Pettau) unter Traianus Stadtrecht, Mursa (Eszeg) unter Hadrian Kolonialrecht,
um hier nur der Hauptorte zu gedenken. Dass die ueberwiegend illyrische, aber
zum guten Teil auch keltische Bevoelkerung der Romanisierung keinen energischen
Widerstand entgegensetzte, ist schon ausgesprochen worden; die alte Sprache und
die alte Sitte schwanden, wo die Roemer hinkamen, und hielten sich nur in den
entfernteren Bezirken. Die weiten, aber wenig zur Ansiedelung einladenden
Striche oestlich vom Raabfluss und noerdlich der Drau bis zur Donau sind wohl
schon seit Augustus zum Reiche gerechnet worden, aber vielleicht in nicht viel
anderer Weise als Germanien vor der Varusschlacht; hier hat die staedtische
Entwicklung weder damals noch spaeter rechten Boden gefunden, und auch
militaerisch ist dieses Gebiet lange Zeit wenig oder gar nicht belegt worden.
Dies hat sich erst infolge der Einverleibung Dakiens unter Traian einigermassen
geaendert; die dadurch herbeigefuehrte Vorschiebung der pannonischen Lager gegen
die Ostgrenze der Provinz und die weitere innere Entwicklung Pannoniens wird
besser im Zusammenhang mit den Traianischen Kriegen geschildert.
Das letzte Stueck des rechten Donauufers, das Bergland zu beiden Seiten des
Margus (Morawa) und das zwischen dem Haemus und der Donau lang sich
hinstreckende Flachland, war bewohnt von thrakischen Voelkerschaften; und es
erscheint zunaechst erforderlich, auf diesen grossen Stamm als solchen einen
Blick zu werfen. Er geht dem illyrischen in gewissem Sinne parallel. Wie die
Illyrier einst die Landschaften vom Adriatischen Meer bis zur mittleren Donau
erfuellten, so sassen ehemals die Thraker oestlich von ihnen, vom Aegaeischen
Meer bis zur Donaumuendung und nicht minder einerseits auf dem linken Donauufer
namentlich in dem heutigen Siebenbuergen, andererseits jenseits des Bosporus
wenigstens in Bithynien und bis nach Phrygien; nicht mit Unrecht nennt Herodot
die Thraker das groesste der ihm bekannten Voelker nach den Indern. Wie der
illyrische ist auch der thrakische Stamm zu keiner vollen Entwicklung gelangt
und erscheint mehr gedraengt und verdraengt als in eigener, geschichtliche
Erinnerung hinterlassender Entwicklung. Aber waehrend Sprache und Sitte der
Illyrier sich in einer wenngleich im Laufe der Jahrhunderte verschlissenen Form
bis auf den heutigen Tag erhalten haben und wir mit einigem Recht das Bild der
Palikaren aus der neueren Geschichte in die der roemischen Kaiserzeit
uebertragen, so gilt das gleiche von den thrakischen Staemmen nicht. Vielfach
und sicher ist es bezeugt, dass die Voelkerschaften des Gebiets, welchem infolge
der roemischen Provinzialteilung schliesslich der Name Thrakien geblieben ist,
sowie die moesischen zwischen dem Balkan und der Donau, und nicht minder die
Geten oder Daker am anderen Donauufer alle eine und dieselbe Sprache redeten. Es
hatte diese Sprache in dem roemischen Kaiserreich eine aehnliche Stellung wie
die der Kelten und der Syrer. Der Historiker und Geograph der augustischen Zeit,
Strabo, erwaehnt die Gleichheit der Sprache der genannten Voelker; in
botanischen Schriften der Kaiserzeit werden von einer Anzahl Pflanzen die
dakischen Benennungen angegeben ^3. Als seinem Zeitgenossen, dem Poeten Ovidius
Gelegenheit gegeben wurde, ueber seinen allzu flotten Lebenswandel fern in der
Dobrudscha nachzudenken, benutzte er seine Musse, um getisch zu lernen, und
wurde fast ein Getenpoet:
Und ich schrieb, o weh! ein Gedicht in getischer Sprache,
Gratulierst du mir nicht, dass ich den Geten gefiel?
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^3 Thrakischer, getischer, dakischer Orts- und Personennamen kennen wir
ganze Reihen; sprachlich bemerkenswert ist eine mit -centhus zusammengesetzte
Gruppe von Personennamen: Bithicenthus, Zipacenthus, Disacenthus, Tracicenthus,
Linicenthus (BCH 6, 1882, S. 179), von denen die ersten beiden in ihrer anderen
Haelfte (Bithus, Zipa) auch isoliert haeufig begegnen. Eine aehnliche Gruppe
bilden die Composita mit -poris, wie Mucaporis (Thraker BCH, a. a. O., Daker
zahlreich), Cetriporis, Rhaskyporis, Bithoporis, Dirdiporis.
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Aber wenn die irischen Barden, die syrischen Missionare, die Bergtaeler
Albaniens anderen Idiomen der Kaiserzeit eine gewisse Fortdauer gewahrt haben,
so ist das thrakische unter dem Voelkergewoge des Donaugebiets und dem
uebermaechtigen Einfluss Konstantinopels verschollen, und wir vermoegen nicht
einmal die Stelle zu bestimmen, welche ihm in dem Voelkerstammbaum zukommt. Die
Schilderungen von Sitten und Gebraeuchen einzelner dazugehoeriger
Voelkerschaften, ueber welche mancherlei Notizen sich erhalten haben, ergeben
keine fuer den ganzen Stamm gueltigen individuellen Zuege und heben meistens nur
Einzelheiten hervor, wie sie bei allen Voelkern auf niederer Kulturstufe sich
zeigen. Aber ein Soldatenvolk sind sie gewesen und geblieben, als Reiter nicht
minder brauchbar wie fuer die leichte Infanterie, von den Zeiten des
Peloponnesischen Krieges und Alexanders bis hinab in die der roemischen
Caesaren, mochten sie gegen diese sich stemmen oder spaeter fuer sie fechten.
Auch die wilde, aber grossartige Weise der Goetterverehrung darf vielleicht als
ein diesem Stamm eigentuemlicher Grundzug aufgefasst werden, der gewaltige
Ausbruch der Fruehlings- und der Jugendlust, die naechtlichen Bergfeste
fackelschwingender Maedchen, die rauschende, sinnverwirrende Musik, der
stroemende Wein und das stroemende Blut, der in Aufregung aller sinnlichen
Leidenschaften zugleich rasende Taumel der Feste. Dionysos, der herrliche und
der schreckliche, ist ein thrakischer Gott, und was der Art in dem hellenischen
und dem roemischen Kult besonders hervortritt, knuepft an thrakische oder
phrygische Sitte an.
Waehrend die illyrischen Voelkerschaften in Dalmatien und Pannonien nach
der Niederwerfung der grossen Insurrektion in den letzten Jahren des Augustus
die Entscheidung der Waffen nicht wieder gegen die Roemer angerufen haben, gilt
von den thrakischen Staemmen nicht das gleiche; der oft bewiesene
Unabhaengigkeitssinn und die wilde Tapferkeit dieser Nation verleugnete auch in
ihrem Untergang sich nicht. In dem Thrakien suedlich vom Haemus blieb das alte
Fuerstenrum unter roemischer Oberhoheit. Das einheimische Herrscherhaus der
Odrysen, mit der Residenz Bizye (Wiza) zwischen Adrianopel und der Kueste des
Schwarzen Meeres, tritt schon in der frueheren Zeit unter den thrakischen
Fuerstengeschlechtern am meisten hervor; nach der Triumviralzeit ist von anderen
thrakischen Koenigen als denen dieses Hauses nicht ferner die Rede, so dass die
uebrigen Fuersten durch Augustus zu Vasallen gemacht oder beseitigt zu sein
scheinen und mit dem thrakischen Koenigtum fortan nur Glieder dieses Geschlechts
belehnt worden sind. Es geschah dies wahrscheinlich deshalb, weil waehrend des
ersten Jahrhunderts, wie weiterhin zu zeigen sein wird, an der unteren Donau
keine roemischen Legionen standen; den Grenzschutz an der Donaumuendung
erwartete Augustus von dem thrakischen Vasallen. Rhoemetalkes, welcher in der
zweiten Haelfte der Regierung des Augustus als roemischer Lehnskoenig das
gesamte Thrakien beherrschte ^4, und seine Kinder und Enkel spielten denn auch
in diesem Lande ungefaehr dieselbe Rolle wie Herodes und seine Nachkommen in
Palaestina: unbedingte Ergebenheit gegen den Oberherrn, entschiedene Hinneigung
zu roemischem Wesen, Verfeindung mit den eigenen, die nationale Unabhaengigkeit
festhaltenden Landsleuten bezeichnen die Stellung des thrakischen
Herrscherhauses. Die grosse, frueher erzaehlte thrakische Insurrektion der Jahre
741-743 (13-11) richtete sich zunaechst gegen diesen Rhoemetalkes und seinen
Bruder und Mitherrscher Kotys, der dabei umkam, und wie er damals den Roemern
die Wiedereinsetzung in seine Herrschaft verdankte, so trug er ihnen einige
Jahre spaeter seinen Dank ab, indem er bei dem Aufstand der Dalmater und der
Pannonier, dem seine dakischen Stammesgenossen sich anschlossen, treu zu den
Roemern hielt und an der Niederwerfung desselben wesentlichen Anteil hatte. Sein
Sohn Kotys war mehr Roemer oder vielmehr Grieche als Thraker; er fuehrte seinen
Stammbaum zurueck auf Eumolpos und Erichthonios und gewann die Hand einer
Verwandten des kaiserlichen Hauses, der Urenkelin des Triumvirn Antonius; nicht
bloss die griechischen und die lateinischen Poeten seiner Zeit sangen ihn an,